[...] In dieser Arbeit soll untersucht werden, ob die geplante Harmonisierung von Regeln, Strukturen und Prozeduren aus ökonomischer Perspektive sinnvoll ist. Dabei wird von einem gemeinsamen Ziel Russlands und der EU ausgegangen, nämlich der wirtschaftlichen Entwicklung Russlands. Für eine intensive Kooperation gibt es gute Gründe: Die gemeinsame Grenze hat sich durch die unlängst erfolgte Erweiterung der EU verlängert und von einer Integration der Märkte könnten beide Seiten profitieren. Die EU hat Interesse an einem prosperierenden Russland, mit dem ein reger Handel stattfindet, der beiden Parteien zugute kommt. Russlands wirtschaftliche Situation hat sich in den letzten Jahren zwar erheblich gebessert, dennoch ist eine weitere Entwicklung in Richtung Wohlstand keineswegs als selbstverständlich anzusehen, und die wirtschaftlichen Beziehungen zur EU werden aller Voraussicht nach einen wesentlichen Beitrag zum russischen Wirtschaftswachstum leisten. Die vorgesehene regulatory convergence soll die Handelsintegration begleiten und fördern, und sich somit positiv auf Wohlstand und Wachstum auswirken. Dieser Gedanke entsteht offensichtlich in Anlehnung an die Erweiterungspolitik der EU, und man erhofft sich dadurch einen ähnlichen Erfolg wie in den neuen Mitgliedsstaaten. Den theoretischen Hintergrund der Analyse, der in Kapitel 2 vorgestellt wird, bildet die Literatur, die sich mit der Entstehung und dem Wandel von Regeln und Normen auseinandersetzt (welche in der Ökonomie allgemein als Institutionen bezeichnet werden). Im Zentrum von Kapitel 3 steht das Konzept des CES. Es wird auf die bisherige politische Beziehung zwischen Russland und der EU eingegangen, das offizielle Konzeptpapier zusammengefasst und dessen Interpretation in der Literatur wiedergegeben. Der Beschluss von Russland und der EU, ihre Regeln und Gesetze zu harmonisieren, impliziert im Extremfall eine Übertragung des gesamten acquis communautaire nach Russland, also des Gesamtbestandes an Rechten und Pflichten, der für die Mitgliedsstaaten der EU verbindlich ist. Diese Gesetze und Regeln sind, insofern sie den Handlungsspielraum der Individuen einschränken und steuern und dadurch die Anreizstrukturen der Gesellschaft definieren, Institutionen. Die optimale institutionelle Gestaltung aber, und dies ist der zentrale Gedanke, der in dieser Arbeit aufgenommen wird, ist landesspezifisch. [...]
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Institutionen und ihre Rolle bei der wirtschaftlichen Entwicklung
2.1 Definition und Relevanz
2.2 Entstehung und Wandel
2.3 Institutionen in der Wirtschaftstheorie und -politik
3 Das Konzept des „Common Economic Space“
3.1 Zum politischen Verhältnis Russlands und der EU
3.2 Das CES-Konzeptpapier
3.3 Der CES in der Literatur
4 Die Übertragung von Institutionen im Rahmen des CES
4.1 Zur wirtschaftlichen Situation Russlands
4.2 Die Übertragung des acquis communautaire
4.2.1 Der acquis communautaire als Regelsystem
4.2.2 Zur Komplementarität des acquis communautaire mit den russischen Institutionen
4.2.3 Chancen und Risiken einer Übertragung des acquis communautaire
4.3 Der CES als Prozess
5 Zusammenfassung
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Die vorliegende Diplomarbeit untersucht aus einer ökonomischen Perspektive, ob die geplante Harmonisierung von Regeln, Strukturen und Prozeduren zwischen der Europäischen Union und Russland – bekannt als „Common Economic Space“ (CES) – sinnvoll ist. Dabei wird kritisch hinterfragt, ob die direkte Übertragung des europäischen Rechtsbestandes (acquis communautaire) auf den russischen institutionellen Kontext zielführend für die wirtschaftliche Entwicklung Russlands ist oder ob dabei die notwendige Komplementarität mit lokalen Gegebenheiten vernachlässigt wird.
- Rolle von Institutionen für die wirtschaftliche Entwicklung
- Analyse der EU-russischen politischen und ökonomischen Beziehungen
- Kritische Bewertung der Übertragung des acquis communautaire nach Russland
- Untersuchung von Erfolgsfaktoren und Risiken institutioneller Reformen
- Betrachtung des CES als dynamischer Prozess und Reformpfad
Auszug aus dem Buch
2.1 Definition und Relevanz
Institutionen sind ein System miteinander verknüpfter, formgebundener und formungebundener (bzw. formaler und informeller) Regeln. Diese Regeln zielen darauf ab, individuelles Verhalten zu steuern. Insofern dies gelingt, schaffen sie Ordnung und erleichtern damit das Treffen von Entscheidungen und die Zusammenarbeit zwischen den Einzelnen. Praktisch gesehen definieren Institutionen deshalb die Anreizstrukturen der Gesellschaft und der Wirtschaft (Richter/Furubotn, 2003, S. 7) und sind für die wirtschaftliche Entwicklung von großer Bedeutung.
Denn sie dienen dem Zweck, Unsicherheit zu reduzieren. Unsicherheit entsteht, weil in einer komplexen Welt Entscheidungen bei unvollständiger Information getroffen werden müssen, da zukünftige Ereignisse nicht vorhergesehen werden können. Auch ist die Fähigkeit, Informationen aufzunehmen und zu verarbeiten, begrenzt (Richter/Furubotn, 2003, S. 3-5). Unter diesen Voraussetzungen kommt den Institutionen eine große Relevanz zu. Sie bilden Richtlinien, die den eigenen Handlungsspielraum einschränken und es ermöglichen, Erwartungen bezüglich des Handelns anderer Akteure zu bilden. Sie können kooperatives Verhalten unterstützen und somit zu einer größeren Effizienz der Wirtschaft insgesamt beitragen. Institutionen sind jedoch selbst nicht kostenfrei und auch nicht notwendigerweise effizient.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Einführung in die Thematik des Common Economic Space und Darstellung der Forschungsfrage sowie der Zielsetzung der Arbeit.
2 Institutionen und ihre Rolle bei der wirtschaftlichen Entwicklung: Theoretische Auseinandersetzung mit der Definition von Institutionen, ihrer Entstehung und Bedeutung für ökonomisches Wachstum.
3 Das Konzept des „Common Economic Space“: Historischer Überblick über die EU-russischen Beziehungen, Zusammenfassung des offiziellen CES-Konzeptpapiers und wissenschaftliche Einordnung.
4 Die Übertragung von Institutionen im Rahmen des CES: Analyse der wirtschaftlichen Ausgangslage Russlands und kritische Diskussion der Vor- und Nachteile einer Übertragung des europäischen Rechtsbestandes.
5 Zusammenfassung: Synthese der Untersuchungsergebnisse und abschließende Bewertung der Sinnhaftigkeit des CES-Projekts.
Schlüsselwörter
Common Economic Space, CES, EU-Russland-Beziehungen, Institutionenökonomik, acquis communautaire, regulatorische Konvergenz, wirtschaftliche Entwicklung, Transformation, transaktionskosten, institutionelles Design, Pfadabhängigkeit, Reformprozess, Marktintegration, Rechtssystem, wirtschaftliche Asymmetrie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert das zwischen der EU und Russland geplante Projekt eines „Common Economic Space“ (CES) aus institutionenökonomischer Sicht.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Felder sind die Rolle von Institutionen für die wirtschaftliche Entwicklung, die Analyse des EU-russischen Verhältnisses sowie die kritische Prüfung der geplanten Harmonisierung von Rechtsvorschriften.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Ziel ist es, zu untersuchen, ob die geplante Übertragung von EU-Recht (acquis communautaire) auf die russische Wirtschaft sinnvoll ist oder ob sie institutionelle Ineffizienzen erzeugen könnte.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine analytische Arbeit, die auf Literaturrecherche und der Anwendung institutionenökonomischer Theorie (einschließlich der Theorie zur Pfadabhängigkeit) basiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretischen Grundlagen von Institutionen, die konkrete Analyse des CES-Konzepts sowie die Untersuchung der wirtschaftlichen Situation Russlands und der Risiken des Transfers des europäischen Regelwerks.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den wichtigsten Begriffen gehören Common Economic Space, Institutionenökonomik, acquis communautaire, wirtschaftliche Entwicklung und regulatorische Konvergenz.
Welche Rolle spielt der „Washington Consensus“ in der Argumentation?
Er dient als Beispiel für ein oft kritiklos angewandtes Reformparadigma und unterstreicht die Notwendigkeit, lokale Gegebenheiten bei institutionellen Reformen zu berücksichtigen.
Warum wird der CES als „Prozess“ und nicht nur als „Zielzustand“ betrachtet?
Weil die Autoren betonen, dass die konkrete Ausgestaltung und die erzielbaren Ergebnisse von der Dynamik der Verhandlungen sowie der Flexibilität der Reformen abhängen, anstatt ein starres, vordefiniertes Zielbild anzustreben.
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- Marina Moser (Author), 2004, Der "Gemeinsame Wirtschaftsraum" zwischen EU und Russland, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/38850