Zwischen 2014 und 2015 wuchs die Anzahl der Asylanträge in der Europäischen Union um 110%. Mit diesem Zuwachs ist auch die Anzahl junger Menschen gestiegen, die sich ohne ihre Eltern oder einen gesetzlichen Vormund auf die Flucht begeben haben oder während der Flucht von diesen getrennt wurden. Da bei einem Großteil dieser jungen Menschen von einem mittel- oder langfristigen Aufenthalt in Deutschland auszugehen ist, stehen vor allem Berufsschulen aktuell vor großen Herausforderungen.
Erfahrene Lehrkräfte geben im Bereich der Flüchtlingsbeschulung häufig an, mit migrationsspezifischen Problemen konfrontiert zu sein, die vor allem aus kulturellen Unterschieden entspringen. Tatsächlich spielen die bisherigen Erfahrungen der unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge in Bezug auf Demokratie und Partizipation in ihren Heimatländern eine Schlüsselrolle im Integrationsprozess.
Marcel Christ gibt in dieser Publikation einen detaillierten Einblick in die partizipationsrelevanten Rahmenbedingungen in Afghanistan und Syrien auf politischer, schulischer, beruflicher und gesellschaftlicher Ebene. Die gewonnenen Erkenntnisse sollen als Hilfestellung dienen, um das partizipationsspezifische Verhalten von Asylsuchenden im Rahmen des Schulalltags in Deutschland besser einschätzen, vorhersagen und nachvollziehen zu können.
Aus dem Inhalt:
- Partizipation;
- Demokratie;
- Asylsuchende;
- Berufsschule;
- Afghanistan;
- Syrien
Inhaltsverzeichnis
1 Problemstellung
2 Partizipation
2.1 Der Begriff Partizipation
2.2 Formen, Modi und Bereiche von Partizipation
2.3 Voraussetzungen für Partizipation
2.4 Partizipation von Jugendlichen
2.5 Partizipationserfahrungen und Demokratieverständnis
3 Rahmenbedingungen politischer, schulischer, beruflicher und sozialer Partizipation in Afghanistan und Syrien
3.1 Afghanistan
3.2 Syrien
3.3 Zusammenfassung
4 Thesen zu integrationsrelevanten Auffassungen unbegleiteter, minderjähriger, berufsschulpflichtiger Flüchtlinge und Asylsuchender aus Afghanistan und Syrien
4.1 Afghanistan
4.2 Syrien
5 Fazit, zentrale Ergebnisse und Limitationen
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit verfolgt das Ziel, einen detaillierten Einblick in die Lebenswirklichkeit unbegleiteter, minderjähriger, berufsschulpflichtiger Flüchtlinge (UM) aus Afghanistan und Syrien zu gewinnen. Basierend auf dieser Literaturanalyse sollen Rahmenbedingungen politischer, schulischer, beruflicher und sozialer Partizipation in den Herkunftsländern identifiziert werden, um das partizipationsspezifische Verhalten der Jugendlichen in Deutschland besser einschätzen, vorhersehen und verstehen zu können.
- Theoretische Fundierung des Partizipationsbegriffs und dessen Bedeutung für Integration und Demokratie.
- Analyse der politisch-rechtlichen, schulischen und sozialen Rahmenbedingungen in Afghanistan.
- Analyse der politisch-rechtlichen, schulischen und sozialen Rahmenbedingungen in Syrien.
- Herleitung von Thesen zu integrationsrelevanten Auffassungen und potenziellen Konfliktfeldern.
- Identifikation von Ansatzpunkten für die pädagogische Arbeit an deutschen Berufsschulen.
Auszug aus dem Buch
2.1 Der Begriff Partizipation
Die Bedeutung des Wortes Partizipation geht zurück auf den lateinischen Ausdruck partem capere, im Deutschen „einen Teil (weg-)nehmen“ (MOSER 2010, 73), und betont damit den aktiven Aspekt von Partizipation. HART (1992, 5) versteht den Begriff Partizipation als einen Prozess, bei dem solche Entscheidungen, die sich sowohl auf das eigene Leben als auch die Gemeinschaft auswirken, unter Miteinbeziehung aller Akteure getroffen werden. Diese Ansicht deckt sich mit der von KRÄMER (2013, 11ff.), der Partizipation als „Mittel zum Einbringen eigener Interessen und als Beteiligung an der Fortentwicklung der Gesellschaft“ auf allen Ebenen umschreibt. So bezieht sich Partizipation nicht lediglich auf das politische Milieu, z. B. auf das Wahlrecht oder die Teilnahme an Demonstrationen, obgleich der Begriff in der Vergangenheit hauptsächlich in diesem Kontext diskutiert wurde, sondern erstreckt sich über alle Lebensbereiche und Altersgruppen (MOSER 2010, 71ff.). Schulische Partizipation umfasst analog dazu, neben der generellen Teilhabe, also dem Zugang zu Bildung, die Gestaltungsmöglichkeiten im Bildungsbereich, z. B. Mitsprache von Schülern beim Umbau des Pausenhofs oder die Wahl von Klassensprechern (COELEN & WAGENER 2011, 118, OSER, ULLRICH & BIEDERMANN 2000, 24). Berufliche Partizipation schließt bspw. die Freiheit der Berufswahl sowie den Zugang zum Arbeitsmarkt oder die Organisation in Gewerkschaften mit ein (ebd., 27). Soziale Partizipation schließlich, für die in der Literatur keine einheitliche Definition vorherrscht, beschreibt in dieser Arbeit Art und Ausmaß der Kontakte zu anderen und erstreckt sich damit auch über alle Spielarten gesellschaftlicher Handlungs- und Gestaltungsprozesse, von der Teilnahme am Vereinsleben über Feste und Elterngespräche bis hin zu pädagogischen, religiösen, kulturellen oder karitativen – nicht jedoch politischen – Aktivitäten (FUCHS-HEINRITZ 2007, 483, GABRIEL & VÖLKL 2008, 269, PREISER 2013, 17).
Zusammenfassung der Kapitel
1 Problemstellung: Diese Einleitung führt in die Situation der unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge in Deutschland ein, thematisiert die Herausforderungen für Berufsschulen und formuliert die zentrale Forschungsfrage hinsichtlich der Rahmenbedingungen ihrer Partizipation in den Herkunftsländern.
2 Partizipation: Das Kapitel liefert eine theoretische Abgrenzung des Partizipationsbegriffs, erläutert verschiedene Modelle – insbesondere den Partizipationswürfel nach ABS – und stellt Voraussetzungen sowie Besonderheiten der Partizipation bei Jugendlichen dar.
3 Rahmenbedingungen politischer, schulischer, beruflicher und sozialer Partizipation in Afghanistan und Syrien: In diesem Hauptteil werden die konkreten Bedingungen in den Herkunftsländern Afghanistan und Syrien detailliert analysiert, wobei politische Systeme, Bildungssysteme, Arbeitsmarktsituationen und soziale Hierarchien beleuchtet werden.
4 Thesen zu integrationsrelevanten Auffassungen unbegleiteter, minderjähriger, berufsschulpflichtiger Flüchtlinge und Asylsuchender aus Afghanistan und Syrien: Basierend auf den vorangegangenen Analysen werden Thesen zu potenziell konflikträchtigen Einstellungen und Verhaltensweisen der Jugendlichen im deutschen Schulalltag aufgestellt.
5 Fazit, zentrale Ergebnisse und Limitationen: Das Fazit fasst die Ergebnisse der Arbeit zusammen, reflektiert methodische Einschränkungen der Literaturrecherche und gibt Ausblicke auf notwendige zukünftige Forschungsansätze.
Schlüsselwörter
Partizipation, unbegleitete minderjährige Flüchtlinge, Berufsschule, Afghanistan, Syrien, politische Rahmenbedingungen, Bildungssystem, Arbeitsmarkt, soziale Integration, Partizipationswürfel, Demokratieverständnis, Flucht, Diskriminierung, ehrenbasierte Gesellschaft, Integration.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der vorliegenden Arbeit?
Die Arbeit untersucht die Erfahrungen unbegleiteter, minderjähriger, berufsschulpflichtiger Flüchtlinge aus Afghanistan und Syrien mit Partizipation in ihren Heimatländern, um ihr Verhalten an deutschen Berufsschulen besser verstehen zu können.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Die Schwerpunkte liegen auf den politischen, schulischen, beruflichen und sozialen Partizipationsmöglichkeiten in Afghanistan und Syrien sowie deren Einfluss auf das demokratische Verständnis der Jugendlichen.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, Rahmenbedingungen in den Herkunftsländern zu identifizieren, die das Partizipationsverhalten von Jugendlichen prägen, um Lehrkräften Hilfestellungen für den Umgang mit diesen Schülern im Schulalltag zu geben.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit stützt sich primär auf eine umfassende Literaturrecherche und Analyse der Rahmenbedingungen in den beiden genannten Herkunftsländern.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Einführung zur Partizipation und eine detaillierte Analyse der Lebenswirklichkeit und Partizipationsbedingungen in Afghanistan und Syrien auf verschiedenen gesellschaftlichen Ebenen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Partizipation, unbegleitete minderjährige Flüchtlinge, Berufsschule, Afghanistan, Syrien, Diskriminierung, Bildungssystem und politische Rahmenbedingungen.
Wie unterscheidet sich die Situation von Frauen in Afghanistan und Syrien laut der Analyse?
Beide Länder weisen patriarchale Strukturen und eine Unterordnung von Frauen auf, wobei jedoch kulturelle Spezifika und regionale Unterschiede bei der Ausprägung der Diskriminierung und Einschränkung der Bewegungsfreiheit existieren.
Welche Rolle spielt die Korruption für das Partizipationsverständnis?
Die Arbeit zeigt auf, dass Korruption in beiden Herkunftsländern alltäglich und ein verbreitetes Mittel ist, um Zugang zu Leistungen zu erhalten, was die Wahrnehmung von demokratischen und rechtsstaatlichen Prozessen bei den Jugendlichen negativ beeinflussen kann.
- Citar trabajo
- Marcel Christ (Autor), 2017, Die Ausbildung von Flüchtlingen aus Afghanistan und Syrien an deutschen Berufsschulen. Wie bisherige Erfahrungen mit Partizipation und Demokratie berücksichtigt werden können, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/385643