Die Konstruktion von Welten in Stephen Frys "Making History"


Hausarbeit, 1999

28 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

0. Einleitung

1. Frys Konzept des Begriffs „Geschichte“

2. Erzähltechnik und stilistische Elemente

3. Cambrigde und Princeton – Fiktionale Welt vs. mögliche Welt
3.1 Die verschiedenen Handlungen
3.1.1 Die Handlungsstränge des Buches Eins
3.1.2. Die Handlungsstränge des Buches Zwei
3.1.3 Der Epilog
3.1.4 Die Verbindung der einzelnen Handlungsstränge
3.2 Das Konzept der fiktionalen und der möglichen Welt in Making History

4. Frys Methoden der Weltkonstruktion

5. Michael Young und das Problem der trans-world identity

6. Parallele Entitäten
6.1 Trans-world identities
6.2 Hitler und Gloder

7. Schluß

8. Literaturverzeichnis

„[...] it is my job to tell you the true story of what never

happened. Perhaps that’s a definition of fiction.“

Stephen Fry. Making History. S. 8.

0. Einleitung

Der Gegenstand dieser Arbeit soll der Roman Making History von Stephen Fry sein. Ich möchte versuchen, den Text vor dem Hintergrund der literaturtheoretischen Konzepte der fiktionalen und möglichen Welten zu untersuchen, d.h. es soll dargestellt werden, auf welche Weise Fry bei der Konstruktion der Welten in seinem Roman auf theoretische Überlegungen zurückgreift.

ie Voraussetzung für Frys Roman, in dem der realen, d.h. der im fiktionalen Rahmen realen Welt eine parallele alternative Welt gegenübergestellt wird, ist, daß das traditionelle Verständnis von „Geschichte“ erweitert wird. Daher soll im 1. Kapitel ein Vergleich des herkömmlichen Konzepts des Geschichtsbegriffs mit dem, was in Making History unter „Geschichte“ verstanden wird, unternommen werden. Daran anschließend soll eine Analyse der vom Autor verwendeten Erzähltechnik und Stilmittel zeigen, auf welche Weise der Roman Welten nebeneinander stellt und gleichzeitig die Existenz dieser Welten in Frage gestellt wird. Das Kapitel 3 wird sich mit dem Konzept der fiktionalen und möglichen Welten befassen. Hierbei scheint es mir sinnvoll, für die einzelnen Kapitel des Romans eine zeitliche und geographische Strukturierung vorzunehmen, um sie so den Handlungssträngen, die die Welten des Romans konstituieren, zuzuordnen. In Kapitel 4 soll eine Gegenüberstellung der parallelen Welten zeigen, wie der Autor seine Romanwelten konstruiert. Kapitel 5 und 6 werden sich mit den Figuren des Romans beschäftigen, wobei der Schwerpunkt auf dem Protagonisten Michael Young liegen wird, der als einzige der Romanfiguren die Möglichkeit hat, die Grenze zwischen den Welten zu überschreiten und sich bewußt zu machen, daß überhaupt mehrere Welten parallel existieren. Die anderen Figuren besitzen in dem Paralleluniversum jeweils eine Entsprechung, einen counterpart, so daß sie zwar in beiden Welten vorkommen, aber die parallele Existenz der Welten nicht realisieren können. Nicht zuletzt aufgrund des begrenzten Rahmen dieser Arbeit muß auf die genauere Analyse der Nebenfiguren verzichtet werden. Stattdessen soll durch die Untersuchung der Beziehung zwischen den Figuren Hitler und Gloder, die zwar keine counterparts im herkömmliche Sinn sind, aber in den zwei Welten parallele Funktionen erfüllen, die Frage nach der moralischen Aussage des Romans gestellt werden.

Abschließend sei darauf hingewiesen, daß es zum gegenwärtigen Zeitpunkt so gut wie keine Sekundärliteratur zu Making History gibt, da der Roman erst 1996 erschien. Aus diesem Grund habe ich bei der Analyse hauptsächlich mit literaturtheoretischen Texten gearbeitet, die zum Teil die theoretischen Konzepte exemplarisch an einzelnen Romanen veranschaulichen. Vieles davon ist meiner Meinung nach auch auf Frys Roman anwendbar, so daß ich bei der Analyse versucht habe, die literaturtheoretischen Konzepte auf Frys Roman anzuwenden.

1. Frys Konzept des Begriffs „Geschichte“

Schlägt man in einem Lexikon unter dem Stichwort „Geschichte“ nach, so findet man dort für den Begriff „Historie“ die Definition „das in der Vergangenheit Gewesene und Geschehene“.[1] Geschichte bezeichnet also etwas zeitlich abgeschlossenes, vollendetes, das nicht mittels eines zeitlichen Rückgriffs aus der Gegenwart in die Vergangenheit nachträglich verändert werden kann. Geschichte ist daher „unwiederholbar“.[2]

Dies ist die traditionelle Auffassung des Geschichtsbegriffs. Im Falle von Making History greift diese Definition nicht mehr. In Frys Roman wird die Geschichte, genauer gesagt die geschichtlichen Abläufe seit dem 1. Juni 1888 sehr wohl verändert. In diesem Punkt nähert sich Fry dem Diskurs der Postmoderne über das Verhältnis von Geschichtsschreibung und Realität an. Der Postmodernismus stellt die Frage, inwieweit Geschichtsschreibung als Fiktion anzusehen ist. Linda Hutcheon definiert den Einfluß der Postmoderne auf den Geschichtsbegriff folgendermaßen:

History is not made obsolete: it is, however, being rethought - as a human construct. And in arguing that history does not exist except as text, it does not stupidly and „gleefully“ deny that the past existed, but only that its accessibility to us now is entirely conditioned by textuality.[3]

Der Autor konstruiert hier nicht nur seine Version der „wirklichen“ Geschichte, indem er seinen Protagonisten Michael Young Erlebnisse aus Hitlers Kinder- und Jugendjahren in seiner Dissertation erzählen läßt, sondern konstruiert auch in einem weiteren Schritt eine neue Geschichte. Durch die Transferierung der Sterilisationspillen mit Hilfe der Temporal Imaging Machine bzw. Temporal Interface Machine T.I.M. aus der realen Welt, d.h. der Welt, in der die Geburt von Hitler stattfand, in die Vergangenheit (nach dem Braunau des 1. Juni 1888) entsteht eine zweite, veränderte Welt und gleichzeitig eine veränderte Vergangenheit. Geschichte wird hier, wie der Titel des Romans schon andeutet, im wahrsten Sinne des Wortes „gemacht“. Der Geschichtsbegriff in Making History bricht mit Hilfe des Konzepts der möglichen Welten, auf das in den folgenden Kapiteln noch einzugehen ist, aus der traditionellen Definition von Geschichte aus.

Der Begriff Geschichte bezeichnet jedoch nicht nur Ereignisse der Vergangenheit, sondern auch die Auseinandersetzung damit in Form von „Erforschung und Darstellung“.[4] Auf diese Weise entsteht eine Verknüpfung von Objekt und Subjekt, von Betrachtetem und Betrachter.[5] Ausgehend von dieser Definition wäre es die Aufgabe des Geschichts-Doktoranden Michael Young, sich mit Hitlers früher Biographie auseinanderzusetzen, was er auch in Form seiner Doktorarbeit tut. Er überschreitet jedoch die Grenze, die sich aus diesem Geschichtsbegriff ergibt ( vergangenes Geschehen zu erforschen) und verändert selbst die historischen Ereignisse und „macht“ Geschichte. Im traditionellen Verständnis steht dem Historiker/Subjekt/Betrachter das vergangene Geschehen/Objekt/Betrachtete gegenüber. Zwischen beidem existiert eine passive Beziehung. Der Historiker ist nicht Teil des von ihm analysierten Objekts. Er kann keinen Einfluß auf den Gegenstand seiner Analyse ausüben, sondern muß sich auf die Untersuchung beschränken.

Die Beziehung des Historikers in Making History folgt einem anderen Schema. Der Historiker bewirkt mittels aktiver Einflußnahme auf vergangenes Geschehen eine Veränderung der Vergangenheit. Die Folge davon sind sowohl alternative historische Ereignisse, als auch eine alternative Welt der Gegenwart. In diesem Schema ist der Historiker als Subjekt stärker mit dem Objekt (Geschichte) verknüpft als in der traditionellen Definition, da er selbst ein Teil der alternativen Welt wird. Die Aussage, daß „Vergangenheit nicht als unabhängig vom Historiker vorgestellt werden kann, sondern erst durch ihn existiert, durch seine Erkenntnisleistung wirklich wird“[6] erhält so eine neue Dimension. Die alternative Welt Princetons, als deren Teil Michael Young nach dem Experiment erwacht, verdankt ihre Existenz nicht seiner Auseinandersetzung mit ihr, da sie in der realen Welt Cambridges nicht existierte und somit gar nicht Gegenstand einer Untersuchung sein konnte, sondern entsteht erst durch die Anwendung der Maschine T.I.M.

2. Erzähltechnik und stilistische Elemente

Wie schon bereits erwähnt, möchte ich versuchen, Stephen Frys Roman vor dem Hintergrund der Theorie der möglichen Welten zu untersuchen. Das Konzept der possible worlds ist eng verknüpft mit den Theorien der Postmoderne. Auch wenn Making History nicht unbedingt als postmoderner Roman zu bezeichnen ist, so beinhaltet er doch tendenziell Elemente, die charakteristisch für postmoderne Literatur sind. Brian McHale faßt die Grundthemen, mit denen sich die Literatur der Postmoderne beschäftigt, so zusammen:

What is a world?; What kinds of world are there, how are they constituted, and how do they differ?; What happens when different kinds of world are placed in confrontation, or when boundaries between world are violated?[7]

Mit genau diesen Fragen beschäftigt sich auch Frys Roman. Zum einen stellt er der realen Welt (die jedoch nur als ein zeitlich und geographisch beschränkter Ausschnitt dargestellt werden kann, nämlich die Stadt Cambridge im Mai und Juni des Jahres 1996) die alternative, parallele Welt (repräsentiert durch Princeton im Juni 1996) gegenüber. Der Hauptunterschied zwischen beiden Welten liegt darin, daß in der ersten Welt die Geburt Hitlers stattgefunden hat, während sie in der zweiten Welt verhindert wurde. Aus dieser Existenz bzw. Nicht-Existenz eines Ereignisses ergeben sich die politischen und kulturellen Unterschiede der beiden Welten. Die Konfrontation der Weltsystme bzw. die Verletzung der Grenzen zwischen den Welten wird durch die Figur des Michael Young symbolisiert. Der Protagonist besitzt zwar in der Welt Princetons eine Entsprechung , einen counterpart, doch nach der erfolgreichen Anwendung der Machine T.I.M. wacht der Michael Young der Welt Cambrigdes in der für ihn „falschen“ Welt Princetons auf. Auf die sich daraus ergebenden Probleme soll in Kapitel 5 näher eingegangen werden. Nachdem ich versucht habe, die grundsätzlichen Parallelen zwischen den Grundprinzipien der postmodernen Literatur und dem Hauptmotiv der Gegenüberstellung von Welten in Making History zu veranschaulichen, möchte ich nun versuchen, einzelne Elemente des Romans mit Charakteristika postmoderner Literatur in Beziehung zu setzen.

Ein wichtiges Merkmal postmoderner Literatur ist die Ablehnung einer allgemeingültigen Form von Kultur bzw. Text. Jean-François Lyotard spricht davon, daß sich die Postmoderne als ‘incredulity toward metanarratives’[8] definieren lasse. Wie schon im vorangegangenen Kapitel gezeigt wurde, schließt dies eine kritische Haltung gegenüber einer festgeschriebenen Version von Geschichte mit ein. Insofern ist es berechtigt, zu sagen, daß in Making History mit dem postmodernen Element der Infragestellung von Geschichte gearbeitet wird. In Frys Roman gibt es nicht nur eine Version der geschichtlichen Ereignisse, sondern zwei: die Vergangenheit und Gegenwart des Buches Eins, das die realen Ereignisse und Gegebenheiten thematisiert und die Vergangenheit und Gegenwart des Buches Zwei, die in einem Paralleluniversum angesiedelt sind. Doch auch die scheinbare Gewißheit, daß ein Eingriff in die Geschichte zu einem bestimmten Zeitpunkt und an einem bestimmten Ort nur eine einzige Alternative zu der dem Leser vertrauten Version der Welt hervorbringt, erweist sich als trügerisch. Die Welt des Buches Zwei, die dem Leser vor Augen geführt wird, ist nur eine von einer unendlichen Anzahl von weiteren Alternativen.

But in theory this could happen all the time, you know? Maybe it’s happened many times before. We’d never know it. Maybe there’s a thousand twentieth centuries. A million. All with different outcomes. You generated one of your own and you’re stuck in it.[9]

Eng verbunden mit der Frage nach der Gültigkeit von Geschichte ist die Frage nach dem Wahrheitsanspruch von Fiktion. Während traditionelle Fiktion in dem Leser die Bereitschaft voraussetzt, daß Geschilderte als wahr zu betrachten, ist sich postmoderne Literatur der eigenen Fiktionalität bewußt. In Frys Roman wird gleich zu Beginn des Textes eine Distanz des Lesers zu dem ihm Präsentierten geschaffen, indem der Ich-Erzähler Michael Young die Handlung folgendermaßen charakterisiert:

A: None of what follows ever happened

B: All of what follows is entirely true[10]

Diese scheinbar widersprüchlichen Aussagen gewinnen an Sinn durch den Zusatz: „It means that it is my job to tell you the true story of what never happened. Perhaps that’s a definition of fiction.“[11] Der Erzähler erinnert den Leser, daß es sich bei der Handlung um Fiktion, also um Erfundenes handelt. Doch innerhalb des fiktiven Rahmens sind alle Ereignisse wahr.

[...]


[1] Das große Lexikon der Geschichte. Band 1. München: Wilhelm Heyne, 1976. S. 325.

[2] Ebd.

[3] Linda Hutcheon. A Poetics of Postmodernism. History, Theory, Fiction. London: Routledge, 1988. S. 16.

[4] Meyers kleines Lexikon Geschichte. Hrsg. von Meyers Lexikonredaktion. Mit einer Einl. von Golo Mann. Mannheim: Meyers Lexikonverlag, 1987. S. 171.

[5] Vgl. ebd.

[6] Ebd.

[7] Brian McHale, zit. in: Steven Connor. Postmodernist Culture. An Introduction to Theories of the Contemporary. Oxford: Basil Blackwell, 1989. S. 125.

[8] Jean-François Lyotard, zit. in: Brian McHale. Constructing Postmodernism. London: Routledge, 1992. S. 19.

[9] Stephen Fry. Making History. London: Arrow, 1997 S. 367-368.

[10] Ebd., S. 8.

[11] Ebd.

Ende der Leseprobe aus 28 Seiten

Details

Titel
Die Konstruktion von Welten in Stephen Frys "Making History"
Hochschule
Universität Bielefeld  (Fakultät für Linguistik und Literaturwissenschaft)
Veranstaltung
Literaturtheorie: Die Konstruktion fiktionaler Weltsysteme
Note
1,0
Autor
Jahr
1999
Seiten
28
Katalognummer
V38797
ISBN (eBook)
9783638377621
ISBN (Buch)
9783638705738
Dateigröße
561 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Konstruktion, Welten, Stephen, Frys, Making, History, Literaturtheorie, Weltsysteme
Arbeit zitieren
M.A. Anke Grundmann (Autor), 1999, Die Konstruktion von Welten in Stephen Frys "Making History", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/38797

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