"Im Zuge der Modernisierung der Moderne – auf dem Weg in die Zweite Moderne – nach den Konsequenzen für die Soziale Arbeit zu fragen, ist ebenso schwierig wie spekulativ", schrieb Thomas Rauschenberg. Genau diese beschriebene Herausforderung stellt das Thema dieser Arbeit dar.
Es soll ein Versuch darüber angestellt werden, die Entwicklungen einer fortschreitenden reflexiven Moderne auf die Soziale Arbeit - im Besonderen die Heimerziehung - zu münzen. Die Komplexität dieser Arbeit kennzeichnet sich vor allem durch den Umstand, dass renommierte Soziologen wie Ulrich Beck und Anthony Giddens selbst kein abschließendes Urteil über die Epoche der reflexiven Moderne abgeben wollen. So erklärt Beck, dass eine neue Zerbrechlichkeit sozialer Lagen und Biographien im Zuge der reflexiven Modernisierung entstehe. Wie diese zu verstehen, bestehen und erforschen sei, wisse aber so recht niemand. Anthony Giddens zeigt auf, dass anders als in traditionellen Gesellschaften die individuelle Lebensführung nicht mehr kanalisiert, sicher „eingebettet“, sondern angesichts vermehrter Optionsmöglichkeiten „entbettet“ sei, sodass es eigene Lösungswege erst zu finden gilt. Auf dieser Theorie Giddens basiert die erweiternde Frage dieser Arbeit, welche Auswirkungen die genannten Veränderungen für die Soziale Arbeit, im Speziellen für die Heimerziehung haben können.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Ulrich Beck - Was ist reflexive Modernisierung?
3 Anthony Giddens - Konsequenzen der Moderne
3.1 Entbettung
3.2 Reflexivität der Moderne nach Giddens
4 Heimerziehung
4.1 Modernisierung der Heimerziehung: Realität oder Fiktion?
4.2 Modernisierungsprinzipien der Heimerziehung
5 Soziale Arbeit in der individualisierten Risiko-gesellschaft
5.1 Entbettung durch Expertensysteme
5.2 Technischer Fortschritt
5.3 Individualisierung
6 Ausblick für die stationäre Erziehungshilfe
6.1 Forschungsdefizit der Hilfen zur Erziehung
6.2 Veränderung der Gesetzgebung durch das KICK 2005
6.3 Ausbau der Ganztagsschulen
7 Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Bachelorarbeit untersucht die Auswirkungen der reflexiven Modernisierung nach Ulrich Beck und Anthony Giddens auf die Soziale Arbeit, mit einem besonderen Fokus auf die stationäre Heimerziehung. Ziel ist es, zu ergründen, wie die durch gesellschaftlichen Wandel entstehenden Entbettungsprozesse und Unsicherheiten die Lebenslage von Heimkindern beeinflussen und welche Rolle professionelle Angebote dabei spielen.
- Theorie der reflexiven Modernisierung und ihre Übertragung auf die Soziale Arbeit.
- Konzept der Entbettung durch symbolische Zeichen und Expertensysteme.
- Individualisierungsprozesse und deren Konsequenzen für stationäre Erziehungshilfen.
- Herausforderungen durch technischen Fortschritt für Kinder in Heimerziehung.
- Politische und gesetzliche Rahmenbedingungen der stationären Erziehungshilfe (KICK 2005).
Auszug aus dem Buch
3.1 Entbettung
Wie im Titel der Arbeit bereits bestehend, befasst sich auch Anthony Giddens mit dem Begriff der Entbettung; genauer die Entbettung sozialer Systeme. Mit Entbettung meine er das Herausheben sozialer Beziehungen aus ortsgebundenen Interaktionszusammenhängen und ihrer unbegrenzten Raum-Zeit-Spannen übergreifenden Umstrukturierung. Er differenziert in zwei Entbettungsmechanismen, die für die Entwicklung von modernen Gesellschaftsinstitutionen eine wesentliche Rolle spielen. Den ersten Entbettungsmechanismus bezeichnet er als die Schaffung symbolischer Zeichen. Den zweiten nennt er die Installierung von Expertensystemen.
Unter symbolischen Zeichen verstehe er die Medien des Austauschs, die sich umherreichen lassen, ohne dass die spezifischen Merkmale der Individuen und Gruppen, die zu einem bestimmten Zeitpunkt damit umgehen, Berücksichtigung finden müssten. Es können dabei viele symbolische Zeichen unterschieden werden, wie zum Beispiel Medien der politischen Legitimität. Um zu erklären, was er damit jedoch genau meine, nutzt Giddens das symbolische Zeichen des Geldes. Marx nenne das Geld in seinen Frühschriften „die allgemeine Hure“, ein Tauschmittel, dass den Inhalt der Güter oder Dienste negiere, indem es sie durch einen unpersönlichen Maßstab ersetze. Das Geld erlaube den Austausch von allem gegen alles, ohne Rücksicht darauf zu nehmen, ob den Gütern, um die es gehe, etwas Wesentliches gemeinsam sei (Marx 1844 zit. n. Giddens 1995, S. 33 ff.).
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Vorstellung der Problemstellung und Motivation, die Theorien der reflexiven Moderne auf die Heimerziehung zu beziehen.
2 Ulrich Beck - Was ist reflexive Modernisierung?: Erläuterung des Konzepts der reflexiven Modernisierung als Epoche, in der bisherige gesellschaftliche Selbstverständlichkeiten erodieren.
3 Anthony Giddens - Konsequenzen der Moderne: Analyse der gesellschaftlichen Transformation durch Diskontinuität, insbesondere durch Entbettungsmechanismen wie symbolische Zeichen und Expertensysteme.
4 Heimerziehung: Einordnung der Heimerziehung als stationäre Hilfeform und Diskussion ihrer Modernisierungsprinzipien.
5 Soziale Arbeit in der individualisierten Risiko-gesellschaft: Anwendung der soziologischen Theorien auf das Handlungsfeld der Sozialen Arbeit, unter anderem durch die Untersuchung von Expertensystemen und technischem Fortschritt.
6 Ausblick für die stationäre Erziehungshilfe: Diskussion künftiger Herausforderungen, wie dem Forschungsdefizit, gesetzlichen Änderungen (KICK 2005) und dem Einfluss von Ganztagsschulen.
7 Fazit: Zusammenfassende Einschätzung, dass die Theorien partiell auf die Heimerziehung anwendbar sind und einen Beitrag zur Standortbestimmung leisten können.
Schlüsselwörter
Reflexive Modernisierung, Heimerziehung, Soziale Arbeit, Entbettung, Anthony Giddens, Ulrich Beck, Risiko-Gesellschaft, Expertensysteme, Individualisierung, stationäre Erziehungshilfe, Kinderschutz, gesellschaftlicher Wandel, Lebensweltorientierung, Hilfen zur Erziehung, Fremdunterbringung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, wie gesellschaftliche Transformationsprozesse, die Soziologen wie Beck und Giddens als "reflexive Modernisierung" beschreiben, auf das Feld der Heimerziehung einwirken.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentral sind die Theorien zur reflexiven Moderne, Entbettungsprozesse, die Struktur und Organisation von Heimerziehung sowie die Auswirkungen der zunehmenden Individualisierung auf Kinder und Jugendliche.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das primäre Ziel ist es zu analysieren, ob und wie die Heimerziehung als Institution mit den Unsicherheiten und Anforderungen der reflexiven Moderne umgeht und welche Konsequenzen dies für die Betroffenen hat.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine theoretisch-konzeptionelle Arbeit, die soziologische Theorien in den Kontext sozialpädagogischer Praxis setzt und durch konstruierte Beispiele illustriert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert Entbettungsmechanismen (Expertensysteme), technischen Fortschritt sowie Individualisierungsprozesse und setzt diese in direkten Bezug zur Lebenswelt von Heimkindern.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind reflexive Modernisierung, Entbettung, Heimerziehung, stationäre Hilfen zur Erziehung, Expertensysteme und Individualisierung.
Welche Rolle spielt die "letzte Instanz" in der Heimerziehung laut der Arbeit?
Der Begriff beschreibt das existenzielle Abhängigkeitsverhältnis von Kindern in der Heimerziehung, die sich der institutionellen Umgebung ohne Wahlmöglichkeit ausgesetzt sehen.
Wie bewertet der Autor den Einfluss von Ganztagsschulen auf die stationäre Erziehungshilfe?
Der Autor vermutet, dass Ganztagsschulen zwar das Familiensystem entlasten könnten, stellt jedoch in Frage, ob dies tatsächlich zu einer signifikanten Reduktion von Fremdunterbringungen führt.
- Citation du texte
- Jonas Künneke (Auteur), 2017, Doppelte Entbettung. Heimerziehung in der reflexiven Modernisierung, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/385955