Dank Neurobiologie können wir dem menschlichen Gehirn heutzutage bei der Arbeit zusehen. Durch den Einsatz bildgebender Verfahren konnte in den letzten zwei Jahrzehnten so bereits eine beträchtliche Anzahl neuer Erkenntnisse über Lern- und Gedächtnisprozesse gewonnen werden.
Angesichts der durch die PISA-Studien belegten Missstände im deutschen Bildungssystem klingt es verlockend, diese Erkenntnisse auch in der Pädagogik zu nutzen. So könnte der Schulunterricht direkt auf die Beschaffenheit und Funktionsweise des menschlichen Gehirns angepasst werden. Aber wie aussichtsreich ist eine solche Anwendung von neurobiologischem Wissen in der pädagogischen Praxis wirklich?
Kerstin Wenderholm untersucht in dieser Publikation, inwieweit die aktuellen neurobiologischen Ergebnisse tatsächlich einen praktischen Nutzen für die Gestaltung optimaler schulischer Lehr- und Lernbedingungen darstellen. Dabei diskutiert die Autorin auch die Rolle der Hirnforschung bezüglich der Diagnostik und Therapie von Teilleistungsstörungen.
Aus dem Inhalt:
- Pädagogik;
- Lernen;
- Neurowissenschaften;
- Lernstörungen;
- Neurodidaktik
Inhaltsverzeichnis
1 Einführung
2 Lernen aus neurobiologischer Sicht
2.1 Hirnforschung und ihre Methoden
2.2 Gehirnentwicklung und sensible Phasen
2.3 Was geschieht beim Lernen im Gehirn?
3 Lernen aus pädagogisch-psychologischer Sicht
3.1 Behavioristische Lerntheorien
3.2 Kognitive Lerntheorien
3.3 Konstruktivistische Lerntheorien
4 Einflussfaktoren auf Lernerfolg – Erkenntnisse aus der Hirnforschung
4.1 Vorwissen
4.2 Emotionen
4.3 Motivation
5 Rezeption neurowissenschaftlicher Erkenntnisse in der Pädagogik
5.1 Empfehlungen für die Unterrichtspraxis
5.2 Kritikpunkte an der Neurodidaktik
5.3 Zwischenfazit
5.4 Neurobiologische Befunde bei Lernstörungen
6 Schlussfolgerungen und Ausblick
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht den praktischen Nutzen aktueller neurowissenschaftlicher Erkenntnisse für die Gestaltung schulischer Lehr- und Lernprozesse sowie deren Relevanz für die Diagnostik und Therapie von Teilleistungsstörungen.
- Neurobiologische Grundlagen von Lern- und Gedächtnisprozessen
- Pädagogisch-psychologische Lerntheorien im Vergleich
- Einflussfaktoren auf den Lernerfolg (Vorwissen, Emotionen, Motivation)
- Chancen und Grenzen der Neurodidaktik in der Unterrichtspraxis
- Neurobiologische Ansätze bei Legasthenie und Dyskalkulie
Auszug aus dem Buch
2.1 Hirnforschung und ihre Methoden
Neurowissenschaften befassen sich mit der „wissenschaftliche[n] Erforschung des Gehirns und der Verbindung zwischen Gehirnaktivität und Verhalten“ (Gerrig & Zimbardo, 2004, S. 77). Im Fokus der vorliegenden Arbeit steht eine Grunddisziplin der Neurowissenschaft, die ein besseres Verständnis der Funktionsweise des menschlichen Gehirns zum Ziel hat: Die Neurobiologie bzw. Hirnforschung (engl.: brain research) untersucht den Bau, die Funktion und Entwicklung von Nervenzellen sowie deren Beziehung zur Umwelt (Roth, 1997). Hierbei setzt die Untersuchung des Gehirns auf insgesamt drei Ebenen an:
Auf der oberen Ebene können Funktionen größerer Hirnareale (z. B. spezifische Aufgaben verschiedener Gebiete der Großhirnrinde oder der Amygdala) beschrieben und ihre Aktivität mithilfe bildgebender Verfahren sichtbar gemacht werden. Ein Einblick in diese Organisationsebene des Gehirns wird durch verschiedene Methoden ermöglicht: Bildgebende Verfahren wie die funktionelle Magnetresonanztomografie (fMRT) oder die Positronenemissionstomografie (PET), die den Energiebedarf von Hirnregionen messen, besitzen eine bis in den Millimeterbereich gehende räumliche Auflösung, bilden die Aktivitäten jedoch erst Sekunden nach ihrem tatsächlichen Auftreten ab. Dagegen misst die Elektroenzephalografie (EEG) die elektrische Aktivität von Nervenzellverbänden zeitgleich, kann jedoch nicht exakt Aufschluss über den Ort des Vorgangs geben. Die räumliche Auflösung bei der neueren Magnetenzephalografie (MEG) liegt im Zentimeterbereich und ist somit etwas besser; hiermit lassen sich die Änderungen von Magnetfeldern um elektrisch aktive Neuronenverbände millisekundengenau sichtbar machen.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einführung: Diese Einleitung stellt die Motivation der Arbeit dar, das Verhältnis zwischen Hirnforschung und pädagogischer Praxis zu untersuchen.
2 Lernen aus neurobiologischer Sicht: In diesem Kapitel werden grundlegende Hirnstrukturen, die Gehirnentwicklung sowie Prozesse der Gedächtnisbildung erläutert.
3 Lernen aus pädagogisch-psychologischer Sicht: Hier werden die wichtigsten Lerntheorien (Behaviorismus, Kognitivismus, Konstruktivismus) vorgestellt und deren Relevanz für den Unterricht skizziert.
4 Einflussfaktoren auf Lernerfolg – Erkenntnisse aus der Hirnforschung: Dieses Kapitel behandelt Vorwissen, Emotionen und Motivation als zentrale Faktoren, die Lernprozesse beeinflussen.
5 Rezeption neurowissenschaftlicher Erkenntnisse in der Pädagogik: Dieser Abschnitt analysiert die Debatte um die Neurodidaktik, hinterfragt die Übertragbarkeit von Laborergebnissen auf den Unterricht und thematisiert Lernstörungen.
6 Schlussfolgerungen und Ausblick: Das Fazit fasst zusammen, dass Hirnforschung zwar kein neues pädagogisches Handeln begründet, aber wichtige Impulse für die Diagnostik und das Verständnis von Lernprozessen liefert.
Schlüsselwörter
Neurobiologie, Hirnforschung, Pädagogik, Neurodidaktik, Lernprozesse, Gedächtnisbildung, Lernstörungen, Legasthenie, Dyskalkulie, Emotionen, Motivation, Vorwissen, synaptische Plastizität, Gehirnentwicklung, Lehr-Lern-Situation
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, welchen tatsächlichen Nutzen aktuelle neurowissenschaftliche Erkenntnisse für die Gestaltung optimaler schulischer Lehr- und Lernbedingungen haben.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themenfelder umfassen die neurobiologischen Grundlagen des Lernens, klassische sowie moderne Lerntheorien, zentrale Einflussfaktoren auf den Lernerfolg wie Motivation und Emotionen sowie die Rolle der Hirnforschung bei Lernstörungen.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, die Möglichkeiten und Grenzen des Transfers neurowissenschaftlicher Forschungsergebnisse auf die pädagogische Praxis kritisch zu hinterfragen.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet die Arbeit?
Die Arbeit basiert auf einer fundierten Literaturrecherche in wissenschaftlichen Datenbanken, wobei aktuelle Fachartikel und pädagogische sowie medizinische Fachzeitschriften analysiert werden.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine neurobiologische Betrachtung des Lernens, eine lerntheoretische Einordnung, eine Analyse von Einflussfaktoren wie Vorwissen und Emotionen sowie die kritische Auseinandersetzung mit der Neurodidaktik.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Schlüsselbegriffe sind Neurodidaktik, Lernprozesse, Hirnforschung, Pädagogik, Legasthenie, Dyskalkulie und die Verzahnung von neurobiologischen Befunden mit schulpädagogischen Ansätzen.
Welchen Stellenwert nimmt die Kritik an der Neurodidaktik ein?
Die Arbeit nimmt einen differenzierten Standpunkt ein: Während die Hirnforschung biologische Bestätigungen für bewährte pädagogische Konzepte liefern kann, warnt sie vor der unkritischen Übertragung von Laborbefunden auf den komplexen Unterrichtsalltag.
Welche Bedeutung haben bildgebende Verfahren für die Frühdiagnostik?
Bildgebende Verfahren wie fMRT oder EEG bieten nach dieser Arbeit Potenziale für eine frühere Diagnose von Lernstörungen wie Legasthenie, um durch gezielte Frühförderung Belastungen für Kinder zu minimieren.
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- Kerstin Wenderholm (Author), 2017, Besser lernen dank Neuro-Wissen? Die Bedeutung neurowissenschaftlicher Erkenntnisse für die pädagogische Praxis, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/386018