Die hedonistische Wertetheorie nach Jeremy Bentham


Essay, 2017

16 Seiten, Note: 6.0


Leseprobe

1 Einleitung

Die hedonistische Wertetheorie, die in der Regel ursächlich auf Jeremy Bentham und sein Werk „Eine Einführung in die Prinzipien der Moral und Gesetzgebung“ (Bentham et al., 2013) zurückgeführt wird, soll in der vorliegenden Arbeit in eini­gen Facetten diskutiert und kritisiert werden. Die Wirkmächtigkeit dieser Theorie ist unbestritten und ihre Anwendung als Begründung für alltägliche Entschei­dungen oder weitreichende politische Handlungen ist evident. Selbst Menschen, die grundsätzlich eine gegenseitige Aufrechnung von Menschenleben intuitiv strikt ablehnen würden, nehmen in Situationen, in denen das Aufopfern von einzelnen Menschen zur Rettung vieler beträgt, eine solche Abwägung dennoch in Kauf. Was ist das erzeugte Leid bei 100 Toten gegenüber dem Leid beim Tod von 50Ό00 Menschen? So bleibt die Frage virulent: Kann die hedonistische Wertetheorie nicht doch ein Fundament einer praktikablen Moraltheorie sein?

Im Folgenden wird versucht, dieser Frage in Teilen nachzugehen. Dabei liegt das Hauptaugenmerk fast ausschliesslich auf dem Werk von Bentham. Dies lässt sich damit begründen, dass in der vorliegenden Diskussion grundlegende Themen angesprochen werden, die durch einen breiteren Miteinbezug von Werken beispiels­weise von John Stuart Mill (Mill, 2009) nicht grundsätzlich erweitert würden.

Im nächsten Abschnitt wird die Benthams Theorie in groben Zügen vorgestellt. Abschnitt 3 enthält die Diskussion von drei unterschiedlichen Aspekten der hedo­nistischen Wertetheorie und den damit verbundenen Ansprüchen, als Fundament für eine Moraltheorie dienen zu können. Der erste Aspekt betrifft das der hedo­nistischen Wertetheorie zu Grunde gelegte, letztendlich ungenügende Subjekt. Der zweite Aspekt behandelt die Konsequenzen einer Wertebestimmung von mentalen Zuständen als Grundlage von Handlungsentscheidungen auf das Selbstverständ­nis eines individuellen, selbstverantwortlichen Ichs. Die negativen Folgen werden diskutiert. Der dritte Aspekt befasst sich mit Benthams extrem vereinfachenden Sicht auf die Gesellschaft als ein fiktives Element und der daraus gefolgerten Be­hauptung, dass es ein Gesamtglück oder genauer einen Gesamtnutzen gibt, der als Bilanzsumme aus Glück und Leiden der Einzelnen aufaddiert werden könne. Im abschliessenden vierten Abschnitt wird versucht, aus den Ausführungen ein Fazit zu ziehen und die Arbeit mit allgemeineren Bemerkungen zur Wirkmächtigkeit der hedonistischen Wertetheorie und ihrer Unzulänglichkeiten abzuschliessen.

2 Wertetheorie von J. Bentham

Bentham beginnt seine Ausführungen mit der Behauptung, dass die Menschen[1] in ihrem Tun und Wollen einzig und allein von zwei fundamentalen Gefühlen, nämlich von Leid („pain“) und Freude („pleasure“), bestimmt werden. Zum einen existiert für ihn eine Kausalkette von Ursache und Wirkung zwischen diesen Gefühlen und den Handlungen, zum anderen geben sie alleine den Menschen vor, wie sie han­deln sollen. Leid und Freude seien die „Herrscher“ über unser Tun, Sprechen und Denken (Bentham et al., 2013, 10).

Mit dieser enorm weitreichenden Behauptung unterlegt Bentham seiner Argu­mentation eine starke Prämisse, die im Grunde das Meiste von dem vorbestimmt, was sein „Prinzip der Nützlichkeit“ ausmacht. Sein erklärtes Ziel ist es, damit das „Gebäude der Glückseligkeit“ (Bentham et al., 2013, 11) zu erbauen.

Was für ein Problem will Bentham grundsätzlich lösen? Er beschäftigt sich mit der Frage, auf welcher festen Basis sich Prinzipien der Moral und der Gesetzge­bung ausgestalten lassen. Prinzipien, die sowohl das Handeln der Individuen als auch das Handeln der institutioneilen Organisationen eines Staates abschliessend bestimmen können. Diese feste Basis konstruiert Bentham aus seinem Verständnis der Beziehung zwischen der Natur und dem Handeln und Wollen der Menschen. Es sei die Natur des Menschen, dass er einzig durch zwei Gefühle gelenkt werde: Freude und Leid. Bentham begegnet dieser für ihn unwiderlegbaren und nicht be­zweifelbaren Einsicht mit einer offensiven Strategie: Diese Gesetzmässigkeit soll als Fundament seiner Moraltheorie dienen. Damit hat er die gesuchte Basis gefunden, auf der das gesamte Gedankengebäude der Moral aufgebaut werden kann und auf­gebaut werden soll. Für Bentham ist es eine Frage der Vernunft und des Rechts, dies zu tun (Bentham et al., 2013, 11). Er scheint Erkenntnis der Zusammenhänge der Welt mit Vernunft und gleichzeitig auch mit dem was Recht ist in einer engen Beziehung zu sehen.

Aber was ist nun dieses Prinzip der Nützlichkeit und wie hängt es mit der obigen Prämisse zusammen? Man könnte dieses Prinzip als eine Art Beurteilungsregel be­trachten: Handlungen von Personen oder auch von staatlichen Institutionen sollen dahingehend beurteilt werden, inwiefern ihre Ausführungen das Glück („pleasure) einer Gruppe oder eines Individuums vermehrt oder vermindert. Bentham spricht von einer den Handlungen innewohnende Tendenz. Eine Handlung ist dahingehend zu beurteilen wie viel „Nutzen“ sie der Gemeinschaft, gebildet aus den einzelnen Individuen, bringt. Dabei soll jeweils die Gemeinschaft so weit betrachtet werden, wie ihre Mitglieder ein Interesse am Handlungsergebnis haben, also von diesem betroffen sind. Bentham betont, dass unter Glück keinesfalls etwa nur ein mo­mentaner mentaler Zustand gemeint ist, sondern eine ganze Reihe von durch die Menschen positiv bewerteten Zuständen und Folgen wie „Gewinn, Vorteil, Freude, Gutes oder Glück“ (Bentham et al., 2013, 11).

Folgenreich und entscheidend für sein Prinzip ist auch die Art und Weise, wie Bentham die Gesellschaft oder Gemeinschaft sieht. Für ihn ist sie nichts anderes als ein fiktives Gebilde, das aus nichts anderem als ihren Einzelgliedern besteht. Gesellschaft ist in diesem Sinne die „Addition“ ihrer Mitglieder. Damit ist auch das Interesse oder die Freude der Gesellschaft nichts anderes als die Summe der Einzelinteressen, resp. der Freuden der Einzelnen (Bentham et al., 2013, 12).

Das Prinzip der Nützlichkeit ist eine für Bentham vernunftbedingte logische Folge und Antwort auf die eingangs skizzierte Prämisse der Abhängigkeit der Handlungen der Menschen von den Gefühlen Leid und Freude: Eine Handlung ist als gut zu beurteilen, und ist damit geboten, wenn sie zur Lustvergrösserung beiträgt, ist aber schlecht und damit verboten oder zumindest nicht geboten, wenn sie das Leid vermehrt. Mit dem Prinzip der Nützlichkeit meint Bentham ein un­verrückbares Fundament für die Gesetzgebung gefunden zu haben. Gesetze sind so zu bilden, dass sie ebenfalls dem Prinzip der Nützlichkeit entsprechen, das heisst, dass die aus den Gesetzen abgeleiteten und durch diese bestimmten Handlungen „nützlich“ sind.

Das Prinzip der Nützlichkeit erachtet Bentham als nicht direkt beweisbar. Jeder Beweis müsse mit einer Prämisse beginnen, die am Anfang der Beweiskette stehe. Wäre diese auch noch beweisbar, so bildete sie nicht den Anfang der Kette. Ein Beweis sei zudem „überflüssig“. (Bentham et al., 2013, 13). Für Bentham ist es eine Frage der Vernunft, sich diesem Prinzip der Nützlichkeit zu unterwerfen, da es sinnlos ist, sich dagegen zu wehren. Dies könne nicht gelingen und zwar aufgrund der „natürlichen Beschaffenheit der menschlichen Verfasstheit“ (Bentham et al., 2013, 13). Der einzige Grund für eine Handlung könne ihr Nutzen sein.

Bentham geht es bei seinen Ausführungen besonders um eine Grundlage für die Gesetzgeber eines Staates. Das kann zum einen am Titel der Arbeit aber noch viel mehr am Kapitel über die Sanktionen (Bentham et al., 2013, 35ff) festge­macht werden. Darin wird der Gesetzgeber behandelt, der dazu verpflichtet sei, ausschliesslich das Glück der Individuen, „ihre Freuden und ihre Sicherheit“ (Bent­ham et al., 2013, 35), zu fördern. Für Bentham ist also eine Regierung einzig dafür da, die Rahmenbedingungen für die Bürger so zu gestalten, dass der Gesamtnut­zen oder das Gemeinwohl maximiert wird. Die Regierung soll die Individuen dazu bringen, ihr Verhalten am Ziel der Gesamtnutzenoptimierung auszurichten. Die

Menschen müssen dazu gebracht werden, dieses Ziel auch zu verfolgen. Freude oder das Vermeiden von Leid sind für Bentham nicht nur das Ziel der menschli­chen Handlungen. Sie dienen zugleich als Ursache der Handlungen und sind damit auch das Mittel, das eingesetzt werden muss, um die richtigen Handlungen her­vorzubringen (Bentham et al., 2013, 36).

Bentham geht in seinen Überlegungen noch einen wesentlichen Schritt weiter und skizziert ein Kalkulationsschema für die Messung und Berechnung von Freu­de, resp. von Leiden. Bekannt ist dieses Verfahren heute unter dem Begriff des „hedonistisches Kalküls“. Die Idee ist es, den Freuden und Leiden Zahlenwerte zuzuweisen, mit denen Aussagen über die Stärke der jeweiligen Gemütszustände möglich sein sollen. Die Idee dahinter basiert auf der Überlegung, je mehr Freude als Konsequenz einer Handlung entsteht, desto besser ist die Handlung und desto eher soll sie auch ausgeführt werden. Es stellt sich somit die Frage, wie die Stär­ke einer Freude gemessen werden kann. Benthams Lösung dieser Frage besteht in einer Ausdifferenzierung der Eigenschaften der Freude. Er formuliert sieben „Um­stände!]“ (Bentham et al., 2013, 41), die eine Unterscheidung ermöglichen. Die wichtigsten Eigenschaften bilden die Intensität, die Dauer und das Ausmass. Je intensiver eine Freude empfunden, je länger sie dauert und je mehr Menschen von ihr betroffen sind, desto ein höherer Zahlenwert muss ihr zugeordnet werden. Das gleiche gilt für Leid, einfach mit negativen Vorzeichen. Das Kalkül besteht nun darin, für eine Entscheidung die Handlungsalternativen zu betrachten, ihre Um­stände einzuschätzen und für jeden Einzelnen, der betroffen ist, die Zahlenwerte für Freude und Leiden zu bestimmen und eine einfache Addition der positiven Werte für Freude und der negativen Werte für Leid vorzunehmen. Es ist diejenige Handlung auszuführen, die von allen den grössten positiven Wert oder allenfalls den geringsten negativen Wert aufweist. Dieses hedonistische Kalkül wird gemäss Bentham wohl nicht in allen Situationen so angewendet, aber je öfter man das tue, desto näher komme man einem exakten Verfahren (Bentham et al., 2013, 42), einem technisch-wissenschaftlichen Fundament der Moral, könnte man sagen.

[...]


[1] Bentham spricht zwar von „Menschheit“. Es wäre zu überlegen, ob damit auch etwas anderes als „alle Menschen, die aktuell leben, die jemals gelebt haben und die jemals leben werden“ gemeint sein könnte. Dieser Pfad wird jedoch an dieser Stelle nicht weiter verfolgt.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Die hedonistische Wertetheorie nach Jeremy Bentham
Hochschule
Universität Bern  (Institut für Philosophie)
Veranstaltung
Proseminar Utilitarismus
Note
6.0
Autor
Jahr
2017
Seiten
16
Katalognummer
V385719
ISBN (eBook)
9783668601109
ISBN (Buch)
9783668601116
Dateigröße
445 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Hedonistische Wertethorie, Utilitarismus, Konsequentialismus, Prinzip der Nützlichkeit, Glücksmaximierung
Arbeit zitieren
Peter Keller (Autor), 2017, Die hedonistische Wertetheorie nach Jeremy Bentham, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/385719

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