Erzähltextanalyse zu 'Das Leben und der Traum' von Maria Judite de Carvalho


Hausarbeit, 2004

19 Seiten, Note: 2


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Allgemeine Charakterisierung des Textes

2. Spontaneindruck

3. Analyse der Handlung
3.1. Entwicklung vom Anfangszustand zum Endzustand
3.2. Ereignishaftigkeit

4. Analyse der Figuren und ihrer Attribute
4.1. Analyse des Raumes

5. Analyse des Menschen- und Weltbildes

6. Analyse der symbolischen Bedeutung

7. Analyse der Erzählweise

8. Thema und Aussage

9. Resümee

Literaturverzeichnis

Anlagen
Glossar

1. Allgemeine Charakterisierung des Textes

Die mir vorliegende Kurzgeschichte „Das Leben und der Traum“ wurde von Maria Judite de Carvalho geschrieben und erschien 1964 in dem Buch „Moderne portugiesische Erzählungen“. In dieser Geschichte geht es um den von Fernweh getriebenen Bankkaufmann Abderito, der gerne nach Afrika ziehen würde. Eines Tages bekommt er die einmalige Chance dazu, lehnt dieses Angebot aber ab.

Leider konnte ich keine detaillierten Angaben zur Schriftstellerin in deutscher oder englischer Sprache finden. Informationen zu Maria Judite de Carvalho in portugiesischer Sprache sind im Internet nachzulesen[1].

2. Spontaneindruck

Bereits beim ersten Lesen des Textes fiel mir der außergewöhnlich starke Wunsch Abderitos nach einem anderen, erfüllteren Leben in einem fremden Land auf. Derzeit führt Abderito ein ödes Leben, das geprägt ist von Langeweile und Gewohnheiten („Jeden Sonntag zog er seinen besten Anzug an, den blauen, band die Geburtstagskrawatte um und ging zum Fußball“[2]), aus denen er gerne ausbrechen würde. Dass er dieses Leben an der Seite seiner Frau („ein armes hohles Persönchen“[3]) fristet, mit der er sich nicht einmal über seine Träume und Wünsche unterhalten kann, macht ihn nicht glücklicher. Er ist in seinem Beruf, in den er damals mit 13 Jahren von seinem Vater gedrängt wurde und in seinem Privatleben unzufrieden, so dass er nur noch für die Sonntage lebt, an denen er seinen Träumen von einem besseren Leben nachgehen kann. Nur auf dem Flugplatz oder am Hafen kommt er diesen Träumen ein kleines Stück näher.

Daher erscheint mir erklärungsbedürftig, warum Abderito nicht das Angebot des Bankdirektors annimmt und in das Land seiner Träume zieht („Weißt du, wo ich mich glücklich fühlen würde? In Afrika...“[4]). Abderito fühlt sich angeblich zu alt. So alt kann er aber doch noch gar nicht sein. Er steht noch mitten im Berufsleben und er wird sicherlich nicht ein Jahr bevor er in Rente geht, noch als Filialleiter in eine neue Geschäftsstelle entsendet. Außerdem kann man sich auch noch im fortgeschrittenen Alter seine Träume erfüllen.

Des Weiteren stellt sich mir die Frage, weshalb Abderito immer noch jeden Sonntag zum Flugplatz oder zum Hafen geht, wenn er für sich selbst schon erkannt hat, dass er seinen Traum nicht mehr verwirklichen kann? Das ist doch eine ungeheure Qual für ihn. Ist dieser Traum das Einzige, was ihn am Leben hält?

Zudem ist es mir unverständlich, warum Abderito nicht dazu bereit ist, seiner Frau ihren größten Wunsch, nämlich „Frau eines Geschäftsführers in einer Kolonialstadt“[5] zu sein, zu erfüllen. Möchte Abderito sie dafür bestrafen, dass er sie nicht mehr liebt? Aber dann könnte er auch allein nach Afrika gehen und dort seinen Lebensabend so verbringen, wie er es sich schon immer erträumt hat. Befreit von alledem, was ihm solange Kummer bereitet hat.

3. Analyse der Handlung

3. 1. Entwicklung vom Anfangszustand zum Endzustand

Der Anfangszustand besteht darin, dass die Hauptperson dieser Geschichte, Abderito, dem Leser vorgestellt wird. Abderito arbeitet in einer Bank und ist dabei „sehr eifrig, sehr ernst, (und) sehr begierig darauf bedacht, seine Pflicht zu erfüllen“[6]. Er findet schon seit längerer Zeit keinen Gefallen mehr an seiner Arbeit („Seine Arbeit gefiel ihm. Gefiel sie ihm tatsächlich? Nein, in Wirklichkeit konnte er einfach nicht anders.“[7]). Abderito ist jedoch nicht nur in seinem Beruf unzufrieden, sondern auch mit seiner Ehe. Jedes Wochenende verläuft gleich und es passiert nichts Außergewöhnliches mehr. Alles ist vorhersehbar. Abderito belastet es auch sehr, dass er sich seiner Frau nicht mitteilen kann. Zumindest geht er davon aus, dass sie ihn und seine Fantasien nicht verstehen würde, weil sie in seinen Augen nämlich „ein armes hohles Persönchen“[8] ist.

Somit wird der problematische Anfangszustand dieser Geschichte schnell klar. Abderito hat keinen Spaß im Leben, weder beruflich, noch privat. Deshalb scheint es so, als würde er das Ziel verfolgen, aus diesem Leben auszubrechen.

Der Komplikationsträger[9] in dieser Geschichte ist Abderito, der nach dem ideellen Gut[10] „Freiheit“ strebt. Was es bedeutet frei zu sein und eigene Entscheidungen treffen zu können hat Abderito bisher kaum erlebt. Er hat bereits im Alter von 13 Jahren die Lehre begonnen, die sein Vater für ihn ausgesucht hat und war auch schnell in das „Räderwerk“[11] der Bank verstrickt. Auch im privaten Bereich hat Abderito seine Freiheit nie so recht ausgekostet („er lernte Frauen kennen – wenige – und heiratete“[12]). Das heißt, es besteht für Abderito ein Mangel[13] des Gutes, denn er weiß nicht, wie es ist, wenn man frei und keinen Zwängen unterworfen ist.

Die Faktoren[14] für den Zustand, in dem Abderito sich befindet, sind sowohl innerhalb als auch außerhalb der Hauptperson zu suchen. Wie ich bereits beschrieben habe, war schließlich Abderitos Vater damals derjenige, der den Grundstein für Abderitos (unglückliches) Leben gelegt hat, indem er ihm die Ausbildungsstelle in der Bank besorgt hat. Auch die Ehefrau von Abderito hat einen gewissen Anteil daran, dass er so ein ödes Dasein fristet. Sie ist ihm geistig offensichtlich unterlegen und sie fühlt sich zu Hause, im Gegensatz zu Abderito, sehr wohl („Du magst gern zu Haus bleiben“[15]). Sie kann ihm also nicht das bieten, was er sich wünschen würde. Im Text wird deutlich, dass Abderito aber auch noch nie das Gespräch mit seiner Frau gesucht hat. Er geht einfach davon aus, dass sie ihn sowieso nicht verstehen würde. Somit trägt er auch Mitschuld an seiner derzeitigen Lage. Er findet sich schnell mit allem ab, hinterfragt selten und ist „daran gewöhnt, die Unannehmlichkeiten des Lebens zu ertragen“[16]. Er hat keinen Ehrgeiz, und somit auch keinen inneren Antrieb, seine Wünsche und Träume in die Realität umzusetzen. Er scheint überhaupt nicht auf die Idee zu kommen, dass er der Einzige ist, der ihn aus dieser misslichen Lage befreien kann.

Zunächst dachte ich, dass Abderito die ganze Zeit das Ziel verfolgt, aus seinem eingeengten, vorbestimmten Leben auszubrechen. Beim mehrmaligen Lesen der Geschichte ist mir dann aber aufgefallen, dass er gar kein Ziel vor Augen hat. Abderito möchte gar nicht nach Afrika ziehen. Ansonsten hätte er wohl nicht das Angebot seines Chefs abgelehnt. Für Abderito besteht der Sinn des Lebens nicht darin, auf ein bestimmtes Ziel hinzuarbeiten, sondern einfach von einer besseren Zukunft zu träumen. Dies wird dem Leser am Ende des Textes klar („Vielleicht weil es Leute gab, die gleichzeitig träumten und lebten“[17]). Zu diesen Leuten gehört eindeutig Abderito.

Nun muss Abderito dabei zusehen, wie sein Kollege mit dem Schiff nach Afrika fährt. In das Land, von dem Abderito schon immer geträumt hat. Mit diesem Schiff fährt auch Abderitos letztes Fünkchen Hoffnung auf ein besseres Leben in einem fremden Land fort. Nun hat er keinen Traum mehr, für den es sich zu leben lohnt. Er „fühlte sich alt, fürchterlich alt. Und müde, sehr müde.“[18]. Leider wird in der gesamten Geschichte nie erwähnt, wie alt Abderito ist. An dieser Stelle wird für mich aber deutlich, dass Abderito lebensmüde ist. Er scheint mit seinem Leben abgeschlossen zu haben. Er hat also, wie ich es eingangs bereits formuliert habe, nur für diesen Traum gelebt.

Somit endet diese Geschichte mit einer negativen Auflösung[19], denn Abderito ist seinem Ziel, der Freiheit, kein Stück näher gekommen. Stattdessen empfindet er „eine große, eine ungeheure Qual“[20]. Die Gründe für diese empfundene Qual liegen aber eindeutig in der Hauptperson selbst. Abderito hätte die einmalige Chance gehabt, in Afrika zu leben und zu arbeiten, hat sich aber dagegen entschieden, weil er sich dafür zu alt fühlt. Er ist ein Mensch, der sich zufrieden gibt mit dem was er hat, und der vor dem Neuen und Unbekannten zurückschreckt. Er steht sich selbst im Weg.

3.2. Ereignishaftigkeit

Für mich gibt es in dieser Kurzgeschichte zwei Erwartungsbrüche, das heißt Ereignisse[21]. Ein Ereignis ist in der Mitte des Textes angesiedelt und das zweite, größere Ereignis am Ende der Geschichte. Als ich mir das erste Mal den Text durchlas, dachte ich für einen kurzen Moment, Abderito würde seine Frau betrügen. Es wird nämlich gesagt, dass er niemals seiner Frau sagen könnte, wo er schon seit Jahren die Sonntagnachmittage verbringt[22]. Dies löste in mir sofort die Vermutung aus, dass er sonntags seine Geliebte besucht. Dabei geht er nur zum Flughafen und zum Hafen und genießt die Atmosphäre dort. Somit liegt eine Abweichung vom script[23] vor. Der Leser greift hier auf sein Welt- und Handlungswissen zurück, und assoziiert die sonntäglichen Ausflüge mit einer heimlichen Liebesbeziehung. Das Bild der betrogenen Ehefrau ist in unserem Welt- und Handlungswissen fest verankert. Dieses Sequenz-Schema[24], auf das der Leser zurückgreift, wurde also außerhalb des Textes eingeführt.

Am Ende der Geschichte steht allerdings das viel größere Ereignis. Während des Lesens der Geschichte hat der Leser die ganze Zeit das Gefühl, dass Abderito sehr unglücklich ist und aus seinem Leben ausbrechen möchte. Da kommt ihm das Angebot des Bankdirektors ja anscheinend wie gerufen. Überraschend ist dann aber Abderitos Reaktion auf dieses Angebot. Anstatt es anzunehmen, lehnt er ab, obwohl er so für Afrika schwärmt. An dieser Stelle findet eindeutig ein Erwartungsbruch statt, also eine erneute Abweichung vom script. Der Leser geht davon aus, dass Abderito dieses Angebot annehmen wird. Wann hat man im Leben schon mal die Chance, dass einem ein Traum erfüllt wird? Und dann dieses Angebot nicht anzunehmen, widerspricht dem Welt- und Handlungswissen des Lesers vollkommen. Abderito handelt unerwartet und dies weicht vom Sequenz-Schema ab, welches intratextuell[25] aber auch extratextuell[26] eingeführt wurde. Intratextuell deswegen, weil der Leser während des Lesens die ganze Zeit das Gefühl hat, dass Abderito etwas an seiner Situation ändern will, wenn er nur die Chance dazu bekommt. Extratextuell, weil jeder Leser sicherlich Träume hat und sie sich erfüllen würde, sobald er die Möglichkeit dazu bekäme.

[...]


[1] vgl. www.leme.pt/biografias/portugal/letras/mariajudite.html

[2] De Carvalho, M.J.: Das Leben und der Traum. S.2, Z.49-50

[3] Ebd. S.3, Z.79

[4] Ebd. S.5, Z.131-132

[5] De Carvalho, M.J. : Das Leben und der Traum. S.5, Z.169-170

[6] Ebd. S.1, Z.11-12

[7] Ebd. S.2, Z.38-39

[8] Ebd. S.3, Z.79

[9] vgl. Van Dijk, Teun A.: Narrative Strukturen. S.141

[10] vgl. Stückrath, Jörn: Leitfaden zur Analyse und Interpretation von Erzähltexten. S.12 a2

[11] De Carvalho, M.J.: Das Leben und der Traum. S.1, Z.14

[12] De Carvalho, M.J.: Das Leben und der Traum. S.1, Z.28-29

[13] vgl. Stückrath, Jörn: Leitfaden zur Analyse und Interpretation von Erzähltexten. S.12 a3

[14] Ebd. S.12 c

[15] De Carvalho, M.J.: Das Leben und der Traum. S.4, Z.131

[16] Ebd. S.2, Z.44-45

[17] De Carvalho, M.J.: Das Leben und der Traum. S.5, Z.174-175

[18] Ebd. S.5, Z.180-181

[19] vgl. Stückrath, Jörn: Leitfaden zur Analyse und Interpretation von Erzähltexten. S.12 b

[20] De Carvalho, M.J.: Das Leben und der Traum. S.5, Z.184

[21] vgl. van Dijk, T.A.: Narrative Strukturen. S.141

[22] vgl. De Carvalho, M.J.: Das Leben und der Traum. S.2, Z.66-69

[23] vgl. Linke, Angelika, Nussbaumer, Markus, Portmann, Paul R.: Studienbuch Linguistik. S.235-236

[24] vgl. Schoett Seminarfolie. Ereignis. S.2

[25] Ebd. S.2

[26] Ebd. S.2

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Erzähltextanalyse zu 'Das Leben und der Traum' von Maria Judite de Carvalho
Hochschule
Universität Lüneburg
Veranstaltung
Einführung in die Literaturwissenschaft
Note
2
Autor
Jahr
2004
Seiten
19
Katalognummer
V38554
ISBN (eBook)
9783638375764
Dateigröße
515 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Erzähltextanalyse, Leben, Traum, Maria, Judite, Carvalho, Einführung, Literaturwissenschaft
Arbeit zitieren
Diana Wellige (Autor:in), 2004, Erzähltextanalyse zu 'Das Leben und der Traum' von Maria Judite de Carvalho, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/38554

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