Die Konsequenzen von Eigenkapitalanforderungen für die geldpolitische Transmission


Masterarbeit, 2016

55 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis II

Abbildungsverzeichnis III

1 Einleitung

2 Einordnung in die Literatur

3 Grundlagen
3.1 Eigenkapitalanforderungen in Europa
3.2 Transmissionskanäle der Geldpolitik
3.2.1 Der Zinskanal
3.2.2 Der Kreditkanal

4 Kapitalanforderungen der Banken und deren makroökonomischen Auswirkungen
4.1 Auswirkungen auf das Kreditangebot
4.2 Die Wirkungsweise der Geldpolitik
4.2.1 Durch den Zinskanal
4.2.2 Durch den Kreditkanal
4.2.2.1 Verstärkende Effekte der Geldpolitik
4.2.2.2 Abgeschwächte Effekte der Geldpolitik

5 Politische Implikationen

6 Fazit

7 Literaturverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Die drei Säulen von Basel II

Abbildung 2: Stilisierte Beschreibung der Wirkungsweise der geldpolitischen Transmission innerhalb des Bilanz- und Bankkreditkanals

Abbildung 3: Der Effekt eines steigenden Kreditrisikos unter Basel I (links) und Basel II (rechts)

1 Einleitung

Der Präsident des Deutschen Sparkassen- und Giroverbands (DSGV) äußerte kürzlich Kritik an der Politik der Europäischen Zentralbank (EZB). Diese würde die nächste Finanzkrise selbst vorbreiten und ihre Ursache in „einer falschen Regulierung und einer fatalen Geldpolitik haben“, so Fahrenschon. Laut dem Präsidenten kann man „nicht Preismechanismen in der Finanzwirtschaft außer Kraft setzen, Marktmechanismen an Wertpapiermärkten beschädigen, Kreditinstitute mit hohen Regulierungskosten belegen und dann erwarten, dass Kreditinstitute massiv Eigenkapital aufbauen können, um ihre Stabilität zu erhöhen“ (Drost und Mallien, 2016).

Die Worte des Präsidenten des DSGV verdeutlichen die wechselseitige Beeinflussung zwischen europäischer Geldpolitik und regulatorischen Eigenkapitalanforderungen, welche den Schwerpunkt dieser Arbeit bildet.

Die letzte Finanzkrise entzündete eine Debatte über die makroprudenzielle Politik1, denn die Krise offenbarte die mangelnde Zuständigkeit der Aufsichtsbehörden für systemische Risiken. Neben der Gründung des European Systemic Risk Board (ESRB) im Dezember des Jahres 2010 (Angelini et al., 2012, S.2), wurden daher makroprudenzielle Instrumente wie die Baseler Eigenkapitalanforderungen im Rahmen von Basel III reformiert, wodurch die Risiken auf den Finanzmärkten reduziert werden sollen, sodass sich die Gefahr einer erneuten Finanzkrise verringert.

Vor der Finanzkrise wurden durch geldpolitische Impulse induzierte aggregierte Geld- mengenänderungen primär durch Veränderungen der Bankreserven erklärt. Da die Be- deutung der Mindestreserveanforderungen für Banken allerdings in den letzten Jahren stark abgenommen hat und die Baseler Eigenkapitalanforderungen in den Fokus rück- ten, wurden schließlich deren Auswirkungen auf das Bankverhalten und dabei schwer- punktmäßig auf das Kreditvergabeverhalten2 der Banken untersucht. Geldpolitische Impulse beeinflussen neben dem Einlagengeschäft ebenfalls das Kreditgeschäft der Banken, sodass sich Geldpolitik und makroprudenzielle Politik wechselseitig beeinflus- sen. Kapitalanforderungen können mithin den geldpolitischen Transmissionsmechanis- mus verändern (Angelini et al., 2012, S.2).

Zielsetzung der vorliegenden Arbeit ist es, die Auswirkungen von Eigenkapitalanforderungen europäischer Banken auf ihr Kreditangebot zu bestimmen und die daraus resultierende Beeinflussung der Wirkungsweise der geldpolitischen Transmission über den Zins- und Kreditkanal darzustellen.

Zunächst wird dazu die Frage beantwortet, welche Auswirkungen Eigenkapitalanforde- rungen auf das Kreditangebot der Banken haben. Dieser Sachverhalt wird isoliert be- trachtet, ohne den Transmissionsmechanismus der Geldpolitik einzubeziehen. Die Fra- ge, ob Kapitalanforderungen grundsätzlich positiv zu bewerten sind und welche Art der Regulierung die geeignetste ist wird im Rahmen dieser Arbeit nicht untersucht. Eine Analyse zentraler Modelle, welche den geldpolitischen Transmissionsmechanis- mus in ein Umfeld regulatorischer Eigenkapitalanforderungen einbetten, beleuchtet die Wirkungsweise geldpolitischer Impulse durch den Zins- und Kreditkanal. Im Ergebnis können die Effekte der Geldpolitik durch risikobasierte Eigenkapitalanforderungen ver- stärkt oder abgeschwächt werden, abhängig davon ob Banken parallel zur Vergabe von Krediten die Möglichkeit haben in Staatsanleihen zu investieren.

Auch die Interaktion von Geldpolitik und Kapitalanforderungen spielt eine wesentliche Rolle bei der Erreichung ihrer jeweiligen Ziele (Preisniveaustabilität respektive Finanzmarktstabilität). Zu starke expansive geldpolitische Impulse, die zu einer anhaltenden Niedrigzinsphase führen, können das durch Eigenkapitalanforderungen verfolgte Ziel der Finanzmarktstabilität konterkarieren, da sich aus einem dauerhaft niedrigen Zinsniveau stabilitätspolitische Risiken entwickeln können.

Im Folgenden werden zunächst die Grundlagen der Eigenkapitalanforderungen in Euro- pa und deren Entwicklung sowie die Kernelemente der geldpolitischen Transmission erörtert. Anschließend werden die Auswirkungen von Eigenkapitalanforderungen auf das Kreditangebot der Banken betrachtet. Darauf aufbauend wird im nachfolgenden Kapitel der Einfluss von Eigenkapitalanforderungen auf die Wirkungsweise der Geldpo- litik durch den Zins- und Kreditkanal thematisiert. Das letzte Kapitel verdeutlicht die aktuelle Relevanz der Thematik, indem die Auswirkungen makroprudenzieller Instru- mente im derzeitigen Niedrigzinsumfeld untersucht werden. Die Arbeit wird durch ein Fazit abgeschlossen.

2 Einordnung in die Literatur

In der einschlägigen Literatur existieren unterschiedliche Ansätze, welche die Auswirkungen der Baseler Eigenkapitalanforderungen auf die Kreditvergabe der Banken und die Wirksamkeit der geldpolitischen Transmission analysieren. Nicht selten resultieren daraus widersprüchliche Ergebnisse.

Blum und Hellwig (1995) haben mit ihrer Publikation eine erste Annäherung an die Problematik von Kapitalanforderungen geschaffen. Allerdings ist ihre Analyse und die Erkenntnis, dass Kapitalanforderungen Konjunkturschwankungen verstärken können, unvollständig, da die Reaktion der Zentralbank auf eben solche Schwankungen nicht berücksichtigt wird. Cecchetti und Li (2005) bestätigen die Ergebnisse von Blum und Hellwig empirisch und leiten in ihrem Modell eine optimale Geldpolitik her, welche die gegenläufigen Ziele von Regulierung (Reduzierung der Risikoübernahme der Banken) und Geldpolitik (Stabilisierung der gesamtwirtschaftlichen Aktivität) berücksichtigt.

Thakor (1996) ermittelt dagegen in seinem auf asymmetrischen Informationen beruhen- den Modell, in dem Banken alternativ zur Kreditvergabe die Möglichkeit haben in Staatsanleihen zu investieren, dass eine expansive Geldpolitik in einem kapitalregulier- ten Bankensystem die Kreditvergabe der Banken senken kann. Kopecky und VanHoose (2004) ermitteln in ihrem Mehrperiodenmodell kurzfristig einen ähnlichen Zusammen- hang, aber kommen zu dem Ergebnis, dass die Wirksamkeit der Geldpolitik langfristig nicht gefährdet sein muss.

Van den Heuvel (2002a) analysiert wiederum in seinem dynamischen Modell die Aus- wirkungen der Geldpolitik auf die Profitabilität und damit letztlich auf das Eigenkapital der Banken, wodurch ihr Kreditvergabeverhalten bestimmt wird. Dieser Zusammen- hang, bekannt unter dem Begriff „Bankenkapitalkanal“ (bank capital channel), wird von Chami und Cosimano (2001) ebenfalls in einem dynamischen Modell untersucht. Ver- änderungen der Zinssätze beeinflussen dabei die Wahrnehmung der Banken in Bezug auf die Wahrscheinlichkeit, dass die Kapitalanforderungen in der nachfolgenden Perio- de bindend werden, wonach sich folglich die gegenwärtige Kreditvergabe der Banken bemisst.

Kashyap und Stein (1994), Bernanke und Blinder (1988) sowie Stein (1998) ermitteln hingegen in ihren Modellen den sogenannten „Bankkreditkanal“ (bank lending chan- nel), nach welchem die Geldpolitik die Realwirtschaft zum Teil auch durch einen direk- ten Effekt auf das Kreditangebot der Banken beeinflusst. Allerdings muss die notwen- dige Bedingung gelten, dass Banken ihr Kreditangebot infolge eines Schocks auf ihre

Reserven anpassen. Der Bankkreditkanal ist in der einschlägigen Literatur allerdings kontrovers diskutiert, da Banken ohne großen Aufwand zu anderen Finanzquellen wechseln können, welche geringere oder sogar keine Mindestreserven erfordern. Aus diesem Grund befassen sich die in dieser Arbeit aufgeführten Modelle nicht mit den Mindestreservepflichten für Banken und fallen somit auch nicht unter den konventionel- len Bankkreditkanal. Doch die nachfolgende Analyse zeigt, dass die Kreditvergabe ei- nes kapitalregulierten Bankensektors auch ohne die explizite Betrachtung von Mindest- reservepflichten eine entscheidende Rolle für die geldpolitische Transmission spielt.

3 Grundlagen

3.1 Eigenkapitalanforderungen in Europa

Zwischen der Bankenaufsicht, welche in Deutschland von der Bundesanstalt für Fi- nanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) und der Bundesbank übernommen wird3, und den vergangenen Bankenkrisen besteht eine enge Verbindung auf europäischer sowie inter- nationaler Ebene. Die Insolvenz des Bankhauses „I.D. Herstatt“ durch Devisenspekula- tionen im Jahre 1974 gab Anlass dazu vorhandene Vorschriften zu verschärfen und zu ergänzen. Seit dem Jahr 1980 folgten daher eine Reihe von Novellierungen des deut- schen Bankenaufsichtsrechts, welche das Ziel verfolgen einheitliche europäische Auf- sichtsnormen zu schaffen. Auf internationaler Ebene abgestimmte Regeln zur Banken- aufsicht (Basel II und Basel III) werden dabei vom Baseler Ausschuss für Bankenauf- sicht entwickelt, welcher durch Repräsentanten der Notenbanken und Aufsichtsbehör- den zahlreicher Länder vertreten wird und seinen Sitz bei der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) in Basel hat (Deutsche Bundesbank, 2014a; Hartmann- Wendels et al., 2010, S.412f.). Die Entscheidungen des Baseler Ausschusses für Ban- kenaufsicht sind rechtlich nicht bindend. Vielmehr erstellt der Ausschuss aufsichtsrecht- liche Standards und Grundsätze und formuliert Empfehlungen zu den besten Praktiken im Bereich der Bankenaufsicht, welche durch die jeweilige nationale Aufsichtsbehörde implementiert werden (Basel Committee on Banking Supervision, 2015, S.1).

Der Baseler Ausschuss legte im Jahr 1988 ein erstes Regelwerk (Baseler Akkord)4 vor, wodurch das Kreditrisiko bestimmt und die Mindestkapitalanforderungen festgelegt wurden. Dieses Regelwerk richtete sich zunächst ausschließlich an international tätige Banken, entwickelte sich dann aber zu einem weltweit anerkannten Kapitalstandard.

Der Baseler Akkord legt eine Mindesteigenkapitalquote (Eigenkapital und eigenkapital- ähnliche Positionen im Verhältnis zu den risikogewichteten Aktiva) von 8% fest, unab- hängig von der Kreditwürdigkeit des Schuldners. Das Regelwerk des Jahres 1988 wies somit eine entscheidende Schwäche auf, denn die Eigenkapitalanforderungen konnten nicht verhindern, dass Banken höhere Risiken eingingen, um höhere Gewinnmargen zu erzielen, ohne dabei ihre Eigenkapitalbasis entsprechend zu stärken. Außerdem erschien es, aufgrund der wachsenden Bedeutung der Handelsaktivitäten der Banken, nicht mehr angemessen, dass sich die Eigenkapitalanforderungen lediglich auf Kreditrisiken kon- zentrierten (Europäische Zentralbank, 2001, S.65f.; Deutsche Bundesbank, 2001, S.16). Daher wurde im Jahr 1996 beschlossen, dass Marktpreisrisiken ebenfalls mit Kapital unterlegt werden müssen (Baseler Ausschuss für Bankenaufsicht, 1996).

Eine angemessene Eigenkapitalausstattung alleine ist allerdings nicht ausreichend, um die Stabilität des Bankensektors zu gewährleisten. Daher wurde, durch die im Jahr 2006 in Kraft getretene Regulierung nach Basel II, nicht nur die Methodik der Mindestkapi- talanforderungen verbessert (Säule I), sondern diese auch um qualitative Aspekte der Bankenaufsicht ergänzt: das aufsichtsrechtliche Überprüfungsverfahren (Säule II) und die Marktdisziplin (Säule III). In der Säule I blieben die Definition des Kapitalbegriffs im Zähler und die Mindesteigenkapitalquote von 8% unverändert, wohingegen das Kre- dit- und Marktrisiko im Nenner um operationelle Risiken erweitert wurde.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Das Kreditrisiko kann mit dem Standardansatz oder dem auf bankinternen Risikoeinstu- fungen (Ratings) basierenden Ansatz (Internal Ratings Based Approach, IRB-Ansatz) gemessen werden. Die Struktur des Standardansatzes ist mit der Eigenkapitalvereinba- rung vom Jahr 1988 vergleichbar. Im Gegensatz zur Verwendung einfacher Risikogrup- pen unter Basel I, beruhen die Risikogewichte unter Basel II nun allerdings auf externen Ratings. Die Kreditwürdigkeit der Kreditnehmer wird dadurch explizit mit in die Be- rechnung der Eigenkapitalquote aufgenommen. Im Vergleich dazu beruhen die Risiko- gewichte beim IRB-Ansatz auf bankinternen Ratings der Kreditnehmer, welche entspre- chend der Kriterien des Baseler Ausschusses von den nationalen Aufsichtsbehörden validiert werden. Beim IRB-Ansatz wird zwischen dem IRB-Basisansatz und dem fort- geschrittenen IRB-Ansatz unterschieden. Für beide Ansätze müssen Banken ein vali-

diertes System zur Berechnung der Ausfallwahrscheinlichkeit besitzen. Beim fortge- schrittenen IRB-Ansatz müssen Banken zudem interne Schätzungen zu der erwarteten Forderungshöhe im Zeitpunkt des Ausfalls (Exposure at default) und zum erwarteten Verlust bei Ausfall (Loss given default) verwenden. Allerdings kann der fortgeschritte- ne IRB-Ansatz auch zu Erleichterungen bei den Kapitalanforderungen führen (Europäi- sche Zentralbank, 2001, S.66+68; Deutsche Bundesbank, 2001, S.16f.). Die Säule II umfasst das aufsichtsrechtliche Überprüfungsverfahren (Supervisory Re- view Process). Die Aufsichtsinstanzen bewerten, inwiefern Banken fähig sind ihre ein- gegangen Risiken zu identifizieren, zu messen, zu steuern und zu überwachen. Soweit nötig, haben sie dabei die Möglichkeit eine über die Mindestkapitalanforderungen hin- ausgehende Kapitalausstattung zu verlangen (Europäische Zentralbank, 2001, S.68; Deutsche Bundesbank, 2001, S.30f.).

Säule III umfasst letztlich die erweiterte Offenlegung. Es wird angenommen, dass gut informierte Marktteilnehmer ein effektives Risikomanagement der Banken wertschätzen und somit in ihrer Kreditentscheidung honorieren, wodurch Banken einen zusätzlichen Anreiz haben ihre Risiken zu kontrollieren. Außerdem soll die Transparenzanforderung dazu beitragen, dass die Gläubiger das Risikoprofil und die Adäquanz der Eigenmittel der Bank überwachen können (Europäische Zentralbank, 2001, S.69; Deutsche Bundes- bank, 2001, S.31f.).

Die nachfolgende Abbildung soll die Inhalte der Eigenkapitalvorschriften gemäß Basel II verdeutlichen. Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich dabei ausschließlich mit den Mindestkapitalanforderungen der Säule I.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Die drei Säulen von Basel II

Quelle: eigene Darstellung

Durch die Finanzmarktkrise 2007/2008 wurde die unzureichende Regulierung auf den Finanzmärkten sichtbar, was zu weitreichenden Veränderungen in der Bankenregulie- rung führte. Der Baseler Ausschuss für Bankenaufsicht zielte mit dem Reformpaket Basel III auf eine Verbesserung der Quantität sowie Qualität der Eigenkapitalanforde- rungen ab. Die Eigenkapitalquote des qualitativ verbesserten Kernkapitals zusammen mit dem Ergänzungskapital muss dabei unverändert 8% betragen. Quantitativ wird diese um einen (konjunkturunabhängigen) Kapitalerhaltungspuffer in Höhe von 2,5% sowie einen evtl. ebenfalls von der nationalen Aufsichtsbehörde vorgegebenen antizyklischen Kapitalpuffer5 von bis zu 2,5% ergänzt. Außerdem beinhaltet das Reformpaket eine Verbesserung des Risikomanagements, eine transparentere Ermittlung der Eigenkapital- quoten sowie die vermehrte Offenlegung (Baseler Ausschuss für Bankenaufsicht, 2011; Basel Committee on Banking Supervision, 2009). Das finale Reformpaket wurde erst- malig am 16. Dezember 2010 der Öffentlichkeit vorgestellt (Deutsche Bundesbank, 2011a, S.3). Die strengeren Anforderungen nach Basel III traten schließlich am 1. Janu- ar 2014 in Kraft (Bundesministerium der Finanzen, 2013, S.9). Das durch Basel II im- plementierte drei Säulen Prinzip blieb dabei als Grundlage bestehen, allerdings wurden die Anforderungen ergänzt und erweitert. Um ein enges Zusammenspiel zwischen in- ternationaler und europäischer Bankenaufsicht zu erreichen, wirkt die Europäische Kommission bei der Ausarbeitung der Baseler Standards innerhalb des Baseler Aus- schusses mit. So konnte die Europäische Kommission nur wenige Monate nach der Veröffentlichung des Basel III Reformpakets den Entwurf für die „Capital Requirement Directive“ (CRD IV: Richtlinie über den Zugang zur Tätigkeit von Kreditinstituten und die Beaufsichtigung von Kreditinstituten und Wertpapierfirmen sowie die Verordnung für die aufsichtlichen Anforderungen für Kreditinstitute und Wertpapierfirmen) vorle- gen. Durch die CRD IV, welche die ursprüngliche Eigenkapitalrichtlinie ablöste, sollen die Basel III Anforderungen in der EU umgesetzt werden. Zuvor sind die bankenauf- sichtsrechtlichen Vorschriften (CRD I bis III) lediglich mittels Richtlinien implemen- tiert worden. Da Richtlinien allerdings nur bzgl. des zu erreichenden Ziels verbindlich sind, bestand eine Wahlfreiheit für die nationale Umsetzung. Die durch die Wahlrechte entstandenen Spielräume wurden durch die Finanzkrise offenbart, sodass das Instrument der Verordnung „Capital Requirements Regulation“ (CRR) erstmalig zur Regulierung des deutschen Bankensektors eingeführt wurde.6 Die Aufsicht soll somit durch ein ein- heitliches europäisches Regelwerk (Single Rule Bock) verbessert werden (Deutsche Bundesbank, 2011b, S.88-90; De Larosière et al., 2009, Empfehlung 10 Randnummer 110). Durch die CRR, die unmittelbar in allen Mitgliedstaaten gilt und keine nationalen Abweichungen zulässt, sollen primär bindende Kennzahlen (wie z.B. die Eigenkapital- anforderungen) eingeführt sowie Offenlegungspflichten geregelt werden. Dagegen sol- len in der Richtlinie weiterhin die Grundlagen zum Betreiben von Bankgeschäften gere- gelt sein. Durch das Zusammenwirken von Richtlinie (CRD IV) und Verordnung (CRR) soll die Bankenregulierung harmonisiert werden, sodass eine einheitliche Anwendung und Umsetzung in den Mitgliedsstaaten der EU gewährleistet ist (Deutsche Bundes- bank, 2011b, S.90).

3.2 Transmissionskanäle der Geldpolitik

3.2.1 Der Zinskanal

„Money view“

In der Literatur findet eine Unterteilung des Transmissionsprozesses in den „money view“ und „credit view“7 statt. Der „money view“ ist dadurch gekennzeichnet, dass der Transmissionsmechanismus ohne eine kredittheoretische Fundierung modelliert wird (Kashyap und Stein, 1994). Hierbei wird unterstellt, dass lediglich die Anlageformen Geld (Bankeinlagen) und Wertpapiere (Bonds) in einer Volkswirtschaft existieren. Die Wertpapiere werden, bezüglich des Emittenten oder der Fristigkeit, nicht näher spezifi- ziert und es wird von einem exogenen Wertpapierbestand ausgegangen.8 Weiter beste- hen, neben Wertpapieren und Geld, Mindestreserven, welche die Bank, entsprechend der Höhe ihrer Einlagen, bei der Zentralbank halten muss. Die Geldpolitik kann also nur im Sinne von Veränderungen der Reserven analysiert werden, sodass bspw. eine restrik- tive Geldpolitik einen Rückgang der Reserven zur Folge hat, und zwar durch den Ver- kauf von Wertpapieren der Zentralbank an die Geschäftsbanken. Banken können dann die Anforderungen an die Mindestreserven nicht länger erfüllen, sodass sie wiederum Wertpapiere an den Nichtbankensektor verkaufen, was letztendlich einen Rückgang der Geldmenge bewirkt. Der Verkauf von Wertpapieren an den Nichtbankensektor kann aber nur durch einen Zinsanstieg der Wertpapiere bewirkt werden, welcher negative Effekte auf die Realwirtschaft hat. Geldpolitische Effekte auf die gesamtwirtschaftli- chen Investitionen, den Konsum und die Spareinlagen können im „money view“ daher nur über Veränderungen der Zinssätze interpretiert werden (Bofinger et al., 1996, S.559; Bofinger et al., 1999, S.32; Bolton und Freixas, 2006, S.829).

Eine wesentliche Annahme dieses Ansatzes ist, dass liquide Mittel der Banken aus- schließlich in Wertpapiere angelegt werden, welche durch Emission von Depositengeld erworben werden. Der „money view“ ist daher identisch mit der Modellierung im IS/LM-Modell. Denn in diesem monetären Modell wird ebenfalls lediglich eine Unter- teilung in Wertpapiere und Geld vorgenommen und es werden keine spezifischen Transformationsfunktionen des Bankensystems zugelassen (Bofinger et al., 1996, S.559; Bofinger et al., 1999, S.32).

Die Wirkungsweise der Geldpolitik ist bei dieser Sichtweise, dahingehend beschränkt, dass die Notenbank nur über Offenmarktgeschäfte die Geldbasis verändern kann. Der „money view“ wird daher durch eine stark vereinfachte Modellstruktur charakterisiert und der Versuch darauf eine aussagekräftige Erklärung des Transmissionsprozesses aufzubauen ist zweifelhaft. Denn die besondere Bedeutung von Bankkrediten an den privaten Sektor ist nicht nur in Deutschland wesentlich höher als die Bedeutung von Wertpapieren (wie z.B. Staatsanleihen) (Bofinger et al., 1996, S.559f.). In Deutschland beträgt der Anteil der Bankkredite an Privatpersonen und inländische Unternehmen rund 2.458 Mrd. Euro. Kredite an öffentliche Haushalte (Staatsanleihen) betragen hin- gegen lediglich 574 Mrd. Euro (Deutsche Bundesbank, 2016, S.34+50).9 Es ist also festzuhalten, dass der „money view“ die Realität nicht sinnvoll abbilden kann und für eine detaillierte Analyse der geldpolitischen Transmission nicht ausreicht. Nach Neumann (1995, S.140) besteht daher kein Zweifel an der Existenz eines Kreditkanals, da weder die Existenz eines Kreditmarktes noch die Unterschiede zwischen den Finanz- aktiva bezüglich Transaktions- und Informationskosten bestritten werden können.

Der Zinskanal

Der Zinskanal (interest rate channel) stellt den bekanntesten Transmissionskanal der Geldpolitik dar. Er beschreibt die Wirkung geldpolitischer Maßnahmen auf die gesamtwirtschaftliche Nachfrage. Restriktive Maßnahmen der EZB, welche einen Anstieg des Leitzinses zur Folge haben, bewirken dass Banken einen Aufschlag verlangen und die (Kredit- und) Wertpapierzinsen steigen. Dadurch sinken die Investitionen und die gesamtwirtschaftliche Nachfrage wird gedämpft. Die gesamtwirtschaftlichen Investitionen stellen eine zinsreagible Nachfragekomponente dar, denn bei höheren Zinssätzen fordern die Investoren einen höheren Ertrag, sodass Investitionsprojekte, die vor der Zinserhöhung rentabel waren, nach der Zinserhöhung nicht mehr durchgeführt werden (Deutsche Bundesbank, 2014b; Hülsewig et al., 2002, S.1f.).

Eine weitere Komponente der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage, die durch Zinsände- rungen beeinflusst wird, ist der private Konsum. Da der relative Preis von gegenwärti- gem zu zukünftigem Konsum durch den Zinssatz repräsentiert wird, wird davon ausge- gangen, dass die Wirtschaftssubjekte bei erhöhten Realzinsen einen Anreiz haben auf den heutigen Konsum zu verzichten und mehr zu sparen. Der Konsum ist neben dem Einkommen auch vom Vermögen der Haushalte abhängig, sodass die Geldpolitik über Vermögenseffekte einen zusätzlichen Einfluss auf den Konsum hat. Ein geringerer Konsum dämpft wiederum (wie auch der Rückgang der Investitionen) die gesamtwirt- schaftliche Nachfrage (Deutsche Bundesbank, 2014b; Hülsewig et al., 2002, S.2).10

Auch wenn der Zinskanal nach Hülsewig et al. (2002, S.2) wenig umstritten ist, weisen empirische Studien von Kalckreuth (2001) und Mojon (2000) darauf hin, dass dieser Kanal, isoliert betrachtet, nicht ausreichend ist, um den Einfluss der Geldpolitik auf die gesamtwirtschaftliche Nachfrage darzustellen. Aufgrund dessen wird im Folgenden der Kreditkanal erläutert, über welchen sich geldpolitische Impulse parallel entfalten.

3.2.2 Der Kreditkanal

„Credit view“

Die Unzufriedenheit bezüglich der vereinfachten Sichtweise des „money view“ führte zur Entwicklung einer erweiterten Sichtweise des sogenannten „credit view“. Die Dar- stellung des Zusammenhangs im IS/LM-Modell innerhalb des „money view“ führt zu einer asymmetrischen Behandlung von Bankaktiva und Bankpassiva. Denn bei der Be- stimmung der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage wird Geld (Bankpassiva) eine zentrale Rolle zugeschrieben, während Bankkredite mit anderen Wertpapieren (Bankaktiva) zu einem „Bondmarkt“ zusammengefasst werden. Um dieses Ungleichgewicht zu beseiti- gen wurde die Annahme eines vollkommenen Kapitalmarktes aufgegeben und die Lite- ratur zum „credit view“ des Transmissionsmechanismus beschäftigte sich zunehmend mit Modellen, welche auf der realistischeren Annahme asymmetrisch verteilter Informa- tionen (unvollkommener Kapitalmarkt) beruhen, wodurch den Finanzintermediären als Bereitsteller von Bankkrediten und den speziellen Eigenschaften von Bankkrediten als solche eine besondere Bedeutung zukommt (Bernanke und Blinder, 1988, S.435). Stu- dien ergaben, dass Finanzintermediäre Informationsasymmetrien reduzieren und gleich- zeitig die dabei entstehenden Kosten bei der Bewertung und Überwachung von Kredit- nehmern minimieren können.11 Diese Kosten werden durch die Fremdfinanzierungs- prämie12 an die Bankkunden weitergegeben. Zudem sind Finanzintermediäre, aufgrund ihrer Fähigkeit Kreditnehmer zu überwachen, in der Lage Kredite an Kunden zu verge- ben, welche nur schwer oder keinen Zugang zu Krediten im freien Markt haben (Bern- anke und Blinder, 1992, S.901). Die resultierende Annahme begrenzter Substituierbar- keit zwischen Bankkrediten und anderen Wertpapieren führt bei einem geldpolitischen Impuls, der eine Reduzierung des Kreditangebots zur Folge hat, zu einer beschränkten Kreditvergabe. Bei dieser Annahme handelt es sich allerdings um eine notwendige und keine hinreichende Bedingung des kredittheoretischen Erklärungsansatzes der geldpoli- tischen Transmission. Es muss zudem die Annahme erfüllt sein, dass geldpolitische Impulse der Zentralbank einen direkten Einfluss auf das Angebot an Bankkrediten ha- ben. Dazu muss für Banken eine begrenzte Substituierbarkeit zwischen der Vergabe von Krediten und dem Ankauf von Wertpapieren bestehen (Bernanke und Blinder, 1988, S.436).

Es ist also festzuhalten, dass der sogenannte Kreditkanal des „credit view“ zwar parallel zum konventionellen Zinskanal im Rahmen des „money view“ wirkt, er sich aber inso- fern vom Zinskanal abgrenzt, dass er zusätzlich zur Bewegungen entlang der Nachfra- gekurve von Wertpapieren, aufgrund von Zinsänderungen, eine Verschiebung des Kre- ditangebots zur Folge hat (Tsatsaronis, 1995, S.154f.). Da also geldpolitische Impulse nun nicht mehr nur den Wertpapierzins, sondern auch das Kreditangebot bzw. den Kre- ditzins beeinflussen, kann eine restriktive Geldpolitik relativ große Wirkungen auf die Investitionen haben auch wenn die Notenbankzinsen nur wenig reagieren (Stöß, 1996, S.5). Allerdings hängt der Einfluss der Geldpolitik über den Zinskanal und den Kredit- kanal auf reale Größen von den Zinselastizitäten der Investitionen und den Substituti- onsbeziehungen zwischen Geld, Wertpapieren und Krediten ab. Die Substitutionsbezie- hungen bestimmen den Einfluss der Geldpolitik auf die Zinssätze von Wertpapieren und Krediten. Sofern die Investitionen jedoch nur wenig von den Zinssätzen der Kredite und Wertpapiere abhängen, ist die Wirkung der Geldpolitik über den Zins- und Kreditkanal schwach (Hilgert, 1996, S.25).

Die Wirkungsweise des Kreditkanals lässt sich in drei Kanäle zerlegen. Die beiden bekanntesten Kanäle sind der Bilanzkanal und der Bankkreditkanal. Nach der Einführung der Eigenkapitalrichtlinien in Europa und den USA, beschäftigte sich die Literatur zunehmend mit einem weiteren Kanal, dem Bankkapitalkanal.

Der Bilanzkanal

Für den Bilanzkanal (balance sheet channel) ist die Beeinflussung des Firmenvermö- gens durch die Geldpolitik von zentraler Bedeutung (Bernanke und Gertler, 1995, S.44f.). Eine restriktive Geldpolitik senkt das Firmenvermögen bzw. die Bonität des Unternehmens und schränkt den Zugang zu Bankkrediten ein (Stöß, 1996, S.6). Denn ein Zinsanstieg verschlechtert die Risikoeigenschaften potenzieller Kreditnehmer, in- dem der Barwert ihrer Aktiva, die als Sicherheiten verwendet werden, sinkt (Worms,

[...]


1 Die makroprudenzielle Politik hat das Ziel Systemrisiken zu begrenzen, sodass die Finanzmarktstabilität gewährleistet werden kann (Bank für Internationalen Zahlungsausgleich, 2010). Im Rahmen dieser Arbeit werden darunter primär die Eigenkapitalanforderungen verstanden.

2 Zur Bedeutung des Kreditgeschäfts der Banken: Gemäß der im Euro-Raum harmonisierten MFI- Zinsstatistik ist die Zinsmarge die wichtigste Einnahmequelle des gesamten Bankensektors und etwa 90% dieser Marge wird durch das Einlagen- und Kreditgeschäft erwirtschaftet (Deutsche Bundesbank, 2015a).

3 Ihre gesetzliche Grundlage ist das Kreditwesengesetz (KWG).

4 Siehe dazu Baseler Ausschuss für Bankenaufsicht (1988).

5 Der antizyklische Kapitalpuffer ist eine variable Kapitalreserve. Diese Reserve muss in wirtschaftlich guten Zeiten von Banken aufgebaut werden, damit Banken während wirtschaftlich schlechten Zeiten von ihr Gebrauch machen können. Der antizyklische Kapitalpuffer gewährleistet, dass die Kreditvergabe der Banken nicht reduziert werden muss (Europäische Kommission, 2011).

6 Die in Deutschland im Jahr 2006 implementierte Solvabilitätsverordnung (SolvV) und die Großkredit- und Millionenkreditverordnung (GroMiKV) wurden durch die CRR abgelöst (BaFin, 2014). 8

7 Der „credit view“ wird in Kapitel 3.2.2 näher erläutert.

8 Der Bankkredit ist daher ein vollkommenes Substitut zum Wertpapier. Entsprechend gilt: Wertpapierzins = Kreditzins

9 Stand März 2016

10 Expansive Maßnahmen der EZB wirken in die entgegengesetzte Richtung und bewirken einen Anstieg der Investitionen und des Konsums, sodass die gesamtwirtschaftliche Nachfrage steigt. 10

11 Für eine ausführliche Erläuterung des Zusammenhangs siehe Diamond (1984).

12 Die Fremdfinanzierungsprämie (auch externe Finanzierungsprämie genannt) ist die Differenz der Kosten von Außen- und Innenfinanzierung der Kreditnehmer. Diese Differenz ist grundsätzlich positiv, da Kreditgebern (Banken) zur Beseitigung von Informationsasymmetrien Kosten entstehen. Die Fremdfinanzierungsprämie, die ein Kreditnehmer zahlen muss, hängt negativ von seiner Bonität ab.

Ende der Leseprobe aus 55 Seiten

Details

Titel
Die Konsequenzen von Eigenkapitalanforderungen für die geldpolitische Transmission
Hochschule
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf
Note
1,3
Autor
Jahr
2016
Seiten
55
Katalognummer
V386537
ISBN (eBook)
9783668606098
ISBN (Buch)
9783668606104
Dateigröße
1474 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
konsequenzen, eigenkapitalanforderungen, transmission
Arbeit zitieren
Nicole Lehnen (Autor), 2016, Die Konsequenzen von Eigenkapitalanforderungen für die geldpolitische Transmission, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/386537

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Die Konsequenzen von Eigenkapitalanforderungen für die geldpolitische Transmission



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden