Die Institution der encomienda und die Entstehung einer neuen Elite im kolonialen Hispanoamerika


Seminararbeit, 2005

21 Seiten, Note: 1


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

I. Einleitung

II. Hauptteil
1. Die Karibischen Inseln
1.1. Versuch einer Handelskolonisation unter Christoph Kolumbus
1.2. Siedlungskolonisation unter Nicolás de Ovando
1.3. Die encomienda.
1.4. Erste Indianerschutzbestimmungen: „Gesetze von Burgos“
2. Das amerikanische Festland
2.1. Die encomienda als militärische Institution
2.2. Die encomenderos als elitäre Gruppe
2.3. Entmachtung der encomenderos durch die Krone

III. Fazit

IV. Literaturverzeichnis

I . Einleitung

Die Institution der encomienda in der Neuen Welt, die die vorliegende Arbeit eingehend behandeln soll, hat ihren Ursprung im mittelalterlichen Spanien der Reconquista[1]. Die kastilische encomienda bestand aus einer zeitweiligen Übereignung von Ländereien an einzelne privilegierte Spanier, die sich erfolgreich bei der Zurückschlagung der Mauren hervorgetan hatten. Um die von der Islamherrschaft befreiten Gebiete der Iberischen Halbinsel wieder zu bevölkern und zu bewirtschaften, wurde den Herren dieser Landstücke das Recht auf die Verfügungsgewalt über Dienst- und Abgabeleistungen einer bestimmten Anzahl an kastilischen oder maurischen Bauern zugestanden.[2] Im Gegenzug wurden diese Begünstigten verpflichtet, ihre Untergebenen zu schützen und das Land gegen erneute Angriffe der Mauren zu verteidigen. Nach diesem Prinzip konnte die spanische Krone also Kriegsdienste belohnen, die militärische Verteidigung der eroberten Gebiete gewährleisten und gleichzeitig die Wiederbesiedlung und Bewirtschaftung des Landes durch Christen sicherstellen.[3]

Ein ähnliches Konzept bildete auch die Grundlage der encomienda in Amerika. Obwohl die spanische Krone kein Interesse daran hatte, die encomienda in den neuen Kolonien einzuführen, entwickelte sie sich zu einem System, das bei der Eroberung und Kolonisierung der neu entdeckten Gebiete von zentraler Bedeutung sein sollte.

Ziel dieser Arbeit ist es, herauszuarbeiten wie sich die Institution der encomienda in Amerika etablieren konnte, sich zu einem System mit komplexen Funktionen entwickelte und zur Herausbildung einer neuen Elite führte.

Vor dem Hintergrund des historischen Kontextes wird dazu zunächst, im ersten Teil der Arbeit, der Karibische Raum behandelt. Hier werden die ersten Jahre nach der Entdeckung Amerikas dargestellt: die Suche nach einer adäquaten Kolonisationspolitik, die Entwicklung und Etablierung der encomienda, und die Diskussion über die geeignete Behandlung der eingeborenen Bevölkerung.

Der zweite Teil der Arbeit beschäftigt sich mit der Kolonisation des amerikanischen Festlandes. Neben der militärischen Funktion der encomienda werden die gesellschaftliche Stellung der Nutznießer des encomienda -Systems – der encomenderos – und die Ursachen für den Bedeutungsverlust der Institution behandelt.

II . Hauptteil

1. Die Karibischen Inseln

1.1. Versuch einer Handelskolonisation unter Christoph Kolumbus

Im Gegensatz zur ersten Fahrt des Christoph Kolumbus nach Amerika im Jahre 1492, bei der es noch schwer gewesen war die erforderlichen Mannschaften für drei Schiffe zu rekrutieren, meldeten sich für die zweite Amerika-Expedition im Jahre 1493 eine Unzahl an Freiwilligen, die sich in Übersee schnellen Reichtum erhofften. Bald sollte sich aber zeigen, dass die ca. 1400 Teilnehmer mit völlig überzogenen Vorstellungen vom Reichtum der neu entdeckten Inseln nach Hispaniola gekommen waren.[4]

Kolumbus selbst hatte diese Vorstellungen genährt, indem er in seinem Bordbuch[5] bereits am 13.10.1492, also einen Tag, nachdem erstmals die Neue Welt von

Europäern betreten worden war, notierte:

Dabei bemerkte ich, dass einige von diesen Männern die Nase durchlöchert und durch die Öffnung ein Stück Gold geschoben hatten. Mit Hilfe der Zeichensprache erfuhr ich, dass man gegen Süden fahren müsse, um zu einem König zu gelangen, der große, goldene Gefäße und viele Goldstücke besaß... Also entschied ich mich nach Südwesten vorzudringen, um nach Gold und Edelsteinen zu suchen.“[6]

Dass Kolumbus die Informationen, die er mithilfe der Zeichensprache von den Indianern erhalten haben will, richtig deutete, ist fragwürdig. Hier zeigt sich aber, dass auch Kolumbus mit einer bestimmten Erwartungshaltung zu seiner Atlantiküberquerung nach Westen aufgebrochen ist, zu der die Reisebeschreibungen des Marco Polo beigetragen haben, laut denen es Gold und Edelsteine in phantastischer Menge in Asien geben musste – und vor der Küste Cipangos (Japan) meinte Kolumbus sich schließlich zu befinden.[7] Der Mythos der Existenz von großen Reichtümern jenseits der bekannten Welt motivierte seit jeher die Reisenden, zu neuen Ufern aufzubrechen. Und so war es auch bei Kolumbus die Suche nach Gold, die ihn immer weiter segeln ließ, fest davon überzeugt, dass die Entdeckung großer Goldschätze unmittelbar bevorstünde. Da Kolumbus bis an sein Lebensende davon überzeugt war, den Seeweg nach Cipango und Cathay (China) gefunden zu haben, verwundert es nicht, dass er die Zeichen der Indianer, entsprechend der in seiner Gedankenwelt fest verankerten Vorstellung von der Existenz des Groß-Khans, den es nur zu finden galt, und den damit verbundenen Goldschätzen, interpretierte.

Die Schilderungen des Kolumbus, die immer wieder das Thema der Edelmetallschätze aufgriffen, mussten den nachfolgenden Expeditionsteilnehmern unweigerlich den Eindruck eines Paradieses vermitteln, in dem es nur galt das vorhandene Gold einzusammeln. Mit diesen Vorstellungen erreichten Kolumbus und seine Mannschaften auf der zweiten Amerika-Reise Hispaniola.

Nachdem Kolumbus feststellen musste, dass die zurückgelassenen Spanier der ersten Reise getötet bzw. verschwunden waren, begannen sich nun die Beziehungen zwischen den Spaniern und den Tainos, den Ureinwohnern Hispaniolas, rapide zu verschlechtern. Und auch die Erwartungen der Expeditionsteilnehmer wurden schnell enttäuscht, da sich zeigte, dass die eingetauschten Goldmengen unbedeutend waren. Des Weiteren weigerten sich die Indianer zunehmend den Unterhalt der Spanier zu gewährleisten. Die indianische Subsistenzwirtschaft war nicht darauf eingestellt eine so große Zahl an zusätzlichen, nicht vorgesehenen Essern zu unterhalten. Der Versuch der Spanier sich die Indianer gewaltsam zu Diensten zu machen, führte dazu, dass diese sich in die Gebirgsregionen zurückzogen. Das rücksichtslose Vorgehen der Spanier verbunden mit den eingeschleppten Krankheiten führte schnell zu einem Massensterben unter der indianischen Bevölkerung.[8]

Bald war klar, dass das ursprüngliche Konzept einer Handelskolonisation, das heißt, in erster Linie kommerzielle Ziele zu verfolgen und sich dabei auf den Aufbau von Handelsstützpunkten oder sogar reine Tauschhandelsfahrten zu beschränken, auf Hispaniola nicht durchführbar war, da die autochthone Bevölkerung der Insel Gold oder andere in Europa geschätzte Handelsgüter nicht im nötigen Umfang beschaffen konnte.[9]

Da es galt die hohen Investitionen für diese zweite Reise mit ihren 17 Schiffen zu erwirtschaften und darüber hinaus Gewinne einzufahren, stand die spanische Expedition unter einem hohen wirtschaftlichen Erfolgsdruck. Kolumbus erhoffte sich nun durch Sklavenfang und die Verschiffung der indianischen Sklaven nach Spanien einem finanziellen Desaster zu entgehen.[10] Diese Vorgehensweise war nicht neu, sondern schon in den Zeiten der Reconquista auf der Iberischen Halbinsel gängig. Die Mauren, die sich nicht freiwillig den christlichen Eroberern ergaben, wurden nach ihrer Eroberung durch die Katholischen Könige als Sklaven verkauft, um mit den Erlösen Kriegsdienste zu belohnen und die Kriegskosten einzubringen.[11] Es ist also nicht verwunderlich, dass die Spanier in Amerika eine ähnliche Haltung gegenüber den Bewohnern der Neuen Welt einnahmen. Mit den Sklaventransporten nach Europa, die zur Bereitstellung billiger Arbeitskräfte dienen sollten, wollte Kolumbus Spanien für die finanziellen Aufwendungen der überseeischen Expedition entschädigen. Die Sklavenjagd verschärfte aber noch die Spannungen mit den Eingeborenen, so dass die Krone sich bereits im Jahre 1500 dazu entschloss, die Versklavung der Indianer, die sich friedlich der spanischen Herrschaft unterstellten, zu verbieten, und darüber hinaus die Rückführung der bereits nach Europa verkauften Sklaven zu veranlassen.[12]

[...]


[1] Der Begriff Reconquista (span. Rückeroberung) bezeichnet den Prozess der Rückeroberung der durch Mauren seit dem 8. Jahrhundert besetzten Gebiete der Iberischen Halbinsel durch die christlichen Spanier. Nach jahrhundertelangen und wechselvollen Kämpfen wurde die Reconquista im Jahre 1492 mit der Eroberung Granadas und der endgültigen Vertreibung der Mauren durch die Katholischen Könige Isabella I. von Kastilien und Ferdinand II. von Aragon vollständig abgeschlossen.

[2] Mörner, Magnus (1994): Die sozialen Strukturen im Wandel. In: W. Bernecker u.a. (Hrsg.), Handbuch der Geschichte Lateinamerikas. Bd.1: 454-503, Stuttgart, S. 465.

[3] Puente Brunke, José de la (1992): Encomienda y encomenderos en el Perú. Estudio social y político de una institución colonial. Sevilla, S. 13-14.

[4] Pietschmann, Horst (1994 a): Die iberische Expansion im Atlantik und die kastilisch-spanische Entdeckung und Eroberung Amerikas. In: W. Bernecker u.a. (Hrsg.), Handbuch der Geschichte Lateinamerikas. Bd. 1: 207-273, Stuttgart, S. 239-240.

[5] Das Originalmanuskript des Bordbuchs ist nicht erhalten. Eine Abschrift wurde von Kolumbus’ Sohn Fernando angefertigt. Moderne Editionen stützen sich aber im wesentlichen auf ein Manuskript des

Fray Bartolomé de las Casas, das Kolumbus’ Aufzeichnungen teils in 3. Person zusammenfassend, teils in 1. Person wörtlich zitierend wiedergibt.

[6] Kolumbus, Christoph (1981): Bordbuch. Mit einem Nachwort von Frauke Gewecke. Frankfurt a. M., S. 50.

[7] Eggebrecht, Eva (1986): ...“Ich und meine Gefährten leiden an einer Krankheit des Herzens, die nur mit Gold geheilt werden kann...“. In: A. Eggebrecht (Hrsg.), Glanz und Untergang des alten Mexiko. Die Azteken und ihre Vorläufer: 162-184, Mainz, S. 162.

[8] Pietschmann 1994a: 239-240

[9] Pieper Renate (1996): Kolonialhandel und Weltmarktintegration. In: F. Edelmayer (Hrsg.), Die beiden Amerikas: Die Neue Welt unter kolonialer Herrschaft: 141-158, Franfurt a. M., S. 142.

[10] Pietschmann 1994a: 239-240

[11] Konetzke, Richard (1965): Süd- und Mittelamerika I. Die Indianerkulturen Altamerikas und die spanisch-portugiesische Kolonialherrschaft. Frankfurt a. M. (Fischer Weltgeschichte 22), S. 165.

[12] Konetzke 1965: 166

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Die Institution der encomienda und die Entstehung einer neuen Elite im kolonialen Hispanoamerika
Hochschule
Freie Universität Berlin  (Lateinamerikainstitut)
Veranstaltung
Eliten im spanischen Kolonialreich
Note
1
Autor
Jahr
2005
Seiten
21
Katalognummer
V38844
ISBN (eBook)
9783638377966
ISBN (Buch)
9783638902144
Dateigröße
571 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Ziel dieser Arbeit ist es, herauszuarbeiten wie sich die Institution der encomienda in Amerika etablieren konnte, sich zu einem System mit komplexen Funktionen entwickelte und zur Herausbildung einer neuen Elite führte. Es werden die ersten Jahre nach der Entdeckung Amerikas dargestellt, mit Suche nach der adäquaten Kolonisationspolitik, der Einführung der encomienda, deren Verlauf und Auswirkungen, sowie deren Ende.
Schlagworte
Institution, Entstehung, Elite, Hispanoamerika, Eliten, Kolonialreich, encomienda, Kolumbus, encomenderos, Christianisierung, Indianer, Indigene, Indios, Lateinamerika
Arbeit zitieren
Ulrike Caspari (Autor), 2005, Die Institution der encomienda und die Entstehung einer neuen Elite im kolonialen Hispanoamerika, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/38844

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