In dem Maße wie sich die Gesellschaft verändert, verändern sich auch die kriminogenen Strukturen. Im gleichen Maße verändern sich die Gegenmaßnahmen dazu; nicht immer zeitgleich, scheinbar häufig sogar einen unvermeidlichen Schritt hinterher. Unbezweifelt beeinflussen sich diese zwei Faktoren gegenseitig. Mit der Entwicklung der Großstädte im deutschen Kaiserreich und den zeitgenössisch wahrgenommenen veränderten Kriminalitätsstrukturen bildeten sich auch spezialisierte Gegenparts auf der Seite der Polizei heraus. Das Bild des „Berufsverbrechers“ löste die Debatte aus, wie mit solch unverbesserlichen umzugehen sei. Ein Teil der Ansätze dazu spiegelt sich in der Debatte um eine Strafrechtsreform, die als „Schulenstreit“ bekannt geworden ist.
Das deutsche Kaiserreich, die Weimarer Republik und der Nationalsozialismus bilden dabei ganz eigene gesellschaftliche Rahmen, die den Verlauf dieser dreifaltigen Wechselwirkung individuell beeinflussen. Während man sich im Kaiserreich idealistisch um Reformen bemüht und auf manchen Gebieten völliges Neuland betritt, fallen der jungen deutschen Demokratie zwar viele positive Vermächtnisse kaiserlicher Reformer in den Schoß, aber auch eine schier nicht zu bewältigende Fülle an Konflikten, die der verlorene Krieg zurücklässt. Der Nationalsozialismus indes befeuert die lange gewachsenen Prozesse mit ideologischer Glut und verbrennt dabei viel rechtsstaatliches, dass der neuen Weltordnung der NS-Führung im Weg war.
Diese Arbeit wird die kriminalpolitischen Fragen und Entwicklungen nachverfolgen, die zum einen die Institution „Kriminalpolizei“ betreffen. Zum anderen deren Einfluss auf die Wahrnehmung der Kriminalität als solcher und die Wechselwirkungen zu neuen kriminalpolitischen Konzepten. Diese wiederum sind eng verknüpft mit dem Rahmen des Strafrechts, der den letztlichen juristischen Umgang mit Kriminalität codifiziert. Daher wird das besondere Augenmerk nach der Untersuchung der drei Teilaspekte, auf den Tendenzen liegen, die sich in der Gesamtentwicklung absehen lassen.
Inhaltsverzeichnis
1. Das deutsche Kaiserreich (1871 – 1918)
1.1 Institutionen
1.2 Berufsverbrecher
1.3 Der Schulenstreit
1.4 Tendenzen
2. Die Weimarer Republik (1918 – 1933)
2.1 Institutionen
2.2 Berufsverbrecher
2.3 Der Schulenstreit
2.4 Tendenzen
3. Der Nationalsozialismus (1933 – 1945)
3.1 Institutionen
3.2 Berufsverbrecher
3.3 Der Schulenstreit
3.4 Tendenzen
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht die kriminalpolitische Entwicklung in Deutschland zwischen 1871 und 1945 mit Fokus auf die Rolle der Kriminalpolizei, die Konstruktion des "Berufsverbrechers" und die strafrechtlichen Debatten des "Schulenstreits" unter sich wandelnden politischen Rahmenbedingungen.
- Professionalisierung und Ausdifferenzierung der Kriminalpolizei
- Kriminalpolitische Wahrnehmung und Stigmatisierung von "Berufsverbrechern"
- Entwicklung des Strafrechts im Spannungsfeld zwischen General- und Spezialprävention
- Institutionelle Veränderungen im Kaiserreich, der Weimarer Republik und dem Nationalsozialismus
- Wechselwirkung zwischen gesellschaftlichem Wandel und kriminalpolitischer Repression
Auszug aus dem Buch
1. Das deutsche Kaiserreich (1871 – 1918)
Das Kaiserreich wird nach den Erfolgen der Reichseinigungskriege 1871 ausgerufen und bildet eine erste amtlich-bürokratische Hegemonie innerhalb der deutschen Staaten. Vorher blickt das „deutsche Reich“ bereits auf eine lange Tradition von Bünden und föderalistischen Verknüpfungen zurück, doch werden mit dem Zusammenschluss zu einem Staatskörper Fragen der Verwaltung, auch der kriminalpolitischen Organisation, zentral. Die Polizei entwickelt sich hier erst zur eigenständigen Behörde. Insbesondere die Kriminalpolizei begann sich in ersten Ansätzen zu professionalisieren. Die Aufgaben der Polizei umfassten nicht mehr nur die Sicherheit und Ordnung aufrecht zu erhalten, sondern gezielt die Kriminalität zu bekämpfen. Die zunehmende Urbanisierung und Industrialisierung schafft großstädtische Zentren die ihrerseits neue Formen und Dynamiken der Kriminalität hervorbringen.
Indem sich die Polizei beginnt als Antwort auf diese neuen Herausforderungen auszudifferenzieren, wird der Rahmen für eine kriminalpolitische Agenda geschaffen, die ihren Abdruck deutlich bis in die moderne bundesdeutsche Kriminalpolitik hinterlassen hat.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Das deutsche Kaiserreich (1871 – 1918): Beschreibt die Entstehung der Kriminalpolizei als eigenständige Behörde in einem urbanisierten Umfeld und die ersten Versuche, Kriminalität durch Spezialisierung und neue Methoden zu bekämpfen.
2. Die Weimarer Republik (1918 – 1933): Analysiert das Streben nach Zentralisierung der Kriminalpolizei durch Landeskriminalämter sowie die Debatte um Sicherheitsverwahrung im Rahmen des fortgesetzten Schulenstreits.
3. Der Nationalsozialismus (1933 – 1945): Untersucht die Gleichschaltung der Polizei, die Aufhebung rechtsstaatlicher Schranken und die ideologische Pervertierung des Konzepts der Verbrechensbekämpfung gegen vermeintliche "Volksschädlinge".
Schlüsselwörter
Kriminalpolitik, Kriminalpolizei, Kaiserreich, Weimarer Republik, Nationalsozialismus, Berufsverbrecher, Schulenstreit, Spezialprävention, Generalprävention, Sicherheitsverwahrung, Professionalisierung, Rechtsstaatlichkeit, Kriminalitätsbekämpfung, Repression, Institutionengeschichte.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert die historische Entwicklung der Kriminalpolitik und der Kriminalpolizei in Deutschland in drei verschiedenen politischen Epochen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind der institutionelle Aufbau der Kriminalpolizei, das Konzept des Berufsverbrechers und die strafrechtliche Kontroverse des Schulenstreits.
Was ist die Forschungsfrage?
Die Arbeit untersucht, wie sich die Kriminalpolizei als Instrument der Verbrechensbekämpfung wandelte und welchen Einfluss ideologische und gesellschaftliche Rahmenbedingungen auf diesen Prozess ausübten.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine historische Analyse und politikwissenschaftliche Aufarbeitung anhand von Fachliteratur zur Kriminalpolitik und Polizeigeschichte.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich chronologisch in Kaiserreich, Weimarer Republik und Nationalsozialismus, wobei jeweils Institutionen, Täterbilder, Strafrechtsdebatten und Tendenzen beleuchtet werden.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Schlüsselwörter wie Kriminalpolitik, Berufsverbrecher, Schulenstreit, Kriminalpolizei und der Wandel von der Professionalisierung zur Repression prägen die Arbeit.
Wie veränderte sich das Bild des "Berufsverbrechers" im Zeitverlauf?
Vom kriminalistischen Analyseobjekt im Kaiserreich wandelte es sich im Nationalsozialismus zum ideologischen Feindbild des "Volksschädlings", der aus der Gemeinschaft entfernt werden musste.
Welche Rolle spielte der "Schulenstreit" für das Strafrecht?
Der Streit zwischen klassischer (Sühne) und moderner Schule (Prävention) legte den Grundstein für die heute bestehende Dualität aus Strafe und Resozialisierung im deutschen Strafrecht.
- Arbeit zitieren
- Thomas Marx (Autor:in), 2017, Die Kriminalpolizei als Werkzeug gegen den Berufsverbrecher? Kriminalpolitik im Kaiserreich, in der Weimarer Republik und im Nationalsozialismus, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/386090