Die Christianisierung Südwestdeutschlands und angrenzender Gebiete im frühen Mittelalter

Interdisziplinäre Studie einer religiösen und sozialen Transformation


Forschungsarbeit, 2018
349 Seiten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung in die Thematik
1.1 Intentionen und Ergebnisse der vorliegenden Arbeit
1.2 Die bei der Christianisierung Südwestdeutschlands prägenden theologischen und kulturellen Einflüsse
1.3 Zur Bedeutung des Frühmittelalters für die europäische Geschichte
1.4 Die Zeit des Frühmittelalters in Südwestdeutschland und den angrenzenden Gebieten in der öffentlichen Wahrnehmung
1.5 Zur ethnologischen Nomenklatur

2 Zum Forschungsstand bezüglich der frühmittelalterlichen Christianisierung Europas
2.1 Die Beurteilung der Christianisierung und des damit zusammenhängenden kulturellen Umbruchs in der gegenwärtigen Diskussion
2.2 Die Christianisierung Europas, insbesondere Mitteleuropas im Lichte der neueren Forschung
2.3 Literatur zur derzeitigen Forschung
2.3.1 Arnold Angenendt
2.3.2 Lutz von Padberg
2.3.3 Torsten Capelle
2.3.4 Peter Brown
2.3.5 Richard Fletcher
2.3.6 Matthew Innes
2.3.7 Jacques Le Goff
2.4 Fazit des Durchgangs durch den Forschungsstand
2.5 Die Christianisierung Südwestdeutschlands im Blickwinkel der älteren Forschung

3 Räumliche und zeitliche Eingrenzung des Untersuchungsraums
3.1 Räumliche Eingrenzung des Untersuchungsraums
3.2 Zeitliche Eingrenzung des Untersuchungsraums

4 Vorgeschichte
4.1 Römische Herrschaft und erste germanische Landnahme im Raum des heutigen Südwestdeutschland, der Pfalz und des unteren Maingebiets
4.1.1 Die vorrömische Zeit
4.1.1.1 Die vorrömische Zeit des nachmaligen Dekumatenlandes
4.1.1.2 Die vorrömische Zeit der Pfalz und des unteren Maingebiets
4.1.2 Die römische Inbesitznahme
4.1.2.1 Die Inbesitznahme des nachmaligen Dekumatenlandes durch die Römer
4.1.2.2 Die Inbesitznahme der Pfalz und des unteren Maingebiets durch die Römer
4.1.3 Die Wirtschaft im Dekumatenland
4.1.4 Die römische Religion im Dekumatenland
4.1.5 Neue Siedler aus Innergermanien

5 Südwestdeutschland nach Rückverlegung des Limes durch die Römer
5.1 Der Abzug der Römer
5.2 Zurückbleibende Romanen
5.3 Neubesiedlung des Landes durch germanische Siedler
5.4 Zur Ethnogenese der Alamannen
5.4.1 Überlegungen der „Wiener Schule“ im Hinblick auf die Ethnogenese der Alamannen
5.5 Das Siedlungsgebiet der Alamannen
5.6 Alamannische Kriegszüge in der zweiten Hälfte des 5. Jahrhunderts
5.7 Pagane religiöse Vorstellungen bei den Alamannen

6 Die Entwicklung in der Pfalz und im unteren Maingebiet bis zum Jahr 500 65
6.1 Die Entwicklung in der Pfalz
6.2 Die Entwicklung im unteren Maingebiet

7 Ausbreitung des Christentums unter römischer Herrschaft und dessen Fortbestand über die Völkerwanderungszeit hinweg
7.1 Im rechtsrheinischen Gebiet
7.2 Im linksrheinischen Gebiet

8 Zur Christianisierung der Franken
8.1 Einleitende Überlegungen zur frühmittelalterlichen Christianisierung
8.2 Die fränkischen Alamannenkriege und ihre Folgen
8.3 Die Parallelisierung von Konstantin und Chlodwig
8.4 Die Bedeutung der Entscheidung Chlodwigs für das reichskirchliche und gegen das „arianische“ Christentum
8.4.1 Zur konfessionellen Nomenklatur
8.4.2 Die Taufe Chlodwigs als historische Weichenstellung
8.4.3 Der sogenannte „Arianismus“ in seiner Konfrontation mit dem reichskirchlichen Christentum
8.4.4 Sogenannter „Arianismus“ und Subordinatianismus bei den Germanen
8.5 Der Sieg der Franken über die Alamannen als Folge göttlichen Eingreifens .
8.6 Zur fränkisch-alamannischen Grenzziehung im frühen 6. Jahrhundert
8.7 Überlegungen zur Entstehung der Markgrafschaft Baden

9 Die Durchsetzung der Christianisierung in Südwestdeutschland und den angrenzenden Gebieten
9.1 Anfänge der Christianisierung der Alamannen
9.2 Die Situation in der Pfalz und im unteren Maingebiet nach 500
9.3 Die Reihengräberfelder und die Reihengräberkultur
9.3.1 Deutungsversuche zur Gestalt der Reihengräberfelder
9.3.2 Brandbestattungen auf Reihengräberfeldern als Ausnahmeerscheinungen
9.3.3 Das Ende der Reihengräberfelder
9.3.4 Bestattungen in älteren Grabhügeln

10 Grabbeigaben in den Reihengräbern und deren religiöse Bedeutung
10.1 Überlegungen zur Bedeutung von Grabbeigaben
10.2 Pagane Grabbeigaben
10.3 Amulettkapseln als synkretistische Grabeigaben
10.4 Christliche Grabbeigaben
10.4.1 Reliquiarschnallen
10.4.2 Brakteaten und andere Ziergegenstände
10.4.3 Goldblattkreuze
10.4.3.1 Die Beigabe von Goldblattkreuzen als langobardische Sitte
10.4.3.2 Deutung der Goldblattkreuze als „arianisch“
10.4.3.3 Sogenannter „Arianismus“ in Italien
10.4.3.4 Alternative Deutungen
10.4.3.4.1 Deutung der Goldblattkreuze als Zeichen der Zugehörigkeit zur Dreikapitelkirche
10.4.3.4.2 Deutung der Goldblattkreuze als Zeichen der Zugehörigkeit zum Mailänder Erzbistum
10.4.3.5 Goldblattkreuze in den Hofgrablegen
10.4.3.6 Abschließende Überlegungen zu den Goldblattkreuzen
10.4.4 Alltagsgegenstände mit christlichen Symbolen
10.4.5 Abgehauene Körperteile als Grabbeigaben
10.4.6 Pektoralkreuze und Zierscheiben mit Kreuzmotiven
10.5 Die Siedlungsstruktur der Reihengräberkultur

11 Errichtung der Kirchen
11.1 Kirchenbau als deutliches archäologisches Zeichen für die Christianisierung
11.2 Das Konzil von Vaison (529) und seine symptomatische Bedeutung
11.3 Kirchbauten und ältere pagane Kultstätten
11.4 Das Kirchengebäude in Abgrenzung von der naturräumlichen Umwelt
11.5 Ergebnisse der Kirchenarchäologie
11.6 Die Kirchen als Bestattungsplätze
11.6.1 Überlegungen zur Bestattung „ad sanctos“
11.6.2 Totenmemoria und Grabbeigaben
11.6.3 Die Grablege unter dem Frankfurter Dom
11.6.3.1 Die Hessigheimer Bestattung als Parallele
11.6.3.2 Das Lauffener Patrozinium als Parallele
11.6.4 Die Einheit „Kirche und Friedhof“ als Kristallisationspunkt für die Siedlungen

12 Die Pfalz und das untere Maingebiet nach 500 n. Chr. 165
12.1 Zum Stand der archäologischen Forschung
12.2 Die Ausgrabungen von Dirmstein und Eppstein
12.2.1 Die Funde von Dirmstein
12.2.2 Die Funde von Frankenthal-Eppstein
12.3 Überlegungen zur Entwicklung in der Pfalz und im unteren Maingebiet

13 Die Bedeutung des Mönchtums für die Christianisierung des Untersuchungsraums
13.1 Die Bedeutung des irischen Mönchtums
13.2 Die Klöster der benediktinisch-columbanischen Richtung
13.3 Die Wirksamkeit Pirmins
13.4 Das Wirken des Mönchtums in Bezug auf das der Bischöfe und des Adels

14 Die Bedeutung der Bistümer
14.1 Bistum und Stadt
14.2 Errichtung und Wiedererrichtung der Bistümer
14.3 Die Rolle der einzelnen Bistümer
14.3.1 Bistum Mainz
14.3.2 Bistum Worms
14.3.3 Bistum Speyer
14.3.4 Bistum Straßburg
14.3.5 Bistum Basel
14.3.6 Bistum Konstanz
14.3.7 Bistum Augsburg
14.3.8 Bistum Würzburg
14.4 Grundsätzliche Überlegungen zur Grenzziehung der Bistümer

15 Der Adel als Träger der Christianisierung
15.1 Grundsätzliches
15.2 Die „Eigenkirche“

16 Überlegungen zur Bedeutung der Taufe

17 Niederschlag dieses Prozesses der Christianisierung in Pactus und Lex Alamannorum

18 Die Bedeutung der Patrozinien
18.1 Grundsätzliches zur Funktion der Patrozinien
18.2 Besonders wichtige Patrozinien des Untersuchungsraumes
18.3 Aufschlüsselung einer konkreten Patrozinienlandschaft am Mittleren Neckar
18.3.1 Bedn den Neckar
18.3.2 Die Patrozinien und ihre Bezüge
18.3.3 Ortsliste
18.3.4 Zusammenfassende Überlegungen

19 Neuer Einsatz der Mission unter den Karolingern chlichen Struktur
19.1 Die angelsächsischen Mönche
19.2 Zur theologischen Orientierung des Bonifatius
19.3 Organisatorischer Abschluss der Christianisierung

20 Paganismus und Christentum in gegenseitiger Abgrenzung und Durchdringung
20.1 „Indiculus superstitionum et paganiarum“
20.2 Zum Problem einer Übergangszeit zwischen Christentum und Paganismus

21 Die Christianisierung als kulturelle, soziale und wirtschaftliche Umformung
21.1 Grundsätzliche Überlegungen
21.2 Die Ausbreitung des Systems der Grundherrschaft
21.2.1 Überlegungen Werner Röseners zur Entstehung des Dorfes und der Grundherrschaft
21.2.2 Überlegungen Ludolf Kuchenbuchs zur Entstehung der Grundherrschaft
21.2.3 Überlegungen Thomas Zotz` zur Grundherrschaft
21.3 Siedlungskonzentration und Verdorfung im Zusammenhang der Christianisierung
21.4 Die Entwicklung zur Dreifelderwirtschaft
21.4.1 Erkenntnisse Willi Müllers
21.4.2 Weiterführende Überlegungen zu Müllers Einsichten im Licht neuerer Forschung
21.4.3 Neuere Forschungen zur frühmittelalterlichen Siedlungskonzentration
21.4.3.1 Erkenntnisse Eva Stauchs und Karl Banghards
21.4.3.2 Erkenntnisse Rainer Schregs
21.4.3.3 Zusammenfassende Überlegungen
21.5.1 Einzelne Fragestellungen
21.5.1.1 Erklärung für die Vergrundholdung
21.5.1.2 Erklärung für die frühmittelalterliche Siedlungskonzentration
21.5.1.3 Entstehung des Eigenkirchenwesens
21.5.1.4 Plünderung der Gräberfelder durch die Angehörigen der Bestatteten

22 Überlegungen zur Entstehung der Grundherrschaft als Teil der durch die Christianisierung bedingten gesellschaftlichen Transformation
22.1 Theologische Überlegungen
22.2 Überlegungen zur Oralität der Grundherrschaft
22.3 Sprachgeschichtliche Beobachtungen
22.4 Zusammenfassung

23 Überlegungen zur Veränderung der Stellung der Frau als Teil der durch die Christianisierung erursachten gesellschaftlichen Transformation

24 Ertrag

Literaturverzeichnis

1. Quellen

2. Lexika und andere Nachschlagewerke

3. Sekundärliteratur

1 Einleitung in die Thematik

In den vergangenen Jahren hat durch archäologische Grabungen und die dabei gewonnenen Erkenntnisse der Wissensstand über die Besiedlung Südwestdeutschlands in der Zeit des Frühmittelalters erheblich zugenommen. Als Beispiel dafür sollen an dieser Stelle die in Lauchheim gemachten Ausgrabungen erwähnt werden. Mit diesem gewachsenen Erkenntnisstand rückte auch ins Blickfeld, wie diese hauptsächlich alamannische, zum Teil fränkische Bevölkerung in der Zeit des 6.-9. Jahrhunderts von der angestammten paganen Religion zum Christentum überwechselte und im Zuge dieses Prozesses eine neue gesellschaftliche Ordnung entstand. Diese ist zu verstehen als Teil der Aneignung der antiken Kultur und der Religion des Christentums durch die sich herausbildende mittelalterliche Gesellschaft[1] in einem werdenden Europa, das vorrangig nicht als geographischer, sondern als kultureller Begriff zu gelten hat.

1.1 Intentionen und Ergebnisse der vorliegenden Arbeit

Die vorliegende Arbeit will es zunächst unternehmen, zu einer Darstellung des Standes der Forschung zu kommen. Hierbei ist das in den vergangenen circa 25 Jahren stark vermehrte Wissen über die Zeit des europäischen Frühmittelalters aufzunehmen. Dieses Wissen ist vor allem den Bereichen der Geschichtswissenschaften, der Archäologie, der Religionswissenschaft bzw. Theologie und der Agrarwissenschaft zuzuordnen.

Niemand würde heute noch ernsthaft die Zeit von 566–1095 als „Das finstere Mittelalter“ bezeichnen, wie es in einer Kapitelüberschrift der 1978 herausgegebenen deutschen Übersetzung eines Buches von Will Durant geschah.[2] Der 2009 mit Tagungsbeiträgen der Arbeitsgemeinschaft „Spätantike und Frühmittelalter“ erschienene Band „Dunkle Jahrhunderte in Mitteleuropa?“ setzt immerhin ein Fragezeichen hinter diesen Titel.[3]

In der vorliegenden Arbeit soll versucht werden, zu einer Integration von Erkenntnissen der verschiedenen Wissenschaften und zu einer Gesamtschau des gegenwärtigen Wissens zu kommen. Ein weiteres Ziel soll es dabei sein, die für die Wissenschaft noch offenen Fragestellungen in den Blick zu nehmen und gegebenenfalls die Richtung möglicher Lösungen zu skizzieren.

Der Verfasser möchte nicht verhehlen, dass er nicht nur evangelischer Theologe und Kirchenhistoriker, sondern auch Profanhistoriker ist. Insofern es so etwas wie objektive und vorurteilsfreie Wissenschaft nicht gibt, ist es angezeigt, sich über den eigenen kulturellen und religiösen Hintergrund Rechenschaft zu geben, auch um im Feld des Frühmittelalters und der europäischen Christianisierung nicht unreflektiert die eigene Weltanschauung einfließen zu lassen. Es ist dürfte kaum zu vermeiden sein, dass sie einfließt und die Darstellung der Geschehnisse und das Verständnis der historischen Prozesse prägt.

Umso wichtiger ist die Selbstreflexion über die eigene kulturelle und religiöse Herkunft. Gerade die Prägung des Verfassers durch die Theologie Friedrich Daniel Schleiermachers und damit verbunden die Frage nach der kulturellen Prägekraft der christlichen Botschaft wird die Darstellung durchziehen. In seinem „Zweiten Sendschreiben an Lücke“ formuliert Schleierrmacher[4] als zentralen Programmpunkt seiner Theologie: "Soll der Knoten der Geschichte sich so lösen, dass die Wissenschaft mit dem Unglauben und das Christentum mit der Barbarei geht?". Diese Frage ist eine rhetorische Frage und insofern nur mit einem „Nein“ zu beantworten.

Christlicher Glaube prägt das Leben der Menschen, erschafft eine neue Form des Zusammenlebens, er prägt damit Kultur und führt aus der Barbarei. Er führt die Menschen zu einem besseren Zusammenleben im Geiste des Jesus von Nazareth. Diesen Vorgang erkennt der Verfasser auch als in gewisser Weise Wirklichkeit geworden in den im Folgenden beschriebenen Ereignissen des Frühmittelalters. Unter diesem Blickwinkel ist die vorliegende Arbeit verfasst – und es wird der Anspruch erhoben, hier nicht etwas in diese Geschehnisse hineinzulesen, sondern das Wesen dieser Umformung, dieses kulturelle Neuwerdens Europas nach der Völkerwanderung durchaus angemessen erfasst zu haben.

Diese Arbeit versucht, historische, archäologische, theologische und ökonomische Erkenntnisse interdisziplinär aufzunehmen und dabei zu einem Bild der bei der Christianisierung Südwestdeutschlands im frühen Mittelalter wesentlichen Aspekte zu kommen. Erkennbar wird eine tiefgreifende religiöse, kulturelle, mentale, ökonomische und politische Umformung, durch die sich in und nach der zu Ende gehenden Völkerwanderungszeit die mittelalterliche Gesellschaft bildete.

Zwar wird dieser Prozess einerseits betrachtet im räumlich begrenzten Südwestdeutschland und in an dieses angrenzenden Gebieten und unter den spezifischen Gegebenheiten dieser Regionen, aber andererseits wird dahinter ein Prozess sichtbar, der das ganze fränkische Reich und darüber hinaus große Teile des geographischen Europas erfasste und diese zu einer kulturellen und wirtschaftlichen Einheit formte.

Richtungweisend dürfte dabei die Entwicklung sein, die Jacques Le Goff in seinem Werk „Die Geburt Europas im Mittelalter“ aufzeigt.[5] Er spricht dabei von einer Neustrukturierung des christlichen Raums und bezeichnet diese im Anschluss an Robert Fossier als „encellulement“. Man kann diesen Begriff meines Erachtens durchaus sachgerecht als „Einzellung“ übersetzen. Es geht Fossier um die Einbindung des mittelalterlichen Menschen in seine jeweilge Zelle, zu der die Burg, die Grundherrschaft, das Dorf und die Pfarrei gehören.

Der Begriff der Feudalherrschaft greift hier zu kurz, da er den Blick nur auf die Rechtsverhältnisse richtet und nicht auf diese Form von Zugehörigkeit und Zusammengehörigkeit, die zum System der durch das Christentum geprägten Grundherrschaft gehörten und die das Ergebnis eines kulturellen Prozesses darstellten.

In diesem Prozess wurde der Grund zur abendländischen Kultur gelegt ausgehend vom Gedanken gemeinsamen Wirtschaftens, gegenseitiger Verpflichtung, einer religiösen Haltung, die Grenzen transzendiert, die nicht Halt macht vor sprachlichen, ethnischen und kulturellen Schwellen. Es kommt, wie Le Goff es formuliert[6], zur Verknüpfung der potentiellen Einheit mit einer fundamentalen Vielfalt. Die Ausbildung dieser Mentalität bezeichnet Le Goff als wesentlichen Zug der Genese Europas als Realität und als Idee.

Hier wurde ein europäischer corpus, eine europäische familia geformt - und dies geschah ausgehend von der Taufe einer ehedem paganen Bevölkerung „im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes“.

In der vorliegenden Arbeit werden zunächst Forscher und deren Arbeiten skizziert, die für die Erforschung der europäischen Christianisierung bedeutsam sind. Dabei wird ein Augenmerk auf deren jeweilige kulturelle und weltanschauliche Prägung gerichtet werden. Nach einem kurzen Durchgang durch die ältere Forschung zur Geschichte der Christianisierung Südwestdeutschlands wird die Vorgeschichte, d.h. die römische Zeit, insbesondere im Hinblick auf religiöse Fragestellungen thematisiert. Es wird dabei auch um die Beziehungen zwischen dem römisch-spätantiken und dem frühmittelalterlichen Christentum gehen.

Darüber hinaus werden Fragen nach dem Charakter des frühmittelalterlichen Christentums zu stellen sein. Es wird dabei darum gehen, den Charakter dieses Christentums in Bezug auf reichskirchliche Positionen und auf solche des sogenannten „Arianismus“ zu fassen.

In hohem Maße werden bei der Darstellung der Reihengräber und der Grabbeigaben der dort Bestatteten archäologische Erkenntnisse einbezogen. In den hier erkennbar werdenden Bestattungssitten ist am stärksten die erste Christianisierung des Untersuchungsraumes zu fassen. Dabei werden neue Überlegungen zur Gestalt der Reihengräberfelder und zur Interpretation der Goldblattkreuze als eines besonderen Typus von Grabbeigaben vorgelegt. In diesem Zusammenhang werden auch verschiedene Möglichkeiten der religiösen Deutung und Zuordnung dieser Sitte vorgestellt werden.

In einem weiteren Schritt werden Ergebnisse der Kirchenarchäologie und über den jetzigen Forschungsstand hinausgehende Überlegungen zum Verhältnis zwischen Grab, Kirche und Siedlung vorgestellt. Davon ausgehend werden Vorschläge zur Interpretation der Funde bei Grabungen unter dem Frankfurter Dom und in Hessigheim, Krs. Ludwigsburg gemacht.

Ausgehend von den verschiedenen Akteuren der Klöster, der Bistümer und des Adels als Träger des Prozesses der Christianisierung wird dieser in einem weiteren Gedankengang thematisiert, wobei die zentrale Rolle des Adels in dieser Entwicklung sichtbar wird.

Des Weiteren wird versucht, die Patrozinien als Text, als religiöse Struktur zu verstehen, die über die Landschaft gelegt wird. Dies wird an dem konkreten Beispiel der Patrozinienlandschaft am Mittleren Neckar exemplifiziert.

Das Fortschreiten der Christianisierung unter den Karolingern soll ein eigenes Thema sein. Ein Schwerpunkt ist dabei die Auseinandersetzung zwischen paganer und christlicher Frömmigkeit. Dabei werden auch neue Überlegungen zur Bedeutung der Heiligenverehrung in ihrer Bedeutung zwischen eucharistischem Gottesdienst und paganem Kult angestellt.

In einem weiteren Gedankengang soll es darum gehen, die Christianisierung nicht nur als religiöses, sondern auch als soziales und ökonomisches Phänomen zu begreifen. Dabei wird es um die Entstehung der Grundherrschaft gehen und darum, sie als spezifischen Ausdruck der Christianisierung zu verstehen. Damit in einem engen Zusammenhang stehen die Verdorfung und Siedlungskonzentration. Hierbei ist die zeitliche Einordnung dieses Prozesses zu diskutieren.

Einige weitere Fragestellungen, die im Zusammenhang des bis dahin Vorgelegten auftauchen, werden in einem letzten Abschnitt aufgegriffen und runden das bis dahin Gesagte ab.

1.2 Die bei der Christianisierung Südwestdeutschlands prägenden theologischen und kulturellen Einflüsse

Es ist deutlich zu erkennen, dass durchaus verschiedenartige Einflüsse von Anfang an das Christentum im Norden und Osten des Frankenreichs geprägt haben und darum nicht von einer einheitlichen Gestalt und Ausrichtung dieser Religion gesprochen werden kann. Diese verschiedenen Einflüsse sind auch im Untersuchungsraum wirksam geworden. Susanne Hausammann zählt vier verschiedene „unterschiedlichste“ religiösen Kulturen auf, die in diesem Prozess von Bedeutung gewesen seien: a) Die Überreste des römischen Christentums an Rhein und Mosel aus dem 4.-5. Jahrhundert, b) die aus Irland und Schottland stammende Klosterkultur der „Peregrinatio“ des 6.-8. Jahrhunderts, c) die fränkisch-burgundische und fränkisch-westgotische Kultur, mitbeeinflusst von den iro-fränkischen Klöstern des 7./8. Jahrhunderts, d) die aus den angelsächsischen Klöstern Englands stammenden, römisch gesinnten Missionare und Kirchenorganisatoren.[7]

Wenn wir die Zersplitterung und Zerrissenheit, die Ruhelosigkeit und Heimatlosigkeit, die Aggressivität und die soziale und wirtschaftliche Unterdrückung vieler Menschen ansehen, also die vielerlei Nöte, unter denen die europäischen Menschen in der Völkerwanderungszeit zu leiden hatten, dann erkennen wir hier einen Prozess, in dem die europäischen Völker zu einer gewissen Einheit fanden und damit für sie eine neue Zeit anfing.

1.3 Zur Bedeutung des Frühmittelalters für die europäische Geschichte

In seiner Wirtschafts-und Sozialgeschichte Deutschlands spricht Friedrich-Wilhelm Henning von dem Rückschlag, den das germanische Gebiet außerhalb des Römischen Reichs durch die Völkerwanderungszeit erlitten habe. „Insgesamt war nicht nur der Rückschlag der Entwicklung, der Rückfall in naturalwirtschaftliche Vorgänge, sondern auch das Fehlen aus der neuen Struktur kommender Anregungen für die Gestaltung der wirtschftlichen und der sozialen Verhältnisse entscheidend.“[8] Erst mit dem Karolingerreich sieht Henning eine neue Ordnung entstehn, die diese Rückschläge durch die Völkerwanderungszeit überwindet innerhalb „dessen, was man als Feudalsystem bezeichnet.“[9]

Das Frühmittelalter soll somit nicht als der Anfang eines „dunklen Mittelalters“ begriffen werden, sondern der Beginn einer Epoche Europas, in der es für die Masse der Menschen in vielerlei Hinsichten bessere Lebensbedingungen gegeben hat, als es zuvor der Fall gewesen war. So dürfte das christlich legitimierte Königtum den Menschen des Frühmittelalters als die zukunftsweisende Form der Herrschaftsausübung erschienen sein im Gegensatz zu der Herrschaft der „warlords“ der Völkerwanderungszeit, die aus ihrer Gewalttätigkeit und ihrem Erfolg bei Krieg und Raubzug heraus ihre Legitimation beziehen mussten.

1.4 Die Zeit des Frühmittelalters in Südwestdeutschland und den angrenzenden Gebieten in der öffentlichen Wahrnehmung

Dokumentiert wird dieser neue Wissensstand und das damit verbundene verstärkte öffentliche Interesse an der Thematik neben einer Reihe weiterer einschlägiger Veröffentlichungen der vergangenen Jahre vor allem durch

a) die Alamannenausstellung, die 1997 in Stuttgart und in der Folgezeit an verschiedenen Orten in Südwestdeutschland und in benachbarten Regionen gezeigt wurde,[10]
b) durch den zugehörigen Ausstellungsband „Die Alamannen“, dessen Herausgabe vom Archäologischen Landesmuseum Baden-Württemberg verantwortet wurde,[11]
c) durch den Band „Die Alemannen und das Christentum“, herausgegegen von Sönke Lorenz und Barbara Scholkmann, der die Vorträge einer Tagung, die begleitend zur Alamannenausstellung 1997 in Stuttgart-Hohenheim zu diesem Thema stattfand, zusammenfasste. Diese Tagung wurde von verschiedenen wissenschaftlichen Institutionen Baden-Württembergs, die sich mit archäologischen und historischen Fragen befassen, durchgeführt,[12]
d) durch die Eröffnung des Alamannenmuseums in Ellwangen im Jahre 2001, in dessen Zentrum die Lauchheimer Ausgrabungen stehen,[13]
e) durch die Ausstellung „Die Franken – Wegbereiter Europas“, die 1996 und 1997 in Mannheim, Paris und Berlin gezeigt wurde, f) durch den Begleitband zu der gleichnamigen Ausstellung, der vom Reiss-Museum Mannheim herausgegeben wurde,
g) durch die Baden-Württembergische Landessausstellung 2005/2006 in Stuttgart und Karlsruhe unter dem Oberthema „Imperium Romanum“, wobei die Karlsruher Ausstellung besonders unter dem für vorliegende Arbeit relevanten Thema “Römer, Christen, Alamannen – Die Spätantike am Oberrhein“ stand,
h) durch die beiden Begleitbände, die jeweils die Stuttgarter bzw. die Karlsruher Ausstellung dokumentieren und aktuelle Forschungsergebnisse zur Zeit der Spätantike in Baden- Württemberg und angrenzenden Gebieten vorlegen.

Über diese Ausstellungen und ihre Begleitliteratur hinaus gibt Walter Pohl in seinem Buch „Die Germanen" einen ausführlichen Überblick über die zu den Alamannen erschienene neuere Forschungsliteratur wie zum Beispiel „Die Geschichte der Alemannen“ von Dieter Geuenich und die siebenbändige Reihe „Quellen zur Geschichte der Alamannen“. Dabei ist zu bemerken, dass Pohl die Bezeichnung „Alemannen“ verwendet[14].

Durch diese neuere Literatur seien laut Pohl Geschichte und Kultur der Alamannen gut zugänglich geworden. In seinem Bericht über die Forschung zu den Alamannen in den letzten Jahren[15] stellt er die Frage nach deren Ethnogenese in den Vordergrund. Die Frage nach deren Christianisierung bleibt in Pohls Forschungsbericht unerwähnt. Dies schon dürfte den Bedarf nach eingehender Behandlung dieses Prozesses deutlich anzeigen.

1.5 Zur ethnologischen Nomenklatur

Zur Nomenklatur ist Folgendes zu Beginn der Arbeit festzuhalten: Die Benennung der vor allem aus germanischen Siedlern in Südwestdeutschland und im angrenzenden linksrheinischen Gebiet hervorgegangenen frühmittelalterlichen Ethnie schwankt in der Forschung zwischen „Alemannen“ und „Alamannen“.[16] In vorliegender Arbeit werden beide Bezeichnungen verwendet werden, und zwar „Alemannen“ nur dann, wenn dieser Begriff in Zitaten oder Buchtiteln erscheint und so von deren Verfasserinnen bzw. Verfassern gewählt worden ist. Ansonsten wird durchgängig die Bezeichnung „Alamannen“ benutzt werden.

2 Zum Forschungsstand bezüglich der

frühmittelalterlichen Christianisierung Europas

2.1.1 Die Beurteilung der Christianisierung und des damit zusammen- hängenden kulturellen Umbruchs in der gegenwärtigen Diskussion

In ihrem Vorwort zu „Die Alemannen und das Christentum“ bemerken Sönke Lorenz und Barbara Scholkmann, dass die Christianisierung der Alamannen begleitet gewesen sei von einem einschneidenden Wandel, der den südwestdeutschen Raum auf Dauer in die europäische Kulturlandschaft einfügte. Lorenz und Scholkmann weisen darauf hin, dass die Christianisierung Südwestdeutschlands ermöglicht habe, dass mit ihr die „Alamannia“ dem universalen Kulturträger des Mittelalters, der Kirche, offengestanden habe.[17] Dieser Raum schließt sich einem religiös bestimmten Wertesystem an und findet damit zur Gemeinschaft über den engeren Horizont hinweg.

Wenn wir heute von einem immer weiter voranschreitenden Zusammenschluss Europas reden, dann ist auch von großer Bedeutung der Blick auf diese Bewegungen, die den europäischen Kulturraum schufen. Es gilt, diese geistigen Kräfte zu verstehen, die den einzelnen Völkern und regionalen Kulturen in der ausgehenden Völkerwanderungszeit und im Verlauf des Frühmittelalters den Anschluss an eine europäische Gemeinschaft ermöglichten. Dabei wurden nationale und kulturelle Grenzen überschritten sowie das Erbe der Antike weitergereicht und entwickelt.

In diesem Zusammenhang bedenkenswert sind die kritischen Einwände, die Patrick J. Geary gegen die retrospektive Betrachtung des europäischen Frühmittelalters durch heutige Historiker und Politiker erhebt.[18] Er weist darauf hin, dass die Interpretation der Zeitphase zwischen ca. 400 und 1000 zentral sei für die Debatte um die politische Bewältigung der heutigen Wanderungsbewegungen, mit denen die europäischen Staaten konfrontiert seien. Diese Epoche, in der das römische Imperium unterging und die „Barbaren“ zu ihren Wanderungen aufbrachen, wird – laut Geary – zum Drehpunkt des Diskurses, der weite Teile Europas erfasst hat. Zur Illustration führt Geary die Äußerung des damaligen Führers der Front National in Frankreich, Jean-Marie Le Pen, an, der Fürsprecher sein wolle für das französische Volk, das angeblich „mit der Taufe Chlodwigs im Jahre 496 geboren wurde“.[19]

Erwähnenswert erscheint in diesem Zusammenhang auch die Ansicht, die Herwig Wolfram[20] im Hinblick auf die Ursache der Völkerwanderung vertritt: Er legt die These vor, dass die allgemeine Friedlosigkeit der barbarischen Völker, worunter wohl bei Herwig im Wesentlichen die germanischen Völker zu verstehen sein dürften, diese Wanderungen ausgelöst habe. Nicht eine Bevölkerungsvermehrung oder ungeheuere Naturkatastrophen hätten diese Wanderungen ausgelöst, sondern die Ausgesetztheit der barbarischen Gesellschaft, die sich ständig im Krieg mit dem nächsten Dorf, dem nächsten Clan befunden habe. Die Überlieferung dieser Völker lege daher Wert auf die „Taten tapferer Männer“.

2.2 Die Christianisierung Europas, insbesondere Mitteleuropas im Lichte der neueren Forschung

Die Christianisierung Südwestdeutschlands kann nur verstanden werden als Teil eines größeren kulturellen Umbruchs, der die Völker des größten Teils Europas am Ende der Völkerwanderungszeit erfasste. Auf römischen Reichsboden waren wandernde, insbesondere germanische Volksgruppen auf antiken Kulturboden vorgedrungen und hatten die alte Ordnung einerseits verdrängt, andererseits ganz oder teilweise übernommen.

Im Zuge der von der christlichen Kirche und von mit ihr verbundenen politischen Repräsentanten durchgesetzten religiösen Neuorientierung kam es zu einer tragfähigen kulturellen und politischen Neuorganisation in den betroffenen Ländern Europas. Als Teil dieses Prozesses ist die Christianisierung Südwestdeutschlands und seiner Nachbargebiete zu sehen. Es geht in der vorliegenden Arbeit nicht darum, die Christianisierung dieser Region als einen isolierten Prozess anzusehen, sondern darum, diesen europaweiten religiösen und kulturellen Umbruch in seiner regionalen Besonderheit und spezifischen Ausprägung zu erfassen.

2.3 Literatur zur derzeitigen Forschung

Zunächst sollen wichtige neuere Werke zur Christianisierung Europas, die in deutscher Sprache erschienen sind, vorgestellt werden. Daran schließen sich solche aus dem Bereich der angelsächsischen und französischen Forschung an.

Von großer Bedeutung für den Bereich des Frühmittelalters sind die Arbeiten Arnold Angenendts, wobei besonders „Das Frühmittelalter. Die abendländische Christenheit von 400 bis 900“ zu erwähnen ist.

Anzuführen sind auch die Arbeiten Lutz von Padbergs „Die Christianisierung Europas im Mittelalter“ und „Die Inszenierung religiöser Konfrontationen“. Sehr beachtenswert ist auch das 2005 erschienene Werk des auf Skandinavien spezialisierten Münsteraner Archäologen Torsten Capelle „Heidenchristen im Norden“, das die Christianisierung bzw. den gleitenden Übergang vom Paganismus zum Christentum vor allem in Skandinavien sowie in Norddeutschland zum Thema hat.

Als Beitrag aus dem englischsprachigen Bereich ist vor allem das Werk Peter Browns von Bedeutung. Dieses wird vertreten durch „Divergent Christendoms. The Emergence of a Christian Europe, 200-1000 A.D.”, auf Deutsch erschienen unter dem Titel “Die Entstehung des christlichen Europa”. Mit Richard Fletcher und Matthew Innes werden weitere Vertreter der angelsächsischen Forschung zu beachten sein.

Ein Blick auf Jacques Le Goff mit seinem Werk „Der Gott des Mittelalters“ wird die Darstellung des erreichten Forschungsstandes beschließen.

2.3.1 Arnold Angenendt

Als erster für die deutschsprachige Forschung zum Frühmittelalter im mitteleuropäischen Raum ist Arnold Angenendt, emeritierter Professor für Mittlere und Neuere Kirchengeschichte an der Universität Münster, zu nennen. Er ist von Haus aus katholischer Theologe und Priester. 1990 legte er in 1. Auflage sein Buch „Das Frühmittelalter – Die abendländische Christenheit von 400 bis 900“ vor.

Auch wenn Angenendt nicht wie von Padberg die Missionierung und Christianisierung der paganen Welt in den Mittelpunkt seiner Arbeit stellt, so zeigt doch schon der Untertitel seiner Arbeit, dass die Frage nach der Gestaltwerdung der Christenheit innerhalb der christlichen Kirche von ihm als zentrales Thema des Frühmittelalters begriffen wird. Dabei legt er mehr Wert auf das Leben der Kirche im Inneren als auf ihre Mission nach außen. Die europäischen Randgebiete erscheinen bei ihm nur am Rande der Darstellung. Das Hauptaugenmerk ist auf das fränkische Reich und dessen innere Entwicklung gerichtet. Nicht Europa, sondern das Abendland als Gegensatzbegriff zum Morgenland ist der geographische Raum seiner Darstellung.

Insofern kann gesagt werden, dass Angenendt der Quellenlage folgt. Die literarisch gut bezeugten Ereignisse und geistigen Entwicklungen, also das, was die schriftlichen Quellen zu überliefern wünschen, steht im Mittelpunkt seiner Betrachtung.

Die Mission wird eigens im § 73 thematisiert[21], wobei Angenendt den kollektiven Entscheid ganzer Stammesgesellschaften für das Christentum in den Vordergrund stellt. Die Mission nahm dabei gemeinhin ihren Weg „von oben nach unten“, vom König zum gemeinen Volk. In der Frage nach dem stärkeren Gott und nach der höheren Kultur sieht Angenendt die Hauptmotive für den Religionswechsel. Man war interessiert an der Brauchbarkeit der neuen Religion für die eigene Lebensbewältigung. Die Christianisierung Alamanniens wird bei Angenendt nicht gesondert erörtert.

Es gibt nur einen kleinen Abschnitt über das Herzogtum Alamannien, in dem über die vermutlich unter Herzog Landfrid entstandene „lex alamannorum“ berichtet wird. Angenendt betont, dass in diesem Gesetzeskorpus die Rechtsstellung der Kirche im Vordergrund stehe. Daneben erwähnt Angenendt die Rolle der Klöster von St. Gallen und der auf der Reichenau, sowie die ihnen zugehörigen bedeutenden Mönche wie etwa Gallus und Pirmin. Auch diese eher eingeschränkte Sichtweise auf die Ereignisse in Südwestdeutschland schmälert die Bedeutung von Angenendts Arbeit für die vorliegende Darstellung.

Für die Thematik der vorliegenden Arbeit sind von besonderer Bedeutung das Kapitel in Angenendts Werk „Geschichte der Religiosität im Mittelalter", das sich mit der Zeit des Frühmittelalters befasst[22], und noch mehr der Aufsatz „Die Liturgie und die Organisation des kirchlichen Lebens auf dem Lande“[23].

Angenendt betont dabei einerseits die geschwächte Theologie, das deutliche Absinken des geistigen Niveaus in der Theologie zumindest vor der karolingischen Renaissance. Dies habe zum einen zum Ritualismus, zur formalen Übernahme und Weitergabe von Inhalten, die nicht mehr wirklich realisiert wurden, geführt und das habe dann weiterhin zu einer Betonung des Segensverlangens, zu einer Auffüllung des christlichen Glaubens mit allgemeinreligiösen Vorstellungen geführt: Die Religiosität sei nicht mehr theologisch gesteuert, sondern mit „urtümlichem Religionsmaterial und einfachen Deutungsmustern“ angereichert gewesen.[24]

Dieser negativen Bewertung der frühmittelalterlichen Religiosität steht Angenendts Aufsatz über die Liturgie und die Verbreitung des kirchlichen Lebens auf dem Lande gegenüber. In diesem Aufsatz will er die große Leistung des Frühmittelalters in der Ausbreitung des Christentums im ländlichen Raum und die Stärke eines zwar ritualisierten, aber in der Ritualisierung zur Weitergabe der Tradition befähigten Gottesdienstes würdigen.[25] Auf die erhebliche Bedeutung dieses Aufsatzes von Angenendt gerade für das Verständnis der Christianisierung der Menschen in der Weite des Landes wird an entsprechender Stelle noch näher einzugehen sein.

2.3.2 Lutz von Padberg

1998 erschien eine überblicksweise Darstellung der Christianisierung Europas von Lutz von Padberg, der damals noch Dozent an der evangelikal orientierten „Freien Theologischen Akademie“ in Gießen war. Inzwischen ist von Padberg Professor für Mittelalterliche Geschichte an der Universität Paderborn.

Von Padberg stellt die Frage nach dem Werden Europas durch die Christianisierung ins Zentrum der Darstellung. Europa entstehe erst, so unter Berufung auf Arnold Angenendt, durch die Missionierung, durch diesen Prozess des Übergangs vom Paganismus zum Christentum. Aus disparaten Stämmen und Kulturen sei im Verlauf von tausend Jahren durch den Einfluss der Missionierung eine innere Einheit geworden. „Die Mission also war es, die im Mittelalter die Fundamente Europas gelegt hat.“[26]

Dieses Werden darzustellen, ist das Ziel dieser Untersuchung. Im Zusammenhang vorliegender Arbeit von Bedeutung ist, dass die Christianisierung Südwestdeutschlands bzw. der Alamannen nicht eigens thematisiert wird. Eine breite Bedeutung gewinnt hingegen die Integration europäischer Randvölker in den corpus christianus, der durch die Christianisierung der Franken bzw. die Taufe ihres Königs Chlodwigs begründet worden war: „Der Beginn in Reims“ heißt die einschlägige Kapitelüberschrift.[27]

Die Christianisierung dieser Randvölker sieht von Padberg vor allem als Folge des Wirkens der mit Rom, d.h. mit dem Papsttum, verbundenen Glaubensboten zum einen[28] und als Folge ihres Zusammenwirkens mit den Herrschern in den jeweiligen Gebieten zum anderen.[29] Von Padbergs Sicht der Ausbreitung des Christentums hebt also stark ab auf das Wirken konkreter Einzelpersonen, die die Ausbreitung des christlichen Glaubens zum Anliegen haben.

Unter diesem Gesichtspunkt greift von Padberg die Thematik nochmals in seinem Buch „Die Inszenierung religiöser Konflikte“ auf. Er geht an das Thema der Christianisierung dezidiert unter der Fragestellung nach der Bedeutung der Predigt für dieses Geschehen heran. Von Padberg geht davon aus, dass schon von der Sache der Mission her die Predigt eine entscheidende Rolle gespielt haben müsse.[30] Das als Motto dem Vorwort dieses Buches vorangestellte neutestamentliche Bibelzitat des Paulus aus dem Römerbrief, Kapitel 10 „So kommt der Glaube aus der Predigt, das Predigen aber durch das Wort Christi.“, dürfte für diese Sichtweise eine legitimierende Funktion haben.

Von Padberg weist darauf hin, dass es kaum Literatur zum Thema der frühmittelalterlichen Predigt gebe. Dies sei nach Meinung der Forschung, der er zustimmt, auf das Fehlen von Quellen, zumindest was direkte Zeugnisse betrifft, zurückzuführen. Von Padberg beschreibt seine eigene Arbeit dazu als „Spurensuche“, die mühevoll gewesen sei. Es hätte sich rasch herausgestellt, dass die frühmittelalterliche Predigt nur als Teil eines „komplexen Verkündigungsgeschehens“ zu begreifen sei. Von daher erweitere sich seine Aufgabenstellung zum Versuch einer umfassenden Rekonstruktion der Erstbegegnung von Christen und Heiden.

Zur Beurteilung der Aufgabenstellung und Arbeit von Padbergs ist sicher zu beachten, dass er selbst geprägt ist von einer evangelikalen Orientierung, die in theologischer und frömmigkeitstypologischer Hinsicht vom zentralen Ereignis der Predigt ausgeht. Diese ist es, die den Menschen verändert und zu einem persönlichen und kulturellen Umbruch führt. Ausgehend von dieser Sicht, die zunächst einmal als eine heutige moderne Position zu begreifen ist, befragt er die Quellen nach diesem aus seiner Sicht notwendigen zentralen Ereignis der Predigt. Dies ist sicher eine legitime Fragestellung, mit der man an die Quellen herantreten kann. Die Gefahr besteht freilich, dass dabei auch moderne Sichtweisen in frühmittelalterliche Glaubenshaltungen hineingetragen und für damalige Menschen zentrale Elemente des christlichen Glaubens übersehen werden. Dass die Predigt zumindest nicht in der von von Padberg ursprünglich gedachten Weise aus dem missionarischen Prozess herausgelöst und isoliert betrachtet werden werden kann, ist jedenfalls von Padberg selbst rasch deutlich geworden. Ob er aber tatsächlich die Bedeutung etwa des sakramentalen Geschehens in Taufe und Messe für Leben und Glauben der frühmittelalterlichen Menschen sowie das Bild des asketischen Lebens, das als Vorbild und als Objekt der Bewunderung von den asketischen Mönchen vorgelebt wurde, hinreichend gesehen und gewürdigt hat, kann bezweifelt werden. Seine evangelikale Grundposition dürfte ihm den Blick auf diese sichtbaren und sinnenfälligen Ausdrücke der christlichen Mission zumindest erschwert haben.

Von Padberg geht aus von der Missionspredigt „als dem durch den Missionsbefehl Jesu Christi und das normative Beispiel der Apostel gebotene vornehmste, durch apostolische Praxis geheiligte Mittel zur Glaubensverbreitung“.[31] Aufgrund der Quellenarmut, was das Ereignis von vor Zuhörern gehaltenen Predigten und was deren konkreten Inhalt betrifft, stellt sich für von Padberg die Frage, ob tatsächlich der Predigt diese Bedeutung beizumessen sei und ob nicht vielmehr das gelebte Vorbild der Glaubensboten wirksamer gewesen sei. Die für die paganen Menschen des Frühmittelalters entscheidende Frage nach dem stärkeren Gott konnte eben auch anders als durch Predigten entschieden werden.[32]

Auch andere „Predigten ohne Worte“ sind für von Padberg denkbar. Dazu sind zu zählen etwa die Zerstörung paganer Kultstätten oder Wunder und Nützlichkeitsbeweise.[33]

Ein weiterer Aspekt, der dem evangelikalen Hintergrund Lutz von Padbergs geschuldet sein mag, ist die Betonung der Person der Verkündiger. Hier sind seines Erachtens besonders einfache Mönche und Kleriker oder auch Äbte und Bischöfe zu nennen, die zu Missionaren werden. Im Vordergrund steht die Berufung, die geistliche Motivation gemäß neutestamentlichem Verständnis.[34] So betont von Padberg auch die Individualität der Missionsepoche, d.h. die Bedeutung der einzelnen Glaubensboten. Sie seien zwar meist in kleineren Gruppen gereist, aber die Predigt selbst sei Sache nicht der Gruppe, sondern einzelner Beauftragter gewesen.[35]

Daneben betont von Padberg die Wichtigkeit politischer Rückendeckung durch die einheimischen, in der Regel christlichen Machthaber.[36] Diese seien häufig auch mit für die Ausrüstung der Missionsunternehmen mit verantwortlich gewesen.

In diesem Zusammenhang ist von Bedeutung die Überlegung von Padbergs, dass der Monogenismus ein wichtiger Antrieb für die Mission gewesen sei. Monogenismus besagt, dass die Menschheit von einem Stammvater abstamme, eines Stammes sei. Diese verlorene Einheit sei durch die universale Mission der katholischen Kirche wiederherzustellen. Daher wende sich die katholische Kirche notwendigerweise an alle Menschen, ist nicht nur Religion oder Kirche eines Stammes. Diese Missionslehre führt von Padberg auf Papst Gregor den Großen zurück, der sie aufgrund der Lehre des Monogenismus, die wiederum auf Augustinus von Hippo zurückzuführen sei, entwickelt habe.[37]

Auffällig ist die geringe Bedeutung, die in der Sicht von Padbergs die Messfeier, das Altarsakrament für die Mission hat. Sie wird von ihm in ihrer Bedeutung allenfalls als prunkvolle Veranstaltung, die durch ihre Feierlichkeit die Heiden zu beeindrucken versuche, gesehen.[38] Von Padberg weiß auch, dass für die Christen die Kirchengebäude mit dem Altar als Mittelpunkt Zentrum ihrer Religiosität waren.[39] Eine darüberhinausgehende Überlegung, was das Sakrament, das an diesem Altar gefeiert wird, an Bedeutung für die Mission haben könne, ist nicht in von Padbergs Blickfeld.

Zu erwähnen ist im Hinblick auf die vorliegende Arbeit, dass die Christianisierung Südwestdeutschlands und seiner angrenzenden Gebiete auch in der „Inszenierung religiöser Konfrontationen“ keine Erwähnung findet. Die Beispiele, die von Padberg aufführt, sind so gut wie ausschließlich der Mission in den norddeutschen, skandinavischen und angelsächsischen Gebieten entnommen. Selbst das Stichwort „Alamannen“ lässt sich im Index nicht finden. Daher ist die Bedeutung dieser Arbeit von Padbergs für die Erhellung des spezifischen Prozesses der Christianisierung Südwestdeutschlands nicht hoch einzuschätzen.

2.3.3 Torsten Capelle

Eine interessante neuere Studie zur Christianisierung Europas stammt von dem Münsteraner Historiker Torsten Capelle, erschienen 2005 unter dem Titel „Heidenchristen im Norden“. Capelle thematisiert das Vordringen des Christentums im europäischen Norden während der Wikingerzeit (ca. 800–1050 n. Chr.)[40] und erkennt hierin das Entstehen eines speziellen Heidenchristentums, das Elemente des skandinavischen Paganismus und des Christentums miteinander verband. Capelle geht davon aus, dass hier ein wichtiger Aspekt behandelt werde, der für den benachbarten sächsischen Raum sowie für die merowingischen und angelsächsischen Gebiete von Bedeutung sei.

Für die Übergangsphase vom Heiden- zum Christentum charakteristisch sieht Capelle die gewaltigen Grabanlagen an, die als eine Art trotziges Aufbäumen des Heidentums vor dem heraufziehenden beigabenlos bestattenden Christentum zu verstehen seien. Als Beispiele führt Capelle an die Grabanlage des fränkischen Kleinkönigs Childerich in Tournai, das Schiffsgrab von Sutton Hoo und das Schiffsgrab für eine Frau bei Oseberg am Oslofjord.[41]

Ein weiteres wichtiges Kennzeichen der Übergangsphase vom Heidentum zum Christentum sieht Capelle im Auftreten starker Frauen, die gleichsam als „trendsetter“ den neuen Weg des Christentums wiesen. Als solche starken Frauen führt Capelle Chrodechilde, die Frau des fränkischen Königs Chlodwig, an, die ihren Ehemann vom Glaubenswechsel im Fall eines Siegs über die Alamannen überzeugt habe. Des Weiteren weist Capelle auf fränkische Königstochter Berta hin, die an der Wende vom 6. zum 7. Jahrhundert ihren Mann Aethelbert, den angelsächsischen König von Kent, zum Übertritt bewog. Auch Thjodhild, die Frau Eriks des Roten, wird in diesem Zusammenhang von Capelle erwähnt.[42]

Als charakteristisch für die Missionszeit sieht Capelle eine Art „Doppelgläubigkeit“ an,[43] die sich im Norden vom 9. bis zum 11. Jahrhundert mit Nachzüglern bis ins 13. Jahrhundert hinein erhalten habe. In anderen europäischen Missionsgebieten sei dieser Übergang deutlich schneller - und zwar innerhalb eines Jahrhunderts - vollzogen gewesen. Für seine Darstellung greift Capelle besonders auf archäologische Funde zurück. Diese vermitteln in seinen Augen deutlich stärker die tatsächlichen religiösen Gegebenheiten der beschriebenen Zeit als literarische Überlieferungen, die zu einseitig und parteiisch aus Sicht der Sieger, d.h. der christlichen Missionare, die Entwicklung beschrieben hätten.[44]

Diese Doppelgläubigkeit sieht Capelle in der merowingischen Welt repräsentiert etwa durch den Grabstein von Niederdollendorf im Rheinland. Er stelle auf der einen Seite den Verstorbenen dar als im Grab liegend mit heidnischen Grabbeigaben und Totenschlangen, die ihn im Jenseits begrüßen, hingegen werde auf der anderen Seite des Grabsteins Christus als Himmelskönig dargestellt. Darüber hinaus führt Capelle Beispiele an aus merowingerzeitlichen Begräbnissen in Oberflacht und Lauchheim, beide in Württemberg,[45] bei denen sich ebenfalls diese „Doppelgläubigkeit“ in der Begräbnisart zeige. Capelle spricht davon, dass die Mischung heidnischen und christlichen Gedankenguts alltägliche Realität gewesen sei. Eine ständige Zunahme des Christentums sei keineswegs der Fall gewesen. Es habe vielschichtige Symbiosen der paganen und der christlichen Religion gegeben.[46]

Für den sächsischen Raum charakteristisch sieht Capelle das Phänomen, dass beim Bau der Kirchen häufig nicht gleich Friedhöfe mit entstanden seien. Daran lasse sich ablesen, dass auch nach dem Bau von Kirchen die Bestattungen noch in alter, eben heidnischer Manier stattgefunden hätten.[47]

2.3.4 Peter Brown

Von dem britischen Forscher Peter Brown stammt eine weitere Darstellung der Christianisierung Europas. Sie erschien 1995 in Oxford in englischer Originalausgabe unter dem Titel: „Divergent Christendoms: The Emergence of a Christian Europe, 200-1000 A.D.“. In deutscher Übersetzung erschien dieses Werk 1996 unter dem Titel „Die Entstehung des christlichen Europa“ und zwar im Rahmen der von dem französischen Forscher Jacques Le Goff verantworteten Reihe „Europa bauen“.

Der Titel der deutschen Übersetzung verdeckt das von Peter Brown intendierte Ziel, das hingegen im Titel der englischen Originalausgabe deutlich wird. Im englischen Original ist von "Divergent Christendoms", also von divergierenden, auseinandergehenden „Christentümern“ die Rede. Für Brown steht also nicht wie für Angenendt und von Padberg die Bildung einer europäischen Einheit durch die Mission der einen Kirche im Vordergrund. Brown betont stattdessen gerade die Bildung national und kulturell differenzierter Christentümer vorrangig in Westeuropa oder, wie er sagt, im atlantischen Europa.[48] Insofern steht seine Intention geradezu im Gegensatz zu dem Titel der deutschen Ausgabe und der Zielrichtung der ganzen Buchreihe „Europa bauen“. Brown betont, dass das Christentum, je weiter es sich vom Mittelmeer und von Rom und dessen Traditionen entfernt, es sich umso mehr den lokalen Gegebenheiten angepasst habe, bzw. von der lokalen Bevölkerung angepasst wurde.

Durch diese divergenten Wege hindurch sei es erst dazu gekommen, dass sich das westliche Europa als „Christenheit“ verstand. Dies setzt Brown vorrangig mit der Zeit Karls des Großen an. An dessen Hof erst hätten die regional beschränkten „Mikro-Christenheiten“ früherer Zeit begonnen, sich miteinander zu vereinigen.[49]

Wichtig ist für Brown, dass sich Macht und Kultur aus dem antiken Mittelmeerraum in das nordwestliche Europa verschoben haben. Dieser Prozess gipfelte im Reich Karls des Großen.[50] Brown beschäftigt sich daher vorzüglich mit Irland, Britannien, dem nördlichen Gallien, Deutschland und wie er schreibt „sogar“ Skandinavien. Meines Erachtens steht im Mittelpunkt seiner Darstellung zwar das Reich Karls, des Großen, aber sie zielt ab auf das Entstehen eines nordatlantischen Christentums im 9. und 10. Jahrhundert,[51] das sich bis nach Labrador erstreckte. In diesem Raum werden die Normannen zur bestimmenden Macht. Auf ihre eigenständige Annahme des christlichen Glaubens legt Brown großen Wert. „Die Normannen taten sich dann gleichwohl viel darauf zugute, das Christentum zu ihren eigenen Bedingungen angenommen zu haben.“[52]

Die Christianisierung Südwestdeutschlands oder der Alamannen kann bei dieser Sicht naturgemäß keine zentrale Bedeutung für Brown haben. Erwähnt wird nur, dass Chlodwig „in einer Schlacht gegen die heidnischen Alemannen“[53], an der Hilfe seiner heidnischen Götter verzweifelnd, den Gott seiner Frau angerufen habe.

2.3.5 Richard Fletcher

Ein weiteres wichtiges Werk eines britischen Historikers ist „The Conversion of Europe – From Paganism to Christianity 371–1386 AD“, das der an der Universität von York lehrende[54] Mediävist Richard Fletcher verfasste. Fletcher will darstellen,[55] wie das Christentum als eine im Mittelmeerraum emporgekommene Religion sich hin zu solchen Völkern ausgebreitet habe, die von den Römern als „Barbaren“ tituliert worden waren. Fletcher versteht diesen Vorgang als einen mit weitreichenden Konsequenzen für die Menschheit. Die Annahme des Christentums durch die barbarischen Völker begreift er nicht einfach als Wechsel des religiösen Bekenntnisses. Fletcher sieht hierin vor allem einen viel ausgreifenderen kulturellen Wandel, der das “barbarische“ Europa in Verbindung gebracht habe mit römischen und mediterranen Lebens- und Denkweisen.

Daraus entstand das, was Fletcher „western European Christendom“ nennt, das durch das Erscheinen des Christentums in Nordwesteuropa entstand. Durch die weltweite Vorherrschaft Europas über Jahrhunderte hinweg wurde die Zivilisation der Welt beeinflusst („affected“) durch dieses Christentum. Dies ist für Fletcher die Veranlassung zu seinem Buch.[56]

Hervorzuheben ist, dass Fletcher im Gegensatz zu dem ebenfalls angelsächsischen Historiker Brown das Christentum („Christendom“) in der Einzahl gebraucht und denkt. Gerade nicht die Diversität von verschiedenen Christentümern ist sein Thema, sondern das Entstehen eines einheitlichen Christentums, das sich mit einer Kultur verbunden hat, die aufbrach zur weltweiten Dominanz.

Symptomatisch steht dafür, dass Fletcher Worte des Moshoeshoe, des Königs von Lesotho, zitiert, der im Jahr 1833 den französischen Missionar Casalis angeblich begeistert begrüßte und sich ihm unterwarf („We will do all you want.“) angesichts der materiellen Überlegenheit des Europäers, in der er „much intelligence and strength“ erkennen zu dürfen meinte.[57] Zur Illustration der Verhältnisse im frühen Mittelalter insbesondere bei der Konversion der Könige geht Fletcher explizit auf diese Missionsgeschichte im Zusammenhang mit den damaligen Machtverhältnissen im Königreich Lesotho ein. Er sieht darin Parallelen zur frühmittelalterlichen Missionsgeschichte Europas.

Auch wenn Moshoeshoe schließlich nicht Christ wurde, so sieht Fletcher die Hauptparallele zum Frühmittelalter doch darin, dass die Bekehrung der Könige, das erfolgreiche „persuading kings“ durch die Missionare, der erste Schritt war, ein Land für das Christentum zu gewinnen. Dabei ist nach Fletcher darüber hinaus das Augenmerk zu richten auf die „warrior aristocracies“ und deren „often formidable womenfolk“, die zum Glauben zu bringen waren.[58]

Diese Orientierung auf die Adelsgesellschaft mit dem König an der Spitze, die für die christliche Kultur als erste zu gewinnen gewesen sei und der dann das Volk gefolgt sei, dürfte als der entscheidende Grundzug in der Darstellung Fletchers anzusehen sein. Die Formulierung bzw. die Kapitelüberschrift „The New Constantines“[59] unterstreicht diese Ausrichtung auf das Königtum, allen voran das des Frankenkönigs Chlodwig, den Fletcher im Anschluss an die französische Geschichtsschreibung konsequent als „Clovis“ bezeichnet.[60]

Bei einer Durchsicht der im Index unter dem Stichwort „Alamans“ angegebenen Stellen in Flechters Buch ist eine geographische und ethnographische Unsicherheit Fletchers zu erkennen.[61] Der Satz „From his base in northern gaul Clovis had attacked his eastern neighbours the Ripuarian Franks round Cologne, the Thuringians and Alamans beyond the Rhine“ soll einen „Frankish drive to the east“ belegen. Fletcher sieht hier wohl retrospektiv die spätere Politik der französischen Könige, die er nicht sicher von den fränkischen zu unterscheiden vermag, ausgeprägt. Weder die geographische Verortung der Ethnien in diesem Raum, noch ihr ethnischer Charakter oder ihr Verhältnis zueinander scheinen von Fletcher zureichend erfasst.

Im Übrigen muss auch über Fletchers Arbeit gesagt werden, dass die Christianisierung Südwestdeutschlands und seiner angrenzenden Gebiete oder speziell die der Alamannen nicht eigens thematisiert werden, sodass über diese Ereignisse keine unmittelbaren Aufschlüsse gegeben werden.

2.3.4 Matthew Innes

Für die Christianisierung speziell Südwestdeutschlands von Bedeutung ist das Werk von Matthew Innes, „State and society in the early Middle Ages“, das die Herrschaft im karolingischen Rheinland zum vorrangigen Gegenstand der Untersuchung hat. Innes fasst dabei den Begriff „Rheinland“ einerseits sehr weit und bezieht den Bereich der Rheinnebenflüsse sowie Teile der bayerischen Donau mit ein,[62] andererseits stellt er die Region am mittleren Rhein mit den Bischofsstädten Worms, Speyer und Mainz sowie der alten römischen Siedlung Ladenburg in den Mittelpunkt der Betrachtung.[63] Dabei hebt er die Bedeutung der großen karolingischen Reichsklöster Lorsch und Fulda für die Entwicklung und Beherrschung der Region am Rhein hervor, für die die Bonifatianischen Reformen bestimmend gewesen seien.[64]

Innes` Fragestellung ist nicht auf religiöse oder weltanschauliche Themen ausgerichtet. Ihm geht es vielmehr darum, die gute Dokumentation der Zeit des Frühmittelalters am mittleren Rhein in Urkunden und erzählender Literatur zu nutzen, um „to study social power in the early middle ages“[65]. Dabei intendiert er eine notwendige radikale Neuinterpretation der vertrauten Quellen und behauptet, dass deren Ergebnisse „of global significance“ seien.

Religiöse und kirchliche Aspekte kommen für Innes insofern in den Blick, als er die Tradierung von Grundeigentum an die großen Klöster im 8. Jahrhundert und den Zusammenhang dieser Entwicklung mit der der „spiritual patronage“ untersucht. Diese Entwicklung setzt freilich die Christianisierung als bereits gegeben voraus.[66]

Auf die Christianisierung im engeren Sinn als religiöse Abkehr vom Paganismus und Hinwendung zum christlichen Glauben geht Innes allenfalls insofern ein, als er die Sitte der Grabbeigaben in der merowingischen und karolingischen Epoche referiert und neu zu deuten versucht als „constituting a symbolic redistribution of wealth effecting an exchange of gifts between living and dead.“[67] Eine darüber hinausgehende religiöse Deutung der Sitte der Grabbeigaben liegt für Innes außerhalb seines Horizonts. Es sei noch erwähnt, dass er als Beispiele Funde außerhalb des Untersuchungsraums der vorliegenden Arbeit wählt.

2.3.7 Jacques Le Goff

In seiner Art besonders anregend ist das 2004 als Buch erschienene Interview mit dem bedeutenden französischen Mediävisten Jacques Le Goff, das den Titel „Der Gott des Mittelalters“ trägt.

Für Le Goff hat dieser Prozess der Christianisierung Europas einen eminent theologischen Gehalt. Le Goff beschreibt ein neues Verständnis von Gott selbst im Verlauf der Christianisierung Europas[68]. Es ist die Rede von einer „Geschichte Gottes“. Gott selbst wird nach seinem Dafürhalten in diesem Geschehen ein anderer.

Bei dem Übergang von der Spätantike wird aus der Vielzahl paganer Gottheiten der eine Gott. Aus dem Christentum als einer Religion einzelner Personen und Gruppen wird der Gott der jeweiligen irdischen Oberhäupter. Es kommt zu einer Überlagerung der irdischen und der religiösen Herrschaftsebenen.

Die neue Religion erschließt sich durch ein Netzwerk religiöser Stätten und Straßen den Raum. Dabei kommt es mehr und mehr zu einem Anti-Judaismus, zu einem Zurückdrängen des Gottes der Juden unter die falschen Götter, zu denen von Anfang an der Gott der Muslime gezählt worden sei.[69]

2.4 Fazit des Durchgangs durch den Forschungsstand

Bei einem Durchgang durch die Literatur, die sich die Christianisierung Europas oder zu doch zumindest großer Teile davon zum Thema gesetzt hat, dürfte festzustellen sein, in welchem hohen Maße die politische, religiöse und kulturelle Herkunft der Autoren ihre Sicht auf die Ereignisse geprägt hat. Dies muss nicht zum Nachteil sein, bedarf aber eigens der Bewusstmachung und Reflexion.

Für den in der vorliegenden Arbeit zu beschreibenden Raum Südwestdeutschlands und seiner angrenzenden Gebiete ist festzustellen, dass er in diesen Darstellungen nur eine Randbedeutung hat. Die Alamannen treten allenfalls als negative Folie in Erscheinung. Sie sind die Widersacher Chlodwigs und seiner Franken in der Schlacht von Zülpich, die wiederum Anlass für die Christianisierung der Franken und erst sehr mittelbar die der Alamannen wird. Die bereits angesprochene Urkundenarmut, was die Christianisierung der Alamannen betrifft, schlägt sich in dieser Art der Darstellung nieder. Die Überlieferung ist nicht einfach zugänglich bzw. bedarf so weitgehend auch der Einbeziehung etwa der Archäologie, dass der Raum des Südwestens für die schriftquellenbasierte Sicht der Historiker und Kirchenhistoriker geradezu wie ausgeblendet erscheint. Leider bedeutet dies für die vorliegende Arbeit, dass nur in sehr beschränkter Weise diese Gesamtdarstellungen der europäischen Christianisierung aussagekräftig sind und somit für die weitere Darstellung herangezogen werden können.

2.5 Die Christianisierung Südwestdeutschlands im Blickwinkel

der älteren Forschung

Als herausragender Vertreter der älteren Forschung soll Gustav Bossert vorgestellt werden, insbesondere seine Darstellung „Die Anfänge des Christentums in Württemberg", die 1888 in Stuttgart erschienen ist.

Bossert stellt gleich zu Beginn die Frage vor, wie das Christentum nach Württemberg gekommen sei. Er geht davon aus, dass zur Römerzeit und zur Zeit der Alamannenherrschaft kleine und unbedeutende Gruppen von Christen in Württemberg bestanden haben könnten. Sofern es sie überhaupt gab, waren sie für die Christianisierung des Landes ohne Bedeutung.[70]

Bossert weist auch entschieden populäre Darstellungen zurück, nach denen durch irische und englische Mönche das Christentum ins Land gekommen sei. Er erkennt durch Berichte wie etwa bei Agathias, dass zur Zeit der Ankunft der Mönche von den britischen Inseln in Südwestdeutschland dort bereits ein stabiles Christentum existiert habe. Daher stellt er die Frage, woher denn nun dieses Christentum gekommen sei.[71]

Bossert beantwortet diese Frage mit dem Hinweis auf das fränkische Königtum, auf dessen Boden die Kirche Bestand gehabt habe, wobei der König den Alamannen ihren angestammten Glauben gelassen habe, wenn sie an diesem festhalten wollten.[72] Bossert setzt dies in deutlichen Gegensatz zur Zwangsmissionierung der Sachsen durch Karl den Großen.

Die Weiterführung und den Abschluss der königlich-fränkischen Mission sieht Bossert dann im Wirken der irischen Mönche, die der schwach gewordenen königlichen Mission neue Kräfte zuführten.[73] Im Wirken Pirmins sei es dann zur Vertiefung des christlichen Glaubens in der Breite des Volkes gekommen.

3 Räumliche und zeitliche Eingrenzung des

Untersuchungsraums

3.1 Räumliche Eingrenzung des Untersuchungsraums

Geographisch werden das heutige Südwestdeutschland sowie die angrenzenden Gebiete der Pfalz und des unteren Maingebiets der Raum sein, mit dessen Christianisierung sich vorliegende Arbeit befasst. Begrenzt wird dieser Raum nach Westen hin durch den Oberrhein vom Basler Rheinknie an, wobei aber im Unterlauf des Oberrheins im Bereich der Pfalz bewusst die linksrheinischen Gebiete bis hin zum Pfälzer Wald mit einbezogen werden. Die Rheingrenze darf insofern als relevant gelten, da sie den Raum, in dem die Ethnogenese der Alamannen stattfand, deutlich nach Westen hin abgrenzt. Dort, wo diese Ethnogenese über den Rhein hinausgriff, wird auch die vorliegende Darstellung diesem Vorgang folgen. Für den Bereich des unteren Maingebiets wird ebenfalls versucht werden, dass in dieser Region die vorliegende Darstellung der alamannischen Ethnogenese folgt.

Zu erwähnen ist, dass die Bereiche des Elsass und der Nordschweiz somit nur am Rande in der vorliegenden Arbeit thematisiert werden, da davon ausgegangen wird, dass das Elsass erst im Verlauf des 5. Jahrhunderts alamannisch besiedelt wurde und dabei seinen vorherigen romanischen Charakter verloren hat.[74] Für die Nordschweiz wird ein analoger Prozess für das 6. und 7. Jahrhundert angenommen.[75] Somit wird von deren eigenständiger Entwicklung auf dem Weg zum Christentum ausgegangen; eine Darstellung würde die Möglichkeiten der vorliegenden Arbeit übersteigen.

Daher wird der Untersuchungsraum nach Süden abgegrenzt durch den Verlauf des Hochrheins oberhalb des Basler Rheinknies bis zum Ausfluss des Rheins aus dem Bodensee und weiter durch den Bodensee selbst bis zur Mündung des Alpenrheins in den See.

Der Rhein ist somit eine wichtige Orientierungslinie für die Region, die den geographischen Raum der vorliegenden Arbeit bildet. Dass der Fluss diese Bedeutung hat bzw. hatte, ist nicht zufällig. Schon seit den Zeiten Cäsars, konserviert im Sprachgebrauch der Kirche, bildet der Rhein die Grenze zwischen „Germania" und „Gallia", womit die Gegenden links und rechts des Rheins gemeint waren.[76] Diese Unterscheidung dürfte viel wirkmächtiger gewesen sein als Unterscheidungen, die sich aus anderen Unterschieden wie Sprach- und Herrschaftsgebieten ableiteten. Der unveränderliche Lauf des Rheins dürfte als wichtige und dauerhafte Landmarke im allgemeinen Bewusstsein verankert gewesen sein.

So deutlich begrenzbar der Raum nach Westen und Süden ist, so schwierig ist seine Abgrenzung nach Osten und Norden.

Nach Osten kann am ehesten der Übergang des alamannischen in den bairischen Raum als Abgrenzung gelten, wobei von einer klaren Linie nicht gesprochen werden kann. Im Wesentlichen wird ausgegangen werden von einer östlichen Begrenzung des Untersuchungsraums durch die im Frühmittelalter im Verlauf der Ethnogenese der Stämme sich herausbildende Unterscheidung der Alamannen gegenüber den Baiern entlang des Flusses Lech. Von einer Grenzziehung kann jedoch nicht wirklich gesprochen werden, sondern eher von einer Übergangszone im Bereich zwischen Iller und Isar.

Es ist wohl davon auszugehen, dass diese Abgrenzung zwischen Baiern und Alamannen nicht durch eine Ethnogenese im engeren Sinn erfolgte, der wiederum die politischen Grenzen gefolgt wären. Es dürfte eher so gewesen sein, dass erst durch Herausbildung der Stammesherzogtümer eine ethnische Grenze zwischen Baiern und Alamannen entstand und erkennbar wurde.[77] Hierfür maßgebend war die Herausbildung eines bairischen Stammesherzogtums unter den Agilofingern, das de facto von der fränkischen Königsherrschaft unabhängig war.

Wenn dies so zu sehen ist, dann ist die Ethnogenese der Baiern vergleichbar mit der der Alamannen, die wohl auch erst mit der Herausbildung der Stammesherzogtümer zum Abschluss kam.

Diese Abgrenzungen entbehren nicht einer gewissen Willkür, da für die vorliegende Epoche eben nicht mit klar gegeneinander abgrenzbaren politischen und geographischen Räumen zu rechnen ist. Wieweit diese Abgrenzungen sinnvoll sind, wird im Verlauf der Untersuchung immer neu zu fragen und eben auch in Frage zu stellen sein. Ein nach allen Seiten hin offener Raum widerstrebt dem Wunsch nach allzu scharfer Definition und Grenzziehung, der wohl eher modernem Denken entspricht. Es dürfte von zentralen Zonen auszugehen sein, von denen aus Macht, kultureller und religiöser Einfluss und damit auch Ethnogenese bzw. Stammesbildung ausgingen. Dort, wo sich deren Einflussbereiche berührten, ist dann von Übergangszonen und nicht von Grenzlinien zu sprechen. Für diese Übergangszonen dürfte der Begriff der „Mark“ - eben als Zone vorrangig des Übergangs und nicht der Abgrenzung - charakteristisch gewesen sein.[78]

3.2 Zeitliche Eingrenzung des Untersuchungsraumes

Die zeitliche Eingrenzung des Untersuchungsraums ist einerseits die Schlacht bei Zülpich bzw. die Siege Chlodwigs I. in den Alamannenkriegen, die zur Voraussetzung für die Christianisierung der Franken und in deren Gefolge die der Alamannen wurde.

Andererseits wird die Zeit der Christianisierung eingegrenzt durch den Abschluss der kirchlichen Organisation und christlichen Durchdringung des Landes in der Zeit des Bonifatius.

Somit umfasst der untersuchte Zeitraum die Jahrhunderte etwa ab 500 bis 800 nach Christus.

4 Vorgeschichte

4.1. Römische Herrschaft und erste germanische Landnahme im Raum des heutigen Südwestdeutschland, der Pfalz und des unteren Maingebiets

4.1.1. Die vorrömische Zeit

4.1.1.1. Die vorrömische Zeit des nachmaligen Dekumatenlandes

Weite Gebiete Südwestdeutschlands waren zu Beginn der römischen Besetzung, die im Anschluss an die Niederlage der Römer in der Schlacht im Teutoburger Wald im Jahre 9 nach Christus erfolgte, weitgehend bevölkerungsleer. Jedenfalls konnten bislang archäologisch kaum Hinterlassenschaften einer einheimischen Bevölkerung festgestellt werden. Es klafft zwischen dem Ende der spätlatènezeitlichen Oppida bzw. Siedlungen und dem für uns erkennbaren Siedlungsbeginn in claudischer Zeit eine archäologische Lücke von mindestens zwei Generationen. Rudolf Assmann zieht daraus den Schluss[79], dass daher über die vorrömische Besiedlung unmittelbar vor der römischen Landnahme –sofern es diese Bevölkerung überhaupt noch gab - nichts ausgesagt werden kann. Die Position, dass das Land weithin siedlungsleer war, vertritt auch Hans Smettan[80] aufgrund von Pollenuntersuchungen, die für die Zeit vor dem römischen Einmarsch überdurchschnittlich viel Blütenstaub von ausdauernden Unkräutern und von Pioniergehölzen wie Hasel und Birke erkennen lassen. Dieser Befund ist nach seiner Interpretation als Hinweis auf eine Verwilderung der Felder zu deuten und damit indirekt darauf, dass große Teile der keltischen Bevölkerung deutlich vor dem römischen Einmarsch das Land bereits verlassen hatten.

[...]


[1] Fried, Erbe, S. 42f.

[2] Durant, Mittelalter, S. 91.

[3] Heinrich-Tamaska, Jahrhunderte, Titelseite.

[4] Schleiermacher, Abhandlungen, S. 347.

[5] Le Goff, Geburt, S. 76, Fossier, Enface, S. 288.

[6] Le Goff, Geburt, S. 15.

[7] Hausammann, Alte 4, S. 197.

[8] Henning, Handbuch, S. 24.

[9] Henning, Handbuch, S. 25.

[10] Lorenz/Scholkmann, Alemannen, S. VII.

[11] Archäologisches, Alamannen

[12] Lorenz/Scholkmann, Alemannen, S. VII.

[13] Krausse, Vorwort, S. 4.

[14] Pohl, Germanen, S. 29.

[15] Pohl, Germanen, S. 101-107.

[16] Näheres dazu unter: Planck, Alamannen, S. 15.

[17] Die Alemannen und das Christentum, S. VII.

[18] Geary, Völker, S. 15f.

[19] Le Monde, 19. Juli 1991, zitiert bei Geary, Völker, S. 15f.

[20] Wolfram, Reich, S. 32 und Germanen, S. 20.

[21] Angenendt, Frühmittelalter, S. 420-431.

[22] Angenendt, Geschichte, S. 31-44.

[23] Angenendt, Liturgie, S. 169-226.

[24] Angenendt, Geschichte, S. 37.

[25] Angenendt, Liturgie, S. 224.

[26] Padberg, Europa, S. 9.

[27] Padberg, Europa, S. 44.

[28] Padberg, Europa, S. 202-205.

[29] Padberg, Europa, S. 206.

[30] Padberg, Inszenierung, S. XI.

[31] Padberg, Inszenierung, S. 1. Hierbei zitiert von Padberg wiederum ein Werk von 1909, nämlich Konen, Wilhelm, Die Heidenpredigt in der Germanenbekehrung, S. 230.

[32] Padberg, Inszenierung, S. 10.

[33] Padberg, Inszenierung, S. 244-272.

[34] Padberg, Inszenierung, S. 414f.

[35] Padberg, Inszenierung, S. 424.

[36] Padberg, Inszenierung, S. 415.

[37] Padberg, Inszenierung, S. 45 und S. 415.

[38] Padberg, Inszenierung, S. 118f.

[39] Padberg, Inszenierung, S. 259.

[40] Capelle, Heidenchristen, S. 6.

[41] Capelle, Heidenchristen, S. 9.

[42] Capelle, Heidenchristen, S. 9.

[43] Capelle, Heidenchristen, S. 10.

[44] Capelle, Heidenchristen, S. 7.

[45] Capelle, Heidenchristen, S. 13.

[46] Capelle, Heidenchristen, S. 13.

[47] Capelle, Heidenchristen, S. 19.

[48] Brown, Entstehung, S. 9-.

[49] Brown, Entstehung, S. 326.

[50] Brown, Entstehung, S. 10.

[51] Brown, Entstehung, S. 347-369.

[52] Brown, Entstehung, S. 347.

[53] Brown, Entstehung, S. 109.

[54] Fletcher, Conversion, S. I.

[55] Fletcher, Conversion, S. 1f.

[56] Fletcher, Conversion, S. 2.

[57] Fletcher, Conversion, S. 97.

[58] Fletcher, Conversion, S. 129.

[59] Fletcher, Conversion, S. 97.

[60] Fletcher, Conversion, S. 104.

[61] Fletcher, Conversion, S. 194.

[62] Innes, State, siehe Karte auf S. XV.

[63] Innes, State, S. 1f.

[64] Innes, State, S. 2f.

[65] Innes, State, S. 5.

[66] Innes, State, S. 13-50.

[67] Innes, State, S. 37.

[68] Le Goff, Gott, S. 11.

[69] Le Goff, Gott, S. 105.

[70] Bossert, Anfänge, S. 3, 13.

[71] Bossert, Anfänge, S. 4-7.

[72] Bossert, Anfänge, S. 23f.

[73] Bossert, Anfänge, S. 30-32.

[74] Kleinschmager/Strauss, Solidarität, S. 37.

[75] Windler, Franken, S. 268.

[76] Ehlers, Einigungen, S. 66.

[77] Menghin, Frühgeschichte, S. 91 und 94.

[78] Kreiker, Mark, Sp. 300.

[79] Asskamp, Besiedlung, S. 49f.

[80] Smettan, Südwestdeutschland, S. 39.

Ende der Leseprobe aus 349 Seiten

Details

Titel
Die Christianisierung Südwestdeutschlands und angrenzender Gebiete im frühen Mittelalter
Untertitel
Interdisziplinäre Studie einer religiösen und sozialen Transformation
Autor
Jahr
2018
Seiten
349
Katalognummer
V386633
ISBN (eBook)
9783668611085
ISBN (Buch)
9783668611092
Dateigröße
1824 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
christianisierung, südwestdeutschlands, gebiete, mittelalter, interdisziplinäre, studie, transformation
Arbeit zitieren
Michael Harr (Autor), 2018, Die Christianisierung Südwestdeutschlands und angrenzender Gebiete im frühen Mittelalter, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/386633

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