Die vorliegende Arbeit versucht, anhand des Textes „Reclaiming Nature by Reclaiming the Body“ von Guðbjörg R. Jóhannesdóttir und Sigridur Thorgeirsdottir das dort verhandelte Verhältnis von Körper bzw. Leib und Natur zu erforschen, um eine erste Perspektive auf eine mögliche leibphilosophisch begründete Umweltethik zu liefern. Im Zuge dessen werden wesentliche Stationen des Quelltextes in der Argumentationsstruktur rekonstruiert, um die Bedeutung der im Zentrum stehenden Begriffe von Natur und Körper zu erarbeiten und deren Verbindung aufzuzeigen. Weiterhin schien es praktikabel, den in der englischen Sprache nicht vorhandenen Unterschied zwischen Körper und Leib herauszustellen, um die im Quelltext vorhandene Bestimmung des Körper- bzw. Leibbegriffes plausibel zu machen.
Die Arbeit beginnt mit einer kurzen Vorstellung der bisherigen Positionen im Diskurs um eine angemessene Umwelt- bzw. Naturethik und stellt dabei die Argumentation und das Anliegen des environmental movement, der Umweltbewegung, dar. Darüber hinaus werden die in diesem Diskurs anzutreffenden Naturvorstellungen – Natur als etwas außerhalb vom Menschen Bestehendes und Natur als sozial und materiell konstruiertes Objekt – benannt und kritisiert, um im Anschluss den von den Autorinnen eingeführten Natur- und Leibbegriff zu entfalten. Da sich die Autorinnen im Bereich der Leibphilosophie bewegen, scheint es fast zwingend, dass viele Textstellen dunkel und einer wohlwollenden Deutung überlassen bleiben. Vorliegende Arbeit ist deshalb auch als Interpretation der Leib-Natur Beziehung zu betrachten und schließt mit einer kurzen Betrachtung des Leibseins als moralische Entscheidung.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Environmental movement und Natur-Begriff
3. Körper und Leib
4. Leiblich passive Erfahrung von Natur
5. Natur jenseits von innen und außen
6. Leib und self-awareness, intelligence and the searching for meaning
7. Leiblich-ästhetische Wahrnehmung
8. Schlussbetrachtungen
Zielsetzung und thematischer Fokus
Die vorliegende Arbeit untersucht den leibphilosophischen Ansatz des Textes "Reclaiming Nature by Reclaiming the Body" von Guðbjörg R. Jóhannesdóttir und Sigridur Thorgeirsdottir. Ziel ist es, die Bedeutung der Begriffe Körper und Leib zu rekonstruieren, um eine neue Perspektive auf die Beziehung zwischen Mensch und Natur zu eröffnen, die eine ökologische Ethik auf Basis der leiblichen Erfahrung begründet.
- Rekonstruktion leibphilosophischer Grundbegriffe
- Kritik an der Trennung von Mensch und Natur
- Die Rolle des Leibes als Schnittstelle zur Umwelt
- Bedeutung von Selbstbewusstsein und leiblicher Erfahrung
- Leiblich-ästhetische Wahrnehmung als Zugang zur Natur
Auszug aus dem Buch
6. Leib und self-awareness, intelligence and the searching for meaning
Der Leib ist lebendige Umwelt auch durch seine Funktion, Medium des Elementarkontaktes zu sein, mit anderer lebendiger Umwelt in Kontakt und auf diese ausgerichtet. Dies scheint gerade dadurch bedingt, dass eben nicht nur der Mensch, sondern auch Pflanzen und Tiere ihr Dasein leiblich erfahren: „We have forgotten that all living organisms are a perceptual organ we call a body (plant body/animal body/human body) [...]“20 Darüber hinaus ermöglicht diese Leiblichkeit, so postulieren die Autorinnen, grundlegende Fähigkeiten, die der Mensch mit Tier und Pflanze teilt und die ihn mit diesen verwandt fühlen lassen: „We may sense kindredness with other living environments, even sense animalic and vegetal levels through our own embodied sensing. We realize this kindredness through acknowledging that all organic life forms on earth (including ourselves) that are made of living and vibrating cells have three basic capacities in common that have generally been scribed only to humans: self-awareness, intelligence, and the search of meaning.“21 Denn: „[...] it is the body that allows the organism to develop self-awareness, intelligence and the ability to search for meaning, and thus ascribing these capacities only to a human mind separated from the body is too limited.“22
Wie lässt diese Passage zu verstehen? Self-awareness als Selbstbewusstsein übersetzt bedeutet klassischerweise das Wissen um sich selbst, das sich darin äußert, dass ich weiß, dass ich es bin, der mit ich gemeint ist, wenn ich eine Aussage über mich als Person treffe. Es impliziert damit auch das Wissen um die eigenen geistigen und seelischen Zustände. Wie kann dies in Verbindung mit Tier, Pflanze und Leib gedacht werden, insbesondere, da die Fähigkeit zum Selbstbewusstsein dem menschlichen Geist zugeschrieben wird? Der Leibphilosoph Hermann Schmitz verwendet hierfür den Begriff des Sichbewussthabens und argumentiert „dass eine Selbstzuschreibung nur möglich ist, wenn das Relat, dem etwas zugeschrieben wird, schon unabhängig davon bekannt ist, sodass niemand erst durch Selbstzuschreibung mit sich bekannt gemacht werden kann.“23 Dies meint auch: Eigene Aussagen über mich als Person zielen ins Leere, wenn ich nicht schon vor diesen Aussagen weiß, dass ich über mich etwas aussage.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Zielsetzung ein, den Begriff des Leibes im Kontext des Ökofeminismus zu untersuchen, um eine fundierte Umweltethik zu begründen.
2. Environmental movement und Natur-Begriff: Das Kapitel diskutiert aktuelle Positionen der Umweltethik und kritisiert die Vorstellung einer vom Menschen getrennten, unberührten Natur.
3. Körper und Leib: Hier wird die notwendige Differenzierung zwischen dem Körper als messbarem Objekt und dem Leib als subjektivem Ort der Erfahrung dargelegt.
4. Leiblich passive Erfahrung von Natur: Es wird analysiert, wie der Mensch Natur durch leibliche Empfindungen unmittelbar und vorreflexiv erfährt.
5. Natur jenseits von innen und außen: Dieses Kapitel hinterfragt die metaphysische Trennung von Geist und Materie und plädiert für ein Verständnis der Einbettung in die Welt.
6. Leib und self-awareness, intelligence and the searching for meaning: Der Autor erläutert, wie leibliche Fähigkeiten wie Selbstbewusstsein und Intelligenz auch nicht-menschlichen Lebewesen zukommen.
7. Leiblich-ästhetische Wahrnehmung: Es wird aufgezeigt, wie ästhetische Zugänge eine tiefere, nicht-konzeptuelle Verbundenheit mit der Umwelt ermöglichen.
8. Schlussbetrachtungen: Das Fazit fasst zusammen, dass ein leibbasierter Naturzugang eine radikale moralische Verantwortung für die Mitwelt einfordert.
Schlüsselwörter
Leibphilosophie, Ökofeminismus, Naturphilosophie, Umweltethik, Verkörperung, Phänomenologie, Selbstbewusstsein, Leiblichkeit, Naturverständnis, Mensch-Natur-Beziehung, Erfahrung, Hermann Schmitz, Merleau-Ponty, Umweltbewegung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der philosophischen Untersuchung des Verhältnisses von Leib und Natur im Kontext ökofeministischer Debatten.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Felder umfassen die Leibphilosophie, die Kritik an klassischen Umweltethiken und die Neubewertung der menschlichen Einbettung in die ökologische Welt.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, den leibphilosophischen Begriff der Natur zu klären und zu zeigen, wie eine leibbasierte Perspektive zu einem verantwortungsvolleren Umgang mit der Natur führen kann.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine phänomenologische und leibphilosophische Textanalyse, basierend auf der Rekonstruktion zeitgenössischer philosophischer Quellen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil erarbeitet die Differenz von Körper und Leib, analysiert die leibliche Erfahrungsweise von Natur und diskutiert Fähigkeiten wie Intelligenz und Selbstbewusstsein als leibliche Phänomene.
Welche Schlüsselbegriffe prägen die Arbeit?
Besonders prägend sind Begriffe wie Leiblichkeit, Zwischenleiblichkeit, leiblich-ästhetische Wahrnehmung und das Aufbrechen der Trennung von Subjekt und Objekt.
Inwiefern unterscheidet sich die Arbeit von herkömmlichen Umweltethiken?
Sie lehnt die Vorstellung einer "da draußen" existierenden, unberührten Natur ab und fokussiert stattdessen auf die unauflösbare Verbundenheit des Menschen als leibliches Wesen mit seiner Umwelt.
Welche Bedeutung kommt dem Leib nach Hermann Schmitz zu?
Der Leib dient als notwendige Grundlage für Selbstbewusstsein, da er als unmittelbare, nicht-reflexive Präsenz des Subjekts in der Welt fungiert.
- Arbeit zitieren
- Anonym (Autor:in), 2017, Leib und Natur. Natur als leibphilosophischer Begriff im Kontext des Ökofeminismus, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/388062