Thomas S. Kuhns Theorie der Entwicklung der Wissenschaft und Jean Piagets genetische Erkenntnistheorie als gemeinsame Grundlage für ein Bildungsmodell?


Bachelorarbeit, 2011
58 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2. Kuhns Theorie von der Entwicklung der Wissenschaft
2.1. Methodischer Ausgangspunkt
2.2. Zentrale Begriffe
2.2.1. Paradigma
2.2.2. Wissenschaftlergemeinschaft
2.3. Ablaufmodell der Wissenschaftsentwicklung
2.3.1. Vornormale bzw. Vorparadigmatische Phase
2.3.2. Normale Wissenschaft
2.3.3. Anomalien
2.3.4. Krise
2.3.5. Wissenschaftliche Revolution
2.3.6. Rückkehr zur normalen Wissenschaft
2.4. Wesentliche Thesen der Kuhnschen Theorie
2.4.1. Die Abhängigkeit von der Geschichtsschreibung
2.4.2. Das dogmatische Element der Normalwissenschaften
2.4.3. Abkehr vom Methodenzwang
2.4.4. Wissenschaftssoziologische Elemente als Bestandteile der Wissenschaftsphilosophie
2.4.5. Inkommensurabilität
2.5. Wissenschaftlicher Fortschritt in der Kuhnschen Theorie

3. Piagets genetische Erkenntnistheorie
3.1 Methodischer Ausgangspunkt
3.2. Piagets Stufen der Psychogenese
3.2.1. Die sensomotorische Phase
3.2.2. Die präoperationale Phase
3.2.3. Die konkretoperationale Phase
3.2.4. Die formaloperationale Phase
3.3. Zentrale Begriffe
3.3.1. Schemata und Operationen
3.3.2. Strukturen
3.3.3. Assimilation und Akkommodation
3.3.4. Äquilibration

4. Analogien und Gegensätze der Theorien
4.1. Analogien in beiden Theorien
4.1.1. Analogien beim methodischen Ausgangspunkt
4.1.2. Analogien bei den Grundbegriffen
4.1.3. Analogien in der Entwicklung
4.2. Unterschiede und Gegensätze der Theorien
4.2.1. Unterschiede beim methodischen Ausgangspunkt
4.2.2. Unterschiede bei zentralen Begriffen
4.2.3. Ungleichgewichte und Krisen als Brüche in der Entwicklung
4.2.4. Der Fortschrittsgedanke bei Kuhn und Piaget
4.2.5. Die Bedeutung des Experiments

5. Pädagogische Implikationen der Theorien

6. Zusammenfassung und Schlussfolgerung Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die vorliegende Arbeit hat das Ziel, zu untersuchen, inwieweit eine Zusammenfas- sung der Theorien von Thomas Samuel Kuhn über die Entwicklung der Wissenschaft sowie die genetische Erkenntnistheorie1 von Jean Piaget als gemeinsame Grundlage für ein Bildungsmodell dienen könnte. Ein solcher Gedanke ist naheliegend, da so- wohl Kuhn als auch Piaget ihre Theorien über die Entwicklungsprozesse von Er- kenntnis in Form von genetischen Strukturmodellen beschreiben, die untereinander gewisse Parallelen aufweisen. Piaget stellt in seiner Theorie dabei auf die Kernpro- zesse der individuellen Erkenntnisentwicklung ab, wie sie bei jedem Menschen, un- abhängig von sozialen und kulturellen Einflüssen, ablaufen. Kuhn beschreibt die Entwicklung der Wissenschaft im Allgemeinen als einen hingegen stark von sozialen Einflüssen geprägten Vorgang. Allerdings bestehen diese Einflüsse nur innerhalb der Gemeinschaft der Wissenschaftler und nicht zwischen der Wissenschaft an sich und der jeweiligen Gesellschaft, in die sie eingebettet ist. Eine Zusammenführung der beiden Theorien als Ausgangspunkt für die Entwicklung eines Bildungsmodells wäre nun in der Form vorstellbar, dass Kuhns Theorie den äußeren und Piagets Theorie den inneren Rahmen eines solchen Modells bildet, sozusagen als eine Essenz aus der Synthese von Kuhns externer und Piagets interner Erkenntnistheorie.

Der Schwerpunkt dieser Arbeit liegt daher neben einer Darstellung der beiden Theo- rien insbesondere auf deren Vergleich und der Identifikation von Analogien und Wi- dersprüchen. Nur wenn hinreichend viele und grundlegende Analogien bestehen, und mögliche Gegensätze eine gemeinsame Basis nicht ausschließen, kann meines Erachtens nach ein solches Modell entwickelt werden. Voraussetzung dafür ist aller- dings auch, dass sich aus den einzelnen Theorien bereits hinreichend gute Rück- schlüsse für die Pädagogik ziehen lassen.

Die vorliegende Arbeit besteht aus sechs Abschnitten. Im Verlauf dieser Arbeit wer- den dabei zunächst die beiden Theorien vorgestellt. Dabei beschränke ich mich in ih- rer Darstellung auf die Bereiche, die für einen Vergleich von Bedeutung sind, also ei- ne Entsprechung oder ein mögliches „Gegenstück“ in der jeweils anderen Theorie haben. Eine kritische Bewertung der Inhalte und Reichweite der einzelnen Theorien wird hier nicht vorgenommen.

In Abschnitt zwei erfolgt zunächst eine Darstellung der Theorie über die Entwicklung der Wissenschaft von Thomas Kuhn. Dabei wird zuerst auf seinen methodischen Ausgangspunkt eingegangen, bevor dann Begriffe, die für seine Theorie eine zentra- le Bedeutung haben, näher erläutert werden. Im Anschluss werden die einzelnen Phasen seines Ablaufmodells vorgestellt und auf die wesentlichen Thesen seiner Theorie eingegangen, bevor dann abschließend sein Verständnis von wissenschaftli- chem Fortschritt erläutert wird.

Die Grundlage für die Beschreibung der Kuhnschen Theorie bildet dabei sein 1976 ins Deutsche übersetzte Buch „The Structure of Scientific Revolutions“2. Da sein Buch an vielen Stellen großen Spielraum für Interpretationen lässt, werden in dieser Arbeit auch spätere Rezensionen von Paul Hoyningen-Huene berücksichtigt, die es erlauben, ein genaueres Bild der Kuhnschen Theorie zu skizzieren.3

In Abschnitt drei wird anschließend die genetische Erkenntnistheorie von Jean Piaget vorgestellt. Auch hier wird zunächst der methodischen Ausgangspunkt erläutert, be- vor dann sein Stufenmodell der Intelligenzentwicklung beschrieben wird.

Im Anschluss erfolgt eine Erklärung der Grundbegriffe seines Ansatzes, welche für das Verständnis seiner Theorie und das Ziel dieser Arbeit notwendig sind.

Für die Beschreibung der Ergebnisse seines empirischen Werkes, der Stufentheorie, werden aufgrund der immensen Anzahl an Piagets eigenen Veröffentlichungen zum Großteil die komprimierten Zusammenfassungen der Bibliographen Kesselring, Scharlau und Ginsburg/Opper herangezogen.4

Die Darstellung seines theoretischen Werkes hingegen basiert überwiegend auf Pia- gets eigenen Schriften, um möglichst dicht am Original zu bleiben. Hierbei stehen seine „Einführung in die genetische Erkenntnistheorie“, vier Vorlesungen, die Piaget 1968 an der Columbia University gehalten hat, sowie „Meine Theorie der geistigen Entwicklung“, die 1970 im Original in „Carmichael’s Manuel of Child Psychology“ er- schien, im Vordergrund.

Da es keine Veröffentlichung von Piaget selbst gibt, in dem er alle seine Grundan- nahmen beschreibt und systematisch zu einer Theorie zusammenfügt, greife ich hier auch auf zahlreiche andere Schriften Piagets zurück.5 Einige Autoren stellen in die- sem Zusammenhang sogar die Frage, ob man überhaupt von „der Theorie“ sprechen kann.6

Im vierten Abschnitt erfolgt eine Gegenüberstellung der beiden Theorien. Dabei wer- den zunächst die Analogien zwischen den Bestandteilen der beiden Theorien und ih- rer Grundannahmen herausgearbeitet. Im weiteren Verlauf erfolgt eine Analyse der Unterschiede und Gegensätze. Da zu diesem Punkt die Fülle der zur Verfügung ste- henden Literatur schlagartig abnimmt, basieren die hier dargestellten Überlegungen zum großen Teil auf eigenen Einschätzungen, auf der Basis einiger Artikel in wissen- schaftlichen Fachzeitschriften. Weiterhin werden in diesem Abschnitt spätere Ein- bringungen Kuhns berücksichtigt, da seine in Structure verwendeten Begriffe und ge- troffenen Aussagen oft nicht die für einen Vergleich erforderliche Klarheit besitzen.7

Im fünften Abschnitt schließlich wird erläutert, welche pädagogischen Implikationen aus den einzelnen Theorien für den praktischen Schulunterricht und die universitäre (Grund)Ausbildung abgeleitet werden können, und wie diese zu bewerten sind.

Eine Einschätzung, ob angesichts der Analogien, der Unterschiede, der Gegensätze und der pädagogischen Implikationen der Theorien eine gemeinsame Basis für ein aus der Zusammenführung der Theorien entwickelbares Bildungsmodell darstellbar ist, erfolgt nach einer Zusammenfassung dann im letzten Abschnitt.

2. Kuhns Theorie von der Entwicklung der Wissenschaft

Kuhns Anliegen ist es, den Prozess, in dem wissenschaftliche Erkenntnis erzielt wird, abzubilden. Was bei der Betrachtung des Inhaltsverzeichnisses seines Buches sofort auffällt ist, dass der Gedankengang von „Die Struktur wissenschaftlicher Revolutio- nen“ im Wesentlichen einem Ablaufmodell folgt, welches gemäß Kuhn als Muster für die Entwicklung der Wissenschaft gilt. Der Entwicklung dieses Modells gehen jedoch einige Überlegungen und Annahmen voraus, die im Folgenden zunächst dargestellt werden.

2.1. Methodischer Ausgangspunkt

Das erste Kapitel von „Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen“ beginnt mit dem Satz:

„Die Geschichte könnte, wenn man sie für eine Fundgrube von mehr als bloß Anekdoten und Chronologie hält, eine entscheidende Umwälzung des Bildes der Wissenschaft be- wirken, in dem wir uns jetzt befangen sind.“8

In diesem Satz ist das philosophische Bemühen Kuhns angesprochen. Seine Theorie basiert darauf, die Geschichte der Wissenschaften aus einer neuen Perspektive zu betrachten und so ein neues Bild der Wissenschaften und ihrer Entwicklung zu ent- werfen.

Sein Ziel ist der Entwurf einer neuen wissenschaftsinternen Historiographie, eine Geschichtsschreibung, angelehnt an die Art und Weise, wie es in den Kulturwissen- schaften praktiziert wird. Dies bedeutet eine Abkehr von ethnozentrischen und prä- sentistischen Vorurteilen.

Durch Projektion des Heutigen in die Vergangenheit lässt diese Art der Geschichts- schreibung die Geschichte der Wissenschaft als ein kumulatives Anwachsen der Er- kenntnis erscheinen, in dem einmal gewonnene Erkenntnis durch den späteren Wis- sensfortschritt niemals mehr wesentlich angetastet, allenfalls in Randbereichen prä- zisiert wird.9 Dieses Bild von Wissenschaft sei trügerisch und so authentisch wie das Bild, dass man sich von einer fremden Kultur aufgrund von Reiseprospekten und Sprachlehrgängen mache.10

In der älteren Historiographie wird dabei die vergangene Wissenschaft inhaltlich auf zwei Arten an die „heutige“ angeglichen. Erstens werde nur das aufgenommen, was als historisch wertvoll gilt, also was sich bis heute in der Wissenschaft erhalten habe, und zweitens werde es mit Begriffen heutiger Wissenschaft dargestellt, wodurch es zu einer Verzerrung des wissenschaftlichen Wissens voriger Epochen komme.

Als Folge entsteht ein Bild der Entwicklung der Wissenschaft als ein Modell der ku- mulativen Anhäufung von Wissen.11 Dabei gehe auch durch das Umschreiben der Geschichte in den Lehrbüchern die Wahrnehmung für Veränderung verloren. Kuhn schlägt daher einen hermeneutischen Ansatz der wissenschaftlichen Lektüre und zeitgenössischer Texte vor, wobei auch Briefwechsel, Tagebücher und Laborberichte berücksichtigt werden sollten.12

Wissenschaftsphilosophische Fragen sollten sich dabei an so genau wie möglich durchgeführter Rekonstruktion der historischen Wissenschaftsentwicklung orientie- ren.

2.2. Zentrale Begriffe

Um sich mit dem Ablaufmodell der Wissenschaftsentwicklung nach Kuhn auseinan- dersetzen zu können, bedarf es vorher der Erläuterung zweier zentraler Grundbegrif- fe seiner Theorie, nämlich dem des Paradigmas und der Wissenschaftlergemein- schaft.

2.2.1. Paradigma

Unter einem Paradigma versteht Kuhn die gemeinsamen, im Großen und Ganzen ungeschriebenen Spielregeln, allgemein akzeptierten Ansichten, Haltungen, Arbeits- weisen und Kriterien, die die wissenschaftliche Praxis eines Forscherkollektivs bestimmen.

Die Akzeptanz eines Paradigmas ist dabei durch seinen Erfolg bei wissenschaftli- chen Problemlösungen bestimmt. Die Bestandteile eines Paradigmas lassen sich dabei wie folgt charakterisieren:13

Symbolische Generalisation: Formale Aussagen über die Natur, die Naturge- setzen ähneln, in Wirklichkeit aber als grundlegende Definitionen fungieren und daher keiner experimentellen Überprüfung unterworfen werden

Metaphysische Vorstellungen: Generelle und experimentell unentscheidbare Annahmen über die Beschaffenheit der Wirklichkeit Werte: Kriterien für hochwertige wissenschaftliche Untersuchungen, gute Theorien usw.

Exemplare: Mustergültige und markante Beispiele einer gelungenen Anwen- dung des Paradigmas für Problemlösungen

Kuhn selbst verwendet in seiner Theorie jedoch keine stringente Auslegung des Beg- riffes. Während er in „The Essential Tension“ (1959) nur „konkrete Problemlösungen, die die Fachwelt akzeptiert“ als Paradigmen bezeichnet, so fasst er in der Erstaus- gabe von Structure (1962) den Begriff bereits globaler, und erweitert ihn um den Zu- satz „alles worüber in der Wissenschaft Konsens besteht“.

In seinem Postskriptum von 1969 zu Structure erweitert er den Begriff auf ganze Theorien und spricht von Paradigmen als „disziplinäre Matrix“. Konkrete Problemlö- sungen werden fortan als Musterbeispiele beschrieben.14

2.2.2. Wissenschaftlergemeinschaft

Hierbei handelt es sich um eine Gemeinschaft von Wissenschaftlern, die durch ein Paradigma, bzw. den Glauben daran, zusammengehalten wird.15

2.3. Ablaufmodell der Wissenschaftsentwicklung

Nach der Erläuterung der zentralen Begriffe wird in diesem Abschnitt das Ablaufmo- dell der Wissenschaftsentwicklung nach Kuhn vorgestellt.

Für Kuhn stellt sich die Entwicklung der Wissenschaft nicht durch eine lineare Erwei- terung des bestehenden Wissens dar. Vielmehr gibt es in der Wissenschaftsentwick- lung revolutionäre Prozesse (wissenschaftliche Revolutionen) in denen bisher gel- tende Erklärungsmodelle durch neue ersetzt werden, die also keiner linearen Ent- wicklung folgen. Zusammengefasst stellt sich der Verlauf der Wissenschaft nach Kuhn wie folgt dar:

2.3.1. Vornormale bzw. Vorparadigmatische Phase

Das Charakteristikum der Vornormalen Phase ist es, dass in ihr unter den Forschern kein allgemeiner Konsens bezüglich der Grundlagen eines Fachgebietes herrscht.16 Diese Phase besteht hauptsächlich aus Beobachtungen, dem Sammeln von Fakten und Daten, sowie ersten Konklusionen und Theorieansätzen. Zunächst einmal scheinen dabei alle Tatsachen, die irgendwie zu der Entwicklung einer bestimmten Wissenschaft gehören könnten, gleichermaßen relevant zu sein.

Folglich ist das frühe Zusammentragen von Fakten eine Tätigkeit, die weit mehr dem Zufall unterliegt als die, welche die darauffolgende Wissenschaft kennzeichnet. So kommt es denn auch, dass sich in der vorparadigmatischen Phase sog. Schulen mit konkurrierenden unterschiedlichen Theorieansätzen bilden.

Dabei wird jede dieser Schulen von Denkansatz oder Glauben geleitet, was einem Paradigma sehr ähnlich ist, und das Potential hat, sich zu einer anerkannten Theorie zu entwickeln.

2.3.2. Normale Wissenschaft

Die Phase der normalen Wissenschaft wird zunächst dadurch eingeleitet, dass es aus der Vielzahl der konkurrierenden Modelle einem Modell gelingt, in den Rang ei- nes Paradigmas aufzusteigen, während die anderen Modelle verschwinden. Ist so zum ersten Mal ein allgemeiner Konsens der Fachleute bezüglich der Grundfragen eins Faches erreicht, so hat das Fachgebiet seinen Reifezustand erlangt. Dies ge- schieht typischerweise, wenn einer der Schulen ein entscheidender Durchbruch ge- lungen ist, so dass sich die Mitglieder der anderen Schulen anschließen.

Die entsprechende wissenschaftliche Leistung muss dafür bestimmte Anforderun- gen erfüllen:

- Sie muss hinsichtlich ihrer Qualität die Leistungen ihrer Konkurrenten übertref- fen
- Sie muss einen solchen Vorbildcharakter haben, dass sich an sie eine Traditi- on anschließt
- Sie muss bei den Wissenschaftlern den Eindruck erwecken, dass mit ihr die Grundsatzfragen des Gebietes mehr oder minder eindeutig gelöst sind.

Es sind diese besonderen Forschungsleistungen, die Kuhn ursprünglich „Paradig- men“ nennt. Sie sind der Kern des Konsenses, welcher der Wissenschaftlergemein- schaft die Ausübung der normalen Wissenschaft möglich macht.17

Die paradigmatischen Forschungsresultate dienen als durchgängig akzeptierte Kon- zepte, an die sich die weitere Problemauswahl – und bearbeitung der normalen Wis- senschaft anschließt. Die Aufgaben der normalen Wissenschaft sind dabei die Be- stimmung von Fakten, die im Sinne des Paradigmas relevant sind, und die Verbesse- rung der Passung zwischen Theorie und Daten.

Die daraus resultierende Forschungstätigkeit beschreibt Kuhn durch eine Analogie mit dem Lösen von Rätseln (puzzle-solving).18

Diese Analogie besteht in fünf Dimensionen. Wie der Spieler, der Schachprobleme, Kreuzworträtsel oder Puzzle löst, hält sich der Wissenschaftler dabei an folgende „Spielregeln“:

- Der Wissenschaftler hat sich im Rahmen der Wissenschaft an Reglementie- rungen zu halten, die sich aus dem Paradigma ableiten
- Es wird eine regelkonforme Lösung erwartet
- Das Ziel der Wissenschaftler ist es nicht, die für die Forschung konstituieren- den Regeln umzustoßen
- Die Arbeit der normalen Wissenschaft ist nicht als Bewähren oder Testen des Reglements anzusehen
- Die Motivation des Wissenschaftlers besteht weniger im Erreichen eines be- stimmten Ergebnisses bei seiner Arbeit, als vielmehr darin, seine Fähigkeiten zur produktiven Arbeit unter Beweis zu stellen.19

Hieraus lässt sich deutlich das dogmatische Element der Wissenschaften nach Kuhn erkennen. Das Reglement steht zu keiner Zeit zur Disposition und es wird erwartet, dass alle vernünftig gewählten Probleme regelkonform lösbar sind. Diese kritiklose Übernahme des Paradigmas erlaubt es, alle Energie in die wissenschaftliche Arbeit zu stecken, um der „Realität“ näher zu kommen. Kuhn führt dazu aus: „In keiner Weise ist es das Ziel [….] neue Phänomene zu finden… .20

Daher bezeichnet Kuhn die normale Wissenschaft als Aufräumarbeit.21

Die normale Wissenschaft ist folglich kumulativ anwachsend, d.h. sie fügt dem be- reits bekannten Wissen Einzelerkenntnisse hinzu, ohne dieses in Frage zu stellen. Sofern Probleme bei der Lösung der Rätsel auftreten, werden sie in den meisten Fäl- len der mangelnden Qualität des Wissenschaftlers oder der verfügbaren experimen- tellen Methoden zugeschrieben.

Durch diese enge Bindung der wissenschaftlichen Praxis an das Paradigma wird ei- ne Spezialisierung und Tiefe erreicht, die ohne den Glauben an eine sichere Basis so nicht möglich wäre.

2.3.3. Anomalien

In der Phase der normalen Wissenschaft können drei Arten von Phänomenen auftre- ten:

- Phänomene, die durch ein existierendes Paradigma gut erklärt werden
- Phänomene, die durch ein existierendes Paradigma zwar erklärt werden, de- ren Details aber nur durch Artikulation der Theorie und des Paradigmas ver- standen werden können
- Phänomene, die mit dem bestehenden Paradigma nicht erklärt werden kön- nen und damit den normalwissenschaftlichen Erwartungen widersprechen.

Letztere bezeichnet Kuhn als Anomalien, also Phänomene auf welches das Para- digma den Forscher nicht vorbereitet hat und die nicht mit der bestehenden Theorie erklärt werden können.

Auf das Auftreten „alltäglicher“ Anomalien reagiert die Wissenschaftlergemeinschaft in der Regel mit Ignoranz bzw. lastet diese der mangelnden Kompetenz einzelner Wissenschaftler an.

Die Entdeckung einer Anomalie beginnt mit ihrer Bewusstwerdung, geht weiter mit der Erforschung des Bereichs der Anomalie und findet erst ihren Abschluss, wenn das Anomale zum Erwarteten wird.22

Kuhn unterscheidet dabei zwischen zwei Arten von Anomalien.

- Wahrnehmungsveranlasste Anomalien: Anomalien die mit der Erkenntnis ver- bunden sind, dass die Natur in irgendeiner Weise die von einem Paradigma erzeugten, die normale Wissenschaft beherrschenden Erwartungen nicht er- füllt hat. Diese auf dem Paradigma beruhenden Erwartungen können appara- tiver oder theoretischer Natur sein.23
- Theorieveranlasste Anomalien: Diese entstehen vor dem Hintergrund einer Anzahl von miteinander streitenden Theorien, von der es keiner gelingt, die ganze Vielfalt der untersuchten Phänomene in befriedigender Weise zu erklä- ren. Dieses Misslingen kann als Quelle der Anomalie angesehen werden.24

Solche Anomalien sind innerhalb der normalen Phase der Wissenschaft undramati- sche Begleiterscheinungen. Dennoch können sich solche zunächst harmlose Ano- malien zu wesentlichen Herausforderungen der Normalwissenschaft entwickeln.

Geht diese Herausforderung so weit, dass die Wissenschaftlergemeinschaft Modifi- kationen an den leitenden Reglementierungen anbringt und sogar radikale Alternati- ven zu ihnen ersinnt, befindet sie sich im Zustand der Krise.25

2.3.4. Krise

Die Forschungspraxis in einer Krise ist zu der der Normalwissenschaft sehr ver- schieden. Kuhn bezeichnet diese Phase auch als außerordentliche Wissenschaft. Im Focus der Forschung stehen bei der außerordentlichen Wissenschaft nun die Krisen auslösenden Anomalien. Es wird dann wieder über die Grundlagen des Faches und der Theorien selbst diskutiert.

Modifikationen und radikale Änderungen der bislang leitenden Theorie werden hin- sichtlich ihrer Leistungsfähigkeit vor allem an ihr geprüft. Die Anomalien und ihr Um- feld werden genauestens untersucht, was nicht selten zu unerwarteten Entdeckun- gen führt. Dabei versucht die wissenschaftliche Gemeinschaft die Anomalien aufzu- lösen, und entwickelt Alternativen zum bestehenden Paradigma.

Für das Ende eines Krisenzustandes gibt es nach Kuhn drei Möglichkeiten:26

- Die Anomalie kann sich als innerhalb des geltenden Paradigmas, also im Rahmen der bislang geltenden Regeln, als lösbar erweisen und kann somit widerlegt werden
- Es kann trotz der Existenz der Anomalie zur normalwissenschaftlichen Tätig- keit zurückgekehrt werden, wenn sich diese ohne Behinderung durch die Anomalien durchführen lässt. Die Anomalien werden verdrängt und „schubla- disiert“.
- Es entstehen neue Paradigma-Anwärter, die in den Wissenschaftsgemein- schaften um Anerkennung kämpfen, möglicherweise sogar zu einem Wechsel der leitenden Theorie, also einem Paradigmenwechsel führen.

Da die konkurrierenden Paradigmen jeweils ihre eigenen Gültigkeits- und Beweisfüh- rungskriterien haben, ist in der Phase der Krise die Möglichkeit eines rationalen Mei- nungsaustausches auf neutraler Grundlage nicht gegeben. Es entsteht ein Kommu- nikationsbruch. Kann sich in diesem Wettstreit konkurrierender, unterschiedlicher Wissenschaftsgemeinschaften ein neues Paradigma durchsetzen, kommt es zu einer wissenschaftlichen Revolution.

2.3.5. Wissenschaftliche Revolution

Das aus einer wissenschaftlichen Revolution neu entstandene Paradigma wirkt als unmittelbare Antwort auf die vorangegangene Krise und revolutioniert die Werkzeuge und das Forschungsfeld der normalen Wissenschaften. Aus diesem Grund wählt Kuhn den Begriff der Revolution als Auseinandersetzung zweier inkompatibler Welt- sichten.

Wissenschaftliche Revolutionen verändern also nicht nur die Theorien, sondern auch die Weltsicht der wissenschaftlichen Praxis. Kuhn spricht wiederholt davon, dass es so ist, als würde sich nicht die Interpretation der Welt durch den Menschen ändern, sondern die Welt sich selbst.27

Die Voraussetzung für eine Revolution ist demnach, dass überhaupt ein Paradigma existiert, welches das neue verdrängt. Wäre dies nicht der Fall, so würde eine Krise die Aufgabe der wissenschaftlichen Tätigkeit per se bedeuten. Ebenso wenig kann Evidenz zwischen zwei um die Paradigmenvorherrschaft konkurrierenden Theorien entscheiden.28

Ein solcher Paradigmenwechsel wird also nicht zwingend nur durch logisch rationale Prozesse gesteuert. Ein Paradigma kann sich auch aufgrund der Einfachheit, der Dringlichkeit sozialer Notwendigkeit, der Fähigkeit, bestimmte Rätsel zu lösen und auch der Überzeugungskraft seiner Verfechter durchsetzen.

Um als wissenschaftliche Revolution zu gelten, muss diese nicht die gesamte Wis- senschaftliche Gemeinschaft erfassen. Sie kann sich auch auf Teilgebiete der Wis- senschaft, deren normalwissenschaftliche Tätigkeit vom alten Paradigma geleitet wurde, beziehen. So gibt es kleine und große wissenschaftliche Revolutionen, je nach Umfang des Problems, auf welches das neue Paradigma eine Antwort liefert.29 gab, die dieses System über das damals etablierte Ptolemäische System erhoben hätte. Allerdings traten mit dem geozentrischen Weltbild Anomalien auf, die mit der Theorie des Kopernikanischen Sys- tems erklärt werden konnten.

[...]


1 Häufig wird auch der Terminus genetische Epistemologie verwendet

2 In Anlehnung an das Original von 1962, erweitert um ein Postskriptum von 1969, im Verlauf dieser Arbeit häufig nur als Structure bezeichnet

3 Aus diesem Grund wird bei der Darstellung der Kuhnschen Theorie nicht auf weitere Autoren zu- rückgegriffen. Ferner werden weitere Ausführungen, Rechtfertigungen und Einschränkungen Kuhns als Reaktion auf die später erfolgten zahlreichen Kritiken an dieser Stelle nicht berücksichtigt, da sonst die Klarheit der Darstellung seiner Theorie an vielen Punkten durch Relativierung leiden würde. Späte- re Ausführungen und Einlassungen Kuhns finden dann im zweiten Teil der Arbeit Berücksichtigung.

4 In der Einführung von Piaget (2010) spricht der Herausgeber Reinhard Fatke von über 400 Buch- und Zeitschriftenveröffentlichungen auf rund 20.000 Seiten, May Widmer-Perrenoud im Vorwort zu Bringuier (2004) sogar von über 700 Einzelveröffentlichungen

5 Vgl. Vorwort in Piaget (2010) S. 9

6 Vgl. Scharlau (2007) S. 79

7 Vgl. Burman (2007) S. 724 f.

8 Vgl. Kuhn (1976) S. 15

9 Vgl. Hoyningen-Huene (1989) S. 26 f. und Hoyningen-Huene (1991) S. 45 f.

10 Vgl. Kuhn (1976) S. 15

11 Vgl. ebd. S. 16

12 Vgl. Hoyningen-Huene S. 5 in Berichte zur Wissenschaftsgeschichte

13 Vgl. Ditton (2009)

14 Vgl. Hoyningen-Huene (1989) S. 142 f., S. 154 f.

15 Die Begriffe Paradigma und Wissenschaftlergemeinschaft entsprechen dabei etwa denen von Lud- wig Fleck in „Entstehung und Entwicklung einer wissenschaftlichen Tatsache“ (1935) verwendeten Begriffen des Denkstils und des Denkkollektivs.

16 Vgl. Hoyningen-Huene (1992), S. 322

17 Vgl. Hoyningen-Huene (1992)

18 Vgl. Kuhn (1976) S. 49 f.

19 Vgl. Hoyningen-Huene (1989) S. 168 f.

20 Vgl. Kuhn (1976) S. 38

21 Vgl. ebd. S. 38

22 Vgl. Kuhn (1976) S. 66

23 Vgl. ebd. S.72, als Beispiel für wahrnehmungsveranlasste Anomalien nennt Kuhn die Entdeckung der Röntgenstrahlen, S. 70

24 Vgl. ebd. S. 74, als Beispiel führt Kuhn hier die Entdeckung der Leidener Flasche an

25 Vgl. Hoyningen Huene (1992) S. 324

26 Vgl. Kuhn (1976) S. 97

27 Vgl. hierzu auch Hoyningen-Huene (1989) S. 197 f.

28 So behauptet Kuhn, dass es zur Zeit der Erfindung des Kopernikanischen Systems keine Evidenz

29 Vgl. Kuhn (1976) S. 64

Ende der Leseprobe aus 58 Seiten

Details

Titel
Thomas S. Kuhns Theorie der Entwicklung der Wissenschaft und Jean Piagets genetische Erkenntnistheorie als gemeinsame Grundlage für ein Bildungsmodell?
Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel
Note
1,7
Autor
Jahr
2011
Seiten
58
Katalognummer
V385661
ISBN (eBook)
9783668612242
ISBN (Buch)
9783668612259
Dateigröße
635 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Thomas Kuhn, Jean Piaget, Bildungsmodell, Erkenntnistheorie
Arbeit zitieren
Peter Reelmann (Autor), 2011, Thomas S. Kuhns Theorie der Entwicklung der Wissenschaft und Jean Piagets genetische Erkenntnistheorie als gemeinsame Grundlage für ein Bildungsmodell?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/385661

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