Die vorliegende Arbeit versucht, die zahlreichen erotischen und sexuellen Darstellungen und Motive von Neidhart aufzuzeigen und zu analysieren.
Besonders das Winterlied 8 bietet sich für diese Untersuchung an, da in diesem Lied einige komplexe Funktionen literarischer Erotik stecken. Durch eine Interpretation dieser erotischen und sexuellen Darstellungen sollen diese komplexen Funktionen beschrieben und verstanden werden.
Der Aspekt, dass Neidhart auf Grund der Inhalte seiner Lieder bei seinem Gönner in Bayern in Ungnade fiel und schließlich nach Österreich auswandern musste, hat mein Interesse des Themas für diese Arbeit geprägt.
Der Dichter schafft es in seiner Pastourelle körperliche und verbale Gewalt, Erotik, Machtverhältnisse und das tabuisierte Thema der Impotenz geschickt und auf witzige und absurde Art und Weise zu verknüpfen und zu vereinen. Dieses Zusammenspiel und die zahlreichen damit einhergehenden Metaphern möchte ich in der folgenden Arbeit untersuchen und interpretieren.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Handschriften
2.1 Überlieferungen
3. Die Pastourelle
3.1 Definitionsversuch der Pastourelle
3.2 Das Winterlied 8 – eine Pastourelle?
4. Übersetzung Winterlied 8 (Handschrift R)
4.1 Anmerkungen zur Übersetzung
5. Interpretation
5.1 Strophe I: „Der Natureingang“
5.2 Strophe II: „Flachsschwingen und Liebesringen“
5.2.1 Das Flachsschwingen
5.2.2 Das Liebesringen
5.3 Strophe III: „Der freche Griff“
5.4 Strophe IV: „Das Birnenbraten“
5.5 Strophe V: „Das Seuftenekke“
6. Übersetzung Winterlied 8 Strophe VI (Handschrift c)
7. Interpretation
7.1 Strophe VI: „Das Geschlechterspiel“
8. Die Echtheitsdebatte
9. Zusammenfassung
10. Literaturverzeichnis
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit analysiert die erotischen und sexuellen Motive in Neidharts Winterlied 8, um durch eine detaillierte Interpretation die komplexen Funktionen literarischer Erotik und die Verbindung von Gewalt, Machtverhältnissen und Tabuthemen in seinen Dichtungen aufzuzeigen.
- Untersuchung der Überlieferungssituation (Handschrift R und c).
- Analyse des Liedtyps "Pastourelle" und dessen Anwendbarkeit auf das Winterlied 8.
- Interpretation der erotischen Metaphorik und Symbolik (u.a. Flachsschwingen, Birnenbraten, Seufzereck).
- Untersuchung der Rollenverteilung zwischen dem männlichen Ich und der bäuerlichen Protagonistin.
- Diskussion zur Echtheitsdebatte bezüglich der sechsten Strophe in der Handschrift c.
Auszug aus dem Buch
5.2.1 Das Flachsschwingen
Die Flachsbearbeitung hat in Mythos und Brauchtum eine besondere Bedeutung. Die Kulturpflanze gilt als „Frauenpflanze“ und steht in magischem Zusammenhang mit dem weiblichen Geschlecht. Dass das Flachsdreschen eine erotische und sexuelle Assoziation aufweist, könnte mit dem Aspekt des rhythmischen Tempos des Peitschens oder auch der phallischen Form des Flachses zusammenhängen.28
Tervooren weist auf die kultischen Flachsbräuche hin, um das Bild des Flachsdreschens zu beschreiben. Er meint, dass sich mit dem Flachs und mit dessen Verwertung viele brauchtümliche Vorstellungen verbinden. Zwei davon führt er für das Verständnis des Liedes als wichtig an: Zum einen die Zuordnung des Flachses zu ausschließlich weiblichen Arbeitsbereichen und zweitens der Zusammenhang von vegetativer Fruchtbarkeit und weiblicher Sexualität.29
Zu ersterem lässt sich sagen, dass das Flachsschwingen, wie bereit erwähnt, eine reine Frauentätigkeit war und Männer dabei nicht zugelassen waren. Wenn ein Mann diesem beiwohnen wollte, wurde er angegriffen, ausgezogen und sein Gewand an einen Baum gehängt. Die Brecherinnen, die den Flachs dörrten und brachen, rieben den Männern, die ihnen bei ihrer Arbeit zu nahe kamen, die stacheligen Abfälle der Fasern in Gesicht und Hände. Er musste Lösegeld zahlen und wurde dabei auch nicht selten wild geküsst. Anderswo wird der Mann sogar gehöselt30 und mit Kastrierung bedroht. Mit diesem Hintergrund wird der Handlungsverlauf von Winterlied 8 gesteuert und die Aggressivität der flachsschwingenden und umworbenen Frau erklärt. Somit ist es sicher kein Zufall, dass in diesem Lied das Flachsmotiv in Verbindung mit dem Motiv des abgewiesenen Liebhabers erscheint.31
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in die Bedeutung Neidharts als Minnesänger und die thematische Fokussierung auf sein Winterlied 8 hinsichtlich erotischer Darstellungen.
2. Handschriften: Darstellung der Überlieferungssituation des Winterlieds 8 in den Handschriften R und c.
3. Die Pastourelle: Definition der Gattung Pastourelle und Prüfung der Parallelen im Winterlied 8.
4. Übersetzung Winterlied 8 (Handschrift R): Dokumentation und philologische Aufbereitung des Liedtextes nach Handschrift R.
5. Interpretation: Detaillierte Analyse der Strophen I bis V inklusive der symbolischen Bedeutung von Natur, Arbeitstätigkeiten und Rollenspielen.
6. Übersetzung Winterlied 8 Strophe VI (Handschrift c): Präsentation der in Handschrift R fehlenden, aber in Handschrift c enthaltenen abschließenden Strophe.
7. Interpretation: Analyse der in Strophe VI geschilderten Handlung als ironischer Kommentar.
8. Die Echtheitsdebatte: Diskussion um die Authentizität der Strophe VI im Kontext des Gesamtwerks.
9. Zusammenfassung: Synthese der Ergebnisse zur erotischen Funktionalität in Neidharts Dichtung.
10. Literaturverzeichnis: Auflistung der herangezogenen wissenschaftlichen Quellen.
Schlüsselwörter
Neidhart, Winterlied 8, Pastourelle, Minnesang, erotische Motive, Flachsschwingen, Birnenbraten, Machtverhältnisse, Symbolik, Literaturwissenschaft, Handschrift R, Handschrift c, Geschlechterspiel, Mittelalter, Tabuthemen
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Bachelorarbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die spezifischen erotischen und sexuellen Darstellungen in den Liedern des Minnesängers Neidhart, mit einem besonderen Fokus auf dem Winterlied 8.
Welche zentralen Themenfelder behandelt die Autorin?
Zentrale Themen sind die Gattung der Pastourelle, mittelalterliche Brauchtumssymbolik, Geschlechterrollen und der Umgang mit Tabuthemen in der höfischen Dichtung.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, die komplexen Funktionen der erotischen Metaphorik bei Neidhart zu entschlüsseln und aufzuzeigen, wie er spielerisch mit den Konventionen des Minnesangs bricht.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zur Anwendung?
Die Autorin nutzt literaturwissenschaftliche Textanalyse, vergleicht verschiedene Handschriften (R und c) und zieht fachwissenschaftliche Sekundärliteratur zu Gattungsgeschichte und Symbolik heran.
Was bildet den inhaltlichen Schwerpunkt des Hauptteils?
Der Hauptteil gliedert sich in die Interpretation der einzelnen Strophen, wobei insbesondere die symbolische Bedeutung von Arbeitstätigkeiten wie dem Flachsschwingen und Birnenbraten analysiert wird.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Neidhart, Pastourelle, Erotik, Minnesang, Symbolik, Flachsdreschen und die Echtheitsdebatte.
Welche Rolle spielt die sechste Strophe in der Handschrift c?
Sie dient als ironischer Kommentar oder sogenannte „Trutzstrophe“ und wird in der Arbeit als explizitere Fortführung der erotischen Handlung im Vergleich zu Handschrift R interpretiert.
Wie wird das Motiv des „Seufzerecks“ interpretiert?
Die Autorin diskutiert verschiedene Ansätze, darunter die Deutung als phallische Metapher oder als spielerischer Hinweis auf den Ort des Geschehens, und betont dessen Bedeutung für die Pointe des Liedes.
- Citar trabajo
- Marlene Untersteiner (Autor), 2017, Erotische und sexuelle Darstellungen bei Neidhart, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/388659