Die Methode der Gewaltfreien Kommunikation nach M.B. Rosenberg aus linguistischer Perspektive


Hausarbeit, 2015

28 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Wie kann Sprache heilsam wirken?

3. Gewaltfreie Kommunikation nach den vier Schritten
3.1.Vier Ebenen der Kommunikation
3.2. Erster Schritt: Die Beobachtung
3.3. Zweiter Schritt: Gefühle ausdrücken
3.4. Dritter Schritt: Bedürfnisse äußern
3.5. Vierter Schritt: Bitten
3.6. Nonverbale Aspekte der Kommunikation
3.7. Einordnen in soziale Kontexte

4. Sprache und Weltanschauung
4.1. Bedürfnissprache
4.2. Statische, wertende Sprache
4.3. Ideologische Sprache
4.4. Prozessorientierte, lebendige Sprache

5. Präsenz im Sinne Martin Bubers

6. Fazit

7. Literatur

1. Einführung

Die Gewaltfreie Kommunikation1 nach Marshall B. Rosenberg ist eine Kommunikationsmethode, die helfen soll, Konflikte zu lösen und die zwischenmenschliche Kommunikation insgesamt friedlicher zu gestalten. Der Psychologe Marshall B. Rosenberg entwickelte sie ab den sechziger Jahren in den USA. Er wandte sie international als Mediationsmethode u.a. in Krisengebieten, in Firmen, Schulen und bei Rassenkonflikten an. In Seminaren gab er sie an Teilnehmer aus den verschiedensten Kontexten weiter und veröffentlichte zahlreiche Lehrbücher und Videos zum Erlernen der GFK bis zu seinem Tod im Februar 2015. In Deutschland begegnet man der GFK in vielen Kontexten. So wird sie in manchen Schulen als Mediationsmethode angewendet, da sie u.a. durch ihre Giraffen- und Wolfspuppen2 für Kinder sehr anschaulich ist und ihre Grundschritte zunächst einfach umzusetzen sind. In den Volkshochschulen sind GFK Kurse ein fester Bestandteil des Angebotes. Menschen können sie bei einem der zahlreichen zertifizierten deutschen GFK- Trainer lernen, einige bilden Übungsgruppen, um die GFK im beruflichen oder privaten Umfeld anwenden zu können.

In der vorliegenden Arbeit wird versucht, die GFK mit linguistischen Methoden zu beschreiben und herauszufinden, ob sich ein heilsamer Umgang mit Sprache linguistisch fassen lässt. Die GFK ist an sich keine rein linguistische Methode, obwohl sie auf den ersten Blick wie eine Strategie des pragmatischen Sprachhandelns wirken kann. In ihr mischen sich vielmehr linguistische, politische, sozialpädagogische, psychologische und therapeutische Elemente.3 Gleichwohl liegt das zentrale Augenmerk auf dem Sprachgebrauch in unserem Kulturkreis. Rosenberg sieht die Kommunikation mit sich selbst und mit anderen als Schlüssel zu einem friedlichen Miteinander:

Als ich mich mit den Umständen beschäftigte, die unsere Fähigkeit beeinflussen, einfühlsam zu bleiben, war ich erstaunt über die entscheidende Rolle der Sprache und des Gebrauchs von Wörtern. Seitdem habe ich einen spezifischen Zugang zur Kommunikation entdeckt - zum Sprechen und Zuhören - der uns dazu führt, von Herzen zu geben, indem wir mit uns selbst und mit anderen auf eine Weise in Kontakt kommen, die unser natürliches Einfühlungsvermögen zum Ausdruck bringt. Ich nenne diese Methode Gewaltfreie Kommunikation und benutze den Begriff Gewaltfreiheit in Sinne von Gandhi: Er meint damit unser einfühlendes Wesen, das sich wieder entfaltet, wenn die Gewalt in unseren Herzen nachläßt. Wir betrachten unsere Art zu sprechen vielleicht nicht als „gewalttätig“, dennoch führen unsere Worte oft zu Verletzung und Leid - bei uns selbst oder bei anderen.4

Rosenberg analysiert, was an unserer Art zu sprechen gewalttätig ist, um dann zu einer Kommunikation zu finden, die gewaltlos ist und den Frieden zwischen Menschen fördert. Denn Rosenberg glaubt, dass alle Menschen im Grunde daran interessiert sind, das Leben zu bereichern.

2. Wie kann Sprache heilsam wirken?

Gewalt, die durch Sprache ausgeübt wird, ist vielfach sowohl wissenschaftlich als auch gesellschaftspolitisch thematisiert worden.5 Diskussionen um politisch korrekte Bezeichnungen gesellschaftlicher Gruppen können PolitikerInnen, Medien und Wissenschaftler jahrelang beschäftigen.6 Medienwirksame Aktionen, wie die Wahl des Unwort des Jahres, thematisieren Benachteiligungen und Stigmatisierungen durch Bezeichnungen7 und tragen die Diskussion in die breite Öffentlichkeit.

In der vorliegenden Arbeit soll versucht werden, genau dem Gegenteil auf die Spur zu kommen, nämlich der Möglichkeit einer heilsamen Sprache. Heilsame Sprache nimmt das Individuum in die Gemeinschaft auf, gibt ihm einen würdevollen Platz in ihr und Anerkennung. Der Mensch existiert durch die soziale Gemeinschaft, die durch eine gemeinsame Sprache verbunden ist. Das Anerkennen eines Individuums als Teil der Gesellschaft ist immer auch ein sprachlicher Akt, zumindest in unserer stark sprachlich geformten Kultur.9 Denn Gesellschaft gründet auf den Beziehungen der Individuen untereinander und diese Beziehungen werden durch Beziehungssprechen etabliert und tradiert:

Beziehungssprechen beginnt bereits mit der Anrede und der Ansprache an den Anderen, es ist Teil des sozialen Verortens und Verortetwerdens durch sprachliche Kategorisierung und Bewertung; es geht dann über in den subjektiven Prozess der Identitätsbildung durch Sinnstiftungsnarrative und endet nicht zuletzt im Prozess der ideologischen Konstruktion ganzer Nationen oder gar supranationaler, z.B. religiöser Gemeinschaften verschiedener Sprachzugehörigkeit, aber ähnlicher Handlungssemantiken.10

Der Mensch kann durch gewaltsame Sprache aus der Gemeinschaft ausgeschlossen werden, aber es gibt auch verschiedene Formen des Heilens und damit des Wiederaufnehmens durch Sprache. In den meisten Fällen sind heilsame sprachliche Prozesse dialogische Prozesse: Das therapeutische Gespräch, das seelsorgerische Gespräch, die Beichte, selbst das Gebet oder das Mantra sind Formen eines Zwiegespräches, in denen wir uns an ein Gegenüber wenden (sei es ein anderer Mensch oder eine höhere Macht bzw. Gott), das uns wohl gesinnt ist. Gewalt durch Sprache kann bereits allein durch eine Benennung erfolgen (eine Beschimpfung, Stigmatisierung oder Entwürdigung innerhalb der sozialen Gruppe) und zielt auf die Exklusion des Individuums aus der sozialen Gemeinschaft. Alleine eine Benennung kann eine Reihe von (Handlungs-)Konsequenzen für die benannte Person auslösen.11 Das liebevolle (Wieder-)Aufnehmen des Individuums in eine menschliche Gemeinschaft hingegen kann zwar durch eine Benennung oder Ansprache erfolgen (eine respektvolle Anrede, eine Titulierung oder durch Rituale wie die Taufe oder eine Segnung), ist aber meistens ein längerer Prozess. Sprechen, das heilsam wirkt, ist in aller Regel mehr als eine restituierende Anrede, meist führen erst längere Dialoge oder dialogische Prozesse zu Friedensstiftung oder seelischer Heilung.12 Daraus wird ersichtlich, welchen hohen Stellenwert wir kommunikativen Prozessen beimessen müssen. Ratgeber und Seminare zu Kommunikationsstrategien florieren, es gibt viele Kommunikationsmethoden, die Menschen helfen sollen, in ihrem persönlichen oder beruflichen Umfeld besser zurecht zu kommen. Hier sind unter vielen anderen die Kommunikationsratgeber von Paul Watzlawick13 und Friedemann Schulz von Thun14 als Standardwerke bekannt. Sie werden gerade in pädagogischen und sozialtherapeutischen Kontexten rezipiert. Aber Rosenberg analysiert nicht nur die pragmatische Seite unseres Sprachgebrauchs. Er integriert alle Bereiche der Sprache in sein Konzept der GFK.

Wie heilsame dialogische Prozesse genau erfolgen, ist bisher weniger intensiv linguistisch untersucht als die Gewalt, die durch Sprache ausgeübt werden kann. In der vorliegenden Arbeit soll nun versucht werden, die GFK mit linguistischen Methoden zu analysieren und ihrer heilsamen Wirkung so auf die Spur zu kommen. Dabei liegt zunächst der Schwerpunkt auf der Pragmatik, dem Handeln durch Sprache. Aber die GFK berührt auch andere Bereiche der Linguistik, so beschäftigt sich Rosenberg explizit mit der Lexik. Denn er meint, das Erschließen neuer lexikalischer Felder sei eine Grundvorrausetzung für gewaltfreie Kommunikation.

Zudem analysiert Rosenberg unsere Sprache in ihren Ausdrucksmöglichkeiten und unsere Sprachverwendung. Damit übt er Sprachkritik. Sprachkritik an etablierten zwischenmenschlichen Gesprächsformen ist zwingend immer auch Kulturkritik, denn „Beziehungssprechen ist seiner verbalinteraktiven Form entsprechend in die jeweilige Kulturalität und Historizität einer Sprache und der sie sprechenden Gesellschaft eingebunden."17 Rosenberg bleibt damit nicht auf der rein pragmatischen und lexikalischen Ebene einer Kommunikationsmethode, sondern er geht weiter auf eine gesellschafts- und sprachphilosophische Ebene der zwischenmenschlichen Kommunikation, die sich nicht mehr gut mit linguistischen Begrifflichkeiten beschreiben und fassen lässt. An diesen Grenzen der Kommunikationsmethodik beruft sich Rosenberg auf Martin Bubers „Dialogische Philosophie“, wenn er zu erklären versucht, auf welche Art „echter“, empathischer Dialog und eine echte Begegnung zwischen Menschen möglich ist.

3. Gewaltfreie Kommunikation nach den vier Schritten

3.1. Vier Ebenen der Kommunikation

Das Grundgerüst der GFK bilden die vier Schritte, nach denen der Sprecher und der Hörer vorgehen sollen, wenn sie sich in einem Konflikt äußern. Rosenberg zufolge hat jede sprachliche Botschaft vier Seiten, die wir in einem Konflikt unserem Kommunikationspartner in vier aufeinander folgenden Schritten vermitteln können: erstens unsere Beobachtungen, zweitens unsere Gefühle, drittens unsere Bedürfnisse und viertens eine konkrete Bitte.

Rosenbergs GFK entstand ungefähr zur gleichen Zeit wie das Vier-Seiten-Modell Friedemann Schulz von Thuns18. Rosenberg bezieht sich nicht explizit auf Schulz von Thun, wahrscheinlich ist sein Modell im amerikanischen Sprachraum nicht sehr bekannt. Trotzdem soll in der vorliegenden Arbeit das Modell von Thuns als Grundlage dienen, da sich die vier Schritte so linguistisch klarer fassen lassen. Denn in beiden Modellen hat eine sprachliche Botschaft vier Seiten oder Mitteilungsebenen: Die Sachebene (nach der GFK die Beobachtung), die Beziehungsebene (die Gefühle des Sprechers nach der GFK), die Selbstmitteilung (nach der GFK die eigenen Bedürfnisse und Wertvorstellungen) und die Aufforderungsebene, welche in der GFK einer konkreten Bitte gleichkommt. Schulz von Thun stellt es so dar, dass der Sender auf diesen vier Ebenen die Nachricht senden kann und der Hörer wiederrum dieselbe Nachricht auf vier Ebenen hören kann. Bildlich dargestellt können Menschen eine sprachliche Botschaft mit vier „Mündern“ senden und auf vier verschiedenen „Ohren“ hören. Rosenberg meint, das richtige Hören einer Nachricht muss genauso geübt werden wie das Sprechen. Der Empfänger einer Botschaft, die nicht nach den vier Schritten gegliedert ist, ist dazu angehalten, nachzufragen und die Botschaft auf allen vier Ebenen19

Das Sprechen und Hören nach den vier Schritten verfolgt ein und dasselbe Ziel: M.B. Rosenberg versucht, eine Konfusion der Kommunikationsebenen zu vermeiden. Durch die klare Strukturierung soll verhindert werden, dass der Hörer etwas auf einer anderen Kommunikationsebene versteht, als es der Sender beabsichtigt hat. Markus Plate beschreibt dieses „Eigenleben“ der Kommunikation so:

So können manche vom Sender beabsichtigte Aspekte nicht beim Empfänger 'ankommen' oder neue Aspekte in eine Äußerung hineingehört werden. Kommunikation ist also immer das Ergebnis eines dynamischen und kreativen Prozesses, der nicht den Absichten der einzelnen Personen folgen muss.21

Klassische Missverständnisse erfolgen z.B. häufig dann, wenn ein Sprecher etwas nur auf der Sachebene kommunizieren will, der Hörer aber eine emotionale Botschaft heraus hört und nur auf diese antwortet. Hierzu liefern Paul Watzlawick und Schulz von Thun anschauliche und bekannte Beispiele23 und die meisten Menschen kennen das Phänomen aus der Alltagskommunikation. Das pragmatische Sprachhandeln der vier Schritte ist mit lexikalischen und grammatischen Kategorien eng verwoben. Rosenberg fordert bei jedem der vier Schritte dazu auf, den üblichen Wortgebrauch zu hinterfragen und neue lexikalische Felder zu erschließen.

3.2. Erster Schritt: Die Beobachtung

Als erster Schritt erfolgt die Beobachtung, die wert- und emotionsfrei schildern soll, was der Sender der Nachricht faktisch konstatiert. Das klingt zunächst einfach, ist aber tatsächlich schwer zu praktizieren, da wir dazu neigen, Beobachtungen mit Wertungen zu vermischen. Die Methode der GFK versucht, eine Vermischung der faktischen Seite einer Botschaft mit Ich-Botschaften - Selbstoffenbarungen im Sinne Friedrich von Thuns - zu vermeiden. Die Differenzierung der Seiten einer Mittteilung macht es dem Gegenüber möglich, die Botschaft auf der Sachebene überhaupt zu hören, da er nicht schon im ersten Satz verurteilt und bewertet wird. Wenn man selbst versucht, eine Beobachtung völlig wertfrei zu formulieren, merkt man, wie schwer das tatsächlich ist.

Der indische Philosoph Krishnamurti sagt: Die höchste Form der Intelligenz ist es, zu beobachten, ohne zu urteilen. In Studien über Rassismus und Sexismus wird deutlich, dass Menschen, die zu diskriminierendem Denken neigen, diese Differenzierung nicht vornehmen. Sie denken, ihre Vorurteile entsprächen den Tatsachen.24

Rosenberg gibt dem Leser Listen mit Beispielen an die Hand, in denen er aufzeigt, wie Sprecher implizit werten, obwohl sie scheinbar sachlich kommunizieren. Seine Analyse betrifft sowohl die lexikalische als auch die syntaktische Ebene. Dabei gibt es im Wesentlichen zwei Arten, die Wertung mit in die Äußerung hinein bringen: Zum einen, indem der Sprecher wertende Verben, Adjektive oder Adverbien verwendet, ohne klar zu machen, dass das seine eigene persönliche Wertung ist. Als Beispiele nennt Rosenberg folgende Aussagen: „Toni schiebt die Dinge vor sich her.“ (wertendes Verb), „Harry Schmidt ist ein schlechter Fußballspieler“ (wertendes Adjektiv mit einem Substantiv, das eine bestimmte Identität zuschreibt), „Jochen ist häßlich“ (wertendes Adjektiv).

Auf syntaktischer Ebene zeigt Rosenberg einen Sprachgebrauch auf, bei dem der Sprecher die Verantwortung für seine Äußerung nicht übernimmt: Als Erstes listet er auf, wie wir das Verb sein häufig verwenden, als ob wir Fakten feststellen würden. Wir sind uns meist nicht bewusst, dass wir damit werten, wenn wir nicht deutlich machen, dass die Äußerung nur unsere persönliche Meinung ist: „Du bist zu großzügig“. Es gibt viele Arten so zu kommunizieren, dass wir unsere Meinung nicht als solche kennzeichnen. Damit erscheint unsere Meinung über eine andere Person und deren Verhalten absolut: „Sie schafft ihre Arbeit bestimmt nicht“.

Eine weitere Strategie ist es, unsere eigene Meinung mit gesichertem Wissen zu vermischen. Dadurch verleihen wir unserer Meinung den Anstrich eines ebenso gesicherten Wissens: „Wenn du dich nicht ausgewogen ernährst, nimmt deine Gesundheit Schaden.“28 Diese Äußerung ist eine Präsupposition, denn sie stellt in den ersten Teil der Äußerung (an die Position des Rhema) eine Unterstellung, die jedoch aufgrund ihrer Position im Satz gültig wirkt. An der Stelle des Themas, im zweiten Teil des Satzes, steht eine Feststellung, die sachlich richtig ist, denn jeder in unserer Kultur glaubt an die Wichtigkeit ausgewogener Ernährung.29 Vordergründig wirkt der Satz daher insgesamt wie eine sachliche Feststellung, da der Fokus auf den zweiten Teil des Satzes gelenkt wird und der erste Teil aufgrund der syntaktischen Position nicht hinterfragt wird.

Eine weitere Art wertenden Sprachgebrauches ist es, Personen einer Bezugsgruppe nicht genau zu bestimmen, sondern eine allgemeine Aussage über eine Gruppe von Menschen zu machen (z.B. „Ausländer kümmern sich nicht um ihr Eigentum.“31 ). Diese Art von Sprachgebrauch bewertet, sie ist stigmatisierend und nicht handlungsorientiert, da sie sich auf keine konkreten Personen bezieht. Alle Formen von Generalisierungen, die Äußerungen unkonkret werden lassen, fallen unter diese Art von Sprachgebrauch. Dazu gehört die Verwendung der Adverbien immer, nie, jemals, jedes Mal usw., wenn man sie als Übertreibung benutzt und sie nicht so einschränkt, dass sie der wahrhaftigen Beschreibung eines Sachverhaltes dienen: z.B. „Du bist immer so fleißig.“32 ist eine wertende Aussage. „Du bist immer so fleißig, wenn ich dich sehe“ könnte eine objektivere Beobachtung sein (natürlich sind alle diese Aussagen stark kontextabhängig).

Auf den Empfänger einer sprachlichen Botschaft kann es manipulativ wirken, wenn er hinter einer sachlichen Botschaft - ob berechtigterweise oder nicht - eine emotionale Botschaft oder einen Appell heraushört.33 Menschen in unserer Kultur neigen dazu, zu entschlüsseln und zu interpretieren, was hinter der vordergründigen Sachbotschaft steht. Sie hören demnach oftmals mit einem anderen Ohr als mit dem „Sachohr“. Gefühle werden in unserer Kultur in vielen Kontexten (in bestimmten Berufen und öffentlichen Positionen z.B.) nicht offen kommuniziert, daher sind wir dieses dechiffrierende Hören, das die Beziehungsbotschaft hinter der Sachbotschaft sucht, gewohnt.34 Diesen Hörgewohnheiten versucht Rosenberg entgegenzuwirken: Der Sender der Botschaft fragt nach, was der Empfänger gehört hat und bittet ihn, in seinen Worten zu wiederholen, was gesagt wurde. Durch diese Rückversicherung kann der Sender sicherstellen, dass der Empfänger das Gesagte mit dem richtigen Ohr gehört hat und es nicht auf einer anderen Ebene wahrnimmt.

Ich schätze, es wäre gut, um eine Rückmeldung zu bitten. Damit sie auch versteht, was sie von ihr wollen. Soll sie denken, dass sie die verabscheuenswerteste Kreatur ist, die jemals auf Erden gelebt hat? Wenn man nicht um eine klare Rückmeldung bittet, dann kann gut sein, dass genau das bei der anderen Person ankommt.35

Bei dieser Nachfrage geht es nicht um rein phatische Signale, die dazu dienen, den Kommunikationsfluss aufrecht zu erhalten. Sondern Rosenberg möchte auf diese Art ein tieferes Verstehen des anderen ermöglichen. „Und ich überprüfe meine Wahrnehmung, indem ich nachfrage, falls ich nicht sicher bin, ob wir miteinander verbunden sind.“36 Durch das Nachfragen gibt es in der Kommunikation nach den vier Schritten immer eine Ebene der Metakommunikation, die ganz explizit thematisiert wird. Dies ist keine alltägliche Art der Gesprächsführung und kann auf das Gegenüber seltsam wirken, daher betont Rosenberg immer wieder, dass man darauf achten soll, wie es beim Gesprächspartner ankommt. Aktives empathisches Zuhören kann auch ohne Worte gelingen38, Rosenberg geht es hauptsächlich darum, dass die innere Haltung des Zuhörers dem Sprecher deutlich wird. Darauf wird noch unter Punkt 2.5. genauer eingegangen. Rosenberg stellt immer wieder klar, dass die vier Schritte, kein starres Schema sind, sondern ein Hilfsmittel. Vor allem anderen geht es um den empathischen Kontakt zwischen zwei Menschen, der durch sie hergestellt werden kann.

3.3. Zweiter Schritt: Gefühle ausdrücken

Nachdem die Sachebene eines Konfliktes dargelegt worden ist, geht es um die Gefühle, die der Sprecher in der Situation empfindet. Nach Schulz von Thun ist das sie Selbstmitteilungsebene einer sprachlichen Botschaft. Dabei ist es wichtig, diese Gefühle wirklich mit Gefühlsvokabeln auszudrücken und nicht mit, wie es Rosenberg nennt, Pseudogefühlen wie z.B. „verletzt“, „nicht respektiert“ usw. 39 In unserer Kultur sind wir es nicht gewohnt, Gefühle auszusprechen, uns fehlen oftmals die Worte. Rosenberg schreibt hierzu: „Unser Repertoire an Schimpfwörtern ist oft umfangreicher als der Wortschatz, mit dem wir unseren Gefühlszustand klar beschreiben können.“40 Wir verwenden viele syntaktische Konstruktionen, die auf den ersten Blick so wirken, als ob wir Gefühle mitteilten, aber eigentlich sagen sie etwas anderes aus. Pseudogefühlswörter wie „betrogen“, „missverstanden“ usw. zeigen, wie wir das Verhalten anderer uns gegenüber interpretieren und drücken kein eigentliches Gefühl aus. Rosenberg listet eine Reihe solcher Pseudogefühlswörter auf. Im Deutschen sind es auf der grammatischen Ebene fast ausschließlich Partizipialformen: „abgeschnitten, angegriffen, benutzt, verlassen, unter Druck gesetzt“41 usw. Schon die grammatische Form zeigt, dass der Sprecher sich als Patiens und den anderen als Agens sieht und die Verantwortung nach außen gibt.

So drücken syntaktische Konstruktionen, bei denen auf das Wort fühlen Wörter wie „dass, wie, als ob“ folgen, keine eigentlichen Gefühle des Sprechenden, sondern Meinungen über andere aus. Wenn wir einen Satz mit „Ich fühle mich, als ob“ oder mit „Ich habe das Gefühl, dass“ einleiten, fügen wir einen Nebensatz hinzu, in dem wir meistens jemand anderen als Aktanten setzen z.B. „Ich habe das Gefühl, daß mir kein faires Angebot gemacht wurde.“43 Ebenso folgt in Sätzen, die mit „Ich fühle mich wie“ beginnen, in aller Regel eine wertende Bezeichnung, z.B. „wie ein Versager“. Weitere solcher syntaktischen Konstruktionen sind Sätze, bei denen auf „Ich habe das Gefühl“ entweder Personalpronomen, Namen oder Hauptwörter, die sich auf Menschen beziehen folgen: z.B. „Ich habe das Gefühl, ich bin immer zur Stelle“ oder „Ich habe das Gefühl, mein Chef manipuliert.“46 Diese Sätze analysieren das eigene Verhalten oder das anderer, aber sie drücken keine Gefühlszustände des Sprechers aus.

[...]


1 Im Folgenden wird die Gewaltfreie Kommunikation als GFK abgekürzt, wie in Rosenbergs Texten.

2 Rosenberg verwendet Wölfe und Giraffen als Handpuppen und Giraffen- und Wolfsplüschohren, um die Kommunikationsarten zu kontrastiv zu verbildlichen. Darauf wird im Folgenden noch genauer eingegangen werde.

3 Marshall B. Rosenberg: Konflikte lösen durch Gewaltfreie Kommunikation. Ein Gespräch mit Gabriele Seils. Freiburg im Breisgau 2004. S. 54. Im Folgenden verkürzt aufgeführt als MBR: Konflikte lösen durch GFK.

4 Marshall B. Rosenberg: Gewaltfreie Kommunikation. Eine Sprache des Lebens. Paderborn 2004. S. 22 Im Folgenden verkürzt aufgeführt als MBR: GFK. Eine Sprache des Lebens.

5 Judith Butler legt in ihrem Buch „Haß spricht“ die Funktionsmechanismen sprachlicher Gewalt grundlegend dar: Judith Butler: Haß spricht. Zur Politik des Performativen. Frankfurt am Main 2006.

6 Man denke etwa an die Diskussionen, wie die weibliche Form in Anreden (StudentInnen, Studierende etc.) berücksichtigt werden kann. Ebenso diskutiert wird die Benennung von Menschen mit Migrationshintergrund (auch diese Benennung löst Widerstand aus).

7 Stigmatisierung durch Benennungen verstehe ich hier in dem Sinne, wie sie Anja Lobenstein-Reichmann in ihrem Aufsatz „Stigma - Semiotik der Diskriminierung“ darlegt: Lobenstein-Reichmann, Anja: „Stigma - Semiotik der Diskriminierung“, in: Wolf-Andreas Liebert/ Horst Schwinnt (Hrsg.), Mit Bezug auf Sprache. Festschrift für Rainer Wimmer, (Studien zur Deutschen Sprache, 49), Tübingen 2009, 249-271.

9 In unserer westlichen Kultur sind Riten, die Menschen in eine Gemeinschaft aufnehmen zwar in aller Regel nicht rein sprachlich (Hochzeitsringe, Doktorhut, etc.), aber Sprache hat dabei meistens einen hohen Stellenwert.

10 Lobenstein-Reichmann, Anja: „Hört ihr die Kinder weinen. Sprachgeschichte als Beziehungs- und Gesellschaftsgeschichte“ in: Vilmos Ágel/Andreas Gart (Hrsg.): Paradigmen der historischen Sprachwissenschaft. Jahrbuch für germanistische Sprachgeschichte, Berlin/Boston 2014, S. 46-62. Hier S. 47-48.

11 So führte beispielsweise die Bezeichnung als Hexe oder Ketzer im Mittelalter sehr wahrscheinlich zur Hinrichtung

12 Dies mag auch damit zusammenhängen, dass Negatives in der Regel schneller einen tiefen Eindruck hinterlässt als Positives. So wurde herausgefunden, dass eine abwertende Bewertung z.B. im Unterricht durch sieben positive Bewertungen erst wieder aufgehoben wird. Traumatische Ereignisse gar können eine einzige Begebenheit im Laufe eines Lebens sein und dennoch das ganze seelische Gleichgewicht eines Menschen stören. Ebenso kennt man Beispiele aus der Alltagskommunikation: Ein Schimpfwort kann eine Verletzung verursachen, während die Entschuldigung beim Gesprächspartner in aller Regel nicht mit einem einzigen liebevollen Wort getan ist.

13 Watzlawick, Paul: Anleitung zum Unglücklichsein. München 1983

14 Schulz v. Thun, Friedemann.: Miteinander reden 1 - Störungen und Klärungen. Allgemeine Psychologie der Kommunikation.. Hamburg 2009.

17 Lobenstein-Reichmann, Anja: „Hört ihr die Kinder weinen. Sprachgeschichte als Beziehungs- und Gesellschaftsgeschichte“ in: Vilmos Ágel/Andreas Gart (Hrsg.): Paradigmen der historischen Sprachwissenschaft. Jahrbuch für germanistische Sprachgeschichte, Berlin/Boston 2014, S. 46-62. Hier S.2

18 Schulz von Thun, Friedemann: Miteinander reden 1 - Störungen und Klärungen. Allgemeine Psychologie der Kommunikation. Reinbek 1981

19 Vgl. MBR: GFK. Eine Sprache des Lebens. S. 22.

21 Plate, Markus: Grundlagen der Kommunikation. Göttingen 2013. S.59.

23 Schulz v. Thun, Friedemann.: Miteinander reden 1 - Störungen und Klärungen. Allgemeine Psychologie der Kommunikation.. Hamburg, 2009 und Watzlawick, Paul: Anleitung zum Unglücklichsein. München 1983

24 MBR: Konflikte lösen durch GFK. S.13

28 Alle diese Beispiele für wertende Aussagen finden sich in MBR: GFK. Eine Sprache des Lebens. S. 50

29 Wobei die Frage nach gesunder Ernährung mittlerweile in unserer Gesellschaft als eine nahezu ideologische erscheint.

31 MBR: GFK. Eine Sprache des Lebens. Paderborn 2004. S. 50.

32 Ebd. S. 51.

33 Vgl. MBR: GFK. Eine Sprache des Lebens. S. 45.

34 An dieser Stelle wäre es interessant zu untersuchen, ob das Suchen nach der emotionalen Botschaft hinter der vordergründigen Sachbotschaft geschlechtsspezifisch unterschiedlich erfolgt. Ich könnte mir vorstellen, dass Frauen aufgrund gesellschaftlicher Rollenanforderungen und daraus hervorgehender materieller Abhängigkeiten noch stärker in diesen entschlüsselnden Kommunikationsstrategien verfangen sind. Rosenberg meint, dass Frauen jahrhundertelang dazu erzogen worden sind, für andere zu sorgen und nicht ihre eigenen Bedürfnisse zu artikulieren. Diese Argumentation geht in eine ähnliche Richtung Vgl. dazu MBR: GFK. Eine Sprache des Lebens. S. 76.

35 MBR: Konflikte lösen durch GFK. S. 46

36 Ebd. S. 46.

38 Vgl. Ebd. S. 46.

39 Rosenberg listet einige solcher Pseudogefühlswörter auf. Vgl. MBR: GFK. Eine Sprache des Lebens. S. 62.

40 Ebd. S. 57.

41 Ebd. S. 62.

43 Ebd. S. 60.

46 Ebd. S. 60-61.

Ende der Leseprobe aus 28 Seiten

Details

Titel
Die Methode der Gewaltfreien Kommunikation nach M.B. Rosenberg aus linguistischer Perspektive
Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg  (Germanistik)
Veranstaltung
Heilung durch Sprache
Note
1,0
Autor
Jahr
2015
Seiten
28
Katalognummer
V386104
ISBN (eBook)
9783668602908
ISBN (Buch)
9783668602915
Dateigröße
840 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sprachliche Gewalt, Pragmatik
Arbeit zitieren
Friederike Appel (Autor), 2015, Die Methode der Gewaltfreien Kommunikation nach M.B. Rosenberg aus linguistischer Perspektive, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/386104

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