Freier Wille. Determinismus und Kompatibilismus


Hausarbeit (Hauptseminar), 2015

28 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

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Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung ... 1
2. Freier Wille, Determinismus und Kompatibilismus ... 2
3. Sam Harris - ,,Free Will" ... 4
3.1 Motivation und Ziele... 5
3.2 Die Argumentationslinie ... 6
3.3 Konsequenzen und moralische Verantwortung ... 14
3.3.1 Moralische Verantwortung ... 17
3.3.2 Schlussbemerkungen ... 18
4. Wolfgang Detel ­ Geist und Kompatibilismus ... 19
4.1 Repräsentationalität und Emotionen ... 20
4.2 Detels Ansatz ... 21
5. Konklusion und Schluss ... 24

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1. Einleitung
Das Thema ,,Freier Wille" ist von fundamentaler Bedeutung für das Selbstverständnis aller
Menschen. Es scheint selbstverständlich zu sein, einen freien Willen bei allen Menschen
vorauszusetzen. Eine gegenteilige Behauptung hätte weitreichende Konsequenzen in
allen Lebensbereichen.
Doch worauf lässt sich der freie Wille überhaupt begründen? Haben ihn ­ etwa von Geburt
aus - alle Menschen? Hat ihn ein neugeborenes Kind genauso wie ein erwachsener
Mensch, der bereits zahllose Entscheidungen treffen musste; Entscheidungen von denen
man behaupten würde, er habe sie aus freiem Willen getroffen und hätte sich daher auch
anders entscheiden können? Haben Tiere auch einen freien Willen? Etwa alle Lebewesen?
Gibt es hier keine Grenzen? Und wenn doch, wo liegen sie? Inwiefern können
psychologische und physiologische Eigenschaften eines Menschen, inwiefern Krankheiten
und andere Veränderungen die Fähigkeit zum ,,selbst entscheiden" beeinträchtigen?
Die Frage nach dem freien Willen ist also ganz und gar nicht so offensichtlich und einfach
zu beantworten, wie man zunächst annehmen könnte. Es betrifft essenzielle Grundlagen
der menschlichen Existenz und spielt eine herausragende Rolle in Politik, Religion, Moral
und vielen weiteren Gebieten der menschlichen Koexistenz.
Es stellt sich daher also die Frage, inwiefern eine Kritik an dem soeben vorausgesetzten,
,,intuitiven" Verständnis des freien Willens angebracht ist. Worauf lässt sie sich begründen?
Welche Konsequenzen ergeben sich aus ihr, und welche Alternativen gibt es?
Auch wenn es wenig Vorstellungskraft bedarf, um zu der ­ zugegeben etwas intuitiven ­
Erkenntnis zu gelangen, dass sich diese Fragen nicht (oder vielleicht noch nicht?)
abschließen klären lassen, so ist eine eingehende Auseinandersetzung mit diesem Thema
durchaus attraktiv und lohnend. Sie ermöglicht interessante Blickwinkel auf das
menschliche Dasein und die Gesellschaften, in denen wir leben.
Zum Zweck dieser Diskussion soll im Folgenden der unter dem Titel ,,Free
Will" erschienene Text des amerikanischen Autors, Philosophen und
Neurowissenschaftlers Sam Harris eingehend dargelegt und beleuchtet werden.

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Wie sich zeigen wird, liefert Harris eine einleuchtende und leicht nachvollziehbare Kritik
am Konzept ,,freier Wille". Diese Kritik soll daher im Folgenden zunächst dargelegt und
diskutiert werden. Im Anschluss daran sollen konträre Positionen in Bezug auf den freien
Willen ­ insbesondere der Text ,,Forschungen über Hirn und Geist" von Wolfgang Detel ­
aufgezeigt und in Bezug auf Harris' Kritik kommentiert werden.
Zum Schluss dieser Arbeit sollen die wichtigsten Argumente und Gedankengänge beider
Seiten noch einmal verdeutlicht werden. Zudem soll ein Ausblick auf mögliche
gesellschaftliche Konsequenzen sowie die allgemeine Relevanz einer fortgeführten,
weiterreichenden Auseinandersetzung und Diskussion des ­ wie bereits festgestellt -
immens wichtigen Themas ,,freier Wille", gegeben werden.
Im Folgenden Kapitel sollen daher zunächst die wichtigsten Begriffe, die für diese
Diskussion wichtig sind, dargelegt werden.
2. Freier Wille, Determinismus und Kompatibilismus
Drei Begriffe, die im Rahmen der Behandlung des Themas dieser Arbeit von zentraler
Bedeutung sind, sind die des freien Willens, des Determinismus sowie der Begriff des
Kompatibilismus.
Der Begriff des freien Willens wird zu Beginn des nächsten Kapitels kurz erläutert, wenn
es um Sam Harris' Verständnis des Begriffes geht, da dieser gewissermaßen die
Gegenposition seiner These repräsentiert. Kurzgefasst geht es um die Vorstellung, der
Mensch könne freie Entscheidungen treffen, wenn er mit mehreren möglichen Alternativen
konfrontiert ist.
Der Determinismus beschreibt das Prinzip, dass alle Ereignisse durch vorausgehende
Ursachen bereits vorgegeben sind. Demnach folgt alles den Naturgesetzen, in die nicht
eingegriffen werden kann.
Der Kompatibilismus bezieht sich auf die beiden Begriffe des Determinismus und des
freien Willens. Als kompatibilistisch werden dabei Theorien bezeichnet, die Determinismus
und freien Willen für vereinbar halten. Die gegenteilige Behauptung wird als
Inkompatibilismus bezeichnet.

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Nach Detel folgen aus diesen Begriffen acht mögliche Ansichten des freien Willens,
Determinismus und des Kompatibilismus, indem man allen drei Vorstellungen entweder
zustimmt oder diese ablehnt, bzw. ob man der Nebenbedingung zustimmt, dass
Indeterminiertheit eine notwendige Bedingung von Freieheit sei. Detel benennt diese
Ansichten folgendermaßen:
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1) Libertarianismus
2) harter Determinismus
3) Mysterianismus
4) Pessimismus
5) strenger Kompatibilismus
6) harter Indeterminismus
7) weicher Kompatibilismus
8) pessimistischer Mysterianismus
Die Ansichten 1-4 stellen dabei inkompatibilistische Positionen dar, die Ansichten 5-8
kompatibilistische. 1, 3, 5 und 7 stimmen der Vorstellung eines freien Willens zu, 2, 4, 6
und 8 wiederum nicht. 1, 2, 5 und 6 halten Indeterminiertheit für eine notwendige
Bedingung der Freiheit, 3, 4, 7 und 8 dagegen nicht. Für diese Arbeit sind dabei vor allem
die Ansichten 2 ­ vertreten durch Harris ­ sowie die Ansicht 5 ­ vertreten durch Detel ­
relevant. Detel behauptet zwar, dass alle Ansichten durchaus in der philosophischen
Diskussion vertreten werden (oder wurden), schließt aber - genau wie Harris ­ in Bezug
auf seine Ansicht alle anderen Theorien aus.
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Der Unterschied zwischen Harris' und
Detels Ansicht besteht also nicht in einer Frage des Determinismus, denn beide stimmen
diesem Prinzip zu. Der Unterschied liegt darin, dass Detel, im Gegensatz zu Harris,
Determinismus und die Vorstellung eines freien Willens für vereinbar hält und daher mit
seinem Ansatz auf einen ,,Erhalt" des freien Willens abzielt, während Harris beide
Vorstellungen für unvereinbar hält und die Vorstellung des freien Willens daher ablehnt.
Im Folgenden soll daher auf den Text ,,Free Will" von Harris eingegangen werden, in dem
er diese Ansicht vertritt und für sie argumentiert. Im Anschluss daran wird der Ansatz
Detels dargelegt, der den kompatibilistischen Ansichten genügen soll. Abschließend sollen
1 Vgl. Detel: S. 353.
2 Vgl. ebd.: S. 354.

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die Argumente beider Autoren ­ soweit möglich ­ gegeneinander abgewägt und
kommentiert werden.
3. Sam Harris - ,,Free Will"
Um Harris' Kritik am freien Willen nachvollziehen zu können, muss zunächst geklärt
werden, was genau Harris unter ,,freiem Willen" versteht. Dies soll daher zunächst kurz
erläutert werden.
Der freie Wille der Menschen äußert sich nach Harris in der Behauptung, dass es für einen
Menschen für bestimmte ,,frei getroffene" Entscheidungen möglich ist, sich ,,so oder so" zu
entscheiden; oder bezogen auf die Vergangenheit: Es wäre für einen Menschen in
bestimmten Situationen in der Vergangenheit möglich gewesen, eine andere
Entscheidung zu treffen, als die, die tatsächlich getroffen wurde (vorausgesetzt, die
Entscheidung wurde unabhängig von äußeren Einflüssen ­ also nicht etwa unter Zwang ­
getroffen). Diese Vorstellung vom freien Willen ist auch gemeint, wenn in der Einleitung
vom ,,allgemeinen Verständnis" des freien Willens gesprochen wird. Es ist die Vorstellung,
die man bei einer repräsentativen Umfrage ­ vielleicht wenigstens als Konsens ­ erwarten
würde.
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An diesem Punkt setzt Harris' Kritik an. Er behauptet: Die Möglichkeit, sich aus freiem
Willen für etwas entscheiden zu können, ist eine Illusion. Harris' Argumente für diese
Behauptung werden weiter unten diskutiert. Zunächst soll der Frage nachgegangen
werden, warum Harris eine Kritik am freien Willen für relevant, wenn nicht sogar notwendig
hält. Das folgende Kapitel behandelt daher kurz die Motivation Harris'. Warum ist der freie
Wille ein so wichtiges Thema?
3 Vgl. Harris: S. 6.

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3.1 Motivation und Ziele
Auch Harris merkt zunächst einmal an, wie weitreichend das Themenfeld ,,freier Wille" ist.
Demnach betrifft es integrale Bereiche menschlichen Zusammenlebens, u.a. Moral,
Gesetze, Politik, Religion, die öffentliche Ordnung, Beziehungen und Schuldgefühle;
darüber hinaus sieht Harris einen engen Zusammenhang von Sünde und Verbrechen mit
der Gerechtigkeit und der Justiz.
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Man könnte wohl argumentieren, dass einige dieser Punkte etwas Privates seien, etwas
das eher den Einzelmenschen betrifft. Gerade jedoch die letzten Punkte ­ Justiz und
Gerechtigkeit in Bezug auf Verbrechen (und Sünde) ­ beruhen zu einem großen Teile auf
der Vorstellung des freien Willens. Würde ein Justizsystem, in dem man den freien Willen
jedes einzelnen Menschen, oder auch nur von wenigen Menschen, nicht voraussetzen
kann, nicht unweigerlich in sich zusammen fallen? Und wenn nicht, wäre es dann nicht
inhärent unmoralisch, da es Menschen, die ohne freien Willen ja keine Wahl hatten, d.h.
sich gar nicht anders hätten entscheiden können, verurteilen und bestrafen würde? Auch
auf diese Frage werden wir später noch zurückkommen. Sie sollte an dieser Stelle noch
einmal die große gesellschaftliche Relevanz des Themas unterstreichen.
Doch damit ist unsere Ausgangsfrage noch nicht geklärt. Warum widmet sich Harris so
eingehend diesem Thema? Zunächst könnte man meinen Harris versuche eine
,,Korrektur" des ,,Glaubens an den freien Willen", eine ,,Entlarvung der Illusion"; oder
anders ausgedrückt, die Richtigstellung eines ,,Volksmythos". Doch nach Harris steckt
noch deutlich mehr dahinter: Harris behauptet, die Menschen sind ohne die Illusion des
freien Willens besser dran; mehr noch, es sei sogar möglich diese neu gewonnenen
Einsichten wertzuschätzen und davon zu profitieren.
Auch diese Behauptung wird im Verlauf dieser Arbeit noch auf ihre Stichhaltigkeit, bzw.
ihre Plausibilität untersucht werden.
Ohne nun die genauen Argumente Harris' für diese Behauptungen zu kennen, lässt sich
schon jetzt schließen, dass er sich nicht zu einer pessimistischen Ansicht bekennen wird.
Gemeint ist hierbei der ,,Vorwurf des Nihilismus" (bzw. Fatalismus), der aus der Ablehnung
des freien Willens resultiert. Dieser Vorwurf behauptet, dass das menschliche Leben ­
4 Vgl. ebd: S. 1.

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bzw. die gesamte menschliche Existenz ­ ohne freien Willen vollkommen sinnlos sei und
es für die Menschen daher keinen Grund gäbe, überhaupt irgendetwas zu unternehmen.
Wir werden uns also auch der Antwort Harris' auf dieses Gegenargument widmen.
3.2 Die Argumentationslinie
Harris unterstreicht zunächst anhand einer Geschichte zweier verurteilter Mörder sein
Verständnis, was es bedeuten würde den Platz mit einer Person zu tauschen. Ein Tausch
,,Atom für Atom" würde uns nicht nur in ,,die Lage, den Körper" derjenigen Person
versetzen, sondern tatsächlich würde man zu dieser Person werden.
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Das heißt, dass
Harris davon ausgeht, dass es keinen ,,Extra-Part" eines Menschen gibt, der außerhalb der
physischen Gegebenheit desjenigen Individuums liegt. Gedanken, Erinnerungen, und
Gefühle sind daher also nur bestimmte materielle Zustände des Gehirns. Als typisches
Beispiel einer Auffassung zu Gunsten des freien Willens, nennt Harris die Vorstellung
einer Seele, die tatsächlich etwas individuelles sein soll, und unabhängig vom Körper
eines Menschen existiere. Harris argumentiert jedoch, dass auch hier niemand für seine
Seele ,,verantwortlich" wäre, eine gute oder schlechte Seele vollkommen zufällig wäre.
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Eine solche Vorstellung trägt nach Harris also nicht zur Lösung des Problems des freien
Willens bei.
Nach der deterministischen Sicht folgen daraus für Harris zwei mögliche Szenarien:
1) eine erste unbekannte Ursache führt deterministisch zu den Gedanken und Handlungen
der Menschen; niemand trägt die direkte Verantwortung für seinen Willen.
2) Zufällige Ereignisse führen zu den Gedanken und Handlungen der Menschen; niemand
trägt die Verantwortung für seinen Willen.
Es wird deutlich, dass aus beiden Annahmen schwerwiegende Konsequenzen für die
Autonomie und die moralische Verantwortlichkeit der Menschen folgen. Wie genau soll der
Mensch nun mit dieser ersten Erkenntnis umgehen?
5 Vgl. Harris: S. 4.
6 Vgl. ebd.: S. 4.
Ende der Leseprobe aus 28 Seiten

Details

Titel
Freier Wille. Determinismus und Kompatibilismus
Hochschule
Technische Universität Darmstadt  (Institut für Philosophie)
Veranstaltung
Recherche und Reflexion: Theoretische Philosophie
Note
1,3
Autor
Jahr
2015
Seiten
28
Katalognummer
V387555
ISBN (eBook)
9783668617490
ISBN (Buch)
9783668617506
Dateigröße
458 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Freier Wille, Determinisus, Kompatibilismus
Arbeit zitieren
Jascha Daniló Jung (Autor), 2015, Freier Wille. Determinismus und Kompatibilismus, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/387555

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