Ökonomische Effekte von Mindestlöhnen. Theorie und Evidenz


Bachelorarbeit, 2017

41 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

1. Einleitung

2. Theoretische Grundlagen
2.1 Standardmodell-kompetitiver Arbeitsmarkt
2.2 Monopson-Modell
2.3 Keynesianismus
2.4 Effizienzlohn-Theorie
2.5 Such- und Matching Theorie

3. Empirische Evidenz : Mindestlohn und Beschäftigungseffekt
3.1 Neumark und Wascher - Minimum Wages, Labor Market Institutions, and Youth Employment: A Cross — National Analysis
3.2 Card und Krueger-Minimum Wages and Employment: A Case Study of the Fast­ Food Industry in New Jersey and Pennsylvania vs. Dube et дХ.-Minimum Wage Effects Across State Borders: Estimates Using Contiguous Counties
3.3 Mindestlöhne in Deutschland
3.4 Erklärungsansätze fur unterschiedliche Beschäftigungswirkungen

4. Fazit

Literaturverzeichnis

Anhang

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Neoklassisches Modell 4

Tabellen verzeich n is

Tabelle 1: Ergebnisse der Regressionsanalysen

Tabelle 2: Mindestlohneffekte unter der Berücksichtigung institutioneller Faktoren

1. Einleitung

„ Der Mensch ist darauf angewiesen, von seiner Arbeit zu leben, und sein Lohn muss mindestens so hoch sein, dass er davon existieren kann. “ (Adam Smith 1766, zitiert nach der deutschen Ausgabe von 1999, p.59)

Ungarn hat ihn, Belgien auch, in Frankreich und Luxemburg ist er europaweit mit 9,76 € und 11,27 € mit am höchsten. In England wurde er 1999 eingeführt, während er in den Vereinigten Staaten bereits seit 1938 existiert (WSI-Mindestlohndatenbank, 2017). Deutschland allerdings hatte viele Jahre keinen. Dies änderte sich jedoch mit dem am 27. November 2013 Unterzeichneten Koalitionsvertrag zwischen CDU, CSU und SPD und der Einführung eines flächendeckenden gesetzlichen Mindestlohns von 8,50 €, der mittlerweile seit 2017 bei 8,84 € liegt. Die Einführung des Mindestlohns ist eine der größten arbeitsmarkt- und sozialpolitischen Reformen in der Geschichte Deutschlands. Etwa 3,7 Millionen Arbeitskräfte im Niedriglohnsektor profitieren genau von dieser wichtigen politischen Maßnahme (Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS, 2015, p.l).

Kaum eine andere wirtschaftspolitische Maßnahme wird unter den Ökonomen und Politikern so kontrovers diskutiert wie die Ernennung eines Mindestlohn. Die Positionen reichen dabei von einer vehement, strikten Ablehnung einer staatlichen Einflussnahme bis hin zur expliziten Zustimmung eines derartigen ökonomisch-politischen Experiments. Das wirtschaftspolitische Instrument ist eine Lohnuntergrenze. Der Beschäftigte hat einen gesetzlichen Anspruch darauf, dass sein Lohn diese Grenze nicht unterschreitet. Der Zweck eines Mindestlohns ist demnach, Arbeitnehmer vor unangemessen niedrigen Löhnen zu schützen, die steigende Lohnungleichheit zwischen qualifizierten und nicht qualifizierten Arbeitnehmer zu reduzieren und zu guter Letzt, das Phänomen „working poor - arm trotz Arbeit“ zu vermeiden (Brown, 1999). Der Mindestlohn kann flächendeckend, auf regionaler Ebene oder branchenspezifisch eingeführt werden. Zusätzlich gibt es von Land zu Land unterschiedliche Sonderregelungen für Jugendliche, Auszubildende, Qualifizierte, Behinderte oder bestimmte Berufsgruppen.

Doch warum wurde die Einführung eines flächendeckenden Mindestlohns in Deutschland so lange hinausgezögert? Hintergrund sind die Befürchtungen vieler Ökonomen, dass durch die Lohnuntergrenze viele Arbeitsplätze verloren gehen, da Unternehmen durch die gestiegenen Arbeitskosten Beschäftigungen streichen müssen oder diese outsourcen (Schuster, 2013). Unterstützt wird diese Haltung durch die neoklassische Arbeitsmarkttheorie. Dem entgegen steht der Unmut vieler Arbeitnehmer über Löhne, die nicht ausreichen, um die eigenen Lebenserhaltungskosten zu decken. Hieraus wird deutlich, dass die Einführung eines Mindestlohns mit erheblichen ökonomischen Folgen verbunden ist. In der Literatur wird häufig der Einfluss des Mindestlohns auf den Grad der Beschäftigung, auf die Ungleichheit der Einkommensverteilung, auf Preisveränderungen, auf die Veränderungen der Wettbewerbssituation und auf sonstige Lohneffekte analysiert. Die zentrale Fragestellung dieser Arbeit wird es sein, die Auswirkungen eines Mindestlohns auf die Beschäftigung in unterschiedlichen Industrieländern zu analysieren.

Das eigentliche Ziel des Mindestlohns ist es allerdings, die Verdienste der schlecht bezahlten Arbeitskräfte im Arbeitsmarkt umzuverteilen (Freeman, 1996, p.l)

Die Forschung liefert hinsichtlich der Ergebnisse der VerteilungsWirkung von Mindestlöhnen recht deutliche Erkenntnisse. Alle Studien bestätigen, dass ein positiver Effekt auf die Stundenlöhne der betroffenen Arbeitnehmer unumstritten ist. Dies fuhrt zu einer Stauchung im unteren Bereich der Lohnverteilung und einer Verminderung der Lohnspreizung im Arbeitsmarkt (Brenke and Müller, 2013). Der Effekt könnte nur dann abgeschwächt werden, wenn es zu „Spill-Over“ Effekten kommt und die Löhne der nicht betroffenen Arbeitnehmer auch steigen, um den Abstand zu weniger produktiven Arbeitnehmern zu wahren. Mindestlohnforscher machen allerdings deutlich, dass die Lohnuntergrenze keinesfalls ein geeignetes Umverteilungsinstrument zur Vermeidung von Einkommensungleichheit oder Haushaltsarmut darstellt. Studien dieser Art sind zum einen Addison and Blackburn (1999), als auch Johnson and Browning (1983). Die Problematik dessen ist, dass der Mindestlohn am Individualeinkommen und nicht am Haushaltseinkommen anknüpft (Gregg, 2000, p.l35). Die verteilungs- und sozialpolitische Bewertung des Mindestlohns hängt somit von der Zusammensetzung der Haushalte ab sowie vom Steuer - und Transfersystem. In der Regel sind Niedriglohnbezieher nicht unbedingt am unteren Ende der Einkommensverteilung konzentriert. Und so sind sie oft nicht die einzige Einkommensquelle in einem Haushalt, was bedeutet, dass Minijobs und niedrige Löhne häufig mit höheren Löhnen kombiniert werden (Heumer et al., 2013). Auch hat der Mindestlohn eher eine geringe Wirkung auf die Armutsquote einer Gesellschaft, da viele arme Haushalte ohne Erwerbsarbeit sind und demnach keinen Verdienst aus einer Beschäftigung beziehen (Gutachten des SVR 2013/14). Zusammenfassend lässt sich somit sagen, dass der Mindestlohn durchaus einen positiven Effekt auf die Löhne der betroffenen Arbeitskräfte hat, aber als verteilungspolitisches Instrument hinsichtlich der Eliminierung von Einkommensungleichheiten und Armut ineffizient wirkt. Lassen sich bezüglich des Beschäftigungseffektes auch so eindeutige Ergebnisse finden?

Die Arbeit gliedert sich in zwei Teile. Im folgenden Abschnitt wird die theoretische Auswirkung von Mindestlöhnen auf Beschäftigung und Arbeitslosigkeit untersucht. Dabei werden mit Hilfe von fünf unterschiedlichen Arbeitsmarktmodellen, wie der neoklassischen - und keynesianischer Sichtweise, dem Monopson Modell, der Effizienz- und Such- und Matching Theorie, die Beschäftigungseffekte für die betroffenen Niedriglohnarbeiter analysiert. Da es sich hierbei ausschließlich um eine theoretische Betrachtungen handelt, wird in Kapitel 3 eine Auswahl der wichtigsten empirischen Studien zur Beschäftigungswirkung von Mindestlöhnen dargestellt. Hierdurch soll ein besserer Überblick über die reale Wirkung eines Mindestlohns gegeben werden. Anschließend wird im Fazit unter Berücksichtigung der wissenschaftlichen Ergebnisse diskutiert, ob die Einführung eines Mindestlohns nun eine Bereicherung oder vielmehr eine Gefahr für den Arbeitsmarkt darstellt.

2. Theoretische Grundlagen

Im nachfolgenden Teil der Forschungsarbeit erfolgt die theoretische Analyse. Die Effekte eines Mindestlohns hängen sehr stark von den jeweiligen Charakteristika der Märkte ab. Aufgrund dessen werden unterschiedliche Arbeitsmarktmodelle präsentiert, die sich in ihren Konzepten grundlegend unterscheiden. Anschließend kann dann die Wirkung des Mindestlohns auf die Beschäftigung, die Arbeitslosigkeit und die Lohnhöhe analysiert werden.

2.1 Standardmodell - kompetitiver Arbeitsmarkt

Gemäß dem neoklassischen Modells befinden wir uns in einem Markt, in dem vollkommener Wettbewerb herrscht. Dies bedeutet, dass sowohl Arbeitgeber als auch Arbeitnehmer lediglich Preisnehmer sind und somit nicht genügend Marktmacht besitzen, die Preise nach ihren Präferenzen determinieren zu können (Cahuc and Zylberberg, 2004, p.514). Die verfügbaren Arbeitnehmer auf dem Markt entsprechen dem Angebot und die unbesetzten Arbeitsstellen der Nachfrage. Arbeitnehmer entscheiden ihren Arbeitseinsatz hinsichtlich ihrer Freizeit- und Konsumpräferenz. Um das Modell zu vereinfachen, wird angenommen, dass die maximale Zeit, die eine Arbeitskraft zur Verfügung hat (24 Stunden), ausschließlich in Freizeit oder Arbeit investiert wird. Demnach kann das erwirtschaftete Einkommen nur für Freizeit oder Konsum ausgegeben werden (Henneberger and Haug, 2010, p.184). Das neoklassische Modell ist zweidimensional, wobei die x-Achse die Arbeitsmenge in Stunden beschreibt und die y-Achse den Lohnsatz in Euro je Stunde festsetzt (Abbildung 1). Das Modell ist gekennzeichnet durch zwei gegensätzlich wirkende Kurven in Abhängigkeit des Lohns w.

Abbildung 1: Neoklassisches Modell yy

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(In Anlehnung an Hagen, 2008, p.90)

Die Angebotsfunktion der Haushalte kann durch eine ansteigende Gerade Ls beschrieben werden. Mit steigendem Lohnsatz w, steigt das Arbeitsangebot der Haushalte des Arbeitsmarktes. Dementsprechend ist die Steigung (SLs/5w>0) der Arbeitsangebotsfunktion positiv. Bei den Firmen auf dem Arbeitsmarkt ist es umgekehrt: diese gelten als Nachfrager nach Arbeit und werden folglich durch eine sinkende Arbeitsnachfragegerade L° beschrieben (Cahuc and Zylberberg, 2004, p.515). Mit steigenden Lohnzahlungen erhöhen sich die Kosten der Firmen. Das Ergebnis ist, dass die nachgefragte Menge an Arbeitskräften sinkt. Daher kennzeichnet sich die Arbeitsnachfragegerade durch eine negative Steigung (öLD/5w < 0). Im freien Markt ohne Mindestlohn stellt der Schnittpunkt der Geraden Ls und LD den Gleichgewichtszustand dar, mit dem Gleichgewichtslohn und der Gleichgewichtsbeschäftigung. Die klassisch definierte Arbeitslosigkeit im Gleichgewichtspunkt ist danach gleich Null. Wie verändert sich nun das Modell durch eines über dem Gleichgewichtslohns liegenden Mindestlohns? Dadurch, dass die Lohnuntergrenze nun über dem Gleichgewichtspunkt liegt, sinkt die unternehmerische Nachfrage nach Arbeitskräften, während das Arbeitsangebot ansteigt (Hagen, 2008, p.89) .Es kommt zu einem Arbeitsangebotsüberschuss auf Seiten der Haushalte. Da nicht mehr konsumiert werden kann, als nachgefragt wird, bestimmen die Unternehmen die Beschäftigungsmenge am Arbeitsmarkt. Die Folge ist, dass das Beschäftigungsniveau (LM) im Vergleich zur Gleichgewichtssituation sinkt. Es kommt zu unfreiwilliger Arbeitslosigkeit mit uneindeutigen Wohlfahrtseffekten für die Gesellschaft. Die Rente im Untemehmenssektor sinkt, da sich die Kosten für Arbeit erhöht haben und den Umsatz schmälern. Jedoch ist die Auswirkung auf die Rente der Arbeitnehmer nicht so eindeutig. Es kommt zu einer deutlichen Lohnerhöhung, die mit einer Reduktion der Beschäftigung verbunden ist. Welcher Effekt nun überwiegt, ist abhängig von der Elastizität der Arbeitsnachfragekurve (Müller and Steiner, 2008). Je sensitiver eine Nachfrage, desto stärker reagiert sie auf Lohnveränderungen. Eine hohe Elastizität im Produktionsprozess macht sich dadurch erkenntlich, dass der Produktionsfaktor Arbeit leicht durch Kapital ersetzbar oder ein Outsourcing problemlos möglich ist. In diesem Fall hätte also eine Reduktion der Beschäftigung für die Firmen keine großen Auswirkungen. Ändert sich das Beschäftigungsniveau auch bei der Einführung eines Mindestlohns unter dem Gleichgewichtslohn? Hier hat der Mindestlohn keine Auswirkungen und der Lohn wird sich zurück auf den Gleichgewichtszustand einpendeln (Schuster, 2013, p. 17). Durch den niedrig gewählten Lohn wird die Arbeitsnachfrage der Unternehmen das Arbeitsangebot des Haushaltssektors übersteigen. Den Arbeitgebern mangelt es daher an Arbeitskräften. Um die arbeitslosen Akteure zur Beschäftigung zu führen, muss der Lohn angehoben werden, bis dieser wieder dem Gleichgewichtslohn entspricht. Zusammenfassend lässt sich also sagen, dass im Standardmodell ein Mindestlohn über dem Gleichgewichtslohn zu einem Beschäftigungsrückgang führt (Cahuc and Zylberberg, 2004, p.718; Stigler, 1946, p.358­359)

2.2 Monopson-Modell

Das Monopson-Modell basiert auf der Annahme, dass lediglich ein einziges Unternehmen als Nachfrager nach Arbeit auftritt (Cahuc and Zylberberg, 2004, p.719). Diese Firma sieht sich vielen Arbeitskräften gegenüber, die bereit sind, ihre Arbeit anzubieten. Infolgedessen ist das Unternehmen nicht mehr nur Preisnehmer. Da das Unternehmen als einziges am Markt Arbeit nachfragt, verfügt es über so viel Marktmacht, dass es die zu zahlenden Löhne unter den Gleichgewichtslohn des Standardmodells drücken kann. Die Firma wählt diejenige Kombination aus Lohn und Beschäftigung, die die passende Anzahl an Arbeitskräften bietet, um die gewünschte Produktionsmenge zu realisieren und dabei den Gewinn zu maximieren. Die Firma maximiert ihren Gewinn demnach nach der Formel :

Π = F(L)-ws(L)xL (1)

(In Anlehnung an Cahuc and Zylberberg, 2004, p.719)

Der Gewinn ergibt sich somit aus der gesamten Produktion F(L) abzüglich der Kosten ws(L)xL bei Einstellung von Arbeitskräften. Die Besonderheit dieser Funktion ist, dass der Lohn davon abhängig ist, wie viele Arbeitskräfte das Monopson einstellt. Im Vergleich hierzu bleibt im Modell des vollkommenen Wettbewerbs der Lohn für jeden weiteren Arbeitnehmer der eingestellt wird gleich. Im Monopson-Modell ist das jedoch anders: Arbeitsangebot und Grenzlohnkosten fallen hier auseinander (Ragacs, 2002). Für jeden weiteren Mitarbeiter, den die Firma einstellt, muss diese den höheren geforderten Lohn unter Berücksichtigung der steigenden Arbeitsangebotskurve (siehe Abbildung 1) zahlen (Schuster, 2013, p.18). Der neue Lohn muss allerdings für die gesamte Belegschaft bezahlt werden. Das führt dazu, dass das Monopson eine eigentlich unzureichende Menge an Arbeitskräften nachfragt, um den Lohn so gering wie möglich zu halten (Ragacs, 2002, p.13). Hier liegt das Potenzial einer Einführung eines Mindestlohns. Bei der Implementierung eines Mindestlohns zahlt der Arbeitgeber den gleichen Lohn für alle Mitarbeiter und für jede weitere Arbeitskraft, die eingestellt wird. Wenn der Mindestlohn demzufolge über den gewünschten Marktlohn des Monopson liegt, bewirkt er bis zu einer gewissen Höhe einen positiven Beschäftigungseffekt (Cahuc and Zylberberg, 2004, p.720). Die Firma wird so lange neue Arbeitskräfte einstellen, bis der zu zahlende Mindestlohn das Grenzprodukt des nächsten Mitarbeiters übersteigt. Gemäß des Monopson-Modells, in dem nur ein Nachfrager nach Arbeit existiert, hat die Einführung eines Mindestlohns positive Effekte auf die Beschäftigung. Dies gilt allerdings nur für moderate Mindestlöhne. Bei einem zu hoch gewählten Mindestlohn wird auch in diesem Modellrahmen ein negativer Effekt unterstellt.

2.3 Keynesianismus

Die theoretische Analyse des Mindestlohns mittels Arbeitsmarktmodellen ist mit vielen Restriktionen und Annahmen verknüpft, um die Komplexität der Modelle so gering wie möglich zu halten. Die unterstellte Homogenität des Faktors Arbeit und das Fehlen von Marktmacht schränken die Anwendbarkeit der neoklassischen Theorie ein (Hagen, 2008). Des Weiteren ist nach Keynes eine separate Betrachtung des Arbeitsmarktes nicht sinnvoll. Der Arbeitsmarkt muss in Verbindung mit dem Güter- und Finanzmarkt gesehen werden, um die gesamte Auswirkung einer ökonomischen, politischen Maßnahme analysieren zu können. Nach der neoklassischen Theorie schafft das Angebot die Nachfrage (Sesselmeier and Blauermel, 2013). Keynes entwickelte eine Gegenthese und stellte fest, dass viel eher die Nachfrage das Angebot schafft und die Beschäftigung auf dem Markt bestimmt. Somit ist für das Produktionsvolumen, das in einer Periode hergestellt wird, die Nachfrage der Haushalte bestimmend (Kromphardt, 1987, p.75-77). Das Volumen der Produktion ist wiederum für die Nachfrage nach Arbeitskräften maßgeblich. Damit schließt sich der Argumentationskreis, wonach die Nachfrage der bestimmende Faktor für Angebot und folglich auch für die Beschäftigung am Arbeitsmarkt ist.

Ein Mindestlohn in diesem Modellrahmen könnte sich als durchaus vorteilhaft erweisen. Durch die gestiegenen Löhne für Geringverdiener, bei denen eine hohe marginale Konsumquote und eine geringe Sparquote vorliegt, kommt es zu einem Kaufkrafteffekt. Das liegt an den beiden komplementären Aspekten des Lohns (Herr et al., 2009).Löhne stellen zum einen betriebliche Kosten dar, zum anderen verkörpern sie aber auch die gesamtwirtschaftliche Gütemachfrage. Mit steigendem Lohn steigt auch die Gütemachfrage auf dem Markt (Herr et al., 2009). Wenn Haushalte nun mehr für Güter ausgeben, muss das Produktionsvolumen der Firmen gesteigert werden, um die Nachfrage decken zu können. Das hat zur Folge, dass die Unternehmen mehr Arbeitskräfte benötigen. Der Mindestlohn fuhrt nach Keynes somit nicht nur zur Steigerung des Lohnniveaus, sondern auch zur Senkung der Arbeitslosigkeit (Bartsch, 2009, p.14). Langfristig gesehen kann der Ansatz von Keynes jedoch auch kritisch betrachtet werden. Aufgrund der gestiegenen Löhne werden Firmen auf längere Sicht ihre Preise anpassen müssen. Erhöhen sich die Preise, werden die existierenden Haushalte auf dem Markt weniger Güter nachfragen als zuvor. Das Preisniveau steigt und es kommt zur Inflation. Haushalte kaufen somit nun für mehr Geld die gleiche Anzahl an Gütern wie zuvor. In der langen Frist hat der Mindestlohn daher keinen Effekt.

2.4 Effizienzlohn-Theorie

Die Effizienzlohn-Theorie ist eine eher neue theoretische Betrachtung zur Wirkungsanalyse des Arbeitsmarktes. Sie gehört zu den komplexeren Modellen, sodass sich die bestimmenden Einflussgrößen und Kenndaten des Modells schwieriger messen lassen. Die Theorie spiegelt die alte berüchtigte Diskussion über die neoklassische Theorie wider, ob diese denn geeignet sei, realitätsnahe Ergebnisse zu liefern. In den theoretischen Ansätzen wird angenommen, dass eine positive Korrelation zwischen dem Lohnsatz und der Arbeitsproduktivität besteht. In den zuvor beschriebenen Theorien wurde der Produktivitätsfaktor als exogene (vorgegebene) Größe betrachtet. Ein Effizienzlohn oberhalb des markträumenden Lohnsatzes führt zur Erhöhung des Arbeitseinsatzes und einer Produktivitätssteigerung (Cahuc and Zylberberg, 2004, p.268). Die Arbeitskräfte, die einen höheren Lohn erhalten, bemühen sich nun mehr, ihre Beschäftigung zu behalten. Durch das gestiegene Lohnniveau wären auch, wenn sie ihre Beschäftigung verlieren sollten, ihre Opportunitätskosten höher. Intuitiv ließe sich daraus schlussfolgern: sobald es ein Motivationsanreiz in Form einer höheren Entlohnung gebe, sind die Arbeitnehmer bereit, ihre Produktivität und ihren Arbeitsanreiz zu verstärken. Der Einsatz eines Mindestlohns, wie in diesem Modellrahmen präsentiert, kann zu einer Motivations- und Effizienzsteigerung führen (Cahuc and Zylberberg, 2004). Der Begriff Effizienz beschreibt das Verhältnis von Input zu Output oder auch von Leistung zu Kosten. Somit bewirkt ein höherer Lohn, dass trotz einer gleichbleibenden Anzahl an Arbeitnehmern (Input) in der Firma sich die Produktionsmenge (Output) vermehrt. Die Einführung des Mindestlohns kann daher den Arbeitsanreiz der Mitarbeiter verbessern, zu Produktivitätssteigerung führen, die Arbeiterbindung zum Unternehmen stärken und Nebenkosten durch Neubesetzungen senken (Franz, 2009). Mögliche negative Beschäftigungswirkungen des Mindestlohns würden hierdurch gedämpft.

2.5 Such- und Matching Theorie

In suchtheoretischen Ansätzen werden im Vergleich zur neoklassischen Arbeitsmarkttheorie die Annahme der Existenz vollkommener Information und die Ansicht homogener Arbeitsplätze aufgegeben. Auch die Such- und Matching Theorie betrachtet einen komplexeren Modellrahmen und nimmt an, dass Löhne am Arbeitsmarkt zwischen Arbeitsstellen variieren. Dies kann die Arbeitnehmer dazu bewegen, ihre aktuelle Beschäftigung zu kündigen und den Arbeitgeber zu wechseln, um eine höhere Entlohnung zu erreichen. In dieser Ausarbeitung der Theorie betrachten wir zwei unterschiedliche Arten von Arbeitnehmern am Markt und zwar zum einen die Personen, die bereits eine Beschäftigung besitzen und jene, die arbeitssuchend sind. Die Annahmen des Grundmodells der Suchtheorie sind zum einen, dass Arbeitnehmer über unvollständige Informationen bezüglich freier Arbeitsplätze und bezüglich der gezahlten Löhne verfügen (Cahuc and Zylberberg, 2004, p.l 10). Die optimale Suchstrategie für Arbeitnehmer ergibt sich demnach wie folgt: Der erhaltene Lohn bei Annahme einer Berufstätigkeit muss den eigenen Reservationslohn übersteigen. Erst wenn diese Bedingung erfüllt ist, kann das Individuum das potenziale Arbeitsverhältnis annehmen (Cahuc and Zylberberg, 2004, p.l 11). Die Arbeitskräfte am Arbeitsmarkt sind risikoneutral. Bei Eintritt eines Lohnangebots entscheidet der Arbeitnehmer folglich, ob der Erwartungsnutzen einer Beschäftigung Ve höher ist, als jener bei fortlaufender Arbeitslosigkeit Vu. In jeder Periode wird ein konstanter Lohnsatz w gezahlt. Die Verteilungsfunktion der Arbeitsangebote ist mit H (.) exogen determiniert. Z bildet das Nettoaltemativeinkommen der nicht erwerbstätigen Personen ab. Dieses setzt sich aus b, dem Einkommen aus Arbeitslosigkeit und c, den Suchkosten nach Arbeit, zusammen. Die Suchkosten veranschaulichen die investierte Zeit, die der Arbeitnehmer mit der Suche nach einer Beschäftigung verbringt und die ihm also als Arbeitszeit nicht zur Verfügung steht. Aufgrund von Konjunkturveränderungen und individuellen Umständen eines Unternehmens kann es durchaus passieren, dass Arbeitnehmer ihre aktuelle Beschäftigung verlieren. Ein solcher Abbau von Arbeitsplätzen innerhalb einer Periode wird mit der Rate q beschrieben. Die Zinsrate r ist ein exogener Faktor und gibt den Gegenwartswert des Einkommens wieder. Die Bedingung dafür, dass offene Stellen auf Seiten des Unternehmens angeboten werden ,ist, dass die Wertschöpfung aus einer Beschäftigung der Zinsrate am Kapitalmarkt entspricht. Der Erwartungsnutzen einer erwerbstätigen Person entspricht somit:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Wobei dt das Zeitintervall angibt und der Bruch den Diskontierungsfaktor definiert, der es ermöglicht, zu verschiedenen Zeiten fällige Einkommenszuflüsse auf einen gemeinsamen Bezugszeitpunkt umzurechnen und dadurch vergleichbar macht. Die Gleichung zeigt, dass sich der diskontierte Erwartungsnutzen aus einer Beschäftigung zum einen aus dem Lohn w und zum anderen aus dem zukünftig erwarteten Einkommen zusammensetzt. Letzteres wird wiederum durch die Abbaurate der Arbeitsplätze q beeinflusst. Durch die Multiplikation mit dem Faktor (1+rdt) und gewissen Umformregelungen (siehe Anhang A) erhält man die Gleichung:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die Gleichung (3) besagt, dass die Differenz zwischen dem Erwartungsnutzen aus einer Beschäftigung und jener aus fortlaufender Arbeitslosigkeit mit dem Lohnsatz w steigt und bei steigendem Erwartungsnutzen bei Arbeitslosigkeit Vu sinkt. Ein steigender Lohnsatz w impliziert also eine Steigung des Erwartungsnutzens, der sich aus einer Beschäftigung ergibt (Cahuc and Zylberberg, 2004, p.l 11).

Folglich lässt sich der Reservationslohn einfach ableiten. Damit Arbeitnehmer die Beschäftigung annehmen, muss der Erwartungsnutzen aus einer Beschäftigung mindestens dem Nutzen bei Arbeitslosigkeit entsprechen oder jenen übersteigen. Für den Reservationslohn gilt daher, dass dieser mindestens dem Einkommen aus der Arbeitslosigkeit entsprechen muss, damit Arbeitskräfte freiwillig die Arbeitslosigkeit verlassen. Definiert man den Reservationslohn nun mit der Variablen x, so gilt:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Wie setzt sich nun der Erwartungsnutzen bei fortlaufender Arbeitslosigkeit zusammen? Auch bei Arbeitslosigkeit erhält das Individuum ein bestimmtes das Einkommen das durch die Suchkosten nach neuer Beschäftigung geschmälert wird. Die Wahrscheinlichkeit eines Jobangebots wird mit der Variablen λ festgelegt. Sie ist eine konstante, exogene Rate und beschreibt die allgemeine Situation des Arbeitsmarktes und ihre Friktionen, die es schwieriger gestalten, direkt eine Beschäftigung zu finden. Die Gründe sind zum einen unterschiedliche Qualifikationsansprüche und Altersbegrenzungen. Aber auch aufSeiten der Haushalte kann es von den individuell unterschiedlichen Suchintensitäten und Bemühungen abhängen wie schnell eine neue Arbeitsstelle gefunden wird. Die Annahme ist somit, dass der Beschäftigungsstatus sich jede Periode mit der Wahrscheinlichkeit λ ändern könnte. Der Erwartungsnutzen bei Arbeitslosigkeit hängt somit auch von dem Erwartungsnutzen eines möglichen Lohnangebots Υλ ab (siehe Anhang A). Es bleibt weiterhin gültig, dass Arbeitnehmer jenen Job erst annehmen, wenn dieser mindestens dem Reservationslohn entspricht. Ein weiterer Verbleib in der Arbeitslosigkeit verspricht daher ein diskontiertes Einkommen in Höhe von z, zuzüglich erwarteter Einkommensgewinne durch das Eintreten eines Jobangebots in Höhe des Reservationslohns x. Dies wird durch die folgende Gleichung beschrieben:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die Wahrscheinlichkeit eines Stellenangebotes λ gilt für den gesamten Arbeitsmarkt. Die Bedingung ist, dass der Lohn des Stellenangebotes mindestens dem Reservationslohn x entspricht, welche als unterste Intervallgrenze aus der Gleichung hervorgeht. H(w) beschreibt die exogene Verteilungsfunktion der Arbeitsangebote auf dem Markt. Durch Umformungen der Gleichung (5) kann der Reservationslohn der Arbeitskräfte als implizite Funktion exogener Variablen dargestellt werden (siehe Anhang A). Nun kann analysiert werden, wie sich dieser bei Veränderungen exogener Variablen (ζ,Γ,,λ,ς) verhält. Der Reservationslohn x steigt mit steigendem Einkommen bei Arbeitslosigkeit und steigender Eintrittsrate der Stellenangebote λ. Intuitiv lässt sich das Ergebnis einfach interpretieren. Sobald das Einkommen bei Arbeitslosigkeit steigt, steigt auch der Nutzen, den das Individuum aus einer Nichtbeschäftigung zieht. Die Bedingung, dass der Arbeitnehmer freiwillig die Arbeitslosigkeit verlässt, ist, dass ein höherer Lohn am Arbeitsmarkt angeboten wird. Bezüglich der erhöhten Stellenangebote gilt, dass die Arbeitnehmer aus einer größeren Anzahl an angebotenen Arbeitsstellen auswählen können und dadurch einen höheren Reservationslohn anstreben (Cahuc and Zylberberg, 2004, p.l 12).

Der komplementäre Ansatz zur Suchtheorie ist die Matching-Theorie. Sie beleuchtet nun auch das Verhalten von Unternehmen im Arbeitsmarkt beim Einstellungsprozess von neuen Arbeitskräften. Auch aufSeiten der Unternehmen entstehen Kosten im Laufe der Suche nach passenden Mitarbeitern, die zu den angebotenen offenen Stellen passen. Um die genaue Funktionsweise des Arbeitsmarktes zu verstehen, muss zunächst das Konzept der Beveridge Kurve erläutert werden. Die Beveridge-Kurve beschreibt den Zusammenhang zwischen offenen Stellen und der Arbeitslosenquote u am Arbeitsmarkt. In einer Phase der Hochkonjunktur kennzeichnet sich der Markt durch viele offene Stellen und wenig Arbeitslosigkeit. Vice Versa gilt dieser Zusammenhang bei einer Rezession. Viele Arbeitslose stehen hier einer geringen Anzahl an offenen Stellen gegenüber. Die Beveridge- Kurve verläuft konvex. Je näher sich die Kurve am Ursprung des Koordinatensystems befindet, desto geringer ist der Inkongruenz von Stellenangebot und Qualifikation der Arbeitssuchenden („Mismatches“) und somit struktureller Arbeitslosigkeit am Markt (Cahuc and Zylberberg, 2004, p.512). Die Ursachen eines Mismatches sind vielfältig. Zum einen können Informationsasymmetrien und Informationsdefizite zwischen Unternehmen und Bewerbern die Ursache sein, zum anderen kann es aber auch am qualitativen Profil der Arbeitnehmer liegen, dass aus Untemehmenssicht kein passender Bewerber für die angebotene Stelle zu finden ist. Die grundlegende Annahme der Matching-Theorie ist, dass der gesamte Prozess der Besetzung offener Stellen mit passenden Arbeitnehmern (das so genannte „Matching“), mit Hilfe einer „Matching-Funktion beschrieben werden kann. Die Matching-Funktion liefert die Gesamtanzahl neu besetzter Stellen am Arbeitsmarkt für eine Region, eine Branche oder ein Land. Die Matching-Funktion ist abhängig von der Anzahl der offenen Stellen und arbeitslosen Personen im Markt (Cahuc and Zylberberg, 2004, p.518). Der Modellrahmen der Theorie ergibt sich wie folgt: Es existiert eine konstante, risikoneutrale Erwerbsbevölkerung N. Der Arbeitslosenbestand wird durch die Variable u beschrieben, wonach die Arbeitslosenquote mit U/N definiert ist. Die arbeitssuchenden Akteure im Markt kennen die offenen Stellen und stimmen sich bei den Bewerbungen nicht ab. Bei Arbeitslosigkeit erhalten Arbeitslose ein Altemativeinkommen in Höhe von z. Jeder Arbeitssuchende bewirbt sich zu einem beliebigen Zeitpunkt auf eine der offenen Arbeitsstellen. Ein besetzter Arbeitsplatz äußert sich im Markt durch die geschaffene Produktion y und den zu zahlenden Lohnsatz w. Ein vakanter (offener) Arbeitsplatz verursacht Kosten in Höhe von h. Die Kosten beinhalten Anzeigen in Zeitungen/Zeitschriften, Headhunter etc., die die Unternehmen aufwenden müssen, um potenzielle Arbeitnehmer auf ihre vakanten Arbeitsstellen aufmerksam zu machen. Der Abbau von Arbeitsplätzen, wie bereits in der Suchtheorie erläutert, wird mit der Rate q beschrieben. Die Anzahl der Arbeitssuchenden wird mit Ul gekennzeichnet, wohingegen die Anzahl der offenen Stellen mit Vl beschrieben wird. Den Prozess der Stellenbesetzung („Matching“) kann am Beispiel von Bällen und Körben gut veranschaulichen: Die offenen Stellen am Arbeitsmarkt sind die Körbe, die Stellenbewerbungen sind die Bälle.

[...]

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Details

Titel
Ökonomische Effekte von Mindestlöhnen. Theorie und Evidenz
Note
1,3
Autor
Jahr
2017
Seiten
41
Katalognummer
V388019
ISBN (eBook)
9783668631045
ISBN (Buch)
9783668631052
Dateigröße
28649 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
ökonomische, effekte, mindestlöhnen, theorie, evidenz
Arbeit zitieren
Rachel Mensah (Autor), 2017, Ökonomische Effekte von Mindestlöhnen. Theorie und Evidenz, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/388019

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