Der Befehl Nr. 209 der Sowjetischen Militäradministration vom 9. September 1947 sah zur materiellen Sicherung der 1945 durchgeführten Bodenreform in der sowjetisch besetzten Zone (SBZ) den Bau von 37.000 Neubauernhöfen vor. Vorgeblich zur Gewinnung von Baumaterialien wurde gleichzeitig der Abriss enteigneter Schlösser und Herrenhäuser angeordnet, welche führenden Kommunisten und der sowjetischen Besatzungsmacht als unliebsame Überbleibsel der enteigneten Großgrundbesitzer galten.
Die Arbeit beschäftigt sich mit den Auswirkungen des Befehls für die Herrenhäuser und Schlösser im Land Thüringen. Dabei werden der konkrete Ablauf und Umfang des Abrissgeschehens nachvollzogen sowie zentrale Akteure und Institutionen im Land auf ihre Rolle hierbei näher untersucht.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
1.1 Thema und Fragestellung
1.2 Forschungsgeschichte und Literatur
1.2.1 In der SBZ/DDR
1.2.2 In der Bundesrepublik
1.2.3 Nach der politischen Wende 1989/90
1.3 Quellen
2. Land Thüringen
2.1 Staatsrechtliche und territoriale Entwicklung bis 1952
2.2 Politische Entwicklung Thüringens bis zur Bodenreform im September 1945
3. Die Bodenreform in der SBZ
3.1 Abriss zur Ideengeschichte der Bodenreform
3.2 Vorplanungen der KPD im Moskauer Exil
3.3 Vorbereitung nach Kriegsende
4. Durchführung der Bodenreform
4.1 Enteignungen
4.2 Neuverteilung des Bodens
4.3 Vorläufiges Schicksal der Schlösser und Herrenhäuser
5. Die Entwicklung bis zum Herbst 1947
5.1 Krise der Neubauernwirtschaften
5.2 „Aufhebung des Gutscharakters“ und Baustoffnot - Zur Genese des Befehls Nr. 209
5.3 Erste Reaktionen auf SBZ-Ebene
6. Vollzug des Befehls in Thüringen
6.1 Politische Situation in Thüringen 1947
6.2 Reaktionen auf den Befehl 209 in der Thüringer Politik
6.3 Einleitung der Abbruchmaßnahmen
6.4 Forcierung der Abrisse
6.5 Einordnung der Abbruchaktion in Thüringen
6.6 Vergleich mit den übrigen Ländern der SBZ
7. Akteure der Abrisspolitik in Thüringen
7.1 Sowjetische Militäradministration
7.2 Landeskommission und Landespolitik
7.3 Kreiskommissionen und Landräte
7.4 „Amt für Neubürger“
8. Widerstand gegen die Abbrüche in Thüringen
8.1 Denkmalpflege
8.2 Widerstand von und in den Gemeinden
9. Fazit
10. Quellen- und Literaturverzeichnis
A) Quellen
B) Literatur
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Umsetzung des SMAD-Befehls Nr. 209 im Land Thüringen, mit einem besonderen Fokus auf den Abriss von Herrenhäusern und Schlössern. Dabei wird der Frage nachgegangen, inwiefern die Landespolitik den zonalen Abrissplänen folgte und wo sich lokaler Widerstand formierte, um das politische Klima in der frühen SBZ und DDR sowie die Rolle der Denkmalpflege kritisch zu beleuchten.
- Die Umsetzung des SMAD-Befehls Nr. 209 in Thüringen
- Die Rolle der Bodenreform als politisches Instrument
- Konfliktlinien zwischen Landespolitik, Kommunalverwaltung und Bevölkerung
- Der Kampf der Denkmalpflege gegen den kulturellen Kahlschlag
- Die politisch motivierte Zerstörung kultureller Werte
Auszug aus dem Buch
1.1 Thema und Fragestellung
Der Zweite Weltkrieg ging in Deutschland mit Zerstörungen einher, wie sie in vergleichbaren Ausmaßen zuletzt während des Dreißigjährigen Krieges in weiten Teilen des Landes auftraten. Nicht wenige Städte erlebten gar die erste gravierende Zerstörung seit dem Mittelalter. Das bedeutete neben dem unwiederbringlichen Verlust an Kultur- und Baudenkmalen auch eine deutliche Reduktion an Wohnraum. Wie es angesichts der Millionen Gefallenen und dem Geburtenausfall der letzten Kriegsjahre eigentlich zu erwarten gewesen wäre, sank die Bevölkerungszahl allerdings nicht, sondern stieg durch den weitgehend unkontrollierten Zuzug von Millionen Flüchtlingen und Vertriebenen aus den abgetrennten Ostgebieten des Deutschen Reiches sowie aus der Tschechoslowakei und anderen Staaten Ost- und Mitteleuropas.
Angesichts dieser Voraussetzung müsste man annehmen, es hätte einerseits ein besonderes Interesse am Erhalt oder gar Wiederaufbau wichtiger Baudenkmäler gegeben und andererseits allein der Mangel an alternativen Unterbringungsmöglichkeiten für Millionen von Obdachlosen in den Nöten der Nachkriegszeit zur Nutzung aller zur Verfügung stehenden Wohngebäude geführt. Die Geschehnisse rund um den berüchtigten SMAD-Befehl Nr. 209 des Jahres 1947 zeigen allerdings, dass kaum zwei Jahre nach Kriegsende solch naheliegenden Erwägungen längst nicht mehr das Handeln vieler Akteure in der sowjetisch besetzten Zone Deutschlands bestimmten.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die historische Problematik der Nachkriegszerstörungen und des SMAD-Befehls Nr. 209 ein, stellt die Forschungsfrage und den Untersuchungsrahmen dar.
2. Land Thüringen: Das Kapitel skizziert die staatsrechtliche und politische Entwicklung Thüringens bis 1945, um ein Verständnis für die spezifischen lokalen Gegebenheiten zu schaffen.
3. Die Bodenreform in der SBZ: Hier werden die ideologischen Hintergründe und die Vorplanungen der KPD im Exil sowie die Vorbereitung nach Kriegsende detailliert behandelt.
4. Durchführung der Bodenreform: Dieses Kapitel analysiert die rechtliche Umsetzung der Enteignungen und die Neuverteilung des Bodens sowie das anfängliche Schicksal der herrschaftlichen Gebäude.
5. Die Entwicklung bis zum Herbst 1947: Es wird die Krise der Neubauernwirtschaften sowie die Genese des Befehls Nr. 209 vor dem Hintergrund der Baustoffnot erörtert.
6. Vollzug des Befehls in Thüringen: Dieses zentrale Kapitel beschreibt die politische Situation, die Einleitung der Abbruchmaßnahmen und deren Forcierung im Thüringer Raum.
7. Akteure der Abrisspolitik in Thüringen: Hier stehen die Rolle der SMAD, der Landeskommission, der Kreise und des „Amtes für Neubürger“ im Fokus.
8. Widerstand gegen die Abbrüche in Thüringen: Das Kapitel widmet sich dem Widerstand der Denkmalpflege sowie den Protesten in den betroffenen Gemeinden.
9. Fazit: Eine abschließende Zusammenfassung bewertet die negativen Auswirkungen der Abrisspolitik auf die Aufbauleistung und den kulturellen Erhalt.
10. Quellen- und Literaturverzeichnis: Diese Abschnitte listen die verwendeten Archivalien, Periodika und Sekundärliteratur auf.
Schlüsselwörter
Bodenreform, SMAD-Befehl Nr. 209, Thüringen, Herrenhäuser, Schlösser, Abriss, Denkmalschutz, Neubauern, Umsiedler, Sowjetische Militäradministration, Nachkriegszeit, SBZ, Landwirtschaft, Kulturgut, Zwangsenteignung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Master-Arbeit?
Die Arbeit untersucht die systematische Zerstörung von Schlössern und Herrenhäusern in Thüringen nach dem Zweiten Weltkrieg, die infolge des SMAD-Befehls Nr. 209 zur Gewinnung von Baumaterial für Neubauerngehöfte durchgeführt wurde.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Zentrale Themen sind die Bodenreform in der SBZ, die politische Instrumentalisierung von Abrissmaßnahmen, die Rolle der sowjetischen Militäradministration und der Widerstand lokaler Akteure sowie des Denkmalschutzes.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist die Analyse der Diskrepanz zwischen der offiziellen ideologischen Begründung der Abrisse und der praktischen Notwendigkeit sowie die Prüfung der These, dass lokaler Widerstand in den Gemeinden vorhanden war, während die Landespolitik oft konform agierte.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Arbeit basiert auf einer tiefgehenden quellenbasierten Untersuchung, vorwiegend durch Sichtung von Akten des Thüringischen Hauptstaatsarchivs Weimar und des Verwaltungsarchivs des heutigen Thüringischen Landesamtes für Denkmalpflege und Archäologie.
Was steht im Hauptteil der Arbeit im Vordergrund?
Im Hauptteil werden der administrative Vollzug des Befehls 209, die Agierenden der Abrisspolitik auf Landes- und Kreisebene sowie die verschiedenen Formen des Widerstands gegen die Maßnahmen detailliert nachgezeichnet.
Welche Schlagworte charakterisieren diese Publikation?
Bodenreform, Befehl 209, Thüringer Herrenhäuser, kulturelles Erbe, SED-Politik, sowjetische Kontrolle und Nachkriegsgeschichte.
Welche Rolle spielte die Denkmalpflege bei diesen Abrissen?
Die Denkmalpflege versuchte, durch Schutzlisten und Verhandlungen, den Abriss kulturell wertvoller Gebäude zu verhindern, stieß jedoch bei den politischen Stellen und der SMAD auf erheblichen Widerstand und Druck.
Wie reagierten die Gemeinden auf die Abrisspläne?
Die Gemeinden leisteten oft massiven Widerstand, da sie die Gebäude als Wohnraum für Umsiedler, Schulen oder Heime nutzten und die Zerstörung des ortsbildprägenden Kulturguts ablehnten.
Inwiefern unterscheiden sich die Ergebnisse Thüringens von anderen SBZ-Ländern?
Thüringen wies eine besonders hohe Abrissquote auf, was maßgeblich auf das Versagen wichtiger Kontrollinstanzen und die fehlende Initiative des „Amtes für Neubürger“ zum Erhalt der Gebäude zurückzuführen ist.
- Citation du texte
- Rico Kurschat (Auteur), 2016, Der Abriss von Herrenhäusern und Schlössern im Land Thüringen infolge des SMAD-Befehls Nr. 209, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/387341