Geschichtsphilosophie in Plessners "Die verspätete Nation" und ihr Verhältnis zu klassischen Postionen


Hausarbeit, 2017

26 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Geschichtsphilosophie – Positionsbestimmung, Erkenntnis, Reichweiten und Grenzen

3 Stufenweiser Verfall des christlichen Zeitbewusstseins – Geschichtsphilosophie aus innerer Entwicklung
3.1 Zeiteinteilung der Heilsgeschichte (1. Stufe)
3.2 Die Fortschrittstheorie des Liberalismus (2. Stufe)
3.3 Emanzipation der Geschichtsschreibung vom Fortschritt (3. Stufe)

4 Plessners Geschichtsphilosophie im Spiegel der „Verspäteten Nation“ und ihr Verhältnis zu den klassischen Positionen Kants und Hegels
4.1 Plessners Verhältnis zu Kants Geschichtsphilosophie
4.2 Plessner und Hegels Geschichtsphilosophie

5 4. Fazit und Ausblick

6 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

„Das Schicksal Deutschen Geistes im Ausgang seiner bürgerlichen Epoche“ ist ein geschichtsphilosophisches Werk,[1] welches der deutsche Anthropologe Helmuth Plessner (1892-1985)[2] 1935 zur Erforschung und Erkenntnis des menschlichen Wesens im Zusammenhang mit der Geistesgeschichte des deutschen Nationalismus in seinem erzwungenem niederländischen Exil[3] an der Universität Groningen verfasste. Zwischenzeitlich fast vergessen, wurde es 1959 unter dem neuen Titel „Die verspätete Nation – über die politische Verführbarkeit bürgerlichen Geistes“ – abermals aufgelegt.[4] Bei der Untersuchung der Daseins- und Gesichtskreise der Deutschen nach dem 1. Weltkrieg stehen inhaltlich weder Dogmen- noch Zeitgeschichte im engeren Fokus - ein Grund, weshalb Protagonisten, die der damals in Deutschland entstandenen Ideologie politisch und literarisch zur Wirkung verholfen hatten, komplett außer Betracht bleiben. Philosophische Anthropologie und Geschichtsphilosophie dienten Plessner hingegen als Leitdisziplin, um die Genese der Ideologie des Nationalsozialismus unter Berücksichtigung der politischen Rolle der Philosophie geistesgeschichtlich zu analysieren. „ Nihil enim fieri sine causa potest“ [5] mag bei der Entwicklung der Argumentationslinien ein sich offenbarender tiefer Grundsatz gewesen sein, denn Plessner konstatiert als auslösende und gleichzeitig zentrale These, dass die Bismarck‘sche Reichsgründung 1871 ein Nationalbewusstsein in Deutschland erst spät begründete und diese neu entstandene Großmacht ein Gegenspieler zum politischen Aufklärungshumanismus der alten westlichen Nachbarstaaten wurde.[6] Er verdeutlicht, dass erst unter den Impulsen der Philosophie letztendlich eine Radikalisierung bis zum Nihilismus[7] erfolgte und ein selbstzerstörerisches Potential eine sich anbahnende politische Gefahr erzeugte, vor der Heine, Kant, Hegel, Marx, Kierkegaard und Nietzsche in ihren Schriften schon früh gewarnt hatten. Als aber der „verspätete Nationalstaat“ Deutschland in eine veraltete Reichsideologie zurückgefallen war, genügten die schwachen, aufklärerischen Kräfte nicht, um die Weichen anders zu stellen und es kam in letzter Konsequenz zu Hitler und der totalen Entmenschlichung.[8] In seinem Werk „Die verspätete Nation“ arbeitet der Autor bei der Beschreibung der damaligen Konfliktsituation mit einem zweifachen Ansatz: In einem verschränkten Verhältnis unterlag das Leben der Deutschen zum einen besonderen, aktuellen Herausforderungen und zum anderen auch althergebrachten Traditionen. Das Fundament menschlicher Wirklichkeit hält Plessner offen und hypothesiert es als unergründbar, weshalb die geschichtliche Macht ihm folglich als gebrochen[9] erscheint. Ein Selbstverständnis wird nach Plessner weder durch die aktuelle Lebenssituation noch Traditionen erzwungen. Historische Wirklichkeit ist für ihn vielmehr ein Unterlaufen der verabsolutierten aktuellen Lebensbedingungen als auch des tradierten Menschen, die er in einem Doppelansatz vereinigt sieht.[10]

Auch an der Struktur des Buches lässt sich eine duale Aufteilung feststellen, nach der es unter Berücksichtigung verschiedener Gesichtspunkte bewusst aufgebaut wurde.[11] Einleitend findet sich eine Skizze der deutschen Lebenssituation nach dem Ersten Weltkrieg und ihre geschichtlichen Hintergründe, gefolgt von einer Beschreibung der Voraussetzungen für die Geschichte der Innerlichkeit, die sich als politisch-kulturelle Wirklichkeit in Deutschland seit Beginn der Neuzeit ausgebildet hatte und für Plessner wichtiger war als Bürgerlichkeit.[12] Sie war z. B. auch die Basis des sich in der Philosophie und Musik zeigenden höchsten Vermögens, welches sich als bürgerlich-nationaler Gesellschaftsstil (im Gegensatz zu den anderen westeuropäischen Ländern) im „versäumten“ 17. Jhd. in Deutschland nicht entfalten konnte. Anhand äußerer Faktoren werden Voraussetzungen der Genese, Verwirklichung und Infragestellung der weltfrommen deutschen Kultur aufgezeigt. Schlüsselrollen im Einzelnen spielen in diesem Kontext unterschiedliche Aspekte wie z. B. Deutschlands Protest gegen den politischen Humanismus Westeuropas, das Bismarck-Reich ohne Staatsidee, Religionsfragen, industrielle Revolution sowie Traditionslosigkeit und das Bedürfnis nach geschichtlicher Rechtfertigung des Lebens.[13] In dem gegenläufigen, zweiten Teil der Studie lokalisiert Plessner die innere Entwicklung der Selbstverständigung in der Philosophie. Dabei werden im Spiegel der Plessner‘schen „Anthropologie der historischen Weltansicht“ und der Denkfigur der „exzentrischen Positionalität“[14] Chancen und Gefahren der bürgerlichen Entwicklung diskutiert und auf die Machtübernahme der Nationalsozialisten angewendet.[15] Auch wird die innere Evolution des philosophischen Denkens zur Untersuchung des Gesichtskreises herangezogen mit dem Ziel eines Versuchs, sich Zugang zum deutschen Geist (bzw. wie er sich im Menschen verwirklicht) zu verschaffen, indem sie die Dimensionen äußerer Wirklichkeit und geistiger Selbstverständigung im engeren Sinne betrachtet.[16]

Plessner und die „Verspätete Nation“ waren seit der letzten Jahrtausendwende immer wieder Gegenstand der neueren Forschung: Während Kersten Schüssler 2001 eine intellektuelle Biographie vorlegte, der Christoph Dejung (1943-) 2003 eine weitere biographische Studie folgen ließ, widmete Carola Dietze (1973-) Plessner 2006 eine Geistesgeschichte „Nachgeholtes Leben“ zwischen Exil und Remigration. Wolfgang Bialas (1954-) wählte 2010 eine politische Perspektive als er Plessners Auseinandersetzung mit Deutschland und dem Nationalsozialismus (Politischer Humanismus und „verspätete Nation“) aufzeigte. Um eine rein philosophische Betrachtung handelt es sich bei dem Werk von Olivia Mitscherlich (1973-): Natur und Geschichte – Helmuth Plessners in sich gebrochene Lebensphilosophie. (2003). Im Gegensatz zu den genannten Schriften, deren aktuelle Erkenntnisse neben den Originaltexten[17] Eingang in diese Untersuchung fanden, kann durch den limitierten Umfang Plessners Werk “Die verspätete Nation“ an dieser Stelle nicht Objekt einer ganzheitlichen Analyse sein. Vielmehr sollte es aber einen übergeordneten Rahmen bilden, wenn sich einer zentralen Facette aus dem zweiten Teil (Innere Selbstverständigung durch Philosophie) dezidiert gewidmet wird. Unter der Überschrift der „Verfallsstufen des christlichen Zeitbewusstseins, Metamorphose und Auflösung des geschichtlichen Weltbildes“[18] behandelt das 8. Kapitel die geschichtsphilosophische Rolle der Religion in Deutschland und ihren Einfluss auf die damalige Gesellschaft aus Plessners Sicht. In diesem Zusammenhang stellt sich die Frage, worum es sich bei der Geschichtsphilosophie im Allgemeinen handelt, aus welchen Perspektiven sie betrieben wurde und wo ihre Grenzen zu verorten sind, um im Hauptteil dann aufzuzeigen, wie Plessner sie speziell im Rahmen seines Themas in dieser Denkrichtung herleitet. Als „klassische Geschichtsphilosophie“ im engeren Sinne wurde eine spezielle Ausprägung der philosophischen Thematisierung der Menschheitsgeschichte mit einem Leitideal zwischen rationalem Begreifen von Geschichte und ihrer realen Vernünftigkeit bezeichnet, die im späten 18. und frühen 19. Jhd. zur Zeit des sogenannten „Deutschen Idealismus“[19] populär war. Sie etablierte die Geschichtsphilosophie als Disziplin und setzte die wissenschaftlichen Entwicklungen des 18. Jhd. fort. Dazu gehörte die Religionskritik mit ihren Schöpfungsmythen, die Historisierung von Vernunft und Natur und letztendlich die Verankerung einer Menschheitsidee, die im Zeitfortlauf ihre Welt nach vernünftigen Regularien etablierte. Auch die „klassischen Positionen“ von Kant und Hegel stehen in einem besonderen Verhältnis hierzu. Wie ist dieses zu bewerten?[20]

2 Geschichtsphilosophie – Positionsbestimmung, Erkenntnis, Reichweiten und Grenzen

Doppeldeutigkeit kennzeichnet das Wort Geschichte, denn es bezeichnet zum einen die historiographische Darstellung (historia = über ein Gebiet gesammeltes Wissen) und gleichzeitig den Sachverhalt der Geschichte als zeitlich aufeinander folgende Ereignisse.[21] Die Geschichtsphilosophie teilt, so wie es in vielen philosophischen Einzeldisziplinen geschieht, ihren Gegenstand mit einer schon vorher bestehenden Wissenschaft, der Geschichtswissenschaft.[22] Diesen Gegenstand und seine Darstellung umfasst der moderne Geschichtsbegriff, während die Philosophie der Geschichte sich auf diese beiden Seiten bezieht und der Philosoph über die Grundlagen und Voraussetzungen historischer Erkenntnis reflektiert.[23]

Der Begriff der Geschichtsphilosophie hat bis zu seiner Etablierung 1765 durch Voltaire und danach mehrfach verschiedene Bedeutungen erfahren. So untersuchte die klassische Geschichtsphilosophie die spezifische historische Ausprägung der philosophischen Thematisierung der Menschheitsgeschichte, die zwischen 1750 und dem Anfang des 19. Jhd. verbreitet war. Fortschritt und Perfektibilität waren die Leitdisziplinen, nach denen z. B. Hegel, Comte und Marx ihre Überlegungen anstellten, was dazu führte, dass die Geschichtsphilosophie – erst relativ spät - zu einer eigenständigen philosophischen Disziplin wurde. Es ging darum, Geschichte auf Handlungen und Streben des Menschen zurückzuführen und den Sinn im Zivilisationsfortschritt zu sehen.[24] Im Gegensatz hierzu manifestierte die christliche Geschichtstheologie die Menschheitsgeschichte als Heilsplan Gottes, eine Sinneinheit zwischen Schöpfung und bevorstehendem Jüngstem Gericht. Die klassische Geschichtsphilosophie war bald rückläufig, als im späten 19. und 20. Jhd. nur noch vereinzelt über den Geschichtsverlauf spekuliert wurde. In materieller Ausrichtung versucht die Disziplin, Vergangenes objektiv zu fassen, zu erklären und nach Faktoren, Akteuren, Bedeutung und Sinn auszulegen. Die formale Ausrichtung untersuchte währenddessen Geschichtswissen in Bezug auf Methoden, Sprachanalysen, Erkenntnis und Konstitutionstheorie.[25] Bald traute man sich nicht mehr, große Fragen nach Ziel und Verlauf der Geschichte im Ganzen zu stellen, da sie empirisch durch die Geschichtswissenschaft nicht überprüft werden konnten, als spekulativ und folglich unseriös galten. Ein Rückzug auf Methodenprobleme war die Folge, die eine Krise der Geschichtsphilosophie hervorrief, die bis zur Gegenwart die Disziplin an den Rand des philosophischen Kanons drängte, wo sie schrittweise verkümmerte: Seit mindestens drei Jahrzehnten gab es weder niveauvolle Debatten, neue Ansätze oder konstruktive Synthesen. Kann die Krise im Rückgriff auf Kant überwunden werden, obgleich es später Hegel und Marx waren, die die Blütezeit der Geschichtsphilosophie prägten?[26] Auch wenn eine Gesamtdeutung der Geschichte problematisch geworden ist, bleibt die Aufgabe einer philosophischen Orientierung im Bereich des Geschichtlichen unter der Voraussetzung bestimmter Normen und Werte, wodurch sie sich im Kontext der praktischen Philosophie findet. Der moderne Geschichtsbegriff ist das Ergebnis eines geschichtlichen Prozesses als Selbstbezug, der auch für die Geschichtsphilosophie gilt. Dabei sind drei Arten des historischen Denkens heute zu unterscheiden: Neben der Geschichtsphilosophie (Blüte im deutschen Idealismus bei Hegel bis zu den materialistischen Umdeutungen durch Marx) handelt es sich um den Historismus (Bedingungen wahrer historischer Erkenntnis bei Droysen und Dilthey) und die Posthistorie (Kritik am Historismus).[27]

Was zeichnet Plessners Geschichtsphilosophie aus? Sie lässt die Frage nach dem menschlichen Wesen offen, indem er nicht direkt danach fragt, sondern nach den selbstbegrenzten historischen menschlichen Gesellschaften einer Zeit. Die Grundfrage fokussiert vielmehr auf die Erkenntnis des historischen Apriori, in dem das menschliche Wesen sich im Zeitlichen findet. Dieses Historische Apriori weist auf eine paradoxe Entwicklung der Geschichtsphilosophie hin, denn der Mensch ist einerseits ein Zurechnungssubjekt kultureller Leistungen und gleichzeitig ihr Geschöpf. Die Geschichtsphilosophie hingegen zielt auf den historischen Sinnhorizont in welchem Plessners Zeit ihr menschliches Wesen lokalisiert.[28] Plessners Analyse des Nationalsozialismus steht in einer methodischen Diskussion im Zusammenhang mit der Geschichtsphilosophie und ihrem Erklärungspotential.[29] Diese geht von einer Logik in historischen Ereignissen und Entwicklungen aus und versieht sie mit Bedeutungen, die über die Handlungsmotive und Geschichtsverläufe hinausgehen, denn Entscheidungen historischer Subjekte und Ergebnisse von kontrahierenden Parteien drücken lediglich politische Machtverhältnisse aus, wobei Gewinner ihre Interessen oft als die Vernünftigsten wähnen. Geht man von einer inneren Geschichtslogik aus, wird ein wirkendes Ordnungsprinzip auch im Chaos unterstellt, damit Geschichte gegen unbestimmte Ausgänge vergangener Konfrontationen abgesichert werden kann. Für Unvorhersehbares ist Geschichte immer offen, weshalb sie im Spannungsfeld damit steht. Plessner konstatiert, dass entgegen der Annahme linearen Fortschritts der Historismus ein Bestreben zeigt, Ereignissen, Figuren und Epochen als Kette offener Vieldeutigkeit Recht widerfahren zu lassen. Diesem Recht ist ein Sinn für den Verlauf der ganzen Menschheitsgeschichte nicht mehr zu entnehmen.[30] Wertekonflikte kamen auf und die Frage, wie diese zu lösen seien, denn die in einer solchen Situation denkbaren Entscheidungen sind fragwürdig und problematisch, weil auch jede andere Alternative möglich gewesen wäre. Die Geschichtsphilosophie versucht, solche Unbestimmtheiten in eine Struktur zu bringen, denn die Geschichte soll den Ereignissen Bedeutungen zuschreiben, die ihr den Anschein verleihen, eine Auseinandersetzung um die Verwirklichung universeller Werte und Ideen zu sein. Unumgänglich sind hier manchmal perspektivische Verzerrungen und Ausblendungen. Oft zielen dabei historische Imaginationen auf vergangenheitsbezogene und zukunftsgerichtete Interpretationen der Historie, die mitunter auseinanderfallen in einen Idealtypus und die wirkliche Geschichte. Während Ideen sich nur eingeschränkt historisch durchsetzen, kann Geschichte nie zufällig sein, obgleich sie immer wieder so konstruiert wird. Sie ist vielmehr das Resultat des Agierens historischer Subjekte.[31]

3 Stufenweiser Verfall des christlichen Zeitbewusstseins – Geschichtsphilosophie aus innerer Entwicklung

Mit seiner Einleitung des 8. Kapitels „Stufenweiser Verfall des christlichen Zeitbewusstseins - Metamorphose und Auflösung des geschichtlichen Weltbildes“ der „Verspäteten Nation“ verweist Plessner auf die religiösen Quellen und meint den Zerfall des christlichen Zeitbewusstseins, nachdem es eine „Metamorphose“[32] (Umgestaltung) durchlaufen hatte.

[...]


[1] Geschichtsphilosophie fragt als Teildisziplin der praktischen Philosophie nach der Bedeutung der Geschichte für das menschliche Selbstverständnis.

[2] Bereits in seinem Buch „Macht und menschliche Natur“, Köln 1924, hatte Plessner ein geschichtsphilosophisches Werk vorgelegt. Auch die „Verspätete Nation“ steht in dieser Tradition. Weitere grundlegende Werke Plessners sind rein anthropologischer Natur. Olivia Mitscherlich führt dazu aus, dass indem er die Frage nach dem menschlichen Wesen in der Schnittstelle von geschichtlicher Macht und natürlicher Ohnmacht geschichtsphilosophisch angeht, rückt seine Geschichtsphilosophie in den 30er Jahren innerhalb des Gesamtansatzes der in sich gebrochenen Lebensphilosophie an die Stelle der horizontalen Kulturphilosophie, vgl. Olivia Mitscherlich, Kultur und Geschichte – Helmuth Plessners in sich gebrochene Lebensphilosophie, Berlin 2007, S. 265.

[3] Plessners Vater, Dr. Fedor Plessner, war Protestant jüdischer Herkunft. Ein Grund, weshalb der Sohn zur Emigration und zum Schreiben aus der Distanz gezwungen war.

[4] Das Buch war entstanden aus einer Zusammenfassung einer Groninger Vortragsreihe, die er vor Studenten aller Fakultäten gehalten hatte. In dieser Darstellung werde ich der Einfachheit halber durchgehend die Bezeichnung „Verspätete Nation“ verwenden; vgl. hierzu Helmuth Plessner, Das Schicksal deutschen Geistes im Ausgang seiner bürgerlichen Epoche, Zürich 1935, S. 12.

[5] Vgl. Cicero, De divinatione, II 28,61, „Nichts kann ja ohne Grund geschehen“; zitiert in Anlehnung an Christoph Dejung, Helmuth Plessner – Ein deutscher Philosoph zwischen Kaiserreich und Bonner Republik, Zürich 2003, S. 371.

[6] Vgl. Ebd. S. 371.

[7] Vgl. Carola Dietze, Nachgeholtes Leben – Helmuth Plessner 1892-1985, Göttingen 2007, S. 143; nihil, lat. „nichts“ bzw. in diesem Zusammenhang „Verneinung von allem“.

[8] Vgl. Helmuth Plessner, Selbstdarstellung, in: Plessner in Wiesbaden, Tilman Allert, Joachim Fischer (Hrsg.), Wiesbaden 2014, S. 13-41, hier: S. 36; vgl. auch Dietze, Nachgeholtes Leben (wie Anm.7), S. 138; „Die Leitfrage seines Buches beantwortet Plessner mit der These, dass die NSDAP vor allem deshalb an die Macht habe kommen können, weil das deutsche Bürgertum politisch zu schwach und ideell zu wenig selbstbewusst gewesen sei […] sein Versuch, Politik philosophisch zu legitimieren und den Bürgern einen Sinn für die Notwendigkeit und die Dignität des Politischen zu vermitteln, zieht sich wie ein roter Faden durch die bis dahin veröffentlichten Werke.“

[9] Auch in Plessners Leben ist durch die Emigration ein Bruch zu verzeichnen; der Sinn des Krieges war oft Anlass, um geschichtsphilosophische Analysen aufzustellen, z. B. auch Wilhelm Windelband über den 1. Weltkrieg und die Geschichtsphilosophie; vgl. Wilhelm Windelband, Geschichtsphilosophie – eine Kriegsvorlesung, Berlin 1916, S. 7.

[10] Olivia Mitscherlich, Natur und Geschichte (wie Anm. 2), S. 290-294, besonders S. 293; Dietze, Nachgeholtes Leben (wie Anm. 7), S. 148.

[11] Helmuth Plessner, Die verspätete Nation, Berlin 1974 (1. Aufl.), S. 14, S. 16.

[12] Ebd. Kap. 1–7, Kap. 8; vgl. auch Kersten Schüssler, Helmuth Plessner – Eine intellektuelle Biographie, Berlin und Wien 2000, S. 135; Dejung, Deutscher Philosoph (wie Anm. 5), S. 369.

[13] Lt. Schüssler sind einige Argumentationslinien stichhaltig, beschriebene Wechselwirkungen zwischen Kirche, Politik und Staat mitunter jedoch nicht überprüfbar, vgl. Schüssler, Intellektuelle Biographie (wie Anm. 12), FN 653, S. 245.

[14] Helmuth Plessner prägte den Begriff „Exzentrische Positionalität“ in der Philosophischen Anthropologie, demnach der Mensch in der Welt wechselseitige Beziehungen zu seiner belebten und unbelebten Umwelt eingeht.

[15] Vgl. Schüssler, Intellektuelle Biographie (wie Anm. 12), FN 657, S. 136; es wird darauf hingewiesen, dass es Joachim Fischer war, der den Zusammenhang zwischen Geschichte und philosophischer Anthropologie in dem Werk erkannte.

[16] Vgl. Mitscherlich, Natur und Geschichte (wie Anm. 2), S. 301; vgl. zu Plessners Argumentation auch Dietze, Nachgeholtes Leben (wie Anm. 7), S. 139.

[17] Plessner, Verspätete Nation (wie Anm. 11); Immanuel Kant, Idee zu einer allgemeinen Geschichte in weltbürgerlicher Absicht, o. O, o. J. (Orig. Königsberg 1784); Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Philosophie der Geschichte, Stuttgart 1961 (Orig. Vorlesungsmitschrift Winter 1830/1831).

[18] Plessner, Verspätete Nation (wie Anm. 11), Kap. 8, S. 103.

[19] Der „Deutsche Idealismus“, markiert durch die Zeitspanne zwischen Kants Veröffentlichung der Kritik der reinen Vernunft (1781) und Hegels Tod (1831), wurde oft mit der klassischen, griechischen Philosophie verglichen, weshalb sie als klassische, deutsche Philosophie gilt.; vgl. Emil Angehrn, Geschichtsphilosophie, Köln 1991, S. 76.

[20] Vgl. Peggy Breitenstein, Johannes Rohbeck, Philosophie Geschichte, Disziplinen, Kompetenzen, Stuttgart 2011, S. 346-347.

[21] Johannes Rohbeck, Geschichtsphilosophie zur Einführung, Hamburg 2015, S. 15.

[22] Vgl. Windelband, Geschichtsphilosophie Kriegsvorlesung (wie Anm. 9), S. 13.

[23] Johannes Rohbeck, Geschichtsphilosophie Einführung (wie Anm. 21), S. 16-17; vgl. hierzu auch Kurt Röttgers, Einführung in die Geschichtsphilosophie (KE 4/4), Hagen 2016, S. 25.

[24] Bereits 1916 hatte Wilhelm Windelband die Frage formuliert: Gibt es einen vernünftigen Gesamtsinn der Geschichte und was vermögen wir von ihm zu erkennen?; vgl. Wilhelm Windelband, Geschichtsphilosophie (wie Anm. 9), S. 12.

[25] Peggy Breitenstein, Johannes Rohbeck (Hrsg.), Philosophie, Geschichte-Disziplinen-Kompetenzen (wie Anm. 20), S. 346, 357.

[26] Vgl. Thies, Kants Geschichtsphilosophie aus heutiger Sicht (l’anthropologie et l’histoire), Paris 2011, S. 2 (abgerufen am 31.8.2017, unter: http://www.phil.uni-passau.de/fileadmin/dokumente/lehrstuehle/thies/Thies_Kants_Geschichtsphilosophie.pdf)

[27] Vgl. Johannes Rohbeck, Geschichtsphilosophie Einführung (wie Anm. 21), S. 20.

[28] Vgl. Mitscherlich, Natur und Geschichte (wie Anm. 2), S. 265, 266.

[29] Wolfgang Bialas, Politischer Humanismus und „Verspätete Nation“, Göttingen 2010, S. 27.

[30] (nach Plessner, conditio humana, s. 136 ff.) Zitiert nach Bialas, Politischer Humanismus (wie Anm. 29), S. 34.

[31] Ebd., S. 29.

[32] Plessner war studierter Zoologe, weshalb es nicht verwundert, dass er, um eine Umwandlung eines Weltbildes zu charakterisieren, aus der Biologie den Begriff der Metamorphose wählt.

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Geschichtsphilosophie in Plessners "Die verspätete Nation" und ihr Verhältnis zu klassischen Postionen
Hochschule
FernUniversität Hagen  (Philosophisches Institut)
Veranstaltung
Praktische Kulturphilosophie
Note
2,0
Autor
Jahr
2017
Seiten
26
Katalognummer
V385048
ISBN (eBook)
9783668598638
ISBN (Buch)
9783668598645
Dateigröße
1023 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Geschichtsphilosophie, Verspätete Nation, Sonderwegsdebatte, Helmuth, Plessner, Kant, Hegel, Deutscher Sonderweg
Arbeit zitieren
Katrin Lembke (Autor), 2017, Geschichtsphilosophie in Plessners "Die verspätete Nation" und ihr Verhältnis zu klassischen Postionen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/385048

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