Gesellschaftskonzepte sind seit dem Aufkommen der Soziologie ein beliebtes Forschungsgebiet. Dasselbe gilt teilweise auch für die Untersuchung von Dualismen. Wie wir sehen werden, baut die westliche Kultur seit der Antike und dem Aufkommen der monotheistischen Religionen (Judentum, Christentum und Islam) auf der kulturell erzeugten Konstruktion von Dualismen auf. Dabei fällt auf, dass dieses Phänomen, das quasi die gesamte westliche Ideengeschichte durchzieht, auf zwei Urdualismen beruht: Kultur versus Natur sowie Mensch versus Tier. Ziel dieser Arbeit ist also die Herausarbeitung dieser Dualismen und die Frage, wie sich dies auf Gesellschaft ausübt.
Inhaltsverzeichnis
1. Gesellschaft und Mensch-Tier-Verhältnis
2. Die Urdualismen: Mensch versus Tier und Kultur versus Natur
3. Natur und „das Tier“ in der Philosophie- und Ideengeschichte des Westens
4. Folgen des Mensch/Kultur-Tier/Natur-Dualismus auf die (moderne) Gesellschaft
4.1. Äußere Naturbeherrschung und Unterdrückung (einiger) nichtmenschlicher Tiere: Speziesismus und Karnismus
4.2. Innere Naturbeherrschung, Somatisierung, Sitten, Manieren und Tabus: Sexualität, Krankheit, Tod
4.3. Aufbau weiterer Dualismen und die Entstehung menschlicher Diskriminierungsmechanismen und Machtverhältnisse
5. Eine ganzheitliche Sichtweise
Zielsetzung und Forschungsfokus
Die vorliegende Arbeit untersucht die zentrale Bedeutung von kulturell konstruierten Dualismen – insbesondere „Kultur versus Natur“ sowie „Mensch versus Tier“ – als fundamentale Basis für gesellschaftliche Unterdrückungsmechanismen und Herrschaftsverhältnisse im Westen. Das Ziel besteht darin, aufzuzeigen, wie die Abgrenzung des Menschen von nichtmenschlichen Tieren zur Legitimierung von Ausbeutung und Gewalt sowie zur Etablierung soziopolitischer Stigmatisierungsprozesse beiträgt.
- Analyse der westlichen Philosophie- und Ideengeschichte hinsichtlich der Genese des Mensch-Tier-Dualismus.
- Untersuchung der äußeren Naturbeherrschung durch Speziesismus und Karnismus.
- Erforschung der inneren Naturbeherrschung, Somatisierung und Tabuisierung menschlicher Anteile.
- Aufzeigen von Analogien zwischen Tierunterdrückung und menschlichen Diskriminierungsformen (Rassismus, Sexismus).
- Plädoyer für eine ganzheitliche Sichtweise innerhalb der Human-Animal Studies.
Auszug aus dem Buch
1. Gesellschaft und Mensch-Tier-Verhältnis
Gesellschaftskonzepte sind seit dem Aufkommen der Soziologie ein beliebtes Forschungsgebiet. Dasselbe gilt teilweise auch für die Untersuchung von Dualismen. Wie wir sehen werden, baut die westliche Kultur seit der Antike und dem Aufkommen der monotheistischen Religionen (Judentum, Christentum und Islam) auf der kulturell erzeugten Konstruktion von Dualismen auf. Dabei fällt auf, dass dieses Phänomen, das quasi die gesamte westliche Ideengeschichte durchzieht, auf zwei Urdualismen beruht: Kultur versus Natur sowie Mensch versus Tier. Ziel dieser Arbeit ist also die Herausarbeitung dieser Dualismen und die Frage, wie sich dies auf Gesellschaft ausübt.
Dualismen nehmen die Funktion der Herstellung von Eigengruppen und Fremdgruppen ein, dienen als Bildung von Identität und Abgrenzung, der „Veranderung“ bzw. des „Othering“ und ferner als Aufwertung des Eigenen und Abwertung des Fremden. Beispiele hierfür sind die Dualismen Weiße - People of colour, Männer - Frauen oder Menschen - Tiere. Besonders letztgenannter Dualismus war bisher jedoch kaum Gegenstand sozialwissenschaftlicher Forschung. Erst seit Kurzem eröffnet sich mit den Human-Animal Studies ein neues, bisher kaum beachtetes Forschungsfeld. Dabei begegnen uns nichtmenschliche Tiere überall im kulturellen Alltag, z.B. als „Haus-“, „Versuchs-“, „Nutz-“, oder „Jagdtiere“.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Gesellschaft und Mensch-Tier-Verhältnis: Einführung in die Thematik der Dualismen und deren Funktion bei der Identitätsbildung sowie der Abgrenzung von Eigen- und Fremdgruppen.
2. Die Urdualismen: Mensch versus Tier und Kultur versus Natur: Historische Herleitung der Dichotomie zwischen Mensch und Tier sowie deren Verankerung in der westlichen Anthropologie.
3. Natur und „das Tier“ in der Philosophie- und Ideengeschichte des Westens: Analyse der religiösen und antiken Wurzeln, die das Tier als seelenloses oder minderwertiges Wesen konstruieren.
4. Folgen des Mensch/Kultur-Tier/Natur-Dualismus auf die (moderne) Gesellschaft: Untersuchung der soziologischen Auswirkungen, wie Speziesismus, Karnismus und die Tabuisierung menschlicher Natürlichkeit.
4.1. Äußere Naturbeherrschung und Unterdrückung (einiger) nichtmenschlicher Tiere: Speziesismus und Karnismus: Diskussion der gewaltvollen Instrumentalisierung von Tieren in der Nutztierindustrie und Unterhaltungsbranche.
4.2. Innere Naturbeherrschung, Somatisierung, Sitten, Manieren und Tabus: Sexualität, Krankheit, Tod: Analyse, wie die Unterdrückung der „inneren Natur“ zu sozialen Stigmata und Tabus führt.
4.3. Aufbau weiterer Dualismen und die Entstehung menschlicher Diskriminierungsmechanismen und Machtverhältnisse: Aufzeigen der Übertragbarkeit der Tiermetapher auf gesellschaftliche Gruppen wie Frauen oder kolonialisierte Völker.
5. Eine ganzheitliche Sichtweise: Fazit und Forderung nach einer interdisziplinären Einbeziehung der Human-Animal Studies in die Gesellschaftswissenschaften.
Schlüsselwörter
Dualismen, Mensch-Tier-Verhältnis, Anthropozentrismus, Speziesismus, Karnismus, Naturbeherrschung, Human-Animal Studies, Diskriminierung, Somatisierung, Machtverhältnisse, Ideengeschichte, Dehumanisierung, Tiermetapher, Andere, Andere Referenten.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die westliche Tradition der Konstruktion von Dualismen, insbesondere das Verhältnis zwischen Mensch und Tier, und wie dieses als ideologisches Fundament für gesellschaftliche Unterdrückung dient.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen umfassen die Philosophiegeschichte, die Soziologie der Naturbeherrschung, die Psychologie des Fleischkonsums (Karnismus) sowie die Analogien zwischen Tierausbeutung und menschlicher Diskriminierung (Rassismus, Sexismus).
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es, die tiefe kulturelle Verwurzelung der Mensch-Tier-Dichotomie aufzudecken und zu zeigen, wie diese die gesellschaftliche Wahrnehmung und Unterdrückungsmechanismen legitimiert.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine gesellschaftsanalytische Arbeit, die auf philosophischen, soziologischen und historisch-ideengeschichtlichen Ansätzen basiert, ergänzt durch Perspektiven der Human-Animal Studies.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die historische Genese der Dualismen, die Auswirkungen der äußeren und inneren Naturbeherrschung (u.a. durch Tabuisierung) sowie die Ausweitung dieser Konzepte auf menschliche Machtverhältnisse.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Besonders prägend sind Begriffe wie Dualismen, Speziesismus, Karnismus, Naturbeherrschung und Dehumanisierung.
Wie erklärt die Arbeit das Phänomen des Karnismus?
Der Karnismus wird als ein unsichtbares, ideologisches System beschrieben, das Menschen darauf konditioniert, bestimmte Tierarten als „essbar“ zu kategorisieren und dabei kognitive Dissonanzen durch gezielte Wahrnehmungsverzerrungen auszublenden.
Welche Rolle spielen „Frauen“ in der Analyse der Tiermetapher?
Die Arbeit zeigt auf, dass in patriarchalen Strukturen Frauen analog zu nichtmenschlichen Tieren als passive, konsumierbare Objekte dargestellt werden, was sich besonders in pornographischen oder gesellschaftlichen Diskursen manifestiert.
Inwiefern beeinflusst die „innere Naturbeherrschung“ soziale Tabus?
Die Stigmatisierung von HIV-positiven Menschen dient als Beispiel dafür, wie alles, was an die „natürliche Triebhaftigkeit“ erinnert, als bedrohlich wahrgenommen, tabuisiert und sanktioniert wird, um die Illusion der zivilisierten Kontrolle aufrechtzuerhalten.
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- Jeff Mannes (Author), 2012, Gesellschaft und ihr Naturverhältnis. Dualismengenerierung, Naturbeherrschung und Mensch-Tier-Gegensatz, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/387079