Welche Verantwortung hat die Wissenschaft im vielzitierten "postfaktischen" Zeitalter? Welche Funktion hat die Wissenschaft und welche Rolle spielt Sie in unserer Gesellschaft? Wo stößt die Wissenschaft an ihre Grenzen, und was hat das zur Folge? Diese Fragen werden in diesem Essay unter Bezug auf den wissenschaftstheoretischen Diskurs in den Sozialwissenschaften kritisch beleuchtet.
Die Antworten geben interessante Eindrücke zum Thema "alternative Fakten" und aufgeklärte Verortung (sozial-)wissenschaftlicher Erkenntnisse. Ein konstruktivistischer Appell an die zwingende Integration des Forschers in die eigene Forschungsarbeit.
Inhaltsverzeichnis
1. Ethik der Wissenschaft im „postfaktischen“ Zeitalter
2. Zeichnung, Photographie oder Karikatur? – die Grenzen der Wissenschaft
3. Zwischen IST-Sätzen und SOLL-Sätzen – Die Funktion von Wissenschaft
4. Pop Science und Marketing-Orientierung: Das Management von Wissenschaft
5. „Jetzt sind wir alle Hurensöhne“ – Die Verantwortung von Wissenschaft
6. Wer ist „Mutter“, wer ist „Vater“ – Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht kritisch die Rolle der Wissenschaft im gesellschaftlichen System des „postfaktischen“ Zeitalters. Ziel ist es, die Grenzen wissenschaftlicher Erkenntnis aufzuzeigen und zu diskutieren, wie eine verantwortungsbewusste Forschung moralische Wertvorstellungen in Einklang mit objektiven Tatsachenbeschreibungen bringen kann.
- Wissenschaftstheoretische Grenzen und Erkenntnismöglichkeiten
- Funktion der Wissenschaft im Spannungsfeld von IST- und SOLL-Sätzen
- Ökonomisierung der Wissenschaft und ihre Auswirkungen auf die Forschungsqualität
- Verantwortung der Wissenschaft gegenüber der Gesellschaft
- Überwindung des Dualismus zwischen wertfreier und wertegeleiteter Forschung
Auszug aus dem Buch
Zeichnung, Photographie oder Karikatur? – die Grenzen der Wissenschaft
Welchen Anteil hat wissenschaftliche Erkenntnis am potenziellen Gesamtverständnis der Wirklichkeit? Diese erkenntnistheoretische Frage ist nicht neu, hat beispielsweise schon im Platon’schen Höhlengleichnis in dessen Werk Politéia vor ca. 2400 Jahren ihre Anerkennung widerfahren (Platon, 1985). Damals wie heute beschreibt das Thema das Zustandekommen von Wissen und Überzeugungen auf Seiten des Menschen über dessen Umwelt. Mit (natur)wissenschaftlicher Forschung ließe sich laut Dürr (1988) die Wirklichkeit nicht und niemals ganzheitlich abbilden. Dies sei auch faktisch unmöglich, da hinter jeglicher wissenschaftlichen Perspektive bereits eine Wirklichkeitsverengung stattfinde. Das liege zum einen daran, dass Methodik und Untersuchungsgegenstand immer wechselseitig voneinander abhängig seien. Die „Denkschemata“, mit denen Wissenschaftler die Wirklichkeit zu erfassen versuchen, sind schon durch die „Struktur der eigentlichen Wirklichkeit“ geprägt, so Dürr (1988, S. 35).
Zum anderen rühre die Wirklichkeitsverengung vom menschlichen Wesen der Wissenschaftler: Dieses Wesen sei in seinem Verstehen durch begrenzte Lern- und Anpassungsfähigkeiten gekennzeichnet, sodass die Überwindung dieser Begrenzung zwangsläufig in einer Fokussierung auf einzelne Bereiche – weg von der eigentlichen ganzheitlichen Wirklichkeit – erfolgen müsse. Die Grenzen der Wissenschaft sind also laut Dürr in den Grenzen der wissenschaftlich-deduktiven Methodik sowie den Grenzen der menschlichen Wahrnehmungsfähigkeit zu finden.
Zusammenfassung der Kapitel
Ethik der Wissenschaft im „postfaktischen“ Zeitalter: Das Kapitel führt in die Problematik des „postfaktischen“ Zeitalters ein und hinterfragt die Rolle der Wissenschaft als moderne zentrale Glaubensinstitution.
Zeichnung, Photographie oder Karikatur? – die Grenzen der Wissenschaft: Hier werden die erkenntnistheoretischen und methodischen Grenzen der Wissenschaft diskutiert, insbesondere die Unmöglichkeit, die Wirklichkeit ganzheitlich abzubilden.
Zwischen IST-Sätzen und SOLL-Sätzen – Die Funktion von Wissenschaft: Das Kapitel beleuchtet den Diskurs um den Zweck der Wissenschaft, ob diese reine Tatsachenbeschreibung (IST) sein soll oder auch normative Ziele (SOLL) integrieren muss.
Pop Science und Marketing-Orientierung: Das Management von Wissenschaft: Es wird kritisch auf die Ökonomisierung der Wissenschaft eingegangen, die zu einem Fokus auf quantitativen Output und Publikationsbias führt.
„Jetzt sind wir alle Hurensöhne“ – Die Verantwortung von Wissenschaft: Dieses Kapitel thematisiert die Diskrepanz zwischen Entstehungs- und Verwendungszusammenhang von Wissen und fordert eine höhere Verantwortung der Wissenschaft.
Wer ist „Mutter“, wer ist „Vater“ – Fazit: Das Fazit schließt, dass ein dynamisches Gleichgewicht zwischen wertfreier Analyse und wertegeleiteter Forschung notwendig ist, um die Wissenschaft glaubwürdig im System zu verankern.
Schlüsselwörter
Wissenschaftsethik, Postfaktisch, Erkenntnistheorie, Wissenschaftstheorie, Wirklichkeitsverengung, IST-Sätze, SOLL-Sätze, Ökonomisierung, Wissenschaftsmanagement, Publikationsbias, Verantwortung, Konstruktivismus, Soziale Systeme, Forschungsdesign, Wertfreiheit.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der ethischen Verantwortung der Wissenschaft in einer Gesellschaft, die zunehmend durch subjektive Gefühle statt durch Fakten geprägt ist, dem sogenannten „postfaktischen“ Zeitalter.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die zentralen Themen umfassen die Grenzen wissenschaftlicher Erkenntnis, das Spannungsfeld zwischen objektiver Tatsachenbeschreibung und normativen Werten sowie die negativen Folgen der Ökonomisierung des Wissenschaftssystems.
Was ist die primäre Forschungsfrage?
Die Forschungsfrage leitet sich aus der Überlegung ab, wie die Wissenschaft ihre Rolle im gesellschaftlichen System neu definieren kann, um neben der Erkenntnisgewinnung („Was kann Wissenschaft?“) auch ihrer gesellschaftlichen Verantwortung („Was soll Wissenschaft?“) gerecht zu werden.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine essayistische, wissenschaftstheoretische Auseinandersetzung, bei der bestehende Ansätze (z.B. kritischer Rationalismus, Systemtheorie) reflektiert und integriert werden.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden die erkenntnistheoretischen Grenzen wissenschaftlicher Modellbildung, die historische Entwicklung der Wissenschaftsfunktion und die Herausforderungen durch den ökonomischen Veröffentlichungsdruck analysiert.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wissenschaftsethik, Postfaktisch, Erkenntnistheorie, Ökonomisierung, Verantwortung und das Spannungsfeld zwischen IST- und SOLL-Sätzen.
Welche Rolle spielen „IST-Sätze“ und „SOLL-Sätze“?
IST-Sätze beziehen sich auf die neutrale Tatsachenbeschreibung, während SOLL-Sätze moralische oder normative Werte in die Forschung einbringen; der Autor plädiert für deren sinnvolle Verbindung.
Warum wird das Zitat „Jetzt sind wir alle Hurensöhne“ verwendet?
Es dient als eindringliches Beispiel für die mangelnde Kontrolle über die Verwendungszusammenhänge von wissenschaftlichen Erkenntnissen, bezogen auf die Entwicklung der Atombombe.
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- Jan Philipp Czakert (Autor), 2017, Die ethische Verantwortung von Wissenschaft im "postfaktischen" Zeitalter, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/385689