Doppelte Entbettung. Heimerziehung in der reflexiven Modernisierung


Bachelorarbeit, 2017
46 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Ulrich Beck - Was ist reflexive Modernisierung?

3 Anthony Giddens - Konsequenzen der Moderne
3.1 Entbettung
3.2 Reflexivität der Moderne nach Giddens

4 Heimerziehung
4.1 Modernisierung der Heimerziehung: Realität oder Fiktion?
4.2 Modernisierungsprinzipien der Heimerziehung

5 Soziale Arbeit in der individualisierten Risiko-gesellschaft
5.1 Entbettung durch Expertensysteme
5.2 Technischer Fortschritt
5.3 Individualisierung

6 Ausblick für die stationäre Erziehungshilfe
6.1 Forschungsdefizit der Hilfen zur Erziehung
6.2 Veränderung der Gesetzgebung durch das KICK
6.3 Ausbau der Ganztagsschulen

7 Fazit

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

„Im Zuge der Modernisierung der Moderne – auf dem Weg in die Zweite Moderne – nach den Konsequenzen für die Soziale Arbeit zu fragen, ist ebenso schwierig wie spekulativ“ (Rauschenbach 1999, S. 259).

Genau diese von Rauschenbach beschriebene Herausforderung stellt das Thema meiner Bachelorarbeit dar. Es soll ein Versuch darüber angestellt werden, die Entwicklungen einer fortschreitenden reflexiven Moderne auf die Soziale Arbeit - im Besonderen die Heimerziehung - zu münzen. Die Komplexität dieser Arbeit kennzeichnet sich vor allem durch den Umstand, dass renommierte Soziologen wie Ulrich Beck und Anthony Giddens selbst kein abschließendes Urteil über die Epoche der reflexiven Moderne abgeben wollen. So erklärt Beck, dass eine neue Zerbrechlichkeit sozialer Lagen und Biographien im Zuge der reflexiven Modernisierung entstehe. Wie diese zu verstehen, bestehen und erforschen sei, wisse aber so recht niemand (vgl. Beck, Giddens, Lash, 1996, S. 20 f.). Daher trifft Rauschenbach in dem vorangestellten Zitat durchaus den Kern, wenn er davon spricht, dass die Erkenntnisgewinne für die Soziale Arbeit teilweise nur spekulativer Natur sein können. So möchte auch diese Bachelor-Arbeit teilweise konzeptionell, aber auch spekulativ, jedoch stets mit guten Argumenten unterfüttert, einen kleinen Beitrag zur Idee von Sozialer Arbeit in der modernisierten Gesellschaft leisten. Die Motivation, dieses Thema in meiner Bachelor-Arbeit aufzunehmen lässt sich dadurch begründen, dass ich während meines Studiums auf einen Text von Anthony Giddens (1997) gestoßen bin. Dieser zeigt auf, dass anders als in traditionellen Gesellschaften die individuelle Lebensführung nicht mehr kanalisiert, sicher „eingebettet“, sondern angesichts vermehrter Optionsmöglichkeiten „entbettet“ sei, sodass es eigene Lösungswege erst zu finden gelte. Diese Theorie Giddens habe ich als so gehaltvoll und erarbeitungswürdig empfunden, dass ich mir die erweiternde Frage gestellt habe, welche Auswirkungen die genannten Veränderungen für die Soziale Arbeit, im Speziellen für die Heimerziehung haben können. Diese Überlegungen stellten den Ausgangspunkt der Bearbeitung dieser Bachelorarbeit dar, die wie folgt strukturiert ist.

Im ersten Kapitel dieser Bachelor-Arbeit werden die Gedanken Ulrich Becks zur Theorie der reflexiven Modernisierung vorgestellt. Es wird versucht herauszufiltern, inwiefern sich fortschreitende Unsicherheiten für die Menschen durch Globalisierungs- und Individualisierungsprozesse abzeichnen und warum die Basisselbstverständlichkeiten der industriellen Moderne in der heutigen reflexiven Moderne nicht mehr gelten können. Im zweiten Kapitel sollen die Gedanken Becks durch die des britischen Soziologen Anthony Giddens erweitert werden. Giddens tendiert eher dazu zu sagen, dass die diskontinuierliche Entwicklung sozialer Ordnungen für die Unsicherheit und Komplexität unseres Lebens in dieser Epoche verantwortlich sein könnte. Er geht davon aus, dass der Mensch wisse, dass er nur eine Marionette im Karussell von Ereignissen sei, die er weder in Gänze verstehen, noch beeinflussen könne. Anschließend erkläre ich die von Giddens herausgestellten Entbettungsmechanismen, die nach seiner Auffassung, eine wesentliche Rolle für die Entwicklung moderner Gesellschaftsinstitutionen spielen. Die Analyse der Entbettungsmechanismen führt dann in einem weiteren Unterkapitel zur Theorie Giddens über die Reflexivität der Moderne. Für Giddens stellt in diesem Zusammenhang die Theorie einer dauerhaften Handlungsunsicherheit des Menschen einen zentralen Aspekt seiner Ausarbeitung dar. Nachdem die Theorien Becks und Giddens zum gesellschaftlichen Wandel geschildert wurden, soll ein Übergang zur Heimerziehung geschaffen werden. Dabei werden die Situation der Heimkinder in der Institution Heim sowie Aspekte gelingender Heimerziehung beleuchtet. Um nun die Aspekte der reflexiven Modernisierung und die der Sozialen Arbeit, im Besonderen die der Heimerziehung zusammenzubringen, ermittle ich im darauffolgenden Abschnitt dieser Arbeit Überschneidungspunkte mit Hilfe der Ausführungen Rauschenbachs. Dabei wird ein besonderer Fokus auf die Entbettungsmechanismen, die Entwicklungen des technischen Fortschritts sowie der zunehmenden Individualisierungsprozesse gelegt. Der vorletzte Gliederungspunkt zeigt einen Ausblick für die stationäre Erziehungshilfe auf. Geschlossen wird die Bachelor-Arbeit mit einem Fazit, dass die Inhalte und dessen Arbeitsergebnisse in prägnanter Form darzustellen versucht.

2 Ulrich Beck - Was ist reflexive Modernisierung?

Dieser Abschnitt soll die Aspekte, die nach Beck mit der Epoche der reflexiven Modernisierung einhergehen, in den Blick nehmen. In einem späteren Kapitel soll der Versuch angestellt werden, die geschilderten Aspekte der reflexiven Moderne mit den Lebenswelten von Heimkindern in Verbindung zu setzen, um einen Eindruck davon zu erlangen, welchen Lebenslagen sich Heimkinder heute ausgesetzt sehen.

Was meint eigentlich reflexive Modernisierung? Gibt es so etwas wie eine zweite nicht lineare, globale Moderne? Seit dem 19. Jahrhundert entwickle sich eine Erosion der Industriemoderne, die mit einem Zusammenbruch von bisherigen Basisselbstverständlichkeiten einhergehe. Zu Beginn der reflexiven Modernisierung stand die ökologische Frage, die die Basisprämissen europäischen Denkens und Handelns anzweifelte. Dazu gehörten die Vorstellungswelt des grenzenlosen Wachstums sowie die technische Fortschrittsgewissheit und die Gegenüberstellung von Natur und Gesellschaft. Die Infragestellung der Industriemoderne sei allerdings nicht nur auf die ökologische Krise beschränkt, sondern betreffe auch die Ordnungsmodelle des Sozialen in der Gesellschaft.

Angesichts der Undurchsichtigkeit des ehelichen oder nicht-ehelichen Zusammen- oder Getrenntlebens in einem oder mehreren Haushalten, den Möglichkeiten formeller und informeller Scheidung einerseits, nachehelicher Elternschaft andererseits versagen Kleinfamilienmodelle und entsprechende Rollenkonzepte (vgl. Beck, Giddens, Lash, 1996, S. 20 f., zit. n. Beck-Gernsheim, E. (1994), Kaufmann, F.X (1994), Lüscher, K. (1998)). Ulrich Beck meidet ähnlich wie Anthony Giddens den Beginn der o.g. zweiten Moderne mit einer Jahreszahl zu versehen. Jedoch setzt er den Ausgangspunkt einer sich entwickelnden zweiten Moderne mit der Auflösung einer sich ablösenden ersten industriellen Moderne gleich, da es dort zur Anzweiflung der bisherigen Basisselbstverständlichkeiten gekommen sei (vgl. ebd.).

Das bedeutet also, dass die Infragestellung der Industriemoderne unter anderem eine Veränderung der Ordnungsmodelle des Sozialen in der Gesellschaft zur Folge hatte, was wiederum zur Auflösung vorherrschender Rollenkonzepte etc. führte.

Das Sicherheitsmilieu des Wohlfahrtstaats sei von neuen Unsicherheiten geprägt, daher scheint es sinnvoll zu sein eine Unterscheidung zwischen den verschiedenen Formen von Unsicherheiten in der Gesellschaft aufzuführen. So wird zwischen insecurities (sozialen – im Sinne sozialstaatlicher-Unsicherheiten), lack of safety (Bedrohungen von Gesundheit und Leben durch Gifte, Kriminalität und Gewalt) sowie uncertainties (Verlust von Gewißheit, zum Beispiel des Fortschritts-, Wissenschafts- und Expertenglaubens) differenziert. Die Folge davon sei das Entstehen einer neuen Zerbrechlichkeit sozialer Lagen und Biographien. Wie diese zu verstehen, bestehen und erforschen seien, wisse so recht niemand. (vgl. Beck, Giddens, Lash, 1996, S. 20 f.). Das bedeutet also, dass der Mensch mit mehreren Dimensionen von Unsicherheiten konfrontiert wird, dessen Bewältigung er wiederkehrend in seinen Alltag integrieren muss.

Besonders gelte dies für soziale Identitäten, die sich mit der Industriegesellschaft herausgebildet haben. Dazu gehören die rapide Auflösung ständischer Klassenkulturen sowie die Trennung in Männerwelt (Beruf) und Frauenwelt (Familie). Dieser Prozess der Individualisierung gehe mit dem Prozess der Globalisierung einher (vgl. ebd., S. 21 f.).

Giddens erklärt, dass diese Generation die erste sei, die in einer posttraditionalen Ordnung kosmopolitischen Ausmaßes lebe. Es entstünden neue weltweite Kommunikationsnetze und -monopole. Nachbarschaft werde ortsunabhängig, sodass weltweite soziale Bewegungen nicht länger an die Sozialräume eines jeden gebunden seien (vgl. ebd.).

Das Wirtschaftswachstum werde bejubelt, ohne das damit verbundene Gefährdungswachstum mitzusehen und mit zu protokollieren. Es werde über die zunehmende Arbeitslosigkeit, trotz des wirtschaftlichen Aufschwungs getrauert. Keiner wage jedoch zu überlegen, wie sich das Selbstverständnis einer Erwerbsarbeitsgesellschaft verändern müsse, der die Erwerbsarbeit ausgehe.

Es gehe darum die grundlegenden Merkmale einer ersten Moderne, die durch Werte wie Industrie, Nationalstaat, Klassen, Männer- und Frauenrollen, Kleinfamilie, Technikglauben, wissenschaftlichem Wahrheitsmonopol etc. den Konturen einer zweiten gegenüberzustellen, für die Menschen erst begrifflich sensibilisiert werden müssen (vgl. ebd., S. 21 f.).

Reflexive Modernisierung sei zunächst ein Stichwort der Gruppenbildung, vergleichbar mit dem Expressionismus in der Kunst. Es schreibe wenig fest, gebe aber eine Richtung vor und erlaube Abgrenzungen (vgl. ebd., S. 22).

Zur besseren Einordnung und Standortbestimmung der reflexiven Moderne grenzt Ulrich Beck diese von der Postmoderne ab. Er erklärt, dass die Postmoderne das widerrufe, was die Theorie reflexiver Modernisierung in Erinnerung rufe, nämlich den Anspruch der Aufklärung, auch wenn diese Aufklärung gegen sich selbst gerichtet sei. Theorien reflexiver Modernisierung sollen versuchen aus den bestehenden Denkkulissen auszubrechen und das ausgeschlossene Dritte ins Bewusstsein zu heben. Reflexive Modernisierung sei das Bemühen, Sprache und damit Handlungsfähigkeit und Wirklichkeit wiederzugewinnen. Dies geschehe angesichts von Entwicklungen, die einerseits die Folgen von Modernisierungserfolgen seien und andererseits die grundlegenden Merkmale der klassischen Industriegesellschaft von innen her fundamental in Frage stellen. Reflexive Modernisierung soll eine Art Selbsttransformation der Industriegesellschaft sein. Es gehe um die Auf- und Ablösung einer ersten Moderne durch eine zweite, deren Konturen und Prinzipien entdeckt und gestaltet werden müssen (vgl. ebd., S. 25 ff.).

Beck erklärt, dass die Strukturen und Bedeutungen nationalstaatlicher Industriegesellschaften sich durch Globalisierungs- und Individualisierungsprozesse radikal transformieren, verschieben, und umarbeiten. Dieses geschehe nicht, wie das Wort „reflexive“ Modernisierung nahelege in einem bewussten und gewollten Prozess, sondern vielmehr in unreflektierter und ungewollter Weise und gehe mit der Kraft verdeckter bzw. verdeckt gehaltener Nebenfolgen einher. Die Folgen davon seien Unsicherheit, Politisierung und ein Ringen um neue Grenzen. Würde Beck dieses in Dichotomien zusammenfassen, so ergäben sich daraus folgende Leitprinzipien dieser zweiten Moderne: sicher-unsicher, politisch-unpolitisch, innen-außen. Diese Dichotomien seien dann Grundlage für das Herausbilden und Rekonstruieren zukünftiger Strukturen und Konfliktlinien. Die markanteste Theorie reflexiver Modernisierung nach Beck sei allerdings die, dass es nicht um die internen Nebenfolgen, sondern um die externen Nebenfolgen der Nebenfolgen industriegesellschaftlicher Modernisierung gehe. Um zu verstehen, wie er diese Theorie versteht, führt er folgendes Beispiel an: Es gehe nicht um den „Rinderwahnsinn“ als solchen, sondern darum, welche Akteure, Verantwortlichkeiten, Märkte etc. dadurch in Frage gestellt würden, möglicherweise zusammenbrechen und welche Kettenwirkungen entstehen können (vgl. ebd., S. 26).

Das bedeutet also, dass die reflexive Modernisierung zunächst in den Blick nimmt, dass sich die Gesellschaft im Prozess des Umbruchs befindet und versucht ihr Selbstverständnis als Erwerbsarbeitsgesellschaft zu verändern, weil es zunehmend weniger Erwerbsarbeit gibt. Werte wie, Industrie, Nationalstaat, Klassen, Männer- und Frauenrollen, Kleinfamilie sind nur noch marginal in der sich entwickelnden zweiten Moderne existent. Fortschreitende Globalisierungs- und Individualisierungsprozesse können als Gründe dieser Entwicklung angeführt werden. Er grenzt die reflexive Moderne von der Postmoderne dadurch ab, dass die reflexive Moderne den Anspruch nach Aufklärung verfolge, auch wenn diese gegen sich selbst gerichtet sei. Nationalstaatliche Industriegesellschaften transformieren sich radikal und in unreflektierter und ungewollter Weise. Eine Folge davon sind die o.g. externen Nebenfolgen der Nebenfolgen, die weniger die Sache an sich, sondern vielmehr die Prozesse und Verkettungen in den Blick nehmen, die aus einer Sache entstehen können. So scheint auch der aktuelle VW-Abgasskandal weniger die naheliegenden Folgen der Förderung des Klimawandels und die Kundentäuschung in den Blick zu nehmen, sondern vielmehr die Bedeutung VW´s an der Börse oder die zu leistenden Entschädigungszahlungen, die sich auf das Gesamtwirtschaftswachstum Deutschlands auswirken können.

3 Anthony Giddens - Konsequenzen der Moderne

Eine weitere Perspektive auf den Modernisierungsbegriff in der heutigen Gesellschaft zeigt Anthony Giddens auf, dessen Aussagen sich mitunter denen Becks gleichen, jedoch auch einige Differenzen aufzeigen. Eine zweite Perspektive auf die gesellschaftlichen Veränderungen zu legen, macht an dieser Stelle deshalb Sinn, weil so ein ganzheitliches Bild der reflexiven Modernisierung gezeichnet werden kann, womit letztlich die Aufgaben der Sozialen Arbeit für diese Epoche exakter bestimmt werden können. Die dargelegten Ideen Giddens sollen allerdings nicht dazu dienen einen Vergleich zur Theorie Becks anzustellen, sondern ein allumfassenderes Bild des Lebens in der Moderne zu zeichnen, durch welches die Heimerziehung in einem späteren Kapitel mit dem gezeichneten Bild der Moderne in Bezug gesetzt werden kann.

Giddens beginnt mit der Einordnung des Begriffs der Moderne, der sich auf alle Arten des sozialen Lebens oder der sozialen Organisation beziehe, die in Europa etwa seit dem siebzehnten Jahrhundert zum Vorschein gekommen seien.

Er versucht in seiner Theorie der Moderne die Orientierungslosigkeit zu beleuchten, in der sich die Menschen befinden, weil sie kein systematisches Wissen über die Organisation der Gesellschaft haben. Dieses Nichtwissen entstehe vor allem durch die Ahnung, wir seien Gefangene einer Welt von Ereignissen, die wir nicht in Gänze verstehen und die sich weitgehend unserer Kontrolle entziehen (vgl. Giddens, 1995, S. 11).

Giddens geht an dieser Stelle davon aus, dass der Mensch selbst wisse, dass er sich machtlos als eine Art Marionette im Karussell von Ereignissen befinde, die er weder verstehen noch beeinflussen kann und genau diese Tatsache begünstige die Orientierungslosigkeit der Menschen in dieser Zeit.

Es gehe bei Giddens dargelegten Anschauungen der Interpretation der neuzeitlichen Gesellschaftsentwicklung um das „Diskontinuierliche“. Damit meint er, dass soziale Institutionen der Moderne in mancher Hinsicht einzigartig seien und sich in ihrer Form von allen Typen traditionaler Ordnung abheben (vgl. ebd., S. 12 f.). Die mit der Moderne einhergehenden Lebensformen haben die Menschen von allen traditionalen Typen der sozialen Ordnung fortgerissen. So differenziert Giddens zwischen den Umgestaltungen durch die Moderne, die in extensionaler und intensionaler Hinsicht, Auswirkungen gezeigt haben. Auf extensionaler Ebene (Begriffsumfang) führten diese Umgestaltungen zu der Herstellung weltumspannender Formen der sozialen Verbindung (vgl. ebd.). Damit könnte Giddens auf die sich fortwährend globalisierende Welt anspielen, die soziale Verbindungen auch durch große räumliche Trennung ermöglicht. Auf intensionaler Ebene (Begriffsinhalt) haben diese Umgestaltungen zur Veränderung unserer intimsten und persönlichsten Merkmale unserer tagtäglichen Existenz geführt. Hiermit könnte Giddens unter anderem die Folgen einer sich globalisierenden Welt meinen, die zunehmend weniger Barrieren zwischen Privatsphäre und Öffentlichkeit der Individuen zulassen.

Wie solle man die Diskontinuitäten ermitteln, die die gesellschaftlichen Institutionen der Moderne von der sozialen Ordnung der Tradition trennen? Hierzu zieht Giddens verschiedene Merkmale heran. Unter anderem die Geschwindigkeit des Wandels, der durch die Moderne in Bewegung gesetzt werde. Während es im Hinblick auf die Technologie besonders auffällig sei, gelte es auch für alle sonstigen Sphären. Eine weitere Diskontinuität sei die Reichweite des Wandels, durch die Auswirkungen der Umgestaltungen praktisch die gesamte Erde erfassen. Ein drittes Merkmal betreffe das innere Wesen der modernen Institutionen. Das bedeutet, dass sich manche heutigen sozialen Formen der Moderne nicht in früheren historischen Perioden wiederfinden. Als Beispiel dafür bringt er die durchgängige Kommodifizierung der Erzeugnisse und der Lohnarbeit an (vgl. ebd., S. 14 f.). Giddens macht an diesem Beispiel klar, dass die Kommerzialisierung der Lohnarbeit keiner kontinuierlichen Entwicklungslogik folgt, sondern wie er beschreibt, einen diskontinuierlichen Entwicklungsverlauf genommen hat.

Andere soziale Formen der Moderne bestünden nach seinen Auffassungen nur in einer scheinbaren Kontinuitätsbeziehung zu früher existierenden sozialen Ordnungen (vgl. ebd., S. 14 f.).

Zusammenfassend zeigt Giddens auf, dass der Verlauf der Vormoderne hin zu Moderne durch diskontinuierliche Merkmale geprägt sei, durch die sich Charakteristika der Moderne nicht zwangsläufig aus der Vormoderne ableiten lassen. Als Hauptkennzeichen dieser Diskontinuität benennt er die Geschwindigkeit und Reichweite des Wandels sowie das innere Wesen moderner Institutionen. Der Grund warum es so einschneidende Veränderungen von der Vormoderne hin zur Moderne gegeben habe, hängt für Giddens hauptsächlich mit der diskontinuierlichen Weiterentwicklung sozialer Ordnungen zusammen.

3.1 Entbettung

Wie im Titel der Arbeit bereits bestehend, befasst sich auch Anthony Giddens mit dem Begriff der Entbettung; genauer die Entbettung sozialer Systeme. Mit Entbettung meine er das Herausheben sozialer Beziehungen aus ortsgebundenen Interaktionszusammenhängen und ihrer unbegrenzten Raum-Zeit-Spannen übergreifenden Umstrukturierung. Er differenziert in zwei Entbettungsmechanismen, die für die Entwicklung von modernen Gesellschaftsinstitutionen eine wesentliche Rolle spielen. Den ersten Entbettungsmechanismus bezeichnet er als die Schaffung symbolischer Zeichen. Den zweiten nennt er die Installierung von Expertensystemen. Unter symbolischen Zeichen verstehe er die Medien des Austauschs, die sich umherreichen lassen, ohne dass die spezifischen Merkmale der Individuen und Gruppen, die zu einem bestimmten Zeitpunkt damit umgehen, Berücksichtigung finden müssten. Es können dabei viele symbolische Zeichen unterschieden werden, wie zum Beispiel Medien der politischen Legitimität. Um zu erklären, was er damit jedoch genau meine, nutzt Giddens das symbolische Zeichen des Geldes. Marx nenne das Geld in seinen Frühschriften „die allgemeine Hure“, ein Tauschmittel, dass den Inhalt der Güter oder Dienste negiere, indem es sie durch einen unpersönlichen Maßstab ersetze. Das Geld erlaube den Austausch von allem gegen alles, ohne Rücksicht darauf zu nehmen, ob den Gütern, um die es gehe, etwas Wesentliches gemeinsam sei (Marx 1844 zit. n. Giddens 1995, S. 33 ff.). Marx will also erklären, dass der Wert einer Dienstleistung oder Ware nicht unmittelbar im Verhältnis zu irgendeinem Geldwert stehen muss. Nimmt man das Beispiel der Prostitution, so lässt sich diskutieren, ob der Wert dieser „Dienstleistung“, so denn diese freiwillig geschieht, in einem Verhältnis zu irgendeinem Geldwert stehen kann. Keyens hingegen stelle vielmehr den Zusammenhang zwischen Geld und Zeit heraus. Geld sei ein Verfahren des Aufschubs, dass die Verknüpfung von Kredit und Verpflichtung da ermögliche, wo ein unmittelbarer Produktaustausch unmöglich sei. Geld sei daher ein Mittel der raumzeitlichen Abstandsvergrößerung. Es schaffe die Voraussetzungen für die Durchführung von Transaktionen zwischen Akteuren, die in Raum und Zeit weit voneinander entfernt seien (vgl. Keyens 1930 zit. n. Giddens 1995, S. 37). Das Geld verhalte sich nicht wie ein Strom zur Zeit, sondern als Mittel zur Verklammerung der Raum-Zeit durch Verkoppelung von Gleichzeitigkeit und Aufschub, sowie Anwesenheit und Abwesenheit. Daher sei das Geld ein Beispiel für die mit der Moderne verbundenen Entbettungsmechanismen. Eine besonders charakteristische Form der in der Moderne vollzogenen Entbettung sei die Ausweitung kapitalistischer Märkte (einschließlich der Geldmärkte), die schon verhältnismäßig früh internationalen Umfang angenommen haben (vgl. ebd., S. 37 f.).

Die symbolischen Zeichen, die Giddens als einen der zwei Entbettungsmechanismen der Moderne betrachtet meinen also etwas, dass es schafft die früher notwendige gleichzeitige Präsenz von beispielsweise Besitzer und Tauschwert aufzuheben und durch Systeme zu ersetzen, die es ermöglichen, den Raum-Zeit-Zusammenhang zu entkoppeln. Nehmen wir heute einen Kredit auf, so werden uns zeitliche befristete Geldmittel von irgendeinem Geldinstitut zur Verfügung gestellt, die wir in einem festgelegten Zeitraum, möglicherweise mit Zinsen, rückzahlen müssen. Diese Form der Loslösung der Zeit-Raum-Verkoppelung stellt somit einen Entbettungsmechanismus dar.

Als zweiten Entbettungsmechanismus der Moderne nennt Giddens die Expertensysteme. Damit meine er Systeme technischer Leistungsfähigkeit oder professioneller Sachkenntnis, die weite Bereiche der materiellen und gesellschaftlichen Umfelder, in denen wir heute leben, prägen (vgl. Freidson 1986 zit. n. Giddens 1995, S. 40 f.). Giddens erklärt, dass sich die Systeme, in die das Wissen der Experten integriert sei, auf vieles in unserem Handeln kontinuierlich auswirke. Er zeigt auf, dass der Mensch grundsätzlich keine Angst habe die hauseigene Treppe zu benutzen, weil er an die Fähigkeiten von Architekten und Bauunternehmern glaube, obwohl er ebenso wisse, dass ein Einstürzen des Hauses möglich sei. Somit sei der Mensch ständig mit Expertensystemen konfrontiert, auf die er sich verlassen müsse. Über die vom Architekten und Bauunternehmer bei Entwurf und Bauausführung benutzten Wissensbestände sei der Mensch kaum informiert und dennoch glaube er an das, was diese ausgeführt haben. Giddens spezifiziert diese Aussage noch, indem er klarmacht, dass der „Glaube“ des Menschen, nicht den Experten selbst gelte, sondern nur der Plausibilität des von ihnen angewandten Expertenwissens, und das sei etwas, dass im Regelfall nicht überprüfbar ist. Expertensysteme fungieren deshalb als Entbettungsmechanismen, weil sie ebenso wie die symbolischen Zeichen dazu dienen, soziale Beziehungen von den unmittelbaren Gegebenheiten ihres Kontextes loszulösen. Das Expertensystem verfahre bei der Entbettung in der selben Weise wie die symbolischen Zeichen, indem es „Garantien“ dafür liefere, dass unsere Erwartungen über gewisse Raum-Zeit-Abstände hinweg erfüllt werden (vgl. Giddens 1995, S. 41 ff.).

Die Expertensysteme als Entbettungsmechanismen meinen nach Giddens also den Glauben, den Menschen häufig unbegründet in den Wissensbestand von Expertensystemen haben und dem sie vertrauen bzw. vertrauen müssen, ohne diesen zwangsläufig zu hinterfragen bzw. hinterfragen zu können, weil das Wissen dazu fehlt.

3.2 Reflexivität der Moderne nach Giddens

Die Reflexivität des Lebens in der modernen Gesellschaft bestehe darin, daß soziale Praktiken ständig im Hinblick auf einlaufende Informationen über ebendiese Praktiken überprüft und verbessert werden, so daß ihr Charakter grundlegend geändert wird “ (Giddens 1995, S. 54).

Nimmt man die Definition Schatzkis zu Sozialen Praktiken, der sagt, dass sich Soziale Praktiken aus einem organisierten Bündel von Tätigkeiten aus Gesagtem und Getanem zusammensetzen, die somit einen Zusammenschluss mit einander verwobener Handlungen bilden, lässt sich die Aussage Giddens wie folgt deuten (vgl. Schatzki 2002, S. 71). Die Reflexivität des Lebens in der modernen Gesellschaft zeichne sich vor allem dadurch aus, dass das „organisierte Bündel von Gesagtem und Getanem“ mit ständig einlaufenden Informationen über dieses Bündel konfrontiert werde und sich somit ständiger Überprüfbarkeit aussetzen müsse. Dieses „Handlungsbündel“ werde daher, sobald neue Informationen dazu gelangen, überprüft und ggf. verbessert, sodass sich ein neuer Charakter dieses Bündels aus Gesagtem und Getanem entwickle. Weiterhin scheint genau deshalb ein Handelnder nie sicher in seinem Handeln sein können, denn es kann stetig zu einem sich verändernden Handlungscharakter kommen. Also könnte man daraus schließen, dass sich jedes handelnde Individuum in der durch Reflexivität geprägten modernen Gesellschaft in einer dauerhaft impliziten Handlungsunsicherheit befinde.

Mit dem Anbruch der Moderne nehme die Reflexivität einen anderen Charakter an. Denken und Handeln stoßen in einem ständigen Hin und Her aneinander. In allen Kulturen würden soziale Praktiken routinemäßig im Lichte fortwährender Entdeckungen geändert, mit Hilfe der Informationen, die an jene Praktiken herangetragen werden. Doch erst zur Zeit der Moderne werde die Revision der Konvention derart radikalisiert, dass sie alle Aspekte menschlichen Lebens erfasse, wozu auch der technische Eingriff in die materielle Welt gehöre (vgl. Giddens 1995, S. 54 f.). Wenn Giddens von einer Revision der Konvention spricht, so meint er die Auflösung gegebener Strukturen in einer Gesellschaft. Eine Radikalisierung dieser Auflösung der Strukturen bedeutet, dass ein extremer Umgang mit dieser Demontage der gegebenen Strukturen stattfindet. Nimmt man das Beispiel der Smartphone-Entwicklung im 21. Jahrhundert, so stellt dies einen radikalen technischen Eingriff in die materielle Welt dar, denn sie revidiert in einer unüberschaubaren Geschwindigkeit vorherrschende Konventionen, wie die soziale Interaktion. Menschen kommunizieren Informationen über Kurznachrichten, Videokonferenzen oder Telefonate über zuvor nicht vorstellbare Entfernungen in kürzester Zeit und genau das führt wiederum dazu, dass der Mensch ständig mit neuen Informationen versorgt wird, durch die er sein bestehendes Wissen in reflexiver Weise überprüfen und ggf. verändern muss. Giddens behauptet, dass wir in einer Welt leben, für die reflexiv angewandtes Wissen durch und durch konstitutiv ist, doch wir zugleich niemals sicher sein können, dass dieses Wissen durch irgendein gegebenes Element revidiert werden könne (vgl. ebd., S. 55). Ein gesellschaftliches Universum, in dem sich Reflexivität ausbreite, sei gekennzeichnet durch die gleichzeitige Wiederentdeckung und Auflösung von Traditionen sowie das häufig nicht nachvollziehbare Verschwinden von bis dahin für stark gehaltenen Trends (vgl. Giddens 1996, S. 318).

[...]

Ende der Leseprobe aus 46 Seiten

Details

Titel
Doppelte Entbettung. Heimerziehung in der reflexiven Modernisierung
Hochschule
Universität Kassel
Note
1,0
Autor
Jahr
2017
Seiten
46
Katalognummer
V385955
ISBN (eBook)
9783668606845
ISBN (Buch)
9783668606852
Dateigröße
578 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
"Aufgrund der sorgfältigen, oftmals reflexiv-kritisch verfassten und theoretisch auf hohem Niveau argumentierenden Rekonstruktionen der Kondition der Moderne und vorsichtigen Projektionen auf das Feld der erzieherischen Hilfen kann ich diese Arbeit nur bewerten mit sehr gut (1,0)." (Dozent)
Schlagworte
Reflexive Modernisierung, Heimerziehung, Entbettung
Arbeit zitieren
Jonas Künneke (Autor), 2017, Doppelte Entbettung. Heimerziehung in der reflexiven Modernisierung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/385955

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