Annäherung an (m)ein Vorurteil: Roma, Zigeuner. Wer lebt da in unserer Mitte?


Hausarbeit, 2017

31 Seiten


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Erstes Lesevergnügen

Zweite Leserunde

Dritte Leserunde

Vierte und letzte Leserunde

Literatur

Anhang

Erstes Lesevergnügen

In der Ausgabe 14/ 2012 des SPIEGEL lese ich einen Bericht über den schrittweisen Umzug einer ganzen Roma-Dorfgemeinschaft aus Rumänien in das vermeintliche Paradies des deutschen Sozialstaates, nach Berlin/ Neukölln (vgl. Gezer 2012). Er ist, ein häufiges Stilmittel beim SPIEGEL, sehr anschaulich und detailliert beschrieben: verschiedene Handlungsorte, subjektive Annäherung an handelnde Personen, lebhafte Szenenbeschreibungen. Kurzum: ein kurzweiliges und durchaus befriedigendes Lesevergnügen. Dachte ich!

Ähnlich wie Fast-Food, schnell gegessen und genossen, macht sich dieser Bericht jedoch nach einiger Zeit wieder bemerkbar und beginnt in meinem Inneren zu rumoren. Gedanken stoßen mir auf und bringen mich ins Grübeln.

Die Darstellung der Roma in dem Bericht, auf die ich im weiteren Textverlauf genauer eingehen werde, ist eher negativ. Zumindest entsteht bei mir ein solches gedankliches Bild: kommen einfach her, kein Gedanke an Arbeit, Selbstverantwortung etc. und danken dann ihrem Gott für den unverhofften Wohlstand, der ja aber wenig sakral durch harte Lohnarbeit anderer Leute geschaffen wird.

Andererseits halte ich mich für einen reflektierten Menschen, der versucht, Phänomene differenziert zu betrachten und zu interpretieren.

Wie kommt es, dass dieser Bericht nach einer ersten, zugegebenermaßen oberflächlichen, Lektüre ein solch einseitiges Bild in mir entstehen lässt? Ist er diffamierend, gar unterschwellig manipulierend? Ich krame den SPIEGEL aus dem Altpapier hervor und lese ihn erneut. Auf der Suche nach Gemeinheiten und Unterstellungen werde ich nicht fündig. Die Autorin Özlem Gezer schreibt neutral, objektiv und ohne erkennbare Wertungen. Leider, wie ich im ersten Moment denke, denn ein anderer Befund hätte es mir leicht gemacht die Sache abzuhaken. Andererseits scheint der Bericht seltsam glatt und bruchlos. Die eigentliche Geschichte ist kurz und lässt sich sinngemäß so zusammenfassen: „Unser Wohlstand lockt ganze Roma- Gemeinschaften an“, und kommt ohne Abwägungen oder Gegenüberstellungen von Argumenten aus.

Also: Woher kommen meine Vorbehalte, wenn sie in dem Text nicht expliziert sind? Die mögliche Antworthypothese ist für mich nicht unbedingt schmeichelhaft, liegt aber auf der Hand: Sie waren schon da, in meinen Gedanken, meinem Fühlen und Handeln. Der Text hat sie nur gereizt, wie einen versteckten Nerv.

Ich werde im Folgenden versuchen, mich dem Phänomen unterschwelliger Ressentiments wissenschaftlich zu nähern und meine Erkenntnisse auf die Konstruktion des angeführten SPIEGEL-Berichtes und dessen Rezeption durch mich anzuwenden.

Bevor ich damit beginne, möchte ich erklären, dass im Folgenden der Begriff Sinti und Roma verwandt wird. Der Begriff Roma, Einzahl: Rom (vgl. Kenrick 1998: 9), leitet sich von dem gesprochen Dialekt, dem „Romanes“ ab, während die Sinti, Einzahl: Sinto (vgl. Kenrick 1998: 9), eine Untergruppe der Roma sind, die auch in Deutschland lebt. (Vgl. Bastian 2001: 10) Der Begriff „Zigeuner“ wird wegen seines diskriminierenden Charakters nur in Anführungszeichen verwendet. Wo ich auf den SPIEGEL-Bericht eingehe, übernehme ich die Bezeichnung „Roma“, da augenscheinlich nur diese Gruppe gemeint ist.

Die ersten beiden Kapitel des Buches „Migrationspädagogik“ von Paul Mecheril u.a. dienen mir als Einführung in die wissenschaftliche Betrachtung von Migration (vgl. Mecheril, Varela 2010). Dabei fällt mir das vorgestellte Konzept des Othering von Edward Said besonders ins Auge (vgl. Mecheril, Varela 2010: 42). Die wenigen Worten, mit denen a.a.O. dieses Konzept vorgestellt wird, treffen ziemlich genau auf das innere Unwohlsein zu, dass ich gegenüber dem Bericht verspüre.

Said beschreibt das Othering als eine einseitige, hegemoniale Diskursform in welcher eine Dichotomie zwischen einem homogenen „Wir“ und dem fremden „Nicht-Wir“ konstruiert wird. Dabei lassen sich in der Regel zwei Grundtendenzen des Fremdmachens erkennen: die idyllische und die barbarische. (Vgl. Mecheril, Valera 2010: 42)

Zweite Leserunde

Ich suche im SPIEGEL-Bericht nach solchen Unterscheidungen und werde fündig. Viele Stellen, die geeignet sind, zwischen Wir und Nicht-Wir zu unterscheiden, sind zwar subtil gehalten, aber dennoch erkennbar. Ich habe die einzelnen Abschnitte des Berichtes, auf die ich sich meine Ausführungen beziehen werden, zur Veranschaulichung in der beiliegenden Kopie farbig markiert.

Es wird insgesamt dreimal darauf hingewiesen, dass Roma-Frauen im Alltag Bademäntel trügen. Ein Bekleidungsstück, welches der gemeine SPIEGEL-Leser wohl nur zu ausgewählten privaten Anlässen trägt und mit Entspannung, Freizeit, Faulenzen etc.

assoziiert. Der so beschriebenen Kleidung einiger Roma steht also ein latenter Bekleidungscode westlicher Länder gegenüber, welcher Bademäntel in der Öffentlichkeit ablehnt und in der Regel unvereinbar mit beruflichen Tätigkeiten sieht. Das Wir muss in diesem Fall nicht einmal expliziert werden, da die Überbetonung (Bademantel dreimal erwähnt!) des Nicht-Wir ausreicht um latente Vorstellungen und Einstellungen anzusprechen.

Gerade das Unausgesprochene macht deutlich, wie perfide in diesem Beispiel die Roma zu anderen gemacht werden. Dadurch bleibt die ganze Ressentiment-Palette von „schlampig angezogen“ bis zu „Arbeitsverweigerer“ gedanklich abrufbar. Schaut man sich aber das Foto auf Seite 44 an, welches den Bericht illustriert, kann man erkennen, dass ein Bademantel nicht gleich ein Bademantel ist. Was die Frauen dort tragen ist kein Frottee-Mantel, welchen man, dem eigentlichen Wortsinn nach, im Anschluss an Bad oder Dusche zum Trocknen anziehen kann. Ihre Mäntel scheinen aus einem leichteren Stoff zu sein und erinnern eher an Kimonos.

Die detaillierte Auseinandersetzung mit einem Bademantel als Bekleidungsstück mag kleinkariert erscheinen. Genau hieraus lassen sich aber die Merkmale des Othering ableiten. Und in der Summe mit weiteren Beispielen entsteht eine große Wirkmächtigkeit dieser wiederholten Konstruktion von „Wir“ und „Nicht-Wir“. Weitere Beispiele sind:

- Der starke Gottglauben und Fatalismus der Roma: Die Roma werden beschrieben, als seien sie von einer Art mythischer Spiritualität beseelt. Sie scheinen ihr Schicksal in Gottes Hände zu legen und wenig selbstverantwortlich zu handeln.

Hieraus kann man die Dichotomie mythisches vs. aufgeklärtes Denken ableiten: „Wir“, im Bericht durch den Quartiersmanager Marx repräsentiert, handeln selbstverantwortlich und schaffen es auch noch, Bedürftige zu unterstützen, während es die Roma nicht schaffen, sich aus ihrer Unmündigkeit zu befreien und abhängig von Hilfe- und Unterstützungsleistungen bleiben.

- Die unbeständigen Jobs (Musikanten, Autoverkäufer, Schweinezüchter, Schrotthändler) und Arbeitslosigkeit der Roma: Es wird beschrieben, dass die Menschen in ihrem Herkunftsdorf Fântânele als Musikanten, Autoverkäufer oder Schweinezüchter gearbeitet hätten. In Berlin-Neukölln seien zwar viele als als selbständige Schrotthändler gemeldet, dies jedoch nur offiziell um eine Aufenthaltserlaubnis zu erlangen, während sie de facto kein/ kaum Einkommen erwirtschaften und auf Sozialhilfe angewiesen sind.

Diese Auflistung kann auf zweierlei Arten als Fremdmachung interpretiert werden:

1. Roma als „Barbaren“: Sie schaffen es nicht, oder wollen es nicht schaffen, in „anständige“ Beschäftigungsverhältnisse zu gelangen und sind daher auf zwielichtige und kurzweilige Tätigkeiten angewiesen
2. Roma im Idyll: Sie arbeiten frei und ungebunden (im Gegensatz zum
abhängig Beschäftigten). Der Beruf des Musikanten ragt aus der Aufzählung heraus, da er häufig romantisierend als anstrengungsfreie, nur lustbringende, Tätigkeit betrachtet wird.

- Zweifel an der Aufrichtigkeit der Roma: In dem Bericht wird eindeutig zweideutig die Frage aufgeworfen, ob die immigrierten Roma wohl nicht verstünden, dass ein Sozialstaat nicht funktionieren kann, wenn Leistungen nur empfangen und nicht erbracht werden (vgl. Gezer 2012: 43). Es wird in dem Zusammenhang auch beschrieben, dass das Anmelden beruflicher Selbständigkeit nur pro forma stattfindet, um in den Genuss von Sozialleistungen zu kommen, nicht aber um eigenes Einkommen zu erzielen.

Anhand der Beispiele, aber auch an der Gesamtform des Berichtes, lässt sich der hegemoniale Charakter dieser Konstruktion des Fremdmachens erkennen. Die Deutungshoheit liegt nicht bei den Betroffenen selber, sondern bei der Autorin, dem Leser oder anderen Personen, die im Bericht aufgeführt werden. Bei dem obig erwähnten „Bademantel-“Beispiel wird von der Autorin nicht versucht, das fremd erscheinende Verhalten zu erklären oder durch Roma selber erklären zu lassen. Stattdessen betont sie die Fremdhaftigkeit (drei Erwähnungen im Bericht!) mit der oben ausgeführten Wirkung. Überhaupt kommen kaum Roma selber in dem Bericht zu Wort kommen um über ihre Situation zu sprechen. Sie werden zu Statisten und Stichwortgebern degradiert, die mit Sätzen wie „Angela, du bist die Mama Europas, wir lieben dich“ oder „Ich will auch eine eigene Küche. Und eine Toilette. Bring mich endlich nach Berlin“ zitiert werden. Grundsätzliche Ansichten der Betroffenen selber oder von ihren Interessensverbänden, wie z.B. dem Zentralrat Deutscher Sinti und Roma, kommen in dem Bericht nicht vor. Stattdessen darf sich ein jovialer Quartiersmanager der Wohnungsgesellschaft in dem Bericht ausbreiten und über „seine Roma“ sprechen, als habe ihn ein Eingeborenenstamm zu ihrem Häuptling gemacht.

Wie kommt es also, dass der Bericht bei oberflächlicher Betrachtung als objektive Beschreibung eines gesellschaftlichen Phänomens daherkommt und er bei näherer Betrachtung vor (nicht immer leicht zu erkennenden) Linien der Aus- und Abgrenzung strotzt?

Ich denke, dieses Phänomen kann, ausgehend von meinem eigenen Erkenntnisweg, sehr gut mithilfe des hermeneutischen Textverständnisses erklärt werden. Die Gliederung dieses Essays in Leserunden (wiederholte Lektüre des Berichtes nach Erweiterung des Hintergrundwissens durch Sekundärliteratur) versucht, diesen Vorgang anschaulich und nachvollziehbar darzustellen:

Vor dem Hintergrund meines bescheidenen Hintergrundwissens zu der Gruppe der Sinti und Roma habe ich den Text gelesen und verstanden. Die oben beschriebenen Ausgrenzungsdichotomien wurden ja im Text nicht ausformuliert, sondern in meinem Kopf zusammengesetzt: Bademantel->arbeitsfaul <-> „normale Kleidung“-> berufstätig. Ich bekomme in dem Bericht aber kaum weiterführendes Wissen, das mir helfen könnte, ein tieferes Verständnis für die Situation der beschriebenen Roma zu entwickeln. Vielmehr scheint er nur Vorurteile zu bestätigen, von denen ich selber nicht wusste, dass ich sie pflege. Ein weitergehendes Verständnis im Sinne des hermeneutischen Zirkels erscheint also erst einmal schwierig und wird mir schlussendlich erst durch Sekundärliteratur möglich. Wie im Einstieg dieses Essays bereits erwähnt, regte sich ein leichtes Unbehagen in mir nach der Lektüre des Berichts, trotz oder gerade wegen dessen Glattheit und Bruchlosigkeit. Ausschlaggebend für mich, mithilfe anderer Literatur einen genaueren Blick auf die Gruppe der Sinti und Roma zu nehmen, war mein vortextliches Wissen über deren Verfolgung und versuchte Vernichtung im Dritten Reich. Der Bericht kommt aber ohne historische Kontextualisierung aus und knüpft gerade deshalb, so meine Theorie, ungefiltert an das kollektive Gedächtnis seiner Leser an. Wobei das kollektive Gedächtnis hier, im Anschluss an Astrid Erll, einen weiten Begriff darstellt:

„Das `kollektive Gedächtnis` ist ein Oberbegriff für all jene Vorgänge organischer, medialer und institutioneller Art, denen Bedeutung bei der wechselseitigen Beeinflussung von Vergangenem und Gegenwärtigem in soziokulturellen Kontexten zukommt.“ (Erll 2005: 5f)

Die unerfreuliche Folge, dass vor allem einseitig negative Klischees ausgelöst werden, spricht Bände über die Verzerrtheit der deutschen Erinnerungskultur in Bezug auf die Sinti und Roma.

Man stelle sich nur einmal vor, der besprochene Bericht handle nicht von immigrierenden Roma, sondern z.B. spätaussiedelnden Deutsch-Russen jüdischen Glaubens. Kaum vorstellbar, dass hier nicht schon im Text selber der Holocaust als historischer und die Situation Deutsch-Stämmiger in den Ländern der ehemaligen UdSSR als gesellschaftlicher Kontext erwähnt würden. Selbst wenn dies nicht geschehen würde, der Bericht also ähnlich frei von komplexen Bezügen schwebend wie der vorliegende wäre, ist davon auszugehen, dass die beschriebenen Ausgrenzungsmechanismen weniger leicht verfangen würden, da die Erinnerungen an die Judenverfolgung in der NSZeit viel stärker im Kollektiven Ged ä chtnis (dieser Begriff wird im Folgenden noch begründet) verhaftet sind, als jene der Romaverfolgung.

Ich möchte an dieser Stelle die oben bemängelte Kontextualisierung des SPIEGEL- Berichtes nachholen und einen kurzen geschichtlichen Abriss über die Sinti und Roma darlegen:

Die ersten Wanderungsbewegungen von Vorfahren der heutigen Sinti und Roma in Europa werden von Kenrick bis vor Christi Geburt angegeben (vgl. Kenrick 1998: 3). Arbeitsmigranten zieht es in der Zeit von 224 bis 642 n.Chr aus Indien, welches zu der Zeit von Persien besetzt wurde, nach Persien. Unter ihnen sind vor allem Bauern, Söldner, Händler, Sekretäre und Buchhalter (vgl. Kenrick 1998: 44). Die Wanderung erfolgt in mehreren Gruppen mit ähnlichen Sprachen und der gleichen Religion, dem Hinduismus. Dadurch entsteht die ethnische Gruppe der Dom. Später wird aus Dom die Bezeichnung Rom. Im Laufe der Zeit und weiterer Migration westwärts vermischen sich die traditionellen Lebensweisen der Rom mit denen ihrer Gastländer. So werden Traditionen und Begriffe aus dem Hinduismus und Christentum verschmolzen. Der Begriff „tru-shul“ z.B. stand ursprünglich für den Dreizack des Gottes Shiva, wird aber später auch für das christliche Kreuz verwandt. (Vgl. Kenrick 1998: 16)

Viele der Migranten sind auch Musiker und Tänzer, die wegen ihres Talents, aber auch wegen ihres, im Vergleich zu einheimische Musikanten, geringen Lohnes beliebt sind. Diese Menschen leben als Nomaden. Nachdem Persien von den Arabern im Jahr 642 n.Chr. eingenommen wird, arrangieren sich die meisten indischen Einwanderer mit den neuen Herrschern. Einige Familien aber werden von den neuen Herrschern aus Vorsicht, da sie als unzuverlässig gelten, nach Antiochien, eine Stadt am Mittelmeer in der heutigen Türkei, verbracht. Antiochien wiederum wird gegen 900 n.Chr. von den Griechen eingenommen und gehört damit zum byzantinischen Reich, welches sich von Asien bis Osteuropa erstreckt (vgl. Kenrick 1998: 36).

Dadurch wird die weitere Wanderung der Rom in Richtung Westen erleichtert. Die nächste Reisebewegung führt ab 1050 n.Chr. nach Konstantinopel. Es wird berichtet, dass sich die Roma dort als Schlangenbeschwörer, Bärenführer, Tierärzte, Wahrsager und Zirkuskünstler verdingen. Von dort geht es über den Bosporus und über Armenien weiter Richtung Europa, aber auch zur Arabischen Halbinsel, nach Ägypten und Afrika. 1407 werden die ersten Roma in Deutschland, Hildesheim urkundlich festgestellt. (Vgl. Kenrick 1998: 46ff.)

In den folgenden Jahren wandern diese Roma umher und werden in den Aufzeichnungen verschiedener Städte erwähnt. Häufig wird berichtet, dass sie mit Zaubereien, Kunststücken, Kartenlegen und Handlesen ihren Lebensunterhalt bestreiten. An vielen Orten, an denen die „Zigeuner“ eintreffen, versucht man sie möglichst schnell wieder loszuwerden. So werden sie 1463 von der Stadt Bamberg mit Geschenken dafür bedacht, dass sie im Gegenzug versichern, außerhalb der Stadtmauern zu lagern. Einem Freibrief des damaligen Königs Sigismunds, welcher ihnen Gnade und Unterstützung garantieren soll, wird nur selten Folge geleistet. (Vgl. Hohmann 1988: 13ff.)

Richtig unangenehm wird es dann ab der Jahrhundertwende zum 16. Jahrhundert. Der Schutzbrief von Sigismund wird 1496 für ungültig und die „Zigeuner“ für vogelfrei erklärt. Sie gelten als Spione der Türken und stehen in Verdacht, Unglauben und Krankheiten zu bringen. Die damalige Sicht auf „Zigeuner“ lässt sich an folgendem Zitat des Theologen Sebastian Münster erkennen, welches seinem, erstmals 1544 erschienenen, Werk „Cosmographia universa“ entnommen ist:

„[Die Zigeuner sind ein]ungeschaffen, schwarz, wüst und unflätig Volk, das sonderlich gern stiehlt […]kann viel Sprache und ist dem Bauersvolk gar beschwerlich. Wann die armen Dorfleut im Feld sind, durchsuchen sie ihre Häuser und nehmen, was ihnen gefällt. Ihre alten Weiber ernähren sich mit Wahrsagen, und dieweil sie den Fragenden Antwort geben, wieviel Kinder, Männer und Weiber sie werden haben, greifen sie mit wunderbarlicher Behändigkeit Ihnen zum Seckel oder zu der Taschen und leeren sie, daß es die Person, deren solches begegnet, nicht gewahr wird“ (Münster 1628: 603) Durch die erklärte Vogelfreiheit kann jedermann einen „Zigeuner“ auf seinem Grund und Boden straffrei töten. 1551 wird dazu im Reichstag beschlossen, dass alle „Zigeuner“ das Land zu verlassen haben und ihre Dokumente ab sofort ungültig seien: Dies ist die erstmalige Anwendung einer Strategie aus Vernichtung und Ausweisung, welche noch häufiger zum Einsatz kommen wird. (Vgl. Hohmann 1988: 16f.) Trotz dieser mehr oder weniger offenen Feindseligkeit wandern im 17. Jahrhundert weiterhin „Zigeuner“-Gruppen in deutsche Länder ein und reisen dort umher. Sie geben häufig, mit wechselnden Geschichten und Begründungen, an, auf christlicher Pilgerfahrt zu sein oder aus Gründen der religiösen Sühne zu reisen. Je nach Gruppe scheinen sie damals unterschiedliche Berufe auszuüben. Viele von ihnen gehen, neben den bereits erwähnten Zaubereien und Gaukeleien, dem Schmiedehandwerk nach oder sind paramilitärisch organisiert. Letztere Gruppen nehmen als Söldner z.B. am Dreißigjährigen Krieg teil. (Vgl. Hohmann: 18f.)

Nachdem sie während des Krieges geduldet werden und sich im Kampf beweisen, stellt sich bereits kurz nach Ende der Kämpfe 1648 der Vorkriegszustand aus Verfolgung und Vertreibung wieder ein und wird gegen Ende des Jahrhunderts noch verschärft (vgl. Hohmann 1988: 20). Immer weitere Verordnungen, Zigeunergesetze und -befehle werden erlassen, welche die „Zigeuner“ und ihre nomadische Lebensweise zusehends kriminalisieren und dazu führen, dass sich einheimische Bettler, Diebe, Mörder und andere Vogelfreie ihnen anschließen. Es grassieren Gerüchte, dass diese Einheimischen mithilfe „schwartzer Salbe“ den Zigeunern ähnlich werden sollen. Gemeinsam sollen sie deutsche Kinder stehlen, die sie ebenfalls mithilfe dieser Salbe zu Zigeunern machen um sie dann an die Türken zu verkaufen (Der Verdacht, dass die „Zigeuner“ türkische Spione seien, besteht weiterhin). (Vgl. Hohmann 1988: 21ff.)

Die christlichen Beweggründe, welche die „Zigeuner“ häufig als Grund für ihr Nomadentum angeben, werden nicht mehr geglaubt und führen zu religiösen Schauergeschichten (z.B. seien sie im Pakt mit dem Teufel) und noch stärkerer Abneigung unter der Bevölkerung (vgl. Hohmann 1988: 26).

Ab Anfang des 18. Jahrhunderts beginnt eine noch größere Leidenszeit der „Zigeuner“. Mehrere reichsdeutsche Länder vereinbaren einheitliche „Zigeuner“-Gesetze, welche „Zigeunern“ massive Strafen allein für das Betreten des Landes androhen. So z.B. die 1711 zwischen Kursachsen und den Herzoglich-Sächsischen Landen beschlossenen Maßnahmen: Beim ersten Betreten des Landes: Brandmarkung, zweites Betreten: Galgen. „Zigeuner“ sollen durch Brandmarken, abgeschnittene Ohren und andere Foltermethoden vertrieben und physisch stigmatisiert werden. (Vgl. Hohmann 1988:

[...]

Ende der Leseprobe aus 31 Seiten

Details

Titel
Annäherung an (m)ein Vorurteil: Roma, Zigeuner. Wer lebt da in unserer Mitte?
Autor
Jahr
2017
Seiten
31
Katalognummer
V385394
ISBN (eBook)
9783668599581
ISBN (Buch)
9783668599598
Dateigröße
15903 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
roma, spiegel, migrationspädagogik, phänomen, ressentiments, annäherung, vorurteil
Arbeit zitieren
Timo Bleckwedel (Autor), 2017, Annäherung an (m)ein Vorurteil: Roma, Zigeuner. Wer lebt da in unserer Mitte?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/385394

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