In seinem Buch "Moral und Hypermoral" beschreibt Arnold Gehlen die moderne Industriegesellschaft und ihre moralischen Probleme. Er vertritt die Auffassung, dass unsere Moral nicht mit den technischen Entwicklungen Schritt halten kann, da sie nur für ein Handeln innerhalb unseres direkten Umfeldes sinnvoll ist. Die Technik ermöglicht uns heute aber einen Einblick in die Lebensverhältnisse und Probleme von Menschen rund um den Globus. Durch unsere, von Mitleid und Nachsicht geprägte, "Nahmoral" empfinden wir ein Bedürfnis zu handeln oder doch wenigstens mitzufühlen weltweit. Da ein solches Handeln uns natürlich maßlos überfordert, stehen wir den globalen Problemen ohnmächtig gegenüber und ziehen uns in den privaten Raum zurück, in dem unsere Moral noch funktioniert. Diese Überdehnung unserer Moral ins Weltweite nennt Gehlen "Moralhypertrophie".
Dass diese nicht nur ein Problem von Gehlens Zeit war, sondern auch heute noch, in leicht veränderter Form, auftritt möchte ich hier zeigen. Dazu werde ich den Begriff der Moralhypertrophie näher erläutern, bevor ich auf die Modifikation, die sie heute erfahren hat, näher eingehe. Anschließend möchte ich als Beispiel für ein moralhypertrophes Verhalten die aktuelle Diskussion über ein Verbot gewaltverherrlichender Computerspiele, die für gewalttätiges und menschenverachtendes Verhalten von Jugendlichen verantwortlich gemacht werden, analysieren. Abschließend soll ein möglicher Lösungsansatz für das Problem der Moralhypertrophie und, bezogen darauf, für das Problem der sog. „Killerspiele“ genannt werden.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Gehlens Begriff der Moralhypertrophie
3. Moralhypertrophie heute
4. „Killerspiele“
5. Die Überwindung der Moralhypertrophie
6. Schlusswort
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht das von Arnold Gehlen beschriebene Phänomen der „Moralhypertrophie“ – die Überforderung der menschlichen Moral durch die mediale Konfrontation mit weltweiten Problemen – und analysiert dessen Relevanz in der heutigen Gesellschaft anhand der politischen Debatte um ein Verbot von sogenannten „Killerspielen“.
- Grundlagen von Arnold Gehlens Moralbegriff und das Ethos der „Acceptance“
- Analyse der Auswirkungen von Massenmedien und Informationsflut auf das Individuum
- Kritische Auseinandersetzung mit der politischen Instrumentalisierung von Computerspielen nach Amokläufen
- Konzept einer selbstreflexiven Moral als Gegenentwurf zur moralischen Überlastung
- Die Notwendigkeit individueller Verantwortung gegenüber gesellschaftlichen Strukturproblemen
Auszug aus dem Buch
4. „Killerspiele“:
Nach dem „Amoklauf von Emsdetten“ im November des vergangenen Jahres entbrannte in der Politik eine Diskussion, die schon in den Jahren zuvor geführt worden war und die deutlich zeigt, dass die Lösungsansätze von einer stark vereinfachten Darstellung der Probleme ausgehen.
Auch nach den Tötungen in Littleton und Erfurt war ein ähnlicher Aktionismus der Politiker zu beobachten. Denn die Täter, allesamt junge, unauffällige Schüler, wenngleich auch in Außenseiterrollen an ihren Schulen, schienen sich in ihrer Freizeit hauptsächlich mit gewaltverherrlichenden Computerspielen, etwa „Counterstrike“ beschäftigt zu haben. Für Politiker wie Edmund Stoiber waren die Konsequenzen, die aus solch schrecklichen Vorkommnissen gezogen werden müssen schnell klar: „Nach dem verheerenden Amoklauf von Emsdetten darf es keine Ausreden und Ausflüchte mehr geben: Killerspiele gehören in Deutschland verboten. [Denn sie] animieren Jugendliche, andere Menschen zu töten [!].“
Erste Schritte sind schon eingeleitet worden, indem eine Verstärkung des Jugendschutzes veranlasst wurde, so, dass solche „Killerspiele“ nur noch von Erwachsenen erworben werden können. Allerdings gehen solche Maßnahmen, die noch kein generelles Verbot beinhalten, einigen Politikern noch nicht weit genug, da sie der festen Überzeugung sind: „Killerspiele leisten einen verhängnisvollen Beitrag zur leider wachsenden Gewaltbereitschaft und fördern aggressives Verhalte.“
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in die Thematik der Moralhypertrophie nach Arnold Gehlen und Darstellung des Vorhabens, diesen Begriff auf die aktuelle Debatte um „Killerspiele“ anzuwenden.
2. Gehlens Begriff der Moralhypertrophie: Theoretische Herleitung der Überforderung unserer Moral durch Informationsmedien, die zur Entstehung eines „Ethos der acceptance“ und zur Vernachlässigung des öffentlichen Raumes führt.
3. Moralhypertrophie heute: Untersuchung der bleibenden Aktualität von Gehlens Thesen und wie moderne Massenmedien heute zur Kompensation der Reizüberflutung beitragen, statt eine eigene Meinungsbildung zu ermöglichen.
4. „Killerspiele“: Fallstudie zur politischen Reaktion auf Amokläufe, bei der Computerspiele als vereinfachte Sündenböcke für komplexe gesellschaftliche Probleme wie Isolation und soziale Verwahrlosung dienen.
5. Die Überwindung der Moralhypertrophie: Erarbeitung von Lösungswegen durch Askese, Förderung von Medienkompetenz und die Notwendigkeit, das Individuum zur kritischen Auseinandersetzung mit der Gesellschaft zu befähigen.
6. Schlusswort: Zusammenfassung der Kernerkenntnisse: Ein Verbot von Computerspielen löst keine sozialen Probleme; stattdessen ist eine Stärkung der individuellen Verantwortung und moralischen Urteilsfähigkeit erforderlich.
Schlüsselwörter
Moralhypertrophie, Arnold Gehlen, Ethos der Acceptance, Killerspiele, Medienkompetenz, soziale Isolation, Massenmedien, Informationstechnologie, politische Debatte, Moral, Verantwortung, Selbstreflexion, Informationsgesellschaft, Gewaltprävention, Kompensationsmechanismus
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit Arnold Gehlens Begriff der „Moralhypertrophie“, welcher die Unfähigkeit der menschlichen Moral beschreibt, mit der globalen Informationsflut und den modernen technischen Entwicklungen Schritt zu halten.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zentrale Themen sind die moderne Industriegesellschaft, der Einfluss der Medien auf das individuelle Selbstverständnis, das „Ethos der Acceptance“ und die politische Diskussion um gewaltverherrlichende Computerspiele.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage dieser Arbeit?
Das Ziel ist zu zeigen, dass Gehlens Analyse der Moralhypertrophie auch heute hochaktuell ist und dass politische Lösungsansätze – wie etwa Verbote von Computerspielen – oft auf einer gefährlichen Vereinfachung komplexer sozialer Probleme basieren.
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit verwendet?
Die Arbeit nutzt eine geisteswissenschaftliche Methode, primär die Analyse und Interpretation von Gehlens theoretischen Schriften in Verbindung mit einer kritischen Fallstudie der aktuellen Debatte um „Killerspiele“.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Erläuterung des Moralbegriffs nach Gehlen, die Anwendung dieses Konzepts auf die heutige Medienlandschaft und die konkrete Analyse der Debatte über Computerspiele als Reaktion auf Amokläufe.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Moralhypertrophie, Arnold Gehlen, Medienkompetenz, Ethos der Acceptance und gesellschaftliche Verantwortung charakterisiert.
Warum hält der Autor Verbote von sogenannten „Killerspielen“ für ineffektiv?
Der Autor argumentiert, dass Verbote nur eine kurzsichtige Vereinfachung darstellen, die die wahren Ursachen wie soziale Isolation oder mangelnde Betreuung ignorieren und zudem angesichts der Möglichkeiten des Internets technisch kaum durchsetzbar sind.
Welchen Lösungsweg schlägt der Autor zur Überwindung der Moralhypertrophie vor?
Es wird eine „Askese“ im Sinne Gehlens empfohlen – eine bewusste Reduzierung von Reizen, die Stärkung kritischer Distanz zur eigenen Meinung und die Förderung einer echten, verantwortungsbewussten Persönlichkeitsbildung im sozialen Umfeld.
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- Daniel Much (Author), 2007, Moralhypertrophie bei Arnold Gehlen heute. Das Verbot von "Killerspielen", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/387213