Obwohl das Feld der politischen Differenz von einigen Politikwissenschaftlern und politischen Philosophen bereits relativ früh erkundet wurde, im deutschsprachigen Raum vor allem durch Hannah Arendt und Carl Schmitt, fanden die Grundideen der politischen Differenz, nämlich eine Unterscheidung der Begriffe des Politischen und Politik, erst spät hierzulande Anklang. Dem gegenüber stehen die Theorien der Frankfurter Schule, oder auch Kritischen Theorie, vor allem vertreten durch Jürgen Habermas, Theodor Adorno und Max Horkheimer, die deutlich stärker rezipiert werden.
Die politische Differenz wird hingegen hauptsächlich in Frankreich untersucht, unter anderem durch Claude Lefort, Jean-Luc Nancy, Ernesto Laclau, Chantal Mouffe und Anderen, die vor allem das Verhältnis zwischen dem Politischen und der Politik untersuchen und somit einen anderen Zugang zum Forschungsgebiet der Politik- und Demokratietheorien wählen, der weniger normativ und deutlich offener gestaltet ist. Diese Unterschiede zwischen beiden Ansätzen führen zu einer Diskrepanz im Umgang mit den Theorien der französischen Theoretiker, obwohl gerade hier viele Problematiken, mit denen sich die deutsche Politikwissenschaft beschäftigt, hier eine oftmals tiefergehende Behandlung erfahren. Dazu kommt, dass die Begründer der Kritischen Theorie in Deutschland einen vergleichsweise prominenten Status besitzen, wohingegen die französischen Theoretiker zwar in Fachkreisen sicherlich bekannt sind, ansonsten kaum in Erscheinung treten.
Um die Differenzen dieser beiden Richtungen von Politikwissenschaft zu verstehen, beginnt diese Arbeit mit den verschiedenen Interpretationsarten von politischer Differenz, um die es hier hauptsächlich gehen soll. Ziel der Arbeit ist es, diese Differenzen, ausgehend von unterschiedlichen Definitionen der politischen Differenz, also der Differenz zwischen der Politik und dem Politischen herauszustellen, miteinander zu vergleichen und daraus systematische Unterschiede zwischen der Frankfurter Schule und der politischen Philosophie der französischen Politikwissenschaft zu erarbeiten. Dazu werden zuerst verschiedene Interpretationsarten der politischen Differenz verschiedener Autoren vorgestellt und auf Gemeinsamkeiten und Unterschiede untersucht. Zum Schluss soll ein Ausblick auf Ähnlichkeiten mit der Kritischen Theorie, die in Deutschland vorherrschend ist, gegeben werden, wobei auch die Rolle des Diskurses um den Begriff der politischen Differenz beleuchtet werden soll.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Das Politische und die Politik
2.1 Interpretationsarten von politischer Differenz
2.1.1 Normativ
2.1.2 Hegemonial
2.1.3 Unterbrechend
2.1.4 Stiftend
2.1.5 Sozial
2.2 Rolle des Diskurses um politische Differenz in Deutschland
3. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit verfolgt das Ziel, das Verständnis der "politischen Differenz" – also die Unterscheidung zwischen dem Politischen und der Politik – zu analysieren. Dabei wird der Fokus auf den systematischen Vergleich zwischen der im deutschsprachigen Raum dominierenden Kritischen Theorie und den Ansätzen der französischen Politikwissenschaft gelegt, um Diskrepanzen in der theoretischen Auseinandersetzung aufzudecken.
- Grundlagendefinitionen von Politik und dem Politischen
- Systematischer Vergleich normativer, hegemonialer, unterbrechender und stiftender Interpretationsarten
- Analyse der Rezeption französischer Theorien im deutschen Kontext
- Untersuchung der Rolle des Diskurses um politische Differenz
- Gegenüberstellung von Habermas/Frankfurter Schule und französischen Denkern wie Lefort, Mouffe und Rancière
Auszug aus dem Buch
Normativ
Vor allem Hannah Arendt beschreibt das Verhältnis von Politischem und Politik als ein normatives, in dessen Kontext das Politische als Maßstab für die entsprechend realisierte Form von Politik. Sie greift insbesondere die griechische Vorstellung einer Freiheitspraxis auf, die sich im Begriff der polis wiederfindet. Im Gegensatz dazu beschreibt das „Reich der Notwendigkeit“ (oikos) alle Handlungen, die der reinen Selbsterhaltung dienen. Das Politische ist nach Arendt das „Leben in der Polis“, also alles das, was von der Gemeinschaft behandelt werden kann, sofern es sich außerdem „der Herrschaft der Notwendigkeit in allem Ökonomischen entzieht.“
Arendt bezeichnet das Politische als verfallende Praxis, deren Niedergang historisch bereits fortgeschritten ist und mit der Politik als Rechtssetzung im römischen Reich begonnen hat. Sie sieht die aktive Teilhabe am politischen Geschehen in Gefahr und diagnostiziert, dass die gesellschaftliche Entwicklung und die zunehmende Entfernung der Politik von der Gesellschaft dafür verantwortlich sei, dass „das Politische überhaupt aus der Welt verschwindet.“
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Die Einleitung umreißt die theoretischen Spannungsfelder zwischen deutscher Kritischer Theorie und französischen Ansätzen zur politischen Differenz und definiert das Ziel der komparativen Analyse.
Das Politische und die Politik: Dieses Kapitel legt die begrifflichen Grundlagen dar und führt in die verschiedenen Interpretationsmodelle der politischen Differenz (normativ, hegemonial, unterbrechend, stiftend, sozial) ein.
Fazit: Das Fazit synthetisiert die Vergleichsergebnisse und bewertet die unterschiedlichen theoretischen Ansätze hinsichtlich ihrer Erklärungsleistung und Angreifbarkeit im Kontext der wissenschaftlichen Traditionen.
Schlüsselwörter
Politische Differenz, Das Politische, Politik, Hannah Arendt, Carl Schmitt, Frankfurter Schule, Claude Lefort, Jacques Rancière, Chantal Mouffe, Radikale Demokratie, Gesellschaftsbildung, Normativität, Hegemonie, Antagonismus, Sozialität
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der theoretischen Unterscheidung zwischen den Begriffen "das Politische" und "die Politik" und wie diese Differenz in verschiedenen politikwissenschaftlichen Strömungen interpretiert wird.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die verschiedenen theoretischen Schulen – insbesondere die Kritische Theorie und französische Demokratietheorien – sowie deren Verständnis von Macht, Gesellschaft, Konflikt und demokratischer Ordnung.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Ziel ist es, systematische Unterschiede in der Definition der politischen Differenz herauszuarbeiten und zu analysieren, warum französische Ansätze in der deutschen Politikwissenschaft bisher weniger stark rezipiert wurden.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine theorievergleichende Arbeit, die verschiedene Konzepte (normativ, hegemonial, unterbrechend, stiftend, sozial) gegenüberstellt und ihre theoretischen Implikationen diskutiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine detaillierte Vorstellung der unterschiedlichen Interpretationsarten von politischer Differenz anhand prominenter Vertreter und eine Analyse der Diskursgeschichte in Deutschland.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den prägenden Begriffen zählen politische Differenz, das Politische, Antagonismus, hegemoniale Praxen, Demokratie und der Vergleich zwischen der Frankfurter Schule und französischen Theoretikern.
Welche Rolle spielt Carl Schmitt in der Arbeit?
Carl Schmitt wird als einer der Hauptvertreter der hegemonialen Interpretationsart angeführt, der das Politische primär über den Antagonismus (Freund-Feind-Unterscheidung) definiert.
Wie unterscheidet sich Claude Leforts Ansatz von der Frankfurter Schule?
Lefort betont den stiftenden Charakter des Politischen und die symbolische Dimension der Macht, während die Frankfurter Schule stärker normativ und auf Kommunikation sowie die Gestaltung von Politik fokussiert ist.
Was meint Jacques Rancière mit der "Unterbrechung"?
Rancière versteht das Politische als Ereignis, das die bestehende ordnungspolitische Struktur (die Polizei) durchbricht und dadurch eine ursprüngliche Form von Gleichheit und Demokratie offenlegt.
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- Maximilian Lentes (Autor), 2016, Das Politische und die Politik. Interpretationsarten der politischen Differenz vor dem Hintergrund der deutschen Politikwissenschaften, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/387543