Exegese von Markus 4,35-41. Wundergeschichte der Sturmstillung


Hausarbeit (Hauptseminar), 2017

34 Seiten, Note: 1,9

Marie S. (Autor)


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung – Begründung der Textauswahl

Teil A: Übersetzung
2. Grundtext aus dem Novum Testamentum Graece
3. Eigene Übersetzung

Teil B: Exegese
4. Textkritik am Bsp. Mk 4, 40
5. Synchrone Betrachtung des Textes
5.1 Kontextanalyse – Abgrenzung und Aufbau des Textes
5.2 Narrative Analyse
5.3 Form- und Gattungskritik
5.4 Öffnung der semantischen Begriffe
πλοίῳ
ἀνέμου
γαλήνη
πίστιν

Teil C: Diachrone Betrachtung
6. Quellenkritik
6.1 Synoptischer Vergleich Markus und Matthäus
6.2 Synoptischer Vergleich Markus und Lukas
7. Literargeschichtliche Analyse
7.1 Externe Kohärenz
7.2 Interne Kohärenz
7.3 Redaktionsgeschichtliche Analyse

8. Schlussbetrachtung

Literaturverzeichnis

1. Einleitung – Begründung der Textauswahl

In meinen folgenden Ausführungen habe ich mich näher mit der Wundergeschichte der Sturmstillung aus dem Markusevangelium (MkEv) beschäftigt und diese einer exegetischen Betrachtung unterzogen. Der verwendete Auszug ist im MkEv von 4,35 bis 4,41 zu lokalisieren. Die synoptischen Parallelstellen sind bei Matthäus von 8,23 bis 8,27 und bei Lukas von 8,22 bis 8,25 zu verzeichnen.

Die Wundergeschichte der Sturmstillung habe ich gewählt, da ich mir sehr gut vorstellen kann, sie auch im Unterricht zu verwenden zudem lässt sie sich gut in den Rahmenplan der Sekundarstufe I für das Fach evangelische Religion einbetten. Wunder können Hoffnungen für Situationen bieten, in denen Kinder an ihre Grenzen stoßen, sich machtlos fühlen oder ihren Ängsten ausgesetzt sind. Diese Hoffnung kann u. a. symbolisch erörtert werden. Um die Erzählung der Sturmstillung mit den Schülern und Schülerinnen symboldidaktisch erschließen zu können, bedarf es im Vorfeld jedoch einer exegetischen Untersuchung des Textstückes. Da Wunder einerseits im alltäglichen Sprachgebrauch vorkommen und andererseits die in Ihnen zum Ausdruck kommende Hoffnung auf Not wendende Ereignisse auch mittels der Symboldidaktik kommuniziert werden kann, bietet sich das Themenfeld der Wundererzählungen auch für die Arbeit mit konfessionslosen Schülerinnen und Schülern an.

Um den Symbolgehalt und die Deutung von Wundergeschichten mit den Schülern und Schülerinnen im Unterricht herauszuarbeiten, bedarf es der Klärung einiger Fragen, welche sich als roten Faden durch die Arbeit ziehen und mittels einer wissenschaftlichen Interpretation des Textes beantwortet werden sollen. Zum einen muss der Kontext der Erzählung der Sturmstillung innerhalb des MkEv und innerhalb der biblischen Schriften verdeutlicht werden. Ebenso wichtig ist die Untersuchung, welche Intention der Autors des MkEv mit seinen Schriften verfolgt und welchen Mehrwert Wundergeschichten für Schüler und Schülerinnen bringen können, letzteres kann dabei wie bereits erwähnt mittels der Symboldidaktik erschlossen werden. So stellt sich weiterhin die Frage, welche Symbole uns in der Erzählung der Sturmstillung begegnen, mit denen eine Unterrichtseinheit aufgebaut werden kann. Zur Beantwortung dieser Fragen nutze ich die methodischen Schritte der historisch-kritischen Exegese unter Einbeziehung des Fachbuches von Klaus-Michael Bull und Eckart Reinmuth mit dem Titel „Proseminar Neues Testament“, welches Hauptbestandteil unseres Seminars darstellt. Ich werde meinen Fokus während der kompletten Exegese auf die synchrone und diachrone Betrachtung des Texts setzen.

Als Grundlage der vorliegenden Exegese dient das Textstück aus dem Novum Testamentum Graece, welches ich zu Beginn in Abschnitt A ins Deutsche übersetze. Es folgt Abschnitt B, welcher den exegetischen Teil der Proseminararbeit darstellt. Eingeleitet wird der exegetische Teil mittels einer Textkritik des Verses 40, indem verschiedene Lesarten des einzelnen Verses vorgestellt werden. Damit das Textstück exegetisch aufbereitet werden kann, bediene ich mich der synchronen und diachronen Betrachtung. Die synchrone Betrachtung widmet sich einer narrativen und kontextuellen Analyse sowie der Form- und Gattungskritik. Hierbei werden eigene Ergebnisse mit Positionen der Sekundärliteratur ins Gespräch gebracht. Zunächst wird natürlich die Textkomposition zu untersuchen sein. Mit Hilfe der narrativen Analyse lassen sich dann Schlüsse im Hinblick auf die Gattung des Textes ziehen. Hierbei steht vor allem die Frage im Vordergrund, wie die Sturmstillung sich mit anderen Wundergeschichten vergleichen lässt und ob daraus allgemeintypische Elemente von Wundergeschichten geschlussfolgert werden können. Des Weiteren möchte ich semantische Begriffe aufgreifen, welche in diesem Textstück hervorstechen und sich gut in den Schulunterricht für eine symboldidaktische Erschließung einer Thematik integrieren lassen. Bezüglich der diachronen Betrachtung folgt nun eine literarkritische Analyse, in der ich die interne und externe Kohärenz fokussiere und einen synoptischen Vergleich mit Matthäus 8,23-27 und Lukas 8,22-25 vornehme. Die Schlussbetrachtung dient der Bündelung der Erkenntnisse der hermeneutischen und exegetischen Betrachtung der Perikope sowie der Beantwortung meiner eingangs gestellten Fragen.

Teil A: Übersetzung

2. Grundtext aus dem Novum Testamentum Graece

4,35 Καὶ λέγει αὐτοῖς ἐν ἐκείνῃ τῇ ἡμέρᾳ ὀψίας γενομένης· διέλθωμεν εἰς τὸ πέραν.

4,36 καὶ ἀφέντες τὸν ὄχλον παραλαμβάνουσιν αὐτὸν ὡς ἦν ἐν τῷ πλοίῳ, καὶ ἄλλα πλοῖα ἦν μετ’ αὐτοῦ.

4,37 καὶ γίνεται λαῖλαψ μεγάλη ἀνέμου καὶ τὰ κύματα ἐπέβαλλεν εἰς τὸ πλοῖον, ὥστε ἤδη γεμίζεσθαι τὸ πλοῖον.

4,38 καὶ αὐτὸς ἦν ἐν τῇ πρύμνῃ ἐπὶ τὸ προσκεφάλαιον καθεύδων. καὶ ἐγείρουσιν αὐτὸν καὶ λέγουσιν αὐτῷ· διδάσκαλε, οὐ μέλει σοι ὅτι ἀπολλύμεθα;

4,39 καὶ διεγερθεὶς ἐπετίμησεν τῷ ἀνέμῳ καὶ εἶπεν τῇ θαλάσσῃ· σιώπα, πεφίμωσο. καὶ ἐκόπασεν ὁ ἄνεμος καὶ ἐγένετο γαλήνη μεγάλη.

4,40 καὶ εἶπεν αὐτοῖς· τί δειλοί ἐστε; οὔπω ἔχετε πίστιν;

4,41 καὶ ἐφοβήθησαν φόβον μέγαν καὶ ἔλεγον πρὸς ἀλλήλους· τίς ἄρα οὗτός ἐστιν ὅτι καὶ ὁ ἄνεμος καὶ ἡ θάλασσα ὑπακούει αὐτῷ;

3. Eigene Übersetzung

4,35 aUnd er sprach zu ihnen an jenem Abend des Tages: Lasst uns hinüber fahren auf die andere Seite.

4,36 aUnd sie schickten die Volksmenge weg und nahmen ihn mit wie er in dem Boot war und einige Boote waren zwischen ihnen.

4,37 aUnd es entstand ein großer Wirbelsturm und die Wogen werfen sich in das Boot, sodass das Boot vollschlug.

4,38 aUnd er war in dem heck, schlafend auf dem Kopfkissen. Und sie weckten ihn auf und sprachen zu ihm: Meister, kümmert es dich nicht, dass wir zugrunde gehen?

4,39 aUnd er erwacht und tadelt den Sturm und sprach zum Meer: Schweig, sei still. Und der Sturm legte sich und es geschah eine große Stille des Meeres.

4,40 Und er sprach zu ihnen: Was seid ihr so verzagt? Habt ihr noch keinen Glauben?

4,41 aSie aber hatten große Furcht und sprachen zueinander: bWer also ist dieser, dem der sturm und das Meer gehorchen?

Teil B: Exegese

4. Textkritik am Bsp. Mk 4,40

Da die textkritische Erarbeitung dieses neutestamentlichen Textausschnittes eines jeden Wortlautes den Rahmen dieser Exegese überschreiten würde, greife ich als textkritisches Problem nur jenes heraus, welches für meine Fragestellung entscheidend ist. Die Frage Jesu an die Jünger in Mk4,40 soll im Folgenden den Schwerpunkt bilden. Ihre Analyse soll zeigen, welche redaktionellen Arbeitsschritte sich hier plausibilisieren lassen. In den weiteren Textstellen folge ich der Empfehlung des Nestle/Aland. Zunächst einmal ist es notwendig, sich den verschiedenen Lesarten und ihren Zeugen zu widmen. Wir unterscheiden vier Lesarten, welche sich durch unterschiedliche Textzeugen belegen lassen. Dabei wird eine Einteilung in drei Kategorien vorgenommen, welche u. a. die Textqualität untersucht. Die erste Kategorie umfasst gelegentlich zitierte Handschriften, häufig zitierte Handschriften bilden die zweite Kategorie und die dritte Kategorie steht für die ständigen Zeugen.

Die erste Lesart lautet: τι δειλοι εστε ουτως; πος ουκ εχετε πιστιν. Übersetzt ins Deutsche heißt es: Was seid ihr so verzagt? Warum habt ihr keinen Glauben? Die Textstelle wird in dieser Lesart von folgenden Textzeugen belegt: die Majuskel A (Codex Alexandrinus, 5.Jh., Kategorie III in den Evangelien), die Majuskel C (Codex Ephraemi Syri rescriptus, 5.Jh., Kategorie II, zu der häufig zitierte Handschriften zählen, die Minuskel 33 (9.Jh., Kategorie II in den Evangelien). Die altlateinische Übersetzung f (6.Jh.) (weicht geringfügig von dieser Variante ab), die syrische Übersetzung syP (Peschita, 5.JH.) (weicht ebenfalls geringfügig von dieser Variante ab), die syrische Übersetzung syh (Harklensis, 7.Jh) und die zusammengefassten Schriften unter dem Siegel M (Mehrheitstext). Neben den Minuskelhandschriften werden zusätzlich Zeugen zweiter Ordnung zugeschrieben, da auch sie mit der Koine (byzantinischer Reichstext) lesen. Es sind die Majuskel K, die Minuskel 1241, 1424 und der Lektionär l 2211. Nicht zu M gehören die Majuskel N, die Majuskel P (diese enthält nur Teilstücke des MkEv, nicht Mk 4,40), die Majuskel G (Mk 3,34-6,21 fehlt), die Majuskel 0292 (enthält nur Mk 6,55-7,5) und alle ständigen Zeugen zweiter Ordnung, welche von der oben genannten Lesart (Koine) abweichen. Dies sind die Majuskel D und die Minuskeln 28, 565, 579, 700, 892 und 2542 (vgl. Nestle/ Aland, 1993, S.118).

Die zweite Lesart lautet: τι δειλοι εστε ουτως εχετε πιστιν. Übersetzt ins Deutsche heißt es: Was seid ihr verzagt, auf diese Weise habt ihr Glauben? Die Textstelle wird in dieser Lesart von folgenden Textzeugen belegt: Majuskel W (Codex Freerianus, 5.Jh., Kategorie III), sowie die altlateinische Übersetzung e (5.Jh.) und q (6.Jh.) werden als Textzeugen angegeben, wobei e und q geringfügig von der genannten Lesart abweichen (vgl. Nestle/ Aland 1993, S. 118).

Die dritte Lesart lautet: τι ουτως δειλοι εστε; ουπως εχετε πιστιν. Übersetzt ins Deutsche heißt es: Was seid ihr so verzagt? Habt ihr noch keinen Glauben? Die Textstelle wird in dieser Lesart von folgenden Textzeugen belegt: Papyrus P45vid (3.Jh., Kategorie I) (vid bedeutet, dass es trotzdem unschlüssig ist, welche Lesart bezeugt ist, da der ursprüngliche Text der Handschrift nicht mehr eindeutig zu lesen ist.), die Minuskel f13 (The Ferrar Group, nach Minuskel 13, 13.Jh., Kategorie III), die Minuskel 28 (11.Jh., Kategorie III in Mk) sowie die Minuskel 2542 (13.JH., Kategorie III) (vgl. ebd.).

Die vierte und letzte Lesart lautet: τι δειλοι εστε; ουπως εχετε πιστιν. Übersetzt ins Deutsche heißt es: ‚Was seid ihr verzagt, habt ihr noch keine Glauben?‘ Die Textstelle wird in dieser Lesart von folgenden Textzeugen belegt: Majuskel Α (Codex Sinaiticus, 4.Jh., Kategorie I), die Majuskel B (Codex Vaticanus, 4.Jh., Kategorie I), die Majuskel L 019 (Codex Regius, 8.Jh., Kategorie II), die Majuskel D (Codex Sangallensis, 9.Jh., Kategorie III), die Majuskel Q (Codex Coridethianus, 9.Jh., Kategorie II), die Minuskel 565 (9.Jh., Kategorie III), die Minuskel 579 (8.Jh., Kategorie II) (weicht geringfügig von der Lesart ab), die Minuskel 700 (11.Jh., Kategorie III), die Minuskel 892 (9.Jh., Kategorie II) (besaß ursprünglich die o.g. Textstelle, wurde aber später an dieser Stelle korrigiert), sowie die Vulgata, ein Teil der altlateinischen Überlieferung und alle koptischen Versionen, die zu dieser Stelle vorhanden sind (vgl. ebd.).

Die Bewertung der vier Textvarianten erfolgt nach unterschiedlichen Kriterien. Es wird nach sogenannten äußeren (textexternen) und inneren (textinternen) Kriterien unterschieden. Zunächst stellt sich in einem ersten Schritt die Frage, welche der Lesarten von besonders alten und qualitativ hochwertigen Handschriften bezeugt werden und nicht etwa, wie viele Zeugen es gibt. Anhand dieser Kriterien zeigt sich, dass die dritte Lesart mit einem Papyrus, welches zu den ältesten Handschriften gehört, einen besonders zuverlässigen Zeugen zu bieten hat. Jedoch nur, wenn man, so wie im Novum Testamentum Graece 27.Auflage, ουτος δειλοι εστε; οθπω liest. Dies ist jedoch nicht ganz sicher, da der Papyrus P45 an der Stelle von Mk 4,40 nicht mehr eindeutig zu lesen ist. Somit scheint die Lesart vier die am besten bezeugte Lesart zu sein, da die beiden wichtigen, d.h. sehr alten und qualitativ hochwertigen, Codices Sinaiticus und Vaticanus, zu ihren Zeugen zählen. Die erste Lesart weist zwar zwei Majuskelhandschriften aus dem fünften Jahrhundert auf, von denen eine qualitativ hochwertig ist, jedoch überwiegt das quantitative Siegel M. Außen vor ist die zweite Lesart für die Rekonstruktion des ursprünglichen Textes, da sie neben zwei alten Übersetzungen nur von einer einzigen Majuskel unterstützt wird, welche zudem nur eine mittlere Qualität aufweist. Im zweiten Schritt erfolgt die letztendlich entscheidende Bewertung der Lesarten nach den inhaltlichen Kriterien (textintern). Schwerpunkt hier ist die Frage, welche Lesart eher aus welcher hervorgegangen sein könnte und welche aus inhaltlichen Gründen dem Text angemessener erscheint. Als ursprüngliche Lesart nimmt man immer die kürzere (lectio brevior potior) und schwierigere (lectio difficilior probabilior) Lesart an, da spätere Ergänzungen und Erleichterungen für das Textverständnis eher zu erwarten sind als Verkomplizierungen oder gar das Weglassen einer Textpassage. Anhand dieser textinternen Kriterien zeigt sich, dass die zweite Lesart zwar die kürzeste, diese jedoch grammatisch unkorrekt ist. Entgegen der Regel lectio brevior ist hier eher an eine Auslassung zu denken, da das πος ουκ in der ersten Lesart noch enthalten ist. Schlussfolgernd könnte die zweite aus der ersten Lesart entstanden sein, indem sie fehlerhaft von ihrer Vorlage (Lesart 1) abgeschrieben wurde. Lesart drei und vier unterscheiden sich in nur einem kleinen Punkt. Es fehlt in Lesart vier lediglich das ουτως . Dies könnte sich durch eine gewollte Steigerung der Dramatik erklären lassen (vgl. Reinmuth/Bull 2006, S.30).

Fraglich ist nun, welche der Lesarten eins und vier die ursprünglichere Form ist. Vergleicht man Markus (Mk) mit Matthäus (Mt) und Lukas (Lk) lässt sich vermuten, dass die beiden (späteren) Evangelisten die vierte Lesart als Vorlage hatten, da auch sie (wie Lesart vier in Mk 4,40) von einem noch nicht vorhandenen Glauben sprechen, welcher später aber noch wachsen kann. Mt 8,26 verwendet ολιγοπιστοι (dt.: ihr Kleingläubigen), Lk 8,25 benutzt den Ausdruck που η πιστις υμων (dt.: Wo ist euer Glaube?). Somit unterstützen Mt und Lk die Annahme, dass der Glaube noch entstehen kann und Lesart vier ist die wahrscheinlichere. Es gibt kein Indiz dafür, dass Mt und Lk ihre Vorlage erweitert bzw. ergänzt haben. Folglich komme ich zu dem Entschluss, dass Lesart vier die ursprüngliche ist.

5. Synchrone Betrachtung des Textes

Die synchrone Betrachtung fokussiert das Textstück als teil eines theologischen Gesamtkonzepts. Zu Beginn möchte ich den Text bezüglich seines Aufbaus und der Abgrenzung innerhalb des MkEv untersuchen. Gefolgt von einer narrativen Analyse soll u. a. die Rhetorik des Textstückes analysiert werden. Zuletzt wird die Form- und Gattungskritik näher betrachtet, um feststellen zu können, ob die Erzählung der Sturmstillung formell in die Gattung der Wunder einzuordnen ist.

5.1 Kontextanalyse – Abgrenzung und Aufbau des Textes

Der kirchlichen Überlieferung nach ist das MkEv Johannes Markus zuzuschreiben. Johannes Markus hat Barnabas und Paulus auf der ersten Missionsreise begleitet – deshalb werden die Erzählungen des Paulus als Grundlage des Evangeliums gesehen. Später war Markus (Mk), so wird berichtet, Sekretär und Dolmetscher Petri in Rom. Es wird vermutet, dass das MkEv um ca. 70 nach Christus verfasst wurde. Die Datierung des MkEv ist immer entsprechend einer relativen Datierung zu betrachten. Die Seitenreferenten Mt und Lk begründen die Datierung des MkEv hinsichtlich der Literar- und Quellenkritik um 70 nach Christus und bilden damit die den terminus ad quem. Des Weiteren werden textliche Hinweise zur Datierung des MkEv genutzt, bspw. die Tempelenteignung in Mk 13, welche den terminus post quem bildet. Die Entstehungszeit des MkEv ist zudem in den historischen Kontext des jüdischen Krieges einzuordnen (vgl. Becker 2006, S. 77; Söding 1995, S. 16; Theissen 1995, S. 413). Anhand des Sprachstils und der Wortwahl, welche sehr einfach gehalten ist, lässt sich schließen, dass der Autor des MkEv Bürger aller Schichten ansprechen wollte, da diese die Mehrheit in der Gemeinde bilden. Der Autor des MkEv hat gute biblische Kenntnisse und ist sich der Jesus-Traditionen bewusst (vgl. Söding 1995, S. 26). Die Adressaten des MkEv gehören bereits dem christlichen Glauben an, denn der Autor des MkEv setzt Grundkenntnisse, bspw. in den Traditionen und Begriffen voraus. Ebenso sind ihnen die wichtigsten Orte und die Wirkungsweise Jesu bekannt. Mk genoss hohe Autorität in seinem Volk und darüber hinaus, dies wird durch Lk und Mt bestätigt, da sie das MkEv als Grundlage nutzten und es sich bis zu ihnen verbreitete. Das MkEv fokussiert nicht etwa das Leiden oder die Ohnmacht, viel mehr stehen das Wirken und die Macht Jesu im Vordergrund. Es verkündigt die kommende Gottesherrschaft, prophezeit die Zukunft und die Offenbarung Gottes durch Jesu (vgl. Södring 1995, S. 41). Ebenso werden Wundergeschichten und Streitgespräche thematisiert, welche die Problematik Jesu aber auch die Glaubenssituation der Jünger und Gemeinden aufgreifen. Jesus steht aufgrund seiner Funktion als Botschafter des Reichs Gottes im ständigen Konflikt. Jesus ist der Gottessohn und Menschensohn (vgl. 2,10; 9,7; 14,41), jedoch sind unterschiedliche Bilder von Jesu zu erkennen. Als Folge tritt eine mangelnde Kohärenz in der Darstellung Jesu innerhalb eines Zeugnisses, welche zudem unterschiedliche Bearbeitungsschritte durchgemacht haben, auf. Unter mangelnder Kohärenz ist in diesem Zusammenhang die nicht vorhandene Einheitlichkeit der historischen Gestalt Jesu gemeint. Diese kann entweder als Mangel aufgegriffen oder als Stilmittel des Autoren und/oder seiner Redakteure verstanden werden, um die verschiedene Aspekte und Bedeutungen der Jesus-Christus-Geschichte zu kommunizieren. Das binäre Bild Jesu ist zum einen passiv, zum anderen aktiv. Der aktiv wirkende Jesus vermittelt als Botschafter mit Souveränität und Überzeugung die Botschaften Gottes. Die passive Jesusfigur hingegen formt das Bild eines leidenden, ohnmächtigen und gekreuzigten Jesus. Es stellt sich die Frage, welche Intention diese binäre Schilderung Jesu verfolgt. Für den Autor des MkEv galt es dies in Einklang zu bringen und dem Volk eine Antwort zu geben, um ihre christliche Identität zu prägen und zu verstärken. Es lässt sich weiterhin vermuten, dass der Autor des MkEv hier in den Diskurs mit den Anhängern des Judentums tritt (vgl. Bull o. J., o. S.).

Das MkEv ist folgendermaßen aufgebaut: Mk 1,1-15 ist der Prolog, welcher direkt eine richtungsgebende Sequenz darstellt. Sie gibt dem Leser Auskunft über die Person, um die es im Folgenden geht. Es ist die Rede von Jesus, dem Sohn Gottes, welcher von Gott erwählt wurde, um das Evangelium Gottes und seiner bevorstehenden Herrschaft. Zahlreiche Perikopen, in denen die Wirksamkeit Jesu durch Gott thematisiert wird, folgen daraufhin (1,16-8,26). Mk 1,16-8,26 wird als das vollmächtige Wirken Jesu überschrieben, wobei untergliedert werden kann in Mk 1,16-3,6, wo es um das vollmächtige Auftreten Jesu und den Beginn der Auseinandersetzungen um seine Vollmacht geht und Mk 3,7- 6,56, wo es um die Lehr- und Wunderwirksamkeit Jesu, also dessen Heilswirken und scheidende Wirkung geht. Der zweite große Teil ist die Passion des Gottessohnes: Der Weg ins Leiden und die Kreuzesnachfolge der Jünger sowie die Zuspitzung der Auseinandersetzungen in Jerusalem. Geordnet wird diese Epoche des MkEv durch die drei Leidens- und Auferstehungsansagen in 8,31; 9,31 und 10,32ff, woraufhin direkt das fehlende Verständnis der Jünger folgt und mit der Kreuzesnachfolge von Jesus beantwortet wird. Den Schluss des Evangeliums bildet der Einzug in Jerusalem, welcher u. a. die Leiden, den Tot und die Auferstehung Jesu Christi fokussieren (vgl. Bull 2008, S. 25; Luz 2014, S. 424; Södring 1995, S.46f.). Der Autor des MkEv möchte keinen zeitlichen Abriss des Lebens von Jesus, sondern seines Wirkens darstellen und erzählt die wichtigsten Fakten wie die Taufe durch Johannes, die Prophezeiung der Gottesherrschaft u. v. .m. In dem Textstück Mk 6,45-52 lässt sich ein ähnliches Setting wie das der Sturmstillung wiederfinden. Die Jünger erhalten den Auftrag, an das andere Ufer nach Betsaida zu fahren und kommen in der Nacht durch Unruhen auf dem Wasser in eine Notsituation. Jesu, welcher nicht mit an Bord ist, geht über das Wasser zu den Jüngern, welche allen Anschein nach zwar alles richtig gemacht haben, da sie dem Auftrag gefolgt sind aber ihr Glaube nicht gefestigt ist. Denn als Jesu auf das Bott steigt und den Jüngern zuspricht, legte sich zwar der Wind, doch die Jünger waren außer sich und verstanden nicht, was nun geschieht. Neben dem gleichen Setting ist also nicht nur die Not der Jünger als Zweifel und Unglaube zu Gott zu erkennen, sondern auch der Unmut und das Unverständnis ihrerseits.

Das Textstück MK 4,35-41 ist sowohl nach vorn, als auch nach hinten klar abgegrenzt. Mk 4,35 ist durch die Proformen καὶ λέγει αὐτοῖς und ἐν ἐκείνῃ zwar eng mit dem vorangehenden Text verbunden, da diese Worte sich auf das vorherige Geschehen beziehen, doch beginnt zweifelsohne eine neue Erzählhandlung. Die zuvor geschilderte Seepredigt ist mit Mk 4,34 abgeschlossen und Jesus fordert seine Jünger auf, an das andere Ufer zu fahren. Das Ende der Wundergeschichte ist dadurch markiert, dass mit der Frage der Jünger in Mk 4,41 zum letzten Mal ein direkter Bezug zu Vorherigem genommen wird. Indirekt knüpft auch Mk 5,1 an Vorheriges an, da nun dasselbe Boot, dass in Mk 4,36 aufbricht, am anderen Ende des Ufers ankommt. Trotz dessen wird in Mk 5,1 eine neue Erzählhandlung eingeleitet, da das Boot an das Ufer „in die Gegend der Gerasener“ (LUT 1984, S.65) ankommt und dies erst für die folgende Heilungsgeschichte relevant ist. Der Jüngertadel in Vers 40 unterbricht den Geschichtsverlauf, womit ich kurz auf die Einheitlichkeit des Textes zu sprechen kommen möchte. Auch wenn sich im Textausschnitt keine logischen Kohärenzstörungen finden lassen, so geschieht mit Vers 40 doch ein Bruch. Ein Tadel erwartet man normalerweise direkt nach der darauf bezogenen Tat (also noch bevor Jesus in das Geschehen eingreift), Jesus aber vollbringt erst das Wunder und spricht dann sein Tadel an die Jünger aus. Auch die im Folgenden dargestellte narrative Analyse zeigt, dass sich Jesu mit Vers 40 auf den vorrangegangenen Vers 38 bezieht. Da die Jünger aber in keiner Weise darauf eingehen, steht der Vers etwas isoliert dar. So könnte es also sein, dass nicht nur Vers 40, sondern auch Vers 38 eine redaktionelle Überarbeitung erfahren haben und im Nachhinein in den Text eingeschoben wurden (vgl. Schnelle 1983, S.128).

5.2 Narrative Analyse

Die Erzählung der Sturmstillung beginnt in Vers 35a mit dem erzählerischen Hinweis, dass Jesus zu den Jüngern spricht. Trotz dessen im Text nur λέγει steht, gibt uns der Kontext zu verstehen, dass Jesus das Subjekt ist, da er in Mk 3,7 zum letzten Mal ausdrücklich genannt und somit Handlungsträger ist. Typisch für eine Exposition ist die Angabe der Zeit, welche wir ebenfalls mit ἐν ἐκείνῃ τῇ ἡμέρᾳ ὀψίας γενομένης, d.h. am Abend des Tages, zu Beginn der Perikope vorfinden. Die zeitliche Einordnung ist somit wahrscheinlich rein erzählerisch-kontextorientiert. Der Hinweis auf die Nachtzeit könnte auch zu einer verstärkten Spannung dienen, ferner steht die Nachtzeit wahrscheinlich in engem Zusammenhang mit dem Schlafen Jesu, welches für den weiteren Verlauf des Geschehens noch verstärkt von Bedeutung sein wird. Nachdem nun der Sprecher und der Zeitpunkt bekannt sind, folgt in Vers 35b das Gesagte, der Befehl Jesu an das andere Seeufer zu fahren. Der Befehlscharakter des Satzes geht aus dem kohortativen Konjunktiv διέλθωμεν (dt.:„Lasst uns hinüberfahren“) hervor. Durch die Aufforderung Jesu zur Überfahrt ist den Jüngern jegliche Verantwortung für den folgenden Verlauf des Geschehens abgenommen, die Initiative bleibt allein bei Jesus. Mit εἰς τὸ πέραν ist das andere Ufer des Sees, d.h. des Sees Genezareth gemeint, da dieser bereits in Mk 4,1-34 Schauplatz der Seepredigt gewesen ist. G. Theißen weist überzeugend nach, dass mit talassa der See Genezareth bezeichnet ist (vgl. Theißen 1992, S. 112ff.). Im folgenden Vers 36a befolgen die Jünger den Befehl, entlassen τὸν ὄχλον und nehmen Jesus mit sich, sowie er im Boot ist. τὸν ὄχλον ist die Menschenmenge, welche bei der Bergpredigt (Mk 4,10) war. Der Aufbruch mit dem Boot findet nun also ohne diese Menschenmenge statt und das folgende Geschehen erfolgt abseits des Volkes. Offen bleibt in Mk 4,36b, welche Personen in den anderen Booten („καὶ ἄλλα πλοῖα ἦν μετ’ αὐτοῦ (Nestle/Aland 1993, Mk 4,36)) sitzen. Waren es Jünger oder Fischer? Aufgrund des met autou ist zu erkennen, dass die in den Booten sitzenden Personen an dem folgenden Geschehen teilhaben werden. Auch in diesem Vers kann man, wie auch schon in Mk 4,35 (die Nacht als Zeitangabe), von einer erhöhten Gefahr ausgehen, da nicht nur Jesus und seine Jünger von den kommenden Ereignissen betroffen sein werden, sondern noch viele andere Menschen. Da der Vers Mk 4,36b im Verlauf der Perikope keine weiteren Bezugspunkte hat, könnte er lediglich als Hintergrundinformation dienen, bzw. weiterhin zur verständlicheren Schilderung der Szenerie (vgl. Theissen, 1987, S.296).

Die Erzählung wechselt in Mk 4,37 schlagartig von einer ruhigen Beschreibung der Situation in eine Schilderung zu höchster Gefahr. Kurz und knapp wird berichtet, dass ein Wirbelsturm geschieht. Das entsprechende Verb γίνεται steht im Präsens und bringt somit sprachlich die plötzlichen Geschehnisse zum Ausdruck. Ein Seesturm ist nichts ungewöhnliches, doch wird es dieses Mal mit λαῖλαψ μεγάλη ἀνέμου, d.h. ein großer (starker) Seesturm. Die Bedrohung für die Jünger bzw. Schiffer wird folglich nochmals unterstrichen.

[...]

Ende der Leseprobe aus 34 Seiten

Details

Titel
Exegese von Markus 4,35-41. Wundergeschichte der Sturmstillung
Hochschule
Universität Rostock  (Theologie)
Note
1,9
Autor
Jahr
2017
Seiten
34
Katalognummer
V385982
ISBN (eBook)
9783668609136
ISBN (Buch)
9783668609143
Dateigröße
628 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sturmstillung, Exegese, Mk4
Arbeit zitieren
Marie S. (Autor), 2017, Exegese von Markus 4,35-41. Wundergeschichte der Sturmstillung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/385982

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