Islamische Gewalt im Nahen Osten. Eine Folge amerikanischer Interventionen?


Hausarbeit (Hauptseminar), 2016
18 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Entstehung des Islamischen Staats nach Lüders

3. Die Ursachen islamischer Gewalt im Nahen Osten
3.1 Sunniten und Schiiten
3.2 Der Zusammenbruch des Irak
3.2.1 Der Sturz Saddam Husseins
3.2.2 Die Entstehung des islamischen Staats
3.3 Der Bürgerkrieg in Syrien

4. Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Die USA sollten sich militärisch aus dieser Region zurückziehen. Es waren ihre Kriege, vor allem der im Irak, die das Monster IS überhaupt erst geschaffen haben“. So äußerte sich Sarah Wagenknecht, Fraktionsvorsitzende der Partei Die Linke, im Dezember 2015 in einem Spie­gelinterview über die Rolle der USA im Nahen Osten und die Entstehung von islamischer Ge­walt.[1] In der Populärliteratur sind Bücher, die die Amerikaner verantwortlich für die Entste­hung von Islamischer Gewalt im Allgemeinen und dem Islamischen Staat im speziellen ma­chen, sehr beliebt. Allen voran die beiden Autoren Jürgen Todenhöfer und Michael Lüders. Das Buch von Michael Lüders „Wer den Wind sät – Was westliche Politik im Orient anrich­tet“ befindet sich aktuell auf Platz zwei der Spiegel Bestsellerliste.[2] Mit den Schuldzuweisun­gen haben es beide zu beachtlicher Popularität gebracht. Die Argumentationsstrukturen sind im wesentlichen die gleichen: Durch Machtpolitik haben die USA Terrororganisationen unter­stützt oder zumindest geduldet und den Nahen Osten ins Chaos gestürzt. Islamische Gewalt sei im wesentlichen durch eine falsche Politik der Amerikaner entstanden.

Die Kritik an der us-amerikanischen Politik steigert sich schnell zu einem Antiamerikanismus oftmals verbunden mit Antisemitismus, der die USA zum Hauptverantwortlichen für die Ge­walt im Nahen Osten macht. Dabei werden vielfach komplexe Zusammenhänge nur stark ver­einfacht dargestellt. Die Frage, die sich für die Hausarbeit stellt, ist folgende: Was sind die Ur­sachen für islamische Gewalt im Nahen Osten? Sind die USA tatsächlich für die Islamische Gewalt und die Entstehung des Islamischen Staats verantwortlich oder gibt es andere Fakto­ren, die entscheidend für die Entstehung der Terrororganisation waren?[3] Dazu werden zu­nächst die wesentlichen Thesen von Michael Lüders Buch im ersten Kapital dargestellt. Dar­aufhin werden die Ursachen für die Entstehung von islamischer Gewalt an zwei Ländern un­tersucht, die in den letzten Jahren vermehrt im Fokus der Weltöffentlichkeit standen und auf dessen Staatsterritorium sich heute das Gebiet des Islamischen Staats (IS) erstreckt: Dem Irak und Syrien. Zum Schluss erfolgt eine Gesamteinschätzung, ob die amerikanische Nahost­politik tatsächlich die Entstehung des IS begünstigte und welche Bedeutung innerstaatliche und religiöse Konflikte haben.

2. Die Entstehung des Islamischen Staats nach Lüders

Lüders legt in seinem Buch die westlichen Interventionen im Nahen und Mittleren Osten seit der Kolonialzeit dar und fokussiert sich dabei vor allem auf die Einflussnahme der USA auf den Iran, Irak. Afghanistan und Syrien. Relevant sind hier vor allem seine Ausführungen zum Irak und Syrien: Nach der islamischen Revolution im Iran wollten die USA den Iran mit allen Mitteln bekämpfen und haben dazu den Irak als Verbündeten auserkoren, so Lüders. Saddam Husseins Aufstieg sei maßgeblich durch die Unterstützung der USA, der Europäischen Staa­ten und den Golfstaaten ermöglicht worden. Die USA hätten mit einem irakisch-iranischen Krieg die Chance gesehen, Chomeini im Iran zu stürzen. Als absehbar wurde, das der Irak den Krieg verliert, hätten die USA den Irak unterstützt und den Krieg so um sechs Jahre verlän­gert. Als der Krieg 1988 mit einem Waffenstillstand endete war der Irak hochverschuldet. Das Regime sah keinen anderen Ausweg aus den Schulden, als das Nachbarland Kuwait mit sei­nen riesigen Ölreserven zu besetzen, einem der wichtigsten Erdöllieferanten der USA. Da die Amerikaner verlauteten, dass sie sich in Grenzstreitigkeiten nicht einmischen werden, sah sich Saddam bestärkt Kuwait zu überfallen, die Amerikaner intervenierten jedoch militärisch was zum zweiten Golfkrieg führte und den Irak noch höhere Staatsschulden bescherte. Als viel schwer wiegender sieht er die UN-Sanktionen gegen den Irak, die zu einer Verelendung und Hungersnöten in der irakischen Bevölkerung geführt haben. Im Jahr 2003 griffen die Ameri­kaner den Irak schließlich an, mit dem Ziel Saddam Hussein endgültig zu stürzen. Als Be­gründung wurden vor allem der Besitz von Massenvernichtungswaffen und eine Zusammen­arbeit mit Al-Qaida angeführt. Lüders macht nach dem Sturz Saddams drei „Kardinalsfehler“ der USA aus:[4]

Ersten: Ein Machtvakuum nach dem Sturz Saddam Husseins hätte die Ausbreitung von Anar­chie und Chaos befördert. Der Versuch der Amerikaner kurz nach Ende des Krieges einen neoliberalen Staat zu schaffen, hätten die letzten Reste funktionierender Zentralstaatlichkeit im Irak zerstört. Zweitens hätten die Amerikaner nicht versucht, die religiösen oder ethni­schen Stammesführer in einen Dialog für die Neuordnung des Staates einzubeziehen. Als An­sprechpartner hätten nur dubiose Exil-Iraker gedient, die in der Bevölkerung keinerlei Rück­halt gehabt hätten. Irakische Führungspersonen wurden nicht mehr als Iraker sondern als Teil eines bestimmen Stammes oder einer Religion angesehen. Die religiösen Unterschiede zwi­schen Sunniten, Schiiten und Kurden hätten im Alltag nur eine untergeordnete Rolle gespielt (!) Die Amerikaner haben damit eine Konfessionalisierung in Gang gesetzt, an dessen Ende Al-Qaida im Irak und später der Islamische Staat hervorgegangen sei. Als dritten und schwer­wiegendsten Fehler macht Lüders die Entscheidung der amerikanischen Besatzer aus, die ira­kische Armee aufzulösen und die Baath-Partei zu verbieten. Denn dadurch verloren Hundert­tausende Iraker ihren Beruf und ihre Existenzgrundlage. Für die Sunniten, die lange Zeit die Machtelite im Irak darstellten, stellte diese Entmachtung eine Demütigung dar. Die ehemali­gen Parteikader der Baath-Partei, Geheimdienstler sowie ehemalige sunnitische Offiziere und Soldaten der irakischen organisierten sich im Untergrund und sind heute im Islamischen Staat aktiv. Unter den Sunniten hat sich massiver Widerstand gegen die amerikanischen Besatzer und die neue schiitische Regierung gebildet. Der Irak wurde so durch jahrzehntelange Macht­interessen der USA zerstört: Die Entmachtung der sunnitischen Minderheit durch die Ameri­kaner, den Zerfall des irakischen Zentralstaates und die Zerstörung der irakischen Gesellschaft durch die UN-Sanktionen macht Lüders als den Grundstein für Gewalt und Terror im Irak aus. Die militärischen Erfolge des IS erklärt er sich durch ein politisches Vakuum im Irak und Sy­rien. Welche Nutzen die USA aus dem Zerfall Syriens und des Iraks gezogen haben legt Lü­ders hingegen nicht dar. Bemerkenswert an seinen Analysen ist, dass er in sämtlichen Staaten des Nahen Ostens, auf die er sich bezieht, innerstaatliche und religiöse Konflikte vollständig ausblendet werden.[5]

3. Die Ursachen islamischer Gewalt im Nahen Osten

3.1 Sunniten und Schiiten

Um die Ideologie und die Gewalt des Islamischen Staats zu verstehen ist es wichtig, die Ursa­che für den Hass gegen die Schiiten zu verstehen. Die Entstehung der Glaubensrichtung der Schiiten entstand durch den innerislamischen Richtungsstreit der nach dem Tod Mohammeds zwischen den Prophetengenossen ausgebrochen war. Sunniten und Schiiten beriefen sich glei­chermaßen auf Mohammed und beanspruchten die legitime Nachfolge seines religiösen und politischen Erbes. Mohammed starb 632 ohne einen Nachfolger für die von ihm geschaffene islamische Gemeinde (umma) hinterlassen zu haben. Eine Mehrheitsfraktion unter den beiden Schwiegervätern Mohammeds Abu Bakr und Omar gingen davon aus, dass der Prophet keine Nachfolgeregelung getroffen hatte und diese durch eine Wahl unter den Prophetengenossen geschehen sollte. Ein Minderheit hingegen behauptete, das Mohammed seinen Cousin Ali Ibn Abi Talib zum Kalifen und damit zu seinem Nachfolger bestimmt habe. Die Mehrheitsfrakti­on konnte sich schließlich durchsetzen und wählten einen der Prophetengenossen Moham­meds zum ersten Kalifen auf dem weitere zwei Prophetengenossen folgten. Ali wurde schließ­lich 656 zum vierten Kalifen gewählt nach dem es im Kalifat zu Spannungen zwischen Clans und Gruppierungen gekommen war. Alis Anhänger nannten sich nun „Partei Alis“ aus denen später die Schiiten wurden. Während der Herrschaft Alis kam es zu Machtkämpfen zwischen zwischen dem Klan der Omaija aus dessen Reihen der dritte Kalif hervorgegangen war. Die­ser Konflikt mündete schließlich in einem Bürgerkrieg den Ali verlor und seine Söhne zur Flucht nach Medina zwang.[6]

Als der fünfte Kalif, der Ali vom Thron stürzte, im sterben lag, sah Alis Sohn Husein seine Chance gekommen. Er zog in den Krieg gegen die Omaija wurde aber 680 von einem über­mächtigen Heer getötet und fand den Märtyrertod. Sein Tod ließ die Schia, die zuvor lediglich als Fraktion in innerislamischen Machtkampf galt zu einem religiösen Phänomen werden. Die kurze Zeit des Kalifats unter der Herrschaft Alis gilt für die Schiiten bis heute als die einzige rechtmäßige Herrschaft des Islam nach dem Tod Mohammeds. Nach schiitischer Vorstellung ist die gesamte islamische Weltgemeinschaft ohne legitimes Oberhaupt. Unter den sunniti­schen Kalifen waren die Schiiten eine politisch und gesellschaftlich unterdrückte Minderheit.[7] Der wichtigste Streitpunkt zwischen Sunniten und Schiiten betrifft die Frage des Imamats, dem theologischen Grundprinzip der Schia. In der Schia sind Imane jene, die die verborgene Bedeutung der Offenbarungsreligion als alleinigen Garanten des wahren Glaubens bewahren. Muslime können nur dann in die richtige Beziehung zur Offenbarung des Propheten treten, wenn sie von spirituell begnadeten Oberhäuptern aus der Blutslinie von Mohammed und Ali abstammen. Für Schiiten sind die überlieferten Aussprüche (hadith) der zwölf Imame gleich­wertig neben den Aussprüchen des Propheten.[8]

[...]


[1] O.V., Linke-Fraktionschefin Wagenknecht: „Militärische Interventionen des Westens helfen dem IS“, Spiegel Online, http://www.spiegel.de/politik/deutschland/sahra-wagenknecht-militaerische-interventionen-des-westens-helfen-dem-is-a-1066246.html, zugegriffen am 2.3.16 14:59

[2] Lüders, Michael, Wer den Wind sät – Was westliche Politik im Orient anrichtet, München 2015

[3] Vgl. Klaiber, Susanne, Warum die USA schuld am grausamen Terror im Irak sind, Huffington Post, http://www.huffingtonpost.de/2014/06/16/usa-schuld-irak-terror_n_5499266.html, zugegriffen am 1.3.16 22:13

[4] Vgl. Lüders, Wer den Wind sät, S. 51

[5] Vgl. Lüders, Wer den Wind sät, S. 51ff.

[6] Vgl. Schirrmacher, Christine, Ein islamisches Phänomen? Die Schreckensherrschaft des islamischen Staates i(IS) in Irak und Syrien in: Neue Gesellschaft Frankfurter Hefte, Heft 11 2014, S. 46f. sowie Buchta, Wilfried, Terror vor Europas Toren – Der Islamische Staat, Iraks Zerfall und Amerikas Ohnmacht, Frankfurt/New York 2015, S. 46

[7] Vgl. Buchta, Terror vor Europas Toren, S. 42ff.

[8] Vgl. ebd., S. 53ff.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Islamische Gewalt im Nahen Osten. Eine Folge amerikanischer Interventionen?
Hochschule
Universität Erfurt
Note
1,7
Autor
Jahr
2016
Seiten
18
Katalognummer
V385824
ISBN (eBook)
9783668605558
ISBN (Buch)
9783668605565
Dateigröße
514 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
islamische, gewalt, nahen, osten, eine, folge, interventionen
Arbeit zitieren
Peter Gerhardt (Autor), 2016, Islamische Gewalt im Nahen Osten. Eine Folge amerikanischer Interventionen?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/385824

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