Deutschland ist ein Einwanderungsland. Kulturelle Vielfalt ist ein Hauptbestandteil unserer Gesellschaft geworden. Diese Vielfalt wird durch Personen herbeigeführt, die einen Migrationshintergrund haben und den Alltag, so wie das wissenschaftliche, intellektuelle und künstlerische Leben mitprägen. Kinder und Jugendliche, die aus Familien stammen, in denen mindestens ein Elternteil nicht in Deutschland geboren ist, sind sogenannte Kinder mit Migrationshintergrund. Auch ich stamme aus solch einer Familie. Ich bin zwar in Deutschland geboren, habe aber bis zu meinem vierten Lebensjahr in der Türkei gelebt. Mein Vater ist in Deutschland geboren und spricht sehr gut Deutsch, hat es aber nicht geschafft seine Schulausbildung abzuschließen. Meine Mutter dagegen ist erst mit 21 Jahren nach Deutschland ausgewandert und hat immer noch große Defizite in ihren Deutschkenntnissen. Deshalb finde ich es besonders interessant mich mit allen Themen bezüglich Migration zu beschäftigen. Durch die eigene Betroffenheit, ist es mir in diesem Bereich immer möglich aus Erfahrung zu sprechen. Dadurch habe ich das Gefühl, anderen bereichern zu können.
Eines meiner Praktika habe ich an einer Grundschule mit hohem Anteil an Kinder mit Migrationshintergrund gemacht. In der ersten Klasse war ein türkischstämmiges Mädchen, das während der Wochenplanarbeit immer wieder um Hilfe gebeten hat. In der Aufgabe ging es darum, aus einem „Buchstabensalat“ Wörter zu bilden. Nachdem sie viele der Wörter nicht bilden konnte, hat ihr mehrmals ihre deutsche Banknachbarin geholfen. Sie bearbeitete auch die gleiche Aufgabe, im Gegensatz zu der türkischstämmigen Schülerin hatte sie keine Probleme damit. Anschließend wendete sich die Schülerin mit Migrationshintergrund verzweifelt mir zu und behauptete: „Ich kann das nicht, weil ich bin Türke. Sie kann es, weil sie deutsch ist.“ Ich finde, dass man an der Aussage merkt, dass sich diese Schülerin als „anders“ und sogar als benachteiligt empfunden hat.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
1.1. Persönlicher Zugang zum Thema
1.2. Besuch der Lessingschule in Ingolstadt
2. Ungleichheiten in Gesellschaft und Schule
2.1. Das Scheiter des deutschen Bildungssystems
2.2. Gesellschaftliche Entwicklung als Herausforderung für die Pädagogik
2.3. Kinder und Jugendliche mit Migrationsgeschichte im deutschen Bildungssystem
3. Klärung des Inklusionsbegriffs
3.1. Von der Integration zur Inklusion
3.2. Migration als Teil der Inklusion
4. Kann Inklusion von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund trotzdem gelingen?
4.1. Ausgewählte Forschungsmethoden
4.2. Entwicklung des Schülers J.
4.2.1. Beobachtung von J.
4.2.2. Interview mit der Lehrkraft
4.3. Die Interviews
4.3.1 I. und ihre Mutter
4.3.2. Kind N. und ihr Vater
4.3.3. Jugendliche E.
4.3.4. Vergleich zwischen den Schülern
4.4. Persönliches Résumé
5. Inklusives interkulturelles Lernen
5.1. Interkulturelles Lernen- eine begriffliche Annährung
5.2 Auseinandersetzung mit der Fremdheit
5.3. Heterogenität
5.4. Unterricht, Unterrichtsgestaltung und Didaktik
6. Wie es gelingen kann- Am Beispiel der Grundschule Berg Fidel
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Diese Arbeit untersucht die Möglichkeiten und Herausforderungen einer inklusiven Beschulung von Kindern mit Migrationshintergrund im deutschen Bildungssystem, wobei der Fokus auf der Frage liegt, ob und wie Inklusion trotz bestehender struktureller und gesellschaftlicher Ungleichheiten erfolgreich gestaltet werden kann.
- Soziale Ungleichheit im deutschen Bildungssystem
- Klärung und Abgrenzung des Inklusions- und Integrationsbegriffs
- Empirische Untersuchung mittels qualitativer Interviews und Beobachtungen
- Interkulturelles Lernen als pädagogischer Ansatz
- Praktische Beispiele für gelungene Inklusion (Grundschule Berg Fidel)
Auszug aus dem Buch
4.2.1. Beobachtung von J.
Ich habe dieses Kind über drei Wochen lang während meines Praktikums beobachtet. Anschließend habe ich eine zusätzliche Beobachtung nach einem halben Jahr durchgeführt. Es handelt sich dabei, um einen siebenjährigen aus Afrika stammenden Schüler, der erst seit ca. einem Jahr in Deutschland lebt. In seiner jetzigen Klasse ist er erst seit diesem Schuljahr.
J. ist ein sehr aufgeschlossenes Kind und die Tatsache, dass er noch nicht gut Deutsch spricht, hindert ihn nicht daran viel mit seinem Umfeld zu kommunizieren. Es war anfangs ungewiss, ob er in dieser Klasse bleiben wird oder in die erste Klasse zurückgestellt werden muss. Die Lehrerin hat sich entschieden, ihn in der Klasse zu behalten, da er sich sehr lernwillig und interessiert zeigte. Obwohl er im Unterricht bemüht war mitzukommen, war er nicht immer konzentriert, hat oft durch die Gegend geschaut und sich dadurch abgelenkt. Bei dem Besuch in den Naturlehrgarten war er sehr überfordert, hat nur wenig verstanden und sehr oft geäußert, dass ihm langweilig ist. Er hat oft die Arbeitsaufträge nicht verstanden, aber trotzdem war er bemüht, hat sich umgeschaut, was die anderen Kinder machen und versucht diesen nachzuahmen.
Die großen Verständnisprobleme sind mir erst bewusst geworden, als er als einziger in der Klasse am Wandertag seine Schultasche mitgenommen hatte, da er anscheinend es nicht verstanden hat, dass die Schultaschen daheim bleiben sollen, obwohl es die Lehrerin mehrmals gesagt hatte. Gerade in Mathe ist er sehr fit und hat die Aufgaben schnell und richtig lösen können. Er war ein Kind mit Bewegungsdrang und ist häufig aufgestanden und rumgelaufen. Wenn er aufstehen konnte, um Arbeitsmaterialien zu holen, ist er oft tanzend zu den Sachen gelaufen. Leider hat er als einziger von den Schülern dieser Klasse nie etwas zu essen und außer einer Capri Sonne auch nichts zu trinken dabei. Er trug teilweise die ganze Woche lang dieselben Kleider. Während dem Wandertag habe ich mich lange mit ihm unterhalten, wobei er mir erzählt hat, dass er oft alleine ist und keiner mit ihm spielen möchte.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Autorin erläutert ihren persönlichen Zugang zum Thema Migration und schildert Beobachtungen aus einem Praktikum, die das Gefühl der Benachteiligung im Bildungssystem verdeutlichen.
2. Ungleichheiten in Gesellschaft und Schule: Dieses Kapitel analysiert das deutsche Bildungssystem unter dem Aspekt der sozialen Ungleichheit und der Bildungsbenachteiligung von Kindern mit Migrationshintergrund.
3. Klärung des Inklusionsbegriffs: Hier erfolgt eine theoretische Abgrenzung zwischen den Begriffen Integration und Inklusion sowie eine Einordnung der Migration in den Inklusionsdiskurs.
4. Kann Inklusion von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund trotzdem gelingen?: Das Kapitel beschreibt die methodische Vorgehensweise der Autorin (Interviews und Beobachtungen) und analysiert Einzelfälle von Schülern sowie Gespräche mit einer Lehrkraft.
5. Inklusives interkulturelles Lernen: Die Autorin legt theoretische Grundlagen für interkulturelles Lernen, Heterogenität und didaktische Möglichkeiten in der inklusiven Unterrichtsgestaltung dar.
6. Wie es gelingen kann- Am Beispiel der Grundschule Berg Fidel: Dieses Kapitel dient als Praxisbeispiel, um zu verdeutlichen, wie durch ganzheitliche Pädagogik und individuelle Differenzierung erfolgreiche Inklusion in sozialen Brennpunkten erreicht werden kann.
Schlüsselwörter
Inklusion, Integration, Migration, Migrationshintergrund, Bildungsbenachteiligung, soziale Ungleichheit, deutsche Schule, interkulturelles Lernen, Heterogenität, Schulpädagogik, individuelle Förderung, Grundschule, qualitative Forschung, Bildungsbiografie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht die Herausforderungen und Chancen der Beschulung von Kindern mit Migrationshintergrund und geht der Frage nach, wie inklusive Bildung im deutschen Schulsystem erfolgreich gestaltet werden kann.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Die zentralen Themen umfassen soziale Ungleichheiten in der Schule, die Differenzierung zwischen Integration und Inklusion sowie Strategien für interkulturelles Lernen im Unterricht.
Was ist das primäre Forschungsziel?
Ziel ist es zu ergründen, ob und wie Inklusion von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund trotz bestehender struktureller Hürden gelingen kann.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Es werden qualitative Forschungsmethoden angewendet, primär halbstrukturierte Interviews mit Schülern, Lehrkräften und Eltern sowie nicht-teilnehmende Beobachtungen in einer natürlichen Schulumgebung.
Welche inhaltlichen Schwerpunkte liegen im Hauptteil?
Im Hauptteil werden sowohl theoretische Definitionsklärungen als auch eine empirische Untersuchung von Einzelfällen sowie Best-Practice-Beispiele der Grundschule Berg Fidel analysiert.
Wie lässt sich diese Arbeit charakterisieren?
Die Arbeit zeichnet sich durch die Kombination von kritischer theoretischer Auseinandersetzung mit dem deutschen Bildungssystem und einer persönlichen, reflexiven sowie empirischen Herangehensweise an das Thema Inklusion aus.
Warum spielt die Unterscheidung zwischen Integration und Inklusion eine so zentrale Rolle in der Untersuchung?
Die Arbeit verdeutlicht, dass Integration oft eine Anpassung des Schülers an das bestehende System fordert, während Inklusion die Anpassung des Systems an die Vielfalt der Schüler zum Ziel hat, was für Migrationskinder entscheidend ist.
Was ist die zentrale Erkenntnis aus den durchgeführten Interviews?
Die Interviews zeigen, dass ein gelingendes Miteinander stark vom sozialen Umfeld und der Akzeptanz der kulturellen Identität abhängt und dass Lehrkräfte durch differenzierte Methoden maßgeblich zur positiven Entwicklung beitragen können.
Inwiefern beeinflusst das Beispiel "Berg Fidel" die Schlussfolgerungen?
Die Grundschule Berg Fidel dient als praktisches Modell, das beweist, dass durch "Innere Differenzierung" und eine wertschätzende Lernatmosphäre auch in sozialen Brennpunkten erfolgreiche Inklusion möglich ist.
- Arbeit zitieren
- Fatma Gezerler (Autor:in), 2015, Kann Inklusion von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund trotzdem gelingen? Ungleichheiten in der Gesellschaft und Schule, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/385147