Die Bundesrepublik Deutschland nimmt als Mitglied der Europäischen Union an einer fortschreitenden europäischen Integration teil. Infolge der weltweiten Wirtschafts- und Finanzkrise traten massive öffentliche Schulden vereinzelter Eurostaaten hervor, die eine Rettung durch die übrigen Mitglieder der Währungsunion nötig machten. Im Zuge dessen forderte das Bundesverfassungsgericht in seiner Rettungsrechtsprechung, dass der Bundestag speziell seine Hoheit über die deutsche Haushaltswirtschaft zu bewahren habe.
Im Rahmen dieses Buches stellt sich der Autor Christian Sander daher die Frage, welches die Hilfsprogramme zur Eindämmung der Staatsschuldenkrise aktuell sind und wie hoch dabei das Haftungsrisiko für Deutschland ist. Außerdem diskutiert er, ob Eurobonds unter Würdigung der aktuellen verfassungsrechtlichen Statuten Deutschlands sowie der Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts überhaupt möglich sind. Wie ist der Trend der Rechtsprechung? Gibt es darin Anlass zu Kritik?
Aus dem Inhalt:
Europäische Union;
Finanzkrise;
Bundesverfassungsgericht;
Eurobonds;
Währungsunion.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
1.1 Die Gefahr der Staatsschuldenkrise: Ein etwas anderer Rückblick
1.2 Aufgabenstellung, Aufbau und Methodik
2 Die Krise, die Hilfsprogramme und ihre Haftungsrisiken
2.1 Die volkswirtschaftliche Vorgeschichte der Staatsschuldenkrise
2.2 Die Hilfsprogramme und die Haftung der Bundesrepublik Deutschland
2.2.1 Die Griechenlandhilfe
2.2.2 Temporärer Rettungsschirm aus EFSM/EFSF
2.2.3 Dauerhafter Rettungsschirm des ESM
2.2.4 Maßnahmen der EZB
2.3 Zusammenfassung der deutschen Haftung
3 Die Staatsschuldenkrise aus Sicht des deutschen Verfassungsrechts
3.1 Das Verhältnis von deutschem Verfassungs- und EU-Recht
3.2 Die Hilfsprogramme vor dem Bundesverfassungsgericht
4 Zur Zulässigkeit von Eurobonds
5 Bewertung und Ausblick
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht die juristische Dimension der europäischen Staatsschuldenkrise aus der Perspektive des deutschen Verfassungsrechts. Ziel ist es, die Haftungsrisiken für die Bundesrepublik Deutschland durch diverse Hilfsprogramme zu analysieren und die Rolle des Bundesverfassungsgerichts bei der verfassungsrechtlichen Bewertung dieser Maßnahmen kritisch einzuordnen.
- Wirtschaftliche und verfassungsrechtliche Grundlagen der Eurokrise
- Analyse internationaler Hilfsprogramme und deren Haftungspotenziale
- Juristische Bewertung durch das Bundesverfassungsgericht
- Verfassungsrechtliche Zulässigkeit potenzieller Eurobonds
Auszug aus dem Buch
Die Gefahr der Staatsschuldenkrise: Ein etwas anderer Rückblick
Mit Giorgos Papandreou gewannen die oppositionellen Sozialisten die griechischen Parlamentswahlen des 04.10.2009 (vgl. Samson, 2017). Was damals niemand ahnte: Binnen weniger Monate sollte ihn das horrende Haushaltsdefizit Athens vom Mann der Stunde zum Gesicht der Krise degradieren (siehe hierzu Böll, 2010).
Bestanden zuvor kaum Zweifel an der Zahlungsfähigkeit selbst leistungsschwächerer Eurostaaten, hatte die Lehman-Pleite gezeigt, dass es keine Tabus mehr gab (vgl. Jost, 2009). Infolgedessen grassierten Angst und Misstrauen an den Finanzmärkten (vgl. Liebert, 2011), was angesichts seines hohen Defizits zur Verteuerung der Kreditausfallversicherungen Griechenlands, aber auch anderer Mittelmeeranrainer führte (siehe hierzu Siddiqui & Seckelmann, 2009, S. 141f.). Hierdurch angetrieben, stiegen die Renditen derer Staatsanleihen derart, dass sie binnen kurzer Zeit von einer Refinanzierung über die Kapitalmärkte faktisch ausgeschlossen wurden (siehe hierzu Deutsche Bundesbank, 2011, S. 44f.).
Die Eliten Europas verharrten indes in Untätigkeit – neben rechtlichen Bedenken erschienen neuerliche Steuermilliarden für Rettungspakete nach diversen Bankenstützungen kaum opportun (siehe hierzu Deutscher Bundestag, 2010b). Allzu gern schenkte man daher denen Glauben, die einen Staatsbankrott gar als Chance wirtschaftlicher Gesundung sahen (siehe hierzu Plickert, 2011).
Als sich die Eurostaaten dann doch zum Handeln durchrangen, hatte sich unlängst ein Teufelskreis aus Verunsicherung und weiter ansteigenden Zinsen entfesselt, in dessen Sog zunehmend auch solventere Währungsunions-Mitglieder gerieten. Die Geschwindigkeit der Krise hatte die Umfänge notwendiger Rettungspakete in solche Höhen getrieben, dass ebenso ihre Bonität in Zweifel gezogen wurde (siehe hierzu Koch, 2011 und Königkrämer, 2012). Nach dem Verweigern der Europäischen Zentralbank (EZB), entsprechend anglo-amerikanischer Vorbilder Staatsanleihen aufzukaufen, geriet die Schuldenkrise vollends außer Kontrolle (siehe hierzu Scheurer, 2015, S. 3f. und Schultz, 2010).
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Dieses Kapitel führt in die Thematik der europäischen Staatsschuldenkrise ein und skizziert die methodische Vorgehensweise zur Beantwortung der zentralen Forschungsfragen.
2 Die Krise, die Hilfsprogramme und ihre Haftungsrisiken: Hier werden die ökonomische Vorgeschichte der Krise sowie die verschiedenen internationalen Hilfsprogramme und das damit verbundene Haftungsrisiko für Deutschland detailliert dargestellt.
3 Die Staatsschuldenkrise aus Sicht des deutschen Verfassungsrechts: Dieses Kapitel analysiert das Verhältnis von deutschem Verfassungs- und EU-Recht und untersucht die diesbezügliche Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts.
4 Zur Zulässigkeit von Eurobonds: Der Autor bewertet die verfassungsrechtliche Zulässigkeit der Einführung von Eurobonds als Instrument der Krisenbewältigung.
5 Bewertung und Ausblick: Abschließend wird die Gesamtsituation reflektiert und ein Fazit zur Stabilität des Rechtsgefüges angesichts fiskalischer Krisen gezogen.
Schlüsselwörter
Staatsschuldenkrise, Eurozone, Bundesverfassungsgericht, Haftungsrisiko, Grundgesetz, Haushaltsautonomie, Eurobonds, EZB, Rettungsschirm, ESM, EFSF, Finanzstabilität, Demokratieprinzip, Währungsunion, Fiskalpolitik
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der juristischen Dimension der europäischen Staatsschuldenkrise, insbesondere aus Sicht des deutschen Verfassungsrechts und der Rolle des Bundesverfassungsgerichts.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Untersuchung konzentriert sich auf die ökonomischen Ursachen der Krise, die verschiedenen Rettungsmechanismen (wie EFSF und ESM) sowie deren verfassungsrechtliche Zulässigkeit in Deutschland.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Hauptziel ist die Analyse der finanziellen Haftungsrisiken Deutschlands sowie eine kritische Untersuchung der Karlsruher Rechtsprechung im Kontext der europäischen Integrationsvorgaben.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Methodik stützt sich primär auf die Dokumentenanalyse aktueller juristischer und wirtschaftswissenschaftlicher Fachliteratur sowie die Auswertung relevanter höchstrichterlicher Entscheidungen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die ökonomische Krisenvorgeschichte, eine detaillierte Darstellung der Hilfsprogramme und ihrer Haftungsdimensionen sowie eine tiefgehende juristische Analyse der verfassungsrechtlichen Kontrolle dieser Maßnahmen.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind Staatsschuldenkrise, Haushaltsautonomie des Bundestages, Verfassungsidentität, ESM, EZB-Maßnahmen und Eurobonds.
Wie bewertet der Autor die Rolle des Bundesverfassungsgerichts?
Der Autor ordnet das Gericht als „Bremse“ europäischer Integration ein, die jedoch durch eine spürbare Zurückhaltung in materiellen Fragen geprägt war, um den Gesetzgeber nicht in seiner Einschätzungsprärogative einzuschränken.
Gibt es eine abschließende Schlussfolgerung zu Eurobonds?
Die Arbeit kommt zu dem Ergebnis, dass Eurobonds verfassungsrechtlich grundsätzlich möglich erscheinen, sofern ihre Einführung durch eine betragsmäßig klar begrenzte und parlamentsgebundene Beschlussfassung flankiert wird.
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- Christian Sander (Author), 2018, Die Staatsschuldenkrise in der EU. Zur Vergemeinschaftung von Schulden aus Sicht der Bundesrepublik Deutschland, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/386917