Entstehung und Spielarten des christlichen Fundamentalismus


Bachelorarbeit, 2017

40 Seiten, Note: 2,0

Romina Hermes (Autor)


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung S

2. Begriffsklärung „(Religiöser) Fundamentalismus“

3. Voraussetzung für die Entstehung eines Fundamentalismus'
3.1 Die Psychische Voraussetzung: Existentielle Krisen
3.2 Die funktionelle Voraussetzung: Fundamentalistische Akteure
3.3 Die soziale Voraussetzung: Gesellschaft der Moderne

4. Christlicher Fundamentalismus
4.1 Ein typisch römisch-katholischer Fundamentalismus
4.2 Ein typisch protestantisch-charismatischer Fundamentalismus

5. Fazit: Entstehung und Spielarten des christlichen Fundamentalismus

1 Einleitung

In den letzten Jahren scheinen die Nachrichtenbeiträge über den Terror des sogenannten Islamischen Staates, dem Heiligen Krieg im Namen Allahs, nicht abzureißen. Das Bild des Islam verschlechtert sich in der westlichen Gesellschaft zusehends und gleichzeitig steigt die Angst vor weiteren Angriffen. Es wird mit dem Finger auf ein Problem gezeigt, welches auch vor unserer eigenen Haustür besteht. Greifen denn nicht auch teilweise Christen, Hindus und andere religiöse Gruppierungen, Muslime auf Grundlage einer eingebildeten, ethischen Überlegenheit an?

Hier setzen tiefgreifende Erforschungen des Phänomens, welches wir als Fundamentalismus kennen, an. Für viele Christen ist dieses Phänomen jedoch gar nicht so präsent wie es meiner Meinung nach sein sollte. Natürlich sind es immer nur Minoritäten, die sich einem fundamentalistischen Gedankengut zugehörig fühlen, jedoch sollte sich ein Christ darüber bewusst werden, was in den Untergründen seiner Konfession vonstattengeht. Folglich sollte auch in den Medien so über dieses Problem gesprochen werden, dass das überreligiöse Ausmaß deutlich wird. Denn mit der Transparenz kann Aufklärung und mit der Aufklärung Prävention geschaffen werden.

Nur wenn man in seiner eigenen Religion die Zeichen einer Tendenz zum Fundamentalismus erkennen kann, kann man sich davor schützen, selbst dafür anfällig zu werden. Wie in einem der folgenden Kapitel nämlich noch erläutert werden wird, haben vor allem die Führungspersönlichkeiten in (christlich-)fundamentalistischen Gruppierungen eine hohe Anziehungskraft auf eine bestimmte Art von Menschen.

Bevor wir jedoch über das Problem eines protestantischen und römisch-katholischen, Fundamentalismus sprechen können, müssen wir zunächst einen Blick auf die Entstehungsgeschichte des christlichen Fundamentalismus' und ihre Gründe werfen.

So finden sich die Anfänge, wie in vielen Büchern zu lesen ist, im vorigen Jahrhundert. Jedoch kann man den Anstoß eines solchen Denkens höchstwahrscheinlich schon im 19. Jahrhundert datieren. Die naturwissenschaftliche Forschung und ihre Methoden befanden sich auf dem Vormarsch und bis dahin gängige Wahrheiten wurden in ihren Grundfesten erschüttert. Auch das Bild des Individuums wurde anders gezeichnet. Nach und nach wurden Lebensweisen akzeptiert, die zuvor gesellschaftlich nicht akzeptabel waren. Das Subjekt eroberte sich einen neuen Freiraum, der Platz und Möglichkeit zu verschiedenster Entfaltung ließ.

Das Zeitalter der Moderne war eingeleitet und konnte nicht mehr aufgehalten werden. Die katholische Kirche nahm diese Veränderungen als bedrohlich wahr. Die Menschenrechte wurden um die Aspekte der Meinungs- und Religionsfreiheit erweitert, womit sicherlich eine Entmachtung des Christentums befürchtet wurde. Man musste nicht mehr Christ sein, um als ordentlicher, angesehener Mensch zu gelten. Zudem konnte man seine Freiheit dazu nutzen eine konträre Meinung zur Kirche zu vertreten, ohne dafür weggesperrt zu werden.

Auch die Industrialisierung wurde ausschließlich negativ bewertet. Das Proletariat wuchs in der Folge und die entstandene Armut galt den erzkonservativen christlichen Würdenträger als Beweis, dass man sich gegen Neuerungen zu stellen hatten.

In der Folge äußerte sich auch der damalige Papst Pius IX. in einem Syllabus mehr als kritisch gegen die ,,Irrtümer[n] der heutigen Zeit“1, welche quasi gleichgesetzt werden können mit den gesetzlichen Festlegungen zu den Freiheitsrechten des Menschen, sowie der modernen Erklärung der Welt; der Evolutionstheorie Darwins. So kann das Erste Vaticanum als ein letzter Aufschrei und Abgrenzungsversuch von der modernen Welt gesehen werden. Mit der Entscheidung für den Unfehlbarkeitscharakter des Papstes wurde versucht, die Integrität und den alleinigen Wahrheitsanspruch der katholischen Kirche zu wahren. Dass die Majorität der wahlberechtigten Bischöfe dafür gestimmt hat, kann wohl als eine (damalige?) fundamentalistische Ausrichtung Roms gewertet werden. Immerhin ging es hier darum, die Macht und die politische Einflussnahme der katholischen Kirche zu bewahren, so wie sie zuvor war.

Wie gesagt stellte vor allem die biologische Begründung der Entstehung der Welt ein Problem für die Kirche dar. Es wurde ein Weltbild gezeichnet, welches auch ohne einen Schöpfer auskam und somit auch den Glauben an Gott obsolet zu machen schien. Des Weiteren scheint der Gedanke einer sich ständig verändernden und entwickelnden Erde für fundamentalistisch denkende Menschen eine der größten Bedrohungen zu sein, da eine konstante, statische Weitsicht ausgeschlossen wird und ständig Platz für Unsicherheiten, eine sich ausbreitende Komplexität aber auch neue, von der Religion losgelöste Wahrheiten zulässt.

So fand auch Papst Pius X. 1907 klare Worte für seine Abneigung der Moderne gegenüber und bezeichnete sie in seiner Enzyklika Pascendi als „Sammelbecken aller Häresien“2. Daraufhin verpflichtete er alle Geistlichen zum Schwur des Antimodernisteneides gegen eben jene „häretischen Strömungen“.

In dieser abwehrenden Gesinnung fanden sich dann zu Beginn des 20. Jahrhunderts in den Vereinigten Staaten Amerikas einige evangelikale Christen zusammen, die nicht unbedingt

Geweihte waren. Sie wollten die Veränderungen der Moderne, die in einem späteren Kapitel noch hinreichend erläutert werden sollen, eben nicht akzeptieren und dem Weltwandel nicht folgen. Diese Gruppe, die „Fundamentals“, gaben der heutigen Bewegung für die Bewahrung des „reinen Glaubens“3, ihren Namen: Fundamentalismus.

Sie erschraken über viele Antworten der Biologen, Physiker und anderer Wissenschaftler und bangten um den Fortbestand der eigenen Gemeinschaft: „Die Naturwissenschaft lieferte scheinbar eine fertig gedachte Welt, in der weder für das Geheimnis noch für die Religion Platz war.“4

Somit sprach sich die Gruppe unter anderem strikt gegen die Evolutionstheorie Charles Darwins aus und verbot ihre Lehre an Schulen und Universitäten. Professoren, die diese dennoch unterrichteten, wurden exkommuniziert5. Diese Rigorosität in der öffentlichen Durchsetzung der eigenen An- und Absichten ist, wie wir in einem späteren Kapitel noch sehen werden, absolut typisch für die fundamentalistische Ideologie.

Die fundamentals sahen sich zum einen durch die voranschreitende Globalisierung ihre Lebensweise gefährdet. Nach dem Zweiten Weltkrieg erneuerte sich die Welt und Nationen begannen damit zusammen zu arbeiten, um die Wirtschaft wieder aufzubauen. Gastarbeiter wurden zwischen verschiedenen Ländern „ausgetauscht“ und mit ihnen war dem Pluralismus Tür und Tor geöffnet. Neue Traditionen und religiöse Ansichten wurden untereinander geteilt und die Lebensgestaltungsmöglichkeiten dadurch ein weiteres Mal expandiert.

Zum anderen sahen sich die Fundamentalisten durch die Dechristianisierung und den moralischen Verfall der Menschheit6 in ihrem Tun bestätigt. Durch das Bild, das sich ihnen bot,- erhöhte Kriminalitätsrate, mehr Scheidungen, Abtreibungen7, die Entwicklung der Anti-Baby Pille in den 1950er Jahren, welche die Strukturen der traditionellen Familie aufbrach, und vieles mehr-, sahen sie sich in der Verantwortung, die Menschheit vor sich selbst zu retten: „Der Bewegung ging es vor allem um die Rettung der Seelen durch Evangelisation und Erweckung.“8 In Bezug auf die Anti-Baby Pille äußert sich beispielsweise der Kardinal von Bologna Carlo Caffarra so, dass die Einnahme dieser mit Mord gleichzusetzen sei9. Auf die Forderung diese Äußerung zurückzunehmen, reagierte er mit Verweigerung, welche auch der spätere Papst

Joseph Ratzinger unterstützte. Dies wirft die Frage auf, ob demnach auch die offiziellen Vertreter des katholischen Glaubens religiöse Fundamentalisten sind. Jedoch kann man freilich festhalten, dass in dem aktuellen Codex Iuris Canonici durch eine bessere Aufklärung über die Wirkungsweise des Verhütungsmittels, eine Meinungsänderung von offizieller Seite stattgefunden hat.

Des Weiteren nahmen die Katholiken fundamentalistischer Gesinnung Anstoß an den Neuerungen des Zweiten Vatikanum in den Jahren 1962 bis 1965. Die Öffnung zur Ökumene und „Milderung“ des Papstprimats verunsicherten sie, genauso wie die Einsetzung von Papst Johannes Paul I. im Jahr 1978, der keinen radikalen Weg einschlagen wollte10 11.

Jene Verunsicherung ist auch heute noch zu spüren. Das beweist nicht zuletzt die Warnung des aktuellen Papstes Franziskus vor den Gefahren des „(anti-modernen) Fundamentalismu[s']“n. So erkennt er hier, ,,[d]er katholische Glaube vieler Völker steh[e] heute vor der Herausforderung der Verbreitung neuer religiöser Bewegungen, von denen einige zum Fundamentalismus tendieren [...]“12. Gleichzeitig findet er eine klare Bewertung dieser Tendenz: „Das ist einerseits das Ergebnis einer menschlichen Reaktion auf die materialistische, konsumorientierte und individualistische Gesellschaft und andererseits eine Ausnutzung der Notsituation der Bevölkerung [,..]“.13 Vormals ruft er dazu auf diese „Verschleierung der Wahrheit“14 zu meiden und demnach auch den „geschichtswidrigen“ Fundamentalismus abzulehnen.

Wie wir also sehen, hat die Dringlichkeit dieses Themas seit dem vorigen Jahrhundert nichts an seiner Brisanz eingebüßt. Mit der Aktualität des Themas im Hinterkopf, scheint es nun umso wichtiger für einen modernen Menschen, insbesondere moderenen Christen, die Hintergründe eines solchen radikalen und absolutistischen Gedankenguts zu ergründen.

Dazu soll in einem ersten Schritt dieser Arbeit der Begriff des Fundamentalismus' bzw. des religiösen Fundamentalismus definiert werden. Wann sprechen wir von Fundamentalismus und wann kann er als religiös motiviert angesehen werden?

Mit dieser Arbeitsdefinition, werden dann die Voraussetzungen eines Fundamentalismus' erläuert. Wie kommt es demnach dazu, dass sich ein Mensch zu den Ansichten, einer solchen Ideologie, hingezogen fühlt? Welche Faktoren müssen Zusammenkommen, damit ein Mensch anfällig wird, ein solches Welt- und Wahrheitsbild zu adaptieren und sich zu radikalisieren?

Dazu wird zunächst das Augenmerk auf die persönliche Disposition gelegt, sprich auf seine Psyche und individuelle Entwicklung. Seine existentiellen Krisen sollen, unter Einbezug psychologischer Theorien erläutert werden. So wird primär auf das Stufenmodelle von Erik Erikson und die Entwicklungstheorie von Sigmund Freud eingegangen werden.

Daraufhin soll der Fokus auf die Wirksamkeit fundamentalistischer Akteure des Christentums gerichtet werden. Hierzu wird dann Marcel Lefebvre als ein Beispiel eines römisch-katholischen und generell exemplarisch für einen charismatischen Führer vorgestellt. Es wird in Kürze untersucht werden müssen, mit welchen Argumentationsstrukturen und Eigenschaften sich dieser zu einem glaubhaften und sympatischen, spirituellen Leiter erheben lässt und dadurch in der Lage ist das Denken einer Vielzahl von Menschen zu indoktrinieren.

Nachdem gleichsam transparent geworden ist, welche Arten von Menschen mit ihren Charakteren und Hintergründen durch welche Arten von Führungspersönlichkeiten beeinflussbar sind, widmet sich die Arbeit der Makroebene: Der Gesellschaft. Welche Gesellschaftsdispositionen finden wir in der Moderne vor und welchen Einfluss haben jene auf das Weltbild eines fundamentalistischen Christen?

Sind diese Entstehungsparameter für einen (religiös motivierten) Fundamentalismus dann herausgearbeitet worden, wendet sich die Arbeit ihrem zweiten Thema zu: Dem christlichen Fundamentalismus in zweien seiner Spielarten. Dazu wird zwischen dem römisch-katholischen Fundamentalismus, welcher sich in Form einer absoluten Orthodoxie der Kirche herauskristallisieren wird, und dem Wahrheitsanspruch des protestantischen Bibelabsolutismus unterschieden. Zu einem besseren Verständnis des Letzteren, werde ich fragmentarisch auf jene Bibelstellen einen Bezug nehmen, die dem protestantischen Fundamentalisten als vermeintliche Legitimationsgrundlage seiner Ideologie dienen. Zum Schluss werden die Ergebnisse und Erkenntnisse dieser Arbeit zusammengefasst und prägnant dargestellt.

Letztendlich soll durch diese Arbeit die Frage beantwortet werden, welche Voraussetzungen und Parameter zu der Entstehung eines Fundamentalismus beitragen und wie sich dieser typischerweise im Christentum- dazu exemplarisch im römisch-katholischen und evangelikalen Milieu- bemerkbar macht.

2. Begriffsklärung ..(Religiöser) Fundamentalismus“

Um über das Phänomen Fundamentalismus sprechen zu können, muss man sich zunächst darüber bewusst werden, wann man davon spricht und welche Definition man im Folgenden hierfür zugrundelegt.

Laut dem Duden, spricht man dann von Fundamentalismus, wenn man eine „geistige Haltung [oder] Anschauung, die durch kompromissloses Festhalten [...] an Grundsätzen“15 gekennzeichnet ist, feststellen kann. Ganz ähnlich sieht es der Politologe Thomas Meyer in seinem Buch „Was ist Fundamentalismus?“. Demzufolge kann Fundamentalismus beschrieben werden als „eine politische Ideologie des 20. Jahrhunderts, in der Regel mit ethisch-religiösem Anspruch.“16 Hier wird also der Begriff ganz explizit als ein Phänomen des vergangenen Jahrhunderts definiert. Jedoch ist auch im aktuellen Jahrhundert das Problem des fundamentalistischen Terrors noch eine absolut präsente und treibende Kraft im politischen Weltgeschehen, womit man die Definition Meyers wohl um jenen Zeitraum ergänzen oder gänzlich von einer Ideologieoption der Moderne sprechen müsste.

Über die negative Konnotation des Fundamentalismus sind sich jedoch soweit alle Beobachter einig. So warnt auch die Bundeszentrale für politische Bildung davor, dass der Fundamentalismus immer die „Gefahr eines religiösen oder politischen Fanatismus“17 birgt.

Trotz der doch ähnlichen Beschreibungen, überzeugt die Definition Meyers am meisten. In letzterer Formulierung stört das Wort „oder“.

Fundamentalismus ist eben kein Phänomen, welches entweder politischer oder religiöser Natur ist. Wie schon Carl Gustav Jung feststellte, ist der Drang zur und das Interesse an der Religion und der Politik ein natürliches Grundbedürfnis des Menschen18. Gleichsam ist auch fundamentalistisches Verhalten ein, auf religiösen Grundfesten basierendes, politisches Streben nach Macht. Dieses Streben erhält seine vermeintliche Legitimation durch das strikte Festhalten an Heiligen Schriften, Traditionen oder dem Lehramt bestimmter Institutionen wie noch zu erläutern sein wird.

Grundsätzlich ist jedoch schon einmal festzuhalten, dass sich Fundamentalisten ,,[...] gegen das Prinzip der Offenheit und der Anerkennung von unterschiedlichen Verständnisweisen innerhalb und außerhalb der eigenen Kultur“19 ausrichten. Somit macht es sie nicht nur zu einer Gefahr für den jeweiligen Kulturkreis, in dem sie sich befinden, sondern viel mehr zur potenziellen Bedrohung aller politischen und sozialen Systeme, insbesondere der Demokratie, die bekanntlich eine Meinung und Entscheidungskraft aller zulässt.

Ein weiteres Merkmal einer solchen Weitsicht ist nicht selten auch die „selektive Missachtung von Menschenrechten“20. Dadurch, dass diese religiösen Fundamentalisten denken, dass ihre Wahrheit die einzig wahre ist und somit verpflichtend für alle Menschen gelten muss, ob sie es denn nun wissen oder nicht, wenden sie ihre Praktiken auch gegen den Willen und oftmals auch die Würde anderer Menschen an. Dass sie in der Minderheit sind und nicht selten durch große Zusammenschlüsse von Gläubigen als gefährlich eingestuft werden (wie zum Beispiel die Ettikettierung Scientologys als Sekte) kann für sie nicht als Beweis des Zweifels am Festhalten an den eigenen Statuten bestehen. Generell werden alle Versuche mit Hilfe der Vernunft die Störungen und entchristianisierten Gesellschaftsstrukturen in der Welt zu verstehen von vornherein abgewehrt. Die typisch starren Denkmuster beinhalten das die Ansicht, dass sie keinesfalls Anteil an den Problemen der Gesellschaft haben, sondern ganz im Gegenteil die Lösung für diese Probleme seien21.

Im Allgemeinen kann man also als herausstechende Eigenschaft des Fundamentalismus feststellen, dass er nicht nur von der Majorität der Gläubigen der eigenen Konfession abgelehnt wird, sondern sich auch selbst aktiv ausgrenzt. Keiner ist der Fundamentalisten würdig, der nicht ihre Ansichten teilt und jeder ist verdammt, der nicht lebt, wie sie es aus ihrer Sicht als recht und würdig erachten.

Beinert nennt noch weitere Erkennungsmerkmale des (religiösen) Fundamentalismus. So könnten bei jeder fanatisch ausgerichteten Gruppierung „sechs charakteristische[n] Grundzüge fundamentalistischer Systeme“ festgestellt werden22. Gleichzeitig sind, wie Werner Huth bemerkte, „alle jene Charakteristika [...] signifikante Merkmale der pathologischen Zustände von Ideologie und Wahn“23, was bereits sehr bezeichnend für den geistigen Zustand eines Fundamentalisten ist.

Einen dieser Grundzüge haben wir bereits benannt, nämlich die Isolierung bzw. die starke Abgrenzung zu anderen Glaubensrichtungen. Des Weiteren gehöre auch die Intransigenz zu solchen, die den Glaubenssätzen eine dermaßen wichtige Rolle innerhalb der Gemeinschaft und des Individuums zuschreibt, dass sie die Identität maßgeblich bestimmt. Somit entsteht der Drang die Dogmen umso vehementer nach Außen zu verteidigen. Die Schlussfolgerung ist nämlich, dass der Angriff oder auch nur die Bezweiflung der eigenen Ideologie equivalent ist mit einem Angriff auf die eigene Persönlichkeit selbst.

Außerdem ist ein Autoritarismus typisch. An jeder Spitze einer Gruppe von Fanatikern steht ein stark legitimierter Führer, auf den im Zuge dieser Arbeit noch zurückzukommen ist.

Zudem ist eine binnenstrukturierte Weitsicht gängig, welche Beinert mit dem Wort „Dualismus“24 benennt. Jene ist eng verknüpft mit der Isolierung, da sie vorgibt, wer dazu gehört und wer nicht. Entweder jemand glaubt an die Thesen, Legitimität und die Gebote und Vorschriften des Glaubenssystems/ der Glaubenshierarchie oder eben nicht. Ersterer ist Freund, letzterer Feind. Dieses Schwarz-Weiß-Denken erleichtert es den Fundamentalisten das „Böse“ in der Welt zu erkennen.

Diese Weitsicht mündet in einer starken Vereinfachung des Weltgeschehens: Dem Reduktionismus. Wie bereits angemerkt, wird die Vernunft als Möglichkeit der Erklärung für ein Phänomen ausgeblendet, was ebenfalls dazu führt, dass Widersprüche missachtet werden25.

Dies wiederum ist, zusammen mit den anderen benannten Merkmalen, Grund für das letzte Erkennungsmerkmal des Fundamentalismus': Die Diskursunfähigkeit. Da keine konkurrierenden Meinungen zugelassen, gehört und gar als mögliche (Teil-)Wahrheiten in Betracht gezogen werden dürfen, ist der Fundamentalismus in Bezug auf den religiösen Kontext ein natürlicher Gegnerjeglicher ökumenischer Bewegung.

Zusammenfassend könnte also Folgendes als Arbeitsdefinition für den religiösen Fundamentalismus gelten, von dem in dieser Arbeit die Rede sein soll:

Religiöser Fundamentalismus ist ein, dem 20. Jahrhundert entsprungenes, Phänomen, welches nach politischem Einfluss strebt und sich durch eine Heilige Schrift oder anderes als verehrungswürdig Deklariertes legitimiert sieht. Der religiöse Fundamentalismus grenzt sich bewusst von den Tendenzen und der starken Pluralität der Moderne ab und sieht sich als einzig wahre Lösung für gesellschaftliche Probleme und als Bewahrer des rechten Glaubens. Des Weiteren spielt in jenen Gruppierungen ein Führer eine tragende Rolle, der eine Weitsicht propagiert, welche stark simplifiziert ist und keine gedanklichen Grauzonen seiner Anhänger zulässt. Fundamentalismus führt zu einem radikalen Denkmuster, welches im schlimmsten Fall dazu führt, dass entgegen der Würde, Selbstbestimmung und teils gar dem Leben eines Menschen gehandelt wird.

Wie ein Individuum für ein solch drastisches Differenzieren empfänglich wird, soll im Folgenden dargestellt werden, da man wohl nicht davon ausgehen kann, dass die Religion an sich fundamentalistisch ist. Ansonsten wäre wohl kaum die Öffnung zur Ökumene durch das Zweite Vatikanische Konzil möglich gewesen.

Gleichwohl kann man mit Blick auf die bereits darstellte Geschichte der Entstehung des Phänomens und auf Grund der aktuellen Terrorakte auf der ganzen Welt, davon ausgehen, dass Religionen eine solche Tendenz besitzen. Dass diese dann auch in der römisch-katholischen und protestantischen Kirche beispielsweise zu finden ist, erstaunt damit nicht. Jedoch ist es interessant welch verschiedene Auswüchse hierbei herauskamen.

Zunächst sollen jedoch, wie bereits angekündigt, die gesellschaftlichen, sozialen und psychologischen Hintergründe, zu einer solchen Gruppierung gehören zu wollen, erörtert werden.

3. Voraussetzung für die Entstehung eines Fundamentalismus

Wie schon Marty und Appleby in ihren Arbeiten treffend feststellten, ist der Fundamentalismus in allen großen Weltreligionen vertreten26. Somit hat der Hang eines religiösen Menschen zu einem solchen Weltbild und Ausgrenzungsverhalten also nichts mit einer bestimmten Kultur zu tun. Diese These wird auch gestützt durch die Erkenntnisse des Projekts Gert Hofstedes, der zu den „Unterschieden kultureller und sozialer Orientierungen“27 forschte. Er entwickelte Werteprofile für eine Vielzahl an Ländern, die aus unterschiedlichsten Kulturkreisen ausgewählt wurden. Das Ergebnis war eindeutig: „Es gibt genauso viele übereinstimmende Werteprofile zwischen Ländern unterschiedlicher wie gleicher Kulturzugehörigkeit.“28

Zugrunde liegen müssen also andere Faktoren, die Menschen hierfür anfällig machen. Sind es demnach die Religionen selbst, die so verschieden sind, dass keine Übereinstimmung in Werten festgestellt werden kann und somit zwischen ihnen zwangsläufig immer eine strikte Abgrenzung und Abwertung des anderen entstehen muss? Wohl nicht:

[...]


1 Klaus Kienzier: Der religiöse Fundamentalismus. Christentum Judentum Islam. München: C. H. Beck 2002, 5. Auflage, S.51.

2 Ebenda, S.53.

3 Uwe Bimstein: Wenn Gottes Wort zur Waffe wird. Fundamentalismus in christlichen Gruppierungen. Gütersloh: GTB 1999, S. 26.

4 Kienzier: Der religiöse Fundamentalismus, S. 45.

5 Vgl. Ebenda, S. 25.

6 Vgl. Bimstein: Wenn Gottes Wort zur Waffe wird, S. 25.

7 Vgl. Ebenda, S. 26.

8 Kienzier: Der religiöse Fundamentalismus., S. 29.

9 Vgl. Ebenda, S. 63.

10 Vgl. Patrick Becker: Fundamentalismus als aktuelle Herausforderung. In: Stimmen der Zeit. Heft 7, Band 232. Juli 2014, S. 475.

11 Ebenda, S.481.

12 Papst Franziskus: Evangelii gaudium, Kapitel 1, Absatz 63. Vatikanstadt: Ο. V. 2013. http://w2.vatican.va/content/francesco/de/apost_exhortations/documents/papa-francesco_esortazione- ap_20131124_evangelii-gaudium.html#Einige_kulturelle_Herausforderungen. Eingesehen am 07.02.17.

13 Vgl. A. a. O.

14 Ebenda, Kapitel 3, Absatz 231.

15 Duden (Hrsg.): Fundamentalismus. Ο. Ο.: Ο. V. O. J. http://www.duden.de/rechtschreibung/Fundamentalismus Eingesehen am07.12.16

16 Thomas Meyer: Was ist Fundamentalismus? Eine Einführung. Wiesbaden: VS Verlag 2011.

17 Klaus Schubert, Martina Klein: Das Politiklexikon. 6., aktual. u. erw. Aufl. Bonn: Dietz 2016. http://www.bpb.de/nachschlagen/lexika/politiklexikon/17513/fundamentalismus. Eingesehen am 07.12.16.

18 Vgl. Verena Käst: Die Tiefenpsychologie nach C. G. Jung. Ostfildern: Patmos 2014, S. 92.

19 Meyer: Was ist Fundamentalismus, S. 28.

20 Ebenda, S.30.

21 Vgl. Bimstein: Wenn Gottes Wort zur Waffe wird, S. 27.

22 Vgl. Becker: Fundamentalismus als aktuelle Herausforderung, S. 479.

23 Wolfgang Beinert (Hrsg.): »Katholischer Fundamentalismus«. Häretische Gruppen in der katholischen Kirche? Regensburg: FriedrichPustet 1991, S. 71.

24 Becker: Fundamentalismus als aktuelle Herausforderung, S. 480.

25 Vgl. A. a. O.

26 Vgl. Meyer: Was istFundamentalismus, S.31.

27 Ebenda, S.86.

28 Ebenda, S. 89.

Ende der Leseprobe aus 40 Seiten

Details

Titel
Entstehung und Spielarten des christlichen Fundamentalismus
Hochschule
Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen
Note
2,0
Autor
Jahr
2017
Seiten
40
Katalognummer
V386691
ISBN (eBook)
9783668609426
ISBN (Buch)
9783668609433
Dateigröße
611 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Fundamentalismus, Protestantismus, Katholizismus, Religion, Lefebvre, Psychologie, Erikson
Arbeit zitieren
Romina Hermes (Autor), 2017, Entstehung und Spielarten des christlichen Fundamentalismus, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/386691

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