Selbstverletzendes Verhalten im Kindes- und Jugendalter. Die Wirksamkeit der Dialektisch-behavioralen Therapie (DBT-A)


Bachelorarbeit, 2016
56 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Methodisches Vorgehen

3 Selbstverletzendes Verhalten
3.1 Definition und Klassifikation von selbstverletzendem Verhalten
3.2 Störungsbilder und Erkrankungen
3.3 Ätiologie
3.4 Unterteilung von selbstverletzendem Verhalten nach Favazza und Rosenthal (1993)
3.5 Symptomatik
3.6 Methodik des selbstverletzenden Verhaltens

4 Borderline-Persönlichkeitsstörung (BPS)
4.1 Definition und Klassifikation einer BPS
4.2 Ätiologie
4.3 Epidemiologie
4.4 Diagnostik
4.5 Therapie
4.6 Pflegerische Schwerpunkte

5 Dialektisch-behaviorale Therapie für Adoleszente (DBT-A)
5.1 Aufbau und Inhalte der DBT-A

6 Skillstraining
6.1 Was versteht man unter Skills und wie werden sie vermittelt?
6.2 Skillstraining unter ambulanten Bedingungen
6.2.1 Strukturelle Aspekte
6.3 Die fünf Module des Skillstrainings
6.4 Spannungskurve und Skills

7 Ergebnisse

8 Diskussion

9 Resümee

10 Kritische Würdigung

11 Literaturverzeichnis

12 Anlagen
12.1 Behandlungsvertrag (Non-Suizid)
12.2 Beschreibung der Anspannung
12.3 Zugangskanäle und Anspannung
12.4 Freeman et al., 2015 (Übersicht)

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Ausschlusskriterien

Tabelle 2: Störungsbilder Und Erkrankungen

Tabelle 3: Unterteilung von SvV nach Favazza und Rosenthal 1993

Tabelle 4: Zugangskanäle und Bsp. für Skills

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abstract (deutsch)

Das Ziel der vorliegenden Bachelorarbeit war es, die Dialektisch-behavioralen Therapie auf die Wirksamkeit und Reduktion von selbstverletzendem Verhalten im Kindes- und Jugendalter zu überprüfen. Im ersten Teil wird daher der Begriff des selbstverletzenden Verhaltens und das Krankheitsbild der Borderline-Persönlichkeitsstörung näher beschrieben. Im zweiten Teil wird die DBT-A mit ihren Strukturen und ihren Zielen kurz benannt, wobei im Folgenden das Skillstraining näher skizziert wird. Im letzte Teil wurde mit Hilfe einer Literaturrecherche und den Einbezug eines Reviews von 6 Studien und, unter Berücksichtigung einer weiteren Studie festgestellt, dass die Dialektisch-behaviorale Therapie eine Reduktion von selbstverletzendem Verhalten erzielen kann.

Abstract (englisch)

The aim of this bachelor thesis was to examine the dialectical-behavioral therapy on the efficacy and reduction of self-harming behavior in childhood and youth age. In the first part, therefore, the concept of self-injury and the clinical picture of borderline personality disorder is described in detail. In the second part the DBT-A is named shortly with their structures and their locations, which hereinafter the Skills Training is outlined in more detail. In last part was by means of a systematic literature search and the inclusion of a review, determined in consideration of 6 studies and another study that dialectical behavior therapy can achieve a reduction of self-harming behavior.

1 Einleitung

Selbstverletzendes Verhalten zieht besonders dann Aufmerksamkeit auf sich, wenn ein suizidaler Hintergrund vermutet wird oder eine schwerere Selbstverletzung entstanden ist, beispielsweise die Amputation eines Körperteils. Im klinisch- psychiatrischen Bereich bekamen „leichte“ Selbstverletzungen daher wenig Beachtung und erst in den letzten Jahren wurde die Behandlungsbedürftigkeit von „selbstverletzendem Verhalten“ erkannt. Bis lang gibt es wenig empirische Forschungen, die sich mit dem Phänomen des selbstverletzenden Verhaltens und deren Therapieansätzen beschäftigen. Auch in der Literatur gibt es keine einheitliche Definition des Begriffes des „selbstverletzenden Verhaltens“.

Selbstverletzendes Verhalten ist besonders im Bereich der Kinder- und Jugendpsychiatrie ein häufig vorkommendes Krankheitsbild. Eine genaue Prävalenz zu nennen erweist sich jedoch als Schwierig, da es kaum offizielle Statistiken zu diesem Krankheitsbild gibt, wie es beispielsweise bei Suizidversuchen der Fall ist. Zudem schwanken die erfassten Prävalenzdaten der jeweiligen Studien zwischen 2,6 % und 37,2 % der befragten Kinder und Jugendlichen. Dies kann zum einen an den unterschiedlichen Jahren der durchgeführten Studien liegen, sowie an den Unterschieden der befragten Bevölkerungsgruppen (beispielsweise an der Angehörigkeit der Nationalitäten oder psychosozialen Schichten). Aber auch die verschiedenen, zugrundeliegenden Definitionen vom selbstverletzenden Verhalten, die zum Erstellen der Fragebögen herangezogen wurden, können dazu führen, dass die Ergebnisse so starke Schwankungen aufweisen (vgl. Kaess, 2012, 35, 36, 37). Zudem scheint auch hier die Dunkelziffer hoch zu sein.

Selbstverletzendes Verhalten wird jedoch am häufigsten bei Störungen der Emotionsregulation beschrieben. allem voran wird hier die Borderline-Persönlichkeitsstörung als definierende Erkrankung bei selbstverletzendem Verhalten genannt (vgl. Schmiedgen Nitzschke, Schädle-Deininger & Schoppmann 2014). Daher beschäftigt sich diese Bachelorarbeit zunächst mit dem Symptom des selbstverletzenden Verhaltens, wie SvV definiert wird und damit, welche Arten von selbstverletzendem Verhalten es gibt. Welche Krankheitsbilder diese Symptomatik aufweisen können, welche Funktion das selbstverletzende Verhalten hat und, wie die Selbstverletzungen durchgeführt werden. Im Folgenden wird sich mit dem Krankheitsbild der Borderline-Persönlichkeitsstörung auseinandergesetzt. Da, wie bereits erwähnt, dieses Krankheitsbild häufig das Symptom des selbstverletzenden Verhaltens aufweist. Ein weiteres Kapitel beschäftigt sich mit der Dialektisch behaviorale Therapie für Adoleszente. Im Rahmen dieser Arbeit wird die DBT-A kurz in ihrem Ablauf, ihren Rahmenbedingungen und ihren Zielen beschrieben. Der Schwerpunkt liegt hier auf dem Skill lärt werden. Das letzte Kapitel beschäftigt sich mit der Wirksamkeit der DBT-A bei selbstverletzenden Verhalten, der an den Rahmen einer Bachelorarbeit angepasst wurde. Den Abschluss setzen das Resümee und die kritische Würdigung, in denen sich noch einmal konkret mit den Ergebnissen und dem Vorgehen auseinandergesetzt wird.

2 Methodisches Vorgehen

Ziel meiner Arbeit ist es, selbstverletzendes Verhalten im Kindes-und Jugendalter näher zu bearbeiten, der Schwerpunkt wurde dabei speziell auf das Krankheitsbild der Borderline- Persönlichkeitsstörung gesetzt. Hierbei soll besonders die Dialektisch-behaviorale Therapie für Adoleszente, mit Hilfe einer Literaturrecherche, auf ihre Wirksamkeit geprüft werden. Die Beschreibung der Therapie soll besonders durch das Fertigkeitstraining gekennzeichnet sein. Dies soll den Bezug und die Rolle der Gesundheits- und Krankenpflege, bei der Dialektisch-behavioralen Therapie von selbstverletzendem Verhalten, verdeutlichen.

Die Forschungsfrage, die daher im Weiteren bearbeitet wird lautet: „Kann die Dialektischbehaviorale Therapie für Adoleszente selbstverletzendem Verhalten im Kindes- und Jugendalter reduzieren?“

Zur Sichtung der Studienlage wurde zunächst einmal eine umfassende Recherche in den gängigen Datenbanken PsychINFO, Psyndex und PubMed durchgeführt. Publikationen zur Dialektisch-behavioralen Therapie wurden anhand der Suchbegriffe „dialectical behavior therapy for adolescents“ und „DBT-A“, ausfindig gemacht. Zur Spezifizierung wurden folgende Begriffe hinzugezogen „self-injury“ „self-harm“, self-injury behavior“ or „self-harm behavior“. Psyndex ergab hierbei 15 und PsychINFO 123 Ergebnisse. Daher wurden die Studien nach bestimmten Kriterien weiter selektiert:

Publikationszeitraum 2010-2016

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Psyndex wies durch die weitere Selektierung 8 und PsychINFO 37 Ergebnisse auf. Die Problematik bestand darin, Studien zu finden, die sich lediglich mit der Dialektisch- behavioralen Therapie für Adoleszente und nicht mit der Therapie für Erwachsene beschäftigen. Die Abstracts der Studien, die nach der Selektierung passten, wurden gelesen und nach ihrem Forschungsdesigne beurteilt. Im Rahmen der Begrenzten Zeit die für die Bachelorarbeit zur Verfügung steht und der benötigten Zeit zur Beschreibung und

Auseinandersetzung mit den Krankheitsbildern und der eigentlichen Therapie, habe ich mich für ein Review von K. R. Freeman, S. James, K. P. Klein, D. Mayo und S. Montgomery, mit dem Titel: „Outpatient Dialectical Behavior Therapy for Adolescents Engaged in Deliberate Self-Harm: Conceptural and Methodological Considerations“ entschieden. Dieses Review berücksichtigt 6 Studien, wobei ich die Studie von A. J. Tørmoen, B. Grøholt, E. Haga, A. Brager-Larsen, A. Miller, F. Walby, B. Stanley und L. Mehlum mit dem Titel: „Feasibility of Dialectical Behavior Therapy with suicidal and Self-Harming Adolescents with Mulit-Problems: Training, Adherence, and Retention“ zusätzlich gelesen habe und weiter Daten hinzugezogen wurden. Eine weitere Studie die für die Beantwortung der Forschungsfrage gelesen und beschrieben wurde war „New research: Dialectical Behavior Therapy Compared with Enhanced Usual Care für Adolescents With Repeated Suicidal and Self-Harming Behavior: Outcomes Over a One-Year Follow-Up“, von L. Mehlum, M. Ramberg, A. J. Tørmoen, E. Haha, L. M. Diep, B. H. Stanley, A. L. Miller A. M. Sund und B. Grøholt. Die dort beschriebenen Erkenntnisse und gewonnen Daten wurden von mir zusammengefasst und sind in meiner Ergebnissenbeschreibung wiederzufinden.

3 Selbstverletzendes Verhalten

Selbstverletzendes Verhalten hat in verschiedenen Kulturen einen festen Bestandteil und dient dort beispielsweise der Aufnahme in die Gruppe der Erwachsenen. Dies hat in der Regel einen rituellen Hintergrund, der sozial angesehen ist, wobei die Jugendlichen einer bestimmten Altersgruppe festgelegte Verletzungen des eigenen Körpers billigend in Kauf nehmen. Auch in unserer Gesellschaft gehören Tätowierungen und Piercings vermehrt zum Schönheitsideal der Jugendlichen, jedoch ist diese Art des Körperschmucks auch unter dem Begriff des selbstverletzenden Verhaltens anzusiedeln. (vgl. Kaess, 2012)

Mit dieser Art oder Formen der Selbstverletzung wird sich im Folgenden jedoch nicht beschäftig, da es hier um das Krankheitsbild des selbstverletzenden Verhaltens gehen soll.

3.1 Definition und Klassifikation von selbstverletzendem Verhalten

Definition

„Selbstverletzendes Verhalten ist eine funktionell motivierte, direkte und offene Verletzung des eigenen Körpers, die nicht sozial akzeptiert ist und ohne Suizidabsicht vorgenommen wird.“ (Kaess, 2012, 21)

Selbstverletzendes Verhalten wurde zum ersten Mal von Meninger im Jahre 1938 versucht zu definieren. Seitdem findet man in der Literatur eine Vielzahl an Definitionen für selbstverletzendes Verhalten. Eins haben jedoch viele der Definitionen gemeinsam, dass selbstverletzendes Verhalten ohne suizidalen Gedanken durchgeführt wird (vgl. Kaes, 2012). Zudem sind die Selbstverletzungen gegen den eignen Körper gerichtet, sowie die Tendenz dieses Verhalten zu wiederholen, ohne dem Ziel sich das Leben zu nehmen (vgl. Fleischhaker & Schulz, 2011).

Klassifikation

Eine eigenständige Klassifikation für selbstverletzendes Verhalten findet man in der Literatur nicht, es wird nicht als Diagnose, sondern als eine Verhaltensweise, die in der Regel einem komplexen Störungsbild zugrunde liegt, definiert. Dieses Störungsbild kann durch verschiedenste psychiatrische Erkrankungen ausgelöst werden, die vermehrt in der Kinder- und Jugendpsychiatrie zu finden sind. Gebräuchliche Klassifikationen subsumieren selbstverletzendes Verhalten jedoch. 307,3; DSM-IV bezeichnet eine stereotype Bewegungsstörung mit Selbstverletzung, F98.4; ICD-10 differenziert zwischen einer stereotypen Bewegungsstörung mit und ohne Selbstverletzung (vgl. Fleischhaker & Schulz, 2011).

3.2 Störungsbilder und Erkrankungen

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(Fleischhaker & Schulz, 2011, 349)

3.3 Ätiologie

Bei der Entstehung von selbstverletzendem Verhalten wird nicht eine alleinige Ursache genannt, es wird vielmehr davon ausgegangen das es multifaktorielle Ursachen hierfür im Kindes-und Jugendalter gibt. Es wird von wahrscheinlich genetisch vorhandenen Ursachen, sowie traumatischen Kindheitserlebnissen ausgegangen. Diese können von unterschiedlichster und schlimmster Ausprägung sein, oder einem invalidierenden Erziehungsstil mit emotionaler Vernachlässigung, ausgegangen. Die aktuell vorhandenen Problematiken die der Patient/ Betroffene in diesem Moment mitbringt, müssen hierbei mitberücksichtigt werden. Diese können unterschiedlichster Art sein und unterschiedlich dramatisch wahrgenommen werden (vgl. Kaess, 2012).

Die Heidelberger Schulstudie (2004/2005) zeigt z.B. das 11,3% der Befragten Schüler sich mehr als dreimal pro Jahr selbstverletzen, wenn sie oft in der Schule gemobbt werden (vgl. Kaess, 2012, 70).

3.4 Unterteilung von selbstverletzendem Verhalten nach Favazza und Rosenthal (1993)

Begrifflichkeit: Definition:

Major Self-Mutilation Bezeichnet eine eher seltene Handlung, ist jedoch eine schwere Form der Selbstschädigung und Verstümmelung. Es kann in Form von Enukleation (Entfernung eines Teiles des Gewebebereiches), Amputation und sogar Kastration auftreten. Dies tritt häufig bei Menschen mit Psychosen oder Drogenintoxikation auf und ist ein eher seltenes Bild der Selbstverletzung.

StereotypicSelf- Tritt häufig im Rahmen einer geistigen Behinderung auf und zeigt Mutilation sich mit ritualisierten, stereotypen Verhaltensmustern. Es zeigt sich eher keine symbolische Bedeutung.

Superficial or Häufigste auftretende Form bei Jugendlichen, oftmals in Moderate Self- Verbindung mit Störungen des Sozialverhaltens, instabilen Mutilation Persönlichkeitsstörungen vom Borderline-Typ, neurotischen Störungen und Essstörungen. Es äußert sich mit Schneiden, Ritzen oder anderem verletzenden Verhalten dem eignen Körper gegenüber, wobei diese Form nicht selten einen demonstrativen Charakter mit sich trägt.

(vgl. Fleischhaker & Schulz, 2011, 50)

Synonyme aus dem deutschsprachigen Raum

Synonyme die im deutschsprachigen Raum oftmals für selbstverletzendes Verhalten genutzt werden wären selbstdestruktives Verhalten, selbstbestrafendes Verhalten, autoaggressives Verhalten, Automutilation, masochistisches Verhalten oder Selbstverstümmelung (vgl. Fleischhaker & Schulz, 2011).

3.5 Symptomatik

Selbstverletzendes Verhalten im Kindes- und Jugendalter kann sich durch verschiedene Symptome/ Erscheinungsformen äußern. Beispiele hierfür wären, sich selbst gegen den Kopf schlagen, sich beißen, sich kratzen, sich selbstständig Stich- oder Schnittverletzungen zufügen, sich Verbrennen, sich bewusst Quetschungen zufügen, eigene Haare ausreißen (Trichotillomanie), sogar das Bohren in Augenhöhle und Körperöffnungen sind mit die am häufigsten auftretenden Formen der Selbstverletzung. Andere Formen der Selbstschädigung können sich auch in der Pica-Symptomatik ausdrücken, dies bedeutet, dass Betroffene verschiedenste Substanzen zu sich nehmen, die eigentlich nicht zum Verzehr geeignet sind, oder sich in dem Krankheitsbild der Trichophagie, das bewusste Verschlucken der eigenen Haare, zeigen (vgl. Fleischhaker & Schulz, 2011). Ob und wie Betroffene ihre Verletzungen offen zeigen, hängt von den jeweiligen Personen ab. Es gibt Menschen die ihre Wunden offen ihrer Umwelt „präsentieren“ und sich selbst auch als „Cutter“ oder „Ritzer“ bezeichnen und es gibt Betroffene denen es unangenehm ist. Sie schämen sich für ihr selbstverletzendes Verhalten, führen dies im Verborgenen aus und versuchen es mit Hilfe von Kleidung zu verbergen. Die Ausprägung der jeweiligen Verhaltensmuster ist schwankend und kann auch in verschiedenen Phasen der Erkrankung anders ausgelebt werden (vgl. Kaess, 2012).

3.6 Methodik des selbstverletzenden Verhaltens

Typisch und Zielführend ist hier die gewollte und selbstzugefügte Verletzung des eigenen Körpers. Verletzungen dieser Art sind am häufigsten am linken Unterarm oder Handgelenk zu finden. Die vermehrt linksseitigen Verletzungen werden vermutlich durch die Rechtshändigkeit der Jugendlichen favorisiert. Oberarme und Oberschenkel sind auch oft genutzte Hautregionen des Körpers zur Selbstverletzung. Diese sind von den Betroffenen leicht zu erreichen und können mit Kleidung gut vor ihrer Umwelt versteckt werden. Jedoch können auch das Gesicht, der Bauch und der Genitalbereich Körperstellen darstellen, die vom selbstverletzenden Verhalten betroffen sind. Dies ist besonders bei der Diagnostik zu berücksichtigen, da Bauch und Genitalbereich ein intimer Teil des Körpers sind. Die von den Kindern- und Jugendlichen üblichste Verletzungsform ist das Ritzen, besonders bei Mädchen und jungen Frauen sind selbstzugefügte Schnittwunden eine typische Form der Verletzung. Hierzu werden vermehrt Rasierklingen genutzt, jedoch können auch Glasscherben, Zirkelspitzen, aufgeklappte Büroklammern, zerbrochene CDs und andere Spitze oder scharfe Gegenstände zur Selbstverletzung genutzt werden. Mit Hilfe von Instrumenten Bsp. Messern, spitzen Scheren oder sogar Skalpellen können schwerere Verletzungen zugefügt werden. Jegliche genutzten Werkzeuge, zur Hilfe der Selbstverletzung, werden von den Jugendlichen versteckt und gehortet, oftmals bewahren sie diese in einer von ihnen persönlich gestalteten Kiste auf. Die Schnittführung verläuft meist quer zur Längsachse des Unterarms, hier verlaufen die Schnitte in der Regel parallel zu anderen zugefügten Schnittwunden. Es können mehrere Schnittwunden gleichzeitig zugefügt werden, oder einzelne Schnitte neben bereits verheilten oder vernarbten Wunden (vgl. Kaess, 2012).

Funktion der Selbstverletzung

Zunächst ist zu sagen, dass selbstverletzendes Verhalten in der Regel einen impulsiven Charakter aufweist und von den Betroffenen nicht geplant vollzogen wird. In der Durchführung der Selbstverletzung lässt sich jedoch häufig ein ritualisierter und geplanter Ablauf nachweisen. Der Akt bis zur Selbstverletzung wird als Spannungsbogen beschrieben, wobei die Selbstverletzung als Gipfel benannt wird, wodurch der Spannungsbogen wieder abflachen kann. Das heißt, dass selbstverletzendes Verhalten oftmals durch externale Stressoren bei den Betroffenen, getriggert werden können diese sind meist zwischenmenschlicher Natur und werden subjektiv stark wahrgenommen. Patienten beschreiben die Gefühle vor der Selbstverletzung unterschiedlich, manche empfinden große Wut, Angst, Hoffnungslosigkeit, Hilflosigkeit oder Verzweiflung. Häufig wird beschrieben, dass sie das Gefühl haben, sich selber nicht mehr spüren zu können, sich völlig leer zu fühlen oder sogar das Gefühl zu haben, komplett neben sich zu stehen. Sie erleben es als eine Art von Entfremdung und wissen oftmals nichts mit diesen Gefühlen anzufangen, bzw. wie sie mit der Situation und diesem Gefühlschaos umgehen sollen. Es entsteht eine unerklärliche innere Anspannung vor der eigentlichen Selbstverletzung. Diese Gefühle werden häufig bei Patienten mit Defiziten in der Emotionswahrnehmung beschrieben. Sie nehmen sich häufig isoliert von Außenstehenden und ihrer Umwelt wahr und grenzen sich daher durch eine räumliche Trennung, während der Selbstverletzung, ab. Kaess (2012) gibt wieder, dass Resch (2001) den weiteren Verlauf selbstverletzenden Verhaltens als eine subjektive und narzisstische Fehlregulation von zuvor beschriebenen Gefühlen, vor der Selbstverletzung beschrieb. Die Betroffenen kennen keinen anderen Weg für die Bewältigung ihrer Gefühle, wodurch sie irgendwann gegen sich selber gerichtet werden und in selbstverletzenden Akten enden. Durch die Verletzung gegen ihren eigenen Körper gerichtet wird zunächst ein Gefühl der Entlastung wahrgenommen, die innere zuvor beschriebene Anspannung nimmt ab. Einige der Patienten beschreiben das der Teil der Selbstverletzung, dass sehen des fließenden Blutes der Entlastende sei. Andere wiederrum Empfinden den dadurch entstehenden Schmerz, sich selber spüren zu können, als entlastenden Teil. Jedoch empfindet ein Großteil der Patienten, kurz nach der Selbstverletzung, ein Gefühl der Scham und des Ekels sowie der Schuld. Hinzu kommen Ängste und Befürchtungen bezüglich entstehender Narben und den Reaktionen ihrer Umwelt auf ihr Verhalten (vgl. Kaess, 2012, 32-34).

Zusammenfassend lässt sich sagen das Patienten mit selbstverletzendem Verhalten oftmals nicht wissen, wie sie mit ihren Gefühlen und Ängsten umgehen sollen, sie fühlen sich häufig leer und missverstanden. Es entsteht eine innere Anspannung mit der sie nicht umgehen können, wobei innerhalb von kürzester Zeit die Entscheidung getroffen wird sich selbst zu verletzen. Die Handlung an sich wird meist ritualisiert durchgeführt, wodurch ein Gefühl der Entlastung entsteht und ihnen für einen kurzen Moment dabei Hilft bei sich zu sein. Nach kurzer Zeit entstehen aber wieder Ängste bezüglich der Reaktionen auf die Verletzung und dadurch entstehende Narben. Das heißt kurz gesagt, dass sich diese Patienten in einen Kreislauf von Anspannungen befinden der nur schwer zu durchbrechen ist. Besonders auf den ritualisierten Ablauf bei der Selbstverletzung muss ein Augenmerk bei der Therapie gesetzt werden, um den Betroffenen aus den Krisen helfen zu können.

Erleben aus der Sicht von Betroffenen

„„Ich spüre meine Haut dann gar nicht richtig. Die Schnitte tun überhaupt nicht weh. Dann sehe ich Blut, fühle es fließen und spüre, dass es warm wird. Das ist eine wohlige Wärme. Dann weiß ich und fühle ich, dass ich überhaupt lebendig bin…“

„Für mich ist es ganz klar eine Sucht. Ich habe sonst keine Möglichkeit, die Spannung, die Todesangst, die Panikattacken, das Zittern und Herzrasen zu stoppen,“

Nach der Schneiderei habe ich dann bemerkt, dass es mich entlastet, und dann habe ich weiter gemacht, immer, wenn ich in Spannung war. Das Blut beruhigt mich ein bisschen, ich habe das Gefühl mit den Dingen in Kontakt zu sein.““ (Sauter, 2011, 951)

Die obigen Zitate zeigen deutlich auf welche Gefühle, welche Intention und welche Not Betroffene, in der Situation des Selbstverletzens, haben. Sie machen deutlich, dass sie wie bereits beschrieben, häufig Todesängste durchleben und keinen anderen Ausweg kennen, als sich selbst zu verletzen.

Da die zuvor beschriebenen Verhaltensmuster besonders bei der BorderlinePersönlichkeitsstörung zu finden sind, beziehen sich die weiteren Themen auf dieses Krankheitsbild und ihre Therapie mit dem Schwerpunkt auf der Dialektisch-Behaviorale- Therapie für Adoleszenz (DBT-A).

4 Borderline-Persönlichkeitsstörung (BPS)

Die Persönlichkeit eines Menschen entwickelt sich von der Kindheit an über die Adoleszenz bis hin zum jungen Erwachsenenalter. Daher können sich, besonders während dieser Zeit, Persönlichkeitsstörungen entwickeln und manifestieren. Die Diagnose einer Persönlichkeitsstörung sollte jedoch nicht vor Abschluss der mittleren Adoleszenz, das heißt, vor dem 14. Lebensjahr gestellt werden. Zudem müssen vorher alle somatischen Ursachen, die eine Veränderung der Persönlichkeit auslösen können, abgeklärt werden. Jugendliche mit diesem Erkrankungsbild weisen problematische Verhaltensweisen in verschiedenen Bereichen auf. Gestört sind hier zumeist das Gefühlsleben, ihr Antrieb, ihre Impulskontrolle, ihre Wahrnehmungen, sowie ihr Denken und ihre sozialen Beziehungen. Zudem tritt bei 80% aller Fälle selbstverletzendes Verhalten in verschiedensten Formen auf, weshalb ein Schwerpunkt dieses Krankheitsbildes hier gesetzt wird (vgl. Preuß & Stümpfig, 2010, 226, 227, 229).

4.1 Definition und Klassifikation einer BPS

„Die Borderline-Persönlichkeitsstörung (BPS) zeichnet sich durch eine Störung der Affektregulation, der Impulsivität, der Kognition sowie einer Störung des interpersonellen Bereichs aus“ (Herpertz-Dahlmann & Simons, 2010, 328).

Klassifikation

Nach der ICD-10 gibt es acht verschiedene Krankheitsbilder von Persönlichkeitsstörungen. Die Borderline-Persönlichkeitsstörung gehört zu F60.3 der Emotional instabilen Persönlichkeitsstörung. Zu dieser Klassifizierung gehören zwei verschiedene Typen der Persönlichkeitsstörungen, einmal die des „impulsiven Typus“ und die des „BorderlineTypus“ (vgl. Preuß &Stümpfig, 2010).

4.2 Ätiologie

Beeinflussende Faktoren bei der Entstehung einer Persönlichkeitsstörung sind multidimensional zu betrachten, da es nicht nur einen Faktor gibt, der eine Persönlichkeitsstörung auslösen kann. Hierbei sind in Forschungsarbeiten, zu diesem Thema, besonders das Temperament und die Persönlichkeitseigenschaften zu beachten. Die Eigenarten und primären Gefühle die durch das Temperament geprägt werden, sind bereits im 1. Lebensjahr vorhanden. Ein „schwieriges Temperament“ wird diesbezüglich vielmals mit Hyperaktivitäts- und Sozialverhaltensstörungen, in Zusammenhang gebracht. Persönlichkeitsstile entwickeln sich bereits früh, jedoch lässt sich dadurch nicht schneller eine Persönlichkeitsstörung herleiten (vgl. Preuß & Stümpfig, 2010, 228).

Die Eltern-Kind-Beziehung wird hier jedoch als wichtiges Element, bei der Entwicklung der Persönlichkeit eines Kindes, angesehen. Sie, und Kindheitserfahrungen, werden nach heutigem Wissensstand, als wichtige Resilienz- oder Risikofaktoren, für die Entwicklung von Störungsbildern benannt. Der Erziehungsstil hat daher Einfluss auf die Entwicklung der Persönlichkeit und des Temperaments des Kindes. Welcher Erziehungsstil zur Vermeidung von Persönlichkeitsstörungen dient kann nach heutigen Forschungsstand jedoch nicht genannt werden (vgl. Preuß & Stümpfig, 2010).

Extreme Belastungen sowie traumatische Erfahrungen in der Kindheit können, auch Einfluss auf die Entwicklung der Persönlichkeit eines Kindes nehmen. Hierzu können physischer, psychischer oder sexueller Missbrauch, emotionale Vernachlässigung oder Gewalterfahrungen im Kindes- und Jugendalter, zählen. Bei Betroffenen einer Borderline- Persönlichkeitsstörung weisen laut Statistik circa 40 bis 70% psychische Belastungen, ins besondere sexuellen Missbrauch, in ihrer Biografie auf. Das heißt das diese Art der Erfahrungen in der Kindheit einen großen Einfluss für die spätere Entwicklung einer Persönlichkeitsstörung nehmen kann, jedoch auch nicht eindeutig darauf hinweist, dass sie sich entwickeln muss. Für die Therapie bei Borderlinern ist dieser Hintergrund jedoch wichtig zu wissen, da es Einfluss auf die Behandlung und die Schwerpunktsetzung der Therapie nimmt (vgl. Herpertz-Dahlmann & Simons, 2010, 328 und Preuß & Stümpfig, 2010).

Psychisch gestörte und extrem belastete Eltern sind hier auch als Risikofaktor für die Entwicklung einer Persönlichkeitsstörung zu nennen. Sie spielen in der Forschung eine große Rolle, da es sich gezeigt hat, dass eine Alkohol- sowie Drogenproblematik und das vorhanden sein, von Symptomen einer Persönlichkeitsstörung bei Eltern, zu einer späteren Entwicklung einer Persönlichkeitsstörung, bei Kinder, führen kann. Jedoch muss auch dies nicht zwangsläufig zu dem genannten Krankheitsbild führen. Kinder mit diesen Lebensumständen können auch andere Wege entwickeln, mit dem Erlebten umzugehen und

Dies zu verarbeiten. Häufig suchen sich diese Kinder auch früh andere Personen, die sie als Vorbild nehmen und die ihnen eine emotionale Unterstützung bieten. Dadurch können sie ihr Risiko eigenständig minimieren (vgl. Preuß & Stümpfig, 2010).

Defizite in der sozialen Integration, können das subjektive Stresserleben erhöhen, z. B. Personen mit Migrationshintergrund und einer niedrigen Sprachkompetenz des neuen Lebensraumes, können davon betroffen sein. Hierdurch können die Risikofaktoren der Entwicklung einer Persönlichkeitsstörung erhöht werden. Gesicherte Zahlen gibt es jedoch nicht (vgl. Preuß & Stümpfig, 2010).

Die genetische Disposition erklärt, in einer Studie bei 69 % der Betroffenen, das Auftreten einer Borderline- Persönlichkeitsstörung. Weiterhin wurden bei 70 % der Betroffenen sexuelle Gewalterfahrungen und bei 40 % Vernachlässigung in der Kindheit, festgestellt (vgl. Preuß & Stümpfig, 2010, 229).

Zudem haben Befunde mit morphometrischen und funktionellen Bildgebungen eine Dysfunktion der thalamo-amygdalar-kortikaler Regelkreise festgestellt. Dies kann dazu führen, dass eine gesteigerte Sensibilität für Internale, das heißt gespeicherte Ereignisse, sowie neue Ereignisse und eine verzögerte „Löschung“ von negativen Affekten, vorhanden sein kann. Mehrere fMRI-Untersuchungen (Funktionelle Magnetresonanztotgraphie) haben eine Hyperreagilität der Amygdala auf emotionale Reize und eine verminderte Aktivierung inhibitorischer Regionen in Verbindung des anterioren Gyruscinguli gefunden. Des Weiteren haben endokrinologische Untersuchungen festgestellt, dass auch eine Störung der Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinden-Achse bei Patienten mit einer Borderline-Persönlichkeitsstörung zu finden sind (vgl. Herpertz-Dahlmann & Simons, 2010).

[...]

Ende der Leseprobe aus 56 Seiten

Details

Titel
Selbstverletzendes Verhalten im Kindes- und Jugendalter. Die Wirksamkeit der Dialektisch-behavioralen Therapie (DBT-A)
Note
2,0
Autor
Jahr
2016
Seiten
56
Katalognummer
V385482
ISBN (eBook)
9783668602151
ISBN (Buch)
9783668602168
Dateigröße
1436 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
DBT-A
Arbeit zitieren
Jasmin Duda (Autor), 2016, Selbstverletzendes Verhalten im Kindes- und Jugendalter. Die Wirksamkeit der Dialektisch-behavioralen Therapie (DBT-A), München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/385482

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Selbstverletzendes Verhalten im Kindes- und Jugendalter. Die Wirksamkeit der  Dialektisch-behavioralen Therapie (DBT-A)


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden