Care. Das Konzept fürsorglicher Praxis


Essay, 2017

4 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Care - das Konzept fürsorglicher Praxis

Der demografische Wandel führte dazu, dass westliche Länder neue Regulierungen hinsichtlich der Care-Arbeit oder Fürsorgearbeit veranlassten. Durch eine neue Definierung sozialer Rechte sollten die Menschen vor dem Risiko der Pflegebedürftigkeit abgesichert werden. Im öffentlichen Sektor nahm die Care-Arbeit immer stärker zu, während die familiären PflegeTätigkeiten durch Geldleistungen unterstützt wurden (vgl. Theobald 2008). Sowohl damals, als auch weitestgehend heute noch ist die Praxis der Care-Arbeit weiblich konnotiert, was zu Formen der Ungleichheit der Geschlechter führte (vgl. Theobald 2008).

Traditionellerweise war es die Aufgabe der Familie, vor allem aber der weiblichen Familien- mitglieder, für die Pflege sowie die Betreuung von Kindern und älteren Menschen zu sorgen. Verantwortlich für die wachsende Versorgung älterer und vor allem auch pflegebedürftiger Menschen war der demografische Wandel. Die Care-Arbeit fand sich zunehmend im öffentli- chen Sektor wieder, welcher die Gesellschaft, den Staat sowie den Markt einschließt. In die- sem Zuge wurden die familiären Care-Tätigkeiten, durch die Einführung von monetären Unterstützungsleistungen in politischen Ansätzen aufgegriffen (vgl. Theobald 2008).

Der Begriff ‚Care‘ entwickelte sich in der britisch feministischen Literatur mit der Einführung der Gesundheitsreform in den 1960er Jahren, die das Ziel einer ‚community care‘ verfolgte und sich in erster Linie aber auf die Betreuung und Pflege alter und bedürftiger Menschen bezog. Im Gegensatz dazu wurde der Begriff in den nordischen Ländern als Vergesellschaf- tung der Kindererziehung sowie das Errichten von Kinderbetreuung verstanden (vgl. Gerhard 2014). Im Deutschen entspricht der Begriff Care am ehesten dem Ausdruck Sorge oder Für- sorge. Die ‚Sorge für andere‘ lässt sich im deutschsprachigen Raum am besten für die Be- zeichnungen ‚Betreuung, Pflege, Fürsorge‘ ableiten (vgl. Gerhard/Hausen 2008, in Gerhard 2014).

Britische Soziologen untersuchten mit Beginn der 80er Jahre die Erfahrungen, die Frauen durch die Pflege ihrer Angehörigen machten. Dadurch entwickelte sich das Care-Konzept. Sie konnten eine Entwicklung der Pflege-Politik in Großbritannien erkennen, die die Care-Arbeit von alten sowie behinderten Menschen im Zuge der Gesundheitsreform von staatlicher zu privater Sache machte. Vor allem Töchter und andere weibliche Verwandte sollten kostenspa- rend die familiäre Pflege, welche als ‚community care‘ deklariert wurde, ausüben (vgl. Ge- rhard 2014). Feministische Sozialforscherinnen führten diesbezügliche Studien durch, die vor allem auf die Beziehungsaspekte und auf die Ägeschlechtsspezifischen Muster der Pflege zwi- schen Pflegenden und Pflege-Empfangenden“ aufmerksam machen sollten (Gerhard 2014, S. 73). Nicht verheiratete Angehörige, die Pflege-Tätigkeiten durchführten, wurden ab dem Jah- re 1975 mit einer geringfügigen staatlichen Unterstützung entlastet. Erst circa zehn Jahre spä- ter galt dies auch für verheiratete Frauen. Grund dafür waren die Thematisierung der hohen Kosten sowie die Benachteiligung auf dem Arbeitsmarkt für Frauen bei der Langzeitpflege von Angehörigen. Professionelle Helfer aus unterschiedlichen sozialen Klassen kamen nach und nach ins Spiel und schlossen zwar einerseits die Lücken des Pfleger-Defizits, konnten aber bei den Bedürftigen keine familiären Netzwerke mobilisieren (vgl. Gerhard 2014).

Hildegard Theobald (2008) untersuchte in ihrer Arbeit ÄCare-Politiken, Care-Arbeitsmarkt und Ungleichheit: Schweden, Deutschland und Italien im Vergleich“ die Gemeinsamkeiten und Unterschiede der genannten Länder hinsichtlich des Care-Konzepts. Dabei fand sie her- aus, dass in den verglichenen Ländern die Care-Arbeit immer noch weiblich konnotiert ist. Aufgrund von länderspezifischen Entwicklungen und die Grauzonen des Care-Arbeitsmarktes führte zu einer ÄAusdifferenzierung der sozialen Situationen von Frauen entlang der Dimensi- onen sozio-ökonomische[r] Klassen und Ethnizität“ (Theobald 2008, S. 277). Schwedische Frauen mit einfachen bis mittleren Qualifikationen sowie die im Land lebenden Migrantinnen, erhielten aufgrund der Etablierung des Care-Arbeitsmarktes sowohl Zugang zum regulären Arbeitsmarkt als auch zu Qualifikation und Bezahlung. Dadurch konnten die Ungleichheiten zwischen Frauen bei der Arbeitsmarktbeteiligung ausgeglichen werden (vgl. Theobald 2007; in Theobald 2008). Laut Theobald (2008) geht die Etablierung des privat finanzierten Mark- tes, der teils legal, teils aber auch illegal ist, mit der zunehmenden ‚Ethnisierung‘ von Fürsor- ge-Arbeit einher. Vor allem in Italien arbeiten Migrantinnen mehr oder weniger legal mit un- sicheren Arbeitsbedingungen auf einem privaten Markt. Aber auch in Deutschland ist dies der Fall, Äwo diese Tätigkeiten von bereits im Land lebenden und in zunehmendem Maße extra zu dem Zweck nach Deutschland kommenden Migrantinnen angeboten werden“ (Theobald 2008, S. 227).

Die steigende Erwerbstätigkeit von Frauen in den skandinavischen Ländern führte zu einem Ausbau der Infrastruktur für Pflege-Arbeit und Kinderbetreuungsangeboten. Die Nachfrage nach weiblichen Arbeitskräften war Auslöser dieser Entwicklung. Aufgrund der neuen Um- stände in Bezug auf die Betreuungs- und Erziehungspflichten, kam es zu einer Neuordnung der Rollen von Staat, Gesellschaft und Familie. Es entwickelten sich daraus länderspezifische Kontexte im Hinblick auf die Beschreibung von Fürsorge, denn Care obliegt ab da sowohl privater als auch öffentlicher Verantwortung. Ä[D]ie Sorge für andere beruht auf persönlicher Zuneigung, moralischen Pflichten, aber auch auf professioneller Zuständigkeit und Verpflich- tung“ (Gerhard 2014, S. 74).

Der Prozess der Care-Arbeit entwickelte sich stetig weiter und kam irgendwann zu dem Punkt, an dem persönliche Bindungen oder Beziehungen zu den hilfsbedürftigen Menschen nicht mehr notwendig waren, um der Aufgabe der Pflege gerecht zu werden. Beispielsweise können Erzieherinnen aufgrund von Zeitknappheit gar keine emotionale Bindung zu jedem einzelnem Kind aufbauen. Sie müssen die Kinder nicht einmal wirklich mögen, sofern sie die Bedürfnisse der Kinder immer im Blick haben und diese richtig interpretieren (‚attentiveness‘), sie richtig umsetzen (‚competence‘) und den Kindern dadurch helfen, Fort- schritte zu machen (‚responsiveness‘) (vgl. Gerhard 2014). Trotzdem verlangt die Care-Arbeit auch die Arbeit an Gefühlen, auch wenn diese im Extremfall nur vorgetäuscht sind. Denn Äwer für andere sorgt, muss jene Gefühlsregeln gelernt haben, die uns sagen, in welchen Situ- ationen wir welche Gefühle äußern dürfen, aber auch zeigen müssen: wann z.B. Ärger und Unwillen oder Trauer öffentlich […] angebracht sind, wann nicht“ (Held 2006, in Gerhard 2014, S. 469). Hochschild (1983) unterschiedet diesbezüglich zwischen ‚surface acting‘ und ‚deep acting‘. Im Falle des ‚surface acting‘ würde eine Erzieherin ein Kind auf den Arm neh- men, auch wenn sie es abstoßend finde. Sie verändert ihr Gefühl nicht, indem sie das Kind hochnimmt, sondern spielt ihm nur ein anderes Gefühl vor. Beim ‚deep acting‘ dagegen ver- sucht die Erzieherin nachzuvollziehen, warum das Kind unbeliebt wurde und dadurch entwi- ckelt sie positive Gefühle für das Kind (vgl. Hochschild 1983, Dunkel 1988; in Gerhard 2014).

Das Konzept des Care-Prinzips wurde erst relativ spät entdeckt, da die Pflege von Kindern und älteren Menschen sowie behinderten Menschen innerfamiliär stattfand. Es war Aufgabe der Frauen, sich um die hilfsbedürftigen Angehörigen zu kümmern. Erst mit den zunehmen- den Studien zahlreicher Soziologen und durch die in den 60er Jahre eingeführte Gesundheits- reform begann sich die Pflegearbeit langsam zu verändern. Allerdings konnten Frauen lange Zeit keine Erwerbsarbeit ausführen, da sie mit den Care-Tätigkeiten beschäftigt waren. Politi- sche Ansätze ermöglichten es schließlich, die Frauen durch monetäre Unterstützungsleistun- gen ein wenig zu entlasten. Durch professionelle Helfer sowie Migranten, die die Care- Tätigkeiten mit übernahmen, gelang es vielen Frauen sich auf dem Arbeitsmarkt zu etablie- ren. Dies führte zum weiteren Ausbau von Betreuungseinrichtungen. Durch die Übernahme der Pflege-Arbeit von meist fremden Menschen, gestaltete sich die Betreuung oft ohne enge persönliche Bindung von Pfleger und Pflege-Empfänger. Dies hat sich bis heute nicht großar- tig verändert. Aufgrund der hohen Zahl der pflegebedürftigen sowie der Zeitknappheit, kom- men die Pfleger meist gar nicht dazu persönliche Bindungen mit den Bedürftigen einzugehen. Allerdings ist ‚Care‘ immer noch ein nicht genau erforschtes Gebiet, um endgültige Schlüsse über Pflege-Beziehungen zu ziehen.

Literaturverzeichnis:

- Gerhard, Ute (2014): Care als sozialpolitische Herausforderung moderner Gesellschaften - Das Konzept fürsorglicher Praxis in der europäischen Geschlechterforschung. In: Brigitte Aulenbacher, Birgit Riegraf und Hildegard Theobald (Hg.): Sorge: Arbeit, Verhältnisse, Regime. 1. Aufl. Baden-Baden: Nomos (Soziale Welt : Sonderband, 20), S. 67-88.

- Ostner, Ilona (2011): Care - eine Schlüsselkategorie sozialwissenschaftlicher Forschung? In:

Adalbert Evers, Rolf G. Heinze und Thomas Olk (Hg.): Handbuch Soziale Dienste. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften, S. 461-481.

- Theobald, Hildegard (2008). Care-Politiken, Care-Arbeitsmarkt und Ungleichheit: Schweden,

Deutschland und Italien im Vergleich. Berliner Journal für Soziologie, 18(2), 257-281.

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Details

Titel
Care. Das Konzept fürsorglicher Praxis
Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen
Note
1,7
Autor
Jahr
2017
Seiten
4
Katalognummer
V385055
ISBN (eBook)
9783668598270
Dateigröße
706 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Fürsorge Pflege Care
Arbeit zitieren
Jessica Valenthin (Autor), 2017, Care. Das Konzept fürsorglicher Praxis, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/385055

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