Der durch die Arbeiten von Habermas und Luhmann entstandene Paradigmenwechsel in der Soziologie und die Tatsache, dass die Ansätze grundverschiedenen Auffassungen folgen, macht es besonders interessant, das kommunikative Handeln von Habermas mit Luhmanns Systemtheorie zu vergleichen, die Unterschiede aufzuzeigen und Gemeinsamkeiten zu finden. Deshalb soll die Zielsetzung dieser Arbeit das Herausarbeiten der konträren Ansichten sein, um diese zu vergleichen und Unterschiede bzw. Gemeinsamkeiten zu beleuchten.
Mit dem klassischen Sender-Nachricht-Kanal-Empfänger Model beginnen Claude Shannon und Warren Weaver in den 40er Jahren die Kommunikation fassbar zu machen, um die Kommunikation im nachrichtentechnischen Sinne zu optimieren. Diese aus praktischen Beweggründen entstandene theoretische Feststellung bildet das klassische Model von Kommunikation.
Aus dem Urvater der Kommunikationsdefinition haben sich verschiedenste Formen, Definitionen und theoretische Auffassungen von Kommunikation entwickelt. Auch die neueren wissenschaftlichen Beiträge die von Rogers, Schulz von Thun und Watzlawick in die Debatte eingebracht wurden sind oft zitierte Definitionen der Kommunikationswissenschaft. Die Soziologie entwickelt sich im Verlauf der Zeit und maßgeblich auch durch die Arbeiten von George Herbert Mead, weg von einer reinen Handlungswissenschaft. Jürgen Habermas und Niklas Luhmann schafften mit ihren Arbeiten in den 70er Jahren den Einzug der Kommunikationsbegriffe in die soziologische Theoriebildung allerdings tragen sie auch zu einer weiteren Pluralisierung der Soziologie und der Krise der westlichen Soziologie bei, die Alvin Gouldner in seinem 1910 erschinenen Werk „The Coming Crisis of Western Sociology“ ankündigt. Habermas und Luhmanns theoretischen Ansätze verfolgen konträre Auffassungen und Positionen und führen die Debatte um die Kommunikationsforschung an. Aus diesem Grund werden beide Ansätze besonders in Deutschland heftig diskutiert. Luhmann und Habermas haben sich deshalb ebenfalls in eine Debatte begeben und in der „Frankfurt-Bielefeld-Kontroverse“ ihre Positionen und Ansätze ins Rennen geführt und gegeneinander gestellt.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Jürgen Habermas
2.1. Die vier Phasen des kommunikativen Handelns
2.2. Geltungsansprüche und Weltbezüge in der Sprache
2.3. Der Diskurs
3. Niklas Luhmann
3.1 Doppelte Kontingenz
3.2 Kommunikationsbegriff nach Luhmann
3.3 Symbolisch generalisierte Kommunikationsmedien
3.4 Bildung von Systemen durch Kommunikation
4. Vergleich beider Theorieansätze
5. Schlussbemerkung
Zielsetzung & Themen
Das Hauptziel dieser Arbeit ist die Gegenüberstellung der konträren Kommunikationstheorien von Jürgen Habermas und Niklas Luhmann, um Unterschiede sowie Gemeinsamkeiten im Verständnis von gesellschaftlicher Ordnung und Handeln zu identifizieren.
- Vergleich des handlungstheoretischen Ansatzes von Habermas mit der Systemtheorie Luhmanns
- Analyse des Stellenwerts von Sprache als Medium der Verständigung versus als Symbolsystem
- Untersuchung der Konzepte "Lebenswelt" und "Autopoiesis" im Kontext soziologischer Kommunikation
- Diskussion des Paradigmenwechsels in der Soziologie durch die Theorien der 70er Jahre
Auszug aus dem Buch
3. Niklas Luhmann
Niklas Luhmann, der deutsche Soziologe und Gesellschaftstheoretiker gilt derzeit als einer der wichtigsten Vertreter der soziologischen Systemtheorie. Die Luhmannsche Systemtheorie ist als eine der erfolgreichsten Forschungen, sowohl in der Soziologie als auch in diversen anderen Forschungsfeldern. Nach Luhmann beschreibt Kommunikation einen Vorgang, der soziale Systeme erzeugt oder aufrechterhält. Seine Denkweise unterscheidet sich von der Habermas insofern, als dass er offene Systeme durch sich selbsterzeugende ersetzt und im gleichen Zuge auch der Handlungsbegriff durch den Begriff der Kommunikation ersetzt. „Offen“ sind sie insofern, als dass ein Austausch mit der Umwelt stattfindet. Die Kommunikation ist ein grundlegendes Element seiner Systemtheorie, da sie entscheidend sei um ein soziales System aufrechtzuerhalten. Somit tritt die Kommunikationstheorie in einen engen Zusammenhang mit der Systemtheorie.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in die Thematik der Kommunikationstheorien und die Darstellung der wissenschaftlichen Relevanz des Vergleichs zwischen Habermas und Luhmann.
2. Jürgen Habermas: Erläuterung des Konzepts des kommunikativen Handelns, das den Fokus der Soziologie von der Handlung auf die sprachliche Verständigung verschiebt.
2.1. Die vier Phasen des kommunikativen Handelns: Detaillierte Unterteilung der Theorie in Aspekte wie Sprachpraxis, Struktur, Hintergrundwissen und das Verhältnis von Ich und Wir.
2.2. Geltungsansprüche und Weltbezüge in der Sprache: Beschreibung der Rolle von Sprache als Motor soziokultureller Entwicklung und Medium der Handlungskoordination durch Geltungsansprüche.
2.3. Der Diskurs: Darstellung des idealen Kommunikationsraums bei Habermas zur Wahrheitsfindung und Konsensbildung.
3. Niklas Luhmann: Einführung in die Systemtheorie Luhmanns, in der Kommunikation anstelle des Handelns das soziale System konstituiert.
3.1 Doppelte Kontingenz: Analyse der Unwahrscheinlichkeit von Kommunikation und der Rolle von Erwartungserwartungen bei der Entstehung sozialer Ordnung.
3.2 Kommunikationsbegriff nach Luhmann: Erklärung der Kommunikation als Selektionsprozess aus Information, Mitteilung und Verstehen ohne notwendige Identität.
3.3 Symbolisch generalisierte Kommunikationsmedien: Untersuchung von Medien wie Geld oder Wahrheit, die die Anschlussfähigkeit von Kommunikation erhöhen.
3.4 Bildung von Systemen durch Kommunikation: Erläuterung des Autopoiesis-Begriffs, wonach soziale Systeme sich rein durch Kommunikation selbst reproduzieren.
4. Vergleich beider Theorieansätze: Kritische Gegenüberstellung der normativen Theorie von Habermas und der konstruktivistischen Systemtheorie von Luhmann.
5. Schlussbemerkung: Zusammenfassende Einschätzung der fundamentalen Unterschiede bei gleichzeitiger hoher Relevanz beider Ansätze für die Soziologie.
Schlüsselwörter
Soziologische Theorie, Jürgen Habermas, Niklas Luhmann, Kommunikation, Systemtheorie, Kommunikatives Handeln, Sprachpraxis, Autopoiesis, Lebenswelt, Doppelte Kontingenz, Diskurs, Anschlusskommunikation, Geltungsansprüche, Gesellschaftstheorie, Paradigmenwechsel
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit vergleicht die zwei zentralen, aber konträren Kommunikationstheorien von Jürgen Habermas und Niklas Luhmann im Kontext der Soziologie.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Schwerpunkte liegen auf der Theorie des kommunikativen Handelns einerseits und der soziologischen Systemtheorie andererseits, insbesondere im Hinblick auf ihre Definition von Kommunikation und sozialer Ordnung.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es, die grundlegenden Unterschiede und Gemeinsamkeiten beider Ansätze herauszuarbeiten, um das Verständnis für die konkurrierenden Paradigmen in der Gesellschaftstheorie zu vertiefen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine theoretische Literaturanalyse, bei der die Konzepte beider Autoren systematisch gegenübergestellt und auf ihre soziologische Tragweite geprüft werden.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die detaillierte Darstellung der Theorien von Habermas (z.B. Diskurs, Lebenswelt) und Luhmann (z.B. Autopoiesis, doppelte Kontingenz) sowie deren anschließenden direkten Vergleich.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Schlagworte sind Kommunikatives Handeln, Systemtheorie, Autopoiesis, Diskurs und gesellschaftliche Ordnung.
Wie unterscheidet sich Habermas' Sichtweise auf Sprache von der Luhmanns?
Während Habermas Sprache als zentrales Medium der verständigungsorientierten Handlungskoordination sieht, betrachtet Luhmann sie als Symbolsystem zur Reduktion von Komplexität, wobei Sinn nicht direkt übertragbar ist.
Was bedeutet "Autopoiesis" im Kontext von Luhmann?
Autopoiesis beschreibt die Fähigkeit sozialer Systeme, sich durch Kommunikation selbst zu erschaffen und zu reproduzieren, ohne dabei von individuellen Akteuren abhängig zu sein.
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- Thore Mnich (Autor), 2017, Zwei konträre Definitionen von Kommunikation. Die Debatte zwischen Jürgen Habermas und Niklas Luhmann, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/386920