Formen des Wohnens und soziales Leben von Studenten in Eichstätt. Eine mikroanalytische Fallstudie


Bachelorarbeit, 2015

41 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Wissenschaftliche Einführung
1.1 Forschungsstand
1.2 Verständnisbegriffe und theoretische Zugänge: Raum, Wohnen, Wohnkultur und Lebensstil
1.3 Methodischer Zugriff
1.4 Fragestellung

3 Vorstellung der Studienteilnehmer und deren Wohnsituationen
3.1 C.
3.2 E.
3.3 I.
3.4 F.
3.5 J.
3.6 B.

4 Analyse des erhobenen Materials
4.1 Erhebungen bezüglich der Wohnsituation: Raumstrukturen, Einrichtung, Funktionen
4.1.1 Fixe Merkmale
4.1.2 Mobile Merkmale
4.1.3 Raumfunktionen
4.1.4 Persönliche Beurteilung durch die Befragten
4.2 Angaben zum Sozialleben
4.2.1 Freizeitaktivitäten
4.2.2 Unternehmungen im Freundeskreis: Personen, Aktivitäten, Treffpunkte
4.2.3 Lebensalltägliche Tätigkeiten
4.2.4 Urlaubs- bzw. Heimfahrverhalten: Frequenz, Orte, Mitreisende
4.2.5 Persönliche Einschätzungen bzw. Beurteilungen
4.3 Schlussstatements der Befragten

5 Interpretation und theoretische Überlegungen
5.1 Einschränkungen durch Raum, Personen und Wohnort
5.2 Gemeinschaftliche Aktivitäten innerhalb und außerhalb der Wohnung
5.2.1 Gemeinschaftlich genutzte Räume
5.2.2 Treffpunkte im öffentlichen Rahmen
5.3 Verortung der Freundeskreise
5.4 Heimfahr- und Urlaubsverhalten
5.5 „Fotos“ als zentrale Objekte in den Zimmern

6 Fazit der mikroanalytischen Studie

7 Anhang
7.1 Literaturverzeichnis
7.1.1 Sekundärliteratur
7.1.2 Quellenverzeichnis
7.2 Fragenkatalog
7.3 Bildverzeichnis

1 Einleitung

„Wohnst du noch oder lebst du schon!“[1]

Diese Bachelor-Arbeit mit dem Titel „Formen des Wohnens und soziales Leben von Studenten in Eichstätt - Eine mikroanalytische Fallstudie“ befasst sich mit wohnkulturellen und freizeitgestalterischen Elementen innerhalb des Studentenlebens in der Universitätsstadt Eichstätt in Bayern. Die Idee für dieses Thema entstand durch persönliche Erfahrungen und durch den Austausch mit anderen Studenten. Studentenstädte sind bekannt für ihr blühendes Nachtleben, das sich aber vornehmlich auf die Vorlesungszeit beschränkt. Nachdem ich selbst schon im Wohnheim und in zwei Wohngemeinschaften (WGs) gelebt habe, konnte ich unterschiedliche Auswirkungen auf mein eigens Sozialleben bemerken. Im Wohnheim musste ich aktiv vor die Tür gehen, um in Interaktion mit anderen Menschen zu treten. Hingegen ist in meiner aktuellen WG oft so viel geboten, dass ich mich weniger an öffentliche Orte begeben muss. Diese Beobachtung an mir selbst hat mich neugierig gemacht. Mich hat nicht nur interessiert, ob es Zusammenhänge zwischen der Wohnform und dem Sozialleben von Studenten gibt, sondern auch, wie andere Studenten wohnen und welche Erfahrungen sie zu verbuchen haben. Vor dieser Studie hatte ich immer das Gefühl, dass viele Studenten in Eichstätt nur wegen des Studiums wohnen und, sobald das Wochenende beginnt oder die Ferien anfangen, wieder ihre Koffer packen und in rasender Geschwindigkeit abreisen. Sie sind noch nicht hier angekommen, leben nicht in ihren Wohnungen und fühlen sich nicht heimatlich. Andere wiederum gehören zum Eichstätter Leben wie der Dom im Zentrum. Sie haben schon vor langer Zeit begonnen hier zu leben und nicht nur zu wohnen. Der Werbeslogan „Wohnst du noch oder lebst du schon!“ bekommt hier eine neue und treffende Bedeutung. Das eine Lager der Studentenschaft lebt in Eichstätt und fühlt sich hier verwurzelt, der andere Teil wohnt hier nur, solange es nötig ist.

Eichstätt ist auch meine neue Wahlheimat. Die Stadt ist sehr überschaubar, die Einwohnerzahl explodiert nahezu während des Semesters und wird von Studenten überschwemmt. Dennoch handelt es sich um eine kleine Universität mit knapp 4.000 Studenten, was eine familiäre und persönliche Atmosphäre entstehen lässt.

Für meine Studie wurden sechs Personen qualitativ untersucht und hinter die Kulissen ihrer Wohnungen geblickt. Außerdem wurden sie zu ihrem Leben in Eichstätt befragt. Daher soll am Ende dieser Arbeit keine allgemeingültige Theorie, die für alle Studenten zutrifft, stehen, sondern ein Einblick in die Lebenswelt von sechs Eichstätter Studenten gegeben werden. Hin und wieder existieren Parallelen oder Abweichungen, die theoretische Vermutungen zulassen, aber im Vordergrund soll eine Darstellung im mikroanalytischen Bereich der Wohn- und Freizeitverhältnisse der Studienteilnehmer stehen.

2 Wissenschaftliche Einführung

1.1 Forschungsstand

Im Bereich der Wohnforschung sind innerhalb der Disziplin der Europäischen Ethnologie/ Volkskunde vereinzelt Arbeiten entstanden. Die Wohnforschung ist ein interdisziplinäres Thema, das auch in der Soziologie, Philosophie und Kulturwissenschaft näher betrachtet wird. Als zentrale Werke sind zum einen aus der Volkskunde die Habilitation „Möblierter Sinn. Städtische Wohn- und Lebensstile“(1998) von Elisabeth Katschnig-Fasch und zum anderen die soziologische Einführung „Soziologie des Wohnens. Eine Einführung in Wandel und Ausdifferenzierung des Wohnens“ (1996) von Hartmut Häußermann und Walter Siebel zu nennen. Des Weiteren werden dieser Arbeit vor allem zwei Studien als Vorbild dienen: aus dem Jahr 2010 „Wohnen als Verortung. Identifikationsobjekte in deutsch-/türkischen Wohnungen“ von der Europäischen Ethnologin Maria Schwertl und aus dem Jahr 2011 die Studie „Studentische Lebensqualität und Lebensstile. Wohnen, Mobilität, Soziales, Freizeit und Berufschancen“ von den Soziologinnen Sylvia I.L. Amiani, Nicole Schwamb und Veronika Hammer. Außerdem fand im Jahr 1992 ein Projekt am Institut für deutsche und vergleichende Volkskunde der Universität München mit dem Titel „Studentenfutter“ statt, dessen Endprodukt eine Ausstellung über das Essverhalten von Studenten war. Der von Esther Gajek und Irene Götz veröffentlichte Katalog ermöglicht weitere Einblicke in die Beobachtung von studentischem Leben und bietet somit einen exemplarischen wissenschaftlichen Einblick in die Studentenkultur.

In dem Werk „Möblierter Sinn“ von Elisabeth Katschnig-Fasch wurden sowohl allgemein als auch exemplarisch am Beispiel der Stadt Graz Lebensstile empirisch untersucht. „Es wird danach gefragt, welcher Selbst- und Fremdverortung der „Wohnstil“ als Lebensstil entspricht, ob Klassengebundenheit tatsächlich keine Rolle mehr spielt, ob Lebensstile nur noch als monadisierte und atomisierte Ausdrucksmöglichkeiten einer psychischen Disposition zu interpretieren sind und schließlich, welche Befunde sich aus den empirischen Feldern zur Alltagskultur der Gegenwart festmachen lassen.“[2] Damit geht es um eine Hinterfragung der aktuellen Beschaffenheit von Wohnstil, der hierbei mit dem Lebensstil gleichgesetzt wird. Es wird nach geeigneten Definitionen, Inhalten, Charakteristika und Zuschreibungen von Lebensstilen gesucht und darüber hinaus mit möglicherweise überholten Ansichten verglichen. Dabei behandelte sie eine außerordentlich große Bandbreite, die vom 19. Jahrhundert bis in die Gegenwart reicht und verschiedene Einordnungen der Lebensstile einbezieht (Klassen, Politik, Wohnformen, Architektur, Wertewandel). Die empirischen Daten dieser Arbeit stützen sich auf 145 Interviews mit Bewohnern und 19 Experteninterviews, die in drei Erhebungsphasen zwischen 1980 und 1994 entstanden. Außerdem ging Katschnig-Fasch nach der „city editor“-Methode nach Robert E. Parks vor, d.h. sie kam bei ihren stadtweiten Beobachtungen zufällig mit den Befragten in Kontakt.[3] Besonders wertvoll für diese Arbeit sind Katschnig-Faschs Ausführungen zu den Begriffen „Wohnen“, „Lebensstil“ und „Raum“, auf die im nächsten Punkt noch Bezug genommen wird. Abschließend kam sie unter anderem zu diesen Schlussfolgerungen: Die verschiedenen Lebensstile bieten Chancen, aber auch Risiken, die zu unendlichen Möglichkeiten führen.[4] Der zeitgenössische gesellschaftliche Wandel ist keine Gegenbewegung zu bisherigen Lebensentwürfen, sondern ein Korrekturversuch, um sich mit den verfügbaren Möglichkeiten individuell auszudrücken. Und dieses individuelle Versuchen bildet das Neue in unserer Gesellschaft.[5]

Das soziologische Pendant „Soziologie des Wohnens“ von Häußermann und Siebel hatte als Gegenstand die Beschäftigung mit den gesellschaftlichen Ursachen, die zu den unterschiedlichen Wohnformen führten. Dabei betrachteten die Wissenschaftler in einem historischen Abriss die verschiedenen Wohnweisen. Sie suchten nach sozialen Veränderungen zwischen den einzelnen gesellschaftlichen Epochen, die zu einem Wandel in der jeweiligen Wohnweise führten.[6] Die Untersuchung umfasste einen Zeitraum von der Industrialisierung bis in die Gegenwart. Außerdem suchten die zwei Soziologen nach einem Idealtypus des Wohnens, der sich in den 1950er und 1960er Jahren durch historischen Wandel herauskristallisierte. Dabei handelte es sich um eine für diese Zeit typische Wohnweise, die aus „Drei-Zimmer-Küche-Bad-WC-Zentralheizung“[7] bestand. Außerdem wurden vier Merkmale bezüglich des Idealtypus herausgearbeitet: „die Zweigenerationenfamilie als soziale Einheit, die Trennung von Wohnen und beruflicher Arbeit, die Polarität von Privatheit und Öffentlichkeit und die individuelle Aneignung durch Kauf oder Miete...“[8]. Besonders zentral für diese Arbeit sind Häußermann und Siebels Ausführungen über den Begriff der „Wohnkultur“: Der Begriff Wohnkultur[9] ist ein Oberbegriff, dem sich viele verschiedene Wohnformen und –weisen zuordnen lassen. Dabei befinden sich die Ausformungen der Wohnkultur in permanenter Veränderung und sind nicht durch statische Merkmale festgelegt.

Charakterisieren lassen sich Formen der Wohnkultur durch die soziale Lage, die Funktion und die Normierungen im Bezug auf die Bewohner.

Dabei wird das Wohnen in Funktion und Ästhetik durch den Lebensstil, den Geschmack und die Persönlichkeitsmerkmale der Eigentümer geprägt.

Bei der Betrachtung der Wohnkultur ist einerseits die Sinn- und Bedeutungszuweisung bezüglich der Objekte/ Wohnung durch das einzelne Individuum zu beachten. Andererseits darf aber auch das gegenseitige Bedingen von Bewohnern und äußeren Faktoren nicht vernachlässigt werden. Die Wohnung symbolisiert zwar Individualität, aber dennoch kann sie nicht ausnahmslos als Schöpfung eines individuellen Ichs gesehen werden, da Konventionen, Kapital, Infrastruktur und Architektur dem individuellen Handlungsrahmen Grenzen setzen.

Generell kann Wohnkultur als Repräsentation von sozialer Zugehörigkeit, gesellschaftlichen Normen und dem Zugang zu materiellen und kulturellen Ressourcen der individuellen Personen gesehen werden.

Als wichtige Grundlage und Bezugsquelle dieser Arbeit soll die volkskundliche Studie „Wohnen als Verortung. Identifikationsobjekte in deutsch-/ türkischen Wohnungen“ von Maria Schwertl (2010) dienen.

In dieser Studie ging Maria Schwertl anhand qualitativer Interviews folgender Frage nach: „Welchen Einfluss haben Migrationserfahrungen und/oder –hintergrund mit ihrer Ermöglichung von transnationalen Lebensstilen auf Wohnen und Wohnungen?“[10]

Sie zeigte auf, dass Objekte neben der Interpretation des Besitzers auch durch eine gesellschaftliche Benutzung eine bestimmte Bedeutung erhalten und ein „kulturelles Image“[11] (Langbein) vermitteln. Zentral für Schwertl war es, den Habitus nicht fix in einem nationalen Sozialraum verhaftet zu sehen, sondern diesen in Verknüpfung mit transnationalen Praktiken zu betrachten. Damit entsteht nicht nur eine Wechselwirkung zwischen dem nationalen Kontext des aktuellen Lebensraums und transnationalen Handlungen, sondern auch zwischen dem Habitus und diesen transnationalen Handlungen.[12]

Dies versuchte sie durch eine Kombination von qualitativen Interviews mit Betrachtung von Objekten, Räumen und Handlungen/Nutzungen herauszuarbeiten. Als methodische Herangehensweise wählte Schwertel die Grounded Theory, welche auf Anselm Strauss zurückgeht. Ziel ist es hierbei, basierend auf den erhobenen empirischen Daten mit Hilfe einer Methodenvielfalt eine Theorie zu formen.[13] Als Methoden verwendete Schwertel teilstandartisierte, problemzentrierte Interviews und kombinierte diese mit Teilnehmenden Beobachtungen.[14]

Die Arbeit unterteilt sich in drei Teile: „(Wohn)Biographien im Kontext“, „Die Wohnung als Teil transnationaler Alltagswelten“ und „Wohnen als identitäre Räume und Objekte als Zeichen der Selbst-Verortung“. Bevor im ersten Teil die einzelnen Fallbeispiele (neun Stück) vorgestellt werden, werden soziohistorische Prozesse der türkischen Migranten erläutert. Dazu zählen die Migrationsgründe (Arbeit), die erste Generation von Migranten und deren Wohnsituationen und Diskriminierungen innerhalb der Wohnbereiche. Nach einer Beschreibung der Befragten, deren Wohnungen und der Darstellungen der Begegnungen folgt eine nähere Betrachtung der Transnationalisierung und des Habitus. Schwertel bewertet die Transnationalisierung als einen realen Teil der Lebensweise in Form eines individuellen Wechselns zwischen den verschiedenen Bezugsländern je nach kulturellen, politischen und wirtschaftlichen Bedürfnissen[15]. Nach Schwertl hilft der Habitus wie der Lebensstil den Menschen bei der Einordnung und Orientierung innerhalb der Lebenswelten. Dabei werden sowohl Habitus als auch Lebensstil von Klassenzugehörigkeit, Biographie und Kaptitalien geprägt. Und diese einzelnen Faktoren manifestieren sich im Habitus und beeinflussen wiederum das individuelle transnationale Handeln.[16] Im letzten Teil ging es um Identitäten, die durch die Wohnungen sichtbar wurden. Die Objekte und deren Kontexte konnten dabei nur über das Kennenlernen des Besitzers interpretiert werden.

Die Studie zeigte auf, dass Migration nicht zwingend Habitus, Praktiken und Identitätsinhalte beeinflusst, aber wesentlich Mobilität und multilokale/transnationale Vernetzungen verstärkte. Dabei wiesen zwar die Objekte auf lebenswichtige Bestandteile der Lebenswelten hin, sind aber nicht immer eindeutig formulierbar (vgl. Habitus und Transnationalisierung). Die eingehende Fragestellung beantwortete Maria Schwertl wie folgt: „Migration steht nur vermittelt mit dem Wohnen oder Habitus in Zusammenhang,... . Damit unterliegen Wohnungen von Deutsch-/ Türkinnen prinzipiell denselben Kräften, wie sie in der Spätmoderne auf alle Gesellschaftsmitglieder einwirken. Wohnungen deuten auf Verortungen hin und setzen Signale gegenüber dem (trans)nationalen Raum. Das macht sie zu Aktionsräumen und nicht zu Reaktionsräumen.“

Die zweite oben genannte Studie „Studentisches Lebensqualität und Lebensstile. Wohnen, Mobilität, Soziales, Freizeit und Berufschancen“ stammt aus der Soziologie und beschäftigt sich mit quantitativen Daten und städteplanerischen Verbesserungen, weshalb sie nur bedingt eine Vorbildfunktion für diese Arbeit einnimmt. Trotz alledem gibt sie einige Anregungen im Bereich der qualitativen Methodik zum Forschungsfeld des Wohnens.

Die Studie wurde ausschließlich in der Stadt Coburg verortet und sollte neben einer wissenschaftlichen Forschung einen aktiven Anteil zur Verbesserung der Sozialraumplanung beinhalten. Dabei wurden Fragen wie „Wie fühlen sich Studierende in Coburg? Welche Aspekte von Lebensqualität sind für sie wichtig? Wie können innerstädtische Lebensqualität und studentische Lebensstile miteinander korrespondieren? Was kann von verschiedenen Akteuren unternommen werden, um die Integration von Studierenden in die Coburger Innenstadt zu verstärken und sichtbar werden zu lassen?“[17] betrachtet. Dazu wurden in einer sogenannten Triangulation empirische Daten erhoben. Demnach wurden sowohl quantitativ als auch qualitativ Daten zum gleichen Fragenkontext beschafft. Die Fragen umfassten die Bereiche Wohnen, Mobilität, Soziales, Freizeit und Berufschancen. Im qualitativen Teil arbeiteten die Forschenden mit strukturierten und standardisierten Fragebögen, die sowohl offene als auch geschlossene Fragen beinhalteten, die teilweise mit Ratingskalen versehen wurden. Der qualitative Teil bestand aus leitfadengestützten Experteninterviews (Gastronomen, Studierende, Kulturschaffende, Stadtverantwortliche usw.), deren offen formulierte Fragen und Stichpunkte sich auf die vorher erhobenen Daten stützten. Außerdem wurden Verbesserungs- bzw. Veränderungsvorschläge erfragt. Darüberhinaus wurde anhand der quantitativen Daten eine Ausstellung unter dem Titel „10% Studentinnen und Studenten in Coburg“ erarbeitet, die als mobile Ausstellung in der Region tourt. Eine Perspektivenwerkstatt aus Fachleuten und Betroffenen kümmerte sich darum, die Verbesserungsvorschläge bezüglich der Missstände in der Stadt umzusetzen.

Im Bereich des Wohnens fragten die Soziologinnen im quantitativen Teil die Coburger Student*en*innen, wo und wie sie wohnen, und kamen zum Ergebnis, dass die meisten mit 31% alleine wohnten. Zwei weitere starke Gruppen bildeten die bei den Eltern wohnenden Personen mit 23,1% und mit 17,4% Personen, die in einer Wohngemeinschaft mit Bekannten und Freunden lebten.[18] Wiederum 35% gaben an, direkt in Coburg zu wohnen.[19] Im qualitativen Bereich kamen die Soziologinnen zu dem Ergebnis, dass das Wohnungsangebot in Coburg zwar ausreichend ist, aber schwer für Student*en*innen zugänglich und kaum finanzierbar. Außerdem sind Wohngemeinschaften nur begrenzt vorhanden.[20] Letztendlich wurden eine Vereinfachung der Wohnungssuche und Renovierungen von veralteten Wohnungsmöglichkeiten gefordert.[21]

Aus der Studie resultierte, dass Coburg in Bezug auf die studentischen Bedürfnisse einige Defizite aufwies. Es gab in den verschiedenen Bereichen zahlreiche Kritikpunkte (z.B. unpassendes Kulturangebot oder schwere Wohnungssuche) und Verbesserungsvorschläge. Im Großen und Ganzen sollte der gesamte Informationsfluss verbessert werden. Diesen Dingen nahm sich daraufhin eine Perspektivenwerkstatt an. Diese Studie geht im Gegensatz zu meiner Arbeit, die vornehmlich essentielle Bereiche des studentischen Lebensalltags (Wohnen, Mobilität, usw.) behandelt, mit ihrem Blick auf einen städteplanerischen Verbesserungsansatz weniger auf die individuellen Wohnsituationen und kulturellen, gestalterischen Eigenheiten des studentischen Wohnens ein, sondern versucht, eine umfangreiche Gesamterfassung der Lebenssituation von Studenten in Coburg zu erreichen.

1.2 Verständnisbegriffe und theoretische Zugänge:

1.3 Raum, Wohnen, Wohnkultur und Lebensstil

Da die Begriffe „Raum“, „Wohnen“/„Wohnkultur“ und „Lebensstil“ eine zentrale Rolle in der Wohnforschung spielen und in allen Forschungsarbeiten näher betrachtet werden, werden sie dieser Arbeit vorangestellt. Es folgen nun Definitionen, wie diese Begriffe beschrieben und verstanden werden können.

In Bezug auf die feministische Philosophin Elisabeth List schrieb Katschnig-Fasch Folgendes über den Raum-Begriff: „Der Raum bestimmt die Aneignungsmöglichkeiten menschlichen Handelns. Leiblichkeit und Räumlichkeit sind als Erfahrungsformen und Handlungsbedingungen daher wechselseitig aufeinander bezogen, weil die Grundaktivität der Leiblichkeit Bewegung ist, die den Raum gestaltet, und dieser bereits gestaltete und objektive Raum wiederum Bewegung und kulturelle Orientierung ermöglicht, vorgibt und oft genug begrenzt oder einschränkt.“[22] Demnach beeinflussen sich Raum und Mensch gegenseitig, indem beide sowohl Einschränkung als auch Inspiration für den jeweils anderen darstellen. Einem Raum können unterschiedliche Bedeutungen innewohnen. Katschnig-Fasch nennt drei Ebenen, die dem Raum als Form der Lebensumwelt anhaften: eine symbolische, eine emotionale und eine historische im Bezug auf soziales Handeln und Tradition. Außerdem nennt sie drei Aspekte der kulturellen Bedeutung von Raum (nach E.T. Hall), die durchaus wichtig für diese Arbeit sein werden: das „fixe“ (Haus, Wohnung), das „mobile“ (Möbel) und das „informelle“ (soziale Kommunikation) Muster. Diese Aspekte sollen auch im analytischen Teil der Arbeit zum Tragen kommen.

Raum ist demnach ein sehr ambivalenter Begriff, da er sowohl kulturelle Identität und Orientierung erzeugt, als auch durch kulturelle Praxis geformt wird. Im Blick auf den Bereich des Wohnens betrachten die Soziologinnen aus Coburg in ihrer Studie den „Sozialraum“ „aus der Perspektive von Untersuchungsgruppen, indem diese ihren Raum konstituieren und gleichzeitig erörtern, wie dieser Raum ihr Handeln beeinflusst.“[23] In dieser Arbeit wird daher der Raum ambivalent gesehen. Die Studenten haben einen bestimmten Wohnraum zur Verfügung, der ihnen sowohl sozial als auch architektonisch Vorgaben macht. Doch durch Aneignung und Gestaltung treten sie mit dem Raum in Aktion und beeinflussen diesen wiederum durch soziale und gestalterische Individualität.

Auch Maria Schwertl beschäftigt sich mit dem Wohnbegriff. Sie geht dabei von Objekten aus, die sowohl durch den Besitzer als auch durch gesellschaftliche Benutzung und Interpretation mit verschiedenen Bedeutungen aufgeladen sind. Als eines dieser Objekte ist auch die Wohnung anzusehen, die durch ein Wechselspiel mit den Bewohnern durch Aneignung und Prägung zu einer Positionierung im sozialen Raum beiträgt.[24] Dabei können verschiedene Kategorien für Objekte geformt werden, die durch persönliche und individuelle Zuschreibungen oder kulturelle Einteilungen gekennzeichnet sind (Reflexionsobjekte, Identitätsobjekte, Erinnerungsobjekte), ein Ansatz des Psychologen Tilmann Habermas.[25] Die Kulturwissenschaft beschreibt darüber hinaus die Wohnung als „Ich-Museum und psychisches Zuhause, sowie kulturell geprägt.“[26]

Schwertel erklärt dieses Konzept mit Hilfe des Kunstpädagogen Gert Selle. Er schreibt, dass eine Wohnung zum Ich-Museum wird, indem eine Person seine kulturelle, soziale und individuelle Biographie, die sich in der Wohnung manifestiert, persönlich gewichtet. Dadurch vollbringt diese Person eine Orientierungsleistung. Die im Raum sichtbaren, individuellen Erinnerungen stellen darüberhinaus auch das psychische und kulturelle Zuhause dar.[27]

Katschnig-Fasch schreibt außerdem dem Wohnraum eine Doppelfunktion zu, die zum einen als Schutz und zum anderen repräsentierte Inszenierung ist.[28] Damit fungiert die Wohnung als Schutzhülle und dient gleichzeitig als Möglichkeit zur Selbstverwirklichung und Selbstdarstellung des Bewohners bzw. der Bewohner.

Abschließend wird der Begriff „Lebensstil“ betrachtet, da er nach Sichtung des Forschungsmaterials ein wichtiger Begriff im Bereich des Wohnens ist. Auch hier sollen nochmals zwei wichtige Aussagen von Elisabeth Katschnig-Fasch im Fokus stehen.

Lebensstile sind „...auch als Artefakte des Alltagslebens zu erkennen, die die Totalität einer sinnvollen Alltagswelt zu erreichen versuchen und den einzelnen eine kulturelle Identität als definiertes „Ich“ einer Gruppe, wie dies Greverus ausdrückt, zu geben versprechen.“[29] Die Gleichsetzung von Lebensstilen mit Artefakten geht auf die Volkskundlerin Ina-Maria Greverus zurück, die Lebensstile als Teil eines Prozesses der individuellen Identitätssuche ansieht. Sie sind Produkte der menschlichen Gestaltung von Identität mit der Funktion, die Kultur- und Kompetenzfähigkeit beizubehalten.[30] Somit dienen Lebensstile als Orientierung, bieten Sicherheit und erfüllen das humane Streben nach Gruppenzugehörigkeit. Damit sind Lebensstile im übertragenen Sinne Artefakte, zwar nicht von Menschen geschaffene Gegenstände, aber Produkte menschlichen (kulturellen) Handelns. Nach dieser Erläuterung, wie und wo Lebensstile entstehen, folgt nun die inhaltliche Bedeutung: „In den Lebensstilen bringen die Menschen ihre jeweiligen Verhältnisse von Leiblichkeit und Raum zur unbewussten Darstellung – als kulturelles Produkt der industriellen, der bürokratisierten und verwalteten Gesellschaft.“[31] Damit wird wieder ein Bogen zum Beginn dieses Punktes gespannt, da Lebensstile Visualisierungen bzw. Sichtbarmachungen des individuellen Umgangs mit der Ambivalenz von Raum sind, und zwar in der Art und Weise, wie das Individuum seinen Raum gestaltet und durch ihn beeinflusst wird unter Berücksichtigung von gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Normen.

Zuletzt darf auch bei einer Analyse nicht vernachlässigt werden, dass der Lebensstil bzw. die Wohnsituation auch unter dem Gesichtspunkt des privaten und des repräsentativen Raumes betrachtet werden, da es hierbei zu Einschränkungen, aber auch Chancen kommen kann. So gibt es nämlich häufig ausschließlich zu gesellschaftlichen Zwecken genutzte Räume, die bestimmte individuelle repräsentative Zwecke verfolgen und Ausdruck eines bestimmten Lebensstils sein können.

Doch auf Grund der Raumverfügbarkeit im studentischen Wohnrahmen kann es dort womöglich zu neuen Strategien kommen, um einen Lebensstil, Individualität/Persönlichkeit oder konkrete Objekte gezielt darzustellen. Die Student*en*innen müssen in ihrer Einrichtungsweise auf einen begrenzten, verfügbaren Raum zurückgreifen. Die Datenerhebung wird zeigen, inwiefern den Wohnungen ein persönlicher „Touch“ gegeben wird oder die Einrichtung vielleicht keine individuelle Aussagekraft besitzt.

1.4 Methodischer Zugriff

Zur Datenerhebung wird in dieser Arbeit sowohl das Interviews als auch die Teilnehmende Beobachtung verwendet werden. Da es sich hier um eine mikroanalytische Fallstudie handelt, werden sechs Student*en*innen miteinbezogen, von denen je zwei in einem Wohnheim, einer Wohngemeinschaft oder bei den Eltern wohnen. Da diese sechs Personen mir unbekannt sein sollten, habe ich eine Annonce in der Facebook-Gruppe „Eichstätter Kleinanzeigen“ eingestellt und sechs Freiwillige finden können. Während der Befragungen wurde ich von einer Probandin, die bei den Eltern wohnt, mehrfach versetzt. Über Studienkollegen konnte ich einen anderen geeigneten Probanden finden, der diese ersetzte.

Bei der Durchführung der Interviews sollen die Überlegungen von Brigitta Schmidt-Lauber, die sie unter dem Titel „Das quantitative Interview oder: Die Kunst des Reden-Lassens“ veröffentlicht hat, als Vorbild dienen. So definiert sie: „Ein Interview ist ein planmäßig wissenschaftliches Vorgehen, bei dem Gesprächspartner durch Erzählstimuli oder gezielte Fragen zu verbalen Äußerungen veranlaßt werden.“[32] Vorbereitend für die konkreten Interwiews dienten Vorgespräche, damit einerseits persönliche Daten (Name, Geburtstag, Studienfach, Wohnsituation, usw.) abgeklärt werden konnten und andererseits die Möglichkeit für ein kurzes Kennenlernen bestand. Vor allem, da ich als fremde Person in das private Umfeld der Personen eindringen sollte, wurde dadurch eine vertrautere Atmosphäre geschaffen. Außerdem wurden bei den Vortreffen individuelle Termine für die Wohnungsbesichtigungen vereinbart. Bei den Besichtigungen diente das Leitfadeninterview, also ein vorgefertigter Fragebogen mit Stichpunkten zum Thema als Interviewmethode. Der Leitfaden wurde in Form eines vorher angefertigten Fragenkatalogs festgelegt. Besonders durch offen gestellte Fragen sollten die Student*en*innen zum Erzählen angeregt werden. Dabei wurde trotzdem auch spontanen Themen oder Nachfragen zu Objekten in der Wohnung im Gesprächsverlauf Platz gegeben. Die Gespräche wurden durch ein Aufnahmegerät mitgeschnitten. Die Wohnungsbesichtigungen fanden in Form einer Teilnehmenden Beobachtung statt. Ich bat die Student*en*innen um eine Wohnungsführung, bei der auch Fotographien für die spätere Nachvollziehbarkeit entstanden. Dabei war es eine neue Aufgabe für mich selbst, meine eigene Position zu reflektieren, da ich als Studentin aus Eichstätt auch Teil des Beobachtungsfeldes bin und selbst Wohnerfahrungen im Wohnheim und in Wohngemeinschaften habe. Damit musste ich mir immer wieder meinen persönlichen hermeneutischen Zirkel bewusst machen. Außerdem sollte der Forscher laut Siegfried Lamnek primär Teilnehmer sein und sekundär Beobachter[33]. Was für meine Arbeit hieß, mich möglichst als Studentin/Bekannte zu verhalten und weniger als Interviewer und Begutachter. Formal wurden daher Reflexionen und Gesprächsprotokolle (Interaktion, Stimmung, Sympathie) in die Erhebung eingebaut. Ich versuchte, in einer mikroanalytischen Dimension eine Lebensweltanalyse durchzuführen, die nach Anna Honer folgendermaßen definiert wird: „Ethnographische Lebensweltanalyse, die Verbindung von Teilnahme und Beobachtung, von Hermeneutik und Phänomenologie, besteht – im Kern – erstens darin, dass möglichst viele und vielfältige aktuelle und sedimentierte Äußerungs- und Vollzugsformen einer zu rekonstruierenden (Teil-)Wirklichkeit erfasst und interpretativ verfügbar gemacht werden, und zweites darin, dass die <Innensicht> des normalen Teilnehmers an einem gesellschaftlich-kulturellen Geschehen wenigstens annäherungsweise verstanden und nachvollzogen wird.“[34] Durch die Antworten und persönlichen Einschätzung konnten die individuellen Ansichten und Erfahrungen, die für eine Lebensweltanalyse wichtig sind, gewonnen werden. Somit schloss automatisch an die praktische Datenerhebung die Auswertung und Analyse dieser Daten an. Denn Ziel dieser Arbeit war es, ausgehend von den qualitativen Erhebungen durch deren Interpretation auf nachvollziehbare Antworten und möglicherweise theoretische Feststellungen in Bezug auf die Fragestellungen zu gelangen.

Die Auswertung des Materials wurde in einzelne Schritte gegliedert: erstens Sichtung der erhobenen Daten, zweitens Erarbeitung von Kategorien, die sich nach der Erhebung ergaben, und Charakteristika anhand der Daten, drittens Einordnen des Materials und viertens Interpretation, Beantwortung der Fragen und theoretische Überlegungen. Die Kategorien wurden einerseits in das Wohnen (Raumverfügbarkeit, -funktionen, -gestaltung) und andererseits in das Sozialleben (Aktivitäten, Personen, Lokalitäten) gesplittet.

Abschließend wird ein Gesamtresümee über die Studie, die erhobenen Daten und die theoretischen Schlussfolgerungen gezogen.

1.5 Fragestellung

Diese Bachelorarbeit steht unter dem Titel „Formen des Wohnens und soziales Leben von Studenten in Eichstätt - Eine mikroanalytische Studie“. Ziel dieser Arbeit ist die Beantwortung der Frage, wie Student*en*innen in Eichstätt wohnen und ob deren Wohnsituationen Einfluss auf deren Sozialleben haben. Unter dem Aspekt der Aneignung, Nutzung und Gestaltung von Wohnraum wurden folgende Fragen betrachtet: Welche Raumstrukturen stehen zur Verfügung und wie werden diese genutzt? Wie wird der verfügbare Raum eingerichtet und möglicherweise unterteilt? Und welche Funktionen werden den verschiedenen Raumteilen zugeordnet? Gibt es Parallelen innerhalb der gleichen Wohnform bzw. bei allen Wohnformen?

Auch einzelne Objekte, die hervorstechen oder von bestimmter Bedeutung für die Bewohner sind, sollten im Blick auf Symbolik, emotionale Zuschreibungen und historische Bewertungen hervorgehoben werden.

Außerdem wurde unter dem Aspekt des Lebensstils bzw. der Lebensgestaltung nach Verknüpfungen zwischen Wohnform und sozialem Leben gesucht: Existieren Freundschaften und Treffpunkte innerhalb der Wohnung? Begeben sich Studenten, die alleine wohnen, mehr oder weniger an öffentliche Orte, bzw. beteiligen sich an mehr oder weniger Freizeitaktivitäten? Ist es bei Studenten in gemeinschaftlichen Wohnsituationen anders? Gibt es bevorzugte Aktivitäten, bzw. freizeitgestaltende Überschneidungen innerhalb einer Wohnform?

Gibt es eine Parallele zwischen der Wohnform und dem Drang der Befragten wegzufahren (Urlaub, Heimat)?

Abschließend dienten weitere Fragen dem Versuch, die individuell empfundene (Teil-)Wirklichkeit der Befragten zu rekonstruieren und nachvollziehbar aufzuarbeiten (vgl. Lebensweltanalyse, Anna Honer): Wie schätzen die Bewohner ihre persönliche Wohnsituation ein und wie bewerten sie ihr individuelles Sozialleben?

3 Vorstellung der Studienteilnehmer und deren Wohnsituationen

Im Folgenden werden die Probanden, die sich für die Studie zur Verfügung gestellt haben, vorgestellt. Dabei wird auf deren Alter, Studienfach und Wohnsituation eingegangen.[35]

3.1 C.

C. ist 22 Jahre alt, männlich und studiert Mathematik und Latein für das gymnasiale Lehramt. Er wohnt aktuell bei seinen Eltern. Sein Elternhaus befindet sich 15 Fahrminuten mit dem Auto außerhalb von Eichstätt, weshalb er täglich mit seinem eigenen Auto pendelt. Er wohnt dort von Geburt an. C. lebt dort mit Mutter, Vater und seinem Bruder, der aber unter der Woche nicht zu Hause ist. Er hat ein ca. 15 Quadratmeter großes Zimmer. Für den Lebensunterhalt sorgen die Eltern von C. Dennoch geht dieser regelmäßig in den Semesterfeien zum Arbeiten, da er für eigenes Benzin und persönliche Freizeitaktivitäten selbst aufkommt.

3.2 E.

Der 21-jährige E. ist männlich und studiert gymnasiales Lehramt Plus mit Germanistik und Anglistik. Er wohnt mehrere Kilometer von Eichstätt entfernt mit seinen Eltern und seinem Bruder, der nur am Wochenende und in den Ferien zu Hause ist, zusammen. Sein eigenes Zimmer misst ungefähr neun Quadratmeter. Auf Grund der Entfernung muss E. zur Universität mit dem Zug pendeln und einen Weg von über einer Stunde auf sich nehmen, der außerdem ein bis zwei Umstiege beinhaltet. Er wohnt dort mit seiner Familie schon 18 Jahre. Finanziert wird er hauptsächlich von seinen Eltern, allerdings jobbt er nebenbei an seinem Lehrstuhl.

3.3 I.

Im Wohnheim „Freiwasser“, das sich etwas außerhalb der Eichstätter Innenstadt befindet, ist die 21-jährige, weibliche I. zu Hause. Sie studiert Geschichte und Anglistik für Lehramt Gymnasium. Sie wohnt alleine in einer Wohnheimwohnung, die ca. 27 Quadratmeter groß ist. In ihrem Zimmer, das aus zwei Etagen und einem Balkon besteht, befinden sich außerdem eine Küchenzeile und ein Bad. Sie ist in zehn Minuten mit dem Fahrrad an der Universität. In dieser Wohnung wohnt sie nun seit drei Monaten, wobei sie vorher eine ältere Wohnung im selben Wohnheimkomplex besaß. Sie lebt vom Unterhalt ihrer Eltern und versucht durch einen Nebenjob ihr Budget etwas aufzubessern.

3.4 F.

F. wohnt im Wohnheim „Schottenau“ in der Nähe des Gewerbegebiets von Eichstätt. Sie ist 21 Jahre alt, weiblich und studiert Angewandte Musikwissenschaft und Musikpädagogik. In ihrem Wohnheimzimmer gibt es eine Küchenzeile, ein Bad und einen Balkon. Das Zimmer ist ungefähr 20 Quadratmeter groß. Zu Fuß benötigt sie lediglich fünf Minuten zur Universität. Finanziert wird F. von ihren Eltern. Das monatliche Budget bessert sie durch Ferienjobs auf.

3.5 J.

Die 21-jährige, weibliche J. lebt mit zwei anderen Personen in einer Wohngemeinschaft (WG) mit zwei anderen Personen, die ungefähr zehn Minuten zu Fuß von der Universität entfernt ist. Als Studienfach hat sie „Bildung und Erziehung in Kindheit und Jugend“ gewählt. In dem 23 Quadratmeter großen Zimmer lebt J. seit ungefähr fünf Monaten. Neben der finanziellen Unterstützung ihrer Eltern erhält J. durch einen Ferienjob in der Firma ihres Vaters zusätzlich Geld.

3.6 B.

B. ist 23 Jahre alt und weiblich und studiert den Master „Tourismus und Regionalplanung“. B. wohnt mit einer achtmonatigen Unterbrechung im Jahr 2014 wegen eines Auslandssemesters seit August 2011 in ihrer Wohnung. Es handelt sich dabei um eine Wohngemeinschaft mit vier weiteren, wechselnden Bewohnern, die sowohl männlich als auch weiblich sind. Die WG liegt in zentraler Lage in Eichstätt und ist fünf Gehminuten von der Universität entfernt. Ihr Zimmer ist ungefähr 15 Quadratmeter groß. Durch Nebenjobs während und zwischen den Semestern bessert sie ihr Budget auf. Für den Unterhalt kommen außerdem ihre Patentante, ihr Vater und ihre Oma (bis vor kurzem) auf.

4 Analyse des erhobenen Materials

Im folgenden Abschnitt werden alle erhobenen Daten (Interviews und Fotographien der besichtigten Wohnungen) unter verschiedenen Gesichtspunkten betrachtet, analysiert und zusammengefasst. Die Analysemerkmale sollen ein umfassendes Spektrum im Bereich des Wohnens und des Freizeitverhaltens der Studienteilnehmer aufgreifen, um eine realitätsgetreuen Darstellung zu gewährleisten. Begonnen wird mit den Erhebungen im Rahmen der Wohnsituation mit Blick auf Raumverfügbarkeit, Einrichtung und Raumfunktionen. In einem weiteren Schritt wird das Sozialleben näher betrachtet. Dazu gehören Angaben zu Freizeitgestaltung, Freundeskreisen, Tätigkeiten außerhalb der Wohnung, usw. In beiden Schwerpunkten werden auch noch persönliche Beurteilungen der Befragten miteinbezogen, um deren individuelle Sichtweisen nachvollziehen zu können.

4.1 Erhebungen bezüglich der Wohnsituation: Raumstrukturen, Einrichtung, Funktionen

4.1.1 Fixe Merkmale

Unter fixen Merkmalen werden hier vornehmlich festgegebene Raumbegrenzungen, wie Zimmergröße, Zimmerschnitt und Wohnungsaufbau, verstanden. Die Zimmergrößen der Studienteilnehmer betragen zwischen neun (vgl. E.) und 23 Quadratmetern (vgl. J.). Die bei den Eltern wohnenden E. und C. besitzen ein Zimmer jeweils im ersten Stock eines Ein-Familien-Hauses. Separat von den Zimmern befinden sich Badezimmer, Küche und andere Wohnräume. E. besitzt das kleinste Zimmer innerhalb dieser Studie mit einer Dachschräge, die ihn bei der Einrichtung beeinflusst: „Ja, hat mich sicher eingeschränkt, aber ich habe öfter mal, also ich glaub mit sechzehn oder so, habe ich das letzte Mal Schränke gerückt. Dann ist mir, dann musste ich halt auch gucken, du kriegst halt hier auch nur so’n kleinen hier die Ecke. Klar mit so`ner Dachschräge, aber manchmal fühle ich mich auch beengt.“[36] C. besitzt ein etwas größeres, rechteckiges Zimmer (rund 15 Quadratmeter) mit einem Balkon. Dennoch würde er sich ein größeres Zimmer wünschen. Auf die Frage, was er verbessern würde, antwortete er: „Mmh, vielleicht ein bisschen ein größeres Zimmer,...“[37] Beide haben dennoch die Möglichkeit ihr Zimmer zu verlassen und sich im Rest des Hauses besonders in den gemeinschaftlich bzw. in diesem Fall familiär genutzten Räumen aufzuhalten. Darunter verstehen die Befragten hauptsächlich das Wohnzimmer und Esszimmer. So beschreibt E.: „Das wär jetzt die Küche, zum Essen oft genutzt. Wir essen aber auch ab und zu im Wohnzimmer. Ähm, und das ist auch der Gemeinschaftsraum eigentlich hauptsächlich.“[38] Und C. erklärt: „Ja doch, also Wohnzimmer auf alle Fälle und ja, Esszimmer auch. Ja, wenn du den Wintergarten noch als Raum siehst unten, dann der auch.“[39] Darüber hinaus fügt E. einen für ihn wichtigen Aspekt hinzu: „Und ich hab halt jederzeit die Möglichkeit, sobald’s zu eng wird, geh ich halt raus. Im Haus, im Wohnzimmer, `ne. Da ist der Platz da.“[40] Damit steht E. und C. durch die Freizügigkeit des elterlichen Hauses am meisten Wohnfläche zur Verfügung, auch wenn deren Zimmer zu den kleineren der Studie zählen. Die Raumstrukturen der Wohngemeinschaften sehen ähnlich aus, da auch hier neben den persönlichen Zimmern gemeinschaftlich genutzte Räumlichkeiten innerhalb der Wohnung zur Verfügung stehen. B. besitzt ein Zimmer mit rund 15 Quadratmetern, das sie selbst als verwinkelt bezeichnet: „Und mein Zimmer, das ist eigentlich genau so verwinkelt, weil es auch viele kleine Ecken hat.“[41] Die Wohnung besitzt des Weiteren ein WC, ein Bad, eine Küche und einen Gang, die gemeinschaftlich genutzt werden. Vornehmlich wird jedoch die Küche als Aufenthaltsort genutzt: „Und ansonsten haben wir als einzigen Aufenthaltsraum die Küche. Aber dadurch, dass wir die Eckbank und den großen Tisch haben, ist es auch ja relativ gemütlich. Und hier ist eigentlich, wenn wir uns treffen, dann hier. Und nicht in privaten Zimmern. Eher weniger.“[42] Die Wohnung im Generellen beurteilt sie als groß und vermittelt Zufriedenheit: „Mmh, die Wohnung ist ziemlich verwinkelt. Also sie ist auf jeden Fall ziemlich groß. Es gibt viele Ecken, ja wie gesagt, viele Winkel. Es gibt viele. Die Zimmer sind eigentlich ganz cool. Eigentlich bis auf die zwei kleinen alle relativ gleich groß. Der Flur ist bisschen dunkel, aber die Zimmer sind eigentlich ganz hell, weil wir sehr große Fenster haben.“[43] J. hingegen besitzt ein wesentlich größeres Zimmer (23 Quadratmeter) und außerdem ein gemeinschaftlich genutztes Bad und einen Vorraum, der als Abstellkammer für alle Bewohnern dient. Diese Räume werden aber nicht für gemeinschaftliche Aktivitäten genutzt: „Mmh, nur das Bad an sich. Also den Vorraum benutz ich nicht.“[44] Die Wohnungsaufteilung bei J. und ihren Mitbewohnern ist wesentlich separierter als bei B., da außer dem Bad kein Zimmer von allen genutzt wird. Besonders durch die getrennten Kochmöglichkeiten fehlt ein Treffpunkt, der im Vergleich dazu bei B. stark genützt wird. J. beschreibt: „Wir ham des Zimmer des anderen Pärchens da drüber, des ist ein bisschen größer wie meins eben. Und wir haben des Bad gegenüber von meinem Zimmer, des wir eben gemeinsam teilen. Und in meinem Zimmer, des ist relativ groß. Ich hab eben meinen Schrank, ich hab meine eigene Küche herüben und ja.“[45] Grundsätzlich beurteilt J. ihr Zimmer als für studentische Verhältnisse überdurchschnittlich groß: „Ähm, besonders beeinflusst hat mich vor allem, dass der Raum an sich für ein Studentenzimmer sehr groß ist. Und ich dann sehr viel Platz hab,...“[46]. Einen größeren Unterschied zu den genannten Wohnformen macht das Wohnen in einem Wohnheim hinsichtlich der Raumstruktur, da sich hier Zimmer, Bad und Küche auf einen viel engeren Raum befinden. Innerhalb von rund 20 Quadratmetern sind bei I. und F. grundlegende Wohnungselemente, Schlaf- und Arbeitsbereich zu finden. Beide leben in unterschiedlichen Wohnheimen in Apartments mit einem unterschiedlichen Raumaufbau. I. schildert: „Ähm, zwei Etagen hat sie, unten ist ein Schlauch, ähm, der Schlauch ist durch das Badezimmer geteilt. Sodass man vorne beim Eingangsbereich die Küche hat und hinten den Wohn-/Arbeitsbereich und dann geht noch `ne Treppe hoch, überhalb eigentlich des Badezimmers ist eine nochmal `ne ungefähr sieben Quadratmeter große Fläche und dort ist dann eben Bett und so was, Schlafbereich.“[47] Und F. skizziert: „Also das Zimmer ist sagen wir mal schlauchförmig aufgebaut, also eher länglich und nicht so quadratisch, was ein bisschen unpraktisch ist, wegen Platz, weil auch viele Möbel hier drinnen stehen. Deswegen hier wenig eigene Sachen ich hier reinstellen kann. Und ansonsten ist ein kleines Bad dabei, das reicht mir eigentlich. Und `ne kleine Kochzeile. Es ist leider kein Ofen dabei, das muss man sagen. Das ist wieder ein bisschen negativ. Aber ansonsten, kleiner Balkon ist noch dabei.“[48] Somit haben beide Wohnungen gemeinsam, dass sie schlauchförmige Abschnitte formen und eine Küchenzeile, ein kleines Bad mit Dusche und einen Balkon beinhalten. I. besitzt noch eine zweite Etage und trennt dadurch Schlaf- und Alltagsbereich. Außerdem handelt es sich hierbei um ein unmöbliertes Zimmer, was größere Freiheiten zulässt. F. hingegen muss in einem wesentlich engeren Raum leben, der durch die feste Möblierung wenige Optionen zulässt. Beide Wohnheime besitzen zusätzlich Waschräume und Räumlichkeiten für gemeinschaftliche Nutzung. Dabei handelt es sich um jeweils einen Partykeller und bei I. um eine zusätzliche Dachterrasse[49].

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[1] Ikea Werbeslogan

[2] Katschnig-Fasch, Elisabeth: Möblierter Sinn. Städtische Wohn- und Lebensstile. Wien, 1998. S. 17

[3] Ebd., S. 23

[4] Nach Ebd., S. 392

[5] Nach Ebd., S. 393

[6] Nach Häußermann, Hartmut; Siebel, Walter: Soziologie des Wohnens. Eine Einführung in Wandel und Ausdifferenzierung des Wohnens. Weinheim und München, 1996. S. 12f.

[7] Ebd., S. 16

[8] Ebd., S. 19

[9] Folgender Abschnitt wird definiert nach Häußermann, Hartmut; Siebel, Walter: Soziologie des Wohnens. Eine Einführung in Wandel und Ausdifferenzierung des Wohnens. Weinheim und München, 1996. S. 44-58

[10] Schwertl, Maria: Wohnen als Verortung. Identifikationsobjekte in deutsch-/türkischen Wohnungen. München, 2010, S. 13

[11] zitiert nach Ebd., S. 16

[12] Nach Ebd., S. 22

[13] Nach Ebd., S.23

[14] Nach Ebd., S. 23

[15] Nach Ebd., S 52f.

[16] Nach Ebd., S. 55f.

[17] Amiani, Sylvia I.L.; Schwamb, Nicole; Hammer, Veronika: Studentische Lebensqualität und Lebensstile: Wohnen, Mobilität, Soziales, Freizeit und Berufschancen. Wiesbaden, 2011, S.16

[17] nach Schwertl, Maria: Wohnen als Verortung. Identifikationsobjekte in deutsch-/türkischen Wohnungen. München, 2010, S. 23

[18] Nach Ebd., S. 40

[19] Nach Ebd., S. 41

[20] Nach Ebd., S. 98f.

[21] Nach Ebd., S 100

[22] Katschnig-Fasch, Elisabeth: Möblierter Sinn. Städtische Wohn- und Lebensstile. Wien, 1998. S. 76

[23] Amiani, Sylvia I.L.; Schwamb, Nicole; Hammer, Veronika: Studentische Lebensqualität und Lebensstile: Wohnen, Mobilität, Soziales, Freizeit und Berufschancen. Wiesbaden, 2011, S.16

[24] nach Schwertl, Maria: Wohnen als Verortung. Identifikationsobjekte in deutsch-/türkischen Wohnungen. München, 2010, S. 16

[25] Nach Ebd., S. 14

[26] Ebd., S. 20f.

[27] Nach Ebd., S. 20f.

[28] Nach Katschnig-Fasch, Elisabeth: Möblierter Sinn. Städtische Wohn- und Lebensstile. Wien, 1998. S. 18

[29] Ebd., S. 80f.

[30] Nach Ebd., S. 80

[31] Ebd., S. 81

[32] Schmidt-Lauber: Das quantitative Interview oder: Die Kunst des Reden-Lassens. In: Göttsch, Silke; Lehmann, Albrecht (Hg.): Methoden der Volkskunde : Positionen, Quellen, Arbeitsweisen der Europäischen Ethnologie. Berlin. 2007. S. 173

[33] Nach Lamnek, Siegfried: Qualitative Sozialforschung. Lehrbuch. Beltz. 2010. S.583

[34] Honer, Anne: Lebensweltanalyse in der Ethnographie. In: Flick, Uwe, von Kardorff, Ernst; Steinke, Ines: Qualitative Forschung. Ein Handbuch. Hamburg. 2013. S. 201f.

[35] Daten stammen aus den Vorgesprächen und Interviews

[36] Interview E., S. 2

[37] Interview C., S.27

[38] Interview E., S.1

[39] Interview C., S. 26

[40] Interview E., S. 2

[41] Interview B., S. 20

[42] Ebd., S. 20f.

[43] Ebd. S.20

[44] Interview J., S. 12

[45] Ebd., S. 12

[46] Ebd., S. 13

[47] Interview I., S. 8

[48] Interview F., S.16

[49] Vgl. Interview I., S. 8

Ende der Leseprobe aus 41 Seiten

Details

Titel
Formen des Wohnens und soziales Leben von Studenten in Eichstätt. Eine mikroanalytische Fallstudie
Hochschule
Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt
Note
2,0
Autor
Jahr
2015
Seiten
41
Katalognummer
V388897
ISBN (eBook)
9783668638587
ISBN (Buch)
9783668638594
Dateigröße
756 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Studenten, Wohnen, Mikroanalyse, Eichstätt, Soziales Leben, Studium
Arbeit zitieren
Laura Knieling (Autor), 2015, Formen des Wohnens und soziales Leben von Studenten in Eichstätt. Eine mikroanalytische Fallstudie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/388897

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