Zum Vergleich von Catulls Carmen 39 mit Martials Epigramm VI, 39. Galt die biologische Abstammung oder der sozialer Verhaltenskodex als Begründung einer Volkszugehörigkeit in der Antike?


Hausarbeit, 2017

21 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Catulli Carmen
2.1 Formale Analyse
2.2 Inhaltliche Interpretation

3. War Martial Keltiberer?

4. Martialis Epigramma VI,
4.1 Formale Analyse
4.2 Inhaltliche Interpretation

5. Vergleich und Ausdeutung

6. Schluss

7. Literaturverzeichnis
7.1 Textausgaben
7.2 Kommentare
7.3Sekundärquellen
7.3.1 Pintmedien
7.3.2 Digitale Medien

1. Einleitung

Neben dem Titel gebenden Fragment, das Porphyrio uns in seinem Horazkommentar überliefert, schrieb Gaius Valerius Catullus 116 vollständig erhaltene Epigramme. In nur acht von ihnen verwendet er den Hinkjambus, das sind knapp 7 %. Rund 110 Jahre später verfasste Marcus Valerius Martialis 1554 Epigramme in 14 Büchern, von denen nur 76 den Hinkjambus tragen. Das sind knapp 5%. Man kann also sagen, dass der Hinkjambus ein eher seltenes Metrum ist im Gegensatz etwa zum elegischen Distichon oder zum Hendekasyllabus. Catulls 39. Carmen ist eines der seltenen Carmina im Hinkjambus und die Tatsache, dass ausgerechnet das 39. Epigramm des VI. Buches von Martial ebenfalls im Hinkjambus notiert ist, erscheint auf den ersten Blick wie ein sonderbarer Zufall. Bildet man allerdings die Wahrscheinlichkeit nach der Produktformel, so erhält man eine Wahrscheinlichkeit von 3,4 Promille dafür, dass die beiden antiken Texte mit der Zählung 39 zufällig im Hinkjambus stehen. Die Wahrscheinlichkeit für einen Zufall ist also schon so extrem niedrig. Wie ungleich niedriger sie noch wird, wenn man in Anschlag bringt, dass beide Texte exakt 21 Verse umfassen, entzieht sich leider meiner Überprüfbarkeit.

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich, wenn sie Catulls Carmen 39 mit Martials Epigramm VI,39 vergleicht, mit mehreren Unbekannten gleichzeitig. Da ist zunächst die Frage, ob diese beiden vordergründig recht unterschiedlichen Texte überhaupt vergleichbar sind und ob der Jüngere in seinem Epigramm bewusst Bezug nimmt auf den Älteren. Dass dem so sei, ist die These der vorliegenden Arbeit. Augenfälligste Verbindung der beiden Texte und somit in gewisser Weise Voraussetzung für einen solchen Bezug ist die Position innerhalb des Corpus: Ist es Zufall, dass beide Epigramme die Nummer 39 tragen? Implizit ist damit auch die Frage berührt, ob das Corpus Catullianum bereits zu Zeiten Martials die heute vorliegende Ordnung trug, und letztlich „illa, quae dubito an numquam possit profligari, quaestio[...]“[1], ob es sich bei dem Corpus Catullianum um eine Ausgabe letzter Hand handelt. Die beiden letztgenannten Fragen werden in vorliegender Arbeit nicht wirklich thematisiert, zumal sich zahllose Berufenere damit bereits beschäftigt haben. Einen guten Überblick über die verschiedenen Positionen bietet die meines Wissens aktuellste Erscheinung zu dem Thema: Jan-Wilhelm Beck, 'Lesbia' und 'Juventius': Zwei libelli im Corpus Catullianum, Göttingen 1996. Und doch glaubt diese Arbeit ein kleines Mosaiksteinchen zur Klärung beitragen zu können, insofern spätestens in den neunziger Jahren die heutige Ordnung des Corpus vorgelegen haben muss, wenn es gelingt, den Bezug Martials auf das Carmen Catulli zu belegen.

Intensiver befasst die vorliegende Arbeit sich mit dem Verständnis der Aussage der beiden Epigramme und dem impliziten Selbstverständnis der Autoren, das aus ihnen spricht. Dass dieses Selbstverständnis dabei gleichzeitig eine Definition einer Romidee beinhaltet – die allerdings ganz und gar verschieden ist von der Romidee eines Vergil – erklärt sich zum einen aus der unterschwelligen Fremdenverachtung, die beiden Texten inhärent ist, zum anderen aber auch gerade aus der hispanischen Herkunft Martials. Insbesondere diese Herkunft ist natürlich von Interesse, wenn man in seinem Werk einen Bezug sehen will auf ein Epigramm, das sich über eine keltiberische Sitte lustig zu machen scheint.

Als Textgrundlage für die Auseinandersetzung mit Catull dient der Arbeit die Ausgabe: Catullus, edited with a Textual and Interpretative Commentary by DFS Thomson, Toronto Buffalo London 1997. Die Auseinandersetzung mit Martial folgt der Ausgabe: M.Val.Martialis Epigrammata, recognivit brevique adnotatione critica instruxit W.M.Lindsay, London und York 1902. Als die maßgeblichen Kommentare zur fraglichen Literatur werte ich Catullus, A Commentary by C.J.Fordyce, Oxford 1961 und Grewing, Farouk, Martial, Buch VI: ein Kommentar, Göttingen 1997. Bei der Interpretation der einzelnen Namen bei Martial hat mir der Index Nominum in M.Valerii Martialis Epigrammaton libri mit erklärenden Anmerkungen von Ludwig Friedländer, Leipzig 1886 unschätzbare Dienste geleistet.

2. Catulli Carmen 39

2.1 Formale Analyse

Carmen 39 ist ein durchgängig im Hinkjambus notierter, 21 Zeilen langer Text und entspricht in diesen beiden formalen Eigenschaften völlig dem Epigramm VI,39 Martials. In sich aber trägt das Carmen einige Finessen, so enthält es an genau 20 Stellen einen Hiat, der 17 mal zur Elision und dreimal zur Aphairesis führt. Das heißt, dass durchschnittlich in fast jedem Vers eine Auslassung notiert ist – ein für römische Lyrik enorm hoher Anteil. Im Vergleich dazu beinhaltet Martials Epigramm 39 nur drei Elisionen, was weit eher dem Durchschnitt entspricht. Aber nicht nur die ausgesprochen große Menge an unausgesprochenen Silben stellt den Leser vor eine Herausforderung, auch die kleinen Wörter mihi[2] und sibi[3], die für gewöhnlich mit je zwei Kürzen wiedergegeben werden, längt Catull jeweils auf der zweiten Silbe. Beides verleiht dem Carmen eine gewisse Schwierigkeit im Vortrag, die den eleganten und städtischen Leser begünstigt, einen provinziellen Rezipienten und Nichtmuttersprachler aber schnell ins Stottern und Straucheln bringt. Eben dieser Gegensatz zwischen gebildetem Stadtrömer und bildungsfernem Provinzrömer unterliegt dem gesamten Carmen aber als Denkfigur, die sich inhaltlich zunächst in der Angemessenheit der Mimik, dann als Pointe in der Angemessenheit der Hygiene äußert. Und formal macht eben die Textgestalt selbst im Leser einen ebensolchen Unterschied, denunziert also gewissermaßen jeden ungeübten Leser durch einen stolpernden, holprigen Vortrag als provinziell und damit – in Verbindung mit dem Inhalt – als potentiellen Urintrinker.

Diese Betrachtung impliziert, dass Catull nicht nur ein konkreter Egnatius vor Augen gestanden haben kann, wie er in der Sekundärliteratur vielfach gesucht wird.[4] Das sicher auch, sonst hätte er vermutlich einen Namen gewählt, der typischer für einen Keltiberer gewesen wäre, denn Egnatius ist immerhin ein originär italischer Name[5] und erst wir Nachgeborenen verbinden ihn über die Person des Ignatius von Loyola mit Spanien.[6] Andererseits aber scheint Catull sich hier auch den heutzutage politisch höchst unkorrekt empfundenen Scherz zu erlauben, sich über den gesamten Stamm der Keltiberer und sogar auch über sämtliche nicht-italischen Provinzen lustig zu machen. So könnte der Kontrast verstanden werden zu den Bewohnern italischer Landschaften, die – und mit ihnen Catull selbst – zur Zeit des Entstehens des Carmen schon seit gut einer Generation über das römische Bürgerrecht verfügten.[7]

Darüber hinaus scheint aber der italische Name sogar darauf hinzudeuten, dass es nicht die Herkunft ist, die den urintrinkenden Keltiberer macht, sondern eben eher Praxis und Habitus. Auf eine solche Intention verwiese auch die dargelegte formale Finesse. Die Namenswahl ist ein weiteres Indiz dafür, dass unsere Interpretation nicht fehlzugehen scheint: Nur wer sich römisch benimmt, ist ein Römer.

Dabei ist der Anlass des Carmen sicherlich, dass besagter Egnatius der neueste Liebhaber von Catulls Geliebter ist.[8] Allerdings hatte Catull ihn diesbezüglich bereits in den letzten vier Versen von Carmen 37 angegriffen und ebenfalls mit dem Hinweis auf die fragwürdige Zahnhygiene abgekanzelt. Dass dasselbe Thema nun in Carmen 39 abermals aufgegriffen und breit ausgeführt wird, stellt eine für Catull eigentlich untypische Redundanz dar. Allerdings würde die soeben erklärte Ausweitung ins Überindividuelle erklären, dass es sich eben nicht wieder um einen Angriff auf Egnatius persönlich handelt, worum es Catull in Carmen 39 geht, sondern um einen Angriff auf das, was er als unrömische Lebensart versteht. Die Verbindung zu der unangebrachten Mimik würde dem Ungeeigneten der Mundhygiene entsprechen. Es ist dabei bezeichnend für Catull, dass „Unrömisches“ sich für Catull am Fehlen von Umgangsformen festmacht, und nicht etwa an dem von römischen Tugenden. Und ebendies macht den wohl deutlichsten Unterschied zur Überlegenheit der römischen Kultur etwa bei Vergil aus, die unter dem Begriff Romidee zusammengefasst wird.

Der Hinkjambus, den Catull hier wählt, betont ja durch seine Verkehrung der Betonung im letzten Takt naturgemäß die letzten beiden Silben jedes Verses. Besonders ist dies natürlich der Fall, wenn diese beiden Silben ein abgetrenntes eigenes Wort darstellen. Die Worte, die von Catull auf diese Art betont werden, sind inhaltlich aussagekräftig und teilweise eben wirklich dem Metrum entsprechen unerwartet. Eine Pointe etwa bietet gleich im ersten Vers das abschließende dentes, da – zumindest wenn die Vermutung einer Ausgabe letzter Hand zutrifft, wie sie z.B. Wilamowitz aufstellt[9] – davon ausgegangen werden kann, dass der Rezipient bereits aus Carmen 37 weiß, was es mit den Zähnen des Egnatius auf sich hat. Es scheint so, als greife Catull seine eigene Pointe der letzten vier Verse vorweg und verderbe sich seinen eigenen Scherz. Erst auf den zweiten Blick versteht man, dass es hier nicht mehr um Egnatius persönlich geht, dessen Zahnhygiene hier denunziert wird, um der Rezipientin den Appetit an seinen Küssen zu verderben, sondern um einen Diskurs über römisches und unrömisches Verhalten.

[...]


[1] A. Seitz, De Catulli carminibus in tres partes distribuendis, Rastatt 1887, S. 3, zitiert nach: Jan Wilhelm Beck, 'Lesbia' und 'Juventus': Zwei libelli im Corpus Catullianum, Göttingen 1996, S. 11 (Fußnote 12)

[2] Vers 9

[3] Vers 18

[4] Vgl. z.B. Thomson (Catullus, edited with a Textual an Interpretative Commentary by D.F.S. Thomson, Toronto Buffalo London 1997), S. 305, der versucht, Egnatius mit dem jüngeren der bei Appian erwähnten Egnatii, die während der Proskriptionen von 43 v. Chr. ums Leben kamen, zu identifizieren. Auch der von Macrobius zitierte Egnatius, der Verfasser eines Lehrgedichtes de rerum natura wird von Thomson , aber auch von Fordyce, S. 184, ins Feld geführt.

[5] vgl. Fordyce, C.J., Catullus, A Commentary, Oxford 1961, S. 184

[6] Zur Identität der beiden Namen vgl. z.B. Theodor Zahn, Ignatius von Antiochien, Gotha 1873, S. 28

[7] Vgl c.39, Vv 10 - 13

[8] Vgl. Carmen 37, in dem Egnatius erstmalig eingeführt wird. Vgl. dazu auch Catulli Veronensis liber. Recensuit Aemilius Baehrens, Leipzig 1876, sowie Fordyce und Thomson, die alle drei diese Geliebte mit Lesbia identifizieren, ohne diese Identifikation näher zu begründen. Ich denke, dass die Lesart der Carmina als Geschichte einer großen, monogamen, aber von der bösen Frau bitter enttäuschten Liebe inzwischen reichlich überholt ist, da „es einen feststellbaren Liebesroman des Catull nicht gibt“. (Helmut Offermann, Zu Catulls Gedichtcorpus, München, in: http://www.rhm.uni-koeln.de/120/Offermann.pdf; Funddatum: 4.3.2017)

[9] Vgl. Ulrich von Wilamowitz-Moellendorff, Sappho und Simonides, Berlin 1913, S. 292

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Details

Titel
Zum Vergleich von Catulls Carmen 39 mit Martials Epigramm VI, 39. Galt die biologische Abstammung oder der sozialer Verhaltenskodex als Begründung einer Volkszugehörigkeit in der Antike?
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin  (Institut für klassische Philologie)
Veranstaltung
Martial
Note
1,0
Autor
Jahr
2017
Seiten
21
Katalognummer
V385704
ISBN (eBook)
9783668604926
ISBN (Buch)
9783668604933
Dateigröße
585 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Martial, Catull, Carmen 39, Epigramm VI 39, Urin, Hygiene, Romidee, römische Tugenden, Keltiberer, Hendekasyllabus, Provinzrömer, Ehebruch, Sex, Kastrat, Xenophobie, Homophobie, Fremdenangst, Schwulenangst, lex Iulia de adulteriis coercendis, honor, honos, Corpus Catullianum
Arbeit zitieren
Magister Artium Norbert Krüßmann (Autor), 2017, Zum Vergleich von Catulls Carmen 39 mit Martials Epigramm VI, 39. Galt die biologische Abstammung oder der sozialer Verhaltenskodex als Begründung einer Volkszugehörigkeit in der Antike?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/385704

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