Die Regierungszeit des Salvador Allende und die Ursachen für den Umbruch 1973 in Chile

Die Modernisierungsthese nach Seymour M. Lipset


Seminararbeit, 2017

31 Seiten, Note: 1,3

Georg Mastorikou (Autor:in)


Leseprobe


2
1. Einleitung
Die letzten Jahre stellten eine ernste Herausforderung für die Demokratie dar. Erstmals seit
dem zweiten Weltkrieg konnte eine Partei in den deutschen Bundestag einziehen, die teil-
weise die demokratische Verfasstheit der Bundesrepublik in Frage stellt. Diese Entwick-
lung kann als eine weitere Etappe eines weltweiten Trends gesehen werden. Vielerorts in
Europa, den USA und anderswo werden demokratische Grundannahmen in Frage gestellt.
In der Vergangenheit gab es solche Entwicklungen immer wieder. In dieser Arbeit soll es
um eine derartige Rückentwicklung gehen und die Schlüsse, die daraus gezogen werden
können.
Explizit geht es um die Machtübernahme Augusto Pinochets und die Ablösung der Regie-
rung Allende am 11. September 1973 in Chile. Diese Transformation einer Demokratie
folgte auf unruhige (ökonomische) Zeiten. Im Mittelpunkt des Textes stehen deshalb die
sozioökonomischen Folgen der Wirtschaftspolitik der gewaltsam abgesetzten Regierung
Allende auf die chilenische Gesellschaft. Es wird der Versuch unternommen eine Ursa-
chenanalyse der damaligen Ereignisse anhand der Modernisierungstheorie, die einen kau-
salen Zusammenhang von wirtschaftlichem Wohlstand und Demokratie sieht, nach Sey-
mour Martin Lipset
1
zu entwerfen. Die Vergangenheit hat gezeigt, wie fragil demokrati-
sche Systeme sein können (Russland 1917, Deutschland 1933 u.v.a.). Auf jede Demokrati-
sierungswelle folgte in der Vergangenheit auch eine Entdemokratisierungswelle.
2
Durch
die Untersuchung möglicher Faktoren einer konkreten Entmodernisierung (Chile 1973)
soll hier der Versuch unternommen werden, zu deren tieferem Verständnis beizutragen.
Die Forschungsfrage dieser Arbeit lautet: Inwiefern kann die Modernisierungsthese nach
Seymour M. Lipset den gewaltsamen Umsturz der demokratischen Ordnung in Chile am
11. September 1973 erklären. Um dieser Frage auf den Grund zu gehen, werden zwei The-
sen aus der Theorie abgeleitet und getestet. Erstens: Das demokratische System Chiles war
in für den Fortbestand der Demokratie entscheidenden sozialen Teilen der chilenischen
Gesellschaft nicht legitimiert. Zweitens: Die Wirtschaftspolitik der Regierung Allende hat
zu einem Verlust an wirtschaftlicher Effektivität geführt. Aufgrund fehlender Legitimität
und verlorengegangener Effektivität war eine Aufrechterhaltung der demokratischen Ord-
1
Lipset, Seymour Martin: Some Social Requisites of Democracy: Economic Development and Political
Legitimacy, in: American Political Science Review 53 (1/1959), S. 69­105.
2
Vgl. Huntington, Samuel Paul: The Third Wave. Democratization in the Late Twentieth Century, Norman,
OK: University of Oklahoma Press, 1991.

3
nung nicht mehr wahrscheinlich. Ein Eingreifen des Militärs wurde ,,provoziert" und der
Umsturz von großen Teilen der Bevölkerung begrüßt.
Die von Lipset begründete These (Aristotelische These
3
) aus dem Jahr 1959 ist ein überaus
gründlich und kontrovers diskutierter Beitrag der Sozialwissenschaften. Entsprechend aus-
führlich ist auch die zu findende Literatur. Die modernisierungstheoretische Denkschule
teilt sich in drei Lager auf. Einmal gibt es den Neoevolutionistischen Ansatz, welchen etwa
Wolfgang Zapf vertritt.
4
Außerdem die historisch-soziologische Modernisierungsfor-
schung, zu der beispielsweise Peter Alheit gezählt wird.
5
In dieser Arbeit wird anhand der
strukturalistischen Modernisierungstheorie, von Autoren wie Lipset und Huntington, ar-
gumentiert.
6
Die empirischen Daten wurden vor allem bei Collier/Sater, Faúndez und bei
Rinke entnommen.
7
Die Thesen von Lipset sind in der Literatur mehrfach besprochen
worden, etwa bei Acemoglu, Barro, Diamond oder Przeworski u.a.
8
Der hier gewählte An-
satz einer umgekehrten Anwendung der von Lipset beschriebenen Zusammenhänge auf
den Einzelfall Chile 1973 ist - zumindest nach Recherche des Autors ­ so noch nicht an-
gewandt worden.
Der Rückfall Chiles 1973 könnte allgemein als einer der Schwachpunkte der Modernisie-
rungstheorie gelten. Denn die Theorie erklärt nicht in zufriedenstellendem Maße den
3
Lipset bevorzugte diese Bezeichnung, vgl.: Barro, Robert Joseph: Determinants of Economic Growth. A
Cross-Country Empirical Study, Cambridge: MIT Press 1996, hier: S. 35.
4
Vgl.
Zapf, Wolfgang: Modernisierungstheorien in der Transformationsforschung, in Beyme, Klaus
von/Offe, Claus (Hrsg.): Politische Theorien in der Ära der Transformation. Politische Vierteljahresschrift 26
(1991), Opladen: Westdeutscher Verlag, S. 169-181
5
Vgl.
Alheit, Peter: Modernisierungsblockaden in Ostdeutschland?, in: Aus Politik und Zeitgeschichte 40
(2005), S. 32-40.
6
Vgl. Lipset, Seymour Martin: Some Social Requisites of Democracy: Economic Development and Political
Legitimacy, in: American Political Science Review 53 (1/1959), S. 69­105.; Huntington, Samuel Phillips:
The Third Wave. Democratization in the Late Twentieth Century. Norman, OK: University of Oklahoma
Press 1991.
7
Vgl. Collier, Simon/Sater, William F.: A History of Chile: 1808 ­ 2002, Cambridge: Cambridge University
Press 2004.; Faúndez, Julio: Democratization, Development, and Legality: Chile, 1831 to 1973, New York:
Palgrave Macmillan 2007.; Rinke, Stefan: Kleine Geschichte Chiles, München: Beck 2007.
8
Vgl. Acemoglu, Daron u.a.: Income and Democracy, in: American Economic Review 98 (3/2008), S. 808-
842.; Barro: Determinants (1996); Diamond, Larry Jay: Democracy in Developing Countries: Latin America,
Boulder: Rienner 1999.; Przeworski, Adam: Democracy and Development: Political Institutions and Well-
Being in the World, 1950-1990. Cambridge: Cambridge University Press 2000.

4
Rückfall der chilenischen Gesellschaft in die Autokratie. Diese Kontradiktion verspricht
allerdings auch interessante Ergebnisse und wurde deshalb im Rahmen dieser Arbeit aus-
gewählt. Der Untersuchungszeitraum wurde so gewählt, dass die Präsidentschaft Allendes
abgebildet wird. Dadurch sollen die Ursachen der Wirtschaftspolitik im Vergleich zu den
vorangegangenen Jahren dargestellt werden. Außerdem wird auf die Geschichte der chile-
nischen Demokratie eingegangen, sofern dies der Beantwortung der Fragestellung dient.
Relevant für diese Arbeit sind die Ausführungen Lipsets zu ökonomischem Wohlstand und
Legitimität, während die Frage der ,,cleavage" nicht betrachtet wird.
Um die beiden Thesen (s. oben) zu testen, wird der Zusammenhang, den Lipset beschreibt
umgekehrt. Wirtschaftlicher Abschwung soll also Instabilität und Entmodernisierung/ Ent-
demokratisierung bedingen.
Der Text ist in vier Teile gegliedert. Nach der Einleitung (1.) wird die dieser Arbeit zu-
grundeliegende Theorie erörtert (2.). Dabei wird die Theorie nach Lipset in ihrer Argu-
mentationsstruktur dargelegt und die relevanten Textstellen benannt (2.1.1). Im nächsten
Abschnitt (2.1.2) wird eine kritische Auseinandersetzung mit der Theorie anhand relevan-
ter Veröffentlichungen durchgeführt. Im Anschluss werden die oben genannten Thesen aus
der Theorie herausgebildet und aufgestellt (2.2.1 und 2.2.2). Im dritten Teil der Arbeit (3.)
wird zunächst der Weg der chilenischen Demokratie bis zur Wahl Allendes nachgezeichnet
(3.1). In der Folge werden die empirischen Befunde aus der einschlägigen Literatur zur
Geschichte Chiles unter die Thesen subsumiert (3.2.1 und 3.2.2). Es wird diskutiert, inwie-
fern diese Daten die aufgeworfenen Thesen verifizieren oder falsifizieren können. Schließ-
lich erfolgt die Schlussfolgerung (4.), in welcher die erzielten Ergebnisse zusammengefasst
und erörtert werden.
2. Theoretische Überlegungen
2.1 Modernisierungstheorie nach Seymour M. Lipset
Im Jahr 1959 schuf Seymour Martin Lipset mit dem Aufsatz ,,Some Social Requisites of
Democracy: Economic Development and Political Legitmacy"
9
den modernen Klassiker
der modernisierungstheoretisch orientieren Politikforschung. Seine zentrale These formu-
lierte er wie folgt:
9
Lipset: Requisites (1959).

5
,,Perhaps the most widespread generalization linking political systems to other
aspects of society has been that democracy is related to the state of economic
development. Concretely, this means that the more well-to-do a nation, the
greater the chances that it will sustain democracy. From Aristotle down to the
present, men have argued that only in a wealthy society in which relatively few
citizens lived in real poverty could a situation exist in which the mass of the
population could intelligently participate in politics and could develop the self-
restraint necessary to avoid succumbing to the appeals of irresponsible dema-
gogues. "
10
Mit seiner Arbeit leistete er einen Beitrag zu der Diskussion, welche Faktoren die Trans-
formation einer Autokratie zu einem demokratischen politischen System bedingen. Bis zu
diesem Zeitpunkt drehte sich diese vorwiegend um die Frage, ob eher die Religion oder
politisch-ökonomische Gründe für die Demokratisierung eines Staates ausschlaggebend
sind. Problematisch war die dogmatische Haltung der an der Diskussion beteiligten Wis-
senschaftler. Vorschläge wurden, bei von der Theorie abweichenden Ergebnissen, katego-
risch abgelehnt. Lipset allerdings schlug vor ein ,,set of conditions"
11
zu bestimmen, wel-
che die demokratischen Staaten von den undemokratischen Staaten unterscheiden. Anhand
dieser Einzelfaktoren (Wohlstand, Bildung, Urbanisierung und Industrialisierung), die er
unter dem Begriff ,,economic development"
12
subsumiert, lassen sich abweichende Fälle
einfacher erklären, ohne die Hypothese als Ganzes ablehnen zu müssen.
13
Lipsets wählte ein eher breit gefasstes Verständnis von Demokratie, welches nach einer
eher weit gefassten Definition verlangte, welche er, in Anlehnung an Schumpeter und We-
ber, wie folgt aufstellte:
,,[D]emocracy [...] is defined as a political system which supplies regular con-
stitutional opportunities for changing the governing officials. It is a social
mechanism for the resolution of the problem of societal decision-making
among confliciting interest groups which permits the largest possible part of
the population to influence these decisions through their ability to choose
among alternative contenders for political office."
14
10
Ebd.: 75.
11
Ebd.: 69.
12
Ebd.: 71.
13
Ebd.: 69 -71.
14
Ebd.: 71.

6
Aus dieser Defintion leiten sich laut Lipset drei Bedingungen ab, die erfüllt sein müssen.
Es braucht erstens eine ,,political formula"
15
also ein Wertesystem, welches das demokrati-
sche System legitimiert und von allen als legitim angesehen wird. Vor allem das Einhalten
der Entscheidungen der Mehrheit und die Anerkennung der Rechte der Minderheit sorgen
für stabile demokratische Zustände. Zweitens ist ein ,,set of political leaders in office"
16
vonnöten, die aus Wahlen hervorgehen und eine stabile Regierung bilden. Drittens sind ein
oder mehrere ,,sets of leaders, out of office, who act as a legitimate opposition"
17
nötig, die
ihrerseits versuchen an die Macht zu gelangen. Fehlt diese Opposition oder ist sie einge-
schränkt, fehlt das Gegengewicht zur Macht der Regierenden und diese können übermäch-
tig werden. Lipset stellt für den Fall eines solchen de facto Ein-Parteien-Systems fest, dass
es sich hierbei um eine Diktatur handeln muss.
18
Der Autor stellte eine hohe Korrelation zwischen den Aspekten ,,of social structure, such
as income, education, religion"
19
auf der einen Seite und Demokratie auf der anderen Seite
fest.
20
Diese Korrelation soll allerdings weder im Positiven, noch im Negativen überinter-
pretiert werden. Denn Demokratie, wie jedes politische System, ,,may persist under condi-
tions normally adverse to the emergence of that form"
21
. Diese Systeme sind, so Lipset, in
der Lage Momentum aufzubauen und sich gegen die von der Theorie erwartete Richtung
zu entwickeln. Deswegen werde sich seine Arbeit verstärkt mit der Frage beschäftigen,
welche sozialen Bedingungen vonnöten sind, um ein demokratisches politisches System zu
unterstützen und eher weniger darauf, wie sich dieses erhält.
22
Da Demokratie laut Lipset nicht auf einer Skala messbar ist, bediente er sich lediglich ei-
ner Kategorisierung der untersuchten Staaten als demokratisch oder undemokratisch. Um
dabei die Vergleichbarkeit zu gewährleisten, teilte Lipset die Staaten zusätzlich nach ihrer
kulturellen Zugehörigkeit ein. Einerseits in europäische Staaten und deren angelsächsi-
schen Abkömmlinge und andererseits in lateinamerikanische Staaten. Die Gruppe der eu-
ropäischen bzw. angelsächsischen Länder mit einer ,,uninterrupted continuation of political
15
Ebd.
16
Ebd.
17
Ebd.
18
Ebd.
19
Ebd.: 72.
20
Ebd.
21
Ebd.
22
Ebd.

7
democracy since World War I, and the absence over the past 25 years of a major political
movement opposed to the democratic `rules of the game'"23 werden als Demokratie eing-
estuft. Der Rest als "labile Demokratie oder Diktatur". Für die lateinamerikanischen Staa-
ten, verwendet er weniger strenge Kriterien. Hier ist ausschlaggebend ,,whether a given
country has had a history of more or less free elections for most of the post-World War I
period."24 Die Staaten, die dieses Kriterium erfüllen stuft Lipset als "Demokratie oder
instabile Diktatur" ein. Die restlichen Länder kategorisiert er als ,,stabile Diktaturen".25
Abb. 1: Anordnung der Staaten nach Lipset
Quelle: Lipset 1959: 74.
2.1.1 Argumentationsstruktur nach Lipset
Welche ist die konkrete Argumentation von Lipset? Zunächst einmal stellt Lipset die Hy-
pothese auf ,,democracy is related to the state of economic development "
26
. Um diese Hy-
pothese zu testen, definiert er mehrere Messvariablen für "economic development". Dazu
verwendet er die Faktoren ,,wealth, industrialization, urbanization and education"
27
. Diese
stellte er für alle untersuchten Staaten auf und errechnete sie im Durchschnitt. Dabei stellte
sich heraus, dass die zuvor als demokratisch definierten Staaten die jeweils höheren Werte
aufwiesen. Wohlstand (wealth) wurde, für heutige Augen etwas altmodisch anmutend,
23
Ebd.: 73.
24
Ebd.
25
Ebd.
26
Ebd.: 75.
27
Ebd.:

8
gemessen in ,,per capita income, number of persons per motor vehicle and per physician,
and the number of radios, telephones, and newspapers per thousand persons. "
28
Industria-
lisierung, welche in direktem Zusammenhang mit Wohlstand steht, wurde gemessen an der
"percentage of males in agriculture"
29
und dem pro-Kopf aufgewendeten Energieverbrauch
eines Landes. Urbanisierung wurde gemessen anhand des Prozentsatzes von Bewohnern
kleiner bis großer Städte an der Gesamtbevölkerung. Bildung schließlich wurde gemessen
anhand der Analphabetenrate eines Staates und des Anteils an der Bevölkerung pro tau-
send Bewohner in den verschiedenen Bildungsstufen.
30
Lipset zufolge sei vor allem der Zusammenhang von Bildung und Demokratie eine nähere
Betrachtung wert.
31
,,Education presumably broadens men's outlooks, enables them to understand
the need for norms of tolerance, restrains them from adhering to extremist and
monistic doctrines, and increases their capacity to make rational electoral
choices. "
32
Laut Lipset ist Bildung der wesentliche Faktor in einer Gesellschaft, der die demokratisch
denkenden Leute von den undemokratisch denkenden Leuten unterscheidet. Je höher der
Bildungsgrad, desto wahrscheinlicher ist es, dass man an demokratische Werte glaubt und
demokratische Praktiken unterstützt. Allerdings stellt Lipset diesen Zusammenhang auch
nur unter Vorbehalt auf, mit Verweis auf das Beispiel der Weimarer Republik und Frank-
reichs vor dem zweiten Weltkrieg. Es bleibt festzuhalten, so Lipset, dass ein hohes Bil-
dungsniveau eine notwendige, allerdings keine hinreichende Bedingung ist.
33
Diese Erkenntnis ändere jedoch nichts daran, dass die eben genannten Faktoren, subsu-
miert unter den Begriff ,,economic development", im Zusammenhang stünden mit dem
Faktor Demokratie. Nur müsse eben auch die individuelle Geschichte eines Landes in Be-
tracht gezogen werden. Auch können, so argumentiert Lipset mit der Idee von Daniel Ler-
ner
34
diese Faktoren nicht losgelöst voneinander betrachtet werden, sondern sie unterliegen
28
Ebd.
29
Ebd.: 78.
30
Ebd.: 75-79.
31
Ebd.: 79.
32
Ebd.
33
Ebd.: 79f.
34
Daniel Lerner war ein US-amerikanischer Propagandaforscher

9
einem zeitlichen Prozess, in Folge dessen sich demokratische Normen entwickeln und er-
halten.
35
In der Folge geht Lipset in seiner Argumentation näher auf die sozialen Auswirkungen des
wachsenden Wohlstandes ein. Er beginnt mit der Unterschicht für welche wachsender
Wohlstand gleichbedeutend ist mit ,,increased income, greater economic security, and hig-
her education"
36
. Mithin also die Möglichkeit längerfristig planen zu können und damit
empfänglicher für komplexere, schrittweise Reformen zu seien. Zusätzlich bedeutet dieser
Wandel für die untere Klasse eine höhere Auseinandersetzung mit verschiedenen Einflüs-
sen, welche typischerweise der Mittelschicht zugesprochen werden. Durch diesen erweiter-
ten Horizont und die verstärkte Teilhabe an der Gesellschaft verringert sich ebenfalls die
Anfälligkeit für extreme politische Positionen. Denn nur diejenigen, die nichts zu verlieren
haben, schließen sich der Revolte an.
37
Nach der Unterschicht widmet sich Lipset der Mittelschicht. Durch den wachsenden
Wohlstand eines Landes verändert sich dessen Gesellschaftsstruktur. Ursprünglich pyra-
midenförmige Gesellschaften mit einem überwiegend armen Bevölkerungsanteil entwi-
ckeln sich hin zu zahlenmäßig von der Mittelschicht dominierten Gesellschaften. Dieser
,,middle-class" schreibt Lipset die Fähigkeit zu Konflikte zu mildern, da sie in der Lage ist
,,moderate and democratic parties" zu belohnen und ,,extremist groups" zu bestrafen.
38
Als letzte Gruppe betrachtet Lipset die Oberschicht. Auch diese bleibt von einem steigen-
den Nationaleinkommen nicht unberührt. Denn je ärmer ein Land ist und damit einherge-
hend, je niedriger der Lebensstandard der Unterschicht, ,,the greater the pressure on the
upper strata to treat the lower classes as beyond the pale of human society, as vulgar, as
innately inferior, as a lower caste."
39
Verbunden damit ist die Haltung der Oberschicht, der
Unterschicht jegliches Mitspracherecht an der Politik vorzuenthalten. Im Gegenzug ver-
stärken sich dadurch die extremistische Haltung der Unterschicht.
40
Ferner argumentiert Lipset, dass das Nationaleinkommen Einfluss nimmt auf die politi-
schen Normen der Toleranz.
41
Gemeint ist damit, dass es mit steigendem Nationalein-
35
Vgl. Lipset: Requisites (1959): S. 80-82.
36
Ebd.: 83.
37
Ebd.
38
Ebd.
39
Ebd.
40
Ebd.: 83f.
41
Ebd.: 84.
Ende der Leseprobe aus 31 Seiten

Details

Titel
Die Regierungszeit des Salvador Allende und die Ursachen für den Umbruch 1973 in Chile
Untertitel
Die Modernisierungsthese nach Seymour M. Lipset
Hochschule
Universität Passau
Note
1,3
Autor
Jahr
2017
Seiten
31
Katalognummer
V388466
ISBN (eBook)
9783668626201
ISBN (Buch)
9783668626218
Dateigröße
756 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
regierungszeit, salvador, allende, ursachen, umbruch, chile, modernisierungsthese, seymour, lipset
Arbeit zitieren
Georg Mastorikou (Autor:in), 2017, Die Regierungszeit des Salvador Allende und die Ursachen für den Umbruch 1973 in Chile, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/388466

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