Für diese Arbeit werden erstmalig die Kommunikations- und Beziehungsqualität über das Konstrukt der beziehungsabhängigen Arbeitskoordination mit Erwartungsverletzungen in Verbindung gesetzt. Diese Verletzungen entstehen durch zu lange Reaktionszeiten in der Zusammenarbeit, die sich als Pausen in der digitalen Kommunikation abbilden. Dabei stellt die Nonverbal Expectancy Violations Theory das Gerüst, um verletzte Erwartungen und deren Bewertung durch den Betroffenen zu verstehen.
Eine Stichprobe von 31 Studierenden, die in rein virtuellen Seminaren über ein Forum zusammengearbeitet haben, gibt in der empirischen Studie Auskunft darüber, inwieweit Erwartungen an Reaktionszeiten existieren. Mittels schriftlicher Onlinebefragung kristallisierte sich ein Richtwert von 24 Stunden heraus. Sobald die Reaktionen nicht innerhalb dieser Zeitspanne erfolgen, können sie mit verletzten Erwartungen einhergehen. Der Faktor Zeit spielt allgemein in der digitalen Kommunikation eine wichtige Rolle. Dabei gibt es mehrere Dimensionen, die unter dem Konzept der Chronemics zusammengefasst sind.
Die Ergebnisse der Studie stützen die Theorie, dass ein Zusammenhang zwischen verletzten Erwartungen und der Kommunikations- sowie der Beziehungsqualität in virtuellen Projektgruppen besteht. Darüber hinaus konnten die Ergebnisse Hinweise liefern, dass verletzte Erwartungen ein hoch signifikanter Prädiktor der Kommunikationsqualität sowie der Beziehungsqualität darstellen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Computergestützte Kommunikation in der Zusammenarbeit
2.1 Das Forum als Kommunikationsmittel
2.2 Pausen in der Kommunikation
3. Chronemics
3.1 Dimensionen
3.2 Zeitnahe Kommunikation und Reaktionszeiten
3.3 Nonverbale Signale als soziale Hinweisreize
3.3.1 Modell der Kanalreduktion
3.3.2 Reduced Social Cues Theory
3.3.3 Social Information Processing Theory
4. Verletzte Erwartungen
4.1 Nonverbal Expectancy Violations Theory
4.2 Modell der Nonverbal Expectancy Violations Theory
4.3 Adaptiertes Modell der Nonverbal Expectancy Violations Theory
5. Auswirkungen: Kommunikation und Beziehungen
5.1 Beziehungsqualität
5.2 Kommunikationsqualität
5.3 Wechselwirkungen zwischen Kommunikation und Beziehungen
5.4 Strategische Kommunikation und Kommunikationsmuster
6. Empirische Studie
6.1 Forschungsfragen
6.2 Forschungskontext und -gegenstand
6.3 Methodik
6.3.1 Grundgesamtheit und Rücklauf
6.3.2 Erhebungsinstrument
6.3.3 Datenanalyse
6.3.4 Untersuchungsablauf
6.4 Ergebnisse
6.4.1 Stichprobenbeschreibung
6.4.2 Deskriptive Ergebnisse
6.4.3 Korrelationen
6.4.4 Regressionen
7. Zusammenfassung und Diskussion
7.1 Zusammenfassung der theoretischen Grundlagen
7.2 Zusammenfassung der Ergebnisse
7.3 Diskussion der Ergebnisse
7.4 Kritische Betrachtung der Studie
7.5 Ausblick und Empfehlungen für Forschung und Praxis
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht die Auswirkungen von Erwartungsverletzungen, die durch zu lange Reaktionszeiten in der asynchronen, computervermittelten Kommunikation entstehen, auf die Kommunikations- und Beziehungsqualität innerhalb von virtuellen Projektgruppen.
- Rolle der Zeit (Chronemics) in der digitalen Kommunikation.
- Anwendung der Nonverbal Expectancy Violations Theory auf Reaktionszeiten.
- Analyse von Kommunikations- und Beziehungsqualität mittels Relational Coordination Theory.
- Empirische Untersuchung in virtuellen Studierendengruppen mittels Online-Fragebogen.
Auszug aus dem Buch
3.2 Zeitnahe Kommunikation und Reaktionszeiten
Die wichtigste Unterdimension der Chronemics bildet für diese Arbeit die Reaktionszeit. Damit ist die Zeit gemeint, die vergeht, bis eine Antwort auf einen Beitrag erhalten wird. Reaktionszeiten sind demnach gleichzusetzten mit der Länge der Pausen in der computervermittelten Interaktion (Döring & Pöschl, 2011). Kurze Reaktionszeiten als sozialer Hinweisreiz können als zwischenmenschliche Nähe, Dringlichkeit, Fürsorge, Präsenz und sogar als Gehorsamkeit interpretiert werden (Walther & Tidwell, 1995).
Kalman und Rafaeli (2011) sowie Panteli und Fineman (2005) fanden heraus, dass ungewöhnlich lange Reaktionszeiten die Wahrnehmung der Kommunikation und die Effektivität der virtuellen Zusammenarbeit negativ beeinflussen können. Das ist vor allem dann der Fall, wenn Erwartungshaltungen verletzt werden (Kalman et al., 2006a).
Feenberg (1989) erklärt, dass die Erwartungshaltung an kurze Reaktionszeiten, aufgrund der Geschwindigkeit, mit der selbst asynchrone Nachrichten übermittelt werden können, geschürt wird. Durch diese Erwartungshaltungen können unüblich lange Pausen als Zeichen für Zurückweisung oder Gleichgültigkeit gesehen werden - außer es gibt eine plausible Erklärung dafür. Feenberg lässt dabei allerdings Spekulationen über Schwankungen in Reaktionszeiten sowie die potentiellen Effekte von schnelleren versus längeren Reaktionszeiten, in verschiedenen beziehungsabhängigen Kontexten, außen vor (Walther & Tidwell, 1995). Denn Jemanden warten zu lassen oder schnell zu antworten, kann ein effektiver Weg sein, um einen gewissen qualitativen Aspekt der gegenseitigen Beziehung zu bekräftigen (Döring & Pöschl, 2011). In der computervermittelten Kommunikation weißt beispielsweise schnelles Antwortverhalten auf soziale Nähe zwischen den Interaktionspartnern hin (Walther & Tidwell, 1995).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Relevanz der computervermittelten Kommunikation ein und formuliert die Forschungsfragen zur Auswirkung von Erwartungsverletzungen durch Reaktionszeiten.
2. Computergestützte Kommunikation in der Zusammenarbeit: Dieses Kapitel erläutert die Bedeutung digitaler Kommunikation für Organisationen sowie die spezifischen Charakteristika von Foren und Kommunikationspausen.
3. Chronemics: Hier wird der Faktor Zeit in der digitalen Kommunikation definiert und als soziales Signal sowie Hinweisreiz theoretisch verortet.
4. Verletzte Erwartungen: Dieses Kapitel führt die Nonverbal Expectancy Violations Theory ein, um zu erklären, wie und warum das Ausbleiben zeitnaher Reaktionen als Verletzung wahrgenommen wird.
5. Auswirkungen: Kommunikation und Beziehungen: Die theoretischen Auswirkungen auf die Beziehungs- und Kommunikationsqualität werden anhand der Relational Coordination Theory erarbeitet.
6. Empirische Studie: Dieses Kapitel beschreibt das methodische Vorgehen, die Datenerhebung via Online-Befragung sowie die statistische Analyse der Ergebnisse.
7. Zusammenfassung und Diskussion: Das Kapitel fasst die zentralen Erkenntnisse zusammen, diskutiert diese kritisch und gibt Empfehlungen für Forschung und Praxis.
Schlüsselwörter
Computervermittelte Kommunikation, Chronemics, Reaktionszeiten, Erwartungsverletzungen, Nonverbal Expectancy Violations Theory, Relational Coordination Theory, Kommunikationsqualität, Beziehungsqualität, Virtuelle Projektgruppen, Digitale Zusammenarbeit, Asynchrone Kommunikation, Soziale Hinweisreize, Online-Foren, Arbeitskoordination, empirische Studie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, welche Auswirkungen lange Reaktionszeiten und die damit verbundenen Erwartungsverletzungen auf die Effektivität und die Beziehungsstruktur in virtuellen Projektgruppen haben.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Schwerpunkte liegen auf der Bedeutung von Zeit in der asynchronen Kommunikation, der Theorie der Erwartungsverletzungen (Expectancy Violations) und den Konzepten der Kommunikations- und Beziehungsqualität im Rahmen der Relational Coordination Theory.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, herauszufinden, ob ein signifikanter Zusammenhang zwischen verzögerten Antworten in Foren und einer sinkenden Kommunikations- sowie Beziehungsqualität in virtuellen Arbeitsgruppen besteht.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine empirische Querschnittstudie in Form einer standardisierten Online-Befragung von 31 Studierenden durchgeführt, deren Daten mittels statistischer Korrelations- und Regressionsanalysen ausgewertet werden.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine umfassende theoretische Fundierung zu Chronemics, Erwartungsverletzungen und relationaler Koordination sowie einen umfangreichen empirischen Teil zur Überprüfung der aufgestellten Annahmen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Begriffe sind Chronemics, Erwartungsverletzungen, computervermittelte Kommunikation, Relational Coordination Theory und Reaktionszeiten.
Welcher Richtwert für Reaktionszeiten wurde in der Studie identifiziert?
Basierend auf den Analysen hat sich ein Wert von etwa 24 Stunden als wichtiger Anhaltspunkt für Erwartungen an Reaktionszeiten im universitären Foren-Kontext herauskristallisiert.
Wie beeinflussen Erwartungsverletzungen die Zusammenarbeit?
Die Studie zeigt, dass Erwartungsverletzungen durch lange Pausen die wahrgenommene Kommunikationsqualität und Beziehungsqualität innerhalb einer virtuellen Projektgruppe signifikant negativ beeinflussen.
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- Anonym (Author), 2017, Der Faktor Zeit bei der digitalen textbasierten Kommunikation und seine Auswirkungen auf die Zusammenarbeit von Online-Projektgruppen, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/387538