Integrationsassistenz in einer inklusiven Grundschule


Hausarbeit (Hauptseminar), 2016
62 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

I
Abkürzungsverzeichnis
LMU
Ludwig-Maximilians-Universität München
IA
Integrationsassistent/ -assistenz
PZI
Problemzentrierte Interview
NRW
Bundesland Nordrhein Westfalen
GTM
Grounded Theory Methode
OTH
Ostbayerische Technische Hochschule Regensburg
IP
Interviewperson

1
1
Einleitung
,,
Integration ist kein Problem, dessen Für und Wider diskutiert werden kann,
sondern eine Aufgabe, die den Menschen in einer demokratischen Gesellschaft aufgegeben ist."
(Muth, 1986)
1
Das Thema "Integrationsassistenz in einer inklusiven Schule" gewinnt in der heutigen
Bildungslandschaft immer mehr an Bedeutung. Seit Ratifizierung der UN-
Behindertenrechtskonvention durch Bundesrat und Bundestag am 26. März 2009
2
garantiert
Artikel 24 in Deutschland unabhängig von den individuellen (Lern-) Voraussetzungen das
Recht eines jeden Menschen auf Teilhabe an Bildung (Beauftragter der Bundesregierung für
die Belange behinderter Menschen, 2015, S. 35ff.). Die unterzeichnenden Vertragsstaaten
unterziehen sich der Pflicht, ein integratives Bildungssystem bereitzustellen. Als Konsequenz
lässt sich schultypübergreifend die Zunahme integrativer bzw. inklusiver
Beschulungsangebote in der Form des Gemeinsamen Unterrichts verzeichnen (Kißgen,
Franke, Ladinig, Mays, & Carlitschek, 2013). Eine Maßnahme zur Umsetzung inklusiver
Beschulung stellt der Einsatz von Integrationsassistenten dar. ,,Für diese Dienstleistung wird
bundesweit eine Vielzahl von Begriffen verwendet. Besonders häufig sind Überschriften wie
Integrationsassistenz, Kindergartenassistenz, Schulassistenz, Schulbegleiter, Schulhelfer,
Arbeitsassistenz anzutreffen" (Bundesvereinigung Lebenshilfe, 2012 2, S. 6ff.). Die Autorin
verwendet in den Texten dieser Hausarbeit den Begriff ,,Integrationsassistenz bzw. -
assistenten" für die Tätigkeit und/oder die Person, die Schüler mit besonderem Förderbedarf
während der gesamten Schulzeit unterstützt. Der Fokus richtet sich primär auf das Schulfeld.
Durch ihren beruflichen Kontext ist die Autorin mit der Problematik der Umsetzung der
Integrationsassistenz in einer inklusiven Schule aufmerksam geworden. Es erscheint ihr als
problematisch, dass es weder ein umfassendes Konzept zur Durchführung der Assistenz in der
Schule gibt, noch einheitliche Rahmenbedingungen bezüglich der Kostenträger, der
1
Professor Jakob Muth (1927 ­ 1993), leistete Pionierarbeit und setzte sich schon früh für eine gemeinsame Erziehung
behinderter und nicht behinderter Kinder ein. Er gilt als ein Vorkämpfer des gemeinsamen Lernens.
http://www.bertelsmann-
stiftung.de
2
06.12.2008 Deutscher Bundestag akzeptiert die UN Konvention
26.03.2009 Die UN Konvention ist für Deutschland verbindlich

2
Anstellung und der Qualifikation einer Integrationsassistenz (Dworschak, 2010a, S. 131ff.).
Weiterhin beschäftigt die Autorin die Frage, welche Auswirkungen die Anwesenheit einer
zusätzlichen Person im Klassenverband hat. Die vorliegende Arbeit untersucht mit der
qualitativen Forschungsmethode, welche Auswirkungen die Tätigkeit einer
Integrationsassistenz auf die soziale Kompetenz einer inklusiven Schulklasse hat, dabei
handelt es sich um eine Einzelfallanalyse.
Die in dieser Arbeit verwendeten personenbezogenen Bezeichnungen gelten immer für beide
Geschlechter, beschränken sich aber zur Wahrung des Leseflusses auf die grammatikalisch
männliche Sprachform.
2
Theoretischer Teil
Zunächst erläutert die Autorin die Kernbegriffe, die in dieser Abhandlung benutzt werden.
2.1
Begriffsklärung
Integrationsassistenz
Eine Integrationsassistenz begleitet Kinder und Jugendliche, ,,die auf Grund besonderer
Bedürfnisse im Kontext Lernen, Verhalten, Kommunikation, medizinischer Versorgung
und/oder Alltagsbewältigung der besonderen und individuellen Unterstützung bei der
Verrichtung unterrichtlicher und außerunterrichtlicher Tätigkeiten bedürfen" (Dworschak
2010a, S. 133ff.).
In der Begriffsklärung wird allerdings nicht deutlich, was die Integrationsassistenz in ihrem
Tätigkeitsfeld genau macht. Unterrichtliche und außerunterrichtliche Tätigkeiten decken ein
breites Spektrum denkbarer Aufgaben ab (Dworschak, 2012).
Soziale Kompetenz
(englisch social skills)
Bezeichnet den Komplex all der persönlichen Fähigkeiten und Einstellungen, die dazu
beitragen, das eigene Verhalten von einer individuellen auf eine gemeinschaftliche
Handlungsorientierung hin auszurichten. ,,Sozial kompetentes" Verhalten verknüpft die
individuellen Handlungsziele von Personen mit den Einstellungen und Werten einer Gruppe
("BildungsWiki", 2016).

3
Soziale Kompetenz umfasst eine Vielzahl von Fertigkeiten, die für die soziale Interaktion
nützlich, bzw. notwendig sind im Umgang mit anderen. Beispiele: Achtung, Anerkennung,
Hilfsbereitschaft, soziale Interaktion u.a.
Integration
(lateinisch integrare, erneuern, ergänzen, geistig auffrischen) ,,Integration bezeichnet die
Herstellung (oder Wiederherstellung) einer staatlichen, politischen oder wirtschaftlichen
Einheit (z. B. Europäische Integration).
Integration ist eine politisch-soziologische Bezeichnung für die gesellschaftliche und
politische Eingliederung von Personen oder Bevölkerungsgruppen, die sich beispielsweise
durch ihre ethnische Zugehörigkeit, Religion, Sprache etc. unterscheiden (Schubert, Klein,
2011).
Reintegration bezeichnet die Wiedereingliederung (z. B. krankheitsbedingt ausgeschiedener)
ehemaliger Mitglieder einer gesellschaftlichen Gruppe, eines Unternehmens etc. (z. B. in den
Arbeitsprozess)" (Schubert, Klein, 2011).
Inklusion
Inklusion (lat. Inclusio, Einschließung) beinhaltet die Überwindung der sozialen
Ungleichheit, der Aussonderung und Marginalisierung, indem alle Menschen in ihrer Vielfalt
und Differenz mit ihren Voraussetzungen und Möglichkeiten, Dispositionen und
Habitualisierungen wahrgenommen, wert geschätzt und anerkannt werden" (Ziemen, 2009). ,,
[...] Im erziehungswissenschaftlichen Sinne als das zu erreichende Ziel, ausgehend von einer
auf Selektion und Ausgrenzung basierenden Schul- und Unterrichtswirklichkeit" (Ziemen,
2009).
2.2
Darstellungen von Theorierahmen und Forschungsfrage
Dieser Arbeit wurde als Rahmen die Individualisierungstheorie von Ulrich Beck
übergeordnet. Ulrich Beck hat die Individualisierungsthese in dem 1983 erschienen Aufsatz
,,Jenseits von Stand und Klasse" und in seinem Buch ,,Risikogesellschaft, Auf dem Weg in
eine andere Moderne" (Beck, 1986) präzisiert. Er stellt seine Individualisierungsthese in drei
Dimensionen dar:

4
Freisetzungsdimension
,,Herauslösung aus historisch vorgegebenen Sozialformen und ­bindungen im Sinne
traditionaler Herrschafts- und Versorgungszusammenhänge" (Beck, 1986, S. 206). Dies
bedeutet die Auflösung der Großgruppen und damit den Bedeutungsverlust der Familie als
Schutzraum, und hat zur Folge, dass ,,das soziale Binnengefüge der Industriegesellschaft ­
soziale Klassen, Familienformen, Geschlechtslagen, Ehe, Elternschaft, Beruf ­ und die in sie
eingelassenen Basisselbstverständlichkeiten der Lebensführung" (Beck, 1986, S. 115 ff.)
zerstört werden. ,,Es entstehen der Tendenz nach individualisierte Existenzformen und
Existenzlagen, die die Menschen dazu zwingen, sich selbst ­ um des eigenen materiellen
Überlebens willen ­ zum Zentrum ihrer eigenen Lebensplanungen und Lebensführung zu
machen" (Beck, 1986, S. 116 ff.).
Entzauberungsdimension
,,Verlust von traditionellen Sicherheiten in Hinblick auf Handlungswissen, Glauben und
leitende Normen" (Beck, 1986, S. 206). Die durch die Herauslösung aus traditionalen
Bezügen gewonnene Freiheit bedeutet zugleich, sein Leben selbst managen zu müssen, da
laut Beck (1986) ,,der stabile Bezugsrahmen der Familie" nicht mehr verfügbar ist. Die
Individuen werden innerhalb und außerhalb der Familie zum Akteur ihrer am Markt
ausgerichteten Existenzsicherung und der darauf ausgerichteten Biografie - Planung (Beck,
1986). Individuen werden arbeitsmarktabhängig und damit bildungsabhängig, abhängig von
sozialrechtlichen Regelungen, den Möglichkeiten und Moden in der medizinischen,
psychologischen und pädagogischen Beratung und Betreuung (Beck, 1986, S. 119). Es
entwickeln sich Kontrollstrukturen aus Orientierungslosigkeit und Ängsten. Auch innerhalb
der Familie greift die auflösende Individualisierungsspirale und ,,es entsteht der Typus der
Verhandlungsfamilie auf Zeit [...]" (Beck, 1986, S. 118).
Reintegrationsdimension
Ist ,,[...] eine neue Art der sozialen Einbindung" (Beck, 1986, S. 206). Individuen wählen
neue Formen der Vergesellschaftung, indem sie sich sozialen Bewegungen anschließen.
Obwohl viele Orientierungsmöglichkeiten fehlen, gibt es Strukturen und Muster, durch die
Individuen in das gesellschaftliche System reintegriert werden. Die Schattenseite der

5
Individualisierung besteht darin, dass der "homo optionis"
3
auch selbst dafür verantwortlich
gemacht wird, was aus seinen Entscheidungen wird. Die Schulpflicht wie auch
Ausbildungszeiten unterliegen institutionellen Vorschriften, die Individuen in ihren
Entscheidungen einschränken. Laut Beck & Beck-Gernsheim (1994) bedeutet das für die
Bildung, dass ,,mit der Verlängerung schulischer Bildung traditionale Orientierung,
Lebensstile und Denkweisen durch universalistische Lehr- und Lernbedingungen,[...]
verdrängt" werden. Bildung ist mit Selektion verbunden und formalisierte Bildungsprozesse
nur durch das ,,individualisierte Nadelöhr" (Beck & Beck-Gernsheim, 1994) von Prüfungen
und Testverfahren zu bewältigen.
Individualisierung bedeutet, dass Menschen mit vielen Optionen konfrontiert werden und
somit ständig vor Entscheidungen stehen. Einerseits verfügt der Einzelne über mehr Freiheit,
mehr persönliche Entfaltung. Die Akteure müssen sich als ,,Planungsbüro" ihres Lebenslaufs
betrachten. Um die Folgen ihres Handelns selbst zu verantworten, ist in gewissem Umfang
Selbstreflexion nötig. Es entstehen ökonomische und zwischenmenschliche
Leistungspotenziale, die vorher nicht in dieser Form beobachtbar waren. Andererseits führt
dies zu mehr Orientierungsproblemen und zu Konflikten, in denen sich ein Defizit an
Gemeinschaft und Gemeinsinn offenbart. Aufgaben, die früher von der Familie übernommen
wurden, werden heute institutionell erfüllt. Diese Gesellschaftsform kann aber viele
lebenswichtige Aufgaben nicht abdecken. Kinder müssen mit Dauerkonflikten,
Orientierungslosigkeit und Isolation fertig werden. Die moderne Pädagogik muss einen
Ausgleich schaffen zwischen Individualisierung und Gemeinschaft, allen voran die
Bildungseinrichtungen mit modernen Bildungszielen, wie Schlüsselkompetenzen,
Sozialkompetenzen und Handlungskompetenzen (Wilhelm, 2012). ,,Inklusion in der Schule
kann nur gelingen, wenn Individualisierung und Gemeinschaft als Schlüsselelemente
schulischer Arbeit verstanden werden"(Wilhelm, 2012)."Lernen im Gleichschritt" schränkt
bei ungleichen Individuen eine ,,echte" Gemeinsamkeit eher ein. In individualisierten
Unterrichtsformen lernt der Schüler selbstständig, ein Schüler mit individuellem Förderbedarf
ist auf die Unterstützung einer Integrationsassistenz angewiesen. Neben Wissenserwerb und
Stärkung der Individualität sind die Sozialkompetenz und die Förderung der Gemeinschaft
unabdingbar (Wilhelm, 2012).
3
http://www.bpb.de/politik/grundfragen/deutsche-verhaeltnisse-eine-sozialkunde/137995/individualisierung-der-
lebensfuehrung?p=all

6
Die
Forschungsfrage, die unter Bezugnahme des vorgestellten Theorierahmens, untersucht
werden soll, lautet: Welche Effekte ergeben sich aus der Tätigkeit einer Integrationsassistenz
auf die soziale Kompetenz einer Klassengemeinschaft in einer inklusiven Schule aus Sicht der
Klassenlehrerin?
2.3
Stand der Forschung, Forschungslücke und Hypothesenableitung
An dieser Stelle erfolgt ein Überblick über den aktuellen Forschungsstand hinsichtlich der
Integrationsassistenz im Schulalltag. Die quantitativ-empirische Forschungslage zum Thema
Integrationsassistenz wird in Deutschland derzeit über fünf Studien abgebildet. Die Autorin
stellt an dieser Stelle die drei aktuellsten Studien vor. Die umfassendsten in Deutschland
durchgeführten Studien zum Thema Schulbegleitung liegen der LMU München vor. Dort
haben sich Beck et al. (2010) mit dem Thema Schulbegleitung an Förderzentren mit dem
Förderschwerpunkt Geistige Entwicklung in Bayern auseinandergesetzt. Seit Beginn der
Maßnahme stieg die Anzahl der Integrationsassistenzen in zehn Jahren um das 48-fache,
obwohl die Anzahl der Schüler konstant geblieben ist. Es bleibt unklar, wodurch dieser
enorme Anstieg der Inanspruchnahme schulbegleitender Maßnahmen an den Förderschulen
bedingt ist. In einer zweiten Studie der LMU München hat sich Dworschak (2012) mit der
Frage auseinandergesetzt, ob sich Schüler mit Integrationsassistenz an Allgemeinen Schulen,
von Schülern unterscheiden, die Förderschulen besuchen und dort Assistenz erhalten. Es
stellte sich heraus, dass an Allgemeinen Schulen eher Schüler mit ,,leichter" Behinderung und
,,niedrigem" Bedarf an individueller Unterstützung von Integrationsassistenten betreut werden
(Dworschak, 2012, S. 420). Die Studie macht auf zwei zentrale Probleme im Rahmen
inklusiver Beschulung aufmerksam. Zum einen werden jene Kinder in Allgemeine Schulen
integriert, die eine leichte, gut `händelbare ´Behinderung aufweisen, schwer beeinträchtigte
verbleiben in den Förderschulen. Zum anderen besteht nach Dworschak (2012, S. 419) die
Gefahr, dass Schulbegleitung als ,,[...] billige Lösung zur Umsetzung der UN-
Behindertenrechtskonvention [...]" eingesetzt wird und umfassende strukturelle
Veränderungen im Bildungssystem vermieden werden. In der Studie "Schulbegleitung an
Förderschulen in NRW: Ausgangslage, Studien Konzeption und erste Ergebnisse", von
Kißgen et al. (2013), eine Fragebogenerhebung, wurden Daten von Schulleitern,
Klassenleitern und Schulbegleitern mit je spezifischen Items erhoben. Die zentrale Frage
dieser Untersuchung ging der Entwicklung der Inanspruchnahme von Integrationsassistenten
an Förderschulen in NRW nach. Folgende Kriterien wurden zu Grunde gelegt: Anzahl der
Schüler, der Klassen, Anzahl der Assistenten zum Zeitpunkt der Erhebung (2010/11), die

7
Anzahl der Assistenten, die seit dem Schuljahr 2000/01 pro Schuljahr an den Schulen tätig
waren, sowie das Vorhandensein eines Konzeptes zum Thema Schulbegleitung an den
befragten Schulen. Das Ergebnis ist vergleichbar mit anderen Studien: Die Anzahl der
Assistenzen stieg um das 30-fache in elf Jahren an allen Förderschultypen. Die Auswertungen
der Studie demonstrieren laut Kißgen et al. (2013) ,,eine unterschiedliche Gewichtungen von
Integrationsassistenzen als personelle Ressource, die zunehmend wertgeschätzt wird in
Förderschulen Lernen und Emotionale und soziale Entwicklung, während sich diesbezüglich
an anderen Förderschultypen Geistige Entwicklung und Körperliche und motorische
Entwicklung eine Sättigung abzeichnet". Eine Studie der Lebenshilfe Landesverband Bayern
(Dworschak, 2012), die an Einrichtungen der Lebenshilfe
4
in Bayern durchgeführt wurde,
intendiert in der Abfrage neben der Erfassung der aktuellen Zahlen an Integrationsassistenz
vor allem die Beschreibung des Arbeits- und Tätigkeitsfeldes sowie die Erfassung der
Zufriedenheit mit der Maßnahme.
Die Auswertungen zeigen, dass rund 70% aller Assistenten
in den Einrichtungen der Lebenshilfe Fachkräfte sind. Das Tätigkeitsprofil der Assistenten
wurde in vier Feldern erhoben: Die Einzelförderung nach fachlicher Anleitung, Begleitung
bei Gruppensituationen, bzw. bei Einzelsituationen, Unterstützung bei lebenspraktischen
Anforderungen sowie Unterstützung bei Lernvorhaben. Es wird deutlich, dass die meisten
Integrationsassistenten, rund 87%, im Bereich der emotionalen Unterstützung und im Bereich
der Kommunikation tätig werden (Dworschak, 2012). Daher wird die
erste Hypothese wie
folgt abgeleitet: Es wird vermutet, dass die Integrationsassistenz die Lernbereitschaft des
Betreuungskindes beeinflusst. Das Feld Einzelförderung nach fachlicher Anleitung
dokumentiert, dass der Fokus auf die Unterstützung im Kontext Selbstständigkeit, Emotionale
Unterstützung und Unterstützung von Sozialkontakten mit anderen Schülern liegt. Dies zeigt
sich auch in dem Feld Begleitung in Einzelsituationen, hier dominieren die Tätigkeiten:
Unterstützung der Selbstständigkeit, des individuellen Spiels und der kreativen Angebote
(Dworschak, 2012). Hieraus leitet die Autorin die
zweite Hypothese ab: Es wird vermutet,
dass sich die Lernbereitschaft auf die Einhaltung sozialer Regeln auswirkt.
In den Studien liegt der Fokus auf folgenden Untersuchungseinheiten: Schulform,
Behinderungsart, Qualifikation, Dauer und Art der Anstellung, Tätigkeitsprofil,
Beantragungsgrund, Wirkung der Tätigkeit in Bezug auf die globale Zufriedenheit der
Maßnahme und die Wirkung auf die Integration.
4
Bundesvereinigung Lebenshilfe für Menschen mit geistiger Behinderung e.V.. Die Lebenshilfe wurde 1958 in
Deutschland auf Bundesebene von betroffenen Eltern und Fachleuten gegründet.
https://www.lebenshilfe.de/de/index.php

8
Die
dritte Hypothese lautet daher wie folgt: Es wird vermutet, dass die Tätigkeit des
Integrationsassistenten die Integration in die Klassengemeinschaft fördert.
Die Studie
,,Effektstudie zu Schulbegleitungen" der OTH, durchgeführt in der katholischen
Jugendfürsorge der Diözesen Regensburg und Augsburg, bezieht sich in ihren
Untersuchungen weitestgehend auf den Zusammenhang zwischen der Art der Qualifikation
und deren Einfluss auf den Maßnahmeerfolg bzw. ­wirkung. Vor dem Hintergrund der
geringen Zahl der jeweiligen Berufsvertreter kann die Studie keine diesbezüglichen
Relationen darstellen (Zauner & Zwosta, 2014). Auch die Datenlage hinsichtlich der Qualität
der Kooperation und der Kommunikation im ,,Helfersystem" und der Einschätzung zur
Maßnahmeneignung lässt in keiner Studie eine definitive Aussage über die Effekte, die sich
aus der Tätigkeit einer Integrationsassistenz auf die soziale Kompetenz der
Klassengemeinschaft ergeben, unter dem Aspekt der Individualisierung zu.
3
Empirischer Teil
3.1
Methoden
Der folgende Abschnitt beschreibt die Forschungs- und Auswertungsmethoden dieser
Forschungsarbeit.
3.1.1
Vorstellung und Begründung der Erhebungsmethode
Die Datenerhebung erfolgte nach dem problemzentrierten Interview (PZI) nach Witzel. Das
problemzentrierte Interview ist eine Erhebungsmethode der qualitativen Sozialforschung. Im
Mittelpunkt stehen dabei die Wahrnehmungen, Erfahrungen und Reflexionen einer befragten
Person zu einem bestimmten Problem. Im vorliegenden Fall ist das die Sicht einer
Klassenlehrerin in Bezug auf die Tätigkeit einer Integrationsassistenz in ihrer Klasse. Die
Befragte schildert ihre subjektive Sichtweise hinsichtlich der Auswirkungen auf den
Klassenverband. Sie hat nicht die Rolle der Expertin, die über ein Fachgebiet erzählt, sondern
die einer
Akteurin im Klassenverband.
Durch die erzählgenerierende
Kommunikationsstrategie des PZI ist das Erfassen realitätsoffener individueller Handlungen
möglich. Anhand eines Leitfadens, der aus Fragen und Erzählanreizen besteht, werden
insbesondere biographische Daten in Hinblick auf ein bestimmtes Problem thematisiert. Die
Offenheit der Interviewdurchführung ist bedeutsam, die interviewte Person soll frei antworten
können. Das Experteninterview und das narrative Interview fand die Autorin daher weniger
geeignet.

9
Das Verfahren der PZI lehnt sich weitgehend an das theoriegenerierende Verfahren der
,,Grounded Theory" (Glaser & Strauss, 1998) an. Der Erkenntnisgewinn wird als induktiv-
deduktives Wechselverhältnis organisiert. Das Vorwissen dient in der Erhebungsphase als
heuristisch-analytischer Rahmen für Frageideen in Form eines Interviewleitfadens. Durch
Anregung von Narrationen wird das Offenheitsprinzip realisiert (Witzel, 2000). ,,Sensitizing
concepts" (Blumer, 1954, S.7) generiert theoretisches Wissen und wird in der weiteren
Analyse weiterentwickelt und mit empirisch begründeten Hypothesen am Datenmaterial
erhärtet. So soll gewährleistet werden, dass die Problemsicht des Interviewers nicht die des
Befragten überdeckt und den erhobenen Daten im Nachhinein nicht einfach Theorien
übergestülpt werden. Das PZI hat drei Grundpositionen:
Die
Problemzentrierung: Der Interviewer orientiert sich an einer gesellschaftlich relevanten
Problemstellung und nutzt die Kenntnisnahme von objektiven Rahmenbedingungen der
untersuchten Orientierungen und Handlungen, um die Darstellungen des Interviewten bereits
im Interview zu interpretieren und in der weiteren Befragung auf das Forschungsproblem zu
zentrieren (Witzel, 2000).
Die
Gegenstandsorientierung: Die Methode soll flexibel gegenüber verschiedenen
Anforderungen von Untersuchungsgegenständen bleiben. Daher stellt das PZI eine
Methodenkombination dar, in der das Interview das wichtigste Instrument bildet. Weitere
Methoden sind die Gruppendiskussion, die biographische Methode und der standardisierte
Fragebogen (Witzel, 2000).
Die
Prozessorientierung: Sie bezieht sich auf den gesamten Forschungsablauf, insbesondere
der Vorinterpretation, um ein Vertrauensverhältnis aufzubauen, damit Offenheit entsteht, und
die Erinnerungsfähigkeit gefördert wird. Alle Stufen im Kommunikationsprozess bauen
aufeinander auf (Witzel, 2000).
Die
Instrumente des PZI: Vier Instrumente unterstützen die Durchführung. Der
Kurzfragebogen dient zur Ermittlung von Sozialdaten, somit entlastet er den Interviewverlauf
von einem Frage- Antwort- Schema. Die Tonträgeraufzeichnung ermöglicht eine
authentische, präzise Erfassung des Kommunikationsprozesses, und wird anschließend
vollständig transkribiert. Der Leitfaden dient als Gedächtnisstütze und Orientierungsrahmen
und sichert eine Vergleichbarkeit vieler Interviews. Er dient zur Kontrolle der behandelten
Themen. Das Postskript enthält eine Skizze zu Gesprächsinhalten und Anmerkungen zu
nonverbalen Aspekten oder Auffälligkeiten (Witzel, 2000).

10
In der hier vorliegenden Hausarbeit wurden im Kurzfragebogen hauptsächlich Fragen zur
beruflichen Vorbildung der Person und deren Angehörigen erhoben. Er befindet sich im
Anhang auf der Seite 44, das Postskript auf Seite 43.
3.1.2
Feldzugang
Die Forschungsfrage bezieht sich auf die Sicht einer Klassenlehrerin aus der Perspektive des
Akteurs. Dabei war von Bedeutung, dass die Lehrperson eigene Erfahrungen in der
Zusammenarbeit mit einem Integrationshelfer gemacht hat, also Klassenlehrerin einer
inklusiven Klasse ist, um die Repräsentativität zu gewährleisten. Die Lehrperson ist mittleren
Alters, kann also auf Berufserfahrung zurückgreifen und hat ihre Klasse nach den
Sommerferien neu übernommen. Somit waren ihre Eindrücke und Wahrnehmungen noch sehr
präsent. Der Kontakt kam telefonisch zustande, nachdem die Autorin einige inklusive Schulen
in der Umgebung kontaktiert hatte. Der Rücklauf war sehr gering, womit die Wahl auf eine
Schule viel. Zunächst war angedacht, das Interview mit einem Sozialpädagogen zu führen, der
dann aber kurzfristig krankheitsbedingt ausfiel. Dieser stellte dann den weiteren Kontakt zum
Interviewpartner her.
3.1.3
Grounded Theory Methode nach Strauss und Corbin
Das vollständig transkribierte Interview wurde von der Autorin mit der qualitativen Grounded
Theory Methode (GTM) nach Strauss und Corbin ausgewertet. Laut Witzel (2000) ,,lehnt sich
das PZI weitgehend an das theoriegenerierende Verfahren der Grounded Theory an", was für
eine sinnvolle Verbindung der beiden Methoden spricht.
,,Die Grounded Theory ist eine gegenstandsverankerte Theorie, die induktiv aus der
Untersuchung des Phänomens abgeleitet wird, welches sie abbildet" (A. Strauss & Corbin,
1996, S. 7). Sie wird durch systematisches Erheben und analysieren der Daten des
untersuchten Phänomens entdeckt, ausgearbeitet und vorläufig bestätigt. Am Anfang steht ein
Untersuchungsbereich, dessen Relevanz sich erst im Forschungsprozess herausstellt.
Datensammlung, Analyse und die Theorie stehen in einer wechselseitigen Beziehung
zueinander (Strauss & Corbin, 1996, S. 8).Die ,,Theoretische Sensibilität", das Bewusstsein
für die Feinheit in der Bedeutung von Daten, das Wichtige vom Unwichtigen zu trennen, ist
von großer Bedeutung. Zudem entwickelt sich theoretische Sensibilität im weiteren
Forschungsprozess. Zum Entwickeln theoretischer Sensibilität während des
Auswertungsprozess stellen Strauss und Corbin einige analytische Techniken vor, wie zum
Beispiel die 'Flip-Flop-Technik' oder das 'Schwenken der roten Fahne' (Strauss & Corbin,

11
1996, S. 57­73). Der Feldzugang erfolgt über das ,,Theoretische Sampling", ein Sampling auf
der Basis von Konzepten (Strauss & Corbin, 1996, S. 148). Die Auswahl der zu erhebenden
Fälle und Materialien erfolgt in der Grounded-Theory-Methodologie sukzessive nach aus den
Daten entwickelten theoretischen Gesichtspunkten. Als zentral wird das Schreiben von
Memos betrachtet. Sie dienen der Ideenentwicklung, Strukturierung, Reflexion sowie
Theoriebildung und begleiten den gesamten Forschungsprozess. Der weitere Schritt ist das
Kodieren, die Vorgehensweise, durch die die Daten aufgebrochen, konzeptualisiert und auf
neue Art zusammengesetzt werden (Strauss & Corbin, 1996, S. 39). Durch diesen zentralen
Prozess werden aus den Daten Theorien entwickelt. Die systematische Entwicklung einer
Theorie ist die Zielsetzung der Grounded Theorie.
Strauss und Corbin beschreiben in ihrem Buch drei zentrale Analyseschritte, das offene
Kodieren, das axial Kodieren und das selektive Kodieren. Die Transkription des Interviews
erfolgte unter festgelegten Regeln. Sie wurde mit Hilfe der Auswertungssoftware MAXQDA
12 durchgeführt. Die Transkription befindet sich im Anhang auf Seite 27, die
Transkriptionsregeln auf der Seite 25.
Offenes Kodieren
Das offene Kodieren ist der erste Analyseschritt, der aus zwei Teilschritten besteht. Der erste
zerlegt das Transkript durch Zuteilung von konzeptuellen Bezeichnungen in einzelne Teile.
Das Herausgreifen einer Beobachtung, eines Satzes, eines Abschnitts und das Vergeben von
Namen (Konzepten) für jeden einzelnen darin enthaltenen Vorfall nennt man
Konzeptualisierung der Daten (Strauss & Corbin, 1996, S. 45). Bei der Konzeptualisierung
stellt man sich selber Fragen darüber, was das im Text enthaltene Phänomen oder Ereignis
repräsentiert. Jede Zeile oder Textstelle erhält eine aussagekräftige Konzeptbezeichnung.
Dabei können sogenannte In-vivo-Kodes, Äußerungen, die von dem Befragten selbst
verwendet werden, hilfreich sein. In dieser Hausarbeit entstand so das Konzept: Integriert in
den Klassenverband. Im weiteren Prozess werden die Konzepte zusätzlich miteinander
verglichen, um ähnliche Ereignisse mit dem gleichen Konzeptnamen belegen zu können. In
dieser Arbeit wurden nahezu alle Textstellen konzeptualisiert. Danach erfolgt die
Exportierung in eine Konzeptualisierungstabelle, mit Bezeichnungen der Zeilennummern, der
Textstellen und des dazugehörigen Konzepte (im Anhang unter den Auswertungstabellen auf
Seite 45). Im zweiten Schritt werden gleiche Konzepte gruppiert und Kategorien zugeordnet.
Dieser Schritt wird Kategorisieren genannt (Strauss & Corbin, 1996, S. 43 ff.). Als Kategorie
Ende der Leseprobe aus 62 Seiten

Details

Titel
Integrationsassistenz in einer inklusiven Grundschule
Hochschule
FernUniversität Hagen  (KSW)
Veranstaltung
Qualitative Methoden
Note
1,3
Autor
Jahr
2016
Seiten
62
Katalognummer
V387114
ISBN (eBook)
9783668617926
ISBN (Buch)
9783668617933
Dateigröße
745 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Schuldidaktik Grounded Theory Schulassistenz Integrationsassistenz problemzentrierte Interview
Arbeit zitieren
Britta Gehlfuss (Autor), 2016, Integrationsassistenz in einer inklusiven Grundschule, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/387114

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