Im Rahmen dieses Essays soll der Frage nachgegangen werden, welche Erklärungsansätze für (geschlechtsspezifische) Leistungsunterschiede auftreten, welchen Argumentationslinien sie folgen und was typische Merkmale für Bildungsverlierer sind. Mit Hilfe dieser analytischen Betrachtung soll schließlich der zentralen Frage, ob Jungen die (neuen) Verlierer im Bildungssystem sind, nachgegangen werden.
Nur selten wird von einer Benachteiligung von Jungen oder Männern gesprochen. Sieht man sich im eigenen Umfeld um, so beziehen die Männer meist höhere Löhne als Frauen und befinden sich häufiger in Führungspositionen. Betrachtet man das heutige Bildungssystem, kann längst nicht mehr von einer männlichen Dominanz gesprochen werden. Anhand ausgewählter Texte von Gudrun Quenzel und Klaus Hurrelmann (Bildungsverlierer – Neue Ungleichheiten), Lotte Rose und Ulrike Schmauch (Jungen – die neuen Verlierer?), Klaus Hurrelmann und Tanjev Schultz (Jungen als Bildungsverlierer) sowie Ina Esselmann und Dr. Wido Geis (Bildungsverlierer – Kurzstudie auf Basis des Sozio-oekonomischen Panels und PISA-Daten) möchte ich Erklärungsansätze für (geschlechtsspezifische) Leistungsunterschiede aufzeigen und miteinander vergleichen, um anschließend die aktuellen Bildungsverlierer selbst zu definieren.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Bildungsverlierer – eine Definition
3. Risikogruppen und Bildungsungleichheiten
3.1 Herkunft
3.2 Geschlecht
3.3 Migration
3.4 Schulentfremdung und Schulabbruch
4. Schlussbetrachtung
Zielsetzung & Themen
Ziel dieser Arbeit ist die kritische Untersuchung der Debatte um Jungen als die "neuen Verlierer" im Bildungssystem. Dabei werden verschiedene Erklärungsansätze für Bildungsungleichheiten analysiert, um zu klären, ob Jungen tatsächlich als alleinige Risikogruppe betrachtet werden können oder ob eine intersektionale Betrachtungsweise notwendig ist.
- Analyse von Definitionen und Merkmalen von Bildungsverlierern
- Untersuchung des Einflusses der sozialen Herkunft auf den Bildungserfolg
- Kritische Auseinandersetzung mit geschlechtsspezifischen Leistungsunterschieden
- Analyse von Migrationsfaktoren und Sprachbarrieren
- Diskussion von Schulentfremdung als Ursache für Schulabbrüche
Auszug aus dem Buch
Geschlecht
In der Geschlechterdebatte weisen die Autoren der Bildungsverlierer (Hadjar et al., 2014) auf unterschiedliche Verhaltensweisen von Jungen und Mädchen hin. Sie betiteln das Verhalten der Jungen als non-konform bzw. nicht-angepasst und ihre sozialen Kompetenzen hindern oder beschränken sie im Bereich des Bildungserwerbes. Die Verhaltensweise der Jungen spiegelt sich sogar in der Stärke der Sanktionierungen der Lehrer wider. Jungen sind schlichtweg fauler und Mädchen fleißiger. Während sich Mädchen auf Pflichtfelder (wie z.B. Hausaufgaben) konzentrieren, interessieren sich Jungs mehr für die eigene Freizeitgestaltung. Eine große Rolle spielt dabei die Mediennutzung (wie z.B. Fernsehen, Computerspiele, Internet, etc.). Motivationen werden unterschiedlich zielgerichtet.
Lotte Rose (2005) zieht der Geschlechterdebatte eine andere und umfassendere Sichtweise vor. Aus dem feministischen Diskurs zu den Geschlechterungleichheiten wurde zu lange ein einseitiges Problem gemacht, indem die Rollenverteilung der männlichen Dominanz und den gar servilen Frauen zu einem festen Standpunkt der Gesellschaft wurde. Aufgrund dieser Gedankengrundlage wird die These über männliche Bildungsverlierer in der voreingenommen männlichen Domäne übermäßig besorgt betrachtet. Die Autorin geht noch einen Schritt weiter und kritisiert den Erklärungsansatz der Verhaltensweisen von Jungen (von z.B. Hadjar et al., 2010). Die Kompetenzen und Leistungen der Mädchen, die eindeutig nicht von den Jungen abhängig sind, werden nicht gewürdigt oder gar erwähnt, obwohl dies ein Fortschritt in der Bildung ist. Die Leistungen werden lediglich durch Konformität, Angepasstheit und Bravheit legitimiert. Rose verkennt nicht, dass die Leistungen der Jungen schlechter ausfallen, als die der Mädchen. Sie bewertet die einseitige Problematik, Jungen als einzige Benachteiligte zu sehen, für falsch. Bildung und Förderung muss im Konsens und Einklang beider Geschlechter geschehen, wenn es das Ziel sein soll, beide Geschlechter zu fördern und keine Wechselwirkungen von Benachteiligung und Bevorzugung hervorzurufen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die Fragestellung ein, ob Jungen die neuen Verlierer im Bildungssystem sind, und skizziert den theoretischen Rahmen sowie die methodische Vorgehensweise.
2. Bildungsverlierer – eine Definition: Dieses Kapitel definiert den Begriff Bildungsverlierer als zu niedrig qualifizierte Personen und betont die Notwendigkeit einer Abgrenzung hinsichtlich Milieu, Geschlecht und Erwerbsbiografie.
3. Risikogruppen und Bildungsungleichheiten: Das Kapitel analysiert verschiedene Risikofaktoren für Bildungsungleichheiten, wobei Herkunft, Geschlecht, Migration sowie Schulentfremdung als zentrale Einflussfaktoren untersucht werden.
4. Schlussbetrachtung: Die Schlussbetrachtung fasst die Ergebnisse zusammen und fordert eine intersektionale Sichtweise, die über ein defizitorientiertes Bild von Jungen hinausgeht, um alle Risikogruppen gerecht zu fördern.
Schlüsselwörter
Bildungsverlierer, Bildungsungleichheit, Jungen, Mädchen, soziale Herkunft, Bildungsstand, Motivation, Schulentfremdung, Schulabbruch, Migration, Sprachbarrieren, Qualifizierung, Arbeitsmarkt, Intersektionalität, Geschlechterdebatte
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die aktuelle bildungspolitische Debatte über Jungen als Bildungsverlierer und hinterfragt, ob diese Sichtweise einseitig ist oder durch weitere Faktoren ergänzt werden muss.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Zentrale Themen sind die Definition von Bildungsverlierern, der Einfluss der sozialen Herkunft, geschlechtsspezifische Unterschiede im Schulverhalten sowie die Rolle von Migration und Schulentfremdung.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, mittels einer analytischen Betrachtung zu klären, ob Jungen die "neuen Verlierer" im Bildungssystem sind, und dabei Erklärungsansätze für Leistungsunterschiede zu vergleichen.
Welche wissenschaftliche Methode wird in dieser Arbeit verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer theoretischen Auseinandersetzung und einem Vergleich ausgewählter Fachliteratur, Studien und empirischer Daten, um eine fundierte Argumentation zu entwickeln.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden verschiedene Risikogruppen (Herkunft, Geschlecht, Migration) analysiert und die Problematik von Schulentfremdung und Schulabbruch erörtert.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Bildungsverlierer, soziale Herkunft, Geschlechterdebatte, Migration, Schulentfremdung und Bildungsungleichheit charakterisiert.
Wie bewertet die Autorin Lotte Rose die Geschlechterdebatte?
Lotte Rose kritisiert die einseitige Fokussierung auf Jungen als Bildungsverlierer und fordert eine umfassendere Betrachtung, die auch die Leistungen der Mädchen und die allgemeine Arbeitsmarktsituation miteinbezieht.
Welche Rolle spielt die soziale Herkunft für den Bildungserfolg laut der Arbeit?
Die soziale Herkunft beeinflusst maßgeblich Motivation, Disziplin und das häusliche Lernumfeld; ein niedriger Bildungsstand der Eltern korreliert dabei häufig mit geringerem Bildungserfolg der Kinder.
Wie beeinflussen Sprachbarrieren den Bildungserfolg von Migrantenkindern?
Sprachbarrieren führen zu geringeren Lesekompetenzen und erschweren die Umsetzung vorhandenen Wissens, was oft eine Benachteiligung im Vergleich zu einheimischen Schülern zur Folge hat.
Was ist das Fazit zur Frage nach den "neuen Verlierern"?
Die Arbeit kommt zu dem Schluss, dass Jungen zwar Teil der Bildungsverlierer sind, aber eine bloße Fokussierung auf dieses Geschlecht einseitig und defizitorientiert ist; notwendig ist eine intersektionale Förderung aller betroffenen Personengruppen.
- Quote paper
- Dennis Neutsch (Author), 2017, Sind Jungen die (neuen) Verlierer im Bildungssystem? Bildung und soziale Ungleichheit, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/387741