Die literarischen Werkzeuge in "Grande Sertão: Veredas" von Guimarães Rosa


Hausarbeit, 2017

18 Seiten, Note: 3,0


Leseprobe

Inhalt
1.
Einleitung ... 1
2.
,,Wissenschaft" & ,,Kunst" - ,,História" & ,,Estória" ... 1
3.
Der Sprachstil ... 3
4.
Die Beziehung zwischen Erzähler, Zuhörer und Leser: ... 4
5.
Der zeitliche Aspekt ... 7
5.1
fehlende Kapiteleinteilung ... 7
5.2
Gegenwart und Vorzeit ... 7
5.3
Chronologie der Ereignisse ... 9
6.
Riobaldos Daseinsproblematik ... 12
7.
Fazit ... 14
8.
Literatur ... 16

1
1. Einleitung
Aufgrund der beschränkenden Unmöglichkeit den Leser der kompletten Vielfalt und
Komplexität aller inhaltlichen und formalen Aspekte des Werks ,,Grande Sertão:
Veredas" von Guimarães Rosa mittels einer Hausarbeit wie dieser auf die Spur kommen
zu lassen, möchte ich die mir am wichtigsten erscheinenden literarischen Aspekte des
zu analysierenden Werks umreißen. Die Erläuterung der ,,erzählerischen Kniffe", die
der Autor hier anwendet, soll dazu dienen, die Ästhetik des Werks in seiner Gesamtheit
besser nachempfinden zu können. Die Interpretationen, die ich der Sekundärliteratur
entnehme, sind künstlerischer und subjektiver Natur und stellen keinen manifesten
Wahrheitsgehalt dar. Dennoch öffnen diese viele Türen des Verständnisses und
erweitern im Hinblick auf den Roman den Wahrnehmungshorizont. Der Leitfaden in
dieser Arbeit stellt die Frage nach der ästhetischen und funktionellen Form dieses
Werks dar, sodass eine Nacherzählung des Inhalts vermieden wird. Wie wir jedoch
sehen werden, stehen besonders in diesem Werk Inhalt und Form in enger Verbindung
miteinander. Strukturell möchte ich dabei so vorgehen, dass ich zu Beginn die
allgemeine Literaturkunst der Wissenschaft gegenüberstelle, um die Funktion der Art
und Weise des Erzählens, der sich G. Rosa hier bedient, im Kontrast zu der Funktion
einer ,,historischen Quelle" sehen zu können. Es soll geklärt werden, was Literatur im
Sinne Rosas eigentlich bedeutet. Davon ausgehend beschreibe ich die erzählerischen
Werkzeuge mehr im Detail, wie dem Sprachstil, der Erzählperspektive und der
zeitlichen Komponente, die in ästhetischer Weise die Daseinsproblematik des
Protagonisten Riobaldo akzentuieren. Am Ende folge eine übersichtliche
Zusammenfassung der Ergebnisse.
2. ,,Wissenschaft" & ,,Kunst" - ,,História" & ,,Estória"
,,A estória não quer ser história. A estória, em rigor, deve ser contra a história" (Rosa
1969, S. 3, zit. nach Münchschwander 1972, S. 3) äußert Guimarães Rosa in einem
seiner Werke namens ,,Tutaméia". Doch wie genau können wir das auffassen? Während
der Begriff ,,história" die Aufzeichnung des die Wirklichkeit ausmachenden
Geschehens darstellt, versucht Rosa mit Hilfe der in der portugiesischen Sprache nicht
existierenden Bezeichnung ,,estória", in Analogie zur englischen Bedeutung ,,story", die
Verwandlung vergangenen Geschehens in poetische Sprache zu beschreiben

2
(Münchschwander 1972, S. 3). Geschichte im historischen Sinn (história) mit einer
poetischen Geschichte (,,estória") zu vergleichen, geht mit der Frage nach dem
Unterschied zwischen Wissenschaft und Kunst einher. Monteiros äußert sich über die
Wissenschaft folgendermaßen:
,,A Ciência, por outro lado, valendo-se de uma linguagem denotativa e alicerçada em um caráter
primordial de objetividade informativa, reproduz-se no âmbito de um universo de conhecimentos
sistemáticos e metódicos, voltados, em suma, para o esforço de ampliação da compreensão humana
acerca do cosmo em que vive"
(Monteiro 2012).
Demnach ist die ,,história" im Sinne der Wissenschaft im Begriff vergangene
Wirklichkeit für den Menschen, der seine Umwelt verstehen möchte, zu beschreiben
und festzuhalten. Die Kunst hingegen sei ,,nicht irrational, alogisch, mystisch, lässt aber
dies alles zu, was die Wissenschaft ausschließt" (Münchschwander 1972, S. 3).
Wenn man dies so annimmt, bedeutet es, dass Kunst nicht etwas gegenteiliges
zur Wissenschaft darstellt, wohl jedoch etwas, das über den Wirklichkeitsgehalt der
Wissenschaft hinausgeht. Diese Überschreitung brauche die Kunst zur ,,Verwirklichung
ihrer Symbolhaftigkeit" (ebd., S. 3). Die Kunst als Reich der Freiheit Wirklichkeit in
Literatur zu verwandeln, gelingt nach Rosa nur in bewusstem Gegensatz zur
Aufzeichnung der aneinandergereihten Fakten oder dem bloßen Versuch Ursache und
Wirkung zu erklären (vgl. ebd., S. 3). In Analogie zu dieser ,,Freiheit" beschreibt auch
Monteiro die Kunst, welche in der Lage ist, Grenzen, die durch Objektivität
hervorgerufen sind, zu verschieben und dem Menschen einen höheren Sinn seines
Daseins zu verleihen, als ein ,,Kosmos aus transzendenten Möglichkeiten":
A Arte impõe-se como um cosmo de possibilidades etéreas e transcendentais, um universo de
manifestação das pulsões e das paixões humanas, capaz de transpor as limitações imperiosas da sua
condição objetiva imediata de existência e de alçar as condições terrenas e mundanas da humanidade ao
nível do sublime (Monteiro 2012).
Halten wir fest, dass Rosa sein Schaffen gegen die Geschichtswissenschaft richten
möchte, die seines Erachtens Fakten erklären will, während die Dichtung auf die
Faktizität lediglich ,,verweist" und sie zu deuten vermag (vgl. ebd., S. 3). Dass die
Kunst von der Faktizität aber auch zu einem gewissen Grad abhängig ist, kann man
folgendem Zitat entnehmen:
"Esses dois universos, aparentemente longínquos e imiscíveis, se entrecruzam de modo profícuo,
estabelecendo uma união de elementos tão opostos quanto complementares, cujas relações abrem um
interessante campo investigativo em que os sentimentos manifestos pela Arte dão guarida e/ou nutrem as
concepções racionais mobilizadas e ordenadas pelo campo científico ­ e vice-versa" (Monteiro 2012).
Demnach verstehen die Kunst und die Wissenschaft sich gegenseitig einen Sinn zu
geben, da die Kunst im weiten Sinne dazu anregt über den ,,Sinn" des Wissens

3
nachzudenken und die Wissenschaft der Kunst eine konkrete Basis verleiht, auf die man
sich, insbesondere bei der Erzeugung von Literatur und ihrer Sprache, beziehen muss,
wenn auch etwas neues dabei entsteht. Auf artistischer Ebene kann die Realität
verfälscht oder idealisiert sein, jedoch verweist sie immer auf eine konkrete und
bekannte Sprache (vgl. ebd.).
3. Der Sprachstil
Versuchen wir nun die im Vorfeld erläuterte Theorie über Kunst und Wissenschaft im
Hinblick auf Guimarães Rosas Werk ,,Grande Sertão: Veredas" anzuwenden. Ein sehr
markantes literarisches ,,Werkzeug", das Rosa in seinem Roman benutzt, ist ein
spezifischer Sprachstil. Der Autor lässt seinen Protagonisten Riobaldo durch die ganze
Erzählung hinweg viele Neologismen verwenden und unablässig nach neuen Strukturen
suchen, weil sich die traditionelle Sprache als ungeeignet erweist, seine komplexen
Gefühle und Empfindungen auszudrücken (vgl. Münchschwander 1972, S. 19). Es ist
eine emotionale, gesprochene Sprache, die eine eigene grammatikalische Ordnung
aufweist, sodass aus ihr eine scheinbare Ordnungslosigkeit erwächst. Doch diese
Ordnungslosigkeit entspricht seinen Empfindungen und seinem Denken und ist dadurch
authentisch (vgl. ebd., S.19). Obwohl die Sprache individueller Natur und in
Übereinstimmung mit dem Gemütszustand des Erzählers ist, ist sie dennoch soweit in
den traditionellen Sprachmustern verankert, dass sie ihre Kommunizierbarkeit
gewährleistet (vgl. ebd., S. 19), was mit der im Vorfeld festgestellten Tatsache, dass die
Kunst auf konkrete Faktizität verweist, einhergeht. Folgende Aussage bekräftigt diesen
Sachverhalt:
Auch diese Neologismen ­ morphologische und syntaktische ­ gründen sich auf die in der Sprache
vorhandenen Möglichkeiten, d.h. sie sind nicht willkürlich. Ihr Vorbild ist die gesprochene Sprache mit
ihrem wesenhaft affektiven Charakter, von deren sprachschöpferischer Potentialität erfindungsreiche
Köpfe auch im alltäglichen Leben Gebrauch zu machen verstehen (ebd., S. 21).
Beispiele für solche Wortneuschöpfungen Rosas seien Substantive wie ,,estranhez" (G.
Rosa 1967, S.11); ,,grameal" (ebd., S. 23); ,,gargaragem" (ebd., S. 23), Adjektive wie
,,desenormes (ebd., S. 12); ,,ossoso" (ebd., S. 26), Verben wie ,,desendoidecer";
,,desdoidar" (ebd., S. 15); ,,masgalhei" (ebd., S. 19); ,,deslúa" (ebd., S. 27);
,,lequelequêia" (ebd., S. 39); ,,desabelhavam" (ebd., S. 188), Demonstrativpronomen
wie ,,essezim" (ebd., S. 13) und Adverbien wie ,,antesmente" (ebd., S. 16);
,,imaginalmente" (ebd., S. 40); ,,amormente" (ebd., S. 240). Syntaktische Beispiele einer

4
sprachlichen Normabweichung stellen in diesem Roman folgende dar: ,,Todos estavam
lá, os brabos, me olhantes --tantas meninas-dos- olhos escuras repulavam" (ebd., S. 64);
,,Reinaldo, Diadorim, me dizendo que êste era real o nome dele" (ebd., S. 121). Rosas
,,Grande Sertão" weist also seine spezifische Wirkung auf den Leser unter anderem
dadurch aus, dass der Autor nicht ,,durch den Zwang von Sprachmustern seiner
Spontanität beraubt wurde" (Münchschwander 1972, S. 21).
4. Die Beziehung zwischen Erzähler, Zuhörer und Leser:
Die Erzählsituation im Roman sieht wie folgt aus: Riobaldo ein Bandit im
brasilianischen Hinterland (,,jagunço") erzählt retroperspektiv von den Erlebnissen
seiner verschiedenen Lebensphasen. Anlass für seine Erzählung gibt der Besuch eines
Fremden, der für eine besondere Beziehung zwischen ihm, dem Erzähler und dem Leser
sorgt. Riobaldos Erzählung ist ein Monolog gerichtet an den vermeintlich anwesenden
Fremden. Die Frage ob Riobaldo ein Selbstgespräch führt ist legitim, da der Besucher
im ganzen Roman kein Wort von sich gibt und Riobaldo ihm die Worte vorwegnimmt
oder sie antizipiert. Dadurch, dass der Besucher nicht wirklich spricht, sieht sich der
Leser mit ihm gleichgesetzt, sodass er das Gefühl bekommt, Riobaldo spräche mit ihm
persönlich. Der Inhalt seiner Erzählung richtet sich nach dem Versuch
Gegenwärtiges und Vergangenes aus seinem Leben ins eigene Bewusstsein zu holen
(vgl. ebd., S. 24). Wie wir später sehen werden, sind nicht nur die erzählten
Geschehnisse und Beschreibungen seiner Umwelt von Bedeutung, sondern auch die Art
und Weise wie er den Inhalt strukturiert und formt und ferner die Frage, warum er all
dies erzählt.
Die Form des Monologs verhindert eine auktoriale Erzählform, wodurch es keinen
allwissenden dritten Zeugen gibt und der Leser die Wirklichkeit durch Riobaldos Augen
sehen kann. Es gleicht vielmehr einer personalen Erzählung, wodurch Erzähler und
Autor miteinander eins werden (vgl. ebd., S. 25). Dies beschreibt Afránio Coutinho
folgenderweise:
"A técnica de Guimarães Rosa é o ponto de vista absoluto, pois em vez de ser o autor quem faz o relato,
pela palavra de uma personagem, é o próprio personagem quem fala e conta, ficando o autor como um
simples regisrador do que êle diz. O personagem vive e conta a história, com a sua própria linguagem. E
êle quem, na realidade, escreve o livro, e não o autor. E a mais imediata consequência disso é a identidade
do estilo, o mesmo no relato e nos diálogos, o estilo do personagem narrador" (Coutinho 1957).
Henry James bezeichnet den Protagonisten als "hero and historian (...) with the double
privilege of subject and object" (James 1950, S. 320 f.). Die besagte Erzählform
Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Die literarischen Werkzeuge in "Grande Sertão: Veredas" von Guimarães Rosa
Hochschule
Universität zu Köln  (Romanisches Seminar)
Veranstaltung
Guimarães Rosa e Luandino Vieira
Note
3,0
Autor
Jahr
2017
Seiten
18
Katalognummer
V388208
ISBN (eBook)
9783668624849
ISBN (Buch)
9783668624856
Dateigröße
539 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Brasilianische Literatur, Guimarães Rosa, Luandino Vieira, Autoren, Grande Sertao, brasilianisch, Hinterland, Bestseller, Philosophie, Relligion, Gott, Selbstsuche, Werk, Riobaldo, Teufel, Satan, Reflexion, Gedanken, Monolog, Gefolgschaft, Protagonist, Pakt, Teufelspakt, Frau, Diadorim, Kindheit, Sinn des Lebens, Liebe, Homosexualität, Gender, Zweideutigkeit, Ambivalenz, Krieg, Jaguncos, Figuren, Neologismus, Neologismen, Lyrik, Literatur, Wortneuschöpfung, Natur, Rio Sao Francisco, Rio de Janeiro, Pernambuco, Schlange, João, Literarisch, Stil, Werkzeuge, Herausforderung, Sexualität, Junge, Erinnerungen, Jugend, Waffen, Mord, Todschlag, Verwirrungen, Zweifel, Glauben
Arbeit zitieren
Patrick Ubik (Autor), 2017, Die literarischen Werkzeuge in "Grande Sertão: Veredas" von Guimarães Rosa, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/388208

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