Das Politische und die Politik. Interpretationsarten der politischen Differenz vor dem Hintergrund der deutschen Politikwissenschaften


Hausarbeit, 2016
19 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis
Einleitung... 2
Das Politische und die Politik ... 3
Interpretationsarten von politischer Differenz ... 3
Normativ ... 4
Hegemonial ... 6
Unterbrechend ... 8
Stiftend... 10
Sozial ... 13
Rolle des Diskurses um politische Differenz in Deutschland ... 13
Fazit ... 15
Literaturverzeichnis ... 16

2
Einleitung
In der Vergangenheit haben sich viele Strömungen und Zweige von Demokratietheorien ent-
wickelt, die sich teilweise gegenseitig ergänzen oder auch konträr gegenüberstehen. Obwohl
das Feld der politischen Differenz von einigen Politikwissenschaftlern und politischen Philo-
sophen bereits relativ früh erkundet wurde, im deutschsprachigen Raum vor allem durch Han-
nah Arendt und Carl Schmitt, fanden die Grundideen der politischen Differenz, nämlich eine
Unterscheidung der Begriffe des Politischen und Politik, erst spät hierzulande Anklang. Dem
gegenüber stehen die Theorien der Frankfurter Schule, oder auch Kritischen Theorie, vor allem
vertreten durch Jürgen Habermas, Theodor Adorno und Max Horkheimer, die deutlich stärker
rezipiert werden. Die politische Differenz wird hingegen hauptsächlich in Frankreich unter-
sucht, unter anderem durch Claude Lefort, Jean-Luc Nancy, Ernesto Laclau, Chantal Mouffe
und anderen, die vor allem das Verhältnis zwischen dem Politischen und der Politik untersu-
chen und somit einen anderen Zugang zum Forschungsgebiet der Politik- und Demokratiethe-
orien wählen, der weniger normativ und deutlich offener gestaltet ist. Diese Unterschiede zwi-
schen beiden Ansätzen führen zu einer Diskrepanz im Umgang mit den Theorien der französi-
schen Theoretiker, obwohl gerade hier viele Problematiken, mit denen sich die deutsche Poli-
tikwissenschaft beschäftigt, hier eine oftmals tiefergehende Behandlung erfahren. Dazu kommt,
dass die Begründer der Kritischen Theorie in Deutschland einen vergleichsweise prominenten
Status besitzen, wohingegen die französischen Theoretiker zwar in Fachkreisen sicherlich be-
kannt sind, ansonsten kaum in Erscheinung treten.
Um die Differenzen dieser beiden Richtungen von Politikwissenschaft zu verstehen, beginnt
diese Arbeit mit den verschiedenen Interpretationsarten von politischer Differenz, um die es
hier hauptsächlich gehen soll. Ziel der Arbeit ist es, diese Differenzen, ausgehend von unter-
schiedlichen Definitionen der politischen Differenz, also der Differenz zwischen der Politik
und dem Politischen herauszustellen, miteinander zu vergleichen und daraus systematische Un-
terschiede zwischen der Frankfurter Schule und der politischen Philosophie der französischen
Politikwissenschaft zu erarbeiten. Dazu werden zuerst verschiedene Interpretationsarten der
politischen Differenz verschiedener Autoren vorgestellt und auf Gemeinsamkeiten und Unter-
schiede untersucht. Zum Schluss soll ein Ausblick auf Ähnlichkeiten mit der Kritischen Theo-
rie, die in Deutschland vorherrschend ist, gegeben werden, wobei auch die Rolle des Diskurses
um den Begriff der politischen Differenz beleuchtet werden soll.

3
Das Politische und die Politik
Die Differenz zwischen den Begriffen des Politischen und der Politik ist bereits seit den 1980er-
Jahren Gegenstand vieler Diskussionen innerhalb der Politikwissenschaften und der politischen
Philosophie. Diese Unterscheidung wurde nötig, um diverse Diskrepanzen und Problematiken,
die konventionelle politische Theorien nicht lösen konnten, überhaupt erst sichtbar zu machen
und zur Disposition zu stellen.
1
Diese Unterscheidung wurde erstmals im Jahr 1981 von den
französischen Philosophen Philippe Lacoue-Labarthe und Jean-Luc Nancy angedeutet.
2
Die
dort beschriebene Differenz zwischen ,,la politique" und ,,le politique", im Deutschen die Po-
litik und das Politische wird dort als Notwendigkeit aufgefasst, um die Aufgaben der politischen
Philosophie neu zu ordnen und zu fassen. Der politische Philosoph solle sich nicht mehr allein
darauf beschränken, von oben herab seine eigene Wahrheit zu diktieren, sondern sich kritisch
mit dem Begriff des Politischen auseinander setzen und die gegebene Ordnung zu hinterfragen.
3
Dementsprechend ist die politische Differenz notwendig, um die politische Philosophie von
dieser normativen Struktur zu befreien und wieder zu einer freieren und von den gegebenen
Machtstrukturen losgelösten Denkweise zu bewegen. Im Folgenden werden neben den Defini-
tionen der Begriffe Politik und Politisch auch die verschiedenen Auslegungen der Differenz
zwischen beiden beleuchtet.
Interpretationsarten von politischer Differenz
Generell ist zu sagen, dass die Definitionen von Politik und dem Politischen nur im weitesten
Sinne einheitlich zu nennen ist. Um eine möglichst grundlegende Auslegung des Begriffs Po-
litik zu wählen, ist davon auszugehen, dass Politik all das beschreibt, was die Regelung der
Angelegenheiten einer Gesellschaft durch verbindliche Entscheidungen betrifft.
4
Allgemein
kann immer dann von Politik gesprochen werden, wenn ,,jegliche Art der Einflussnahme und
1
Vgl.: Oliver Marchart: Politische Theorie als Erste Philosophie. Warum der ontologischen Differenz die politi-
sche Differenz zugrunde liegt, S. 143, in: Thomas Bedorf, Kurt Röttgers (Hrsg.): Das Politische und die Politik,
Berlin 2010, S. 143-158
2
Vgl.: Philippe Lacoue-Labarthe, Jean-Luc Nancy: Ouverture, in: Etienne Balibar (Hrsg.): Rejouer le politique,
Paris 1981, S. 11-28
3
Vgl.: Thomas Bedorf: Das Politische und die Politik ­ Konturen einer Differenz, in: Thomas Bedorf, Kurt Rött-
gers (Hrsg.): Das Politische und die Politik, Berlin 2010, S. 13-37
4
Vgl.: Dieter Fuchs, Edeltraud Roller: Politik, in: Dieter Fuchs, Edeltraud Roller (Hrsg.): Lexikon Politik. Hun-
dert Grundbegriffe, Stuttgard 2009, S. 205 - 209

4
Gestaltung sowie die Durchsetzung von Forderungen und Zielen, sei es in privaten oder öffent-
lichen Bereichen."
5
vorliegt. Dieser Definition folgend wären also alle Handlungen, die der
Durchsetzung persönlicher und gesellschaftlicher Interessen im weitesten Sinne dienen, Politik.
Folgt man nun dem Bestreben, auch für das Politische eine möglichst weite Definition zu fin-
den, die allgemein akzeptiert wird, erscheinen erste Probleme, da diverse Autoren verschiedene
Deutungen des Politischen anbieten. Problematisch ist hierbei auch die in historischer Dimen-
sion frühere Meinung, dass ,,alles politisch sei."
6
Die Definitionen des Politikbegriffs ist in der
wissenschaftlichen Diskussion zwar weitestgehend einheitlich, jedoch wird insbesondere das
Verhältnis von Politik und Politisch zueinander von verschiedenen Autoren auf unterschiedli-
che Weise gedeutet, woraus eine oft divergierende Schwerpunktsetzung erfolgt. Im Folgenden
werden verschiedene Positionen zur Unterscheidung des Verhältnisses von Politisch und Poli-
tik aufgezeigt und miteinander verglichen.
Normativ
Vor allem Hannah Arendt beschreibt das Verhältnis von Politischem und Politik als ein norma-
tives, in dessen Kontext das Politische als Maßstab für die entsprechend realisierte Form von
Politik. Sie greift insbesondere die griechische Vorstellung einer Freiheitspraxis auf, die sich
im Begriff der polis wiederfindet. Im Gegensatz dazu beschreibt das ,,Reich der Notwendig-
keit"
7
(oikos) alle Handlungen, die der reinen Selbsterhaltung dienen. Das Politische ist nach
Arendt das ,,Leben in der Polis"
8
, also alles das, was von der Gemeinschaft behandelt werden
kann, sofern es sich außerdem ,,der Herrschaft der Notwendigkeit in allem Ökonomischen ent-
zieht."
9
. Arendt bezeichnet das Politische als verfallende Praxis, deren Niedergang historisch
bereits fortgeschritten ist und mit der Politik als Rechtssetzung im römischen Reich begonnen
hat.
10
Sie sieht die aktive Teilhabe am politischen Geschehen in Gefahr und diagnostiziert, dass
die gesellschaftliche Entwicklung und die zunehmende Entfernung der Politik von der Gesell-
schaft dafür verantwortlich sei, dass ,,das Politische überhaupt aus der Welt verschwindet."
11
.
5
Bundeszentrale für politische Bildung: Politik,
http://www.bpb.de/nachschlagen/lexika/politiklexi-
kon/18019/politik
, abgerufen am 22.03.2016, zitiert nach: Klaus Schubert, Martina Klein: Das Politiklexikon,
Bonn 2011
6
Thomas Bedorf: Das Politische und die Politik ­ Konturen einer Differenz, S. 33, in: Thomas Bedorf, Kurt
Röttgers: Das Politische und die Politik, Berlin 2010, S. 13-37
7
ebd., S. 17
8
Hannah Arendt: Vita activa, München 2002, S. 41
9
Thomas Bedorf: ebd., S. 17
10
Vgl.: Hannah Arendt: Was ist Politik? Fragmente aus dem Nachlaß, München/Zürich 2003, S. 11
11
Hannah Arendt: Was ist Politik? Fragmente aus dem Nachlaß, München/Zürich 2003, S. 13

5
Damit meint sie etwa nicht das Verschwinden von Steuerungsprozessen und Partizipations-
möglichkeiten im Allgemeinen, wie das Entstehen einer Diktatur, sondern vielmehr das ,,aktive
In-Erscheinung-Treten eines grundsätzlich einzigartigen Wesens."
12
ginge verloren. Hierin
lässt sich die erste Differenzierung zwischen Politik und Politischem finden:
,,Das Politische wäre vielmehr die Potentialität des gemeinsamen Handelns gegenüber der
Politik als Ausdruck der Steuerung der gemeinsamen Belange, wozu es der Vielen nicht
bedarf, weil sie idealtypisch letztlich einem Einzelnen übertragen werden kann."
13
Nach Arendt geht das Politische dann verloren, wenn Politik lediglich zur Verwaltung, zur Ar-
beit auf ein gemeinsames Ziel hin, dient. Denn das Politische ist die Verkörperung des Diskur-
ses heterogener Gruppen, die sich nicht für eine vereinende Sache zusammenschließen, sondern
dauerhaft im Widerstreit miteinander sind, um die politische Ordnung immer wieder neu zu
hinterfragen und gegebenenfalls zu erneuern.
14
Die Politik dient hier nur als ,,Bühne, auf der es
gewissermaßen nur ein Auftreten, aber kein Abtreten gibt."
15
. Dementsprechend ist das Politi-
sche der Politik gegenüber in dem Sinne normativ, als dass es nicht nur die Möglichkeiten der
Politik bestimmt, sondern vor allem kritisch hinterfragt.
16
Neben Hannah Arendt beschreiben auch zeitgenössische Theoretiker wie Ulrich Beck das Ver-
hältnis zwischen der Politik und dem Politischen als ein normatives. Beck beschreibt den Be-
griff des Politischen als verantwortlichen Prozess zur Entwicklung politischer Neuerungen, wo-
bei er die Geschichte des Politischen als ,,eine Geschichte der Erfindung des Politischen"
17
charakterisiert. Beck stellt die These auf, dass mit einer Neustrukturierung der politischen Re-
geln mithilfe einer ,,Renaissance des Politischen"
18
eine ,,Freisetzung des Politischen bei
gleichbleibender Organisationsgesellschaft"
19
stattfinden könne. Hierbei sollen jedoch die
Grundregeln, wie ,,parlamentarische Demokratie, Rechtsstaatlichkeit, die Menschenrechte, die
Freiheit der Individuen"
20
bestehen bleiben sollen.
Anhänger der Bestimmung der politischen Differenz als normatives Verhältnis beschreiben
dementsprechend das Politische als Bedingung für die Politik, wobei das Politische die Regeln,
12
Hannah Arendt: Vita activa, München 2002, S. 214
13
Thomas Bedorf: Das Politische und die Politik ­ Konturen einer Differenz, S. 18, in: Thomas Bedorf, Kurt
Röttgers: Das Politische und die Politik, Berlin 2010, S. 13-37
14
Vgl.: ebd., S. 18f
15
Hannah Arendt: Vita activa, München 2002, S. 278
16
Vgl.: Thomas Bedorf: ebd., S. 19
17
Ulrich Beck: Die Erfindung des Politischen. Zu einer Theorie reflexiver Modernisierung, Frankfurt 1993, S.
18
18
ebd., S. 210
19
ebd., S. 214
20
ebd., S. 17
Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Das Politische und die Politik. Interpretationsarten der politischen Differenz vor dem Hintergrund der deutschen Politikwissenschaften
Hochschule
Universität Duisburg-Essen  (Institut für Politikwissenschaft)
Veranstaltung
Seminar Staats- und Demokratietheorien
Note
1,7
Autor
Jahr
2016
Seiten
19
Katalognummer
V387543
ISBN (eBook)
9783668620544
ISBN (Buch)
9783668620551
Dateigröße
720 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kritische Theorie, politische Differenz, Deutschland, Claude Lefort, Jean-Luc Nancy, Ernesto Laclau, Chantal Mouffe
Arbeit zitieren
Maximilian Lentes (Autor), 2016, Das Politische und die Politik. Interpretationsarten der politischen Differenz vor dem Hintergrund der deutschen Politikwissenschaften, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/387543

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