Die Literaturverfilmung hat immer noch einen schweren Stand als eigenständiges Kunstwerk, als Medium, als Film. Die Gründe hierfür sind vielfältig. Zum einen dominiert in Teilen der Gesellschaft, insbesondere auch innerhalb der Literatur- und Filmwissenschaft, die Vorstellung, dass die Literaturverfilmung primär in Bezug zu ihrer literarischen Textgrundlage zu beurteilen sei. Zweifelsfrei gäbe es keine Literaturverfilmung ohne die dazugehörige Literaturvorlage, doch gleichzeitig ist die Literaturverfilmung auch ein eigenständiges filmisches Werk und als solches zu betrachten.
Diese Arbeit möchte sich jedoch nicht darauf beschränken, die Ehre der Literaturverfilmung als eigenständiges Kunstwerk innerhalb des Mediums Film zu verteidigen. Vielmehr soll auf den folgenden Seiten aufgezeigt werden, warum Literaturverfilmungen einen Gewinn für den Deutschunterricht darstellen. Dafür ist zunächst eine theoretische Auseinandersetzung mit der Beziehung zwischen Literatur und Film notwendig.
Nach einer Einführung in die Intermedialitätsforschung und der Vorstellung der verschiedenen Transformationstypen innerhalb der Literaturadaption, wird das zweite Kapitel sich auch mit den Ausdrucksmitteln von Literatur und Film beschäftigen. In diesem Zuge soll zum einen die im Raum stehende Kritik aufgegriffen werden, der Film und die Literaturverfilmung seien anspruchsloser für ihre Rezipienten als die Literatur, aber auch gezeigt werden, wie sich der Film im Vergleich zur Literatur ausdrücken kann. Darauf folgt schließlich die konkrete Verknüpfung zur Praxis und der Frage, wie und warum Literaturverfilmungen eine Bereicherung für den Deutschunterricht darstellen.
Im dritten Kapitel soll sodann die exemplarische vergleichende Analyse einer Sequenz aus Bernhard Schlinks „Der Vorleser“ und der gleichnamigen Verfilmung von Stephen Daldry erfolgen. Das theoretische Wissen, das im zweiten Kapitel erarbeitet wurde, soll hier, nach einer kurzen Einführung in beide Werke, fruchtbar gemacht und anhand einer ausgewählten Sequenz angewandt werden.
Inhaltsverzeichnis
1. EINLEITUNG
2. LITERATUR UND FILM – EINE SCHWIERIGE BEZIEHUNG?
2.1 ZUR ENTWICKLUNG VON LITERATURADAPTIONEN
2.2. ARTEN DER LITERATURADAPTION
2.3 WIE „SPRICHT“ DAS BUCH UND WIE DER FILM - LITERARISCHE UND FILMISCHE AUSDRUCKSMITTEL
2.4 LITERATURVERFILMUNGEN IM DEUTSCHUNTERRICHT: STATUS QUO UND ZIELVORSTELLUNG
2.5 EXKURS: MATTHIS KEPSERS MODELL „DER DOPPELTE FILM IM KOPF“
3. ANALYSE
3.1 „DER VORLESER“ VON BERNHARD SCHLINK
3.2 „DER VORLESER“ VON STEPHEN DALDRY
3.3 VERGLEICHENDE ANALYSE DER SEQUENZ „DER FAHRRADAUSFLUG“
4. FAZIT
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit zielt darauf ab, den Mehrwert von Literaturverfilmungen für den Deutschunterricht aufzuzeigen, indem sie die Literaturverfilmung als eigenständiges künstlerisches Medium rehabilitiert. Anhand einer theoretischen Fundierung durch die Intermedialitätsforschung sowie einer exemplarischen Sequenzanalyse von Bernhard Schlinks Roman "Der Vorleser" und dessen Verfilmung durch Stephen Daldry soll untersucht werden, wie beide Medienformen in einen produktiven Dialog treten können, der über eine rein kontrastive Inhaltsanalyse hinausgeht.
- Intermedialitätsforschung und mediale Transformation von Literatur zu Film
- Vergleich der Ausdrucksmittel von Literatur und Film
- Didaktische Konzepte zur Integration von Literaturverfilmungen im Deutschunterricht
- Analyse der narrativen und formalen Unterschiede zwischen literarischer Vorlage und Verfilmung
- Reflexion über Rezeptionsprozesse im Kontext von Prä- und Posttext-Erfahrungen
Auszug aus dem Buch
3.3 Vergleichende Analyse der Sequenz „Der Fahrradausflug“
Für die exemplarische Analyse des Adaptionsprozesses von Schlinks Romanvorlage hin zur Verfilmung des Vorlesers gibt es mehrere mögliche Herangehensweisen. Es wäre möglich, die gesamte Romanvorlage mit der gesamten Verfilmung zu vergleichen. Es würden sich hierbei unendliche Veränderungen, Verschiebungen und auch Gemeinsamkeiten feststellen lassen. Das andere Extrem wäre die Analyse einer einzelnen Szene. Im Falle dieser Arbeit soll der goldene Mittelweg genutzt werden und eine Sequenz vergleichend untersucht werden. Die gewählte Sequenz handelt vom Fahrradausflug, den Hanna und Michael gemeinsam unternehmen. Innerhalb des Romans ist die Sequenz im ersten Teil zu finden, auf den Seiten 51 bis 57. Im Film handelt es sich um einen viereinhalbminütigen Ausschnitt von Minute 29:28 bis 34:06.
Eingeleitet wird die Sequenz mit dem Verkauf von Michaels Briefmarkensammlung, durch welche er den mehrtätigen Fahrradausflug mit Hanna finanzieren möchte. Schlink bedient sich hier der bloßen Beschreibung mittels indirekter Rede und lässt den Protagonisten vom unemotionalen und sachlichen Verkauf seiner geliebten Sammlung berichten:
„Also bot ich meine Briefmarkensammlung im Briefmarkengeschäft bei der Heiliggeistkirche zum Verkauf. Es war das einzige Geschäft, das an der Tür den Ankauf von Sammlungen anzeigte. Der Verkäufer sah meine Alben durch und bot mir sechzig Mark. [...] Ich versuchte zu handeln. [...] Am Ende bekam ich siebzig Mark. Ich fühlte mich betrogen, aber es war mir gleichgültig.“
Zusammenfassung der Kapitel
1. EINLEITUNG: Die Einleitung beleuchtet das angespannte Verhältnis zwischen Literatur und deren Verfilmung im schulischen Kontext und skizziert das Ziel der Arbeit, Literaturverfilmungen als eigenständige Kunstwerke für den Unterricht zu legitimieren.
2. LITERATUR UND FILM – EINE SCHWIERIGE BEZIEHUNG?: Dieses Kapitel legt die theoretische Basis durch die Einführung der Intermedialitätsforschung und analysiert die fundamentalen Unterschiede in den Ausdrucksmitteln von Literatur und Film sowie die Entwicklung von Literaturadaptionen.
3. ANALYSE: Der Analyseteil verbindet Theorie und Praxis durch eine vergleichende Untersuchung des Romans „Der Vorleser“ und dessen filmischer Adaption, wobei spezifische Sequenzen hinsichtlich ihrer transformatorischen Unterschiede beleuchtet werden.
4. FAZIT: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und bekräftigt das Plädoyer für eine didaktisch durchdachte Integration von Literaturverfilmungen, die über das klassische Prä-Posttext-Arrangement hinausgeht.
Schlüsselwörter
Literaturverfilmung, Intermedialität, Adaption, Deutschunterricht, Literaturdidaktik, Medientransfer, Transformation, Filmanalyse, Der Vorleser, Bernhard Schlink, Stephen Daldry, Rezeptionsprozess, Werktreue, Filmästhetik, Zeichensysteme.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Aufwertung der Literaturverfilmung als eigenständiges Kunstwerk und untersucht, wie diese gewinnbringend in den Deutschunterricht integriert werden kann.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die Intermedialitätsforschung, der Vergleich zwischen literarischen und filmischen Ausdrucksmitteln sowie die Analyse didaktischer Ansätze beim Umgang mit Literaturadaptionen.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das primäre Ziel ist es, ein Plädoyer für eine sinnvolle, nicht rein inhaltsorientierte Integration von Literaturverfilmungen im Deutschunterricht zu formulieren und die theoretische sowie praktische Auseinandersetzung damit zu fördern.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird ein intermedialer Vergleich angewandt, der theoretische Grundlagen der Literatur- und Filmwissenschaft mit einer konkreten, exemplarischen Sequenzanalyse kombiniert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Grundlegung zum Verhältnis von Literatur und Film sowie eine praktische Analyse, die den Roman „Der Vorleser“ von Bernhard Schlink seiner Verfilmung durch Stephen Daldry gegenüberstellt.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Begriffe sind Literaturverfilmung, Intermedialität, Adaption, Deutschunterricht, Transformation und Medientransfer.
Wie unterscheidet sich die filmische Umsetzung von der Gürtelszene im Roman?
Die im Roman zentral vorkommende Gürtelszene, die Hannas aggressiv-hilflose Seite zeigt, wurde im Film weggelassen, was laut Autor Auswirkungen auf die Wahrnehmung des Charakters und dessen Ambivalenz hat.
Welche Bedeutung hat das „Modell des doppelten Films im Kopf“?
Das von Matthis Kepser entwickelte Modell beschreibt das Phänomen, wenn durch die Rezeption einer Literaturverfilmung nach der Lektüre des Buches eine Dissonanz zwischen der eigenen Vorstellungskraft und der externen filmischen Darstellung entsteht.
- Arbeit zitieren
- Philip Eberhard (Autor:in), 2017, Literaturverfilmungen im Deutschunterricht, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/385615