Erotische und sexuelle Darstellungen bei Neidhart

Interpretation des Winterlieds 8


Bachelorarbeit, 2017
28 Seiten, Note: 2

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung

2. Handschriften
2.1 Überlieferungen

3. Die Pastourelle
3.1 Definitionsversuch der Pastourelle
3.2 Das Winterlied 8 – eine Pastourelle?

4. Übersetzung Winterlied 8 (Handschrift R)
4.1 Anmerkungen zur Übersetzung

5. Interpretation
5.1 Strophe I: „Der Natureingang“
5.2 Strophe II: „Flachsschwingen und Liebesringen“
5.2.1 Das Flachsschwingen
5.2.2 Das Liebesringen
5.3 Strophe III: „Der freche Griff“
5.4 Strophe IV: „Das Birnenbraten“
5.5 Strophe V: „Das Seuftenekke

6. Übersetzung Winterlied 8 Strophe VI (Handschrift c)

7. Interpretation
7.1 Strophe VI: „Das Geschlechterspiel“

8. Die Echtheitsdebatte

9. Zusammenfassung

10. Literaturverzeichnis

Abstract

Die vorliegende Arbeit versucht, die zahlreichen erotischen und sexuellen Darstellungen und Motive von Neidhart aufzuzeigen und zu analysieren.

Besonders das Winterlied 8 bietet sich für diese Untersuchung an, da in diesem Lied einige komplexe Funktionen literarischer Erotik stecken. Durch eine Interpretation dieser erotischen und sexuellen Darstellungen sollen diese komplexen Funktionen beschrieben und verstanden werden.

Der Aspekt, dass Neidhart auf Grund der Inhalte seiner Lieder bei seinem Gönner in Bayern in Ungnade fiel und schließlich nach Österreich auswandern musste, hat mein Interesse des Themas für diese Arbeit geprägt.

Der Dichter schafft es in seiner Pastourelle[1] körperliche und verbale Gewalt, Erotik, Machtverhältnisse und das tabuisierte Thema der Impotenz geschickt und auf witzige und absurde Art und Weise zu verknüpfen und zu vereinen. Dieses Zusammenspiel und die zahlreichen damit einhergehenden Metaphern möchte ich in der folgenden Arbeit untersuchen und interpretieren.

1. Einleitung

Neidhart galt als einer der populärsten späthöfischen Minnesängern, verlor aber im Laufe der Zeit zunehmend an Bekanntheit, heute kennt man ihn kaum mehr. Seine fast 200 verfassten Lieder sind in mehreren Handschriften abgebildet. Neben Walter von der Vogelweide zählt Neidhart zu den am häufigsten beziehungsweise umfangreichsten überlieferten Dichtersängern des Mittelalters. Viele seiner Lieder zeichnen sich vor allem durch ihre Derbheit, Lustigkeit und Erotik vom Stil der älteren Minnesänger ab.

Der Dichter fiel jedoch durch die Inhalte seiner Lieder in Ungnade bei seinem Gönner in Landshut (Bayern) und wanderte daher nach Wien aus, wo er dem Herzog Friedrich II diente.

Dieser Aspekt und die Auseinandersetzung mit dem Winterlied 8 weckten mein Interesse an Neidhart, seinen Liedern und deren Inhalte.

In der vorliegenden Arbeit möchte ich mich besonders mit den erotischen und sexuellen Darstellungen in Neidharts Liedern auseinandersetzen. Dieser Bereich erweist sich als sehr bedeutend für Neidharts Liedercorpus. Für meine Analyse eignet sich besonders das Winterlied 8, da dieses Lied zahlreiche, metaphorische aber auch direkte Benennungen und Beschreibungen, sowohl für Liebesbegegnungen und auch für körperliche Zonen enthält.[2]

Die erotische Vereinigung und tabuisierte Themen werden in diesem Lied direkt angesprochen und thematisiert.

Das Winterlied entnahm ich der Ausgabe von Ulrich Müller, Ingrid Bennewitz und Franz Viktor Spechtler unter dem Titel „Neidhart-Lieder. Texte und Melodien sämtlicher Handschriften und Drucke. Band I“ aus dem Jahr 2007. Für die Liederübersetzung der Handschrift R habe ich die Lektüre „Die Lieder; Die Lieder Neidharts: der Textbestand der Pergament-Handschrift und die Melodien; Text und Übertragung, Einführung und Worterklärungen, Konkordanz“ von Siegfried Beyschlag und Horst Brunner 1975 herangezogen. Da diese Edition noch nach den alten Rechtschreibregeln verfasst wurde, ist auch die Übersetzung des Liedes danach gehalten.

Für die Übersetzung der Strophe VI, die nur in Handschrift c abgebildet ist, zog ich Ingrid Bennewitz‘ „Die Pastourelle. Pastourelle oder Pastourellenpersiflage? Neidhart: Wie sol ich die bluomen uberwinden“ in Helmut Tervoorens „Gedichte und Interpretationen. Mittelalter“ aus dem Jahr 1993 heran, da diese letzte Strophe bei Beyschlag und Brunner nicht abgebildet ist.

Ich möchte zu Beginn der Arbeit die Überlieferungssituation des Winterlieds 8 erläutern. Hier nehme ich Bezug auf Handschrift R und c. In einem weiteren Kapitel werde ich die wichtigsten Merkmale der Pastourelle aufzeigen, da diese Elemente in manchen Liedern, besonders im Winterlied 8, zu finden sind. Danach soll eine Übersetzung des Winterlieds 8 (Handschrift R) folgen, um im nächsten Kapitel auf die Interpretation des Liedes und das eigentliche Thema der sexuellen und erotischen Darstellungen eingehen zu können.

Weiteres gehe ich zur Übersetzung der Strophe VI des Winterliedes in der Handschrift c über. Das alternative Ende in dieser Überlieferung sollte im Mittelpunkt stehen und in der nachfolgenden Echtheitsdebatte mit dem Inhalt der vorherigen Strophen in Handschrift R in Verbindung gebracht oder Abweichungen geschildert werden.

Am Schluss der Arbeit sollte Neidharts Winterlied 8 mit seinen zahlreichen erotischen und sexuellen, versteckten wie auch klar angedeuteten Darstellungen wie Metaphern, verständlich interpretiert und dargestellt worden sein.

2. Handschriften

2.1 Überlieferungen

Das mittelhochdeutsche Winterlied Nummer 8 von Neidhart von Reuenthal „wird von den beiden wichtigsten Textzeugen der Neidhart Tradition überliefert“[3].

Zum einen befindet es sich in der Riedegger Handschrift (R), die aus dem 13. Jahrhundert aus adeligen Literaturkreisen Niederösterreichs stammt und zu den Papierhandschriften zählt.[4]

Zum anderen wurde das Winterlied in der Berliner Papierhandschrift (c), um die Mitte des 15. Jahrhunderts, möglicherweise in der Gegend von Nürnberg geschrieben, abgebildet.[5]

„Mit 131 Liedern bietet Handschrift c die umfangreichste Überlieferung unter den insgesamt 25 (bzw. 26) Handschriften bzw. Fragmenten und drei Drucken […]“[6]

Jedoch zielt die Handschrift R auf die „echten“ Überlieferungen der Neidhart Lieder ab, Handschrift c weist „echte“ und „unechte“ Überlieferungen auf. Somit schreibt man der Riedegger Handschrift die größte Bedeutung in der Überlieferung der Neidhart Dichtungen zu.[7]

Bei der Betrachtung der beiden Überlieferungen fällt auf, dass beide Handschriften (R und c) die gleiche Abfolge an Strophen aufweisen, die Berliner Papierhandschrift jedoch eine Abweichung zulässt: Die letzte Strophe befindet sich nur in der Papierhandschrift c.

3. Die Pastourelle

Zuerst möchte ich versuchen, eine Definition für den Liedtyp der Pastourelle zu finden und diese dann auf das Winterlied 8 anwenden.

Jede Diskussion des Liedes R 31 / c 82 muß [sic!] gleichsam auf der Folie eines doppelten Gattungshintergrundes erfolgen: dem des Neidhartliedes und dem der Pastourelle. Gerade die ältere Forschung versuchte immer wieder, den Zusammenhang mit der Rezeption der französischen Pastourelle zu klären ...[8] (Bennewitz 1993: 327)

3.1 Definitionsversuch der Pastourelle

Die Pastourelle ist eine Gattung aus dem französischen Raum, besonders ab dem 13. Jahrhundert wird sie in Nordfrankreich gepflegt und gilt mehr als hundert Jahre lang als eine sehr beliebte Dichtungsart.[9]

Sabine Brinkmann formuliert einige Gesichtspunkte, die die Pastourelle einhält: Dieser Liedtyp handelt von einem Liebesabenteuer eines Mannes, das in der Ich-Form berichtet wird. Sein Stand ist nicht eindeutig bekannt, doch meist handelt es sich um einen Ritter. Der Stand ist hierbei auch nicht von großer Wichtigkeit, aber die Tatsache, dass er ein Vertreter der höfischen Welt ist, nimmt eine große Rolle ein. Er begegnet bei einem Ausritt einem liebreizenden Mädchen, das sofort die Liebeslust in ihm entflammen lässt. In romanischen Traditionen wird dieses Mädchen meist als Schäferin dargestellt. Der Mann versucht nun, um seine Angebetete zu buhlen. Diese weigert sich zunächst, doch der Ritter verstärkt dadurch nur sein Werben . Laut Brinkmann ähneln sich in diesen Punkten alle Arten von Pastourellen.[10]

Sucht man nun im Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft nach einer Definition des Liedtyps, wird die (erotische) Begegnung einer Frau, meist niederen Standes, mit einem ranghöheren Mann in den Vordergrund gestellt. Diese Zusammentreffen erfolgt in freier Natur.[11]

Der Schlussteil der Pastourelle kann durch mehrere unterschiedliche Möglichkeiten gekennzeichnet sein: „Zunächst gibt es folgende Alternative: der Ritter kommt entweder zum Ziele, oder aber er muß [sic!] seine Bemühungen erfolglos abbrechen.“[12]

Zu diesen beiden Möglichkeiten gibt es verschiedene Motivationen: Entweder kann die Angebetete durch eine List dem Ritter entwischen oder auch, dieser Fall kommt jedoch selten vor, gerettet werden. Edle Ritter lassen manchmal sogar von selbst von ihrem Vorhaben ab. Sehr häufig jedoch wird der Liebestolle gerade durch den Widerstand seiner Angebeteten so sehr gereizt, dass sie einer Vergewaltigung nicht mehr entgehen kann.[13]

In anderen Liedern werden die Mädchen als weniger spröde dargestellt, sie lassen sich von den Worten des Ritters so sehr umwerben, dass sie seinen Forderungen nachgeben, „oder aber sie erweist sich als sehr materialistisch eingestellte Person, die durch die angebotenen Geschenke zur Hingabe bewogen wird.“[14]

Brinkmann schreibt ebenfalls, dass es sehr schwer fällt, in der Gattung der Pastourelle „etwas anderes als die spontane, rein sinnliche Liebe darzustellen. Die Pastourelle ist geradezu die Form, in der im Mittellater [sic!] der erotische Wunsch und seine Erfüllung konkret ausgesprochen werden durfte und sollte.“[15]

3.2 Das Winterlied 8 – eine Pastourelle?

Lassen sich in den Neidhart-Liedern grundsätzlich, wie in der Forschung wiederholt betont, Elemente der romanischen Pastourelle beobachten, so gilt dies in ganz besonderem Maße für dieses Winterlied. Sowohl Personal (Ritter und ein – im Vergleich dazu – ständisch deklassiertes Mädchen, wenn auch keine Schäferin) wie Handlungsverlauf erlauben es, direkte Parallelen zu ziehen.[16]

Bennewitz weißt also darauf hin, dass einige Parallelen zwischen Neidharts Winterlied 8 und der Gattung der Pastourelle zu finden sind.[17]

Wie in der Definition laut Brinkmann finden wir bei Neidhart einen Ritter, der sich auf ein Liebesabenteuer begibt. Dieses Abenteuer wird in der Ich-Form geschildert, und der liebestolle Ritter begegnet einer Flachsschwingerin niedereren Standes als er es ist, und versucht, sie zu umwerben. Auch in Neidharts Lied weigert sich die Angebetete zuerst, doch der Ritter gibt nicht auf und verstärkt sein Werben um die Gunst der Dame.

Der Schluss, in Handschrift c, weist eine zum Ende sich hingebende Dame auf, die bereit ist, sich mit dem Ritter sexuell zu vereinen.

Der Inhalt also gibt die Kriterien einer Pastourelle sehr genau wieder, „dennoch ist die Annahme, Neidhart habe detaillierte Kenntnisse der französischen Dichtung besessen, sie möglicherweise sogar ganz direkt über einen Kreuzzugsteilnahme erworben, zwar nicht von der Hand zu weisen, aber keinesfalls zwingend.“[18]

Brinkmann schreibt dazu:

Neidharts Lied über das Abenteuer mit der Flachsschwingerin läßt [sic!] sich den altfranzösischen Pastourellen mit komischer, ja komödiantenhafter Tendenz zur Seite stellen, […] Zugleich schläft bei Neidhart das Komische leicht ins Obszöne, erotisch Zweideutige um, auch dies ein Charakteristikum vieler Pastourellen […][19]

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass es keine eindeutigen Beweise gibt, die darauf schließen, dass Neidhart das Winterlied absichtlich in der Gattung der Pastourelle schrieb, doch können einige Parallelen zwischen diesen gezogen werden und eine Annahme, das Winterlied sei eine Pastourelle, wird nicht als falsch betrachtete.

[...]


[1] Begriff in 3. näher definiert

[2] vgl. Schweikle, 1990, S. 108.

[3] Bennewitz, 1993, S. 321.

[4] Vgl. Wießner, 1999, S. XVII.

[5] Bennewitz, 1993, S. 321.

[6] Ebd. S. 321.

[7] Vgl. Wießner, 1999, S. XVII.

[8] Bennewitz, 1993, S. 327.

[9] Vgl. Brinkmann, 1985, S. 10.

[10] Ebd. S. 11-12.

[11] Vgl. Eizenberger, 2010, S. 7.

[12] Brinkmann, 1985, S. 13.

[13] vgl. Ebd. S. 13.

[14] Ebd. S. 14.

[15] Ebd. S. 14.

[16] Bennewitz, 1993, S. 332.

[17] Vgl. Ebd. S. 332

[18] Ebd. S. 332

[19] Ebd. S. 223

Ende der Leseprobe aus 28 Seiten

Details

Titel
Erotische und sexuelle Darstellungen bei Neidhart
Untertitel
Interpretation des Winterlieds 8
Hochschule
Universität Salzburg
Note
2
Autor
Jahr
2017
Seiten
28
Katalognummer
V388659
ISBN (eBook)
9783668635340
ISBN (Buch)
9783668635357
Dateigröße
579 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Neidhart, Neidharts Lieder, Erotik, Sexualität, Ältere deutsche Literatur, Winterlieder, Winterlied 8, Interpretatiton
Arbeit zitieren
Marlene Untersteiner (Autor), 2017, Erotische und sexuelle Darstellungen bei Neidhart, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/388659

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