Lesbische Touristinnen als Zielgruppe für den Reisemarkt

Haben Urlaubsangebote speziell für homosexuelle Frauen Entwicklungspotential?


Fachbuch, 2018
155 Seiten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

1 Einleitung
1.1 Problemstellung
1.2 Zielsetzung und Aufbau
1.3 Vorgehensweise und Informationsbeschaffung

2 Definitorische Grundlagen und Charakterisierung der Untersuchungsgruppe
2.1 Heterosexualität, Homosexualität, Bisexualität
2.2 Zur Stellung der Untersuchungsgruppe in der Gesellschaft
2.3 Grundlagen des schwul-lesbischen Reisemarktes

3 Schwul-lesbisches Reisen in Theorie und Empirie
3.1 Entstehung und Entwicklung eines schwul-lesbischen Reisemarktes
3.2 Erkenntnisse aktueller Studien zu schwul-lesbischem Reisen
3.3 Portrait der lesbischen und schwulen Reisenden

4 Analyse des touristischen Angebots für lesbische Frauen in Deutschland
4.1 Grundlegende Überlegungen zum lesbischen Marktsegment
4.2 Methodische Herangehensweise an die Angebotsanalyse
4.3 Angebotsanalyse marktspezifischer, deutscher Reiseveranstalter und Reisemittler
4.4 Überblick über die Angebote weiterer Anbieter und Akteure
4.5 Kritische Betrachtung der Angebotsanalyse von Reisveranstalter und Reisemittler
4.6 Zusammenfassung und Diskussion des touristischen Angebots für lesbische Frauen

5 Analyse des Reiseverhaltens lesbischer Frauen in Deutschland
5.1 Methodische Herangehensweise an die Analyse des Reiseverhaltens
5.2 Demographische Struktur der Befragten
5.3 Reiseverhalten lesbischer Frauen
5.4 Kritische Betrachtung der Ergebnisse
5.5 Diskussion und Zusammenfassung des Reiseverhaltens lesbischer Frauen
5.6 Gegenüberstellung der Ergebnisse von Angebots- und Nachfrageseite

6 Potenziale und Perspektiven lesbischen Reisens
6.1 Bedürfnisse und Wünsche lesbischer Touristinnen
6.2 Anforderungen und Handlungsempfehlungen
6.3 Chancen und Risiken

7 Fazit

Literatur- und Quellenverzeichnis

Anhang

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Überblick der Zielgruppen, in die sich lesbische Frauen einordnen lassen

Abbildung 2: Übersicht der Anbieter und Akteure im lesbischen Marktsegment

Abbildung 3: Reiseart der Angebote

Abbildung 4: Gay-Status der Angebote

Abbildung 5: Art der angebotenen Unterkünfte

Abbildung 6: Preise der angebotenen Unterkünfte

Abbildung 7: Gay Guide Düsseldorf

Abbildung 8: Altersstruktur der Befragten

Abbildung 9: Höchster Bildungsabschluss

Abbildung 10: Beziehungsstatus

Abbildung 11: Räumliche Verteilung der Befragten

Abbildung 12: Reisetyp

Abbildung 13: Reiseintensität und -häufigkeit in den letzten 12 Monaten

Abbildung 14: Häufigste Reisebegleitung

Abbildung 15: Besuch einer Veranstaltung für LGBTs

Abbildung 16: Vergangene und mögliche zukünftige Reisen in homophobe Länder

Abbildung 17: Bevorzugter Unterkunftstyp

Abbildung 18: Einflüsse auf die Unterkunftswahl

Abbildung 19: Kriterien für einen gay-friendly-Status

Abbildung 20: Informationsquellen für den Urlaub

Abbildung 21: Buchungsverhalten

Abbildung 22: Interesse an Reisebüros und -veranstalter für lesbische Frauen

Abbildung 23: Ausgaben für Auslandsreisen

Abbildung 24: Ausgaben für Inlandsreisen

Abbildung 25: Reisemotive und -aktivitäten

Abbildung 26: Einfluss der sexuellen Orientierung auf die Reisemotivation

Abbildung 27: Angebotswünsche

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Community-Verhalten lesbischer Frauen

Tabelle 2: Übersicht vorangegangener Studien

Tabelle 3: 10 umsatzstärkste Reiseveranstalter Deutschlands

Tabelle 4: Reisemittler im deutschen Marktsegment für lesbische Frauen

Tabelle 5: Die fünf deutschen Destinationen mit den meisten Angeboten

Tabelle 6: Top 5 Städte außerhalb Deutschlands

Tabelle 7: Top 5 Länder außerhalb Deutschlands

Tabelle 8: Top 10 Zielgebiete von Kurzreisen innerhalb Deutschlands

Tabelle 9: Top 5 Zielländer von Kurzreisen außerhalb Deutschlands

Tabelle 10: Top 5 Städte von Kurzreisen außerhalb Deutschlands

Tabelle 11: Top 10 Zielgebiete von Urlaubsreisen innerhalb Deutschlands

Tabelle 12: Top 5 Zielländer von Urlaubsreisen außerhalb Deutschlands

Tabelle 13: Top 5 Städte von Urlaubsreise außerhalb Deutschlands

Tabelle 14: Top 5 Zieldestinationen: Kontinente, Länder, Inseln, Regionen

Tabelle 15: Top 5 Zieldestinationen: Städte außerhalb Deutschlands

Tabelle 16: Destinationen, die aufgrund der sexuellen Orientierung gemieden würden

Tabelle 17: Länder, die aufgrund der sexuellen Orientierung gemieden würden

Tabelle 18: Gay-friendly Länder

Tabelle 19: Gay-friendly Städte

Einleitung

1.1 Problemstellung

Als Rebecca Harvey sich von dem Mitarbeiter eines Thomas Cook Reisebüros in Taunton, Großbritannien, für eine Reise nach Tunesien begeistern ließ, wusste sie nicht, dass in dem Land, in dem sie die Hochzeitsreise mit ihrer Frau verbringen wollte, Homosexualität unter Strafe steht. Davon erfuhr sie erst nach der Buchung. Als sie sich bei dem Reisebüro beschwerte, wurde ihr geraten: „ [A]ct as friends or siblings you shoudn’t have a problem “ (McCormick 2014, o. S). Diese Reaktion sorgte für einen öffentlichen Aufschrei in der LGBT-Community. „ Thomas Cook told lesbian newlyweds to just ‚act as siblings‘ in anti-gay country “ titelte McCormick im Online-Magazin „PinkNews” (2014, o. S). Auch wenn sich Thomas Cook für das Auftreten seiner Mitarbeiter später entschuldigte, zeigt diese Schlagzeile doch symptomatisch auf, welche Einstellung bis heute gegenüber Homosexuellen in unserer Gesellschaft vorherrscht. Ein offenes „homosexuelles Verhalten“, wie es auch heute noch in weiten Teilen der Welt missbilligt wird, wirkt einschränkend auf die Mobilität der betroffenen Frauen und Männer. Die Besonderheiten, wie sie bei homosexuellen TouristInnen vorliegen, erfordern ein anderes Verständnis für und Wissen über die Zielgruppe, wie es der auf Heterosexuelle konzentrierte Massentourismus nicht aufzeigt.

„Homosexuelles Reisen“ ist kein gänzlich neues Phänomen, doch kamen erst in den 70er Jahren mit dem langsamen Beginn eines selbstbewussteren Auftretens von Lesben und Schwulen erste Produkte und Dienstleistungen für schwul-lesbische TouristInnen auf den Markt, die sich mit den speziellen Wünschen der neuen Kundengruppe auseinandersetzten. Mit steigendem kommerziellem Interesse, aber auch durch einen Wandel in Politik und Gesellschaft, traten nach und nach weitere Anbieter auf den Reisemarkt, der langsam begann sich als eigener Nischenmarkt abzuzeichnen. Die neue Zielgruppe rückt seitdem immer mehr in den Fokus der Tourismusbranche und wird seit den 90ern zunehmend als ernstzunehmender Reisemarkt angesehen (vgl. Southall/Fallon 2011, S. 221f.).

In Zeiten von Wirtschaftskrise und Terrorismus haben sich homosexuelle Reisende nach der Jahrtausendwende als treues und beständiges Kundensegment erwiesen, welches aus dem anfänglichen Nischenmarkt „ a significant growing sector of the tourism industry “ mit großem wirtschaftlichen Potenzial werden ließ(Southall/Fallon 2011, S.230). Alleine in den USA wird das Umsatzvolumen von LGBT-Reisenden auf 75 Milliarden US Dollar pro Jahr geschätzt (vgl. CMI 2016b,o. S.) und deutsche Schwule und Lesben geben jährlich 20,4 Milliarden Euro für Reisen aus (vgl. Publicom 2007, S. 3). So ist es nicht verwunderlich, dass nicht nur immer mehr Destinationen homosexuelle Reisende als Zielgruppe umwerben, sondern auch Reisemittler – zumeist in Form von Reisebüros – mit speziell zugeschnittenen Urlaubsangeboten locken. Seit geraumer Zeit finden auch namhafte Reiseveranstalter Interesse an dem neuen Kundensegment. Dies äußert sich beispielsweise in der ersten deutschsprachigen Kreuzfahrt für die LGBT-Community, die für 2017 geplant ist (vgl. TUI Cruises 2016, o. S.). Dass dem LGBT-Segment immer mehr Beachtung zukommt, beweisen auch folgende positive Beispiele: Bereits seit 2010 ist Gay & Lesbian Travel zum festen Segment der Internationalen Tourismus Börse (ITB) in Berlin geworden und im April 2016 fand der 33. jährliche LGBT-Tourismus-Kongress in Südafrika statt (vgl. Messe Berlin 2016, o. S. und vgl. IGLTA 2016, o. S.).

Seit Mitte der 90er Jahre finden homosexuelle Reisende auch in der Wissenschaft immer häufiger Beachtung. Bei genauerer Betrachtung zeigt sich aber, dass sich der erforschte Reisemarkt fast ausschließlich um homosexuelle Männer zentriert. Dem lesbischen Segment wurde von Beginn an seitens der Marktforscher kaum Interesse entgegengebracht: „Lesbians have not been considered economically powerful or visible and have not been targeted as a separate consumer group” (Clark 1993, in: Hughes 2006b, S. 18). Dieser Umstand spiegelt sich auch in der gängigen Literatur wider, wo lesbischen Frauen lange Zeit nur wenig Aufmerksamkeit zukam. Oftmals machten Schwule bei Forschungsumfragen den mit Abstand größten Teil der Befragten aus. So gewonnene Erkenntnisse lassen nur schwerlich Rückschlüsse auf die Eigenschaften lesbischer Touristinnen zu. Inzwischen gibt es erste Arbeiten, die aufzeigen, dass Lesben und Schwule Reisen jedoch unterschiedlich erfahren und nicht als ein homogenes Kundensegment gesehen werden dürfen (vgl. Hughes 2006b, S. 21). Da Reisemotive und Reiseverhalten nicht dieselben sind, kann aus ökonomischer Perspektive kaum von einem gemeinsamen Reisemarkt die Rede sein. Vielmehr handelt es sich um zwei verschiedene Bereiche, die jeweils gesondert betrachtet werden müssen (vgl. Hughes 2006a, S. 58; vgl. Waitt/Markwell 2006, S. 32f. und vgl. Geigenmüller/Keese 2011, S. 158).

Trotz der wachsenden Bedeutung des LGBT-Marktes und des gestiegenen Interesses an lesbischen Touristinnen, besteht dennoch weiterhin Forschungsbedarf, um dem Mangel an zielgruppenspezifischem Wissen zum lesbischen Reisemarkt entgegenzuwirken.

1.2 Zielsetzung und Aufbau

Bisher war es nicht möglich, Aussagen zum Entwicklungspotenzial des auf lesbische Frauen spezialisierten Reisemarktes zu treffen. Dieser Umstand macht es besonders interessant, in dieser Arbeit der Frage nachzugehen, welches Potenzial der „lesbische Reisemarkt“ hat. Um die Forschungsfrage zu beantworten, ist einedetaillierte Analyse der Angebots- und Nachfrageseite im Lesbentourismus vonnöten. Im Rahmen letzterer können gleichzeitig Eigenschaften und Bedürfnisse lesbischer Touristinnen abgefragt und herausgearbeitet werden, womit in der Folge grundlegendere Fragen beantwortet werden können. Nachfolgend werden Teilziele präsentiert, die als Zwischenschritte zur abschließenden Beantwortung der Forschungsfrage führen und den Aufbau der Arbeit mitgestalten.

Die Bearbeitung des Themas setzt in einem ersten Teil die Klärung definitorischer Grundlagen und der Untersuchungsgruppe im Allgemeinen voraus. Daher werden in Kapitel 2 zunächst die in diesem Zusammenhang wichtigsten Begriffe erklärt und voneinander abgegrenzt, ehe in einem zweiten Schritt auf Besonderheiten der Untersuchungsgruppe eingegangen wird. Im Anschluss werden die für die Thematik des schwul-lesbischen Reisens relevanten Fachwörter erläutert und das der Arbeit zugrundeliegende Begriffsverständnis geklärt.

Hieran schließt sich das erste Ziel der vorliegenden Arbeit an, einen Überblick über die historische Entwicklung und den derzeitigen Kenntnisstand schwul-lesbischen Reisens zu geben. Dass der LGBT-Tourismus heute als eigenständiges Marktsegment angesehen wird, ist das Ergebnis eines längeren historischen Prozesses, wie er zu Beginn von Kapitel 3 dargestellt wird. Hierfür wird die Entstehung homosexueller Communities, die für erste Reisebewegungen unabdingbar waren, und die darauffolgenden Entwicklungen bis zur Herausstellung eines eigenen Marktsegments dargestellt. Daraufhin erfolgt eine Fokussierung auf die relativ junge Entwicklung „lesbischen Reisens“. Das Kapitel schließt mit einer näheren Betrachtung des bisherigen Forschungsstandes schwul-lesbischen Reisens und einer abgrenzenden Darstellung des Reiseverhaltens zwischen schwulen und lesbischen TouristInnen.

In Kapitel 4 wird das Ziel verfolgt, eine Bestandsaufnahme des touristischen Angebots für Lesben in Deutschland durchzuführen. Bevor dies jedoch geschehen kann, wird ein Blick auf die „Zielgruppe Lesbe“ geworfen und die verschiedenen Anbieter und Akteure auf dem lesbischen Reisemarkt vorgestellt, um nachfolgend eine Analyse der Angebote durchzuführen. Eine ausführliche methodische Klärung der Herangehensweise ist der Untersuchung vorangestellt. Abschließend werden die Ergebnisse reflektiert, diskutiert und resümiert.

Der Schwerpunkt der Arbeit liegt auf dem fünften Kapitel. An dieser Stelle erfolgt eine umfassende Analyse des Reiseverhaltens lesbischer Frauen in Deutschland mit dem Ziel, erstmals ein ausführliches und aussagekräftiges Bild über Verhalten, Bedürfnisse, Motive und Erfahrungen lesbischer Touristinnen zu ermöglichen. Um im Hinblick auf das Ziel eine möglichst große Stichprobe zu erhalten, erwies sich die Wahl der Online-Befragung als quantitative Forschungsmethode als überaus sinnvoll. So erfolgt in diesem Kapitel zunächst eine Beschreibung der methodischen Herangehensweise, in der die Auswahl der Zielgruppe, die Methode der Online-Befragung, die Rekrutierung der Teilnehmerinnen sowie der Aufbau und die Gestaltung des Fragebogens erläutert werden. Daran schließt sich die Darstellung der Umfrageergebnisse an, die für ein besseres Verständnis in die folgenden neun Themenblöcke gegliedert sind: grundlegende Entscheidungen im Reiseverhalten, vergangene und zukünftige Zieldestinationen, Einfluss der sexuellen Orientierung auf die Destinationswahl, bevorzugte Unterkunftstypen und Kriterien zur Auswahl, Informationsquellen und Buchungsverhalten, Reiseausgaben der lesbischen Touristinnen, Urlaubsmotive und -aktivitäten, Diskriminierungen und Anfeindungen aufgrund der sexuellen Orientierung sowie Zukunftswünsche. Hierauf folgt eine kritische Betrachtung der Analyse und der gewonnenen Ergebnisse, bevor letztere diskutiert und zusammengefasst werden. Ein Vergleich mit bisherigen Studienerkenntnissen aus Kapitel 3 ist an dieser Stelle unabdingbar. Ausgehend von den Ergebnissen der Angebots- und Nachfrageanalyse erfolgt abschließend eine Gegenüberstellung, die es ermöglicht in einem nächsten Schritt, vorhandene Stärken und Schwächen des lesbischen Reisemarktes aufzuzeigen.

Im 6. Kapitel wird anhand der gewonnenen Erkenntnisse der vorangegangenen Kapitel eine Einschätzung der Entwicklungspotenziale und zukünftiger Perspektiven des Marktsegments vorgenommen. Zu Beginn werden wichtige Erkenntnisse aus der Befragung der lesbischen Touristinnen vorgestellt und damit einhergehend das Interesse an einer zielgruppenspezifischen Ansprache bezeugt. Die Ergebnisse der Analyse von Angebot und Nachfrage geben aber nicht nur Aufschluss über das Potenzial des Segments, sondern auch über die Anforderungen, die sich an eine Bearbeitung des lesbischen Reisemarktes stellen. Diese werden nachfolgend aufgezeigt und durch mögliche Handlungsstrategien für eine erfolgreiche Ansprache und Bearbeitung des Kundensegments ergänzt. Neben den Chancen sind mit einer gezielten Ansprache lesbischer Touristinnen aber auch Risiken verbunden, die zum Ende des Kapitels zusammengefasst werden.

Den Abschluss der Arbeit bildet Kapitel 7, wo die wichtigsten Aussagen der vorliegenden Arbeit zusammengefasst und die Ergebnisse auf die oben genannte Forschungsfrage dargestellt werden. Darüber hinaus soll ein Ausblick auf die zukünftige Bedeutung eines lesbischen Marktsegmentes gegeben werden.

1.3 Vorgehensweise und Informationsbeschaffung

In diesem Abschnitt wird dem Leser der Forschungsprozess zur Beantwortung der zentralen Fragestellung aufgezeigt. Ziel ist es, die gewählten Handlungsweisen zu erklären und wichtige Arbeitsschritte aufzuzeigen, die dem bereits vorgestellten Aufbau der Arbeit zugrunde liegen.

Am Anfang stand eine längere Einarbeitungsphase in die Thematik. Da dem LGBT-Tourismus lange Zeit aber nur wenig Aufmerksamkeit zukam und er als Nischentourismus tendenziell weniger Beachtung in der Forschung erfährt, war nur eine begrenzte Auswahl an Fachliteratur aufzufinden. Wichtige Informationsquellen stellen u.a. Hughes (2006a) und Guaracino (2007) dar, die sich als erste ausführlicher mit dem LGBT-Tourismus auseinandersetzten und den Nischenmarkt hauptsächlich aus der Marketing- und somit einer kommerziellen Perspektive betrachteten. Ergänzt werden diese durch Markwell und Waitt (2006) sowie Clift, Luongo und Callister (2012), die ihr Augenmerk verstärkt auf die Beziehung zwischen Tourismus und homosexueller Kultur und Identität gerichtet haben. Darüber hinaus konnten Aufsatzartikel bezogen werden, die sich mit dem Nischenmarkt beschäftigen. Ihnen kommt neben den vorgestellten Werken eine besondere Bedeutung zu, da erste Erkenntnisse zum schwul-lesbischen Reisemarkt von geringem Umfang waren und so als Artikel in Fachzeitschriften unterschiedlicher Wissenschaftsdisziplinen veröffentlicht wurden.[1] Auch Forschungsarbeiten zu lesbischen Touristinnen sind bisher in Form kürzerer Fachartikel erschienen.[2] Neben gebundenen Werken und Fachartikeln sind an dieser Stelle auch Studien als wichtige Informationsquelle hervorzuheben. Vor allem die jährliche Studie zum Reiseverhalten der LGBT-Gemeinschaft von Community Marketing & Insights aus den USA (CMI 2015a) und die deutsche schwul-lesbische Reisestudie von Publicom (2007) geben einen ausführlichen Einblick in das Reiseverhalten lesbischer und schwuler Reisenden. Letztere wurde der Autorin der vorliegenden Arbeit auf Anfrage freundlicher Weise als Kurzversion zur Verfügung gestellt; die vollständige Studie ist dem zahlungswilligen Klientel vorbehalten. Als weitere Informationsquellen der vorliegenden Arbeit dienten darüber hinaus Abschlussarbeiten anderer, in- und ausländischer Studierenden zum LGBT-Tourismus sowie Zeitungsartikel, die im Internet frei abrufbar waren.

An die Erarbeitung der theoretischen Grundlagen schloss sich ein erster Überblick über die Akteure und Anbieter touristischer Produkte und Dienstleistungen für die LGBT-Community an. Hierfür wurde in erster Linie nach Reisemittlern gesucht, die online schwul-lesbische Angebote inserieren. Der gewonnene Eindruck und die Erkenntnisse aus der Theorie – sowohl Fachliteratur als auch vorangegangene Umfragen – dienten als Grundlage für die Erarbeitung des Fragenkatalogs zum Reiseverhalten lesbischer Frauen. Durch diese Vorgehensweise konnten die Fragen so konzipiert werden, dass sie zum einen einem Vergleich mit der Angebotsseite dienlich waren und zum anderen Aspekte erfragten, die über die Umfrageergebnisse bisheriger Studien hinausgingen. Vor allem der Einfluss der sexuellen Orientierung auf das Reiseverhalten sollte ausführlicher als je zuvor untersucht werden, aber auch allgemeine Fragen wie zukünftige Zieldestinationen sollten ein besseres Bild der lesbischen Touristin ermöglichen und zu einer umfassenden Beantwortung der Forschungsfrage führen.

Angedacht war bis zu diesem Arbeitsschritt, sowohl lesbische als auch bisexuelle Frauen zu befragen, da es hier eine gewisse Schnittmenge gibt. Dies hätte jedoch den Einschluss von Filterfragen notwendig gemacht, um festzustellen, ob die Touristin mit einer Frau oder einem Mann verreist. Wäre letzteres der Fall, würde das Reiseverhalten jener Frauen durch die Präsenz eines Mannes beeinflusst und für die Forschungsfrage nicht mehr zielführend sein. Antworten dieser Frauen hätten folglich nicht in die Auswertung fließen können. Aber auch bei bisexuellen Frauen, die angeben mit einer Frau zu verreisen und somit den gleichen Umständen wie lesbischen Frauen unterliegen, wäre nicht mit Sicherheit feststellbar gewesen, ob der Einfluss der sexuellen Orientierung auf Reiseentscheidungen und -verhalten nicht ein anderer ist als der bei lesbischen Frauen. Die Frage nach zukünftigen Wunschzielen könnte beispielsweise stark mit der möglichen Präsenz eines Mannes zusammenhängen. Da solche Einflüsse nie gänzlich ausgeschlossen werden können, würden die gewonnenen Daten die Antwort auf die zentrale Fragestellung möglicherweise (negativ) beeinflussen. Aus diesem Grund wurde die Umfrage nur unter lesbischen Touristinnen durchgeführt.

Nachdem die Fragen konzipiert waren und die Online-Umfrage den Pretest bestanden hatte, wurde die Erhebung gestartet. Während die Umfrage lief, wurde die Angebotsseite untersucht. Das breite touristische Angebot machte eine Eingrenzung des Untersuchungsgegenstandes unabdingbar. Es wäre weder möglich noch zielführend gewesen, alle Anbieter und Akteure im lesbischen Reisemarkt zu analysieren. Der Fokus sollte stattdessen auf Reiseveranstaltern und Reisemittlern liegen, da diese den Reisemarkt im Allgemeinen und den schwul-lesbischen im Besonderen am meisten bedienen. Während der Bestandserhebung offenbarten sich immer wieder Unklarheiten in der Ansprache lesbischer Kundinnen. So war nicht immer ersichtlich, ob manche Angebote ausschließlich Schwule oder alle LGBTs ansprechen. Nachfragen bei Anbietern wurden selten beantwortet und wären zudem mit erheblichem zeitlichem und personellem Aufwand auf beiden Seiten verbunden gewesen, weswegen nicht eindeutig zuordenbare Angebote nicht in die Analyse miteinbezogen wurden. An die Untersuchung des touristischen Angebots der Reiseveranstalter und -mittler schloss sich eine explorative Darstellung der weiteren Anbieter und Akteure an, um der Angebotsseite einen Rahmen zu geben. Eine detaillierte Analyse wie bei den Reiseveranstaltern und -mittlern wäre aus vielen Gründen, beispielsweise aufgrund zeitlicher und methodischer Einschränkungen, nicht umsetzbar gewesen. Die Analyse des Reiseverhaltens lesbischer Touristinnen sollte von Beginn an den Schwerpunkt der vorliegenden Arbeit darstellen, wodurch die Einschränkungen der Angebotsanalyse ihre Berechtigung erfahren.

Im Falle der Nachfrageseite konnten die Ergebnisse während der Diskussion mit denen aus der Literatur verglichen werden; bei der Angebotsseite war ein ähnlich vergleichendes Vorgehen nicht möglich, da in der Vergangenheit bisher keine Analyse des Angebots für lesbische Touristinnen durchgeführt wurde.

Nichtsdestotrotz sind die Ergebnisse der Angebotsseite ausführlich und repräsentativ genug, um eine Gegenüberstellung von Angebot und Nachfrage zuzulassen und Stärken und Schwächen des Reisemarktes zu identifizieren. Sie bilden die Grundlage für die anschließende Ermittlung des Potenzials des lesbischen Marktes. Anhand der bisherigen Forschungsergebnisse konnten nicht nur Rückschlüsse darauf gezogen werden, ob es sich lohnt in den Markt einzusteigen, sondern auch darauf, welche Anforderungen gestellt werden, um auf dem Markt bestehen zu können.

Um ein vollständigeres Bild vom Marktpotenzial des lesbischen Reisemarktes zu gewinnen und Entwicklungen abzusehen, wäre es über die eigene analytische Arbeit hinausgehend sinnvoll gewesen, Erkenntnisse und Einschätzungen von Experten aus dem Angebotsbereich zu integrieren. Auf der ITB 2016 war es der Autorin möglich, den Vizepräsidenten der International Gay and Lesbian Travel Association (IGLTA), die Operations Managerin DERTOUR Gay Travel und eine Verantwortliche des ELLA-Festivals anzutreffen, die ihre Kooperation zusagten und um einen erneuten Kontakt per E-Mail baten. Darüber hinaus wurden Reisemittler angeschrieben, um den Reismarkt auch aus ihrer Sicht zu erfahren. In allen genannten Fällen kam es letztlich aber zu keiner Informationsgewinnung, da die benannten Personen entweder nicht auf die Anfragen reagierten oder zeitliche Probleme anführten. Aus diesem Grund beruhen die am Ende dieser Arbeit aufgeführten Einschätzungen zum Entwicklungspotenzial ausschließlich auf den eigenen Arbeitsergebnissen.

2 Definitorische Grundlagen und Charakterisierung der Untersuchungsgruppe

In diesem Kapitel soll die Untersuchungsgruppe der Arbeit näher vorgestellt werden. Dafür wird in einem ersten Schritt geklärt, was der Begriff „lesbisch“ überhaupt bedeutet und wie er sich von anderen Beschreibungen der sexuellen Orientierung abgrenzen lässt (Kapitel 2.1). Anschließend wird die gesellschaftliche Stellung der Untersuchungsgruppe in den Fokus gerückt (Kapitel 2.2), ehe zum Schluss die Bezeichnungen des schwul-lesbischen Reisemarktes vorgestellt werden, um die Grundlage für den weiteren Forschungsprozess zu legen (Kapitel 2.3).

2.1 Heterosexualität, Homosexualität, Bisexualität

Die sexuelle Orientierung jedes Menschen kann vielfältig sein und auf unterschiedlichste Weisen beschrieben werden. Mit dem Ziel, die zu untersuchende Personengruppe zu beschreiben und um eine klare Abgrenzung vornehmen zu können, werden die wichtigsten Termini im Nachfolgenden erklärt.

In Anlehnung an die American Psychologial Association hat der Verband für lesbische, schwule, bisexuelle, trans*, intersexuelle und queere Menschen in der Psychologie (VLSP 2015, o. S.) die sexuelle Orientierung als „andauerndes Muster emotionaler, romantischer und/oder sexueller Anziehung“ definiert. In der Regel werden hierbei drei Kategorien unterschieden (vgl. Stadt Wien 2015, o. S. und vgl. VLSP 2015, o. S.):

- Heterosexualität: emotionale Verbundenheit, Liebe und Sexualität zu gegengeschlechtlichen Menschen
- Homosexualität: emotionale Verbundenheit, Liebe und Sexualität zu gleichgeschlechtlichen Menschen
- Bisexualität: emotionale Verbundenheit, Liebe und Sexualität zu Menschen beiden Geschlechts

Im deutschen Sprachgebrauch haben sich für die Bezeichnung der unterschiedlichen sexuellen Orientierungen die Begriffe „heterosexuell“, „homosexuell“, „lesbisch“, „schwul“ und „bi(sexuell)“ etabliert. „Lesbisch“ oder „Lesbe“ ist hierbei der geläufige Ausdruck für Frauen, die sich emotional und sexuell von anderen Frauen angezogen fühlen, und wird von homosexuellen Frauen auch zur Selbstdefinition verwendet. Männer, deren sexuelle Orientierung dem gleichen Geschlecht gilt, werden als „schwul“ oder „Schwule“ bezeichnet. Diente der Begriff lange Zeit als Schimpfwort, so hat er sich inzwischen zu einer gebräuchlichen Selbstbezeichnung gewandelt (vgl. Stadt Wien 2015, o. S).

Eine weitere Ausdrucksform der sexuellen Orientierung ist „Transgender“. Für diese Menschen entspricht deren gelebtes bzw. psychisches Geschlecht nicht der erlernten Geschlechterrolle. Transgender dürfen aber nicht mit Transsexuellen verwechselt werden, sondern müssen abgegrenzt werden: Letztere fühlen sich – über die erlernte Geschlechterrolle hinaus – im biologisch falschen Körper und streben im Gegensatz zu Transgendern meist eine Geschlechtsanpassung an(vgl. Potter 2016, o. S.).

Der Terminus „queer“ wird im Gegensatz zu den bisherigen Ausdrucksprägungen der sexuellen Orientierung häufig als Sammelbegriff verwendet. Als solcher hat der Begriff den Vorteil, dass jede Randgruppe miteingeschlossen wird (vgl. ebd.). Hierbei ist die sich entwickelte Queer Theory als Wissenschaft zu verstehen, die anerkennt, dass die sexuelle Identität einer Person nicht determiniert und kein Individuum kategorisierbar ist (vgl. Hughes 2006a, S. 18). Lange Zeit aber wurde „queer“ als Schimpfwort verwendet und gilt auch heute noch als umstritten und politisch konnotiert (vgl. Johnston 2005, S. 10).

Inzwischen wird oftmals das internationale Akronym LGBT verwendet, wenn Themen im Zusammenhang zur sexuellen Ausrichtung von Lesben, Schwulen (engl. gays), Bisexuellen und Transgender behandelt werden. Bei dieser Bezugsgruppe steht weniger die sexuelle Orientierung im Vordergrund, sondern die eigene Geschlechtsidentität und somit die Selbstwahrnehmung als Teil der LGBT-Gemeinschaft.

Der amerikanische Begriff gay, der in der Forschungsliteratur häufig vorzufinden ist, kennt mehrere Verwendungsweisen. Häufig beschreibt der Terminus sowohl homosexuelle Männer als auch homosexuelle Frauen und dient somit als Begriff für beide Geschlechter. Daher wird eine tolerante und freundliche Verhaltensartgegenüber schwulen Männern und lesbischen Frauen auch als gay-friendly bezeichnet. Oftmals kommt es aber auch vor, dass der Begriff gay in der angloamerikanischen Literatur ausschließlich für homosexuelle Männer verwendet wird, während homosexuelle Frauen als „lesbisch“ bzw. lesbian bezeichnet werden. Steht das Wort gay alleine, ist es folglich auch nicht immer ersichtlich, welche Bedeutung ihm zukommt, vor allem wenn der Kontext beide Verwendungsweisen zulässt(vgl. Hughes 2006a, S. 18).

2.2 Zur Stellung der Untersuchungsgruppe in der Gesellschaft

2.2.1 (Un)Sichtbarkeit lesbischer Frauen

Allgemein kam lesbischen Frauen in der Geschichte zunächst keine Bedeutung zu: Ihre Existenz war nie so offensichtlich wie die der schwulen Männer (vgl. Iltgen/Stuber 2002, S. 68). So verwundert es nicht, dass Frauen auch in der Tourismusforschung erst seit kurzem Aufmerksamkeit zukommt. Historisch gesehen spielten sie eher die Rolle der Angestellten in der Tourismusindustrie oder die der Begleitung des reisenden Mannes, weswegen sie von der Reiseindustrie nicht als Zielgruppe wahrgenommen wurden. In vielen Gesellschaften ist die Frau auch heute noch häuslich und gebunden, während der Mann frei und zum Reisen berechtigt ist (vgl. Hughes 2006b, S. 20).

Lesben sind aber generell unauffälliger und als Paar werden sie von Außenstehenden eher als beste Freundinnen wahrgenommen, zumal enge Frauenfreundschaften mit „Händchenhalten“ und Begrüßungsküssen im westlichen Kulturkreis geläufig sind (vgl. Iltgen/Stuber 2002, S. 69). Den Unterschied zwischen einer Freundschaft und einer Beziehung sehen meistens nur die, die ihn sehen wollen. Unter Frauen ist ein sehr verbundenes fast schon familiäres Verhältnis zu ihrer besten Freundin nicht ungewöhnlich, wodurch die Vertrautheit zwischen beiden sehr hoch sein kann. Auch ist es keine Seltenheit, wenn zwei Frauen gemeinsam verreisen und sich währenddessen ein Zimmer oder eine Ferienwohnung teilen (vgl. ebd. und vgl. Ballegaard et al. 2013, S. 318). Zudem wird häufig angenommen, dass sie schon aus Sicherheitsgründen weder alleine verreisen noch getrennte Zimmer buchen (vgl. Iltgen/Stuber 2002, S. 69).

Auch nicht förderlich für die Sichtbarkeit lesbischer Frauen in der Öffentlichkeit und einer daraus resultierenden Attraktivität als Zielgruppe ist das schlechte Image, gegen das sie zu kämpfen haben. In vielen Köpfen prägen weiterhin sogenannte „Mannsweiber“ oder „Kampflesben“ das Bild von lesbischen Frauen. Dieses Klischee hält sich weiterhin hartnäckig in der Vorstellung heterosexuell Orientierter, da zum einen „weiblich aussehende“ Lesben nicht als Lesben wahrgenommen werden, sich „männlich gebende“ Frauen dafür aber umso mehr. Zum anderen wird angenommen, dass sich unauffällige Lesben gut in den Mainstream integriert haben und sie folglich weniger Aufmerksamkeit auf sich ziehen (vgl. Iltgen/Stuber 2002, S. 107). Die Unsichtbarkeit homosexueller Frauen belegt auch eine Studie der „European School of Business“ in Reutlingen. Eine Befragung von heterosexuellen Männern und Frauen zeigte, dass 73% der Befragten mindestens zwei homosexuelle Männer kennen. Im Gegensatz dazu kennen aber nur 32% mindestens zwei homosexuelle Frauen (vgl. Holm 2004, S. 2).

Eben dieses negative und unscheinbare Bild lesbischer Frauen ist ihrer Sichtbarkeit und der Herausstellung eines auf ihre Bedürfnisse angepassten Reisemarktes nicht dienlich. Außerdem werden sie weniger als Trendsetter oder Early-Adopter – wie es bei Schwulen der Fall ist – gesehen und ihnen wird generell ein geringeres Einkommen nachgesagt (vgl. ebd.). Auch ihre Erreichbarkeit ist, im Gegensatz zu der schwuler Männer, auf nur wenige lesbenspezifische Printmedien, Bars oder Events beschränkt (vgl. Iltgen/Stuber 2002, S. 107).

2.2.2 Identität, Community und Verhalten

Die sexuelle Orientierung ist, neben vielen anderen Faktoren wie beispielsweise Herkunft, Religion, Gesellschaftsschicht, Sex und Alter, ein Teil der eigenen Identität. Das Konzept der Identität ist jedoch vage und einem ständigen Wandel ausgesetzt, wodurch es auch keine typisch „lesbische Identität“ geben kann. In seinen Arbeiten hat sich Hughes (1997 und 2006a) näher mit der Identitätsbildung Homosexueller beschäftigt und herausgestellt, dass Freizeitaktivitäten – einschließlich der des Reisens – eine wichtige Rolle in der Konstruktion einer individuellen Identität zukommen.

In einer überwiegend heterosexuellen Gesellschaft kann das Bekenntnis zur eigenen Homosexualität mit vielen Schwierigkeiten einhergehen. Eine homosexuelle Identität ist aber nicht bei allen Lesben und Schwulen von gleicher Bedeutung: Während wohl die meisten sie als wesentlich ansehen, sind für manche andereKriterien in der Identitätskonstruktion wichtiger. Ebenso kann eine „lesbische Identität“ nur teilweise nach außen sichtbar sein, indem Frauen ihre sexuelle Orientierung nur bei bestimmten Menschen sowie an bestimmten Orten durch ein entsprechendes Verhalten zeigen. In diesem Fall passen sich Frauen an die akzeptierte heterosexuelle Gesellschaft an und wollen ihre Identität nicht offen zeigen; sie sind (teilweise) ungeoutet (vgl. Hughes 1997, S. 4f.).

Um der Heteronormativität zu entfliehen, treffen sich homosexuelle Frauen, bilden Communities und erschaffen Orte, wo ihre sexuelle Orientierung zur Normalität gehört. Diese „Orte“ können verschiedene Formen annehmen. Eine Studie von CMI fand heraus, dass Internetseiten mit homosexuellen – wenn nicht sogar lesbischen – Inhalten einen großen Stellenwert bei lesbischen Frauen haben. Aber auch LGBT-Bars, -Diskotheken und -Events spielen für jede zweite Lesbe eine Rolle (vgl. Tab. 1).

Tabelle 1: Community-Verhalten lesbischer Frauen

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Eigene Zusammenstellung nach CMI 2015b, S. 37f.

Lesbische Communities sind jedoch zumeist vergleichsweise klein und weniger starr strukturiert (vgl. Hughes 2006a, S. 25).

Bisherige Versuche die lesbische Identität zu beschreiben, haben ergeben, dass sie kaum von Sex und Konsum geprägt ist – im Gegenteil zu der des schwulen Mannes (vgl. CMI 2015b, S. 37f.; vgl. Holm 2004, S.2 und vgl. Huhges 2006a, S. 24f.). Zudem sind Lesben häufiger in festen Beziehungen, verbringen ihre Freizeit eher in kleinen Gruppen und suchen nach familiären und sicheren Beziehungen (vgl. CMI 2015b, S. 12 und Hughes 2006a, S.24f.).

Dies geht mit den Erkenntnissen einher, die Holm (2004, S. 2) in einer Studie gewinnen konnte: Für die Mehrheit der befragten Lesben sind Wärme, Geborgenheit, Vertrautheit und Tiefsinn wichtige Wertvorstellungen. Ebenso lässt sich eine Neigung zu Introvertiertheit und Natürlichkeit aus den gewonnen Daten herauslesen, wodurch lesbische Frauen ein unauffälligeres Verhalten an den Tag legen als die eher extrovertiert auftretenden schwulen Männer (vgl. ebd.). Obwohl Lesben bekanntlich eher im Schatten homosexueller Männer stehen, wagt Holm (2004, S. 4) die Vermutung, dass lesbisches (Konsum-)Verhalten durchaus das Potenzial hat „Trend setzend“ und „Stil bildend“ zu sein.

Reisen hat für manche Frauen eine große Bedeutung im Entwicklungsprozess einer lesbischen Identität und folglich einen positiven Einfluss auf die Selbstwahrnehmung (vgl. Hughes 2006a, S. 21). Eine lesbische Identität wird, wie beschrieben, oftmals durch den Kontakt zu anderen Lesben oder zu einer lesbischen Community entwickelt, der für manche Frauen aber nur durch einen Ortswechsel erreicht werden kann: Lesben müssen daher reisen um die stark begrenzte „lesbische Infrastruktur“ zu erreichen (vgl. Hughes 1997, S. 5).

Vor allem in ländlichen Gebieten sind die Möglichkeiten mit einer offenen lesbischen Lebensweise konfrontiert zu werden denkbar gering, wodurch das Ausleben einer eigenen Homosexualität gehemmt wird. Größere Städte hingegen ermöglichen es Lesben durch eine homosexuelle Infrastruktur, egal ob einzelne Bars oder ganze Stadtviertel, andere Homosexuelle zu treffen und ihre lesbische Identität als normal zu empfinden, zumal der öffentliche Raum sowohl von Heterosexualität als auch von Maskulinität beherrscht wird (vgl. Hughes 2006a, S. 22f.).

Der Urlaub kann daher eine weitere wichtige Möglichkeit darstellen, die eigene Identität zu bestätigen: „It has been seen too how holidays may have a particular significance for gays and lesbians in facilitating the adoption and affirmation of a gay identity and providing necessary opportunities to be oneself.“ (Hughes 2006a, S. 182).

2.3 Grundlagen des schwul-lesbischen Reisemarktes

An dieser Stelle soll dem Leser abschließend eine Einführung in die marktspezifischen Begrifflichkeiten schwul-lesbischen Reisens gegeben werden, ehe sich dem Markt zugewendet wird.

2.3.1 Vielfalt der Bezeichnungen des schwul-lesbischen Reisemarktes

Innerhalb der Forschungsliteratur ist eine große Bandbreite unterschiedlicher Begriffe vorzufinden, die alle auf eine bestimmte Art und Weise den Tourismus nicht-heterosexueller Urlauber beschreiben.

Alleine im anglo-amerikanischen Kontext werden sechs Termini teilweise synonym verwendet: Neben gay tourism (vgl. Waitt/Markwell 2006) existieren auch homosexual tourism (vgl. Clift/Luongo/Callister 2012, S. 19), gay and lesbian tourism (vgl. Guaracino 2007), pink tourism (vgl. Hughes 2006a), queer tourism (vgl. Puar 2002a und vgl. Johnston 2005) und LGBT-Travel (vgl. CMI 2015a). In Anlehnung an die vorausgegangene Begriffsunterscheidung ist eine solche Uneinigkeit wenig verwunderlich, wobei die Wahl der Bezeichnung eines Textes nicht selten auch Rückschlüsse auf den Inhalt zulässt.

Nach Southall und Fallon (2011, S. 218) ist gay tourism der in der angloamerikanischen akademischen Forschungsliteratur am häufigsten anzutreffende Begriff. Auch in der Literatur wird oftmals die Bezeichnung gay tourism genutzt, wobei nicht immer dieselbe Begriffsbedeutung zugrunde liegt. Während für Waitt und Markwell (2006) und Monterrubio (2008) gay mit gay men gleichzusetzen ist, verstehen Pritchard et al. (1998) sowie Clift, Luongo und Callister (2012) hierunter homosexuelle Männer und Frauen. Übereinstimmend wird jedoch gesagt, dass es sich bei gay tourism um mehr als nur homosexuelle Frauen und Männer handelt, die in Urlaub fahren. Vielmehr betrachten sie es als eine „ organized and institutionalized form of travel with recognizable, predictable, and shared characteristics “ (Waitt/Markwell 2006, S. 15). Bei Clift, Luongo und Callister (2012, S. 18ff.) kommt dem Terminus gay tourism eine zusätzliche Bedeutungsnuance zu: Sie verwenden für die Anfänge dieser Erscheinung im 18. Jahrhundert den Begriff homosexual tourism und für die heutige, ausgeprägtere Erscheinung den Terminus des gay tourism. Synonym gebraucht wird der Ausdruck gay travel, so wie auch tourism und travel oftmals nicht unterschieden werden. Poria (2006) und Guaracino (2007) präzisieren in ihren Ausführungen die Untersuchungsgruppe mit den Termini gay men and lesbian women oder gay and lesbian tourism.

Die Verbindung der Farbe Pink mit homosexuellen Menschen, wie im Begriff pink tourism, geht auf die Stigmatisierung Homosexueller durch die Nationalsozialisten zurück, als schwule Männer gezwungen waren, zu ihrer Erkennung in Konzentrationslagern ein pinkes, auf dem Kopf stehendes Dreieck auf ihrer Kleidung zu tragen. Seit Homosexuellen in den letzten Jahrzehnten eine hohe Kaufkraft nachgesagt wurde, fand der Begriff „Pink“ seine Verwendung in den Ausdrücken pink pound und pink dollar. Die Bezeichnung pink tourism geht auf Hughes (2006a) zurück, als er sie als Titel für sein Buch wählte, welches sich primär aus der Marketingperspektive mit schwul-lesbischem Tourismus beschäftigt, aber auch andere Aspekte homosexuellen Reisens nicht außer Acht lässt (vgl. ebd., S. 2f.).

Während die bisherigen Bezeichnungen beinahe synonym verwendet werden können, gibt es zu queer tourism einen einfachen, aber durchaus signifikanten Unterschied: Lässt ersteres die hetero-homo-Gegensätzlichkeit durchaus bestehen, geht queer tourism davon aus, dass Homosexuelle per se keine identifizierbare Randgruppe sind, sondern unter allen anderen Menschen unauffällig sind. Queer tourism beschäftigt sich also mit „ […] what others have not ‚seen‘ before but which are co-present“ (Clift/Luongo/Callister 2012, S. 26f. und vgl. Waitt/Markwell 2006, S. 15).

Immer häufiger wird auch der Ausdruck LGBT-Tourismus bzw. LGBT Tourism oder LGBT Travel verwendet, wie es die World Tourism Organisation (UNWTO) und die Tourismusmesse ITB in Berlin zeigen (vgl. UNWTO 2012, o. S. und vgl. Messe Berlin 2016, o. S.). Im Gegensatz zu anderen Termini lässt der Ausdruck keine Unklarheiten bezüglich der gemeinten Personengruppe aufkommen, indem er sich ganz klar und ausschließlich auf Lesben, Schwule, Bisexuelle und Transgender bezieht. Eben dieses Charakteristikum macht den Begriff zu einem inklusiven Konzept, aber trotz der klaren Bezugsgruppe kommt Bisexuellen und Transgendern oftmals keine oder nur eine Randbedeutung zu.

2.3.2 Branchenspezifische Kriterien des schwul-lesbischen Reisemarktes

Die Fachliteratur zum Untersuchungsgegenstand LGBT-Tourismus bedient sich außerdem unterschiedlichster Termini. Auch wenn in der bisherigen wissenschaftlichen Auseinandersetzung vielfach kein Konsens über die Begrifflichkeiten gefunden werden konnte, sollen im Folgenden die wichtigsten aufgezählt, die dahinterstehenden Konzepte erklärt und die ihnen zukommende Bedeutung in der vorliegenden Arbeit erläutert werden.

Die Begriffe „lesbisch“ bzw. „Lesbe“ und „schwul“ bzw. „Schwuler“ werden im Rahmen dieser Arbeit für Menschen, deren sexuelle Orientierung dem gleichen Geschlecht gilt, ohne jegliche Diskriminierung verwendet. Oftmals werden sie auch unter dem Begriff „schwul-lesbisch“ zusammengefasst. Ohne geschlechtsspezifische Unterscheidung werden lesbische Frauen und schwule Männer als homosexuell bezeichnet. Der Terminus LGBT umfasst wie bereits angesprochen zudem Bisexuelle und Transgender. Für die nachfolgende Beschäftigung mit dem Thema werden „schwul-lesbisch“, „homosexuell“ und „LGBT“ trotz der unterschiedlichen Bedeutungsnuancen synonym verwendet. Darüber hinaus sind Bisexuelle und Transgender durch alle Begriffe mitangesprochen, insofern sie sich mit dem Beschriebenen identifizieren. Der amerikanische Begriff gay in seiner Verwendung als Präfix (z.B. gay- Infrastruktur, gay -Events, gay -Reisemarkt) steht ebenso für alle Gruppen und wird austauschbar verwendet. In Ausnahmefällen kann sich gay auch ausschließlich auf Schwule beziehen, was dann jedoch aus dem Kontext eindeutig ersichtlich ist.

Werden Frauen und Männer zusammen betrachtet, wird eine der gemischt-geschlechtlichen Ausdrucksformen gebraucht. Liegt das Augenmerk ausschließlich auf lesbischen Frauen, werden diese auch als solche oder „homosexuelle Frauen“ bezeichnet.

Darüber hinaus gibt es weitere Terminologien, die sich für die Beschäftigung mit der Thematik als wichtig erweisen. Sie sollen an dieser Stelle kurz vorgestellt werden, damit die nachfolgenden Ausführungen ohne Verständnisschwierigkeiten erfasst werden können.

CSD ist die Abkürzung für Christopher Street Day. Die Christopher Street in New York wurde 1969 einer breiten Öffentlichkeit bekannt, als sich dort Schwule und Lesben erstmals gegen die willkürlichen und gewalttätigen Razzien und Diskriminierungen der örtlichen Polizei auflehnten und Widerstand leisteten. Seitdem werden weltweit im Sommer Demonstrationen und Paraden abgehalten, die unter dem Namen „CSD“ oder gay pride den Geschehnissen von 1969 gedenken (vgl. WDR 2016, o. S.).

Coming out steht für das englische Coming out of the closet und heißt wörtlich übersetzt „aus dem Schrank“ oder „der Kammer kommen“. Gemeint ist hiermit, sich zu etwas zu bekennen, das zuvor geheim gehalten wurde. Inzwischen stehen die Bezeichnungen Coming out oder Outing für den Prozess, wenn sich Homosexuelle öffentlich oder bestimmten Personen gegenüber zu ihrer Anziehung zu Gleichgeschlechtlichen bekennen.

Frauenreisen sind Urlaubsangebote, die sich ausschließlich an Frauen richten. Die sexuelle Orientierung spielt hierbei keine Rolle, sowohl lesbische als auch heterosexuelle Frauen sind angesprochen.

Gay-friendly bedeutet im Grunde genommen nichts anderes als freundlich zu Homosexuellen zu sein und ihnen eine authentische Einladung auszusprechen, die sie in ihrer Diversität willkommen heißt (vgl. Guaracino 2007, S. 10). Die genaue Bedeutung und die zugrundeliegende Definition hängen jedoch von der Sache ab, die mit dem Begriff umschrieben wird. Es gibt demzufolge keine einheitliche Begriffserklärung.

Gay-only ist eine Bezeichnung für Urlaubsangebote oder Unterkünfte, die ausschließlich schwule und lesbische TouristInnen ansprechen. Je nach Anbieter solcher Leistungen kann sich gay-only aber auch ausschließlich auf schwule Männer beziehen.

Hetero-friendly ist das Pendant zu gay-friendly. Die Bezeichnung wird vor allem für Unterkünfte verwendet, die zwar hauptsächlich Schwule und Lesben ansprechen, darüber hinaus aber auch heterosexuelle Reisende willkommen heißen.

Homophobie bezeichnet eine ablehnende Haltung gegenüber homosexuellen Menschen, die sich in Form bloßer Intoleranz bis hin zu tätiger Diskriminierung und Feindseligkeit äußern kann.

Men-only steht in diesem Kontext für Angebote und Unterkünfte, die sich nur an schwule Männer richten.

Regenbogenfamilie ist die Bezeichnung für Familien, in denen ein Kind (oder mehrere Kinder) bei zwei gleichgeschlechtlichen Eltern lebt (leben).

Women-only charakterisiert Unterkünfte, die, ebenso wie es bei Frauenreisen der Fall ist, sowohl hetero- als auch homosexuelle Frauen ansprechen. Annoncen für Unterkünfte in der lesbischen Presse vermeiden oftmals den Bezug zum Wort lesbian /Lesben und bevorzugen die neutrale Ansprache durch women-only (vgl. Hughes 2006a, S.125ff.).

3 Schwul-lesbisches Reisen in Theorie und Empirie

Wie bereits angedeutet, kam lesbischen Frauen in der Wissenschaft bislang eine untergeordnete Bedeutung zu. Sie wurden in der Ansprache Homosexueller zwar mehr oder weniger mitberücksichtigt, nicht aber als gleichwertiger Teil neben der Gruppe der Schwulen betrachtet. Dies zeigt sich insbesondere in der Entstehung des Reisemarktes (Kapitel 3.1), aber auch in den bisherigen Umfragen (Kapitel 3.2).

3.1 Entstehung und Entwicklung eines schwul-lesbischen Reisemarktes

Der schwul-lesbische Reisemarkt zählt zu den am schnellsten wachsenden Nischenmärkten in der Tourismusindustrie. Ihm wird sogar nachgesagt, schneller zu wachsen als der Mainstreammarkt (vgl. Hughes 2006a, S. 46).

Auch wenn touristische Dienstleistungen für Lesben und Schwule von der Bevölkerung kaum oder gar nicht wahrgenommen werden, haben sich im Laufe der letzten Jahrzehnte immer mehr Angebote entwickelt, die auf die Bedürfnisse und Wünsche lesbischer und schwuler Touristen reagieren. Vermehrte Dienstleistungen in den 70er und 80er Jahren waren der Beginn des neuen Marktsegmentes, auch wenn zu dieser Zeit die heutige Entwicklung noch nicht absehbar war. Für das Aufkommen des schwul-lesbischen Reisemarktes bedurfte es mehrerer Faktoren, die in einem Wechselspiel aufeinander Einfluss nahmen und damit eine Fokussierung auf homosexuelle Kunden erst ermöglichten. Eine gestiegene Nachfrage und die Bereitschaft für zugeschnittene Angebote zu zahlen, ermöglichte die Implementierung des neuen Tourismussegmentes, der durch eine gesonderte Ansprache, zugeschnittene Produkte, Qualitätsversprechen sowie mit Wissen und Verständnis um homosexuelle Kunden wirbt.

Auch wenn es „schwul-lesbisches“ Reisen heißt, muss bedacht werden, dass der Markt zu Beginn vor allem auf den schwulen Mann fokussiert war, lesbischen Frauen kam weniger Aufmerksamkeit zu. Erst im Laufe der Jahre entwickelten sich auch immer mehr Angebote und Möglichkeiten für lesbische Frauen, die bewusst als solche verreisen wollten. Wie dieser Markt entstanden ist und sich bis heute entwickelt hat, wird im Folgenden vorgestellt.

3.1.1 Entstehung schwul-lesbischer Communities und erster Reisebewegungen

Erste dokumentierte Reiseberichte homosexueller Menschen stammen bereits aus dem 16. Jahrhundert, als junge englische Adelige, die zur Vorbereitung auf ihren aristokratischen Werdegang eine frühe Form der Bildungs- und Kulturreise, auch grand tour genannt, durch andere europäische Länder machten. Bedeutend waren vor allem Reisen in die Mittelmeerregionen, wo die jungen Männer eine antike römische und griechische Kultur kennenlernten, in der Homosexualität mehr Akzeptanz erfuhr als zu ihrer Zeit. Entfernt von Familie und strengen Sitten und oftmals in Begleitung (junger) Diener, war es ihnen möglich ihre Sexualität mit Partnern des gleichen Geschlechts auszuleben (vgl. Clift/Luongo/Callister 2012, S. 1; vgl. Clift/Wilkins 1995, S. 39; vgl. Freyer 2015, S. 14 und vgl. Fuchs/Mundt/Zollandz 2008, S. 329).

Eine wichtige Entwicklung, die als Grundvoraussetzung für den schwul-lesbischen Reisemarkt gesehen werden muss, war die Entstehung von homosexuellen Kulturen in Europa und gay communities in den USA. Sie wurden später die abgrenzbare und greifbare Zielgruppe, ohne die kein Markt funktionieren kann. Bereits Anfang des 20. Jahrhunderts entstanden erste offene schwul-lesbische Kulturen, wie die der Pariser Salons. Geprägt wurden diese ebenso wie die Kunst- und Literaturszene der damaligen Zeit vor allem von der amerikanischen Schriftstellerin Gertrude Stein, die offen mit einer Frau zusammenlebte. Nur kurze Zeit später entwickelte sich während der Weimarer Republik auch in Berlin eine der modernsten homosexuellen Kulturen jener Zeit. Die Entstehung solcher Gemeinschaften in großen Städten wie Paris und Berlin bewegte reiche – vorwiegend schwule – Intellektuelle zum Reisen zwischen den Städten, als internationales Reisen für viele noch nicht finanzierbar war (vgl. Clift/Luongo/Callister 2012, S.2f.).

Zeitgleich entwickelte sich auch in amerikanischen Metropolen, unter anderem in New York und San Francisco, eine eigene schwul-lesbische Szene. Die homosexuelle Gemeinschaft der beiden Städte profitierte kurze Zeit später vom 2. Weltkrieg, als Truppenbewegungen zu den bedeutenden Häfen viele homosexuelle Frauen und Männer aus den Provinzen in die Städte führten (vgl. ebd., S. 8).

In der Nachkriegszeit wuchsen die Städte und ermöglichten durch die Entstehung neuer Viertel der schwul-lesbischen Gemeinschaft erstmals eine räumliche Konzentration (vgl. ebd.). Nach und nach entstanden so in den Metropolen Amerikas und in manchen Teilen Europas – wenn auch nur wenige – Viertel und Plätze, die der Gemeinschaft als Rückzugsorte gegenüber der heteronormativen Gesellschaft dienten. Die so entstandene homosexuelle Subkultur entwickelte sich in den 50er und 60er Jahren zu gefestigten und funktionierenden communities, die für immer mehr Menschen erreichbar wurden und Aufmerksamkeit auf sich zogen. Zwar war es noch zu früh, um von einem aufkommenden Reisestrom zu sprechen, aber diesen Räumen gelang es ländlich lebende Lesben und Schwule anzuziehen. Indem sie dort ihre Freizeit verbrachten, konnten sie in eine Welt entfliehen, in der ihre sexuelle Orientierung zur Normalität zählte und sie sich nicht verstecken mussten. Inzwischen fest etabliert, waren es diese Gemeinschaften, die das Potenzial hatten später zu internationalen Touristenmagneten für homosexuelle Frauen und Männer zu werden (vgl. ebd., S. 3).

In Amsterdam eröffneten zu dieser Zeit auch erste Hotels, die sich ausschließlich einer homosexuellen männlichen Kundschaft verschrieben. Zwar gab es solche touristischen Dienstleistungen immer häufiger, aber sie blieben zu jener Zeit dennoch im Versteckten. Sie verdeutlichen jedoch, dass Homosexuelle sich allmählich als eigene Zielgruppe etablierten und Dienstleister in ihnen auch Potenzial sahen (vgl. Waitt/Markwell 2006, S. 58).

Bald darauf erschienen auch erste Reiseführer, die Homosexuelle mit den nötigen Informationen ausstatteten. Lavender Baedeker und Damron’s, 1963 und 1964 erstmals veröffentlicht, gelten als die ersten Reiseführer, die sich explizit auf die gay community bezogen, wobei der Fokus auch hier unverkennbar auf schwule Männer gerichtet war (vgl. Clift/Luongo/Callister 2012, S. 3f.). Mit dem Spartacus International Gay Guide gibt es seit 1970 auch ein europäisches Pendant zu den amerikanischen Reiseführern.

Die bis dato noch recht unauffälligen Reisebewegungen zu Zielen homosexueller Kultur erlangten mit den Reiseführern erstmals eine strukturierte und greifbare Gestalt. So dauerte es nicht lange bis Hans Ebensten, zuvor schon im Reisegeschäft tätig, 1972 erste Touren ausschließlich für Männer anbot. Warum sollte eine Gruppe Homosexueller, die sich abends in Bars trifft, nicht auch zusammen verreisen können? Auch wenn Ebensten seine Touren zu Beginn nicht explizit gay nannte, so war doch allen Kunden – gleich welcher sexuellen Orientierung – klar, dass es sich hierbei um schwule Reisegruppen handelte (vgl. Clift/Luongo/Callister 2012, S. 4 und vgl. HEtravel 2010, o. S.).

3.1.2 Popularität schwul-lesbischen Reisens und Herausstellung als eigenes Marktsegment

War schwul-lesbisches Reisen bis Ende der 70er/Anfang der 80er Jahre noch unscheinbar und auf einzelne Personen oder kleine, selbst zusammengestellte Gruppen beschränkt, wurde der Reisemarkt für Lesben und Schwule während der 80er Jahre zum Selbstläufer und zeichnete sich als kleines, eigenständiges Segment ab. Neben dem kommerziellen Interesse an dem neuen Nischentourismus waren es auch politische und soziale Veränderungen, die die Entwicklung vorantrieben (vgl. Clift/Luongo/Callister 2012, S. 5 und vgl. Southall/Fallon 2011, S. 221).

Nachdem Städte wie Miami Beach, Key West und West Hollywood seit den frühen 90ern bereits erfolgreich um homosexuelle Touristen warben und neben ihrer eigenen bereits großen homosexuellen Gemeinschaft nun auch zu Touristenmagneten wurden, haben wenige Jahre später auch andere Destinationen nachgezogen. New York City begann Informationen eigens für seine homosexuellen Touristen bereitzustellen und London startete weltweit die erste internationale Werbekampagne, um den schwul-lesbischen Markt zu erreichen. Parallel haben sich neue Organisationen gegründet, wie die inzwischen stark gewachsene und bedeutende International Gay and Lesbian Travel Association (IGLTA), die bei ihrer Gründung 1983 noch International Gay Travel Association (IGTA) hieß(vgl. Clift/Luongo/Callister 2012, S. 5ff.).

Auch in der Gesellschaft vollzog sich ein Wandel hin zu mehr Aufmerksamkeit und Toleranz für Homosexuelle. Im Jahr 1992 beauftragte Präsidentschaftskandidat Bill Clinton ein auf die schwul-lesbische Gemeinschaft spezialisiertes Werbeunternehmen mit der Erschließung dieser Gesellschaftsgruppe als potenzielle Wähler. Diese Bemühung, Homosexuelle explizit anzusprechen, sehen Southall und Fallon als „a turning point from which there has been no looking back“ (2011, S. 221f.).

Die Öffentlichkeit wurde durch das vermehrte Auftreten homosexueller Personen im Fernsehen und in Werbekampagnen sensibilisiert und auch immer mehr bekannte Personen standen nunmehr in der Öffentlichkeit zu ihrer sexuellen Orientierung. Die heutige Sichtbarkeit und das Bewusstsein für die Existenz von Homosexuellen ist sehr ausgeprägt, nicht zuletzt auch durch die inzwischen in vielen Ländern geschaffene Möglichkeit der Eheschließung (vgl. Gontek/Kühne 2015, o. S.). Für den rezenten Nischenmarkt war das neue, selbstbewusste Auftreten Homosexueller und die gestiegene Akzeptanz in der Bevölkerung besonders wichtig für ein Fortbestehen.

Die Motivation der Akteure, diesem Markt immer mehr Beachtung zu schenken, ist dabei zweifelsohne kommerzieller Natur (vgl. Hughes 2006a, S. 3). Immer mehr Destinationen wollen von den neuen vielversprechenden Kunden profitieren und bezeichnen sich selbst als gay-friendly. Als solche fördern sie beispielsweise Events für Homosexuelle und entwerfen Broschüren und Stadtführer sowohl mit allgemeinen Informationen als auch mit Tipps zu gay -Events, -Clubs und -Unterkünften. Mit der gestiegenen Akzeptanz in der Bevölkerung stellt es keinen Nachteil mehr da, sich offen für Homosexuelle einzusetzen und sie in die eigene Stadt locken zu wollen. Im Gegenteil, mit dieser Strategie ziehen sie nicht nur LGBTs an, sondern senden ihre Willkommensbotschaft auch an andere Randgruppen (vgl. Guaracino 2007, S. 4). Ein gay-friendly Image steht für eine postmoderne Gesellschaft und Sicherheit, wodurch ebenso heterosexuelle TouristInnen angezogen werden (vgl. Waitt/Markwell 2006, S. 177).

Es bleibt festzuhalten, dass die Entwicklung hin zum heutigen Reisemarkt, letzten Endes am Zusammenspiel von vier Faktoren lag: Schwule und Lesben wollten ihre sexuelle Orientierung nicht länger verstecken und übertrugen ihre neugewonnene Offenheit auch auf den Urlaub, wo sie gefahrlos sie selbst sein wollten. Touristische Akteure erkannten die Nachfrage verbunden mit dem großen Potenzial und schufen neue Angebote ebenso wie sich gay-friendly Destinationen bildeten. Das Internet mit seiner großen Reichweite trug maßgeblich zu dieser Entwicklung bei, indem es Nachfrage- und Angebotsseite gewinnmaximierend zusammenführen konnte. Dieser Aufschwung wurde zudem durch neue Entwicklungen in Gesellschaft und Kultur ermöglicht und gefördert (vgl. Waitt/Markwell 2006, S. 40 und S. 70).

3.1.3 Lesbische Frauen im schwul-lesbischen Reisemarkt

Dass lesbische Frauen in der Entwicklung schwul-lesbischen Reisens mehr Aufmerksamkeit erfuhren, geschah erstmals 1973, als das US-amerikanische Unternehmen Olivia TM lesbenspezifische Angebote sowohl im Allgemeinen als auch im Reisesektor anbot. Im Jahr 1990 legte das Unternehmen seinen Fokus dann gänzlich auf Reiseangebote und wurde somit zum ersten lesbischen Reiseveranstalter (vgl. Guaracino 2007, S. 41). Heute gilt der nunmehr unter dem Namen Olivia Travel bekannte Anbieter als Vorreiter lesbischen Reisens. Guaracino (2007) stellt die Bedeutung von Olivia für den lesbischen Reisemarkt besonders deutlich dar: „More than anyone else, Olivia knows what lesbians want in travel “ (S. 41).

Seit den 90er Jahren haben sich dann vermehrt Möglichkeiten für die lesbische Community entwickelt und der zuvor auf Schwule ausgerichtete Reisemarkt entdeckte immer mehr die lesbische Frau für sich. Neben Olivia Travel sind es vor allem Events, welche explizit und teilweise ausschließlich lesbische Frauen ansprechen, die seitdem den Reisemarkt verändern.

Dass lesbische Frauen zuvor nur am Rande des schul-lesbischen Marktes wahrgenommen wurden, liegt vor allem daran, dass sie allgemein ein geringeres Interesse an solchen Angeboten haben als Schwule (vgl. Kapitel 2.2.2). Ihnen steht zudem eine größere Auswahl an (Mainstream-)Destinationen zur Verfügung als schwulen Touristen, da ein gemeinsames Auftreten zweier Frauen weniger als Ausdruck einer sexuellen Orientierung aufgefasst wird (vgl. Hughes 2006b, S. 24). Wollten lesbische Frauen, die – wie der typische schwule Tourist – im Urlaub zu gay -Mekkas reisen und sich in einer großen Community wohlfühlen, haben sie bisher auch immer die typischen „Hotspots“ und Events für Homosexuelle besucht, egal wie hoch der Männeranteil war. Erst seitdem homosexuelle Frauen vermehrt bewusst als Lesben verreisen und dem Markt signalisiert haben, dass auch sie eine treue und gewinnbringende Zielgruppe darstellen, um die es zu werben lohnt, ist auch ein größeres Angebot an touristischen Dienstleistungen entstanden.

Den USA kommt hierbei eine besondere Rolle zu. Dort haben sich zuerst Destinationen und Events entwickelt, die um lesbische Frauen werben (vgl. ebd., S. 22f.). Neben den Destinationen, die sowohl unter lesbischen Frauen als auch schwulen Männern beliebt sind, gibt es auch Städte, die besonders für Lesben interessant sind. Mulholland (2009, o. S.) führt diesbezüglich erstmals Northampton (Massachusetts), Asheville (North Carolina), Eugene (Oregon) und Madison (Wisconsin) in ihrem Artikel auf.

Hinzu kommt, dass Anfang der 90er Jahre in den USA mit The Dinah das wohl größte Event für Lesben weltweit entstand, welches seitdem jedes Frühjahr in Palm Springs (Kalifornien) stattfindet. 1991 machte Mariah Hanson erstmals das Palm Springs Modern Art Museum zu einer Partylocation, wo „ party goers drank martini’s while surrounded by tens of millions of dollars worth of art “ (Tristan 2011, o. S.). Seitdem entwickelte sich das One-Night-Event mit 1.500 Besucherinnen zu einem mehr als 15.000 Frauen anziehenden Wochenende. Mit einem breiten Angebot an Partys und Shows zieht The Dinah Frauen aus aller Welt an (vgl. Lee 2015, o. S.). Inzwischen wurde das Event aus Palm Springs Vorbild für Dinah Vegas und The Monterey Women’s festival in Nothern Carolina und wird auch in Deutschland beworben (vgl. Dinah Shore Weekend 2016, o. S.; vgl. Tristan 2011, o. S und vgl. Peldschus/Müller/Kay 2016, S. 76). Seitdem sind immer mehr Events für Lesben in den USA entstanden, wie beispielsweise das Single Women’s Weekend (Provincetown, Massachusetts), Aqua Girl (Miami, Florida), Women’s Night (Los Angeles, Kalifornien), Girls at Gay Days & Girl’s in Wonderland (Orlando, Florida), Womenfest (Key West, Florida), Ohio Lesbian Festival (Pataskala, Ohio) und The Women’s White Party Week (Miami, Florida) (vgl. Stull 2008, o. S.).

Auch im europäischen Raum existieren beliebte schwul-lesbische Destinationen. Allgemein gibt es in Europa für Lesben jedoch nur ein Reiseziel, das dem Titel als lesbische Top-Destination gerecht wird: die griechische Insel Lesbos. Alle anderen Reiseziele unterscheiden sich nicht oder nur kaum von den Reisezielen schwuler und heterosexueller Touristen.

Dass die ohnehin touristische Insel Lesbos heute innerhalb der lesbischen Community einen so hohen Stellenwert aufweist, hat historische Gründe. Überlieferungen zufolge wurde die Dichterin Sappho im 6. Jh. V. Chr. in Eresos – im Südwesten der Insel – geboren. In ihren Werken schrieb sie – soweit überliefert – als Erste über die Liebe zu Frauen und wurde so zu einem Vorbild für andere weibliche und feministische Dichterinnen (vgl. Kantsa 2002, S. 39). Seit Ende der 70er Jahre ist der Geburtsort von Sappho ein Reiseziel lesbischer Frauen aus der ganzen Welt (vgl. ebd., S. 35). Inzwischen hat Lesbos in der Community das Image als „ lesbian paradise where women from all around the globe can relax, enjoy the sea and the sun, and meet other women “ (ebd., S. 48) entwickelt und wird teilweise auch als Pilgerstätte beschrieben (vgl. ebd.). Folglich konnte sich auf Lesbos Europas größtes lesbisches Event entwickeln, das erstmals im Jahr 2000 stattfand. Sappho Women ist seitdem für zwei Wochen im September der Magnet für lesbische Touristinnen (vgl. Sappho Women 2016, o. S.). Inzwischen hat sich auf der Insel auch das Sappho Spring Festival und das Alpha Camp Lesvos entwickelt (vgl. Destsetters 2015, o. S.).

Als Europas größtes Indoor-Festival für Frauen ging 2010 L-Beach an den Start. Mit Partys, Live-Musik, Filmen, Lesungen, Workshops u.v.m. lockt L-Beach jährlich über 4.000 Frauen an die deutsche Ostsee und verspricht einen „entspannten Festival-Kurzurlaub“ (vgl. tiny dragon 2016a, o. S. und vgl. ebd. 2016b, o. S.). Damit hat Deutschland eines der wenigen großen Lesben-Events in Europa.

Nur zwei Jahre später kam mit dem ELLA-Festival auf Mallorca ein weiteres lesbenadressiertes Großereignis hinzu (vgl. Ella International Lesbian Festival 2016, o. S.). In Sitges, einem beliebten Urlaubsort unter Homosexuellen mit entsprechend vielen gay-friendly oder gay-only Dienstleistungen, fand 2014 mit OlaGirls erstmals eine neue eintägige Veranstaltung statt (vgl. Rodríguez Rodríguez 2014, o. S. und vgl. L.Mag 2014, o. S.). Seit 2015 findet das Event nach einem Ortswechsel – wie ursprünglich geplant – für drei Tage in Calpe statt (vgl. Planet LondonMonday 2015, o. S.). Ganz neu kam 2015 das Velvet Ibiza als Partywochenende hinzu, das auf Ibiza eigens dafür einen Bungalowpark mietet (vgl. Wouf.it 2016, o. S.). Ein weiteres Fest für Lesben findet in Uttoxeter, Staffordshire, England statt. Auch hier wird mit Partys, Kultur, Kino, Workshops und – bisher eher selten – mit der Möglichkeit Kinder mitzubringen geworben (vgl. Siegessäule 2016, o. S.).

Anhand solcher Entwicklungen wird deutlich, dass nunmehr auch die lesbische Frau einen nicht zu verkennenden Platz im schwul-lesbischen Reisemarkt innehat.

3.2 Erkenntnisse aktueller Studien zu schwul-lesbischem Reisen

Die Entstehung und Entwicklung des Nischenmarktes lässt die Frage aufkommen, wie das Reiseverhalten der homosexuellen Zielgruppe, welches sie in der Tourismusbranche so interessant macht, aussieht. Nachfolgend sollen daher die wichtigsten Erkenntnisse bereits vorliegender Forschungsarbeiten dargestellt werden.

Vorweg soll erwähnt sein, dass die bisherige Auseinandersetzung mit der Zielgruppe noch existierende Forschungslücken offenbart. So fällt auf, dass, wie eingangs erwähnt, Umfrageergebnisse bislang oftmals nicht nach dem Geschlecht der Befragten getrennt und stattdessen die Erkenntnisse auf den gesamten LGBT-Personenkreis bezogen werden. In der vorliegenden Arbeit sind aber gerade die Alleinstellungsmerkmale lesbischer Frauen und damit verbunden die Unterschiede zum Reiseverhalten des schwulen Mannes von Interesse. Aus diesem Grund werden im Folgenden nur Forschungsergebnisse präsentiert, die zwischen lesbischen Frauen und schwulen Männern unterscheiden oder ausschließlich lesbische Frauen untersuchten. Ausgewählt wurden Studien, die zum Teil auch in der Fachliteratur eine breite Rezeption erfuhren und für den Reisemarkt von großer Relevanz sind.[3] Zur besseren Übersicht werden die wichtigsten Eckdaten der im Anschluss vorgestellten Studien tabellarisch dargelegt (vgl. Tabelle 2).

Tabelle 2: Übersicht vorangegangener Studien

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: eigene Darstellung

„20th Annual Survey on LGBT Tourism & Hospitality“ von Community Marketing, Inc. (2015)

Eine der bedeutendsten Forschungsarbeiten zum LGBT-Tourismus führte Community Marketing Inc. (CMI) durch, die sich bereits seit 1992 intensiv mit dem Thema auseinandersetzt (vgl. CMI 2016a, o. S.). Seit der 8. Studie im Jahr 2002 wertet das Marktforschungsinstitut die Ergebnisse seiner Umfragen getrennt nach Schwulen und Lesben aus (vgl. Hughes 2006a, S. 60f.). In der rezentesten Untersuchung, die unter dem Titel „20th Annual Survey on LGBT Tourism & Hospitality“ im Jahr 2015 veröffentlicht wurde, nahmen 4.662 Personen aus der ganzen Welt teil (vgl. CMI 2015a, S. 3), wobei jedoch nur die Daten der US-amerikanischen Teilnehmer in den Bericht Einzug fanden. Ob die Teilnehmer in die Zielgruppe gehörten, hing von ihrer eigenen Entscheidung ab, sich selbst als LGBT zu beschreiben. Insgesamt teilte sich die Gruppe in 57% Schwule, 32% Lesben, 4% bisexuelle Männer, 7% bisexuelle Frauen und 2% Transgender auf (vgl. ebd., S.4). Die Studie nimmt vorweg, keinen Anspruch auf Repräsentativität zu erheben (Roth/Luongo 2012, S. 130).

Im Zentrum der Untersuchung standen demographische Daten, das Reiseverhalten in den letzten 12 Monaten, Unterkunft, Destinationen, LGBT Family Travel sowie die Entwicklung des Reisemarktes.

Bezüglich des Reiseverhaltens zeigte sich, dass mehr schwule und bisexuelle Männer (18%) in den letzten 12 Monaten an einer Kreuzfahrt teilgenommen hatten als lesbische und bisexuelle Frauen (13%). Die Mehrheit buchte dabei eine Mainstream-Kreuzfahrt, nur selten wurde ein spezielles LGBT-Angebot wahrgenommen (vgl. ebd., S. 9). Bei ihrer Unterkunft bevorzugten die Touristinnen das Hotel und wählten im Gegensatz zu schwulen und bisexuellen Touristen häufiger guest houses, Bed and Breakfasts sowie Apartments. Auch Zelten und Couchsurfing wurden hier häufiger genannt als bei ihrem männlichen Pendant (vgl. ebd., S. 12). Als wichtigstes Kriterium erwies sich durchweg die Lage des Hotels, gefolgt vom Preis-Leistungs-Verhältnis. Ein Unterschied zeigte sich allerdings bei der Bewertung des Auftretens als LGBT-friendly. So legten wesentlich mehr Männer Wert auf dieses Kriterium als lesbische und bisexuelle Touristinnen, die dem preislichen Vorteil den Vorrang gaben (vgl. ebd., S. 13). Ca. 60% der Befragten gaben an, für die Buchung die hoteleigene Internetseite oder App zu konsultieren. Knapp 50% nannten darüber hinaus noch Webseiten von Reiseagenturen, gefolgt von Internetauftritten wie Expedia und Airbnb (ca. 20%). Reisebüros rangierten mit 10% auf dem letzten Platz (vgl. ebd., S.15). Gefragt nach ihren Interessenschwerpunkten gaben 58% aller Befragten an, der Gastronomie einen hohen Stellenwert beizumessen und dafür bereit zu sein, mehr Geld auszugeben. An zweiter Stelle stand bei lesbischen und bisexuellen Touristinnen die Qualität des Hotels gleich auf mit den Ausgaben für Museen (jeweils 33%). 29% der schwulen und bisexuellen Männer gaben an, dass Museen für sie Priorität hätten. Während sie allerdings zu 25% Bars und das Nachtleben im Allgemeinen aufsuchten, waren es bei den weiblichen Befragten lediglich 10% (vgl. ebd., S. 22). Lesbische und bisexuelle Frauen suchten nur halb so oft lesbische- bzw. gay -Bars oder -Diskotheken im Urlaub auf (38% und 22%) wie schwule und bisexuelle Männer (66% und 47%). Aber nicht nur mehrtätige Urlaube wurden in der Studie erfragt, sondern auch der Besuch von Events wie dem CSD. Dabei zeigte sich, dass 25% der befragten Männer einen CSD besucht hatten, aber lediglich 19% unter den befragten Lesben und bisexuellen Frauen. Dabei wählten mehr Schwule und bisexuelle Männer eine LGBT-dedicated Unterkunft (20%) als Frauen (7%) (vgl. ebd., S. 23). Wenn LGBTs mit ihren Kindern verreisten, war ihnen die Kinderfreundlichkeit sowohl bei der Wahl der Destination (68% zu 32%) als auch bei der Wahl des Hotels (64% zu 63%) wichtiger als ein LGBT-freundliches Ansehen. Mit 70% war dieser Umstand Frauen sogar geringfügig wichtiger als Männern (63%) (vgl. ebd., S. 31). Am ehesten beeinflusst in ihrer Destinationswahl werden lesbische und bisexuelle Touristinnen von Informationsquellen wie Mainstream-Reiseführern und -Internetseiten (jeweils 11%) sowie -Zeitungsartikeln (10%). Erst danach folgten LGBT-Websites mit 9%. Anders verhält es sich bei schwulen und bisexuellen Touristen. Bei ihnen standen mit 16% spezielle LGBT-Internetseiten an erster Stelle, gefolgt von Artikeln aus Mainstream-Zeitschriften (15%) und aus LGBT-Zeitschriften (14%) (vgl. ebd., S. 39ff.).

[...]


[1] Siehe hierfür Clift/Wilkins (1995); Holcomb/Luongo (1996); Clift/Forrest (1998)

[2] Siehe hierfür u.a. Hughes (2006b)

[3] Weitere, nicht eingebrachte Arbeiten zum lesbischen Marktsegment sind zum einen Therkelsen et al. (2013): ‘I am very straight in my gay life’: Approaching an understanding of lesbian tourists’ identity construction, deren Grundlage die Erhebung von Ballegaard und Chor (2009) darstellt, und Monterrubio/ Barrios-Ayala (2015): ‘Holiday motivations: conversations with lesbians in Mexico’.

Ende der Leseprobe aus 155 Seiten

Details

Titel
Lesbische Touristinnen als Zielgruppe für den Reisemarkt
Untertitel
Haben Urlaubsangebote speziell für homosexuelle Frauen Entwicklungspotential?
Autor
Jahr
2018
Seiten
155
Katalognummer
V385985
ISBN (eBook)
9783956873317
ISBN (Buch)
9783956873331
Dateigröße
14240 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Tourismus, LGBT, Gay & Lesbian Travel, schwul-lesbischer Reisemarkt, schwul-lesbisches Reisen, gay-friendly, Reise-Zielgruppe
Arbeit zitieren
Katia Schuhmacher (Autor), 2018, Lesbische Touristinnen als Zielgruppe für den Reisemarkt, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/385985

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