In diesem Artikel soll die Thematik der Geschwisterbeziehung mit potentiell "höherem Schwierigkeitsgrad" in ihren wesentlichen Bestandteilen überblicksmäßig vermittelt werden. Ausgegangen wird von den direkten Auswirkungen der Geburt eines behinderten Kindes auf die familiäre Situation. Nach einer kurzen Darstellung der Einflußfaktoren auf die Beziehung zwischen behinderten und nichtbehinderten Geschwistern wird sowohl auf die Situation des nichtbehinderten Kindes als auch auf die des behinderten Geschwisters eingegangen. Das darauffolgende Kapitel stellt die Interaktion zwischen den Geschwistern dar, wobei Indikatoren, die auf ein gelungenes Zusammenleben hinweisen sollen, einen Schwerpunkt bilden. Im Weiteren wird aufgezeigt, welche negativen Auswirkungen aus einer langjährigen, nicht verarbeiteten Belastung entstehen können und daraus werden die Bedürfnisse der nichtbehinderten Geschwister abgeleitet. Eine kurze Zusammenfassung und ein persönlicher Kommentar bilden den Abschluß.
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Inhaltsverzeichnis
1. Geburt eines behinderten Kindes als Familienkrise
2. Einflußfaktoren auf die Beziehung von behinderten und ihren nichtbehinderten Geschwistern
3. Die nichtbehinderten Geschwister
4. Die behinderten Geschwister
5. Interaktion zwischen behinderten und nichtbehinderten Geschwistern
6. Probleme und Bedürfnisse von Geschwistern behinderter Kinder
6.1 Probleme von Geschwistern behinderter Kinder:
6.2 Bedürfnisse von Geschwistern behinderter Kinder:
7. Zusammenfassung:
Persönlicher Kommentar:
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht die komplexe Beziehungsdynamik zwischen Kindern mit Behinderung und ihren nichtbehinderten Geschwistern. Das Hauptziel besteht darin, die Auswirkungen einer familiären Belastungssituation auf die Entwicklung der nichtbehinderten Geschwister zu beleuchten, deren Bedürfnisse abzuleiten und Faktoren für ein gelingendes Zusammenleben zu identifizieren.
- Die Auswirkungen der Geburt eines behinderten Kindes als kritische Familienkrise.
- Einflussfaktoren, die die Beziehungsqualität zwischen behinderten und nichtbehinderten Geschwistern prägen.
- Identifikation von spezifischen Problemen wie mangelnde Kommunikation und Überforderung.
- Ableitung zentraler Bedürfnisse der Geschwister wie Informationsbedarf, Anerkennung und individuelle Zeit.
- Die Bedeutung von Unterstützungsangeboten und Bewältigungsstrategien im familiären Kontext.
Auszug aus dem Buch
6.1 Probleme von Geschwistern behinderter Kinder:
Das oft außertourliche Maß an Verantwortungsgefühl und die daraus entstehende Belastung kann dazu führen, daß Geschwister mit verschiedenen Problemen zu kämpfen haben und sie dadurch in ihrer Entwicklung eingeschränkt sind. Was passiert aber, wenn ein Geschwister die Tatsache, eine Schwester oder einen Bruder mit Behinderung zu haben, nicht optimal verarbeiten kann? Achilles (1995, p.124) nennt folgende Auswirkungen eingegangen werden, die aus einer langjährigen, nicht verarbeiteten Belastung entstehen können:
Mangel an guter Kommunikation innerhalb der Familie: Gibt es keinen offenen und ehrlichen Umgang innerhalb der Familie, so kann es vorkommen, daß Geschwister schon sehr bald merken, daß Themen einfach "tabu" sind und daß gewisse Gefühle (z.B.: Aggression) besser nicht ausgedrückt werden und somit auch nicht darüber geredet wird.
Mangel an Information: Hier handelt es sich um einen Teilaspekt von mißlungener Kommunikation. Aufgrund der Tatsache, daß Eltern oft ungern über die Behinderung ihres Kindes sprechen, haben die Geschwister oft einen Mangel an Information. Beispiele für die Auswirkungen eines solchen Mangels sind z.B.: Glaube, Schuld zu sein, daß das Geschwister behindert ist; Glaube, daß "es" übertragbar ist; etc.
Erhöhte Verantwortung: Ein erhöhter Grad an Verantwortung z.B. durch exzessive Betreuungstätigkeit kann Gefühle von Zorn, Groll, Schuldgefühle zur Folge haben. Auch können psychische Störungen eintreten, speziell dann, wenn das Geschwister ohne Behinderung zusätzlich noch wenig Aufmerksamkeit von den Eltern bekommt.
Erschwerte Identitätsfindung: Die Identitätsentwicklung wird von den Erfahrungen mit der Behinderung des Geschwisters mitbeeinflußt. Im Idealfall sollen Phasen der Solidarität und Nähe mit jenen der Auseinandersetzung und Distanz im gesunden Gleichgewicht stehen. Ein zu starkes Hineinversetzen in die Welt des Geschwisters und teilweise Identifizierung mit ihm können die Abgrenzungsfähigkeit negativ beeinflussen. Dabei spielt gerade die Identifizierung losgelöst vom behinderten Geschwister und die Rollendefinition innerhalb der Familie eine große Bedeutung.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Geburt eines behinderten Kindes als Familienkrise: Analysiert den Prozess der Familienkrise nach dem Bekanntwerden einer Behinderung und ordnet ihn in psychologische Bewältigungsphasen ein.
2. Einflußfaktoren auf die Beziehung von behinderten und ihren nichtbehinderten Geschwistern: Stellt die komplexen Wechselwirkungen zwischen sozialen, familiären und individuellen Faktoren dar, die das Geschwisterverhältnis beeinflussen.
3. Die nichtbehinderten Geschwister: Beleuchtet die psychische Situation und das Reifungsumfeld von Geschwistern ohne Behinderung unter Berücksichtigung von Belastungsfaktoren.
4. Die behinderten Geschwister: Betrachtet Lernprozesse und die soziale Interaktion der behinderten Kinder im familiären Kontext auf Basis der Theorie sozialen Lernens.
5. Interaktion zwischen behinderten und nichtbehinderten Geschwistern: Untersucht die Beziehungsqualität und identifiziert Indikatoren für ein gelingendes Zusammenleben der Kinder.
6. Probleme und Bedürfnisse von Geschwistern behinderter Kinder: Systematisiert konkrete Belastungsszenarien und leitet daraus notwendige Unterstützungsbedürfnisse für die Geschwister ab.
7. Zusammenfassung: Fasst die entwicklungsspezifischen Konsequenzen für die Geschwister zusammen, wobei sowohl positive Sozialisierungseffekte als auch negative Belastungsmomente gegenübergestellt werden.
Persönlicher Kommentar: Bietet einen reflektierten Einblick in die eigene Familiensituation der Autorin und die Auswirkungen ihres behinderten Bruders auf ihr eigenes Leben.
Schlüsselwörter
Geschwisterbeziehung, Behinderung, Familienkrise, Rollenübernahme, Verantwortungsgefühl, Identitätsentwicklung, Geschwisterarbeit, Entwicklungspsychologie, familiäre Belastung, Bewältigungsstrategien, Kommunikation, Sozialverhalten, Selbstwertgefühl, soziale Integration, Familienberatung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit thematisiert die psychologische und soziale Situation von Kindern, die mit einem behinderten Geschwisterteil aufwachsen, und analysiert die daraus resultierenden Dynamiken innerhalb des Familienverbandes.
Welche zentralen Themenfelder deckt der Text ab?
Der Fokus liegt auf den Auswirkungen der Behinderung auf das Familiensystem, der Identitätsentwicklung nichtbehinderter Geschwister, der Beziehungsqualität zwischen den Kindern sowie der Ableitung von Unterstützungsbedürfnissen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, ein Verständnis für die Bedürfnisse dieser Geschwister zu schaffen und aufzuzeigen, wie durch bessere Kommunikation und professionelle Beratung die Belastungssituation gemildert werden kann.
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer Literaturanalyse entwicklungspsychologischer Studien und Konzepte, ergänzt durch eine qualitative Reflexion der Autorin im Rahmen eines persönlichen Kommentars.
Was wird schwerpunktmäßig im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil behandelt die Entstehung von Familienkrisen, die Faktoren der Geschwisterbeziehung, spezifische Herausforderungen bei der Identitätsfindung sowie konkrete Lösungsansätze zur Verbesserung der Lebenssituation der Geschwister.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren diese Arbeit?
Wesentliche Begriffe sind Geschwisterbeziehung, Familienkrise, Verantwortungsgefühl, Identitätsfindung und spezifische Bewältigungsstrategien im familiären Kontext.
Welche Rolle spielt die Kommunikation innerhalb der Familie laut der Arbeit?
Mangelnde Kommunikation wird als zentrales Problem identifiziert, das zu Informationsdefiziten und Schuldgefühlen bei den Geschwistern führen kann, weshalb ein offener Austausch als essentielles Bedürfnis hervorgehoben wird.
Inwiefern beeinflusst die "Rollenübernahme" das Leben der nichtbehinderten Geschwister?
Die Autorin stellt fest, dass Geschwister oft früh in eine Helferrolle gedrängt werden, was ihre eigene Identitätsentwicklung und Abgrenzungsfähigkeit maßgeblich beeinflusst, aber auch Kompetenzen im Umgang mit besonderen Anforderungen fördert.
- Quote paper
- Susanna Illiewich (Author), 2002, Behinderte und ihre Geschwister, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/3880