Entfremdung als selbstgewähltes Motiv bei Immanuel Kant, Jean-Jacques Rousseau und Pico della Mirandola

Philosophisch-psychologische Untersuchung in Form einer Ich-Bilanz


Seminararbeit, 2017
9 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

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"Der Mann der Welt verbirgt sich ganz hinter seiner Maske. Da er fast niemals zu sich
kommt, ist er sich immer fremd, und mißmutig, wenn er dazu gezwungen ist. Was er ist, ist
nichts; Was er scheint, ist ihm alles." (Rousseau, Emil oder über die Erziehung, viertes Buch,
S. 232)
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.
Als junger Mensch profitiere ich davon, daß ich mich mit dem Thema Entfremdung
auseinandersetze. Gerade in der heutigen Gesellschaft, in der sich fast jeder Mensch dem
Ideal verschreibt und allein schon deswegen als ein Schauspieler oder Repräsentant nach Kant
gelten kann, ist es wichtig seinen eigenen Weg zu finden und zu gehen.
An dem Seminar "Zum Zusammenhang von Wahrnehmen und Erkennen von Pico della
Mirandola bis zu Kant's Terminus Fortschritt" ist mir besonders dieses Thema, der
Entfremdung, als wertvoll erschienen um darüber weiter nachzudenken. Obwohl Kant in
seiner 'Anthropologie in pragmatischer Hinsicht'
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Entfremdung als solche keine explizite
Erwähnung schenkt, ist es genau jene, die er mit vielen verschiedenen Ansätzen versucht
einzufangen.
Die Maske in dem oben angeführten Zitat von Rousseau, bedarf, hinsichtlich aus der ihr
entfalteten Entfremdungsthematik, eine genauere Betrachtung. Kant führt Beispiele dazu auf.
Zunächst einmal steht die Maske für die Unehrlichkeit zu sich selbst, sowie zu Anderen.
Woher kommt Unehrlichkeit? Sie kommt von Angst, oft von Scham. Bei Kant ist Scham
"Angst aus der besorgten Verachtung einer gegenwärtigen Person und, als solche, ein Affekt"
(S. 197). Für sich allein betrachtet, seien Affekte jederzeit unklug (S. 195).
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Sie stehen im
scharfen Kontrast zu jedweder Vernunft und bedienen daher eher die Begierden, als den
besonnen Charakter eines Menschen.
Der Zustand des Affekts mache einen Mangel der Überlegung aus, dieses Gefühl mit der
Summe aller Gefühle in seinem Zustande zu vergleichen.
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Ein einzelnes Gefühl wird zu
einem Augenblick für den Lebensinhalt, die eigene Identität, daß muß unklug sein, da
Gefühle schwankend sind. Kant räumt allerdings ein, daß "durch einige Affekte die
Gesundheit von der Natur mechanisch befördert" werde (S. 205) und meint damit das Lachen
und Weinen.
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Die beiden letzteren können sowohl ehrlich mitgeteilt werden, als auch hinter
einer Maske verschleiert werden. Authenzität ist dabei von vornherein eingeschränkt und es

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kann nur eine partielle Ungezwungenheit und Natürlichkeit im Leben generell erzielt werden.
Es liegt nahe, daß die Masken unbewußt zur Bedeckung der Affektiertheit verwendet werden.
Hier muß Kant die Verantwortung und die Pflicht eines Menschen seiner eigenen
Empfindung und Handlungen gegenüber ansprechen, die einem Entfremdeten mit seiner
Maske nicht bewußt sein dürften.
Etymologisch bietet der Bergriff ' Entfremdung' oder auch das 'Abalinieren' den Rückschluß
von 'fremd' auf 'auswärts stammend'.
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Der Entfremdete fühlt sich also, als wenn er von
auswärts stammt, isoliert, wirklichkeitsfremd und generell weltfremd. Umgangssprachlich, im
Zwischenmenschlichen Bereich, spricht von wohl von 'Unnahbarkeit'.
"Der Mensch ist weder sterblich, noch unsterblich erschaffen (S. 9)."
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In diesem Satz erklärt
Pico della Mirandola das ganze Potenzial, das in einem Mensch innewohnt, welches dieser
beliebig ansehen und verwenden kann. Er kann es also wahrnehmen, annehmen und
ausschöpfen oder ignorieren, mit Füßen treten und verkümmern lassen. Letzteres muß bei
dem Entfremdeten der Fall sein, bewußt oder unbewußt.
Er putzt regelmäßig seine Maske neu, verändert aber nie seinen Charakter. Güte, Mitgefühl,
Freundlichkeit, Aufrichtigkeit in Form von Tugenden, werden so kein Teil von ihm, sondern
ein von ihm willkürlich, in abgefilterten Portionen, kurzzeitiges Element seiner dauernd sich
verändernden Maske.
Der Entfremdete kann so nie der vollen Bedeutung von jenem Satz von Pico gewahr werden,
in dem der ganze Fortschritt enthalten ist, die Weiterentwicklung des Menschscheins. Er
nimmt sein eigenes Potenzial nicht wahr. Er bedient sich nicht dem Ausruf der Aufklärung zu
Kant's Zeit: "Sapre Aude". Kant schreibt in seinem Aufsatz 'Was ist Aufklärung' (S. 1)
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, daß
das von ihm als ungemein bedeutungsvoll angesehene 'Selber Denken', nur aus zwei Gründen
vermieden werden kann: Erstens steht dem Mensch seine eigene Bequemlichkeit im Weg -
Geld hält die Menschen in gewisser Weise davon ab selber zu denken. Zweitens muß der
Mensch sich seiner eigenen Angst stellen, die er möglicherweise davor hat, selber zu denken.
Beides sind gesellschaftlich geprägte Denkbilder von langer Tradition. Die Maske muß eine
Flucht in ein gesellschaftliche Überzeugung sein, die allgemein anerkannt wird. Deren
Überlegung, der Mensch an sich sei sterblich, glaubt der einzelne vielleicht und lebt danach;
ein anderer glaubt, Gott habe die Menschen unsterblich erschaffen und lebt danach. Beide

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hinterfragen nicht, ihre eigenen, von der Gesellschaft übernommenen Denkbilder und gelange
so zu keiner Neutralität im Denken, die eine Basis für Fortschritt und ein Weg aus der
Entfremdung bilden.
Pico della Mirandola geht von der Möglichkeit der Freiheit aus:
"Wir sind geboren worden unter der Bedingung, daß wir das sein sollen, was wir sein wollen.
Daher muß unsere Sorge, vornhemlich darauf gerichtet sein, daß man uns jedenfalls nicht das
nachsagen kann, wir hätten, als wir in Ansehen standen, keinen Verstand gezeigt (S. 13)."
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Auch für Kant, muß der Mensch frei sein. Reflektieren im Vorgang des Denkens, ist etwas
was er den Menschen nicht nur zutraut, sondern wozu er sie auch auffordert: "Der Mensch hat
den Instinkt verlassen und noch nicht das Gesetz der Vernunft angenommen. Er verliert die
Freiheit und steht noch nicht unter dem Schutz des Gesetzes. Er liebt bloß sich selbst und soll
doch das allgemeine Beste befördern (S. 351)."
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Freiheit bedeutet für Kant zugleich Freiheit
für das Allgemeinwohl, keine egoistische Freiheit, die weder zum Allgemeinwohl noch zum
Fortschritt beitragen würde.
'Der Mann von Welt', wie Rousseau es formuliert, identifiziert sich mit seinem eigenen
Schein, mit dem was er in der Welt darstellt und für ihn wohl als das 'kleine bisschen Freiheit'
angesehen wird, das ihm 'zugestanden' wurde. Als entfremdeter Mensch, der sich von
außerhalb sieht, nicht in der Gesellschaft oder seine Tätigkeit integriert, weiß er nicht von der
Möglichkeit der Freiheit. Im schlimmsten Fall ignoriert er sie.
Dabei stellt sich die Frage nach dem Motiv der Entfremdung.
Sigmund Freud zufolge, sei Entfremdung notwendig um eine Gesellschaft von Individuen
aufrechzuerhalten. Kultur sei bereits Entfremdung. Anders ausgedrückt, sei Entfremdung, der
Prozeß der Kultivierung der Triebnatur des Menschen.
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Dies muß bedeuten, daß der Mensch an seiner Natürlichkeit zu sich selbst und seinen
Mitmenschen verloren hat. Das Leben der Menschen muß deshalb so unnatürlich und
komplex, in einer entfremdeten Kultur von ihnen eingerichtet worden sein, weil ihre Triebe
anstiegen, sie nicht damit umgehen konnten und hierarchische Strukturen und
gesellschaftliche Verhaltensregeln entwarfen. Der Anstieg der Triebhaftigkeit wurde nicht
hinterfragt oder reflektiert, das von Kant aufgeworfene 'Selber denken' nicht aufgegriffen. So
gerät der Entfremdete in seine 'cul-de-sac'. Er steht in seinem Geist mit dem Rücken zur
Freiheit. Die notwendigste und nach Kant "wichtigste Revolution im Inneren des Menschen
ist, der Ausgang aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit (S. 165)"
2
. Der Entfremdete,

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der mit dem Rücken zur Freiheit steht, muß demnach sich seiner eigenen Mündigkeit bewußt
werden und sich ihr mittels einer Neuorientierung fortdauernd zuwenden.
Kant entsprechend fühlt sich der durchschnittliche Mensch kontinuierlich getrieben. Eine
Leere von Empfindungen entstehe (S. 169)
2
. Genau dies muß den entfremdeten Mensch
ausmachen, der nicht mit sich selbst sein will. Leonardo da Vinci schreibt von der
menschlichen Sehnsucht nach der Auflösung seiner selbst, die der Natur eigen sei.
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Nach
Kant gilt es, dies zu erkennen ["der Mensch ist das Letztziel der Welt"], ohne dabei lediglich
in 'Anticyra' zu landen (S. 45)
2
. Diese Insel stehe als Symbol für das Im-Kreis-Drehen auf der
Körperlichen Ebene. Unklarheit bliebe also bestehen. Wie der Anstieg der Triebhaftigkeit,
wird das sich-getrieben-fühlen nicht hinterfragt.
Es muß eine wahrgenommene Furcht in dem Entfremdeten herrschen, daß er möglichst eilig
sein Leben leben will.
Angst könnte insofern selbstverschuldet sein, als daß sie, ein Indiz dafür ist, daß die
"Prinzipien des Denkens nicht vorangehen wie sie sollen (S. 45)"
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, sondern eine Phantasie
gemacht wurde, die den Entfremdeten davor bewahrt von seiner 'liebgewonnenen' cul-de-sac
abzulassen.
"Du wirst von allen Einschränkungen frei nach deinem eigenem freien Willen, den ich dir
überlassen habe, dir selbst deine Natur bestimmen (S. 9)."
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So schreibt Pico über die Rede
Gottes an den Menschen, die wohl im weiteren auf Gottes Liebe zu den Menschen und die
menschliche Wahrnehmung derselben abzielt. Es geht also darum, daß der Mensch anhand
seines unerschütterlichen freien Willen, die Liebe Gottes zu ihm erkennt und ihm dies mit
eigener Liebe zu Gottes Schöpfungen gebührend dankt.
Tatsächlich sei der Mensch demnach, dazu da, die Schönheit zu lieben. Nach Pico della
Mirandola erfüllt also der entfremdete Mensch, die einzige Aufgabe, die Gott ihm stelle,
nicht. Er kann Gottes vollkommene Schöpfung gar nicht wahrnehmen, die er lieben soll und
wohl auch will, wenn er ein zufriedener Mensch sein möchte. Wie bei Kant, kann er das
allgemein Beste nicht befördern, weil er sich selbst und die Natur nicht als frei, sondern als
gefangen ansehen muß, wenn er mit sich selbst hadert: "Wir sind [...] so unmündig geworden
daß, wenn dieser Zwang auch aufhörete, wir uns doch selbst nicht regieren könnten (S.
354)."
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Wenn ein Mensch einer Aufgabe, die ihn, wenn er sie ausfüllt, zufrieden und glücklich macht,
nicht nachgeht, muß ihn etwas hemmen. Frustration muß ihn überkommen.
Ende der Leseprobe aus 9 Seiten

Details

Titel
Entfremdung als selbstgewähltes Motiv bei Immanuel Kant, Jean-Jacques Rousseau und Pico della Mirandola
Untertitel
Philosophisch-psychologische Untersuchung in Form einer Ich-Bilanz
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München
Note
1,3
Autor
Jahr
2017
Seiten
9
Katalognummer
V387712
ISBN (eBook)
9783668623798
ISBN (Buch)
9783668623804
Dateigröße
414 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Entfremdung, Kant, Pico della Mirandola, Rousseau
Arbeit zitieren
Sarah Jungnitz (Autor), 2017, Entfremdung als selbstgewähltes Motiv bei Immanuel Kant, Jean-Jacques Rousseau und Pico della Mirandola, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/387712

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