Auswirkungen des Brexit auf die Finanzbranche. Standortanalyse und Nutzwertanalyse der Stadt Frankfurt am Main


Masterarbeit, 2017
109 Seiten, Note: 2,5

Leseprobe

I
Danksagung
An dieser Stelle möchte ich mich bei einigen Menschen bedanken, die während meiner ge-
samten Studienzeit immer für mich da waren und bei der Erstellung dieser Masterarbeit unter-
stützend mitgewirkt haben.
Mein größter Dank gilt meiner gesamten Familie, die viel Geduld und Verständnis hatte und
mich stets motivierte und aufgemunterte, insbesondere in schwierigeren Phasen des Studi-
ums.
Herzlich bedanken möchte ich mich bei Herrn Prof. Dr. Bernd Scheed für seine Unterstützung
und Betreuung dieser Masterarbeit. Dafür, dass er immer Bereitschaft für konstruktive Diskus-
sionen zeigte und durch seine pragmatische und konkrete Art immer eine für mich verständli-
che und passende Antwort gefunden hat.
Ein besonderer Dank gilt Michaela Schmid für ihre unermüdliche Unterstützung bei der Erstel-
lung dieser Masterarbeit. Liebe Michi
, ein sehr persönliches ,,
vielen vielen Dank
".
Dank gebührt ferner den Freunden, die stets offen für Diskussionen waren und mir kritisches
Feedback zu dieser Masterarbeit gegeben haben. An dieser Stelle möchte ich mich auch bei
meinem Arbeitgeber, vertreten durch meine Vorgesetzten bedanken, dass mir die notwendige
Zeit für die Erstellung dieser Thesis eingeräumt wurde.

II
Tabellenverzeichnis
Tabelle 1: Mitglieder an der London Stock Exchange 1802
­
1914 ... 12
Tabelle 2: Gewählte Expertengruppen und angewandte Methodik... 19
Tabelle 3: Gesprächspartner in den Unternehmensinterviews ... 19
Tabelle 4: induktiv erhobenes Kategoriensystem ... 33
Tabelle 5: angepasstes Kategoriensystem nach zweiter Auswertungsphase ... 35
Tabelle 6: finales Kategoriensystem ... 38
Tabelle 7: finales Kategoriensystem mit weiterer Unterteilung ... 43
Tabelle 8: personenbezogene Standortfaktoren ... 44
Tabelle 9: unternehmensbezogene Standortfaktoren ... 44
Tabelle 10: Beispiel paarweiser Vergleich von Kategorien nach Herbig ... 48
Tabelle 11: personenbezogene Standortfaktoren ... 52
Tabelle 12: Matrix Gewichtungsfaktoren personenbezogener Standortfaktoren ... 53
Tabelle 13: unternehmensbezogene Standortfaktoren ... 54
Tabelle 14: Matrix Gewichtungsfaktoren unternehmensbezogener Standortfaktoren ... 55

III
Abbildungsverzeichnis
Abbildung 1: EU Referendum Ergebnisse ... 5
Abbildung 2: Brexit Befürworter nach Altersgruppen ... 6
Abbildung 3: Mögliche Brexit Austrittsmodelle... 8
Abbildung 4: Umzug von Finanzinstituten von London nach Frankfurt ... 10
Abbildung 5: Global Financial Centres Index September 2017 ... 13
Abbildung 6: Wichtigkeit von Standortfaktoren ... 20
Abbildung 7: Theoriegeleitete Standortfaktoren ... 22
Abbildung 8: SPSS Methode nach Helfferich ... 25
Abbildung 9: Prozessmodell induktive Kategorienbildung ... 30
Abbildung 10: Prozessmodell induktive Kategorienbildung mit ,,Erledigt
-
Kennzeichen"
... 37
Abbildung 11: Prozessdarstellung Nutzwertanalyse ... 47
Abbildung 12: Prozessdarstellung Nutzwertanalyse ohne Alternativen ... 50
Abbildung 13: Prozessmodell Nutzwertanalyse für Standortfaktoren ohne Alternative ... 51
Abbildung 14: kulturelles Angebot in London - Stand Oktober 2017 ... 57

IV
Inhaltsverzeichnis
Titelblatt ...
Danksagung ... I
Tabellenverzeichnis ... II
Abbildungsverzeichnis ... III
Inhaltsverzeichnis ... IV
Executive Summary ... VI
Abstract ... IX
1. Einleitung ... 1
1.1 Ausgangssituation und Problemstellung... 1
1.2 Forschungsfrage und Motivation der Arbeit ... 2
1.3 Methodische Vorgehensweise und Aufbau der Arbeit ... 3
2. Brexit ... 4
2.1
Hintergrund und Begründung für den Brexit ... 6
2.2
Bevorstehende Auswirkungen des Brexits ... 7
2.3
Die historische Entwicklung der Finanzzentren London und Frankfurt am Main ... 11
2.3.1 London ... 11
2.3.2
Frankfurt am Main ... 14
2.4
Mögliche Brexit Auswirkungen für die Finanzplätze London und Frankfurt ... 15
3. Standortfaktoren in der Literatur ... 17
3.1 Standortfaktoren nach Grabow ... 18
3.2
Standortfaktoren nach Beyerle ... 21
3.3
Vorselektion wichtiger Standortfaktoren für eine mögliche Verlagerung Londoner
Banken nach Frankfurt ... 22
4. Qualitative Datenerhebung durch leitfadengestützte Experteninterviews ... 23
4.1
Methodisches Vorgehen bei den leitfadengestützten Experteninterviews ... 24
4.2
Auswertung der Experteninterviews durch qualitative Inhaltsanalyse ... 26
4.2.1
Definition qualitative Inhaltsanalyse nach Mayring ... 27

V
4.2.2
Induktive Kategorienbildung nach Mayring ... 31
4.2.3
Auswertung und Analyse der Experteninterviews mittels QCAmap... 32
4.2.3.1 Erste Auswertungsphase ... 32
4.2.3.2
Zweite Auswertungsphase ... 34
4.2.3.3 Endgültige Auswertung und Analyse ... 36
4.3
Fazit und Ergebnisse der qualitativen Inhaltsanalyse der Experteninterviews ... 42
5. Nutzwertanalyse ... 45
5.1
Prozessdarstellung der Nutzwertanalyse nach Herbig... 46
5.2
Konzeption eines Modells für die Bewertung von Standortfaktoren ... 49
6. Anwendung der Nutzwertanalyse für die Stadt Frankfurt am Main ... 50
6.1 Personenbezogene Nutzwertanalyse ... 51
6.2
Unternehmensbezogene Nutzwertanalyse ... 54
7. Analytische Betrachtung ... 56
7.1
Handlungsempfehlungen für die Standortweiterentwicklung für Frankfurt ... 56
7.2
Kritische Betrachtung ... 61
8. Fazit ... 63
Literaturverzeichnis ... 66
Glossar ... 74
Anhang ... 75

VI
Executive Summary
Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit dem Thema Brexit, also dem Austritt Großbritanni-
ens aus der Europäischen Union (EU). Die Problemstellung dabei ist, dass der tatsächliche
Austritt erst zum 1. April 2019 erfolgt, die Verhandlungen zwischen Großbritannien und der EU
derzeit laufen und somit die Auswirkungen noch nicht bekannt sind. Insbesondere die Finanz-
branche beschäftigt sich mit dem Thema Brexit. Einige Finanzinstitute mit Sitz in London
möchten ihr derzeitiges Geschäft mit anderen europäischen Staaten nicht gefährden und ver-
lagern bzw. erweitern daher bereits heute ihren Standort auf andere europäische Städte. Viele
Banken haben bereits verkündet, dass ihre Standortwahl dabei auf Frankfurt am Main gefallen
ist.
Damit sich Frankfurt bestmöglich auf diesen Zuwachs an Unternehmen und Menschen vorbe-
reiten kann, war das Ziel dieser Arbeit, für die relevanten Standortfaktoren Handlungsempfeh-
lungen in Form von kommunaler Maßnahmen abzugeben. Um diesen Handlungsbedarf zu
eruieren, war ein strukturiertes Vorgehen notwendig. Zunächst beschäftigte man sich mit dem
Thema Brexit nicht nur im Allgemeinen, sondern insbesondere aus Sicht der Finanzbranche.
Es wurden die Finanzzentren London und Frankfurt am Main genauer betrachtet und die mög-
lichen Auswirkungen des Brexits auf die beiden Finanzplätze theoriegeleitet ermittelt. Aufgrund
der noch nicht abgeschlossenen Austrittsverhandlungen wurden folgende möglichen Szena-
rien festgestellt:
,,weicher Brexit"
,
,,individuelle Lösung"
und
,,harter Brexit".
Der Reihenfolge
nach zusammengefasst würde dies bedeuten, entweder es ändert sich nahezu nichts und die
Auswirkungen sind
,,weich"
oder es erfolgen individuelle Lösungen im Rahmen der Austritts-
verhandlungen die das zukünftige Geschäft zwischen Großbritannien und der EU definieren
oder es tritt ein
,,harter"
Austritt ein und alle derzeit bestehenden Abkommen die das Geschäft
im Finanzbereich ermöglichen entfallen.
Wie bereits erwähnt, haben sich aufgrund des noch unklaren Ausgangs der Austrittsverhand-
lungen bereits einige Finanzinstitute für eine Standortverlagerung nach Frankfurt entschieden.
Um in Erfahrung zu bringen, welche Standortfaktoren bei der Verlagerung von London nach
Frankfurt eine wichtige Rolle spielen, waren zwei Arbeitsschritte notwendig. Zuerst wurden
Theorien zu Standortfaktoren, die für den Finanzsektor geeignet sind ermittelt, um eine erste
Orientierungshilfe zu erhalten. Die ermittelten Faktoren sind folgende: Verkehrsanbindung und
Infrastruktur, Image, Wohnlage, gute Schulen, Fühlungsvorteile (Nähe zu Mitbewerbern und
Kunden), Repräsentationswert (Nähe zu Kunden), qualifiziertes Personal, Markt- bzw. Absatz-
potenzial, rechtliche und politische Rahmenbedingungen. Im zweiten Schritt erfolgten Exper-
teninterviews mit Londoner Bankern, um in Erfahrung zu bringen, ob sich die theoriegeleiteten

VII
Standortfaktoren als relevant erweisen oder noch weitere zu berücksichtigen sind. Die Befra-
gung beinhaltete die Themen Brexit, wichtige Standortfaktoren in London, relevante Standort-
faktoren im Falle eines Umzugs nach Frankfurt und relevante Standortfaktoren aus unterneh-
merischer Sicht im Falle eines Umzugs. Aus Forschungsinteresse wurde die Befragung durch
einen Interviewleitfaden unterstützt. Nach Abschluss der Gespräche wurde die qualitative In-
haltsanalyse nach Mayring angewandt. Diese Methodik zeichnet sich durch ein streng regel-
geleitetes Vorgehen aus. Dabei wird zunächst ein Kategoriensystem als eine Art Regelwerk
erstellt und dieses dient anschließend zur regelgeleiteten Kodierung von Textstellen in den
Transkripten. Zur Kategorienbildung wurde ein induktives Vorgehen angewandt. Induktiv be-
deutet, vom Besonderen auf das Allgemeine zu schließen. Auf diese Weise wurden die wich-
tigen Standortfaktoren anhand der Kategorienbildung ermittelt.
Da es sich bei den Ergebnissen um subjektive Standortfaktoren handelte, war eine Bewertung
und Gewichtung dieser durch eine Nutzwertanalyse notwendig. Eine Nutzwertanalyse ist eine
Methode, die zur Bewertung von Lösungsalternativen und zur Entscheidungsfindung dient. In
Anbetracht des Forschungsziels, eine Handlungsempfehlung für die Stadt Frankfurt zur Um-
setzung von kommunalen Maßnahmen abzugeben und damit eine Entscheidung zu treffen,
eignete sich diese Methode besonders gut. Zuerst wurde die Nutzwertanalyse anhand vorhan-
dener Literatur etwas näher betrachtet und anschließend erfolgte die Konzeption einer eigenen
Nutzwertanalyse zur Bewertung und Gewichtung der empirisch erhobenen Standortfaktoren.
Bevor die Nutzwertanalyse Anwendung fand, wurden die empirisch erhobenen Standortfakto-
ren in personenbezogene und unternehmensbezogene Standortfaktoren unterteilt. Die Bewer-
tung und Gewichtung erfolgte dann durch einen paarweisen Vergleich der einzelnen Standort-
faktoren mittels Punktevergabe. Abschließend wurden die vergebenen Punkte für jeden Stand-
ortfaktor addiert und daraus ergab sich das Ranking. Somit waren dies die Standortfaktoren,
die bei einer Verlagerung von London nach Frankfurt eine wichtige Rolle spielen.
Für alle Standortfaktoren, die im Endergebnis eine Gewichtung größer 10% hatten, wurde eine
Handlungsempfehlung mit konkreten Vorschlägen von kommunalen Maßnahmen abgegeben.
Anbei die Übersicht, aufgeteilt in personenbezogene und unternehmensbezogenen Faktoren:

VIII
Personenbezogene Standortfaktoren:
Viele verschiedene kulturelle Angebote
Freizeit- und Sportmöglichkeiten
Tätigkeitsdichte anderer Mitbewerber
Personenbezogene Karrieremöglichkeiten/Arbeitsmarktpotenziale
Politische Rahmenbedingungen
Unternehmensbezogene Standortfaktoren:
Tätigkeitsdichte anderer Mitbewerber
Rechtliche Rahmenbedingungen für das Geschäft
Politische Rahmenbedingungen
Umzug von Mitarbeitern
Darüber hinaus, wurde für den Standortfaktor
,,gute Schulen"
ebenfalls eine Handlungsemp-
fehlung abgegeben, da dieser sich im Rahmen der Experteninterviews als besonders wichtig
für die Zielgruppe
,,
Fami
lien mit schulpflichtigen Kindern"
herausgestellt hat. Eine Bewertung
und Gewichtung durch die Nutzwertanalyse war somit nicht notwendig.
Mit der vorliegenden Masterarbeit wurde das Ziel erreicht und die Forschungsfrage beantwor-
tet.
Das Fazit dieser Arbeit ist, dass der Brexit aufgrund seiner noch unklaren Ausgangssituation
ein sehr interessantes Thema ist und viele Problemstellungen mit sich bringt, die diverse wei-
tere Forschungsarbeiten zulässt.

IX
Abstract
Thema der Masterarbeit
,,Standortanalyse Frankfurt am Main mittels einer Nutzwertanalyse vor dem Hinter-
grund des bevorstehenden Brexits aus Sicht der Finanzbranche"
Stichworte
Brexit, Finanzbranche London und Frankfurt am Main, Standortfaktoren, Standortanalyse,
Nutzwertanalyse, kommunale Maßnahmen
Kurzzusammenfassung
Aufgrund des bevorstehenden Brexits haben sich einige Londoner Finanzinstitute dazu ent-
schieden, ihren Standort nach Frankfurt am Main zu verlagern. In Anbetracht dieser Entschei-
dung stellte sich die Frage, welche kommunalen Maßnahmen die Stadt Frankfurt umsetzen
sollte, um mit dieser Zuwanderung bestens umgehen zu können. Ziel dabei war es, zunächst
die Standortfaktoren zu ermitteln, die zur Beantwortung dieser Frage beitragen. Um eine erste
Orientierungshilfe zu erhalten, wurden mögliche relevante Standortfaktoren anhand vorhan-
dener Theorie zusammengefasst. Im Rahmen einer empirischen Erhebung durch leitfadenge-
stützte Interviews mit Londoner Bankern, wurden die Standortfaktoren ermittelt, die bei einer
Standortverlagerung von London nach Frankfurt eine wichtige Rolle spielen. Abschließend
wurden diese durch eine Nutzwertanalyse bewertet und gewichtet. Das Ergebnis war, dass für
acht ermittelte Standortfaktoren im Rahmen einer Handlungsempfehlung kommunale Maß-
nahmen vorgeschlagen wurden.

1
1. Einleitung
In diesem einleitenden Kapitel wird zunächst die Ausgangssituation dargestellt. Aus dieser
resultiert die Problemstellung und die Forschungsfrage zeichnet sich ab. Des Weiteren wird
die methodische Vorgehensweise vorgestellt und der Aufbau der Arbeit beschrieben.
1.1 Ausgangssituation und Problemstellung
Großbritannien hat gewählt und sich für den ,,Brexit" (Britain Exit)
und somit gegen einen Ver-
bleib in der Europäischen Union entschieden (Bundeszentrale für politische Bildung 2016a).
Die Abspaltung eines Landes ist ein Novum, dessen Auswirkungen noch nicht definiert werden
können, da die Verhandlungen erst begonnen haben. Die Vertragsverhandlungen über das
Austrittsabkommen sind laut europäischem Gesetz (Art. 50 Abs. 3 EUV) auf zwei Jahre be-
fristet und enden am 29. März 2019 (De Jure 2017). Die Annahme, dass nach den zwei Jahren
alle Verhandlungen erfolgreich und problemlos abgeschlossen sind, hält kaum jemand für re-
alistisch (Adolff 2017: 7). Sowohl die EU als auch Britannien haben aus ökonomischen Ge-
sichtspunkten Interesse daran, bestimmte Freihandelsabkommen (z.B. Zutritt zum Binnen-
markt, Kapitalverkehr, Grenzkontrollen) neu zu verhandeln, ähnlich wie es bereits heute der
Fall mit der Schweiz oder Norwegen ist (Econstor 2017).
Besonders intensiv beschäftigt sich die Finanzbranche in London mit dem Thema Brexit. De-
regulierungen und die internationale Harmonisierung bestehender Vorschriften für Finanzin-
stitute haben in den letzten Jahren die Möglichkeiten grenzüberschreitender Transaktionen
verbessert. Die dadurch vereinfachten Zugangsmöglichkeiten zu anderen Märkten haben das
Verhältnis zwischen ursprünglich durch nationale Regulierungen geschützten Finanzplätzen
verändert (Harrschar-Ehrnborg 2002: 15). Die über Jahre hinweg erarbeiteten Fortschritte und
Erleichterungen stehen nun wieder zur Diskussion. Anbei ein Beispiel: Durch einen europäi-
schen Finanzpass sind EU-Mitgliedsstaaten berechtigt, Dienstleistungen in der Finanzbranche
ohne weitere regulatorische Anforderung anzubieten. Nach einer Erhebung der Financial
Conduct Authority (FCA) nutzen derzeit 5.500 Finanzunternehmen in London insgesamt
336.421 solcher EU-Finanzpässe, um ihr Geschäft in der Europäischen Union durchführen zu
können (Philipponnat 2017: 17). Dieser Vorzug steht durch das Brexit-Referendum nun in
Frage und gefährdet aus wirtschaftlicher Sicht das hohe Handelsvolumen zwischen London
und der EU (Miethe und Pothier 2016).
Um das zukünftige Geschäft aufgrund der noch unklaren Verhandlungsergebnisse nicht zu
gefährden, wurde die Diskussion zur Standortverlagerung von London in alternative europäi-
sche Städte belebt. Bereits heute haben sich einige Großbanken (z.B. Deutsche Bank, JP

2
Morgan, Standard Chartered) dazu entschieden, Teile ihres Geschäftes in andere EU Lokati-
onen zu verlagern (Reuters 2017). Das größte Problem hierbei ist die richtige Standortwahl,
da verschiedenste Alternativen (z.B. Frankfurt, Paris, Dublin, Amsterdam) in Frage kämen.
Nach einer aktuellen Umfrage des Center for Financial Studies (CFS) sehen die Befragten
Frankfurt am Main mit 86% als die wahrscheinlichste neue europäische Heimat für die Banken
an. Lediglich 14% sehen bei der Standortwahl die alternativ diskutierten Städte Paris, Amster-
dam, Dublin und Luxemburg als chancenreich an (Frankfurt Main Finance 2017). So sollen in
den kommenden Jahren mehr als 10.000 Bankarbeitsplätze nach Frankfurt verlagert werden.
Daraus abgeleitet ergibt sich folgender Titel dieser Masterarbeit:
,,
Standortanalyse Frankfurt am Main mittels einer Nutzwertanalyse vor dem Hinter-
grund des bevorstehenden Brexits aus Sicht der Finanzbranche
"
1.2 Forschungsfrage und Motivation der Arbeit
Das dieser Master Thesis zugrunde liegende Ziel ist, herauszufinden, bei welchen Standort-
faktoren die Stadt Frankfurt am Main, in Anbetracht des bevorstehenden Brexits aus Sicht der
Finanzbranche, kommunalen Handlungsbedarf hat.
Die Arbeit beschäftigt sich daher mit folgender Forschungsfrage:
Welche kommunalen Maßnahmen sollte die Stadt Frankfurt am Main aufgrund des bevorste-
henden Austritts Großbritanniens aus der Europäischen Union umsetzen?
Um diese Frage beantworten zu können, müssen im Rahmen dieser Arbeit folgende Unterfra-
gen zuerst beantwortet werden:
Welche konkreten Standortfaktoren spielen aus Sicht der Finanzbranche eine Rolle für eine
Verlagerung von London nach Frankfurt?
Wie können diese Standortfaktoren zum einen bewertet, zum anderen gewichtet und in einer
Nutzwertanalyse zusammengefasst werden?
Abgeleitet aus den Erkenntnissen einer Nutzwertanalyse sollen sich Handlungsempfehlungen
für die Stadt Frankfurt am Main ergeben.
Die Motivation für die vorliegende Arbeit begründet sich durch die derzeit enorme Aufmerk-
samkeit für den Brexit. Das Thema ist top aktuell und beschäftigt aufgrund seiner Brisanz Po-
litik, Wirtschaft und Wissenschaft.
Besonders spannend ist der Sektor der Finanzen. Man hat

3
den Eindruck, dass die Branche aufgrund der heute bereits internationalen Positionierung nicht
besonders glücklich über das Ergebnis des Referendums ist (Kahlweit 2017). Der Austritt wird
vielmehr als Rückschritt empfunden. Kurz nach der Bekanntgabe des Ergebnisses haben sich
einige Großbanken mit Sitz in London öffentlich geäußert, dass sie Büros und Personal nach
Frankfurt verlagern werden, um bestimmte Dienstleistungen auf europäischem Boden weiter-
hin anbieten zu können. Auf Nachfragen der Journalisten, wieso die Standortwahl ausgerech-
net auf Frankfurt am Main und keine der anderen europäischen Städte falle, wollte sich kein
Institut konkret äußern, sondern man sprach lediglich von einer
,,
geschäftspolitischen Ent-
scheidung
"
(Reuters 2017). Aufgrund dieser Tatsache ist es interessant zu erforschen, welche
Standortfaktoren für die Londoner Finanzinstitute und deren Mitarbeiter eine wichtige Rolle im
Brexit-Szenario spielen.
1.3 Methodische Vorgehensweise und Aufbau der Arbeit
Das methodische Vorgehen dieser Arbeit sieht eine ausgiebige Auseinandersetzung mit den
Themenfeldern Brexit, Standortfaktoren und Nutzwertanalyse vor. Es handelt sich um eine
empirische Arbeit unter Anwendung qualitativer Methoden.
In den einleitenden Kapiteln eins und zwei wird das Thema Brexit zunächst aus Sicht der Fi-
nanzbranche betrachtet, um die Problemstellung und den Hintergrund des Referendums zu
verstehen. Aus Gründen der Aktualität wird in erster Linie das Internet als Rechercheplattform
genutzt. Ergänzt wird die Recherche durch aktuelle Publikationen. Die gesamte Literatur-
recherche erfolgt systematisch und an der Forschungsfrage orientiert.
In Kapitel drei werden Standortfaktoren auf Basis der verfügbaren Literatur beschrieben. Da
es keine allgemeine Theorie zu Standortfaktoren für Finanzinstitutionen gibt, werden Bücher
über die Finanzbranche herangezogen. Ziel ist es, durch vorselektierte Standortfaktoren eine
erste Orientierungshilfe zu erhalten, die im späteren Verlauf bei der Inhaltsanalyse von Exper-
teninterviews unterstützend wirken soll.
Da es sich beim Brexit um eine bis dato einmalige Problemstellung handelt, für die bisher nur
wenig Forschungsergebnisse vorliegen, erfolgen im vierten Kapitel im Rahmen der explorati-
ven Forschung Experteninterviews, die die Wahl der Faktoren sowie deren Gewichtung be-
stimmen sollen. Dabei werden bewusst Experten mit Sitz in London ausgewählt. Die For-
schung erhofft sich durch die Interviews neben der Ableitung relevanter Standortfaktoren, neue
Erkenntnisse. Unter Anwendung der qualitativen Inhaltsanalyse nach Mayring, erfolgt im Rah-
men der Kodierung die Ableitung, welche Standortfaktoren eine Rolle für die Stadt Frankfurt

4
spielen. Das methodische Vorgehen mittels Experteninterviews wird später in Kapitel 4.1 kon-
kreter ausgeführt und beschrieben. Untersuchungsziel ist sowohl die Bestimmung der Stand-
ortfaktoren als auch deren Einwertung in Bezug auf Wichtigkeit. Dies umfasst zudem eine
Aussage zur jeweiligen Gewichtung.
Kapitel fünf beschreibt in erster Linie die Anwendungsmöglichkeit einer Nutzwertanalyse und
den theoretischen Hintergrund dazu. Sie soll als Bewertungsmedium für die im vorherigen
Kapitel eruierten Standortfaktoren dienen. Die tatsächliche Anwendung des Modells erfolgt in
Kapitel sechs. Dieses befasst sich daher mit dem Nutzen und dem Wert der jeweiligen Fakto-
ren, um im Anschluss daraus eine logische Handlungsempfehlung für die Stadt Frankfurt am
Main ableiten zu können.
Im siebten und vorletzten Kapitel der Arbeit folgt die analytische Betrachtung. Dabei werden
Handlungsempfehlungen hinsichtlich der kommunalen Maßnahmen für den Standort Frankfurt
am Main entwickelt. Ergänzend erfolgt eine kritische Betrachtung der im Lauf der Forschung
gewonnenen Erkenntnisse inklusive der angewandten Methodik.
Die Arbeit schließt mit einem Fazit und einem Ausblick auf weitere Forschungsmöglichkeiten
ab.
2. Brexit
Der Begriff Brexit ist ein Kunstwort und setzt sich aus den beiden Begriffen ,,Britain" und ,,Exit"
zusammen. Er beschreibt damit in Kurzform den Austritt Großbritanniens aus der Europäi-
schen Union (Duden 2016). Die Mehrheit der Analytiker sieht den Austritt des Vereinigten Kö-
nigreichs als herben Verlust, der eine Vielzahl an Problemen mit sich bringen wird.
Krisenerfahrung ist in der EU-Politik kein Novum. Im Grunde lässt sich die gesamte Geschichte
der Europäischen Union als eine Abfolge von Krisen erzählen. Der einzige Unterschied zu der
heutigen Situation ist, dass die EU aus jeder Krise neue Impulse zog und gestärkt hervorging
(Rüttgers und Decker 2017: 9). Dass das mit dem Brexit nicht der Fall sein wird, davon ist die
Mehrheit überzeugt, denn aus politischer und wirtschaftlicher Sicht wird es Verluste geben
(Fuest 2017: 5).
Nach zwei gescheiterten Beitrittsversuchen, 1963 und 1969, in die damalige Europäische Ge-
meinschaft, unterzeichnete Großbritannien am 22. Januar 1972 die Beitrittsurkunde. Lediglich
zwei Jahre später stand die Mitgliedschaft bereits wieder zur Disposition und es fand ein Re-

5
ferendum statt, bei welchem sich die Bevölkerung und das Parlament für einen Verbleib ent-
schieden (Bundeszentrale für politische Bildung 2016b). Im Laufe der Zeit entstand die Euro-
päische Union und eine immer größer werdende Gemeinschaft, nicht nur in Bezug auf ihre
Mitgliederzahl, sondern auch in Sachen Binnenmarkt etc.. In deren Folge wurden Grenzkon-
trollen abgeschafft, eine gemeinsame Außen- und Sicherheitspolitik eingeführt und eine ein-
heitliche Währung ins Leben gerufen.
Der Anfang des Brexits war der 23. Januar 2013, als der damalige britische Premierminister
David Cameron seine Grundsatzrede über die europäische Union veröffentlichte. Er kritisierte
die EU stark und versprach innenpolitisch, dass er im Falle eines Wahlsiegs seiner Conserva-
tive Party bei den Unterhauswahlen 2015 ein Referendum über den Verbleib Großbritanniens
in der EU abhalten wird (Government of UK 2013). Zwei Jahre später gewann seine Partei die
Unterhauswahlen und er löste sein Versprechen ein, indem er 2016 offiziell eine Volksabstim-
mung durchführen ließ. Kurz vor der Abstimmung versuchte David Cameron die Briten von
einem Verbleib in der EU zu überzeugen, da anderenfalls sowohl die britische Wirtschaft als
auch der internationale Einfluss erheblichen Schaden erleiden würden (Zeit Online 2016).
In der nachfolgenden Abbildung ist das Ergebnis vom 23. Juni 2016 ersichtlich.
Abbildung 1: EU Referendum Ergebnisse (Quelle: The Electoral Commission 2016)
Die Mehrheit der Wähler stimmte mit insgesamt 51,9 % für einen Austritt Großbritanniens aus
der Europäischen Union. Das Ergebnis überraschte sowohl in Großbritannien als auch in der
gesamten EU. Auslöser für die Wahlentscheidung finden sich im nachfolgenden Kapitel.

6
2.1 Hintergrund und Begründung für den Brexit
Warum möchten die Briten die Europäische Union verlassen?
Nach den Wahlergebnissen entstanden unterschiedliche Analysen, die das Warum beantwor-
ten. Das britische Meinungsforschungsinstitut
,,
YouGov
"
und die Zeitung ,,The Times" sind bei
einer Umfrage zum Wahlverhalten zur Erkenntnis gelangt, dass bevorzugt die Altersgruppe
der über 50-jährigen für einen Austritt gestimmt hat. Sie begründen dies damit, dass diese
,,Ihr
Land" aus der ,,guten alten Zeit" zurückhaben möchten und Britannien seine ursprüngliche
Souveränität wieder erhalten soll (Georgi und Steppat 2016).
Abbildung 2: Brexit Befürworter nach Altersgruppen (Quelle: Georgi und Steppat 2016)
Eine weitere Feststellung ist, dass Großbritannien zwischen Nord und Süd tief gespalten ist.
Während zwei Drittel der Menschen im europafreundlichen Schottland für einen Verbleib
stimmten, entschieden sich in Nord- und Ostengland weit mehr als 50% für den Austritt. In den
meisten Fällen befürworteten die Großstädter (z.B. London, Manchester, Liverpool) einen Ver-
bleib. Insbesondere in der Londoner City hat sich das Bewusstsein verstärkt, dass man durch
den Brexit den Status als wichtigster europäischer Bankenplatz verlieren könnte. Deutlich
mehr Ablehnung der EU gegenüber empfindet man in ländlichen Regionen wie Yorkshire oder
West Midlands. Hier war die Wahlbeteiligung besonders hoch und etwa 71 Prozent stimmten
für den Austritt (Georgi und Steppat 2016). Die Menschen in diesen Regionen haben mit hoher
Arbeitslosigkeit zu kämpfen und begründen ihre Entscheidung unter anderem damit, dass
ihnen die Arbeitsplätze oftmals durch Osteuropäer weggenommen werden (Theurer 2016).
Für die EU-Gegner ist die gestiegene Einwohnerzahl in Großbritannien durch Migration ein
Grund für den Austritt. Seit der Jahrtausendwende stieg diese um rund 6 Millionen auf 65
Millionen Einwohner. Mehr als die Hälfte der Briten sehen die Zuwanderung als das größte
Problem im Land an. Die Schuld daran geben sie der EU und dem Grundsatz der offenen
Grenzen. Neben zahlreichen Immigranten aus Ost- und Südeuropa hat auch die Flüchtlings-
krise der letzten Jahre die EU-Skeptiker bestärkt, für den Brexit zu stimmen (Theurer 2016).
Das Vereinigte Königreich möchte künftig eine eigenständige Kontrolle über die Migrationspo-

7
litik haben und nicht mehr den Gesetzesregelungen des Europäischen Gerichts folgen müs-
sen. Ähnlich wie in der Schweiz, soll eine Obergrenze für die Aufnahme von Ausländern ein-
geführt werden. Was mit den Immigranten, die bereits heute in Großbritannien leben passiert,
ist noch unklar (Fuest 2017: 4).
Ein weiterer Hintergrund für den Brexit sind die Themen Warenhandel und Dienstleistungen.
Die Mitglieder der Europäischen Union genießen derzeit die Vorzüge einer einheitlichen Han-
delspolitik und eines offenen Binnenmarkts. Dadurch kann jeder Mitgliedsstaat den freien Han-
del von Waren nutzen und überall Dienstleistungen anbieten. Dennoch hat die fehlende Un-
abhängigkeit Großbritanniens, eine eigene Handelspolitik zu führen, die Bevölkerung dazu be-
wogen, beim Referendum für einen Austritt zu stimmen. Sie fordern das Recht, individuelle
Vereinbarungen mit anderen Staaten aushandeln zu können und eigenständig zu entscheiden,
wie die Verträge gestaltet werden sollen (Fuest 2017: 4).
2.2 Bevorstehende Auswirkungen des Brexits
Das Ergebnis des Referendums über den Austritt hat deutlich gemacht, dass die Befürworter
nicht allzu intensiv darüber nachgedacht haben, wie ein Abschied aus der EU eigentlich aus-
sehen könnte und wie er zu bewerkstelligen wäre. Erst im Nachgang tauchten Fragen auf, wie
Was ändert sich an der Teilnahme am EU-Binnenmarkt?
Wie sind die politischen Folgen?
Wie gestaltet sich die Freizügigkeit des Arbeitsmarktes?
Betrachtet man alleine das Handelsvolumen, sind die Risiken für Britannien größer als für den
Rest der EU. Derzeit gehen 54,4 Prozent aller britischen Exporte in die EU, während umge-
kehrt die Exporte aus der EU nach UK lediglich 6,6 Prozent ausmachen (Geppert 2017: 127).
Die britische Regierung hat bereits angedroht, ihre Kooperation mit der EU im Bereich Sicher-
heit zu verweigern, sollte es bei den Austrittsverhandlungen keine Einigung über die zukünftige
Wirtschaftspolitik geben. Eine Drohung, die die Europäische Union nicht gut aufgenommen
hat und daher deutlich machte, dass es für ein Land, das die EU verlässt, keine speziellen
Begünstigungen geben wird. Vielmehr würde dies dem Sinn einer europäischen Gemeinschaft
widersprechen, wenn ein Drittstaat die gleichen Rechte und Vorzüge wie ein EU-Mitglied hätte
(Fuest 2017: 5). Ein wichtiger Faktor für die Verhandlungen ist der Interessenkonflikt zwischen
den 27 EU Mitgliedern. Als Beispiel ist Deutschland zu nennen, das ein enormes Interesse

8
daran hat, den freien Handel mit Großbritannien aufrecht zu erhalten, während andere EU
Staaten mehr Wert auf das Thema Migration legen. Ein weiterer Schwerpunkt nach dem Aus-
tritt Großbritanniens wird das Defizit im EU Budget sein. Jedes EU Mitglied zahlt derzeit eine
Art Mitgliedsbeitrag an die europäische Gemeinschaft. Eine mögliche Lösung dafür könnte
sein, dass z.B. Deutschland einen höheren Beitrag in die Union einzahlt, im Gegenzug aber
Vorzüge im Handel mit Britannien genießen darf. Die Wahrscheinlichkeit einer konstruktiven
und einheitlichen Einigung im Rahmen der Vertragsverhandlungen erscheint daher nicht be-
sonders hoch (Fuest 2017: 6). Für die Verhandlungen ergeben sich die unterschiedlichsten
Austrittsmodelle. Eine Übersicht dieser finden sich anbei in der Abbildung 3.
Abbildung 3: Mögliche Brexit Austrittsmodelle (Quelle: Linklaters 2017)
Für Großbritannien und den so wichtigen Finanzdienstleistungssektor könnten die Auswirkun-
gen besonders spürbar werden. Die Länder der europäischen Gemeinschaft verfügen über
einheitliche Regeln und Standardwerke im Dienstleistungsbereich. So lassen sich aufgrund
eines ,,Europäischen Passes"
z.B. Geschäfte im Finanzdienstleistungsbereich problemlos tä-
tigen. Jedes registrierte EU-Land genießt derzeit den Vorzug dieser Erleichterung.
Seit dem
Beitritt Großbritanniens in die EU, hat sich die Wirtschaft in UK basierend auf den vier Säulen
der europäischen Union entwickelt. Diese sind: freier Waren-, Dienstleistungs- und Kapitalver-

9
kehr, sowie die Freizügigkeit der Arbeitskräfte. Die Endscheidung, die europäische Gemein-
schaft zu verlassen, bedeutet, dass eine dieser vier Säulen oder auch alle wegbrechen könn-
ten.
Derzeit besteht über diese Veränderung noch Unklarheit, da die Vertragsverhandlungen
über den Austritt noch laufen (Capuano 2017). Die Zahlen sprechen für sich und kaum jemand
profitiert so stark wie die City of London. Rund ein Drittel des gesamten Banken Großkunden-
geschäfts in der EU wird in Großbritannien abgewickelt. Nahezu 80% aller europäischen
Hedge-Fonds-Vermögen werden in London verwaltet und der Finanzsektor generiert 11,5%
aller Staatseinnahmen (Odendahl 2016). Sollte es zu keiner zeitnahen politischen Einigung
kommen, ist ein
,,
harter Brexit
"
wahrscheinlicher als ein weicher. Das würde bedeuten, dass
das Vereinigte Königreich ab März 2019 die Regeln der Welthandelsorganisation (WTO) über-
nehmen müsste, was enorme Auswirkungen hätte (Fitzsimmons 2017). Theresa May, britische
Premierministerin, fordert daher von der EU eine zweijährige Übergangsphase für ihr Land
nach dem Brexit. In dieser Zeit soll Einigkeit über den künftigen Umgang mit der Verzollung,
der Einwanderungspolitik und den Regelungen des Binnenmarkts erzielt und somit ein
,,
harter
Brexit
"
vermieden werden (Welt 2017).
Besonders im Londoner Finanzdistrikt fehlt es derzeit an Klarheit, welche Bedingungen nun
nach Eintritt des Brexits gelten werden. Viele Top-Manager der Banken sehen bereits jetzt die
Regierung im Zeitverzug, eine solide Übergangslösung schaffen zu können, da es einer
Banklizenz in einem der 27 EU-Länder bedarf, um weiterhin auf europäischem Boden Pro-
dukte und Dienstleistungen anbieten zu können. Darüber hinaus gilt es, entsprechende Büro-
räume anzumieten und sich um die Entsendung von Mitarbeitern zu kümmern. Um diese Vo-
raussetzungen zu schaffen, geht man von einem erforderlichen Zeitansatz von bis zu 18 Mo-
naten aus (Handelsblatt 2017a).
Einige der Banken sehen der Verlagerung ihres Standortes in die Euro-Zone mit Skepsis ent-
gegen und befürchten große Bürokratie. Die Europäische Zentralbank (EZB) will dem entge-
genwirken und britischen Banken eine Erleichterung bei den Lizenzanträgen anbieten. Diese
konkreten Modelle werden derzeit innerhalb der EZB überprüft und sollen in einer Übergangs-
zeit genutzt werden können (Frankfurter Allgemeine 2017a). In Anbetracht der Zeit, haben sich
bereits folgende Banken für eine Standortverlagerung nach Frankfurt entschieden:

10
Abbildung 4: Umzug von Finanzinstituten von London nach Frankfurt
(Quelle: Braunberger et al. 2017: F.A.Z.-
Archiv / F.A.Z.- Grafik Brocker)
Die Entscheidung für Frankfurt am Main begründet der Top-Manager Jim Cowels von der Ci-
tigroup London damit, dass die deutsche Finanzaufsichtsbehörde BaFin äußerst renommiert
ist und zudem das Angebot an qualifizierten Arbeitskräften am Standort sehr hoch ist. Andere
Großbanken sehen die Nähe zur Europäischen Zentralbank als einen Standortvorteil für
Frankfurt (Braunberger et al. 2017).
Laut einer Studie durch die Unternehmensberatung Ernst and Young, haben sich bis Ende
Juni 2017 lediglich 27 Prozent der 222 größten Finanzunternehmen, die signifikantes Geschäft
in London und der EU betreiben, zu Verlagerungen ins Ausland geäußert. Die restlichen Insti-
tute haben noch nicht Stellung zu den Brexit-Auswirkungen auf Personal und Niederlassungen
bezogen. Die britische Finanzaufsichtsbehörde forderte kürzlich Banken, Versicherer und In-
vestmentunternehmen mit grenzüberschreitenden Geschäftsaktivitäten zwischen der EU und
Großbritannien auf, ihre Ausweichpläne einzureichen (Regner 2017).
Unabhängig von dem tatsächlichen Ergebnissen des Brexits sowie den laufenden Verhand-
lungen, hat die Verlagerung der Niederlassungen von Finanzinstituten von London nach
Frankfurt bereits begonnen.

11
2.3 Die historische Entwicklung der Finanzzentren London und Frankfurt am
Main
Allgemein verstehe man unter einem Finanzzentrum eine räumliche Konzentration von Finanz-
marktakteuren. Dieses zeichnet sich durch verschiedene Charakteristika aus. Dazu zählen
z.B. Banken, Börsen, standortspezifische Qualitäten oder finanzbezogene Bildung & For-
schung (Traud 2006: 9). Auf einem Finanzmarkt treffen Angebot und Nachfrage von bzw. nach
Finanzdienstleistungen aufeinander. Der Begriff Finanzmarkt umfasst alle Märkte der Finanz-
branche, z.B. den Geldmarkt, den Kapitalmarkt (Wertpapiermarkt) sowie den Kreditmarkt
(Sittig: 1997: 22). Die Entstehung von Finanzmärkten und daraus resultierender Finanzzentren
hängt eng mit der ökonomischen und politischen Entwicklung einer Region zusammen (Thie-
ßen 1988: 34). Dies wird in den folgenden Kapiteln am Beispiel der Entstehung der Finanz-
zentren London und Frankfurt am Main beschrieben.
2.3.1 London
Bereits in der Römerzeit existierte London als Handelsplatz und entwickelte sich im Laufe der
Geschichte zum wichtigsten Handelszentrum Englands (Bruns 1961: 16). Zu Beginn des 18.
Jahrhunderts expandierte London auch zum englischen Finanzzentrum. Es entstanden viele
regionale Banken (country banks) aber auch Banken innerhalb Londons (city banks), die ihr
Geschäft über den Geldmarkt in Englands Hauptstadt abwickelten (Pohl 1993: 197). Das Kern-
geschäft der Banken war zunächst die Notenausgabe, das Depositengeschäft und auch die
Vergabe von kurzfristigen Krediten. Aufgrund von noch nicht vorhandenen Kommunikations-
systemen, war die Koordination der Geschäfte nur durch lokale Präsenz möglich. Durch das
über Jahre hinweg aufgebaute Spezialwissen über den Handel wuchs London als Banken-
zentrum immer mehr und zog zunehmend auch ausländisches Kapital nach sich (Harrschar-
Ehrnborg 2002: 57).
Neben dem Bankensektor entstand recht früh auch ein Börsenzentrum in London. Die ersten
formlosen Zusammenkünfte von Händlern gab es bereits 1698. Ab dem Jahr 1773 fanden die
Treffen in sogenannten Coffee Houses statt, wo bei Zahlung von 6 pence je Tag die Tür für
Mitglieder und Nichtmitglieder offen stand. Etwa 30 Jahre später eröffnete 1802 die erste offi-
zielle Börse unter dem Namen Stock Exchange und zählte 550 Mitglieder (Morgan und
Thomas 1969: 140).

12
Tabelle 1: Mitglieder an der London Stock Exchange 1802
­
1914 (Quelle: Morgan und Thomas 1969: 140)
Jahr
Anzahl
Erläuterung
1802
550
Eröffnung der Stock Exchange
1850
864
1870
1.471
1877
> 2.000
1900
> 4.000
1905
5.567
1914
4.855
Über die Jahre eröffneten im angelsächsischen Raum weitere Regionalbörsen wie die in Bir-
mingham, Liverpool und Glasgow, die sich meist auf eine bestimmte Art von gelisteten Unter-
nehmen spezialisierten, doch keiner dieser Handelsplätze konnte an die Bedeutung des Bör-
senplatzes London heranreichen (Morgan und Thomas 1969: 142).
Die außerordentlich starke Position Londons lässt sich nach Bruns (1961: 36) auf drei Faktoren
zurückführen:
1. Der weit verbreitete Besitz von Staatsanleihen
2. Die gehandelten Anleihen waren stark internationalisiert
3. Hohe Liquidität am Markt ermöglichte große Transaktionen
Mit dem guten Ruf Englands und den drei genannten Faktoren, wurden die meisten großen
Vermögen zu dieser Zeit in London verwaltet (Bruns 1961: 36).
Die britische Hauptstadt konnte die wirtschaftliche Vormachtstellung und ihre Position als be-
deutendstes Finanzzentrum Europas behalten. Dies führte dazu, dass die Währung Sterling
eine sehr bedeutsame Rolle entwickelte. Mehr als die Hälfte des Welthandels wurde Ende des
19. Jahrhunderts in Pfund finanziert und die City of London war somit ein globales Finanzim-
perium (Harrschar-Ehrnborg 2002: 61).
Bis zum 1. Weltkrieg war London auch weltweit das wichtigste Finanzzentrum, ehe New York
diese Stellung übernahm. Unabhängig davon, entwickelte sich der Finanzplatz London stetig
weiter. Neben der englischen Sprache, die zugleich die führende Wirtschaftssprache ist, stel-
len auch die geographische Lage sowie die Zeitzone (ideal für den amerikanischen und den
asiatischen Raum) einen Vorteil für die Anleger dar. Durch wesentliche Reformen im Jahr 1986

13
schaffte es London, seine Stellung als wichtiger Finanzplatz nochmals zu stärken. Die Refor-
men beinhielten unter anderem die Liberalisierung des Börsenwesens. Die Provisionen konn-
ten anstelle von festen Gebühren frei verhandelt werden, die Trennung von Eigenhändlern und
Maklern wurde aufgehoben und die Einführung des Aktienhandels per Computer wurde ein-
geführt. Der Einsatz moderner Informationstechnologie im Finanzsektor war zu dieser Zeit ein
erheblicher Fortschritt und bedeutete zusammen mit der liberalen Haltung der britischen Re-
gierung einen klaren Standortvorteil. Dies wirkte sich insbesondere positiv auf ausländische
Banken aus, die dadurch bei Standortentscheidung für London stimmten (Moser 1999: 64).
Ein weiterer Vorteil des Finanzplatzes London ist die enorme Liquidität am Börsenplatz, die
die Platzierung großer Volumina erlaubt und somit internationales Interesse vermögender An-
leger weckt (Moser 1999: 66).
London ist weiterhin unbestritten das führende Finanzzentrum in Europa und der Welt. Dies
belegt der aktuelle Index des ,,Global Financial Centres". Der Index erscheint zweimal jährlich
und stellt die wichtigsten Finanzplätz der Welt ihrer Reihenfolge nach dar. Die Bewertung und
Auswertung wird auf Basis hundert unterschiedlicher Kriterien und 29.000 durchgeführter Fra-
gebögen durchgeführt.
Abbildung 5: Global Financial Centres Index September 2017 (Quelle: Longfinance 2017: 4)
Ende der Leseprobe aus 109 Seiten

Details

Titel
Auswirkungen des Brexit auf die Finanzbranche. Standortanalyse und Nutzwertanalyse der Stadt Frankfurt am Main
Hochschule
Donau-Universität Krems - Universität für Weiterbildung
Note
2,5
Autor
Jahr
2017
Seiten
109
Katalognummer
V387658
ISBN (eBook)
9783668618763
ISBN (Buch)
9783668618770
Dateigröße
2478 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Brexit, Standortanalyse, Frankfurt, Finanzbranche, Austritt Großbritannien, London, Britain Exit, Frankfurt am Main
Arbeit zitieren
Nikola Petrovic (Autor), 2017, Auswirkungen des Brexit auf die Finanzbranche. Standortanalyse und Nutzwertanalyse der Stadt Frankfurt am Main, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/387658

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