Moralhypertrophie bei Arnold Gehlen heute. Das Verbot von "Killerspielen"


Hausarbeit, 2007
15 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

1. Einleitung:

2. Gehlens Begriff der Moralhypertrophie:

3. Moralhypertrophie heute:

4. „Killerspiele“:

5. Die Überwindung der Moralhypertrophie:

6. Schlusswort:

7. Quellen:


1. Einleitung:

 

In seinem Buch „Moral und Hypermoral“ beschreibt Arnold Gehlen die moderne Industriegesellschaft und ihre moralischen Probleme. Er vertritt die Auffassung, dass unsere Moral nicht mit den technischen Entwicklungen Schritt halten kann, da sie nur für ein Handeln innerhalb unseres direkten Umfeldes sinnvoll ist. Die Technik ermöglicht uns heute aber einen Einblick in die Lebensverhältnisse und Probleme von Menschen rund um den Globus. Durch unsere, von Mitleid und Nachsicht geprägte, „Nahmoral“ empfinden wir ein Bedürfnis zu handeln oder doch wenigstens mitzufühlen weltweit. Da ein solches Handeln uns natürlich maßlos überfordert, stehen wir den globalen Problemen ohnmächtig gegenüber und ziehen uns in den privaten Raum zurück, in dem unsere Moral noch funktioniert. Diese Überdehnung unserer Moral ins Weltweite nennt Gehlen „Moralhypertrophie“.

 

Dass diese nicht nur ein Problem von Gehlens Zeit war, sondern auch heute noch, in leicht veränderter Form, auftritt möchte ich hier zeigen. Dazu werde ich den Begriff der Moralhypertrophie näher erläutern, bevor ich auf die Modifikation, die sie heute erfahren hat, näher eingehe. Anschließend möchte ich als Beispiel für ein moralhypertrophes Verhalten die aktuelle Diskussion über ein Verbot gewaltverherrlichender Computerspiele, die für gewalttätiges und menschenverachtendes Verhalten von Jugendlichen verantwortlich gemacht werden, analysieren. Abschließend soll ein möglicher Lösungsansatz für das Problem der Moralhypertrophie und, bezogen darauf, für das Problem der sog. „Killerspiele“ genannt werden.

 

2. Gehlens Begriff der Moralhypertrophie:

 

Die Moralhypertrophie, also eine Überbeanspruchung der Moral, stellt für Gehlen ein zentrales Problem unserer modernen Gesellschaft dar. Eine wichtige Rolle spielt hierbei die Technik, vor Allem die der Informations - und Kommunikationsmedien, die sich immer weiter entwickelt und uns an nahezu jedem Ereignis weltweit teilhaben lässt. Unsere Moral kann mit dieser Entwicklung allerdings nicht Schritt halten und ist zunehmend überfordert. Mit der Entzauberung der Natur und den Idealen der Aufklärung wird der Mensch zunehmend auf sich selbst zurückgeworfen, „der unsterbliche Gott wohnt heute in einem anderen Winkel des Universums“ und, mit den weltweiten Geschehnissen konfrontiert, sieht sich der Einzelne mit den Problemen der ganzen Welt belastet:[1]

 

Der „sterbliche Gott ist nicht einmal mehr der Staat, [...], sondern die addierte Menschheit, deren Forderungen nunmehr als ein schwer erträgliches Gewicht auf der einzelnen Seele liegen, die keine Sprache mehr findet, um die gefühlte Unmöglichkeit einer ‚absoluten’ Moral zu begründen“[2]

 

Die bisherige Funktion der Moral, „das zugemutete, ideal situationsrichtige Funktionieren eines Instinktimpulses“ zu ermöglichen und „dessen anthropologische Eigenschaft der Unzuverlässigkeit in diese Zumutung“ mit ein zu berechnen, scheint in unserer Zeit nicht mehr gewährleistet zu sein.[3] Die Moral sollte unsere instinktbedingte Labilität stützen und den Mensch entlasten, indem es seine Umwelt und sein Zusammenleben mit anderen Menschen regelt und sichert. Gehlen nennt einige Gründe für die Überforderung der Moral.

 

Als erstes soll hier das Zusammenwirken von „Humanitarismus“ und „Masseneudaimonismus“ genannt werden. Als „Humanitarismus versteht Gehlen „die zur ethischen Pflicht gemachte unterschiedslose Menschenliebe“, also eine Ausweitung der familiären Ethik auf die gesamte Menschheit.[4] Zusammen mit dem „Eudaimonismus des Massenlebenswertes“, dem Streben nach möglichst großem Glück für die Gesamtheit der Gesellschaft, kommt es zu einer gefährlich indifferenten Einstellung gegenüber der Außenwelt.[5] Als Konsequenz kommt es zu einer unbegrenzten „Bejahung des schlechthin Vorhandenen“, so, dass eine ausufernde Akzeptanz gegenüber jeglichen Erscheinungen[6] die Folge ist und nur noch Handlungen verurteilt werden können, die eindeutig „anti - humanitaristisch“ oder „anti - eudaimonistisch“ sind, wie etwa Mord, der eine „Negation des Vorhandenseins“ darstellt.[7] So entsteht ein „Ethos der acceptance“, in den „die ganze Breite dessen, was es so gibt“ hineinfallen muss.[8] Dieser Zustand kann in einer Übergangsphase noch funktionieren, und zwar, wenn es noch „haltende alte Mächte“ gibt, also starke Institutionen, die noch nicht zu Superstrukturen mutiert sind und den öffentlichen Raum noch zu stabilisieren vermögen.[9].

 

Als Folgen des „Ethos der acceptance“ nennt Gehlen die „psychische Desarmierung“ die dazu führt, dass wahre Tugenden „wie Mut und Selbstopfer als Masochismus diagnostiziert“ werden, also dass wirkliche öffentliche Courage von dem Gros der Moralhypertrophen als Imponiergehabe, „sexuelle Fehlfarben“, angesehen wird und dass der altruistische Einsatz in dem , nun unendlichen, öffentlichen Raum als sinnlos gilt.[10] Einhergehend mit der humanitaristischen Befriedung der Gesellschaft, kommen subtile Formen der „naturalen Aggressivität“ zum Ausdruck:

 

„In den Menschen, die sich gegnerschaftsunfähig machen und nur das bekommen wollen, was sie selbst gewähren, nämlich Schonung, bleibt etwas wie ein kleiner diabolischer Keim, der die Freude an der Vernichtung des Wehrlosen bedeutet, das Thema der echten Horrorfilme.“[11]

 

Somit werden die aggressiven Tendenzen, die in der Natur des Menschen liegen, aus dem täglichen Leben verbannt und zum Konsumgut, was für ein gewisses Bedürfnis des Menschen nach Gewalt in irgend einer Form spricht, welches dennoch einen offensichtlichen Widerspruch zu den humanitaristischen Forderungen darstellt.[12]

 

Das Zusammenspiel von Humanitaritätsethos und Masseneudaimonismus bewirkt eine Hypertrophie der Moral dann, wenn der Gegenspieler, der Staatsethos, wegfällt, „weil der Staat selbst ruiniert oder zum Wohlstandsapparat geworden ist“ und der hypertrophe Ethos sich als Maxime einer Gesinnungsethik etablieren kann, also „unbedingte Vorranggeltung“ besitzt[13]. Eben dieser humanitär-masseneudaimonistisch gesinnungsethische Anspruch führt dann zu der Überlastung des einzelnen durch die Informationsflut und die damit verbundenen Ansprüche.

 

Die Verfechter und Verbreiter der moralhypertrophen Tendenzen sieht Gehlen in der Schicht der „Intellektuellen“ und auch in feministischen Einflüssen, die in den humanitaristischen Aspekten, die auf dem Fundament der Familienethik gründen, zu Tage treten.[14] Die „Intellektuellen“ charakterisiert er als „privilegierte Klassen, [...], die faktisch oder gar rechtlich von den unlösbaren ethischen Konflikten freigestellt sind“ und „die die Folgen ihrer Agitation nicht zu verantworten haben, weil sie diese mangels Realkontakt gar nicht ermessen oder sich alles erlauben können.“[15] Konkrete Beispiele sind „Schriftsteller und Redakteure, die Theologen, Philosophen und Soziologen, also ideologisierende Gruppen, erhebliche Teile der Lehrerschaft aller Schularten und der Studenten und[...] Künstler und Literaten.“[16] Diese Gruppen, die nicht direkt in der „Wirtschafts- und Verwaltungspraxis“ tätig sind, besitzen einen gewissen Einfluss auf die öffentliche Meinungsbildung, ohne jedoch für ihr Wirken in diesem Prozess verantwortlich gemacht zu werden. Durch diesen Mangel an Verantwortung und direkten Folgen ihres Handelns, „luxuriert“ das Ethos der Intellektuellen.[17] Gehlen spricht hier sogar von einer „Gegen-Aristokratie“ der Intellektuellen, deren Handlungsmittel die Kritik ist, gegen die politische „Aristokratie“. Mit zunehmendem Einfluss der Massenmedien, die hauptsächlich unter der Kontrolle von Intellektuellen stehen, nimmt also die Propagierung des humanitaristischen Ethos zu. Im gleichen Zuge wird die Hypertrophie der Moral immer ausgedehnter. Denn die Medien überladen uns Tag für Tag mit Problemen aus aller Welt, für die der Einzelne keinerlei Verantwortung trägt. Da diese Konfrontation am Bildschirm für uns aber moralisch noch nicht bewältigt ist, „haben wir als Ersatz der nicht vorhandenen Fernmoral nur die humanitär-eudaimonistische, deren Ansprüche man nicht einlösen kann.“[18] Unsere familiären Umgangsformen, wie Mitleid und Nachsicht, bringen, auf weltweiter Ebene, Ohnmachtsgefühle hervor, die den einzelnen zum Rückzug in eine überschaubare Umwelt, in der der Humanitaritätsethos anwendbar ist, bewegt.

 

Ein weitere Aspekt der Moralhypertrophie betrifft die „Privatisierung der Interessen“. In der modernen Industrie und Informationsgesellschaft haben die Strukturen, die uns umgeben, etwa die Globalisierung oder das Internet, Größen und Komplexitäten angenommen, die zu überblicken kaum noch möglich ist. Dies bedeutet, dass die Menschen viele Probleme im öffentlichen Raum in ihrer tatsächlichen Komplexität nicht aufnehmen können und daher Hilfsmittel bedürfen. Diese Hilfsmittel sind in Form der Medien vorhanden, die öffentliche Probleme und Belange für den Menschen in seinem „privaten Raum“ verständlich machen und sie den Bedürfnisstrukturen dieses Raumes angleichen. Die Konsequenz hieraus ist, dass der Ethos des Familiären, Humanitären, ins Weltweite ausgedehnt wird.[19] Die Folge ist eine Reduktion der Handlungen des Durchschnittsbürgers in seinem direkten privaten Umfeld und eine Verarmung des öffentlichen Raumes.

 

Dieser Gegensatz von komplexen Superstrukturen und kleinen privaten Räumen führt zunehmend zu Konflikten für das Selbstverständnis von Individuen. Denn durch den Widerstreit von verschiedenen Anforderungen an einen Menschen und widersprüchliche Erfahrungen, die „ihrerseits den Menschen nicht mehr vereinheitlichen“, kann ein „Ideal der autonomen Persönlichkeit“ nicht mehr aufrecht erhalten werden.[20] Die Persönlichkeit wird zwingend „pluralistisch“, denn die Unübersehbarkeit der Superstrukturen macht es sinnlos, die im kleinen Individualbereich gemachten Erfahrungen auf die großen Verhältnisse zu übertragen“ und der Einzelne wird von den vorgefertigten Meinungen aus den Medien abhängig, will er auch nur einen kleinen Überblick erhalten.[21] So ermöglicht der „Ethos der acceptance“ dem Einzelnen zwar eine relative Freiheit, allerdings hat er durch die Unüberschaubarkeit der Superstrukturen kaum ein Möglichkeit im öffentlichen Raum tatsächlich etwas zu verändern.

 

Diese Entwicklung hin zur Hypertrophie der Moral hat einige gefährliche Entwicklungen zur Folge, die auch später in dieser Arbeit noch angesprochen werden. Besonders wichtig ist hierbei, dass die „Veränderungen im modernen Gesellschaftsgefüge [...] nicht zu einer Stärkung der Person und der individuellen Freiheit [führen], sondern zunächst zur Ausbreitung der privaten Sphäre für den Einzelnen“.[22] Der Einzelne erhält also einen größeren Raum, in dem er mit seiner unzureichenden Moral agieren soll. Außerdem kommt es durch die Moralhypertrophie zu einem „Verdampfungsprozeß aller festen ideellen Gehalte“, da die allgemeine „acceptance“ diese nach und nach unpraktikabel macht, sind ideelle Maßstäbe doch immer Beschränkungen.[23] Als Konsequenz hieraus kommt es zu zahlreichen Entlastungsvorgängen von dieser neuen „Freiheit“, und zwar „Enthemmung des Sexuellen“, dem „Kunstgenuß“, „Alkoholismus“, „dem Müßiggang, dem Selbstmord, dem Laster“.[24] Der moralhypertrophe Mensch scheint also mit einer derartigen „subjektivistischen“ Freiheit nicht immer zurecht zu kommen. Dass dies auch heute noch zutrifft, scheint nicht streitbar zu sein und ein Beweis hierfür soll nun geliefert werden zusammen mit einer Charakterisierung der Moralhypertrophie in der heutigen Zeit.

 

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Moralhypertrophie bei Arnold Gehlen heute. Das Verbot von "Killerspielen"
Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg  (Philosophisches Seminar)
Veranstaltung
EPGII Seminar: „Anthropologie, Sozialphilosophie und Ethik Arnold Gehlens“
Note
1,0
Autor
Jahr
2007
Seiten
15
Katalognummer
V387213
ISBN (eBook)
9783668614420
ISBN (Buch)
9783668614437
Dateigröße
504 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Arnold Gehlen, Gehlen, Moralhypertrophie, Killerspiele, Egoshooter
Arbeit zitieren
Daniel Much (Autor), 2007, Moralhypertrophie bei Arnold Gehlen heute. Das Verbot von "Killerspielen", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/387213

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