Spiritualität als Ressource in der Psychotherapie mit Kindern und Jugendlichen


Bachelorarbeit, 2017

72 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

1 Einleitung

2 Grundbegriffe
2.1 Spiritualität – Zwischen Esoterik und Agnostik?
2.2 Ressource – Der Schlüssel zur Bewältigung?
2.3 Coping – Mehr als eine Ressource?

3 Eine aktuelle Bestandsaufnahme
3.1 Kinder und Jugendliche und ihr Verhältnis zu Spiritualität und Religiosität
3.2 Psychotherapie und Spiritualität – eine erprobte Beziehung?

4 Spiritualität in der Therapie mit Kindern und Jugendlichen
4.1 Spiritualität und die Möglichkeit der passiven und aktiven Ressourcenorientierung
4.2 Aktive Möglichkeiten der Ressourcenorientierung
4.3 Passive Faktoren – Der Zusammenhang zwischen positiven Lebensweisen und Spiritualität

5 Ressourcenorientierung in der Krisenintervention
5.1 Krisenintervention – Kritische Lebensereignisse erfordern besondere Methoden
5.2 Einbeziehung der Ressource in der Krisenintervention
5.3 Spiritualität als „Puffer"?

6 Sprachfähig in Glaubensfragen werden – zuerst als Mensch, dann als Fachkraft

7 Kritik
7.1 Spiritualität und ihre Auswirkungen auf den Menschen
7.2 Spiritualitätsforschung und die Anwendung der Ergebnisse in der Psychotherapie
7.3 Ressourcenorientierung in der Krisenintervention

8 Ausblick und Fazit

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1 – Schaubild zur Kategorisierung von Ressourcen nach Knecht und Schubert 2012, S. 20-23.

Abbildung 2 – Arten der Stressbewältigung nach Lazarus 1999 .

Abbildung 3 – Faktoren einer erfolgreichen Stressbewältigung nach Buchwald und Hobfoll 2004, S. 18.

Abbildung 4 – Ergebnisse der Metastudie zum Zusammenhang zwischen Spiritualität, Religion und Gesundheit. Koenig et al. 2012, S. 601–602 . [C=complex, NG= negativ, (NG)=negativer Trend, M=mixed, (P)=positiver Trend, P=positiv, NA= keine Zuordnung möglich]

Abbildung 5 – Möglichkeiten der passiven Stärkung der Gesundheit durch die Ressource Spiritualität nach Koenig et al. 2012, S. 91–93.

Abbildung 6 – Schaubild zur Kategorisierung exemplarischer Krisenanlässe nach Sonneck et al. 2016, S. 17.

Abbildung 7 – Phasen einer akuten Krise nach Sonneck et al. 2016, S. 36.

Abbildung 8 – Schaubild der sechs Kernbereiche die die Selbstwirksamkeit widerherstellen nach Sonneck et al. 2016, S. 99.

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1 – Exemplarische Durchführung des AT nach Petermann und Vaitl 2009, S. 65.

Tabelle 2 – Exemplarische Durchführung einer PMR nach Petermann und Vaitl 2009, S. 145-147.

"Der Therapeut muss danach streben, für jeden Patienten

eine neue Therapie zu kreieren."

(Yalom 2009, S. 48)

1 Einleitung

Kinder und Jugendliche befinden sich heutzutage, mehr denn je, gefangen in einer Gesellschaft, die nach Leistungen bewertet. Dieser Leistungsdruck lastet spürbar auf ihnen. Zusätzlich stellen sie sich Fragen, die jeden jungen Menschen betreffen und die nicht wissenschaftlich zu beantworten sind, wie »Was kommt nach dem Leben? Was ist der Sinn des Lebens? Warum gerade ich?«. Kinder und Jugendliche durchlaufen in ihrer Pubertät eine allgemein existente Pubertätskrise, die geprägt ist von Körperveränderungen, Sexualität, Geschlechtsidentitätskrisen, Übergang zwischen verschiedenen Schulformen usw. Kommen in dieser allgegenwärtigen Pubertätskrise noch Lebenskrisen wie zum Beispiel Krankheit, Tod eines Angehörigen oder Schicksalsschläge hinzu, steht der junge Mensch vor zunächst unlösbaren Aufgaben. Gerade chronisch, schwer oder psychisch erkrankte Kinder und Jugendliche versuchen eine (Be-)Deutung hinter ihrer Krankheit zu erkennen. Mit den ihnen zur Verfügung stehenden Ressourcen und Kompetenzen und der dazugehörigen Copingstrategie müssen sie versuchen, diese Krisensituation zufriedenstellend zu lösen. Viele Kinder und Jugendliche benötigen für diesen Prozess professionelle Hilfe. Solch professionelle Hilfe findet teils in einem pädagogischen Setting, wie zum Beispiel in einem offenen Jugendtreff, durch Angebote von Beratungsstellen oder in einer Wohngruppe statt, teils in einem therapeutischen Setting, wie in einer stationären oder ambulanten Therapie oder in einer therapeutischen Wohngruppe.

Diese Bachelorarbeit soll den Schwerpunkt auf die therapeutische Arbeit mit jungen Menschen legen und zeigen, wie ein interdisziplinärer Austausch zwischen Spiritualität und Psychotherapie stattfinden kann. Psychotherapie mit Kindern und Jugendlichen wird immer gefragter, die Wartelisten erstrecken sich oft über mehrere Monate, der Markt für therapeutische Dienstleistungen wächst weiter.

Spiritualität wird währenddessen fortlaufend zu einem populären Begriff (vgl. Knoblauch 2006, S. 91). Spirituelle Dienstleistungen werden angeboten und von Kund*innen angenommen, die eine spirituelle Dienstleistung wollten, eine esoterische bekommen und etwas Mystisches erwarten. Der Markt für Dienstleistungen unter dem Deckmantel der Spiritualität wächst.

Psychotherapie für Kinder und Jugendliche wird häufig von staatlich anerkannten und akkreditierten Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut*innen[1] durchgeführt. Diese haben teilweise einen Kassensitz inne, arbeiten in einer kinder- und jugendpsychiatrischen Einrichtung oder rechnen privat ab. In der Psychotherapie existieren zwei große Fachrichtungen: die Tiefenpsychologie und die Verhaltenstherapie. Therapeut*innen spezialisieren sich im Laufe ihrer Ausbildung auf eine der vorher genannten Verfahren und erlangen dadurch die Erlaubnis mit einer gesetzlichen oder privaten Krankenkasse abrechnen zu dürfen. Für die Durchführung der in dieser Arbeit genannten Methoden ist es nicht von Bedeutung, welcher Fachrichtung die Psychotherapie untersteht.

Angemerkt werden muss, dass das pädagogisch-therapeutische Personal durch vorhergehende Einschätzung und Untersuchung selbst abschätzen muss, ob die Einbindung einer spirituellen Komponente in die Therapie indiziert oder kontraindiziert ist. Bei jungen Menschen, die unter wahnhaften Störungen und dem Voll- oder Teilbild einer psychotischen Erkrankung unterliegen, soll an dieser Stelle ausdrücklich davon abgeraten werden, da diese oftmals dazu neigen, ihre Krankheit religiös zu deuten und in ihre Wahnvorstellung miteinzubauen (vgl. Krampen 2013, S. 139).

Wenn in dieser Arbeit von Kindern und Jugendlichen die Rede ist, gilt die Definition des SGB VIII § 7. Nach deutschem Recht ist Kind, wer nicht älter als 13 Jahre alt ist; Jugendliche sind alle ab 14 und unter 18. Zwar definiert die UN-Generalversammlung und die Shell-Jugendstudie »Jugendlichkeit« bis zu einem Alter von 25 Jahren, jedoch beschäftigt sich diese Bachelorarbeit mit der Psychotherapie von Kindern und Jugendlichen. KJP behandeln in der Regel nur Personen bis zum 18. Lebensjahr, in Einzelfällen bis zum 21. Lebensjahr. Aufgrund dieser Sachlage sind mit Kindern und Jugendlichen in dieser Arbeit alle bis zur Vollendung des 18. Lebensjahres gemeint.

Ziel dieser Bachelorarbeit ist es, herausfinden ob, und wenn ja wie, Spiritualität eine Ressource und/oder ein Copingfaktor sein kann und wie diese professionell, lösungsorientiert und gewinnbringend für den*die Klient*in oder Patient*in in die Therapie integriert werden kann. Weiter möchte ich der Frage nachgehen, ob KJP weiteres Zusatzwissen benötigen, um Spiritualität als Ressource anwenden zu können und ob sie generell dazu in der Lage sein müssen.

Die Hypothesen die in dieser Bachelorarbeit überprüft werden sollen lauten wie folgt:

1. Spiritualität ist eine Ressource.

2. Eine spirituelle Ausrichtung von Kindern und Jugendlichen kann nach vorheriger Exploration durch unterschiedliche Methoden und Übungen genutzt werden, um den Patient*innen eine bestmögliche Genesung zu ermöglichen.
3. KJP müssen sich im Vorhinein mit den vorhandenen Methoden sowohl theoretisch als auch praktisch vertraut machen und positive sowie negative Faktoren individuell abwägen.

Die aufgestellten Hypothesen und die gewählte Fragestellung möchte ich anhand von wissenschaftlicher Literatur überprüfen und validieren. Das Thema hat besondere Relevanz für KJP und Sozialpädagog*innen oder Sozialarbeiter*innen, die in einem therapeutischen Bereich arbeiten.

Für Psychotherapeut*innen existiert in Deutschland kein einheitlicher, bundesländerübergreifender Ethikkodex, weswegen ich den Berufskodex der Psychotherapeut*innen aus Österreich als Grundlage verwenden möchte. Dort ist klar definiert, dass "Psychotherapeutinnen (Psychotherapeuten) sowohl durch das Psychotherapiegesetz als auch den Berufskodex grundsätzlich angehalten sind, wissenschaftlich anerkannte Methoden im Kontext der Psychotherapie anzuwenden, wobei auch nicht jede in anderen Fachkontexten wissenschaftlich anerkannte Methode unter die zur psychotherapeutischen Krankenbehandlung wissenschaftlich anerkannten Methoden gerechnet werden kann" (Bundesministerium für Gesundheit 2014, S. 5). Klar abgrenzen muss sich die Psychotherapie von "Bekehrung, Heilsversprechen, missionarische[n] Ansätze, bzw. religiöse[n] und esoterische[n] Praktiken" (Bundesministerium für Gesundheit 2014, S. 5). Psychotherapie muss sich daher ihrer Methoden bewusst sein und jeder KJP muss im Vorhinein abwägen, ob die Methoden die er/sie anwenden möchte wissenschaftlich evaluiert sind. Dabei müssen spirituelle Methoden denselben wissenschaftlichen Standards unterliegen, wie die der Tiefenpsychologie oder der Verhaltenstherapie.

In dieser Arbeit soll klar unterschieden werden, zwischen wissenschaftlich evaluierten Methoden, die dem Berufskodex gerecht werden und dem, was auf dem spirituellen Markt angeboten wird und teilweise aus Missionierung, Gebeten und Bekehrung besteht. Dennoch sollte Psychotherapie in der Lage sein, diesen gesellschaftlichen Trend und Anspruch unter Einhaltung aller vorher genannten wissenschaftlichen Standards in die weltanschaulich neutrale Psychotherapie zu integrieren, um dem Ziel der Psychotherapie, nämlich "bestehende Symptome zu mildern oder zu beseitigen, psychische Leidenszustände zu heilen oder zu lindern, in Lebenskrisen zu helfen, gestörte Verhaltensweisen und Einstellungen zu ändern oder die persönliche Entwicklung und Gesundheit zu fördern." (Bundesministerium für Gesundheit 2014, S. 2) gerecht zu werden.

Der wissenschaftliche Diskurs in diesem Bereich steht noch in den Anfängen. Diese Arbeit soll einen Beitrag dazu leisten, in diesen wichtigen interdisziplinären Austausch zu treten.

Diese Arbeit ist aufgeteilt in sechs Kapitel. Zuerst sollen grundlegende Begriffe der Bachelorarbeit erläutert werden, dabei werden Fachbegriffe definiert und – wenn nötig – von anderen oft genutzten Begriffen abgegrenzt. Darauf folgt eine aktuelle Bestandsaufnahme der spirituell-religiösen Ausrichtung von Kindern und Jugendlichen. Es soll der Umgang mit Spiritualität und Religion aufgezeigt werden und erläutert werden, inwieweit diese relevant für die Zielgruppe sind. Weiter soll in Kapitel zwei aufgezeigt werden, dass Psychologie und Spiritualität aufgrund ihrer Traditionen zwei Disziplinen mit geringer Schnittmenge sind und Erklärungsansätze liefern, warum dies so ist. Kapitel drei beschäftigt sich mit dem aktuellen Forschungsstand der Spiritualitätsforschung und der Frage, ob Spiritualität eine Ressource ist und wie ebendiese gewinnbringend in die Psychotherapie integriert werden kann. Krisenintervention und ihre speziellen Handlungsimplikationen werden in Kapitel vier Themen sein; dort sollen zudem Möglichkeiten der Integration von Spiritualität aufgezeigt werden. Im fünften Kapitel wird der Frage nachgegangen, welche Qualifikationen und Erfahrung benötigt werden, um Spiritualität zu integrieren. In Kapitel sechs werden die Erkenntnisse dieser Arbeit kritisch hinterfragt und die Facette des wissenschaftlichen Diskurses vollkommen gemacht, indem darüber hinaus kritische Erkenntnisse gezeigt werden sollen. Zum Schluss möchte ich die Erkenntnisse zusammenfassen, die Implikationen für die Soziale Arbeit und Psychotherapie erläutern und einen Ausblick geben.

2 Grundbegriffe

In den folgenden drei Unterkapiteln werden grundlegende Begriff für diese Arbeit definiert, erklärt und in den Kontext dieser Bachelorarbeit eingebettet. Dabei wird auf die Historie und den aktuellen wissenschaftlichen Diskurs verwiesen und – wenn nötig – zwischen Begrifflichkeiten differenziert und abgegrenzt.

2.1 Spiritualität – Zwischen Esoterik und Agnostik?

"War 40 Jahre zuvor die Religion am Ende, so scheint nun plötzlich die Säkularisierung an ihr Ende gekommen zu sein. Hatte Nietzsche Gott am Ende lebend begraben?“ (Knoblauch 2009, S. 15)

Zuerst sei gesagt, dass es keine einheitliche Definition von Spiritualität gibt. Häufig werden die Begriffe Spiritualität, Spiritismus, Religion, Religiosität, Esoterik und Mystik ohne scharfe Trennung synonym füreinander gebraucht (vgl. Bucher 2007, S. 20; Baier 2006, S. 23; Martin 2005, S. 17). Um im weiteren Verlauf dieser Arbeit mit einer Definition von Spiritualität arbeiten zu können, werden zuerst allgemeine und darauffolgend konkrete Aspekte von Spiritualität und der Abgrenzung zu anderen Begriffen gesammelt, um dann abschließend eine eigene Arbeitsdefinition zu verfassen.

Das Wort »Spiritualität« leitet sich aus dem lateinischen Wort » spiritus « Geist, Hauch oder auch » spiro « , zu Deutsch, ich atme, ab. Wörtlich übersetzt ist »Spiritualität« damit eine Art Geistlichkeit oder freier, die geistliche Ausrichtung eines Lebens. Möglich wäre außerdem eine Übersetzung in Richtung »Lebensatem«.

Für gewöhnlich definieren sich Menschen als spirituell, um sich von traditionellen Lehren und dogmatischen Traditionen abzugrenzen (vgl. Fermor 2014, S. 175) oder um zu symbolisieren, dass sie sich sehr wohl für spirituell, aber nicht für religiös halten (vgl. Vaas und Blume 2009, S. 26; Benthaus-Apel 2014, S. 24).

"Mit dem Begriff der Spiritualität werden religiöse Eigensinnigkeit, religiöse Selbstbestimmung und die Wichtigkeit religiöser (körperlicher) Erfahrung zur Sprache gebracht" (Benthaus-Apel 2014, S. 22), daher wird mit dem Begriff »Spiritualität« häufig eine Abgrenzung zu Lehren, Riten und Institutionen symbolisiert und das eigene Erleben und die "Erfahrung mit diesem Unfassbaren“ (Renz 2010, S. 66) in den Mittelpunkt gerückt. Spirituelle Menschen fühlen sich zudem in ihrem Handeln und in ihrem Sein in ein größeres Ganzes eingebettet (vgl. Vaas und Blume 2009, S. 26).

Eine klare Unterscheidung von Religion[2] und Spiritualität fällt aus verschiedenen Gründen nicht einfach. Erstens wird in vielen Fällen das altmodische Wort Religion gegen das moderne Wort Spiritualität getauscht, ohne den genauen Bedeutungsunterschied zu erkennen (vgl. Renz 2010, S. 64). Vieles was vor zehn Jahren noch als religiös bezeichnet worden wäre, wird heute der Spiritualität zugeordnet; es erweckt den Anschein, als ob Spiritualität mehr und mehr zu einem "Alternativbegriff" (Knoblauch 2006, S. 108) wird. Zweitens haben Religion und Spiritualität eine gemeinsame Schnittmenge, die geprägt ist von intrinsischen Haltungen und einem tieferen Lebenssinn (vgl. Wegner und Lubatsch 2010, S. 197).

Anders als Religion soll Spiritualität zudem "vor allem das Leben bereits hier und jetzt bereichern und verändern und nicht erst als »Belohnung« im Jenseits" (Martin 2005, S. 14). Spiritualität zielt dementsprechend darauf ab, die Belohnung für das achtsame Leben in die Gegenwart zu übertragen und nicht erst mit Vertrauen in die Zukunft zu schauen und zu hoffen, dass man die Belohnung erhält, die man verdient hat. Ein Aspekt von Spiritualität ist also, die Verantwortung für die Welt im Hier und Jetzt zu tragen (vgl. Mogge-Grotjahn 2014, S. 244). Ein weiterer Aspekt befasst sich mit Spiritualität als alternativem Verständnis von Gesundheit, das den ganzen Körper in seiner Einheit bestehend aus Leib und Seele in den Mittelpunkt stellt und auf eine Heilung dieser Einheit abzielt (vgl. Benthaus-Apel 2014, S. 30). Weiter lässt sich sagen, dass die Gemeinschaft spiritueller Menschen oftmals keine steilen Hierarchien und Organisationsstrukturen aufweist (vgl. Knoblauch 2009, S. 41). Die verschiedenen Ausprägungen und Ausrichtungen von Spiritualität sind so verschieden, dass mitnichten von der einen Spiritualität gesprochen werden kann. Aufgrund dessen ist es sinnvoll, die unterschiedlichen Traditionen und Ausprägungen differenziert zu betrachten und zu benennen. So existieren zum Beispiel die »buddhistische Spiritualität«, die »muslimische Spiritualität«, die »christliche Spiritualität« und die »ignatische Spiritualität«. Jede dieser unterschiedlichen Ausrichtungen hat ein besonderes Hauptaugenmerk auf eine bestimmte Position gelegt. So legt die »ignatische Spiritualität« zum Beispiel einen besonderen Schwerpunkt darauf, dass der junge Mensch Achtsam wird dafür, dass er*sie geschaffen wurde (vgl. Frick 2011, S. 46) und die »christliche Spiritualität« darauf, dass jemand seine*ihre Augen nicht vor der Not des Nächsten verschließt (vgl. Utsch 2010, S. 22). Eine solche Hilfe wird von dem Gefühl der Gegenwart Gottes getragen und schafft die Möglichkeit Mensch und Schöpfung in allen Dimensionen bestmöglich zu entfalten und entwickeln. »Christliche Spiritualität« sieht sich damit als kritische Disziplin, die versucht, die Gegenwart und Lebenswelt mit der Tradition und christlicher Glaubensüberlieferung in Einklang zu bringen und die Heilsmöglichkeiten bestmöglich zu nutzen (vgl. Baier 2006, S. 39).

Zusammenfassend nun die Arbeitsdefinition von Spiritualität:

Spiritualität ist das sich verbunden fühlen mit der Natur und der Einbettung des eigenen Seins in etwas Größeres; der Möglichkeit, sich selbst zu transzendieren. Sie ist nicht abhängig von Orten, Traditionen, Menschen und Kulturen, sondern wird überall dort sichtbar, wo Menschen außergewöhnliche Erfahrungen machen. Sie erlaubt den Menschen sich selbst in der Gegenwart zu sehen und ihr eigenes Handeln in eine Weltverantwortung einzubetten. Spiritualität grenzt sich häufig von Lehren, Riten, Dogmen und Traditionen ab und muss von dem Individuum selbst erlebt werden. Sie erlaubt Suchenden sich selbst in ihrem eigenen Handeln zu finden.

An einer Definition von Spiritualität wird weiter geforscht. Mittlerweile entstehen eigene Forschungsbereiche, welche "study of spirituality oder einfach nur spirituality" (Baier 2006, S. 12–13) genannt werden. Man muss sich jedoch eingestehen, dass Spiritualität momentan weitestgehend unbestimmt ist und dennoch immer mehr an Popularität und Aufmerksamkeit gewinnt (vgl. Eppenstein 2014a, S. 115).

Spiritualität ist individuell und somit personen-, erfahrungs- und altersabhängig. Damit ist die spirituelle Ausprägung von Kindern oftmals eine andere, als die von Jugendlichen, Erwachsenen oder Senioren (vgl. Büssing 2016, S. 251). Spiritualität hat in jeder Phase des Lebens einen anderen Schwerpunkt. Junge Menschen, besonders Kinder, haben den Schwerpunkt häufig auf der Erfahrungs- und Handlungsebene. Hierbei geht es nicht darum, sich klar über eine transzendente oder weltverbundene Haltung aussprechen zu können, sondern darum, zu erleben und zu spüren, dass ein Mensch mehr ist als seine physische Körpergestalt und zu erleben, dass das Leben mehr bieten kann als die "empirische Alltagswelt" (Gaus 2016, S. 254).

2.2 Ressource – Der Schlüssel zur Bewältigung?

Hinter dem Begriff der Ressource verbergen sich viele Themengebiete, Arten der Interpretationen, Auslegungen und Definitionen. Daher soll in diesem Abschnitt der Begriff kurz erläutert und in den Rahmen dieser Arbeit eingebettet werden.

Der Begriff Ressource wird in vielen Fachbereichen unterschiedlich verwendet. So werden in der Wirtschaft damit materielle Güter bezeichnet, die Soziologie definiert Ressource als soziale oder sozialökonomische Merkmale und für die Psychologie sind Ressourcen individuelle psychische Merkmale (vgl. Knecht und Schubert 2012, S. 16).

Allgemeingültig und über alle Fachbereiche hinweg lässt sich sagen, dass eine Ressource etwas ist, dass das Individuum zu einer gelingenden Lebensführung und der Bewältigung von Anforderungen an ihn, seien es physische Bedürfnisse wie Hunger, Durst, Obdach oder psychische wie die Umsetzung eigener Lebenswünsche oder letztendlich Gesundheit, benötigt.

Zur besseren Erläuterung der verschiedenen Kategorien und Überkategorien von Ressourcen und der einfacheren Verortung von Spiritualität folgend ein Schaubild:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1 – Schaubild zur Kategorisierung von Ressourcen nach Knecht und Schubert 2012, S. 20-23.

Der Frage, ob Spiritualität eine Ressource ist, soll in Kapitel 3.2. nachgegangen werden. Sollte die Überprüfung ergeben, dass Spiritualität eine Ressource ist, müsste sie unter die individuellen Ressourcen, noch genauer bei den psychischen Ressourcen eingeordnet werden. Unter die Kategorie der psychischen Ressourcen fallen auch sämtliche Copingstrategien.

Ressourcen sind nicht automatisch aktive Ressourcen, welche zur Stressbewältigung genutzt werden können; oftmals sind es nur Potenziale für Ressourcen. Sie müssen erst aktiv in Copingstrategien integriert werden. Dementsprechend wird unterschieden zwischen potenziellen und aktivierten Ressourcen. Oftmals bestehen Ressourcen, aber das Individuum ist nicht in der Lage diese gewinnbringend zu nutzen oder zu aktivieren. Die Aktivierung dieser Ressource entsteht dann meistens nicht beim Individuum, sondern mittels Beziehungsarbeit durch eine Fachkraft oder nahestehende Person (vgl. Beuscher 2010, S. 120).

Besonders hervorzuheben ist, dass Individuen mit vielen Ressourcen leichter mit dem Verlust einer Ressource umgehen können, andererseits sind Menschen, die nur wenig Ressourcen innehaben vulnerabler für den Verlust dieser sind. Darüber hinaus besitzen sie weniger oft die Möglichkeiten neue Ressourcen zu gewinnen (vgl. Buchwald und Hobfoll 2004, S. 15). Gerade der Verlust oder der drohende Verlust von Ressourcen ist stressreich, da Individuen nun mit den wenigen Ressourcen und den vorhandenen Copingstrategien Herausforderungen bewältigen müssen (vgl. Buchwald und Hobfoll 2004, S. 13).

2.3 Coping – Mehr als eine Ressource?

Coping [zu Deutsch: Bewältigungsverhalten] ist ein von Lazarus und Launier 1974 entwickeltes Konzept, welches beschreibt, inwiefern ein Individuum Anstrengungen unternimmt mit Hilfe seiner Ressourcen Anforderung, die an dieses gestellt werden zu meistern und physische und psychische Belastungen zu tolerieren, reduzieren und zu minimieren (vgl. Rüger et al. 1990, S. 19). Das von Lazarus und Launier 1974 entwickelte Konzept, haben Haan (1963) und Vaillant (2011) weiterentwickelt. Durch die verschiedenen Autoren existieren auch hier unterschiedliche Definitionen.

Folgend wird sich an der Definition von Lazarus und Launier orientiert, da sie erstens, als Begründer des Copings bekannt sind und zweitens, weil die aufgestellte Theorie weiterhin in der scientific community angesehen ist.

Copingstrategien kommen immer dann zum Einsatz, wenn Stress bewältigt werden muss. Stress ist hierbei definiert als wahrgenommene Diskrepanz zwischen Bewältigungsfähigkeit und Umweltanforderung, wobei der Schwerpunkt auf der individuellen Wahrnehmung dieser Diskrepanz liegt (vgl. Lazarus 1999, S. 73-77). Lazarus unterscheidet dabei zwischen drei verschiedenen Arten der Stressbewältigung:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2 – Arten der Stressbewältigung nach Lazarus 1999 .

Für eine erfolgreiche Stressbewältigung müssen oftmals zwei oder drei der vorher genannten Copingstrategien kombiniert werden. Eine erfolgreiche Stressbewältigung setzt sich damit ausfolgenden Faktoren zusammen:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3 – Faktoren einer erfolgreichen Stressbewältigung nach Buchwald und Hobfoll 2004, S. 18.

Copingstrategien ermöglichen dem jungen Menschen seine*ihre vorhandenen Ressourcen zu erkennen, zu aktivieren und gewinnbringend einzusetzen. Ohne die Möglichkeit einer effizienten Bewältigungsstrategie, können Ressourcen nicht ihre volle Wirkung erzielen (vgl. Geene et al. 2013, S. 30). Eine gelungene Stressbewältigung entsteht daher erst, wenn die Ressourcen erkannt und aktiviert werden und die drei oben gezeigten Faktoren positiv ausgeprägt sind.

Coping und die damit einhergehenden Ressourcen sind eine der ausschlaggebenden Konstanten, wenn es darum geht, ob sich pathologische Verhaltensweisen zu einer psychischen Störung entwickeln. Daher ist es besonders wichtig, nicht nur die Ressourcen in den Blick zu nehmen, sondern auch den Einsatz dieser zu beleuchten und zu beachten wie sie in das Leben – und in dieser Arbeit besonders in die Psychotherapie – integriert werden können (vgl. Sonneck et al. 2016, S. 52–53).

3 Eine aktuelle Bestandsaufnahme

Die heutige Zeit ist geprägt von Wandel. Um bei den derzeitigen gesellschaftlichen und wissenschaftlichen Veränderungen einen Überblick zu haben, soll das zweite Kapitel einen kurzen Einblick in die aktuelle Lebenswelt von jungen Menschen und ihrem Verhältnis zu Religion, Kirche und Spiritualität ermöglichen und weiter den aktuellen wissenschaftlichen Diskurs, als auch die Historie zwischen der Psychologie und der Spiritualitätsforschung wiedergeben.

3.1 Kinder und Jugendliche und ihr Verhältnis zu Spiritualität und Religiosität

“Ich glaube, dass dieses Wesen - ich nenne es Gott - versucht, die Welt so gut es geht zu erhalten. Wo finde ich dieses Wesen? Sicher nicht in unserer katholischen Kirche, wo einem genau vorgeschrieben wird, wie man sich zu benehmen hat, wo man seine Gefühle nicht ausdrücken kann.“ (Bucher 2007, S. 81–82)

Kinder und Jugendliche befinden sich heutzutage in einer Welt die klar nach Leistung differenziert. Die Furcht nach dem Abstieg im Beruf und Schule oder das Eintreten von Schicksalsschlägen, wie der Tod eines Elternteiles, sind für sie real und allgegenwärtig (vgl. Leven und Utzmann 2015, S. 351). Sie stehen unter Stress und Leistungsdruck, denken permanent an das Erreichen von Leistungsquoten. Dadurch werden sie "Opfer ihrer eigenen Ansprüche" (Martin 2005, S. 47) und zweifeln an sich selbst, wenn sie ihren eigenen Ansprüchen nicht gerecht werden. Aufgrund dessen ist es nicht verwunderlich, wenn Jugendliche zusätzlich zu den allgegenwärtigen Pubertätskrisen, zu einer Risikogruppe für Lebenskrisen gehören (vgl. Sonneck et al. 2016, S. 66).

Jugendliche sind auf der Suche nach Antworten, Weltanschauungen und Werten auf die sie vertrauen und denen sie folgen können. Fragen zur Sexualität, Liebe, Umgang mit Enttäuschung und Trauer und zwangsläufig auch der Frage nach dem Sinn des Lebens beschäftigen junge Menschen (vgl. Sonneck et al. 2016, S. 127–128).

Sie haben im Laufe ihrer Entwicklung Zugriff und Zugang zu verschiedenen Sozialisationsorten, die ihnen die Möglichkeit bieten unterschiedliche Schwerpunkte in ihrer Entwicklung zu legen und somit gewisse Zwischenziele in der Entwicklung zu erreichen. Die Kirche als tertiärer Sozialisationsort, bietet die Möglichkeit, gerade aufgrund der großen Handlungsautonomie und Möglichkeit zur Identitätsentwicklung zu einem intensiv genutzten Angebot zu werden (vgl. Geene et al. 2013, S. 49).[3]

Junge Menschen beschäftigen sich mehr mit Glauben und Sinnfragen als angenommen. Dabei haben sie in der Regel kein Problem mit dem Inhalt an sich, sondern mit den Zugängen und sind deswegen auf der Suche nach eigenen Möglichkeiten ihren Glauben zu entdecken und zu erleben. Für viele Jugendliche sind lediglich die alte Sprache und die alten Methoden ein Problem. Begriffe wie Spiritualität, Glaube und Kirche haben Gemeinsamkeiten und Unterschiede, die für die Jugendlichen nicht klar ersichtlich sind. Immer mehr kommt es dazu, dass viele Jugendliche diese Begriffe synonym ohne Abgrenzungen benutzen und sie mit ihrem gewünschten Inhalt füllen (vgl. Bußmann et al. 2013, S. 31).

Kirchliche Einrichtungen bieten dabei nicht die Antwort auf die Fragen, die sie bräuchten. 57 % der Jugendlichen sagen, dass die Kirche keine Antworten auf die Fragen hat, die sie wirklich bewegen (vgl. Gensicke 2015, S. 259). In Deutschland wenden sich immer mehr junge Menschen von den Staatskirchen (ev./kath.) ab und leben ihren Glauben im privaten weiter. In den neuen Bundesländern ist dieser Trend besonders deutlich zu sehen, 63 % der Jugendlichen sind hier konfessionslos (vgl. Gensicke 2015, S. 253).

Kinder und Jugendliche stehen permanent vor der Herausforderung, etwas zu finden, an das sie wirklich glauben können. 29 % der Jugendlichen wissen nicht was sie glauben sollen (vgl. Gensicke 2015, S. 254). So begeben sie sich auf die Suche nach einem Glauben oder einer Religionszugehörigkeit, die Antworten auf Fragen gibt, die sie nachvollziehen und glauben können. Oftmals weichen entsprechende Antworten von dem Gefühl der Realität der Jugendlichen ab, so entsteht mit der Zeit eine Diskrepanz zwischen dem, was sie glauben können und dem, was sie glauben wollen (vgl. Calmbach et al. 2016, S. 345). Das heißt nicht, dass sie sich hilflos auf dem Weg verlieren, sondern dass sie offen sind für neue Formen von Gemeinschaft und der Möglichkeit an Antworten teilzuhaben (vgl. Fermor 2014, S. 176).

[...]


[1] Im weiteren Verlauf dieser Bachelorarbeit abgekürzt durch KJP.

[2] Diese Bachelorarbeit beschäftigt sich mit den Auswirkungen von Spiritualität. Dabei wird der Versuch unternommen, die Unterschiede zwischen Religion und Spiritualität aufzuzeigen. Religion selbst soll jedoch nicht als eigenständiger Begriff definiert werden, da er – außer der Schnittmenge mit Spiritualität – keine dominante inhaltliche Wichtigkeit für diese Arbeit darstellt.

[3] Der Diskurs ob die Kirche diese Möglichkeit nutzt und ob Jugendliche diese annehmen, soll nicht in dieser Bachelorarbeit geführt werden. Angemerkt werden soll jedoch, dass dies kritisch gesehen werden kann. Zur aktuellen Situation von Jugendlichen sollten Bußmann et al. 2013; Geene et al. 2013; Albert et al. 2015 hinzugezogen werden.

Ende der Leseprobe aus 72 Seiten

Details

Titel
Spiritualität als Ressource in der Psychotherapie mit Kindern und Jugendlichen
Hochschule
Evangelische Hochschule Rheinland-Westfalen-Lippe
Note
1,0
Autor
Jahr
2017
Seiten
72
Katalognummer
V388397
ISBN (eBook)
9783960952626
ISBN (Buch)
9783960952633
Dateigröße
1861 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Psychotherapie, Spiritualität, Kinder, Jugendliche, Ressource, Copingfaktor, Psychologie, Sozialpädagogik, Sozialarbeit, Soziale Arbeit
Arbeit zitieren
Dustin Sattler (Autor), 2017, Spiritualität als Ressource in der Psychotherapie mit Kindern und Jugendlichen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/388397

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