Inwiefern beeinflusst das Internet romantische Interaktionen? Die Wahrnehmung des Risikos des "ersten Schrittes" im Kontext von Online-Partneragenturen


Essay, 2016

6 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inwiefern beeinflusst das Internet die Wahrnehmung des Risikos des ersten Schrittes bei romantischen Interaktionen im Kontext von Online-Partneragenturen?

Das Internet beeinflusst das alltägliche Leben der Menschen seit seiner Entwicklung in zunehmendem Maße und wird immer häufiger von ihnen genutzt (ARD-ZDF- Onlinestudie, Stand: 14.03.2016). Es ist durch dsie Digitalisierung bereits in die intimsten Lebensbereiche, wie z.B. Liebesbeziehungen, vorgedrungen. Die Partnersuche mit Hilfe des Internets kann als „soziale Innovation“ (Schulz et al͘ 2008: 272) bezeichnet werden͘ Da sich das Geschäft der vermarkteten Liebesbeziehung als ein äußerst lukratives beweist (Illouz 2006: 115f.), ist es also nicht verwunderlich, dass sich viele OnlinePartneragenturen entwickelt haben, die es sich zum Ziel machen, das romantische Ideal einer erfüllten und langandauernden Liebesbeziehung zu verkaufen, was u.a. in ihren Layouts deutlich wird (Schulz, Zillmann 2009: 8).

Die Fragestellung, die in diesem Essay bearbeitet wird, zielt auf den Einfluss des Internets bezüglich der Wahrnehmung des Risikos des ersten Schrittes[1] in romantischen Interaktionen im Kontext von Online-Partneragenturen. Mit dem ersten Schritt ist hier die erste Interaktion zweier Individuen im virtuellen Kontext des Internets gemeint. Zu Anfang wird erläutert, was nach Elliott und Merrill unter dem Begriff der romantischen Liebe zu verstehen ist. Daraufhin folgt die Erläuterung der Rolle des Internets bezüglich des Online-Liebesmarktes. Abschließend werden Online- Partneragenturen und deren Nutzung im romantischen Kontext beleuchtet.

Romantische Liebe ist nach Elliott und Merrill (1934: 338-363) eine „soziale Erfindung“ (ebd. 340), ein „sozial und kulturell bedingtes Geschehen“ (ebd͘ 340)͘ Menschen werden demnach erst durch ihr soziales Umfeld und die Medien dafür sozialisiert, sich zu verlieben (ebd. 340, 341) und machen sich un-/bewusst auf die Suche „nach der einen großen Liebe“ (ebd͘ 341)͘

Der romantisch Verliebte ist der uffassung, die romantische Liebe sei das „größte Glück im Leben“ (ebd͘ 338) und ist überzeugt davon, dass es „nur diesen einen Menschen gibt, der für ihn bestimmt ist und ihn glücklich“ macht (ebd͘ 363), sowie dass er nur mit diesem den „vollen, ungetrübten Liebesrausch erfahren kann“ (ebd͘ 341)͘ Der Glaube an die „Liebe auf den ersten Blick“ (ebd͘ 341) und ein, in anderen Kontexten als anormal und krankhaft bewertetes Verhalten (ebd. 344), das romantisch Verliebte aufweisen, zählen ebenfalls zum romantischen Liebeskonzept. Außerdem gilt die romantische Liebe als eine freie Liebe, die keiner anderen Macht, als dem „spontanen Empfinden und Entscheiden von Individuen“, untersteht (ebd͘ 345)͘ „Wahre Liebe“ ist im Kontext des romantischen Liebeskonzeptes „so kostbar, dass sie alles andere aufwiegt“ (ebd͘ 345), in der Realität agiert sie jedoch als ein „billige[r] und kurzlebige[r] bklatsch“ (ebd͘ 345) ebendieser, da die Erwartungen zumeist romantisch verzückt (ebd. 339) und mit einem „rosa nstrich“ (ebd͘ 363) versehen sind, der den Blick auf die Realität trübt͘ Diese Erwartungen sollten nach Elliott und Merrill aufklärerisch realistischer gestaltet werden (ebd. 360), um einen angemesseneren Umgang mit romantischer Liebe zu gewährleisten.

Das Internet bewirkt eine indirekte Kommunikation via einer „entkörperlichten, textuellen“ Form (Illouz 2006: 134) und auch über weitere Distanzen hinweg, bei der Gestik und Mimik ausbleiben, da man, beispielsweise bei Online-Partneragenturen, ausschließlich über „plattforminterne Nachrichtensysteme“ (Schulz, Zillmann 2009: 11) kommuniziert. Durch die (Pseudo-) „ nonymität der Kommunikation sowie der vergleichsweise einfachen Kündbarkeit von Online-Beziehungen wird das Netz als geschützter Raum wahrgenommen, der enthemmt und Selbstoffenbarung begünstigt“ (Dröge 2012: 44). Dieser Enthemmungseffekt bringt eine mangelnde Verbindlichkeit mit sich, was durch nicht vorhandene soziale Sanktionen innerhalb des Internets noch verstärkt wird. Insofern kann durch das Internet das Risiko peinlicher oder unangenehmer Situationen abgemildert und sogar verringert werden, da mehr Zeit, als bei face-to-face-Interaktionen gegeben ist, um auf Nachrichten zu reagieren, was zur Folge hat, dass man sich in unangenehmen Situationen, beispielsweise der einer Zurückweisung, zwar vor dem Bildschirm verletzt fühlen kann, dies aber in der darauffolgenden Antwort nicht zwingend durchdringen muss, da man sich über die Wortwahl länger Gedanken machen kann. Additional tritt durch die Kommunikation über das Internet das Körperliche vorerst in den Hintergrund (Dröge 2012: 45), was den Fokus auf die Persönlichkeit legt.

Das Internet agiert weitergehend als Risikoverringerer, da es technische Interaktionen (z.B͘ die Nutzung von Emoticons) immer mehr zu „identitätsstiftenden ktivitäten und zu Orten, an denen sich Verhältnisse wechselseitiger Wertschätzung entwickelt“ (Voirol 2012: 165), macht und damit den Aufbau einer Beziehung erleichtert.

Das Internet kann jedoch durch die langen Listen an potenziellen Partnern auch negative Auswirkungen haben. Da sich auf rationalisierte Art und Weise durch die Listen „durchgearbeitet“ werden muss, entwickeln die Nutzer zwangsweise Techniken, um der Masse an potenziellen Partnern gerecht zu werden (Illouz 2006: 126). Mit Hilfe von Kosten-Nutzen- nalysen (Illouz 2006: 128) wird versucht, für sich selbst das „beste Geschäft“ zu machen, also den vielversprechendsten Partner auszuwählen (Illouz 2006: 120, 129), denn nur so kann nach romantischer Auffassung ein gelungenes Beziehungsleben stattfinden (Dröge 2012: 49). Mit der Zeit entsteht durch die repetitiven Begegnungen also eine Routine-Entwicklung (Illouz 2006: 127f., 133).

Gleichzeitig werden die Nutzer immer wählerischer, was zur Folge haben kann, dass sie niemanden finden, weil ihren idealisierten Erwartungen keiner entsprechen kann (Bude 2014: 33) und somit sind Enttäuschungen nicht auszuschließen. Es lässt sich zusätzlich ein Bruch mit der „Kultur der Romantik“ (Illouz 2006: 133) beobachten, da durch das Internet ein rationalisierter Modus der Partnerwahl erfolgt (Illouz 2006: 134), an dem nach dem traditionellen Verständnis romantischer Liebe Irrationalität ihren Platz haben sollte.

Online-Partneragenturen speisen sich aus dem Interesse ihrer Nutzer an romantischen Interaktionen͘ Das ist u͘a͘ an deren Werbesprüchen zu erkennen: „Parship ist speziell für Menschen entwickelt worden, die auf der Suche nach einer langfristigen Beziehung sind͘“ (Parship, Stand: 14͘03͘2016)͘ Die Online-Partneragenturen nehmen eine vermittelnde und Hilfestellung gewährende Rolle ein, indem sie mittels der Nutzerprofile durch Partnerschaftsalgorithmen Gemeinsamkeiten zwischen verschiedenen Nutzern feststellen und damit die Grundlage für eine „Intimkommunikation“ (Beher et al͘ 2011: 292) und die ussicht auf romantische Interaktionen schaffen. Online-Partneragenturen gebrauchen für die Erhebung der Nutzerdaten standardisierte Fragebögen (Illouz 2006: 116, 122). Um die Dienste von Online-Partneragenturen überhaupt in Anspruch nehmen zu können, müssen die Nutzer in der Regel Profile mit Hilfe dieser Fragebögen erstellen, in denen sie Angaben über ihre Person, Interessen etc. machen. Das erfordert eine möglichst objektive Selbstbeschreibung und „ rtikulation eigener Vorlieben und Meinungen“ (Illouz 2006: 117)͘ Dieser Prozess der Selbstbeschreibung bedient sich jedoch „kultureller Skripte wünschenswerter Persönlichkeiten“ (Illouz 2006: 124), was zur Konsequenz hat, dass die Nutzer darauf bedacht sind sich positiver darzustellen und womöglich inkorrekte Angaben über sich machen (z.B. Lügen bei der Angabe des Alters) (Illouz 2006: 121). Hier haben die Konsumkultur und Modeindustrie einen großen Einfluss auf die Formen der Selbstdarstellung, mit dem Zweck anderen zu gefallen, ausgeübt (Illouz 2006: 121). Folglich entfremdet sich der Nutzer selbst, da er das Gefühl hat, sich „verkaufen“ zu müssen (Voirol 2012: 171) und damit eine andere Rolle, nämlich die des „gesellschaftlich normierten Ideal[s]“ (Dröge 2012: 52), zu spielen. Im Grunde tut er dies auch, denn jeder Suchende ist einem offenen Konkurrenzmarkt ausgesetzt, auf dem das Selbst öffentlich inszeniert und zur Ware wird (Illouz 2006: 119, 120).

Das Internet trägt zu den umfassenden und komplexen Interaktionen bezüglich der Wahrnehmung des Risikos des ersten Schrittes bei romantischen Interaktionen im Kontext von Online-Partnersuchagenturen entscheidende Veränderungen bei und spielt als Vernetzungsinstanz eine zentrale Rolle. Es steuert durch seinen Enthemmungseffekt maßgeblich zu einer Verringerung der Angst vor dem ersten Schritt bei. Weiterhin bietet es günstige Rahmenbedingungen für den Aufbau einer Liebesbeziehung. Es erleichtert die Kommunikation ungemein, formalisiert und rationalisiert die Partnersuche aber gleichzeitig, womit Liebesbeziehungen immer mehr zu „Fließbandprodukten“ werden, die zu schnellem, effizientem und reichlichem Konsum bestimmt sind (Illouz 2006: 135).

[...]


[1] In dem Moment, in dem Menschen persönliche Informationen preisgeben, verlassen sie einen Schutzbereich und machen sich mit ihnen emotional angreifbar. Diese Angreifbarkeit resultiert aus der Angst vor sozialer Ablehnung (Alps, Stand: 14.03.2016). Der "erste Schritt" ist ein solcher Moment. Durch die gleiche Struktur dieser Momente sind die Ergebnisses dieses Essays auch auf andere Momente dieser Art übertragbar.

Ende der Leseprobe aus 6 Seiten

Details

Titel
Inwiefern beeinflusst das Internet romantische Interaktionen? Die Wahrnehmung des Risikos des "ersten Schrittes" im Kontext von Online-Partneragenturen
Hochschule
Universität Bielefeld
Note
1,7
Autor
Jahr
2016
Seiten
6
Katalognummer
V385855
ISBN (eBook)
9783668606708
ISBN (Buch)
9783668606715
Dateigröße
810 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Liebe, Internet, Parship, Soziologie, Interaktion, romantische Interaktion
Arbeit zitieren
Patricia Paschen (Autor:in), 2016, Inwiefern beeinflusst das Internet romantische Interaktionen? Die Wahrnehmung des Risikos des "ersten Schrittes" im Kontext von Online-Partneragenturen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/385855

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Inwiefern beeinflusst das Internet romantische Interaktionen? Die Wahrnehmung des Risikos des "ersten Schrittes" im Kontext von Online-Partneragenturen



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden