Medien auf der Flucht. Die Bedeutung des Smartphones für Migranten


Bachelorarbeit, 2017

35 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhalt

1 Exposé

2 Mediendiskurs: Flüchtlinge und Smartphones

3 Smartphones: Zur Relevanz des Medienzugangs
3.1 Mediennutzung der Diaspora in Deutschland
3.2 Digital Divide und das Smartphone als Entwicklungshilfe

4 Flucht 2.0 und Aspekte der Smartphone-Nutzung
4.1 Akteur-Netzwerk-Theorie und mobile Netzwerke
4.2 Datenschutz und Risiken im Smartphonegebrauch

5 Geflüchtete und ihre Smartphones. Eine empirische Analyse
5.1 Erläuterungen zu Methodik
5.2 Interview A, Ahmad
5.3 Interview B, Alim
5.4 Interview C, Yusef und Muhammad
5.5 Interview D, Adil

6 Verdichtung und Interpretation der empirischen Ergebnisse

7 Résumé

1 Exposé

Seit vielen Jahrzehnten ist Europa betroffen von krisenbedingten Migrationsbewegungen und damit verbundenen Herausforderungen der Integration. Die größten Migrationsbewegungen unseres Jahrhunderts fanden bisher in den Jahren 2015 und 2016 statt. Allein in Deutschland wurden im Jahr 2015 bis zu 441.899 Asyl-Neuanträge gestellt, 2016 waren es bereits 722.370 Neuanträge[1]. Die sogenannte Flüchtlingswelle (2015, 2016) bestand zumeist aus Flüchtlingen aus den Kriegsgebieten Syrien, Irak, Afghanistan, aber auch aus einigen nordafrikanischen Ländern, darunter Somalia, Libyen und Eritrea. Die Hauptrouten der Geflüchteten waren die sogenannte Balkanroute[2] über die Türkei, sowie der Seeweg von Libyen nach Italien[3] (u.a. Lampedusa). Das Thema Migration und deren Ursachen bestimmte in den Jahren 2015 und 2016 die Themen der deutschen Medienlandschaft.

Auch in den sozialen Medien wurde harsch über die Flüchtlingsbewegungen und dessen Bewältigung diskutiert. Ein Vorwurf gegenüber den Geflüchteten, welchen man in dieser Zeit in sozialen Netzwerken und auf der Straße in Deutschland begegnete, war: „[...] guck Dir diese Flüchtlinge an, die haben Handys, denen geht es doch offensichtlich gut, was wollen die hier bei uns!?[4]. Auch der Autor der Kolumne Mittwoch Aktuell, Oliver Hoffmann, berichtete über seine Alltagserfahrung: „So schlecht kann es denen ja gar nicht gehen, hörte ich einen der Herren sagen. Ich […] lauschte sehr aufmerksam der Begründung zu dieser These. Die laufen ja alle mit Handys herum.“[5]. Auch Gerüchte, dass Flüchtlinge kostenlose Smartphones vom Staat erhalten, oder auch deren Handyrechnungen von demselben bezahlt würden, tauchten immer wieder im Netz auf. Da diese Vorwürfe relativ häufig in der Öffentlichkeit diskutiert wurden, begannen Wissenschaftler und Journalisten, dieses Phänomen zu untersuchen. Von April bis Dezember 2016 wurde unter anderem eine Studie von der FU Berlin mit dem Forschungstitel Flucht 2.0 durchgeführt. Hier wurde die Mediennutzung durch Flüchtlinge vor, während und nach der Flucht erhoben. Insgesamt wurden 404 Geflüchtete per quantitativer Erhebungsmethoden über dieses Thema befragt. Zudem wurden einige Flüchtlinge von Journalisten über das Thema Smartphone und Flucht interviewt, um deren Medien-Nutzung während und nach der Flucht zu eruieren.

In dieser vorliegenden Arbeit wollen wir uns ebenso mit diesem Phänomen beschäftigen. Es wird der Frage nachgegangen, welche Bedeutung das Smartphone für Migranten hat. Stellt das Smartphone einen unverzichtbaren Gegenstand während und nach der Flucht dar?

Wäre demnach dieses Massenflucht-Phänomen ohne Smartphone und somit ohne Navigation, Kommunikation und Information möglich gewesen? Welche Rolle nimmt es im Bereich der Integration im Zielland ein? Ist der Gegenstand Smartphone ein Luxusgegenstand oder ein alltäglicher Gebrauchsgegenstand, der gleichzeitig für Geflüchtete das Fenster zur Vergangenheit und Gegenwart darstellt? Die Zielgruppe dieser Arbeit sind Migranten aus der Flüchtlingsbewegung von 2015 und 2016, welche entweder über die Balkanroute, oder über den Seeweg von Libyen nach Europa kamen. Im theoretischen Teil werden Migranten aus verschiedenen Ländern berücksichtigt, während hingegen im empirischen Teil eine Auswahl an Migranten aus dem syrischen Raum befragt werden.

Die wissenschaftliche Relevanz des Themas, ergibt sich aus der Aktualität und der zeitlich begrenzten Möglichkeit einer Befragung der Geflüchteten; zudem stellt diese Arbeit eine Ergänzung zu dem Forschungsprojekt Flucht 2.0 dar . Im theoretischen Teil dieser Arbeit wird, unter Abschnitt 2 der Mediendiskurs über das Thema Migranten und Smartphones, in den Onlineausgaben der deutschen Massenmedien analysiert. In Abschnitt 3.1 wird die Mediennutzung von Migranten in Deutschland, die Relevanz des Medienzugangs und das Integrationspotential von Medien umrissen. Zudem wird auf die Digital Divide/ -Gap (Abschnitt 3.2), also den unterschiedlichen Medienzugängen in Afrika und dem mittleren Osten eingegangen, um die Notwendigkeit des Zugangs zu neuen Medien aufzuzeigen. In Abschnitt 4.1 wird auf medientheoretische Aspekte eingegangen, wie etwa die Akteur-Netzwerk-Theorie (ANT), in Verbindung mit der eben genannten Studie Flucht 2.0. Zuletzt werden mögliche Risiken in der Smartphone Nutzung eruiert (Abschnitt 4.2), um positive und negative Effekte des Untersuchungskorpus zu erfassen.

Im empirischen Teil (Abschnitt 5) wird mit Flüchtlingen aus Syrien ein qualitatives Leitfadeninterview durchgeführt, um Antworten aus der sozialen Wirklichkeit, für die Beantwortung der Ausgangsfragen dieser Arbeit zu erhalten. Es haben sich fünf Geflüchtete bereiterklärt an der Befragung teilzunehmen; die Auswahlmenge entspricht einer empirischen Tiefenbohrung und wird mit quantitativen Forschungsergebnissen verglichen. Es wird eine Auswahl an Fragen gestellt, die nach der Mediennutzung vor, während und nach der Flucht fragen. Die Methode wird einerseits in diesem Abschnitt beleuchtet und zudem im empirischen Teil nochmals ausgebreitet. Anschließend erfolgt unter Abschnitt 6 eine abschließende Gegenüberstellung und Interpretation der empirischen Ergebnisse.

Methodik:

In dieser Arbeit wird ein Methoden-Mix aus ausgewählten Methoden der Sozialwissenschaft und den Geisteswissenschaften verwendet. Die Auswahl der Methoden fußt auch auf den Studieninhalten meiner Studiengangkombination, um das Erlernte in der Bachelorarbeit zu verknüpfen. Zudem soll der individuelle, qualitative Methodenmix ermöglichen, den Forschungsgegenstand sauber zu analysieren, zu interpretieren und zu dokumentieren. Die Methodenkombination (Mixed Methods) selbst stellt „[...] ein selbstständiges Paradigma [...]“[6] dar, durch welches der Forschungsgegenstand betrachten wird. Grundsätzlich wird mit dem induktiven Verfahren[7] vorgegangen, ferner von empirischen Erkenntnissen auf allgemeine theoretische Konzepte zu schließen. Es werden die empirischen Daten generalisiert, um so die Thesen herauszuarbeiten.

Des weiteren wird das zu untersuchende Material dieser Arbeit mittels hermeneutischer Methode analysiert, welches die Lehre des Verstehens ist. Dieses wissenschaftliche Verstehen der qualitativen Interviews, sowie dessen mediales und soziales Bedeutungsgewebe werden „[...] als objektive Daten methodisch kontrolliert und für andere nachvollziehbar interpretiert [...]“[8]. Hierfür muss der Forschende folgende Positionen einnehmen: nicht schnell verstehen, sondern in aller Ruhe; nicht pragmatisch verstehen, sondern distanziert und interesselos; nichts als selbstverständlich hinnehmen, sondern alles in Frage stellen; nicht wie üblich verstehen, sondern anders verstehen; nicht nach Eindeutigkeit streben, sondern nach Mehrdeutigkeit.[9] Zudem wird die Bewusstseinsanalyse nach Albrecht Lehmann herangezogen. Bei den Befragungen werden die Erinnerungen der Befragten an die Vergangenheit gedanklich rekonstruiert und dabei bleibt das individuelle Bewusstsein parteiisch. In der Materialerhebung und bis zur Auswertung muss so die Selbstbezogenheit des Erinnerns reflektiert werden - sowohl die Parteilichkeit des Forschenden, als auch die der Informanten.[10] Des weiteren wird die Methode der dichten Beschreibung nach C. Geertz angewendet; eine Form qualitative Daten zu interpretieren und mehrere Bedeutungen aus Daten herauszulesen. Die umfangreichste Methode in dieser Arbeit ist das qualitative Leitfadeninterview. Es werden fünf Geflüchtete aus Syrien mit ca. 15 Fragen, bezüglich des Forschungsinteresses interviewt. Zudem werden Strategien zur Befragung von Migranten, sowie zur Befragung von Kindern und Jugendlichen angewendet. Die weitere Vorgehensweise wird nachfolgend im empirischen Teil (Abschnitt 5.1) erläutert.

2 Mediendiskurs: Flüchtlinge und Smartphones

In diesem Abschnitt soll eine Auswahl an Online-Artikel der deutschen Presse (Massenmedien/ Qualitätsmedien), über das Thema Smartphone und Migration untersucht werden. Es soll der öffentliche Diskurs in den digitalen Medien, ferner in den digitalen Nachrichtenkanälen, aufgezeigt werden, um auch die Relevanz dieses Themas zu belegen. Die Inhalte der Artikel werden mit den Ergebnissen der empirischen Analyse verglichen.

So scheint es, dass, „[...] Bürgerinnen und Bürger durch ihre kommunikativen Praktiken, beispielsweise durch die Nutzung von journalistischen Medienangeboten, und die damit verbundene Bezugnahme auf andere Mitglieder der Gesellschaft, Öffentlichkeit konstituieren. In diesem Sinne kann Öffentlichkeit als kommunikative Figuration aufgefasst werden, als eine Konstellation von Akteuren […].[11].

Viele Personen in Deutschland konsumieren digitale Nachrichtenmedien über das Smartphone. Die Gruppe der 14-29 Jährigen in Deutschland, gehört mit fast 100% zu den Online-Nutzern. Für diese Gruppe stellt das Internet die wichtigste Informationsquelle dar. Die Online-Sparten von Spiegel, FAZ, Süddeutsche und Co, haben eine hohe Reichweite und eine, an die zunehmende Geschwindigkeit der sozialen Netzwerke angepasste Dynamik. Durch die rasche Verdrängung des Leitmediums Fernseher durch das Internet, konnte eine höhere Reichweite und Dynamik erreicht werden – die beiden Medien Internet und Smartphone haben deshalb ein hohes Meinungsbildungsgewicht und Einfluss auf die Öffentlichkeit.[12]

Die meisten Artikel über das Thema Migration und Smartphone wurden im Jahren 2015 und 2016 veröffentlicht. Bei der Recherche fiel ein gemeinsamer Tenor auf: Fast alle Artikel versuchen negative Argumente zu widerlegen und das Smartphone als unverzichtbares Gut, während und nach der Flucht, darzustellen. Immer wiederkehrende Argumente sind: Flüchtlinge haben meist billige Smartphone-Varianten aus ihren Heimatländern mitgebracht; das Smartphone ersetzt Telefon, Fernseher, Computer und Spielekonsole;[13] und auf der lebensgefährlichen Flucht „[...] ist ein internetfähiger Mini-Computer mit GPS-Tracking eine der nützlichsten Sachen, die man dabei haben kann […].“[14]. Die Grundessenz des Artikels von Vice Magazine Deutschland über Smartphone und Flucht ist, dass Geflohene Hauptsächlich ihr Smartphone zu Kommunikationszwecken verwenden. Nach Recherchen von Vice, um eben mit ihren Verwandten per Apps, wie Skype, Viber, Whatsapp und ähnlichen Kommunikationsmedien in Kontakt zu bleiben.

Nicht nur das Medium Schrift, also Textnachrichten, werden hierfür verwendet, sondern auch das Medium Sprache über die Telefonfunktion, welches auch mit diesen speziellen Kommunikationsapps möglich ist. Dazu nutzen Geflüchtete freie WLAN-Zugänge, beispielsweise an Bahnhöfen oder Cafés, um so Datenvolumen und Geld zu sparen.[15]

In einem Artikel der European Journalism Observatory werden Smartphones als 'überlebenswichtiges Werkzeug' bezeichnet und nicht als Luxusartikel angesehen. Flüchtlinge nutzen Smartphones für den Zugang und zur Verbreitung von Informationen, sowie zur Kommunikation. Da viele Flüchtlinge eben keinen Laptop oder Rechner besäßen, würde das Smartphone eben diese ersetzen und den Zugang zu Apps und etwaigen digitalen Medien ermöglichen. Auf der Flucht seien Facebookgruppen und der Kontakt per Messenger unverzichtbar, um etwa Informationen über Grenzschließungen und Ausweichwege zu erhalten, sowie generell Kontakt zu anderen Flüchtlingen zu halten. Aber auch der Zugang zu medialen Flüchtlingsprojekten in Deutschland, wie etwa die 'Refugees Welcome Map', worüber Flüchtlinge sich über Angebote in deutschen Städten informieren können, wie bspw. Ämter, ehrenamtliche Initiativen und Institutionen. Auch das Projekt 'Handbook Germany' unterstützt medial Flüchtlinge, beispielsweise mit Sprachhilfen, praktischen Tipps, Nachrichten und Informationen über Gesetze in Deutschland.[16]

Auch die Welt-Online befragte Geflüchtete und Flüchtlingshelfer, über die Relevanz von Smartphones. Die Ergebnisse der Recherche: Smartphones retten Leben und - ohne Smartphones wäre die Massenflucht nach Europa nicht vorstellbar gewesen. Für viele Flüchtlinge sei das Smartphone der wichtigste Besitz und ihr bester Fluchthelfer - es gewährleiste die Verbindung zu Heimat und Familie, diene als Navigator in fremden Regionen und sei ein Kommunikations- und Informationswerkzeug. Das Smartphone sei demnach kein Luxus- oder Statusartikel für Geflüchtete, sondern in erster Linie ein wichtiges Werkzeug. Soziale Netzwerke nahmen während der Flucht eine große Rolle ein. In Facebookgruppen tauschten sich Flüchtlinge aus und hatten „[...] nahezu ein Echtzeitwissen über die Situation an der Grenze: Wo sind Zäune geschlossen, wo sind Polizisten und Grenzschützer?"[17]. Diese Facebookgruppen hatten allerdings eine kurze Lebenszeit, da Grenzschützer nach ein paar Wochen darauf aufmerksam wurden. Auch Schlepper wurden über Facebookgruppen kontaktiert. Die Bezahlung von Schleppern wurde teilweise per Whatsapp abgewickelt. Insofern, dass nach erfolgreichem Schleusen ein Code per Whatsapp an die Familie des Flüchtlings geschickt wurde; erst nach Erhalt des Codes wurde der Schlepper bezahlt.[18]

Ein weiterer Artikel von Welt-Online geht mehr auf minderjährige Flüchtlinge ein. Ein 18-jähriger Junge aus dem Senegal erzählte in einem Interview des Artikels: „Wenn keine Internet, das ist Problem. Internet ist wichtig für Leben. Ja, Internet ist gleich mit Essen.“[19]. Ohne Smartphone ginge bei jugendlichen Flüchtlingen gar nichts - es sei absolut überlebensnotwendig. Um eine permanente mobile Internetverbindung zu haben, geben „[...] die Jugendlichen [...] deshalb oft ihr gesamtes Taschengeld für teure Prepaidkarten aus [...]. Kommunikation hat für sie eine wirklich existenzielle Dimension. Es ist ein basales Bedürfnis.“[20].

Über die Smartphone-Modelle der Geflüchteten schrieb die Mittelbayerische Zeitung, dass die Geräte teilweise gespendet wurden, oder eben das einzige sei, was aus der Heimat mitgebracht wurde. Speziell in Afrika seien PC´s, Tablets und Festnetzanschlüsse noch kein Standard, allerdings könnten sich viele ein günstiges Smartphone leisten. So gibt es von den Herstellern Safaricom, Intel und Huawei bereits Geräte unter 100 Dollar. Diese seien Arbeitsgeräte, welche als Navigationshilfe, Nachrichtenquelle, Kommunikationsmittel und auch als Sprachtrainer dienen.[21] Auch die SZ konstatiert, dass das Smartphone kein Luxusartikel sei, sondern eher Grundbedürfnisse erfülle. Smartphones verbreiten sich in Afrika und im Nahen Osten sehr schnell und gewährleisten Zugang zu Internet und kostenloser Telefonie (per WLAN). In Afrika sind stationäre Telefon- und Datennetzwerke schlecht ausgebaut. Durch das Smartphone hätten viele erstmals Zugang zu Internet und Telefon. Das Handy ersetze so Bankfiliale, Computer und Festnetztelefon, Radio und Wörterbuch. Überweisungen können in vielen afrikanischen Ländern per SMS getätigt werden. So können verschickte Guthaben in zertifizierten Läden gegen Bargeld getauscht werden.[22]

Die analysierten Artikel zeigen diverse Aspekte auf, die auf die besondere Bedeutung des Smartphones für Geflüchtete hinweisen. Diese sind a.) Kommunikation, u.a. über Social Media und Messenger-Apps, welches auf die besondere Bedeutung der Netzwerke hinweist; b.) Zugang zu Information, wie etwa Nachrichtenkanäle, Facebookgruppen und Flüchtlingsapps, sowie c.) Navigation, um sich in fremden Regionen zurecht zu finden. Die herausgearbeiteten Aspekte werden mit den empirischen Erkenntnissen dieser Arbeit verglichen, um Gemeinsamkeiten, oder Gegensätzlichkeiten zu illuminieren.

3 Smartphones: Zur Relevanz des Medienzugangs

In den folgenden zwei Abschnitten soll zum einen die Mediennutzung von Geflüchteten im Migrationsland (Deutschland) und das Integrationspotential von digitalen Medien dargestellt werden. Zum anderen wird in Abschnitt 3.2 die rasante Verbreitung des Mobiltelefons/ Smartphones in Afrika eruiert. Es wird somit auch der Bereich der Mediennutzung vor - und nach der Flucht umrissen.

3.1 Mediennutzung der Diaspora in Deutschland

Heinz Bonfadelli untersuchte die Integrationspotentiale von Medien, da einige Ereignisse aus der Migrationsgesellschaft die heutige Agenda der Medien mitbestimmen und somit ein fester Bestandteil der Medienberichterstattung sind. Gegner der Integrationsfunktion von Medien argumentieren, dass sich Migranten in ein selbstgewähltes 'Medienghetto' zurückziehen und sich von der Mehrheitsgesellschaft isolieren würden. Bonfadelli hebt zum einen die Bedeutung von Akzeptanz, Chancengleichheit und Partizipationsmöglichkeiten und zum anderen den Zugang zu ubiquitären Medien, wie etwa dem Smartphone, hervor. Das Medium bietet Kommunikationsmöglichkeiten mit Einheimischen im Migrationsland, mit Familie und Freunden im Heimatland und hat teilweise berufliche Notwendigkeit. In Deutschland läuft ein großer Teil der Kommunikation zwischen jungen Erwachsenen über das Smartphone und Kommunikationsapps wie Whatsapp, Viber und Telegram. Teilweise werden diese einem klassischen Telefonanruf vorgezogen, weshalb es auch für Geflüchtete wichtig ist, diese Apps nutzen zu können, wenn sie sich in die alltäglichen Kommunikationspraktiken in Deutschland eingliedern wollen. Auch ein großer Teil des kulturellen Angebots für junge Erwachsene wird über soziale Medien, wie über Facebookgruppen und Facebookveranstaltungen, beworben. Um am gesellschaftlichen Leben von jungen Einheimischen aktiv teilhaben zu können, brauchen Migranten folglich einen Zugang zu sozialen Medien, auch per Smartphone (Ubiquität). Firmen nutzen zudem immer häufiger Apps wie Whatsapp zur Kommunikation mit Mitarbeitern, oder auch im Bereich des Kundenservice. Somit ist dieser Zugang ebenso zur beruflichen Eingliederung notwendig, wie auch als Kunde und Konsument. In einer Studie von WDR, ARD und ZDF von 2007 über den Medienumgang von Migranten wurden, per qualitativer und quantitativer Methoden, türkische und kurdische Migranten im Alter von 14-49 Jahren, über deren Mediennutzungsverhalten befragt. Diese wurden über Besitz und Nutzung alter und neuer Medien, Medienfunktionen (Information vs. Unterhaltung), genutzten Inhalten, dominanten Mediensprachen und ethnokultureller Orientierung befragt. Die 'Medienghetto'-These wurde mit dieser Studie widerlegt und es stellte sich heraus, dass vor allem der Medienumgang junger Leute als aktiv, bedürfnisorientiert und sinnkonstruierend zu verstehen ist.

Ebenso kristallisierte sich heraus, dass ein Medien-Mix aus Medien der Herkunftskultur und Medien der Aufnahmekultur konsumiert wird und diese Nutzer als 'Dualisten', oder 'hybride Nutzer' bezeichnet werden. Diese hybride Nutzungsform birgt Integrationspotentiale in sich, welche als Brückenfunktion genutzt werden könne. In der Studie wurde zudem festgestellt, dass die 'Digital Divide' zwischen bildungs- und einkommensstarken Familien und bildungs- und einkommensschwachen Familien, insbesondere von Migranten, relativ groß ist und die ärmere Schicht erschwerten Zugang zu Internet und neuen Medien habe. Die Missgunst gegenüber Flüchtlingen mit Smartphones und die Darstellung des Smartphones als Luxusgegenstand wird so unverständlicher, da dies die digitalen Gräben vergrößert und Chancengleichheit und Partizipationsmöglichkeiten eher verschlechtert.

Die meist genutzten Medien von Migrationsfamilien sind der Fernseher, das Satellitenfernsehen, sowie Radio und Internet. Dies schlägt sich eben auch im Bild des sozialen Raumes nieder, denn man erinnere sich an die Massen von Satellitenschüsseln von türkischen Migranten in Berlin und anderen deutschen Städten, welche so (per Satellit) den Zugang zu Medien ihres Heimatlandes erhielten. Heute ist nicht mehr die Satellitenschüssel das Symbol des Medienzugangs von Migranten, sondern eben das Smartphone – beide gewährleisten den 'dualistischen Medienzugang', welcher eben für Migranten wichtig ist.

In der Studie wurden zudem mangelnde interpersonelle Kontakte zwischen Einheimischen und Migranten festgestellt. Das Smartphone als eine dezentrale, digitale Kommunikationsmöglichkeit, dient somit als Brücke zu interkulturellem Kontakt. Deswegen stellt in kommunikations- und netzwerktheoretischer Sicht das Smartphone ein Medium mit Integrationspotential dar und ist zudem dem sozialen Kapital[23] zuzuordnen.[24]

„Gerade durch dessen Rückbezüglichkeit auf die Materialität der aktuellen Lebenslokalitäten ergibt sich allerdings eine diasporische Spezifik dieses Kommunikationsraums: Translokale Kommunikationsbeziehungen zur Herkunft, zum Migrationsland, zum Globalen und zur weiteren Diaspora werden in der aktuellen Alltagswelt lokalisiert - eine Alltagswelt, deren Orte damit selbst zunehmend mediatisiert sind.“[25]

Hepp, Bozdag und Suna stellten fest, dass Migranten ihr Leben primär lokal an den verschiedenen Orten ihres aktuellen Lebensmittelpunkts verbringen. Diese Lokalitäten sind eben auch Orte der Medienaneignung, über welche sich Migranten umfangreiche Kommunikationsnetzwerke erschließen und das Smartphone diesbezüglich eine bedeutende Rolle einnimmt.

Diese Netzwerke und Kommunikationsflüsse können Brücken zur Herkunft, zum Migrationsland und zum global geöffneten, diasporischen Kommunikationsraum schaffen.[26] Nachdem die Notwendigkeit des Zugangs zu neuen Medien für Geflüchtete im Migrationsland erläutert wurde, soll nun im nächsten Abschnitt die Notwendigkeit der Smartphone-Nutzung im Heimatland dargestellt werden.

[...]


[1] Vgl. BaMF, 2017, S.4.

[2] Vgl. Spiegel-Online, 20.10.2015, Web-Content.

[3] Vgl. Focus-Online, 23.04.2015, Web-Content.

[4] Dobschat, 2015, Web-Content.

[5] Ebd. Web-Content.

[6] Kelle, 2014, S.154.

[7] Induktives Verfahren ist keine Methode im klassischen Sinne. Da es für diese Arbeit dennoch, für die intersubjektive Nachvollziehbarkeit, wichtig ist, soll es in diesem Abschnitt mit einfließen.

[8] Kurt/ Herbrik, 2014, S.478.

[9] Vgl. Ebd. S.479.

[10] Vgl. Lehmann, 2007, S.275-277.

[11] Hasebrink/ Hölig, 2014, S.21.

[12] Vgl. Ebd. S.16-20.

[13] Vgl. Boeselager, 2015, Vice Magazine, Web-Content.

[14] Ebd. Web-Content.

[15] Vgl. Ebd. Web-Content.

[16] Vgl. Badasyan, 2017, EJO, Web-Content.

[17] Dörner/ Vetter/ Fründt, 2015, Welt-Online, Web-Content.

[18] Vgl. Ebd. Web-Content.

[19] Menkens, 2015, Welt-Online, Web-Content.

[20] Ebd. Web-Content.

[21] Vgl. Meyer-Tien, 2015, Mittelbayerische Zeitung, Web-Content.

[22] Vgl. Meyer, 2015, Sueddeutsche, Web-Content.

[23] Im Bourideu´schen Sinne.

[24] Vgl. Bonfadelli, 2008, S.80-92. f.

[25] Hepp, Bozdag, Suna, 2011, S.122.

[26] Vgl. Ebd. S.121. f.

Ende der Leseprobe aus 35 Seiten

Details

Titel
Medien auf der Flucht. Die Bedeutung des Smartphones für Migranten
Hochschule
Universität Regensburg  (I:IMSK)
Note
2,0
Autor
Jahr
2017
Seiten
35
Katalognummer
V384924
ISBN (eBook)
9783668602465
ISBN (Buch)
9783668602472
Dateigröße
630 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
medien, flucht, bedeutung, smartphones, migranten
Arbeit zitieren
Johannes Micha Kraft (Autor), 2017, Medien auf der Flucht. Die Bedeutung des Smartphones für Migranten, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/384924

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